Hüben und drüben der Grenze

Über Helvetismus, schweizerische Identität und deutsche Literatur habe ich hüben wie drüben schon oft diskutiert. Auch über Sprache und Anpassung, über nationale Identität und ihre Klischees.
Eben habe ich auf dem Blog der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser einen genialen Artikel mit viel Weisheit und ebenso viel Schmunzelpotential gelesen.

Kennen Sie den? Zwei Schweizer Schriftsteller betreten eine Bar und…. OK, nicht realistisch. Also, zwei Schweizer Schriftsteller treffen sich auf der Buchmesse oder an einem Literaturfestival. Und wie es unter Berufskollegen üblich ist, klopfen sie sich gegenseitig ab: „Wie läuft’s denn so“, fragen sie. „Mit deinem neuen Roman? Die Kritiken sind ja nicht so… Und bei dir?“
Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Auch wir spielen dieses Spiel. Nur mit anderen Symbolen. Die entscheidende Frage für einen Schweizer Schriftteller ist nicht die nach den Verkaufszahlen. Wir Schweizer reden nicht gern über Geld. Die wichtigste Frage ist die Frage nach Deutschland. Wie läuft es in Deutschland? Kennt man dich in Deutschland? Machst du Lesungen in Deutschland?
Jeder Schweizer Schriftsteller wünscht sich einen deutschen Verlag, Rezensionen in deutschen Zeitschriften. Natürlich auch, weil es einfach sehr viel mehr Deutsche gibt als Deutschschweizer, potentielle Leser, Buchkäufer. Auch, aber nicht nur. Bei Weitem nicht nur.
Es geht tiefer. Es ist komplizierter.
„Sie sprechen aber ein schönes und leicht verständliches Schwyzertüütsch“, lobte mich der Taxifahrer auf dem Weg hierher. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben, das zu sprechen, was wir „hochdeutsch“ nennen, „richtiges“ Deutsch. Auch jetzt: Ich gebe mir alle Mühe!

Quelle: Milena Moser: Wer bin ich und wenn ja, warum? (hier klicken)

Zwiebelrituale und andere Geheimnisse

Du sitzst am Tisch und schnippelst Zwiebeln. Fast immer, wenn wir zusammen kochen, schnippelst du die Zwiebeln. Lass es uns Zwiebelritual nennen. Jetzt. Hier. Du sucht dir dazu immer das größte Schneidebrett und setzest dich zum Schnippeln hin, während ich gerne im Stehen schnipple. Ich stehe dazu am liebsten neben der Spüle. Ich mag diese Ecke. Da bin ich nahe an allem wichtigen dran: am Wasser, am Feuer. Während ich mich um das Putzen und Zerkleinern des Lauchs kümmere, stehst du bereits hinter mir, am Herd, und schaufelst die Zwiebeln in den Topf, den ich auf die Herdplatte gestellt und mit Olivenöl beträufelt habe. Auf deinem Brett liegen noch eine zerkleinerte Tomate und eine geschnippelte Paprika. Ich reiche dir mein Schneidebrett mit den Lauchstücken und bekomme es gleich wieder leer zurück um mich an die Zucchini zu machen. So jedenfalls mein Plan. Doch das halbe Weißkohlstück, das ich zum Waschen neben die Spüle gelegt habe, kapert meine Aufmerksamkeit und lässt mich die grüne Stange vergessen.
Wie klingt Krautsalat?, frage ich dich, der du hochkonzentriert das Gemüse würzst.
Lecker! Gute Idee!
Hm, ich habe aber keine Weinbeeren mehr. Was meinst du – wir könnten ja zerkleinerte Datteln reinschnippeln?
Mjam, das probieren wir. Und eine Orange, wie du neulich mal gesagt hast?
Au ja, so machen wirs!
Ähm, die Zucchini? Gell, die soll auch in die Sauce rein?

