Schatten, Träume und die Wirklichkeit

Aktuell zeige ich auf Sofasophia appt die Welt grad eine kleine Serie zum Thema Schatten und Träume. Guck mal: Wie wirklich ist die Wirklichkeit wirklich?
Passt irgendwie ganz gut zum Buch, das ich aktuell lese: Andreas Eschbach, Ein König für Deutschland. Eschbach erzählt in seinem Politthriller von der Gutgläubigkeit der Stimmbürgerinnen und -bürger in den USA und in Deutschland und wie dank eines manipulierten Programms, das in Wahlcomputern eingebaut worden ist, Deutschland von heute auf morgen wieder zur Monarchie wird.
Zu den ziemlich schrägen Protagonistinnen und Protagonisten gehört eine Gruppe Computerfreaks, des Hackens kundig, die sich mit der Entwicklung und Vermarktung von Phantasyspielen, Onlinegames, Role Playing Games und so weiter beschäftigen. So klischeehaft, dass sie schon wieder glaubwürdig sind. 🙂

Simon betrachtete die Bilder auf dem Schirm, die grob konstruierte Krieger zeigen, angetan mit klobigen Rüstungen, ungeheure Schlagwaffen in den muskulösen Armen.
‚Da wächst eine Generation in einer Periode des Friedens auf, die in der Geschichte ohne Beispiel ist‘, sagt er, ‚und dann haben diese Menschen nichts Besseres zu tun, als sich in eine fiktive Welt zu begeben, in der unablässiger Krieg herrscht. Schon seltsam.‘
‚Das ist nur ein Spiel, Simon‘, sagte Bernd. ‚Fantasie. Den Leuten ist die Realität einfach zu langweilig geworden‘. (Zitat)

Simon Königs unehelicher Sohn Vincent lebt in den USA. Er hat das Programm für den ersten manipulierten Wahlcomputer geschrieben, wenn auch im naiven Glauben es handle sich um einen Prototypen, der die Machbarkeit von Manipulation demonstrieren soll. Alles verselbständigt sich. Die „Bösen“ klauen das Programm und setzen es erfolgreich in Hessen zur Wahlergebnisfälschung ein. Daraufhin wollen die „Guten“ den Schwindel – die Machbarkeit solcher Manipulation – aufdecken. Sie gründen eine monarchistische Partei. Vincents Vater, Professor für Geschichte an einem Gymnasium, soll, wenn alles klappt, der neue König von Deutschland werden. Aber natürlich nur zu Demonstrationsszwecken, wie gesagt.
Was ist Wirklichkeit? Das ist in diesem Buch ein wiederkehrendes Thema. Saugut geschrieben. Wenn man Thriller mit politischen Aspekten und einen Einblick in die Computerwelt mag, ist dieses Buch genau das richtige für lange Winterabende.
Lange Winterabende kann man aber auch in Bern verbringen. Auch Nachmittage. Und auch auf Bahnhöfen. Lesend wartete ich gestern Nacht auf dem Bahnhof Bern auf meinen Zug, der zehn Minuten Verspätung hatte. Weil es zu kalt zum Sitzen oder Stehen war, wandelte ich – wie damals die Nonnen im Kreuzgang ihrer Klöster – mit meinem Buch auf und ab. Las, schielte über den Buchrand um niemanden zu rammen und reiste in der Phantasie nach Stuttgart, wo die Geschichte zurzeit spielt.
Sieben auf einen Streich hatte ich geschlagen. Zuerst ein Besuch auf dem Friedhof. So viel Schnee war hier noch nie. Nicht in den letzten zehn Jahren jedenfalls, seit ich regelmäßig hier zu Gast bin. Nur noch die Kreuze und Steinspitzen schauten heraus, alles andere weiß. Farblos. Trüb.
Mit dem Bus zurück in die Stadt. Ein paar Kleinigkeiten kaufen. Tolle Verkäuferin im Bürohandel, die mir die neue Mine gleich in den Stift einlegt. Tolle Apothekerin, die mir nicht nur Indischen Blasentee abfüllt, sondern ein paar Tipps mitliefert. Wie solche Leute mir doch immer wieder ein Lächeln in die Augen zaubern können!
Am Loebegge treffe ich C. (1), meine ehemalige Hoffrisörin. Was für ein schönes Wiedersehen! Wie wir uns gegenseitig aus unserem aktuellen Leben erzählen, dabei heiße Schokolade schlürfen, lachen und scherzen, begreife ich: Wir kannten unsere Gesichter bisher vor allem über das Spiegelbild. Und das schon viele Jahre.
Später mit meinem Ex-Scheff im Domino. Was für ein tolles Gespräch! Wir brauchen keine fünf Minuten, um die alte Vertrautheit – nach fast zwei Jahren Abstinenz (von einigen Mails abgesehen) – wiederherzustellen. Lachen, mitfühlen, nachfragen, zuhören, erzählen …
Schließlich fahre ich mit dem Tram Richtung Burgernziel und treffe meine Schreibgruppe im Punto. Zwar sind wir heute nur zu dritt, doch die Gespräche sind deswegen nicht weniger spannend. Auch die Arbeit an den Texten macht Spaß. Wir sprudeln förmlich über.
Wie ich Stunden später meine Wohnung aufschließe, ist mir, als wäre ich mindestens zwei Tage weggewesen. Die Zeit, die Zeit … wie wirklich ist sie wirklich?

