Kunst kommt von können. Doch können ist mehr als Kunst, können ist auch Macht. So ist zum Beispiel Holzhackenkönnen eine mächtige Kunst. Eine, die man zum Überleben auf dem einsamen Gehöft können sollte. Wie froh ich bin, dass es nicht mehr so kalt ist. Wir brauchen deutlich weniger Holz und können heute den Haupthahn wieder aufdrehen und schon bald das kühle Nass ohne Umwege über Bottiche genießen. Wohl wird es vermutlich in ein paar Tagen nachts wieder kühler, doch das interessiert uns heute nicht und morgen auch nicht.
Holzhacken gehört zu den vielen Künsten, die ich nicht beherrsche. Kleine Stücke hacken geht, aber so richtig und richtig gut kann ich auch die nicht. So müsste ich hier wohl erfrieren, wenn nicht der Liebste. Aber der liegt darnieder. Mit Magendarmgrippe, die ihn heute Nacht um vier niedergestreckt hat. Er liegt im Bett oder auf dem Sofa, trinkt Honigtee und Cola. Bouillon später. Er sagt wenig. Er mag nicht. Und er muss oft. Nun flüstert er mir zu, welche Wasserhähnen ich zuerst schließen muss, damit die Hauptleitung geöffnet werden kann und das Wasser schon bald fließen. Auch eine Kunst. Eine, die ich lernen kann. Das Wissen eines Eingeweihten, das soeben weitergegeben wird. Bauesoterisches Wissen, sozusagen, sorgfältig gehütet. Ich werde nichts verraten.
Mögen mich die Käfer verschonen. Noch summt zwar mein Kopf vom gestrigen Kopfweh und der Bauch murmelt aus Mitgefühl übellaunig mit, mehr nicht. Gut.
Rupert oder warum wir sehen, was wir wollen
Neulich habe ich den fünften Band der Galaxis-Trilogie von Doug Adams in die Finger bekommen und verschlungen. Das letzte Buch der Serie: Einmal Rupert und zurück. Das erste habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und die drei mittendrin noch gar nicht. Was ich aber sicher nachholen werde.

Nein, warum Doug Adams‘ Bücher Kult sind, muss nicht erklärt werden, nur warum ich diese Geschichten so mag. Mich begeistert die geniale Mischung aus traditionellem englischem Lebensstil inklusive dazugehörigem knochentrockenem Humor, einem großen Quäntchen Lebensweisheit und diesem genial-schrägen Mix voller Außerirdikum. Einem sehr schrägen Mix, der mir außerordentlich gut gefällt – und das mir, die ich mit dem üblichen Sciencefiction-Kram sonst nichts am Hut habe.
Arthur Dent sucht im ersten Drittel des 5. Buches mal wieder seinen verschollenen Heimatplaneten und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Universum durch. Er landet schließlich auf einem der Erde ähnlichen Planeten, wo er, so verheißt es der Reiseprospekt, bei einem der vielen Weisen seinen persönlichen Ratschlag erhalten kann. Er findet nach einiger Suche eine alte Frau, die in einer stinkenden Höhle lebt und sich mit Fliegenklatschen die Zeit vertreibt. Alles stinkt und wäre Arthur nicht so sehr auf einen Tipp angewiesen, wie er den Rest seines Lebens irgendwie und irgendwo gut und sinnvoll leben kann, hätte er wohl aufgegeben. Er spricht sie zögerlich an. Sie bittet ihn – im Gegenzug für einen Ratschlag – darum, ihr dabei zu helfen, ihren Solardrucker aus der Höhle an die Sonne zu tragen. Danach druckt sie einen längeren Text für ihn aus und überreicht ihm diesen.
„Das wäre, ähm, wäre dann ihr Rat, ja?“, sagte Arthur, unsicher in den Kopien blätternd.