Hin und her spülen unsere Worte. Und wir mit ihnen. Wie ein Tanz, der sich, einmal gelernt, immer und überall tanzen lässt. Wir sind die Töne. Wir sind die Notenlinien. Wir sind die Instrumente. Und wir sind die, die unser Liebeslied komponieren. Ton für Ton.
Während die Spaghetti munter vor sich hin blubbern, schmeckst du bereits die Salatsauce ab – immer ist bei dir ein bisschen Honig mit im Spiel. Mehr verrate ich aber hier nicht. Auch das ein Ritual, ein Teil unseres Tanzes, denn deine Saucen sind ein Tanz für die Sinne. Und dass es als letzte gemeinsame Mahlzeit vor unsern jeweiligen räumlich-zeitlichen Trennungen meistens Spaghetti gibt, ist ebenfalls Teil unseres Küchentanzes.
Später, am Auto, der Abschied. Schon wieder. Viel zu kurz die gemeinsame Zeit. Sage ich. Seufze ich. Und bin unaussprechlich dankbar für all die schönen Augenblicke.
Heute an der Aare. Sonne im Gesicht. Glitzernder Fluss, der mit seinen Strömungen wunderbare, vergängliche Kunst schafft, die es so nie mehr geben wird. Die drei gefundenen Caches. Egal, dass wir den einen am Schluss nicht gefunden haben. Hinterher, zuhause, die heiße Schokolade.


Ich erzähle dir, wie wir als Kinder am Abend zur Milchi spaziert oder geradelt sind. Wie wir dort, in der Bauernzentrale, offene Milch kauften – noch lauwarm, frisch ab Kuh sozusagen, mit dem Litermass aus dem großen Bottich geschöpft. Oder tagsüber im Dorfladen, offen, ab Milchzapfstation. Ich sehe den Milchkessel am Radlenker baumeln. Wie oft wir wohl gestürzt sind und die Milch verschüttet haben? Die weiße Pfütze auf der Straße, von Regengüssen und Hundezungen bald weggeleckt.
Ich erzähle dir, wie unsere Mutter abends die Milch im größten Topf gekocht hat und wir Kinder sie hüten mussten. Eins der wenigen Ämtli, die wir neben dem Einkaufen zu erledigen hatten. Nicht zu früh durften wir den Herd ausschalten, aber auch nicht zu spät, natürlich nicht, sonst lief die Milch ja über. Der richtige Moment war, wenn sie schäumte und langsam stieg.
Sie leiht scho d’Schueh a, nannte ich das, und stellte mir dabei tatsächlich einen sich Schuhe anziehenden Milchtopf vor.
Überlaufen tat sie ziemlich oft, mit offenen Schuhbändeln noch, sozusagen, mitten auf den Herd. Weißer See mit schwarzen Inseln. Bei meinem Bruder tat sie es am häufigsten. Verbrannte Milch auf Herdplatte – ein Geruch nach Kindheit. Und ich sehe mich, wie ich mit einem Suppenlöffel die Milch auf dem Herd in eine Tasse schöpfe. Kostbares Gut! Täglich vearbeitete unsere Mutter die abgekochte Milch zu Natur-Joghurt, das am Morgen stichfest ins Frühstücksmüesli gelöffelt wurde. Jeden Tag verbrauchten wir drei Liter Milch. Der Liter, ich erinnere mich, kostete, als ich noch klein war, aber schon einkaufen und rechnen konnte, weniger als einen Franken. Wir bekamen nämlich immer einen goldenen Zweiräppler pro Liter zurück, wenn wir bei Herrn G. in der Milchi mit drei Franken zahlten. Später stieg der Preis. Wie bei allem. Und heute, ich gestehe es, weiß ich nicht mehr, was ein Liter Milch kostet.
Wir stehen auf dem Parkplatz neben dem Haus. Das Auto ist beladen. Letzte Worte. Letzte Küsse. Ich winke, bis die Rücklichter um die Ecke verschwunden sind. Rücklichter, die verschluckt werden, wird es immer geben. Aber auch Scheinwerfer, die auf mich zukommen. Und neue Umarmungen. Und immer wieder neue und vertraute Tanzschritte mitten in der Küche.
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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).

The Days after

Zugegeben, die letzten Tage war ich ein wenig neben der Spur. Schuld daran war sicher das Patent Ochsner-Konzert am Freitagabend im Bierhübeli Bern. Ein wunderbares und sehr beglückendes Erlebnis, das ich um keinen Preis missen möchte. Wie wir zu viert ganz oben auf der Galerie standen und bei den Songs mitrockten, die umwerfende Erkenntnis:
Hey! Ich bin rundum glücklich. Hier mit Irgendlink, T. und R. zu sein ist einfach nur und  total schön!
Zuvor waren wir zwei noch an unserm geliebten Glasbrunnen im Bremgartenwald gewesen. Bereits unterwegs zum Bierhübeli, kam der Anruf meiner Ticketkäuferin. Sie sagte, wo sie mich erwarte. Somit hat auch dieser Teil des Abends super geklappt.

