Lenz im Prisma

Was so eine Gruppen-Ausstellungseröffnung alles zu tun gibt, ist nicht zu unterschätzen. Gestern haben wir den ganzen Tag an den Feinheiten gearbeitet wie Rahmung, Verpackung und Präsentation der kleinen Bilder für den „Offenverkauf“, Etikettierung und dergleichen Kleinkram mehr.
Im Prisma herrschte reger Betrieb, als wir kurz nach 17 Uhr eintrafen. Die Stunden der letzten Dinge. Da wird noch ein bisschen Hand angelegt und dort noch ein wenig gerade gerückt. Doro rennt mit ihren schön glasierten Raku-Kugeln herum, um den besten Platz zu finden. Irgendlink klebt die Etiketten an die Wand, während ich bei Optiker F. meine neue Brille hole. Und schließlich kommen die ersten Gäste.

Hier ein paar (leider nicht sehr gute) Schnappschüsse. Mein iPhone kommt bei wenig Licht deutlich an seine Grenzen …

Blooß kään Stress – besser noch eine Tasse Kaffee trinken! -> Bild: unterste Reihe, zweites von rechts. | Irgendlink mit Interessierten im Kunstgespräch -> Bilder: zweitoberste Reihe, zweites von rechts und erstes unten links
Lenz 1
Artur verrät uns sein Geheimnis: zwei seiner Bilder passen zusammen. Psst, nicht weitersagen. -> Bilder: zweites von links in der obersten Reihe und erstes unten links. | Irgendlinks Bilderwand -> Bild: ganz rechts in der obersten Reihe.
Lenz 2
Erst danach, wieder zuhause, merken wir, wie müde wir sind. Wie viel Energie wir für die Ausstellung aufgewendet haben. Wie anstrengend das alles war. Endlich vom Tisch … Puh …
Und doch, es war angenehm … und schön, dass soo viele Leute gekommen sind.
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Bilder und Montage:
Appspressionismen (iPhoneArt)

katzenweise …

… oder das erste Bild zu meinem neuen Katzenblog? 😉
mietzforblog
Warum Mietze unsere Hausschuhe mag, ist mir ein Rätsel. Ob es als Kompliment zu verstehen ist? Verstehe einer die Katzen – verstehe einer die Menschen!
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Bilder und Montage:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Habemus papam oder falls ich Papst werden sollte

Habemus papam!, sagt Irgendlink, der die Nachrichten aus dem Netz fischt.
Und – wer ist es denn? Eine Frau oder ein Mann?, frage ich, kurz vom Krimi aufschauend, den ich lese.

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Im heutigen Newsletter von SPUREN lese ich:

Eines von Adolf Holls schönsten Büchern heisst: FALLS ICH PAPST WERDEN SOLLTE.
Diese ungemein witzig und fein erzählte Geschichte handelt von einem sanften Umbau der katholischen Kirche unter einem altersmilden Papst, wie wir ihn uns nur wünschen können.
Im Rahmen eines kurzen, überaus freundlichen Gesprächs wurde ich mit dem Autor einig, dass dieses schöne, leider vergriffene Buch dringend wieder aufgelegt werden sollte. Und so darf ich Ihnen heute zurufen:
Habemus Holl!
Edition Spuren lässt weissen Rauch in den Himmel steigen und lädt Sie ein, sich dieses Leservergnügen zu gönnen.

Adolf Holl: Falls ich Papst werden sollte
Taschenbuch, 176 Seiten, Fr. 14.50
Mehr zum Buch und eine Leseprobe finden Sie unter
http://www.spuren.ch/edition_comments/1425_0_23_0_C/

Unter der Decke

Wieder hat sich die Welt um mich herum in einen weißen Pelz gehüllt, einen nassen, kalten Pelz, der sie isoliert und vor Eisschmerz schützt. Ich gestehe dennoch, dass ich genug von Kälte und weißem Einerlei habe. Täglich schiele ich auf die Prognosen und zähle die Tage, bis nachts wieder Plusgrade sein werden und wir hier, auf dem einsamen Gehöft, die Wasserleitungen erneut öffnen können. Fließend Wasser ist nicht zu unterschätzen!
Sonntags, im Oberwürzbacher Wald auf Geocachingtour*, haben wir uns diese angekündigten Schneefälle ja kaum vorstellen können, doch gestern, in Saarbrücken unterwegs, war der kurze Frühlingseinbruch von letzter Woche nur noch eine Mär.
Jetzt leben solle der Mensch … Stimmt ja, zumal es jetzt viel zu tun gibt. Irgendlink trifft Vorbereitungen für die Ausstellung LENZ, an der er mit seiner Kunstgruppe Prisma beteiligt ist (Flyer großklickbar).

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Wer weiß, vielleicht hast du Zeit und Lust, bei der Vernissage mit uns anzustoßen? Herzliche Einladung!