„Nein“, sagte die alte Dame. „Das ist meine Lebensgeschichte. Um die Qualität irgendwelcher Ratschläge, die man von irgendwem kriegt, richtig beurteilen zu können, muss man nämliche wissen, wie der Lebenslauf des Ratgebers aussieht. Also, beim Durchblättern dieser Unterlagen werden Sie sehen, dass ich alle bedeutenden Entscheidungen unterstrichen habe, um sie hervorzuheben. Sind außerdem alle in einem eigenen Verzeichnis ausgeführt und mit Kreuzverweisen versehen. Sehen Sie? Und ich rate Ihnen grundsätzlich nur Entscheidungen zu treffen, die das genaue Gegenteil von denen sind, die ich getroffen habe, weil sie dann wahrscheinlich Ihren Lebensabend …“ Sie verstummte kurz und füllt ihre Lungen mit Luft, um ordentlich brüllen zu können. „… nicht in einer stinkenden alten Höhle wie der hier verbringen müssen!“
(S. 112/113)
Später überlebt Arthur einen Raumschiffabsturz und wird Sandwichmacher auf einem Planeten, der ungefähr dem evolutionären Level unseres Mittelalters entspricht. Eines Tages, Arthur hat sich gut eingelebt, erscheint Trillian, die Weltraumjournalistin, die er bereits im ersten Band kennengelernt hat. Sie stammt ebenfalls von der verschwundenen Erde und bringt ihm, aus Sicherheitsgründen, ihre gemeinsame Tochter, von der Arthur Dent keine Ahnung hatte. Wie auch, denn das Mädchen hat Trillian mit Samen aus der Samenbank gezeugt, wo Arthur Dent – um seine vielen Raumschifffahrten bezahlen zu können –, argolos Samen hinterlegt hatte. Nun soll er seine Vaterpflichten erfüllen, denn bei ihm ist das Mädchen sicherer als bei der immer reisenden Mutter. Natürlich ist es dem Teeniegirl Random, von ihrer Mutter verlassen worden und bisher an Space und Speed gewohnt, im mittelalterlichen Dorf sehr bald langweilig. Eines Tages findet sie ein Paket, das ihr Vater Arthur für seinen alten Kumpel Prefect Ford aufbewahren soll. Sie packt es heimlich aus und findet darin eine neue, von den Vogonen hergestellte und manipulierte Version des guten alten interaktiven Reiseführers durch die Galaxis, den wir bereits im Band 1 kennenlernten. Der neue Führer manifestiert sich als allmächtiger Vogel. Hören wir doch einfach einmal zu, wie die beiden nachts in einer abgelegenen Höhle miteinander diskutieren. Es regnet und der Vogel-Führer lässt Licht in die Tropfen strahlen.
„Und was siehst du jetzt?“
Das Licht ging aus.
„Nichts.“
„Dabei tue ich genau das gleich wie vorher, nur mit ultraviolettem Licht. Du kannst es nicht sehen.“
„Und was soll das für einen Sinn haben, mir was zu zeigen, was ich nicht sehen kann?“
„Nur den, dir eines begreiflich zu machen, nämlich selbst wenn man etwas sieht, bedeutet das noch keineswegs, dass es auch tatsächlich vorhanden ist. Und wenn man etwas nicht sieht, bedeutet das keineswegs, dass es nicht vorhanden ist. Du siehst lediglich, was deine Sinne dich erkennen lassen.“
S. 204/205
Viel Spaß beim Selbstlesen!
Durchblick?
Da sitze ich also bereits zum dritten Mal im lokalen Optikerfachgeschäft und lasse mir meine neue Brille ausmessen, denn die alte zerfällt so langsam in ihre Einzelteile. Eine nette Optikerin misst die letzten Details wie Augenabstand, erkundigt sich nach Gläserqualität und notiert jetzt die einzelnen Preisdetails auf den Umschlag. Preis des Gestells. Preis der Gläser. Preis der Montage. Alles zusammenzählen kann sie nicht so schnell wie ich (obwohl ich auf dem Kopf stehend lese – die Zahlen, nicht ich …). Ich schlucke leer. Und innerlich stehe ich wirklich Kopf. Ich hätte das Geld, ja, ich habe ja ein bisschen was geerbt. Aber. Nein. Nein, das kann ich mir nicht leisten. Will ich nicht. Zumal ich ja nur noch bis Ende Monat Arbeitslosenuntetstützung bekomme. Achthundertfünfzig Stutz ausgeben für eine richtig gute, schöne und vor allem stabile Brille? Für eine Brille, die – so ähnlich – bei Stamm- und Billigoptiker F. höchstens dreihundert kostet? Ich winde mich. Ich schwitze. Ich sage, dass ich mir diese Brille nicht leisten kann. Dass ich nicht gedacht hätte, dass die Gläser so teuer sind. Und dass die Montage einzeln kostet. Dass … Ich will raus hier, nur raus. Ist das peinlich! Ich gebe der Optikerin ein Trinkgeld für die Beratung und fliehe.