Neues von der Männleinfront

Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …
Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.
Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?
Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?
Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?
Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.
Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.
Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.
(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))

Stell dir vor …

Gedanken flüchten und zipfeln an mir vorbei, durch mich durch. Noch da, schon weg. Wieder da. Bilder. Impressionen. Ich räkle mich. Drei Reis-Gerichte. Ein Flüchtlingsfest. Nein, das waren keine Flüchtlinge – nicht mehr und nicht weniger als wir alle, die wir doch alle immer irgendwie vor irgendetwas auf der Flucht sind jedenfalls. Kein Flüchtlingsfest also, sondern ein großes internationales Fest. Viele Menschen. Ich mitten drin. Reisgerichte, die die Welt verbinden. Basmati – weiß und kompakt. Risotto – sämig und safrangelb. Risi Bisi – gut schweizerisch mit diesem und jenem drin, das Parboiled-Reisgericht meiner Kindheit (das ich nie wirklich mochte). [Reis mochte ich sowieso erst später, als ich selber kochte und dabei entdeckte, dass das Parpoiledzöix nur eine von vielen Arten von Reis ist, eine Imitation quasi, und dass richtiger Reis ganz anders ist. Und super schmeckt. Doch noch heute löst Reis auf einer Menükarte jedes Mal zuerst ein leichtes Zaudern in mir aus. Sorry. Ich schweife ab.]
Ein internationales Fest also. Menschen aller Länder. Unzählige lachende Augen. Nicht nur lachende Münder. Augen. Ganze Gesichter. Kein künstliches Glitzern, ein Strahlen, das die ganze Welt sehen müsste um zu verstehen. Imagine. Stell dir vor, es wäre Frieden. Und da wären keine Länder mehr. Keine Grenzen. Keine Feindschaften. Ich versuche, mitten in meinem Traum sehr bewusst, allerdings ohne Erfolg, herauszufinden, wo ich bin und was wir genau feiern. Ich schaue um die Ecken und begreife, dass ich mich in der und trotz der Masse von Menschen wohlfühle. Obwohl da weit und breit kein bekanntes Gesicht ist. Ich bin allein. Ich bin mit allen andern zusammen hier. Ich fühle mich wohl.
Langsam spüre ich das Bett unter dem Rücken. Langsam werde ich gewahr, dass ich träume. Im Niemandsland zwischen noch nicht wach und nicht mehr Traum. Grenzland ohne Schranken. Ich lasse die Augen geschlossen. Wie spät mag es sein? Durch die geschlossenen Augen nehme ich wahr, dass es schon hell ist. Muss nach acht Uhr sein, meldet der Kopf. Die Gesichter aus dem Traum werden blass. War da eine Geschichte? Eine Botschaft an mich? Imagine. Ich denke an den Youtube-Film, auf den ich vor Tagen zufällig gestoßen bin, weil er in der Seitenleiste eines anderen Filmes, den ich durch den Link eines weiteren Clips gefunden hatte, verlinkt war. Eine australische Casting-Show. Ein Bursche, vielleicht siebzehnjährig, das weiß er nicht so genau. Keine Hände, nur halbe Arme. Bombenopfer. Während des Irakkrieges im Waisenhaus gelandet, später mit seinem Bruder nach Australien adoptiert. Er singt dieses Lied, das mir seither nicht mehr aus den Ohren geht. Und aus dem Herzen auch nicht.
Und wie er es singt! (… bei 3:15 fängt er an …)
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=cD32zEin854]