Patent Ochsner im Bierhuebeli_by Irgendlink
Pic by Irgendlink

Gestern fuhren wir nach Baden zum Geocachen. Ein schöner Burgruine- und Altstadtspaziergang, obwohl es geflockt hatte und wir uns beinahe den A*** abgefroren haben.
Baden von der Ruine aus
Baden an der Limmat
Heute schien bereits am Morgen die Sonne. Wir beschlossen nach Obersiggenthal zu fahren. Dort hatte ich auf der Karte einige überblickbare Multicaches gesichtet. Heute zog es uns nämlich eher in den Wald.

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Unten im Dorf parken wir und steigen danach die wirklich steile Dorfstraße bergan.
Obersiggenthal Tuer im Dorf
Am Waldrand angekommen finden wir auch schon die erste Station, eine Verkehrstafel aus deren Piktogrammen und Beschriftung es die Zahlen zu generieren gilt. Mit diesen – wenn man sie denn richtig interpretiert – lässt sich die Richtung und die Entfernung peilen um die zweite Station zu finden.
Meine Hand als Notizzettel
Es ist wieder furchtbar kalt und schneit. Vielleicht deshalb sind wir nicht gleich aufmerksam und gründlich wie sonst. Anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, dass wir nicht merken, dass der Pfeil uns an einen Ort, der 250m entfernt war, hinschickt. Ist ja unlogisch, wo wir doch 153 Meter Luftlinie eingegeben haben. Zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass Irgendlink seine Brille nicht dabei hat, wir aber die Koordinaten in seine GPS-App eingeben. Wir gehen durch den tiefverschneiten, Stein und Bein gefrorenen Wald und lassen uns zu Abkürzungen hinreissen, die uns zu schönen Hochsitzen führen. Doch irgendwann begreifen wir, dass etwas nicht stimmen kann. Irgendwann drückt mir Irgendlink sein Telefon in die Hand, weil er ja doch nicht genau sieht, wohin wir eigentlich müssen. Einzig den Richtungspfeil erkennt er. Ich sehe, dass wir inzwischen um die dreihundert Meter vom eigentlich 153 Meter entfernten Basis-Punkt sind. Klar, Luftlinie und Waldwege sind zweierlei, das weisß jede Cacherin, aber eine so große Abweichung kann eigentlich auf so kleine Distanzen nicht sein.
Schließlich übertrage ich die Daten von seiner GPS-App auf meine, da ich übers Schweizer Handy-Netz die Karten laden und so unseren Standort besser orten kann. Ich überprüfe dabei auch gleich die Peildaten und begreife endlich: Wir sind von falschen Basisdaten ausgegangen! Da ein paar Caches, die wir geladen haben, zur gleichen Serie gehören und ähnliche Namen haben, haben wir schlicht und einfach die Daten eines anderen Caches als Basisdaten für die Peilung eingegeben *shameonus* …
Wie blutige Anfänger!, sage ich. Wir lachen über uns, denn letztlich ist es eben einfach schön, wo wir sind. Inzwischen schneit es auch nicht mehr. Mir macht der Spaziergang durch den Wald, trotz gefrorener Rotznase, total Spaß. Das Sonnenlicht durchbricht beinahe die Wolkendecke. Hell ist es wieder geworden und der Schnee blendet.
Wer viel im Wald unterwegs ist, weiß es: Längst ist nicht jeder Wald gleich. Dieser hier hat, finde ich, etwas märchenhaftes an sich. Es ist sehr ruhig hier und ich genieße es, hier zu sein. Und die tollen Hochsitze hätten wir ohne unser Missgeschick auch nie entdeckt.
Bei den errechneten Koordinaten finden wir den versprochenen Grenzstein – ta-ta-ta-taaaa! – nein, nicht auf Anhieb, sondern gar nicht! So betrachte ich erneut unsere Berechnung und stelle fest, dass ich statt eine drei- nur eine zweistellige Zahl für die Gradberechnung ermittelt habe. Schnell korrigiere ich den Fehler und notiere mir mit zunehmend klammen Fingern im Schnee die neuen, richtigen Koordinaten, um sie von der einen in die andere App, ins GPS-Kit, eingeben zu können.
Heute ist mein brillenloser Liebster für einmal wenig aktiv, was die technische Seite der Cachesuche betrifft. Dafür muss schon bald seine linke Hand als Notizzettel hinhalten, als wir beim gesuchten Grenzstein ankommen und die neuen Zahlen finden, mit denen wir die Koordinaten für den Finalcache ermitteln.
Seine Hand als Notizzettel
Leider liegt der Cache, wie wir bald entdecken müssen, mitten zwischen zwei Wegen an einem vollgeschneiten Hang. Wir zwei Weichei- und Warmdusch-Cachende frieren inzwischen doch zu sehr und haben keine Lust darauf, durch den halbschienbein hohen Schnee zu waten. So drehen wir, zehn Meter vor der Findung, einfach um.
Und die Moral von der Geschicht‘?, sage ich. Manchmal sind Umwege dazu da, schöne neuen Ecken zu entdecken.
Aber,
entgegnet mein Liebster, aber wer weiß schon, welchen schönen Platz wir entdeckt hätten, wenn wir diesen Umweg NICHT gemacht hätten, sondern von Anfang an richtig gelaufen wären? Die Moral heißt also eher: Wir können nie zwei Wege gleichzeitig gehen und wir wissen auch nie, was uns auf dem anderen Weg erwartet hätte.
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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Achtung, fertig … looos!