„Durchblick?“ weiterlesen
mit Wörtern malen
Über den Unterschied zwischen der Arbeit einer Töpferin und eines Bildhauers haben J. und ich schon oft diskutiert. Die eine erschafft aus nichts – sprich: etwas nur für sie in ihrem Innern sichtbarem –, ein Werk, eine Schale, eine Figur. Aus nichts anderem als einem Klumpen Lehm. Aus einer formlosen Masse. Auch der Kunstmaler und die Schriftstellerin gehören übrigens zur Spezies Töpferin: aus den von ihnen bevorzugten Grundmaterialien – Wörter, Farben – formen sie Unsichtbares in Sicht- und Fassbares um. Der Bildhauer dagegen nimmt den vorhandenen Stein und befragt ihn und sich nach dessen Essenz. Mit Fingerspitzengefühl, Materialkenntnis, Kunstverständnis sowie Klopf- und Schleifgeräten arbeitet er heraus, was im Stein schlummert. Auch die Fotografin und der Appspressionist gehören zur Familie der Bildhauer – sie nehmen sich, was da ist und verdauen es neu. Pixelmeißelei nennt J. das. Unter anderem.
Ich mag das eine so sehr wie das andere. Und die diesen Arbeiten innewohnende Wahr- und Weisheiten. Mal geht es darum, das eigene Innere nach außen zu krempeln, mal geht es darum hinzuschauen und bereits Vorhandenes, Gesehenes, Gedachtes, Beobachtetes in eine eigene, neue Form zu bringen. Natürlich schöpft auch der Bildhauer aus seinem Innern, klopft die dort aufgehängten Bilder nach neuen Inspirationen ab, und die Töpferin schaut ebenfalls nach außen und synchronisiert Innenschau und Außenwelt. Wohl niemand tut nur das eine.
Gestern habe ich L. kennengelernt, einen sogenannt geistig behinderten Mann. Hat er niemanden, der ihm zuhört, weiß er trotzdem sich und seinem Spiegelbild eine ganze Menge zu erzählen. Nicht sehr gut verständlich für „normale“ Ohren allerdings, doch egal. Hauptsache es kann raus. Höre ich ihm aufmerksam zu, erzählt er mir davon, dass er Angst vor dem Regen hat. Und auch, warum. Er will wissen, ob ich mich auch vor dem Regen fürchte, was ich verneine. Erst gegen Schluss unserer Begegnung verstehe ich die Geschichte, denn die einzelnen Teile seiner Erzählung hat er mir nicht chronologisch präsentiert (wozu auch!), sondern Puzzleteilen gleich, die erst als ganzes ein sichtbares Bild ergeben. Seine Angst vor dem Regen begründet sich, so glaube ich nun zu wissen, in einem an Weihnachten gemachten, unangenehmen Erlebnis: Nass und kalt war es und er wäre wohl damals lieber nicht hinaus gegangen. Vermutlich ist dabei die eine oder andere schöne Erinnerungen an weiße Weihnachten kaputt gegangen. Dass wir „Normalen“ sein Wort Angst hier wohl eher mit Abscheu oder Abneigung umschreiben würden, ist nicht relevant. Angst steht für Unangenehmes. Das muss reichen. L. malt mit andern Farben als ich und du.
Seine Ausdrucksversuche grenzen, will er verstanden werden, an Schwerarbeit.