wahrer, am wahrsten

A Making-of …
1.)
Wenn ich das Bild des Cheisacherturmes (siehe gestern) statt in einem in zwei Schritten zusammenfüge – will heißen, zuerst die zwei oberen Bilder von Autostich montieren lasse und erst anschließend das unterste zufüge –, kommt ein ganz manierliches Bild dabei heraus. Wenn ich das Ergebnis mit Gimp noch ein bisschen nachbearbeite, ist das Ergebnis sogar vorzeigbar. 
Ich lerne dabei …
– dass interdisziplinäre Arbeit ein toller Ansatz ist
– meine Werkzeugkiste besser handhaben
– die Möglichkeiten und Grenzen der Programme besser kennen
– dass der Weg der kleinen Schritte manchmal zuverlässiger ans Ziel führt, als jener des großen Sprungs
– Geduld

turm gegimpt2_autostich_sm2

2.)
Im nächsten Schritt habe ich den Spitz des Turmes, respektive alle Teile, perspektivisch bearbeitet. Gimp hat die Bilder aus unerfindlichen Gründen in grau verwandelt, was die Übergangbearbeitung einiges leichter macht. Das Finale habe ich mit dem Cartoonfilter geschärft.
Ob ich damit der Wahrheit wohl ein bisschen näher gekommen bin?
turm gegimpt_sw.cartoon_sm2_fB

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

Alles, was wahr ist

I gloube nümm, won I nume gseh*, singt Büne Huber von Patent Ochsner im Lied Niemer im Nüt**.
Wir sehen nur mit dem Herzen gut, sagt Antoine de Saint-Exupéry.
Über Wahrnehmung lässt sich streiten und über Wahrheit erst recht. Oder eigentlich überhaupt nicht.
Mein Versuch, den Besucher aus dem 25. Jahrhundert, Lind Kernig***, dem ich gestern das Fricktal meiner Gegenwart zeigte, zu fotografieren, scheiterte kläglich. Meine Autostich-iPhone-App hat mir das linke Bild ausgerechnet, mit Gimp, auf dem Laptop habe ich das Bild rechts gebastelt (Vorlage sind je drei, resp. vier Turmbilder vom gleichen Standort aus).
die zwei türme_smIn Wirklichkeit sah der Turm aber gaaanz anders aus. Eben hat mir Lind Kernig, wieder zurück in der Zukunft, das nachfolgende Bild übermittelt. Wie er das Bild aufgenommen hat, verrät er mir leider nicht. Das kleine technische Ding, das er während seines Besuches ständig mit sich herumtrug, ähnelte zwar einem gemeinen Smartphone des einundzwanzigsten Jahrhunderts, doch ich solle gar nicht erst anfangen, es mit unserer Technik vergleichen zu wollen, sagte er nur und zuckte vielsagend die Schultern.
Ich muss zugeben, dass das Bild unten dem Original am ähnlichsten sieht.
Für die Qualitätseinbussen bei der Übermittlung des Bildes vom 25. Jahrhundert in die Gegenwart bitten wir um Verzeihung. Obwohl wir ja nichts dafür können. Es handelt sich um Konvertierungsprobleme****. Wir arbeiten dran.
panorama_turm neu_small_auss

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Bilder:
Undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Ich glaube nicht mehr, was ich nur sehe.
** Niemand im Nichts
*** Anagramm zu Irgendlink
**** Pssst, ich glaube, das Bild wurde einfach mit Panorama-Editor für Ubuntu/Linux gerechnet

Die spinnen, die GeocacherInnen*

Also wirklich! Wenn man schon lesen kann, dann sollte man es auch tun. Vorher. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist es gut, dass wir es vorher nicht gelesen haben. Ein Nachher wie jetzt hätte es wohl so nicht gegeben. Muskelkater allerdings auch nicht.
Der am Morgen gefasste Plan, den voraussichtlich einzigen halbwegs schönwettrigen Tag dieses Wochenendes – nach Regen- und vor Schneetagen – mit einer kleinen Geocache-Tour* auf dem Bözberg zu vergolden, klingt verheissungsvoll. Den Bözberg kennt Irgendlink aus seiner Jugendzeit – von einer Radtour zu einem Freund seines Vaters. Und da diese nicht unerhebliche Erhebung, die den stolzen Namen Berg trägt, praktisch um die Ecke liegt, steht diesem Plan nichts im Weg. Wir fischen im Netz ein paar Koordinaten von Geocaches, die in der Nähe voneinander liegen und begeben uns auf die Spuren der Römer. Klingt es denn nicht schön, als Geocaches Suchende einer armen Magd zu helfen oder auf dem Römerweg zu wandern?
Bald parken wir auf einer kleinen Straße, die in einen Feldweg mündet. Auf Irgendlinks Vorschlag hin, parke ich in einem zweiten Anlauf ein bisschen mehr auf die Wiese als beim ersten Mal. Für den Fall, dass ein Traktor käme. Man weiß ja nie.
Eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wie froh ich um meine Handschuhe bin. Dass ich zwei Stunden später schwitzen werde, kann ich mir nicht vorstellen, als wir vom Altstalden Richtung Gallenkirch wandern. Den ersten Cache des Tages haben wir bereits in Neustalden auf dem Vorbeiweg gefunden.