Wie ich mich freue! Nur noch zweimal schlafen und dann geht’s auch schon wieder ab nach Bern. Am Freitag spielen Patent Ochsner im Berner Bierhübeli. Weil meine Freundin M. nun doch nicht kann, haben wir noch ein Ticket vörig
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. 🙂
Die Daten:
Freitag, 22.2.13
Konzertbeginn: 20:00
Türöffnung: 19:00
Preis: 48.–
Ach ja, das Konzert ist übrigens schon lange ausverkauft!!!
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=a1zN4RUGjfE]
Zur Webseite der Ochsen

gestern, häute, morgen.

über Haut
Gestern vorbei
ich häute mich heute
morgen schon soll die neue mich schützen
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Gestern im nahen Ormersviller/F auf Geobcachetour*


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* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

freitags unterwegs

Manchmal braucht es nicht mal Sonnenschein, um das Leben genießen zu können. Ein Spaziergang mit Irgendlink über die weiße Triesch. Eine kleine HochSIEtz-Tour.
Während der Liebste Bilder schießt, schießt es mir durch den Kopf, wie es wohl wäre, jetzt irgendwo in Lappland zu sein. Weit und breit keine anderen Menschen. Nur der Winter und wir. Da freu ich mich sogar über einen Strommast, der aus dem Nebel auftaucht. Und wenn hin und wieder ein Hochsitz Menschennähe vorgaukelt.


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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).

Schatten, Träume und die Wirklichkeit

Aktuell zeige ich auf Sofasophia appt die Welt grad eine kleine Serie zum Thema Schatten und Träume. Guck mal: Wie wirklich ist die Wirklichkeit wirklich?
Passt irgendwie ganz gut zum Buch, das ich aktuell lese: Andreas Eschbach, Ein König für Deutschland. Eschbach erzählt in seinem Politthriller von der Gutgläubigkeit der Stimmbürgerinnen und -bürger in den USA und in Deutschland und wie dank eines manipulierten Programms, das in Wahlcomputern eingebaut worden ist, Deutschland von heute auf morgen wieder zur Monarchie wird.
Zu den ziemlich schrägen Protagonistinnen und Protagonisten gehört eine Gruppe Computerfreaks, des Hackens kundig, die sich mit der Entwicklung und Vermarktung von Phantasyspielen, Onlinegames, Role Playing Games und so weiter beschäftigen. So klischeehaft, dass sie schon wieder glaubwürdig sind. 🙂

Simon betrachtete die Bilder auf dem Schirm, die grob konstruierte Krieger zeigen, angetan mit klobigen Rüstungen, ungeheure Schlagwaffen in den muskulösen Armen.
‚Da wächst eine Generation in einer Periode des Friedens auf, die in der Geschichte ohne Beispiel ist‘, sagt er, ‚und dann haben diese Menschen nichts Besseres zu tun, als sich in eine fiktive Welt zu begeben, in der unablässiger Krieg herrscht. Schon seltsam.‘
‚Das ist nur ein Spiel, Simon‘, sagte Bernd. ‚Fantasie. Den Leuten ist die Realität einfach zu langweilig geworden‘. (Zitat)