Wieso versteht die mich denn nicht?, denkt er womöglich. Wieso muss ich alles immer und immer wieder erzählen, bevor sie endlich kapiert? Schwer von Begriff ist sie, ja, wirklich, darum belohne ich sie mit einem Lachen, wenn sie mich richtig wiederholt. Endlich hat sie es kapiert.
L. ist der Töpfer, der in seinem Innern nach formbaren Lauten, Farben und Mustern forscht. Er ist der Bildhauer, der die Wörter, die er aufschnappt, in seine Sätze mit einbaut. Und auf einmal gelingt ein verständlicher Satz. Was für ein Erfolgserlebnis! Und so gar nicht selbstverständlich.
Hüben und drüben der Grenze
Über Helvetismus, schweizerische Identität und deutsche Literatur habe ich hüben wie drüben schon oft diskutiert. Auch über Sprache und Anpassung, über nationale Identität und ihre Klischees.
Eben habe ich auf dem Blog der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser einen genialen Artikel mit viel Weisheit und ebenso viel Schmunzelpotential gelesen.
Kennen Sie den? Zwei Schweizer Schriftsteller betreten eine Bar und…. OK, nicht realistisch. Also, zwei Schweizer Schriftsteller treffen sich auf der Buchmesse oder an einem Literaturfestival. Und wie es unter Berufskollegen üblich ist, klopfen sie sich gegenseitig ab: „Wie läuft’s denn so“, fragen sie. „Mit deinem neuen Roman? Die Kritiken sind ja nicht so… Und bei dir?“
Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Auch wir spielen dieses Spiel. Nur mit anderen Symbolen. Die entscheidende Frage für einen Schweizer Schriftteller ist nicht die nach den Verkaufszahlen. Wir Schweizer reden nicht gern über Geld. Die wichtigste Frage ist die Frage nach Deutschland. Wie läuft es in Deutschland? Kennt man dich in Deutschland? Machst du Lesungen in Deutschland?
Jeder Schweizer Schriftsteller wünscht sich einen deutschen Verlag, Rezensionen in deutschen Zeitschriften. Natürlich auch, weil es einfach sehr viel mehr Deutsche gibt als Deutschschweizer, potentielle Leser, Buchkäufer. Auch, aber nicht nur. Bei Weitem nicht nur.
Es geht tiefer. Es ist komplizierter.
„Sie sprechen aber ein schönes und leicht verständliches Schwyzertüütsch“, lobte mich der Taxifahrer auf dem Weg hierher. Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben, das zu sprechen, was wir „hochdeutsch“ nennen, „richtiges“ Deutsch. Auch jetzt: Ich gebe mir alle Mühe!
Quelle: Milena Moser: Wer bin ich und wenn ja, warum? (hier klicken)
Zwiebelrituale und andere Geheimnisse
Du sitzst am Tisch und schnippelst Zwiebeln. Fast immer, wenn wir zusammen kochen, schnippelst du die Zwiebeln. Lass es uns Zwiebelritual nennen. Jetzt. Hier. Du sucht dir dazu immer das größte Schneidebrett und setzest dich zum Schnippeln hin, während ich gerne im Stehen schnipple. Ich stehe dazu am liebsten neben der Spüle. Ich mag diese Ecke. Da bin ich nahe an allem wichtigen dran: am Wasser, am Feuer. Während ich mich um das Putzen und Zerkleinern des Lauchs kümmere, stehst du bereits hinter mir, am Herd, und schaufelst die Zwiebeln in den Topf, den ich auf die Herdplatte gestellt und mit Olivenöl beträufelt habe. Auf deinem Brett liegen noch eine zerkleinerte Tomate und eine geschnippelte Paprika. Ich reiche dir mein Schneidebrett mit den Lauchstücken und bekomme es gleich wieder leer zurück um mich an die Zucchini zu machen. So jedenfalls mein Plan. Doch das halbe Weißkohlstück, das ich zum Waschen neben die Spüle gelegt habe, kapert meine Aufmerksamkeit und lässt mich die grüne Stange vergessen.
Wie klingt Krautsalat?, frage ich dich, der du hochkonzentriert das Gemüse würzst.