gefunden
Pic by Irgendlink, apped by Sofasophia (Gimp) – Ich logge den ersten Cache.

Der zweite, mein 199. Cache, ist den Römern gewidmet, die sich ja damals im Aargau ziemlich breit gemacht und überall Spuren hinterlassen haben. Auch in meinem Wohnort. Da ganz besonders. Dass sich die Römer nicht immer einig waren, muss ich vergessen haben, lese es aber heute auf einem Gedenkstein, an dem wir vorbeispazieren. Auf dem Bözberg sind auch, so lesen wir weiter, ein paar Schlachten gegen meine Vorfahren, die Helvetier, geschlagen worden. Leider zu Ungunsten meiner Vorgängerinnen und Vorgänger.
Überlebt müssen sie aber trotzdem irgendwie haben, sonst wäre ich nicht hier!, sage ich.
Meine 199 finden wir ebenfalls ziemlich schnell, doch nun fängt das Verwirrspiel an. Da ich mir den dritten Cache zuhause nicht aufs iPhone geladen habe und Irgendlink eine nur rudimentäre Karte geladen hat, die wir auch noch falsch interpretieren, gehen wir zuerst ein Stück in die falsche Richtung. Erst als ich mich entschliesse, den Cache aus dem relativ guten Handynetz zu laden, und wir damit eine gute Karte zur Verfügung haben, wird die Suche einfacher. Wir müssten entweder ein Stück zurück oder einen großen Bogen über den alten Römerweg machen. Zweiterer lockt mehr.
Faszinierend, im Wald dem steinigen Weg mit seinen ausgefahrenen Wagenspuren zu folgen und nach einem Abstieg wieder aufwärts zu wandern. Auf einmal stehen wir an einem Hügel und hören tief unter uns das Wasser rauschen. Genau dorthin, in diese Schlucht hinunter, zeigen unsere Richtungspfeile. Es sind ja bloß vierzig Meter Luftlinie. Nur!?
Ich will quer den Hang hinunter, doch Irgendlink findet diesen Plan lebensgefährlich. Na ja, ich eigentlich auch, aber was wottsch? Irgendwie müssen wir ja runter? Bald finden wir so etwas ähnliches wie einen Pfad, dem wir, mehr rutschend als wandernd, schließlich folgen, nur um nach ungefähr hundert Höhenmetern Rutschpartie einen seriösen, den offiziellen Wanderweg zu finden. Okay, immerhin müssen wir also nicht wieder querwaldauf klettern beim Rückweg. Auch nicht schlecht. Noch sind unsere Schuhe übrigens einigermaßen sichtbar unter der Schlammschicht.
Doch das war ja auch erst der Anfang (frieren tun wir längst nicht mehr), denn noch trennen uns fünfzehn Luftlinienmeter vom Ziel. Ein Klacks. Ungefähr eine Dreiviertelstunde Kletterei in drei Akten. Beim ersten Mal runterklettern schwöre ich mir: Nie mehr! Ein paar Mal verdanke ich mein Leben nur noch einigen jungen Bäumen, die mich abbremsen.
Ein Wanderstab, ein Königinreich für einen Wanderstab!, seufze ich.
Dein Wunsch sei dir erfüllt!, sagt er, stellt sich mir buchstäblich in den Weg und schon geht es viel einfacher. Unten angelangt, suche ich erst Mal eine Weile nach Irgendlink, der nicht den gleichen Weg hinuntergeklettert ist und bereits beim Wasserfall vorne nach dem Cacheversteck gesucht hat. Als ich ihn endlich entdecke, ist er bereits wieder oben. Ohne den Cache gefunden zu haben. Auch ich suche mit den Augen die Gegend ab, doch zugegeben, ich bin heute nicht wirklich scharf darauf, jeden Stein hochzuheben.