Simon Königs unehelicher Sohn Vincent lebt in den USA. Er hat das Programm für den ersten manipulierten Wahlcomputer geschrieben, wenn auch im naiven Glauben es handle sich um einen Prototypen, der die Machbarkeit von Manipulation demonstrieren soll. Alles verselbständigt sich. Die „Bösen“ klauen das Programm und setzen es erfolgreich in Hessen zur Wahlergebnisfälschung ein. Daraufhin wollen die „Guten“ den Schwindel – die Machbarkeit solcher Manipulation – aufdecken. Sie gründen eine monarchistische Partei. Vincents Vater, Professor für Geschichte an einem Gymnasium, soll, wenn alles klappt, der neue König von Deutschland werden. Aber natürlich nur zu Demonstrationsszwecken, wie gesagt.
Was ist Wirklichkeit? Das ist in diesem Buch ein wiederkehrendes Thema. Saugut geschrieben. Wenn man Thriller mit politischen Aspekten und einen Einblick in die Computerwelt mag, ist dieses Buch genau das richtige für lange Winterabende.
Lange Winterabende kann man aber auch in Bern verbringen. Auch Nachmittage. Und auch auf Bahnhöfen. Lesend wartete ich gestern Nacht auf dem Bahnhof Bern auf meinen Zug, der zehn Minuten Verspätung hatte. Weil es zu kalt zum Sitzen oder Stehen war, wandelte ich – wie damals die Nonnen im Kreuzgang ihrer Klöster – mit meinem Buch auf und ab. Las, schielte über den Buchrand um niemanden zu rammen und reiste in der Phantasie nach Stuttgart, wo die Geschichte zurzeit spielt.
Sieben auf einen Streich hatte ich geschlagen. Zuerst ein Besuch auf dem Friedhof. So viel Schnee war hier noch nie. Nicht in den letzten zehn Jahren jedenfalls, seit ich regelmäßig hier zu Gast bin. Nur noch die Kreuze und Steinspitzen schauten heraus, alles andere weiß. Farblos. Trüb.
Mit dem Bus zurück in die Stadt. Ein paar Kleinigkeiten kaufen. Tolle Verkäuferin im Bürohandel, die mir die neue Mine gleich in den Stift einlegt. Tolle Apothekerin, die mir nicht nur Indischen Blasentee abfüllt, sondern ein paar Tipps mitliefert. Wie solche Leute mir doch immer wieder ein Lächeln in die Augen zaubern können!
Am Loebegge treffe ich C. (1), meine ehemalige Hoffrisörin. Was für ein schönes Wiedersehen! Wie wir uns gegenseitig aus unserem aktuellen Leben erzählen, dabei heiße Schokolade schlürfen, lachen und scherzen, begreife ich: Wir kannten unsere Gesichter bisher vor allem über das Spiegelbild. Und das schon viele Jahre.
Später mit meinem Ex-Scheff im Domino. Was für ein tolles Gespräch! Wir brauchen keine fünf Minuten, um die alte Vertrautheit – nach fast zwei Jahren Abstinenz (von einigen Mails abgesehen) – wiederherzustellen. Lachen, mitfühlen, nachfragen, zuhören, erzählen …
Schließlich fahre ich mit dem Tram Richtung Burgernziel und treffe meine Schreibgruppe im Punto. Zwar sind wir heute nur zu dritt, doch die Gespräche sind deswegen nicht weniger spannend. Auch die Arbeit an den Texten macht Spaß. Wir sprudeln förmlich über.
Wie ich Stunden später meine Wohnung aufschließe, ist mir, als wäre ich mindestens zwei Tage weggewesen. Die Zeit, die Zeit … wie wirklich ist sie wirklich?