Lecker! Gute Idee!
Hm, ich habe aber keine Weinbeeren mehr. Was meinst du – wir könnten ja zerkleinerte Datteln reinschnippeln?
Mjam, das probieren wir. Und eine Orange, wie du neulich mal gesagt hast?
Au ja, so machen wirs!
Ähm, die Zucchini? Gell, die soll auch in die Sauce rein?
Hin und her spülen unsere Worte. Und wir mit ihnen. Wie ein Tanz, der sich, einmal gelernt, immer und überall tanzen lässt. Wir sind die Töne. Wir sind die Notenlinien. Wir sind die Instrumente. Und wir sind die, die unser Liebeslied komponieren. Ton für Ton.
Während die Spaghetti munter vor sich hin blubbern, schmeckst du bereits die Salatsauce ab – immer ist bei dir ein bisschen Honig mit im Spiel. Mehr verrate ich aber hier nicht. Auch das ein Ritual, ein Teil unseres Tanzes, denn deine Saucen sind ein Tanz für die Sinne. Und dass es als letzte gemeinsame Mahlzeit vor unsern jeweiligen räumlich-zeitlichen Trennungen meistens Spaghetti gibt, ist ebenfalls Teil unseres Küchentanzes.
Später, am Auto, der Abschied. Schon wieder. Viel zu kurz die gemeinsame Zeit. Sage ich. Seufze ich. Und bin unaussprechlich dankbar für all die schönen Augenblicke.
Heute an der Aare. Sonne im Gesicht. Glitzernder Fluss, der mit seinen Strömungen wunderbare, vergängliche Kunst schafft, die es so nie mehr geben wird. Die drei gefundenen Caches. Egal, dass wir den einen am Schluss nicht gefunden haben. Hinterher, zuhause, die heiße Schokolade.
Ich erzähle dir, wie wir als Kinder am Abend zur Milchi spaziert oder geradelt sind. Wie wir dort, in der Bauernzentrale, offene Milch kauften – noch lauwarm, frisch ab Kuh sozusagen, mit dem Litermass aus dem großen Bottich geschöpft. Oder tagsüber im Dorfladen, offen, ab Milchzapfstation. Ich sehe den Milchkessel am Radlenker baumeln. Wie oft wir wohl gestürzt sind und die Milch verschüttet haben? Die weiße Pfütze auf der Straße, von Regengüssen und Hundezungen bald weggeleckt.
Ich erzähle dir, wie unsere Mutter abends die Milch im größten Topf gekocht hat und wir Kinder sie hüten mussten. Eins der wenigen Ämtli, die wir neben dem Einkaufen zu erledigen hatten. Nicht zu früh durften wir den Herd ausschalten, aber auch nicht zu spät, natürlich nicht, sonst lief die Milch ja über. Der richtige Moment war, wenn sie schäumte und langsam stieg.
Sie leiht scho d’Schueh a, nannte ich das, und stellte mir dabei tatsächlich einen sich Schuhe anziehenden Milchtopf vor.
Überlaufen tat sie ziemlich oft, mit offenen Schuhbändeln noch, sozusagen, mitten auf den Herd. Weißer See mit schwarzen Inseln. Bei meinem Bruder tat sie es am häufigsten. Verbrannte Milch auf Herdplatte – ein Geruch nach Kindheit. Und ich sehe mich, wie ich mit einem Suppenlöffel die Milch auf dem Herd in eine Tasse schöpfe. Kostbares Gut! Täglich vearbeitete unsere Mutter die abgekochte Milch zu Natur-Joghurt, das am Morgen stichfest ins Frühstücksmüesli gelöffelt wurde. Jeden Tag verbrauchten wir drei Liter Milch. Der Liter, ich erinnere mich, kostete, als ich noch klein war, aber schon einkaufen und rechnen konnte, weniger als einen Franken. Wir bekamen nämlich immer einen goldenen Zweiräppler pro Liter zurück, wenn wir bei Herrn G. in der Milchi mit drei Franken zahlten. Später stieg der Preis. Wie bei allem. Und heute, ich gestehe es, weiß ich nicht mehr, was ein Liter Milch kostet.