Oben kommen wir endlich auf die Idee, die Detail-Beschreibung des Geocaches und seine Gefahrenbewertung zu lesen. Auch der Hinweis auf das Versteck und das, was in früheren Logs steht, sind aufschlussreich.
Wie blutige Anfänger haben wir übersehen, dass der Cache auf einem hohen Terrainniveau eingestuft ist. Auch lesen wir, dass der Cache in der unmittelbaren Nähe des Wasserfalles sein muss. Ich schlage vor, dass wir uns von der oberen Seite dem Wasserfall nähern, was sich aber in der Praxis nicht als ideal erweist. Wieder nach unten gekrabbelt stellen wir fest, dass wir uns doch zu weit vom Cache entfernt haben und so krabbeln wir wieder den Hügel hoch. Irgendwann kommt der Punkt, wo Dreck egal wird. Die Hosen sind bis zu den Unterschenkeln verspritzt, die Schuhe kaum mehr unter dem Matsch zu sehen und die Hände erdbraun, denn sie dienen zwischendurch als Krabbelhilfen, wenn wir uns mit ihnen nicht grad an Bäumen festkrallen.
Erneut oben angelangt beschließen wir, einen allerletzten Versuch zu wagen. Eine dritte Rutschpartie in die Schlucht hinunter – diesmal mit ein bisschen mehr Informationen bezüglich des Verstecks. Wir müssen nach einer Amphore Ausschau halten, wissen wir nun. Und sie muss an einem überschwemmungssicheren Ort sein. Unsere Augen suchen die Gegend ab. Irgendwann hat Irgendlink den Einfall, den Bach zu überqueren. Seine Jakobsweg-Wanderstiefel sind zum Glück wasserdicht und halbschienbeinhoch, sodass er diese Überquerung ziemlich unbeschadet übersteht. Drüben angelangt, steckt er seinen Kopf unter einen tropfenden Felsvorsprung und wird … fündig. Wir jubeln, doch mein Liebster schüttelt sich gleich darauf wie ein begossener Pudel, musste er doch unter eine Art Mini-Wassserfall greifen. In der hübschen, kupfernen Amphore, die er hervorgezogen hat, steckt eine wasserdichte Kunststoffröhre mit einem eingerollten Logbuch, doch wie er seinen und meinen Namen hinkritzeln will, bricht die Bleistiftmine ab. Pech aber auch!
Du hast doch auch einen Logstift dabei?, ruft er über den Bach, um das Tosen des nahen Wasserfalls zu übertönen.
Jaaa, ähm, nein, der ist im Rucksack. Im Auto!, rufe ich zurück. Mach halt Fingerabdrücke mit Lehmpfoten!
Das tut er und mit dem abgebrockenen Bleistiftspitz kritzelt er sogar noch unsere Initialen in die Abdrücke. Köstlich und echt römisch!
Das größte Abenteuer steht ihm aber noch bevor. Das wiederverpackte Teil muss zurück in die nasse Höhle. Einen heißeren Strip habe ich noch nie erlebt. Mütze, Outdoorjacke, Faserpelz, Pulli, T-Shirt lässt er elegant auf einen Stapel fallen und schließlich steckt er todesmutig seinen Kopf in die Tropfsteinhöhle, um das Ding wieder an seinen Platz zu legen. In uns allen steckt eben ein kleiner oder großer Held! Und dieser schafft es später sogar (mit meiner Schiebehilfe) das Auto aus der schlammigen Wiese herauszufahren.
Selber schuld, denk ich nur, ich hätte es eben nur halb in die Wiese gestellt.
Die folgende Montage erzählt die Geschichte unserer kleinen großen Schatzfindung.
eine kleine geschichte_sm2