Neues von der Männleinfront

Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …
Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.
Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?
Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?
Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?
Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.
Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.
Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.
(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))

Stell dir vor …

Gedanken flüchten und zipfeln an mir vorbei, durch mich durch. Noch da, schon weg. Wieder da. Bilder. Impressionen. Ich räkle mich. Drei Reis-Gerichte. Ein Flüchtlingsfest. Nein, das waren keine Flüchtlinge – nicht mehr und nicht weniger als wir alle, die wir doch alle immer irgendwie vor irgendetwas auf der Flucht sind jedenfalls. Kein Flüchtlingsfest also, sondern ein großes internationales Fest. Viele Menschen. Ich mitten drin. Reisgerichte, die die Welt verbinden. Basmati – weiß und kompakt. Risotto – sämig und safrangelb. Risi Bisi – gut schweizerisch mit diesem und jenem drin, das Parboiled-Reisgericht meiner Kindheit (das ich nie wirklich mochte). [Reis mochte ich sowieso erst später, als ich selber kochte und dabei entdeckte, dass das Parpoiledzöix nur eine von vielen Arten von Reis ist, eine Imitation quasi, und dass richtiger Reis ganz anders ist. Und super schmeckt. Doch noch heute löst Reis auf einer Menükarte jedes Mal zuerst ein leichtes Zaudern in mir aus. Sorry. Ich schweife ab.]
Ein internationales Fest also. Menschen aller Länder. Unzählige lachende Augen. Nicht nur lachende Münder. Augen. Ganze Gesichter. Kein künstliches Glitzern, ein Strahlen, das die ganze Welt sehen müsste um zu verstehen. Imagine. Stell dir vor, es wäre Frieden. Und da wären keine Länder mehr. Keine Grenzen. Keine Feindschaften. Ich versuche, mitten in meinem Traum sehr bewusst, allerdings ohne Erfolg, herauszufinden, wo ich bin und was wir genau feiern. Ich schaue um die Ecken und begreife, dass ich mich in der und trotz der Masse von Menschen wohlfühle. Obwohl da weit und breit kein bekanntes Gesicht ist. Ich bin allein. Ich bin mit allen andern zusammen hier. Ich fühle mich wohl.
Langsam spüre ich das Bett unter dem Rücken. Langsam werde ich gewahr, dass ich träume. Im Niemandsland zwischen noch nicht wach und nicht mehr Traum. Grenzland ohne Schranken. Ich lasse die Augen geschlossen. Wie spät mag es sein? Durch die geschlossenen Augen nehme ich wahr, dass es schon hell ist. Muss nach acht Uhr sein, meldet der Kopf. Die Gesichter aus dem Traum werden blass. War da eine Geschichte? Eine Botschaft an mich? Imagine. Ich denke an den Youtube-Film, auf den ich vor Tagen zufällig gestoßen bin, weil er in der Seitenleiste eines anderen Filmes, den ich durch den Link eines weiteren Clips gefunden hatte, verlinkt war. Eine australische Casting-Show. Ein Bursche, vielleicht siebzehnjährig, das weiß er nicht so genau. Keine Hände, nur halbe Arme. Bombenopfer. Während des Irakkrieges im Waisenhaus gelandet, später mit seinem Bruder nach Australien adoptiert. Er singt dieses Lied, das mir seither nicht mehr aus den Ohren geht. Und aus dem Herzen auch nicht.
Und wie er es singt! (… bei 3:15 fängt er an …)
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=cD32zEin854]

wahrer, am wahrsten

A Making-of …
1.)
Wenn ich das Bild des Cheisacherturmes (siehe gestern) statt in einem in zwei Schritten zusammenfüge – will heißen, zuerst die zwei oberen Bilder von Autostich montieren lasse und erst anschließend das unterste zufüge –, kommt ein ganz manierliches Bild dabei heraus. Wenn ich das Ergebnis mit Gimp noch ein bisschen nachbearbeite, ist das Ergebnis sogar vorzeigbar. 
Ich lerne dabei …
– dass interdisziplinäre Arbeit ein toller Ansatz ist
– meine Werkzeugkiste besser handhaben
– die Möglichkeiten und Grenzen der Programme besser kennen
– dass der Weg der kleinen Schritte manchmal zuverlässiger ans Ziel führt, als jener des großen Sprungs
– Geduld

turm gegimpt2_autostich_sm2

2.)
Im nächsten Schritt habe ich den Spitz des Turmes, respektive alle Teile, perspektivisch bearbeitet. Gimp hat die Bilder aus unerfindlichen Gründen in grau verwandelt, was die Übergangbearbeitung einiges leichter macht. Das Finale habe ich mit dem Cartoonfilter geschärft.
Ob ich damit der Wahrheit wohl ein bisschen näher gekommen bin?
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(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)