Wir stehen auf dem Parkplatz neben dem Haus. Das Auto ist beladen. Letzte Worte. Letzte Küsse. Ich winke, bis die Rücklichter um die Ecke verschwunden sind. Rücklichter, die verschluckt werden, wird es immer geben. Aber auch Scheinwerfer, die auf mich zukommen. Und neue Umarmungen. Und immer wieder neue und vertraute Tanzschritte mitten in der Küche.
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The Days after
Zugegeben, die letzten Tage war ich ein wenig neben der Spur. Schuld daran war sicher das Patent Ochsner-Konzert am Freitagabend im Bierhübeli Bern. Ein wunderbares und sehr beglückendes Erlebnis, das ich um keinen Preis missen möchte. Wie wir zu viert ganz oben auf der Galerie standen und bei den Songs mitrockten, die umwerfende Erkenntnis:
Hey! Ich bin rundum glücklich. Hier mit Irgendlink, T. und R. zu sein ist einfach nur und total schön!
Zuvor waren wir zwei noch an unserm geliebten Glasbrunnen im Bremgartenwald gewesen. Bereits unterwegs zum Bierhübeli, kam der Anruf meiner Ticketkäuferin. Sie sagte, wo sie mich erwarte. Somit hat auch dieser Teil des Abends super geklappt.
Gestern fuhren wir nach Baden zum Geocachen. Ein schöner Burgruine- und Altstadtspaziergang, obwohl es geflockt hatte und wir uns beinahe den A*** abgefroren haben.


Heute schien bereits am Morgen die Sonne. Wir beschlossen nach Obersiggenthal zu fahren. Dort hatte ich auf der Karte einige überblickbare Multicaches gesichtet. Heute zog es uns nämlich eher in den Wald.
+++
Unten im Dorf parken wir und steigen danach die wirklich steile Dorfstraße bergan.

Am Waldrand angekommen finden wir auch schon die erste Station, eine Verkehrstafel aus deren Piktogrammen und Beschriftung es die Zahlen zu generieren gilt. Mit diesen – wenn man sie denn richtig interpretiert – lässt sich die Richtung und die Entfernung peilen um die zweite Station zu finden.

Es ist wieder furchtbar kalt und schneit. Vielleicht deshalb sind wir nicht gleich aufmerksam und gründlich wie sonst. Anders kann ich es mir nämlich nicht erklären, dass wir nicht merken, dass der Pfeil uns an einen Ort, der 250m entfernt war, hinschickt. Ist ja unlogisch, wo wir doch 153 Meter Luftlinie eingegeben haben. Zu unserer Verteidigung sei gesagt, dass Irgendlink seine Brille nicht dabei hat, wir aber die Koordinaten in seine GPS-App eingeben. Wir gehen durch den tiefverschneiten, Stein und Bein gefrorenen Wald und lassen uns zu Abkürzungen hinreissen, die uns zu schönen Hochsitzen führen. Doch irgendwann begreifen wir, dass etwas nicht stimmen kann. Irgendwann drückt mir Irgendlink sein Telefon in die Hand, weil er ja doch nicht genau sieht, wohin wir eigentlich müssen. Einzig den Richtungspfeil erkennt er. Ich sehe, dass wir inzwischen um die dreihundert Meter vom eigentlich 153 Meter entfernten Basis-Punkt sind. Klar, Luftlinie und Waldwege sind zweierlei, das weisß jede Cacherin, aber eine so große Abweichung kann eigentlich auf so kleine Distanzen nicht sein.
Schließlich übertrage ich die Daten von seiner GPS-App auf meine, da ich übers Schweizer Handy-Netz die Karten laden und so unseren Standort besser orten kann. Ich überprüfe dabei auch gleich die Peildaten und begreife endlich: Wir sind von falschen Basisdaten ausgegangen! Da ein paar Caches, die wir geladen haben, zur gleichen Serie gehören und ähnliche Namen haben, haben wir schlicht und einfach die Daten eines anderen Caches als Basisdaten für die Peilung eingegeben *shameonus* …
Wie blutige Anfänger!, sage ich. Wir lachen über uns, denn letztlich ist es eben einfach schön, wo wir sind. Inzwischen schneit es auch nicht mehr. Mir macht der Spaziergang durch den Wald, trotz gefrorener Rotznase, total Spaß. Das Sonnenlicht durchbricht beinahe die Wolkendecke. Hell ist es wieder geworden und der Schnee blendet.