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen

1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch:
Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben!
Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann.
2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.
3.)
Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter (Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?

Melinda im Gulliverland

Große Kopfhörer über die Ohren gestülpt, ein glückseliges Lächeln auf den Lippen und einen großen Einkaufskarren vor sich her schiebend, spaziert ein Mann, bekleidet mit schwarzen Gummistiefeln, Shorts und gelber Outdoorjacke, durch die Regale eines Baumarktes und lädt seinen Wagen voll und voller. Die Ansage, dass der Laden in fünf Minuten geschlossen werde, hört er nicht. Er hört Musik. Als er bezahlen will – nachdem er unter fürchterlichen Verrenkungen in der unerlaubten, weil schon inventarisierten Zone eine Klobürste geholt hat –, wird er auf einmal zum Betreuer eines kleinen, nur arabisch sprechenden Mädchens. Er sei von der Polizei. Der Versuch, das Mädchen zu seinem vermeintlichen Vater ins Hotel jenseits des Parkplatzes zurückzubringen, mündet nach einer Schlägerei in eine dramatische Flucht. Mann und Mädchen finden sich in einer Hütte im Gulliversland, einem alten Spielplatz im Wald wieder. Drei schwarz gekleideten Araber mit Pistolen und einem Geländewagen auf den Fersen. Natürlich trifft irgendwann Hilfe ein, die Verfolger flüchten und Jens und das Mädchen sind in Sicherheit. Melinda hat sofort Vertrauen zu Jens gefasst. Er ist der einzige, den sie mit einem Lächeln belohnt, für alle anderen ist sie unnahbar und bewahrt ihr Geheimnis für sich.
So also gerät Jens, noch bevor er seinen Dienst antreten kann, eines harmlosen Samstagnachmittags mitten in einen äußerst dramatischen Fall, bei dem es um Drogenschmuggel in den Bäuchen afrikanischer Kinder geht. Die arabisch sprechenden Drahtzieher aus einem Phantasieland verstecken sich hinter diplomatischen Ämtern und sind, bis auf den Dolmetscher, dank ihrer Ämter unangreifbar. Die Mordermittlungen – das Opfer ist die angebliche Mutter Melindas – laufen beinahe nebenher. Zu sehr sind alle, vor allem die tussige Staatsanwältin, mit den diplomatischen Problemen beschäftigt.
Jens ist also der Neue. Der Neue, für den Lisa am Freitagabend versucht, das Büro, das sie ab nächster Woche mit ihm teilen wird, ein bisschen wohnlicher einzurichten. Wir sehen sie in einer der ersten Szenen des gestrigen Saarbrücker Tatortes Melinda, wie sie den Schreibtisch hin- und herschiebt und so die beste Arbeitsposition sucht. Kollege Horst schaut zu und rät zu einer Position mit Blickkontakt. Fast identisch wiederholt sich die Szene Tage später. Doch diesmal ist es Jens, der den Tisch hin- und herschiebt, kaum dass er das neue Büro betreten hat. Zwar trägt er nun weder Shorts noch Gummistiefel, doch seine indischen Wickelhosen sind auch nicht ohne. Er bringt eine Topfpflanze für den Schreibtisch und eine Klangharfe mit, die ihren Platz später über der Türe findet und Besuche ankündigt. Wie Lisa schiebt Jens nun den Tisch von da nach dort. Erneut fällt der Tipp: Wie wäre es mit Blickkontakt?
Es ist weniger der Plot dieser Geschichte an sich, der diesen Tatort zu einem Highlight am Tatort-Himmel macht, sondern die Besetzung. Und die Umsetzung. Ein bisschen muss ich an die Münster-Tatorte denken, doch Jens ist besser. Er ist zwar zum einen eine Lachnummer – was ihm am Arsch vorbeigeht, denn er weiß genau, was er kann und was er will –, zum andern aber ein messerscharf denkender, unkonventionell handelnder und sich auf seine Intuition verlassender Kriminalist. Einmalig die Szene im Pausenraum, wo er die Yogaübung Baum praktiziert, die beim Zentrieren hilft und auf einmal – mit einem lauten Aufschrei die Übung auflösend – das Kennzeichen des Verfolgerwagens herunterleiert. Alles toppt jedoch jene Szene, wo er mit seinem roten Roller an einer roten Ampel das Diplomatenauto einholt, worin Melinda sitzt. Er jagt sie ihrem angeblichen Vater ab und setzt sich mit ihr in das nebenan stehende Auto einer älteren Dame. Schon bald hat Jens diese von seiner Rettungsmission überzeugt und so versteckt sie die beiden in ihrem Haus. Margot Müller ist definitiv eine Seelenverwandte von Jens. Sie hat ihr Leben lang darauf gewartet, mal live in einem Krimi mitzuwirken. Mit viel Gespür schaffen es die beiden, Melina ihre Geschichte zu entlocken. Nicht zuletzt, weil Melinda von Anfang an Vertrauen zu Jens gefasst hat und eine begnadete Zeichnerin ist.
Einfach nur schräg ist die Beinahe-Schlussszene, das Showdown an der deutsch-französischen Grenze, wo der Dolmetscher wegen Mordes verhaftet wird. Wie Jens den einen der Araber, jenen der deutsch spricht, in die Zange nimmt, geht unter die Haut und zieht mir zugleich die Mundwinkel hoch.
Wenn du Melinda nicht wohlbehalten zurückbringt, komme ich zu dir. Ich weiß, wo du wohnst. Ich weiß, wo deine Familie wohnt. Ich werde kommen.
Dann übergibt er Melinda sein Handy. Nach langen Reisestunden ruft sie ihn schließlich an. Happy End. Schluss. Punkt.
Zugegeben, die Puristinnen und Traditionalisten werden aufschreien. Dieser Tatort ist anders. Dieser Tatort ist schräg. Aber dieser Tatort, trotz der dramatischen Ereignisse, die er transportiert, hat offensichtlich Spaß gemacht hat. Jedenfalls den Schauspielerinnen, Schauspielern und mir. Ich stelle mir vor, wie der eine oder andere Gag erst beim Spielen entstanden ist. Jens‘ Bürokollegin Lisa Marx, die am Anfang als coole Superwoman drauf war, schüttelt zwar auch am Schluss noch über Jens, der sich ein paar Disziplinarverfahren aufgehalst hat (und das noch bevor er offiziell angefangen hat), ein klein bisschen den Kopf, doch sie hat verstanden, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Ob bis zur Pension, wird sich allerdings zeigen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung aus Saarbrücken!
(Rezension des Fernsehkrimis Tatort vom 27. Januar 2013, Melinda, Drehort: Saarbrücken)
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to do or not to do