Wer viel im Wald unterwegs ist, weiß es: Längst ist nicht jeder Wald gleich. Dieser hier hat, finde ich, etwas märchenhaftes an sich. Es ist sehr ruhig hier und ich genieße es, hier zu sein. Und die tollen Hochsitze hätten wir ohne unser Missgeschick auch nie entdeckt.
Bei den errechneten Koordinaten finden wir den versprochenen Grenzstein – ta-ta-ta-taaaa! – nein, nicht auf Anhieb, sondern gar nicht! So betrachte ich erneut unsere Berechnung und stelle fest, dass ich statt eine drei- nur eine zweistellige Zahl für die Gradberechnung ermittelt habe. Schnell korrigiere ich den Fehler und notiere mir mit zunehmend klammen Fingern im Schnee die neuen, richtigen Koordinaten, um sie von der einen in die andere App, ins GPS-Kit, eingeben zu können.
Heute ist mein brillenloser Liebster für einmal wenig aktiv, was die technische Seite der Cachesuche betrifft. Dafür muss schon bald seine linke Hand als Notizzettel hinhalten, als wir beim gesuchten Grenzstein ankommen und die neuen Zahlen finden, mit denen wir die Koordinaten für den Finalcache ermitteln.

Leider liegt der Cache, wie wir bald entdecken müssen, mitten zwischen zwei Wegen an einem vollgeschneiten Hang. Wir zwei Weichei- und Warmdusch-Cachende frieren inzwischen doch zu sehr und haben keine Lust darauf, durch den halbschienbein hohen Schnee zu waten. So drehen wir, zehn Meter vor der Findung, einfach um.
Und die Moral von der Geschicht‘?, sage ich. Manchmal sind Umwege dazu da, schöne neuen Ecken zu entdecken.
Aber, entgegnet mein Liebster, aber wer weiß schon, welchen schönen Platz wir entdeckt hätten, wenn wir diesen Umweg NICHT gemacht hätten, sondern von Anfang an richtig gelaufen wären? Die Moral heißt also eher: Wir können nie zwei Wege gleichzeitig gehen und wir wissen auch nie, was uns auf dem anderen Weg erwartet hätte.
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* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.
Achtung, fertig … looos!
Wie ich mich freue! Nur noch zweimal schlafen und dann geht’s auch schon wieder ab nach Bern. Am Freitag spielen Patent Ochsner im Berner Bierhübeli. Weil meine Freundin M. nun doch nicht kann, haben wir noch ein Ticket vörig …
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. 🙂
Die Daten:
Freitag, 22.2.13
Konzertbeginn: 20:00
Türöffnung: 19:00
Preis: 48.–
Ach ja, das Konzert ist übrigens schon lange ausverkauft!!!
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=a1zN4RUGjfE]
Zur Webseite der Ochsen
gestern, häute, morgen.
über Haut
Gestern vorbei
ich häute mich heute
morgen schon soll die neue mich schützen
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Gestern im nahen Ormersviller/F auf Geobcachetour* …
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* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.
freitags unterwegs
Manchmal braucht es nicht mal Sonnenschein, um das Leben genießen zu können. Ein Spaziergang mit Irgendlink über die weiße Triesch. Eine kleine HochSIEtz-Tour.
Während der Liebste Bilder schießt, schießt es mir durch den Kopf, wie es wohl wäre, jetzt irgendwo in Lappland zu sein. Weit und breit keine anderen Menschen. Nur der Winter und wir. Da freu ich mich sogar über einen Strommast, der aus dem Nebel auftaucht. Und wenn hin und wieder ein Hochsitz Menschennähe vorgaukelt.
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