Wie ich durch den Wald spaziere, das klare Licht der Sonne genieße und mir bei der eisigen Kälte beinahe den Rotz in der Nase einfriert, wünsche ich mir einmal mehr, alle meine Gedanken, eins zu eins und unzensiert, aufnehmen zu können. Gedankendirektdiktat sozusagen. Ich müsste mir keine Eselsbrücken bauen und merken, keine Innen-drin-Lesezeichen, die ich in einer Viertelstunde eh wieder vergessen haben werde, keine Notizen machen (was ich mir heute spare) und ich müsste vor allem nicht alles, was mir des Aufschreibens wert erscheint, nachher mühsam in die Tasten hacken.
Okay, mühsam ist das ja eigentlich nicht. Schreiben – der technische Vorgang ebenso wie der gedankliche – ist für mich wie essen, trinken, pinkeln und scheißen. Normal. Alltäglich. Unverzichtbar. Einer der vielen Prozesse für mich, über die ich mir grundsätzlich keine Gedanken mache. Sie sind notwendig für mein Leben. Unabdingbar. Einen Tag ohne Schreiben gab es schon ewig nicht mehr bei mir. Nein, ich meine nicht den Einkaufszettel und die Do-do-Liste, ich meine wirkliches Schreiben. Gedanken notieren. Ideen für Geschichten festhalten. Tagebuch schreiben, Blogartikel schreiben, Artikel verfassen, Geschichten schreiben, an bereits geschriebenen Texten feilen. Schreiben wie Gemüse schippeln. Schreiben wie kochen. Schreiben wie denken.
Doch geht aktuell mehr Zeit mit allen anderen Dingen drauf. Ich räume da und dort auf, erledige Dinge, die ich schon ewig auf der langen Bank hatte, klebe an Büchern fest, die ich unbedingt jetzt lesen muss und meine eigenen Ideen brodeln derweil fast ohne mein Dazutun unter der eisigen Oberfläche. Ich habe das Feuer auf klein gestellt, damit alles schön einkochen kann und weder verdunstet noch anbrennt. Der Deckel sitzt fest.
Jeden Abend die gleiche ernüchternde Erkenntnis, dass ich nun doch wieder nicht.
Wieder nicht mit den Charakterbögen der neuen Figuren angefangen.
Wieder nicht den Ideenstrang niedergeschrieben.
Wieder nicht.
Wieder nicht.
Eine leise Frustration breitet sich aus wie ein Weinfleck auf dem weißen Tischtuch. Kein Salz in Sicht um den Schaden einzudämmen. Schnell ziehe ich auch heute wieder mein Zauberwort aus dem Säckel:
Mañana. Domani. Demain. Tomorrow. Morgen.
Ein geliebtes Kind mit vielen Namen.
Morgen werde ich früher aufstehen.
Morgen werde ich gleich nach dem Erwachen schreiben.
Morgen werde ich.
Werde ich?
Morgen?
Ich glaube, jetzt werfe ich mich aufs Sofa und lese weiter Åke Edwardsons Der letzte Winter. So spannend!
Nein. Halt. Schreib zuerst den Charakterbogen über deine neue Figur, die dir vorhin auf dem Spaziergang begegnet ist. Du hast es Irgendlink versprochen. Jetzt.

elementar

Am Anfang war nichts. Erst später war da ein bisschen mehr. Nach dem Knall drehten irgendwann und irgendwo ein paar Planeten ihre Bahn. Details ahnen wir nur. Letztes Wissen ist eine Frage des Glaubens. Auf einmal stieg Wasser aus den Tiefen der Erde. Wind wehte über das Land. Die Menschen kauerten sich an ihre Feuer und brieten, was sie gejagt hatten. Ich gestehe es: So elementar zu leben, würde mir schwer fallen. Wir haben im Laufe der Evolution gar vieles vergessen, unsere Instinkte sind verkümmert. Überleben hat heute einen gänzlich andern Beigeschmack bekommen.
Wasser
Wenn die Temperaturen in den Minusbereich sinken, verändert sich einiges in Irgendlinks Künstlerbude. Minus heißt, dass er seine Wasserzufuhr unterbrechen muss, damit die Wasserleitungen nicht einfrieren und platzen. Deshalb speichern zwei große Wasserbehälter im noch unvollendeten Bad Brauch- und Trinkwasser, das wir – wie zu Gotthelfs Zeiten – in Becken, Flaschen und Krügen abgefüllt beim Spültrog lagern. Warmwasser wird bei Bedarf gekocht.
Während meiner winterlichen Wochenenden beim Liebsten auf dem einsamen Gehöft, lasse ich mich immer relativ leicht auf diese Umstellung ein. Jedes Mal wird mir neu meine Selbstverständlichkeit bewusst, mit der ich Wasser konsumiere. Fließend warmes und kaltes Wasser – noch gar nicht so lange ist es her, dass das in unsern Breiten Luxus war.
Letzten Freitag waren die Behälter leer. Für kurze Zeit öffnen wir alle Hähne und befüllen per Schlauch die gr0ßen Tanks. Ich fühle mich kurzfristig wie im Wasserparadies und genieße es, dass das Wasser einfach fließt. Geschirr- und Händespülen geht einfacher. Sich waschen auch.
Feuer
Im Winter schrumpft die Künstlerbude auf den Koch- und Schlafbereich, da das große, gemütliche Wohnzimmer nicht beheizbar ist. Während ich Geschirr spüle, holt Irgendlink neues Brennholz hoch. Nicht, dass ich das nicht auch machen kann – und auch tue, natürlich –, doch er kann es besser. Geschirrspülen dagegen übernehmen meistens ich. Meine kleine Reinigungsmeditation, die mir in meinem zentralgeheizten Spülmaschinenalltag zuweilen ein bisschen fehlt. Nicht genug allerdings, gestehe ich, um auf die Maschine verzichten zu wollen. Holzfeuer wärmt mich anders als es Zentralheizungsradiatoren können. Es spendet Wärme, die tief ins Herz dringt. Unter die Haut. Die Schwedenofenwärme schließt auch das Hochbett mit ein. Kuschelwarm ist es da oben.
Erde
Wir kochen uns Kartoffeln – Erdäpfel, Härdöpfu – auf dem Herd. Leider keine eigenen, da diese letztes Jahr an einer Pilzkrankheit zugrunde gegangen sind. Kartoffeln: im Winter eins meiner Lieblingsgemüse. Pellkartoffeln vor allem. Dazu schmelzen wir einen Backofenkäse in der Bratpfanne auf dem Ofen. Einige Champingnons stehen kopfüber – entstielt und mit Streichkäse gefüllt – in drei Raclettepfännchen daneben. Dazu Rosenkohl. Eine wahrhaftig göttliche Mahlzeit.
Luft
Ein eisiger Wind zieht ums Haus und rüttelt am Nussbaum. Wir hören die Äste auf dem Dach knirschen. Wind verweht auch den Schnee, der spärlich, aber beharrlich, das Blitzeis zudeckt und eine neue noch weißere Decke über alles legt. Pfeifender Wind, rüttelnder Wind, Sturmwind, Regenwind – schon fast alle Arten von Wind, auch schmeichelnd-streichelnd sanfter Sommerwind, habe ich hier oben erlebt. Windstille auch.
alles – immer – jetzt
Die Erde kreist weiter. Täglich zieht sie ihre Bahn. Täglich wird ihr Abstand zur Sonne kleiner. Die Tage werden länger. Das Wetter wärmer. Doch jetzt, jetzt genieße ich, dass es so ist, wie es ist.
Nachher ist nachher. Und nachher fahre ich nach Hause, in die Schweiz. Auchnachhause.