Und wenn ich schon am Verbreiten guter Nachrichten bin: Auf Sofasophia appt die Welt zeige ich heute ein Bild, das ich zu meinen eigenen Favoriten zähle: Love Your Shadows (und gestern das Rohbild dazu).
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Habe ich eigentlich hier mal vom neuen Zyklus auf pixartix_dAS bilderblog erzählt? Strassen & Wege lautet das aktuelle Thema. Wieder beteiligen sich bereits ganz unterschiedliche FotokünstlerInnen, die sich täglich abwechseln. Andere werden später dazustoßen.
Viel Spaß beim Reinschauen!
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* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

In Teufels Küche und zurück

Kennst du eigentlich Hinterweidenthal?, fragt der Liebste beim Spätstück. Er schmiert sich genüßlich ein Brot, sein Appetit kehrt offensichtlich zurück.
Hinterweidenthal? Ich runzle die Stirn. Joke oder wahr?, überlege ich, gewohnt daran, dass Irgendlink zuweilen schräg denkt und gerne mit Wörtern spielt. Hinterweidenthal klingt definitiv gut erfunden. Befinde ich. Schüttle den Kopf. Warte, was nachkommt.
Da könnten wir geocachen* heute, sagt er nun. Wenn du magst.
Ich zücke mein iPhone, öffne die Geocaching-App* und weiß zehn Sekunden später, dass es diesen Ort tatsächlich gibt – mitten im Pfälzerwald – und dass er eine ziemliche Cachedichte hat. Was für Sehenswürdigkeiten spricht. Der Teufelstisch – klingt das nicht mirakulös?
Ist es auch!,
bestätigt Irgendlink. Ich lade mir auch gleich noch den Cache „Tunnelblick“ aufs iPhone und ein paar weitere. Mal schauen, wie wir mögen. Beide sind wir noch auf Halbmast, doch es zieht uns mächtig raus in die Natur, raus in den Wald.
Die Anfahrt beschert uns den Blick auf eine Großbaustelle namens B 10. Neue Straßen werden gebaut, ganze Waldabschnitte wurden dazu gerodet. Rote Erde liegt offen. Mondlandschaften. Unterwegs in Teufels Küche? Da geht es heiß her, wie man sieht. Kalte Küche wäre hier undenkbar.
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Wir wandern vom Parkplatz zur Tischplatte des Teufels und staunen über dieses Kunstwerk der Natur. Uralt. Verwittert. Roter Buntsandstein. Erodiert. Magisch.
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Anschließend wandern wir zum Geocache „Tunnelblick“, den Irgendlink aka Pfaelzer vor vielen Jahren versteckt hat. Eine wunderschöne Ecke, trotz naher Bundesstraße. Wir hören nichts außer Vogelgezwitscher und unsere Echos, die wir im Tunnel klingen lassen.
Friedlich und still ist es hier. Zuerst zaghafte Regentropfen, kurz nur, dann Frühlingssonne vom Feinsten.
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Unterwegs schießen wir das eine oder andere Bild, ein Regenbogen guckt kurz zwischen den Wolken hervor und wir zwei kommen langsam wieder zu Kräften.
Betreten auf eigene Gefahr – müsste das nicht überall im Wald stehen? Im ganzen Lebensdschungel? An jeder Hausecke, sage ich, als ich diese Tafel hier sehe. Das ganze Leben ist Betreten-auf-eigene-Gefahr!
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Unterwegs bunter Kleinkram …
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Und zu guter Letzt auf dem Rückweg noch ein Abstecher in Blinkyblankys Atelier.
Wie bunt Leben doch sein kann!
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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Können und nicht können

Kunst kommt von können. Doch können ist mehr als Kunst, können ist auch Macht. So ist zum Beispiel Holzhackenkönnen eine mächtige Kunst. Eine, die man zum Überleben auf dem einsamen Gehöft können sollte. Wie froh ich bin, dass es nicht mehr so kalt ist. Wir brauchen deutlich weniger Holz und können heute den Haupthahn wieder aufdrehen und schon bald das kühle Nass ohne Umwege über Bottiche genießen. Wohl wird es vermutlich in ein paar Tagen nachts wieder kühler, doch das interessiert uns heute nicht und morgen auch nicht.
Holzhacken gehört zu den vielen Künsten, die ich nicht beherrsche. Kleine Stücke hacken geht, aber so richtig und richtig gut kann ich auch die nicht. So müsste ich hier wohl erfrieren, wenn nicht der Liebste. Aber der liegt darnieder. Mit Magendarmgrippe, die ihn heute Nacht um vier niedergestreckt hat. Er liegt im Bett oder auf dem Sofa, trinkt Honigtee und Cola. Bouillon später. Er sagt wenig. Er mag nicht. Und er muss oft. Nun flüstert er mir zu, welche Wasserhähnen ich zuerst schließen muss, damit die Hauptleitung geöffnet werden kann und das Wasser schon bald fließen. Auch eine Kunst. Eine, die ich lernen kann. Das Wissen eines Eingeweihten, das soeben weitergegeben wird. Bauesoterisches Wissen, sozusagen, sorgfältig gehütet. Ich werde nichts verraten.
Mögen mich die Käfer verschonen. Noch summt zwar mein Kopf vom gestrigen Kopfweh und der Bauch murmelt aus Mitgefühl übellaunig mit, mehr nicht. Gut.

Rupert oder warum wir sehen, was wir wollen

Neulich habe ich den fünften Band der Galaxis-Trilogie von Doug Adams in die Finger bekommen und verschlungen. Das letzte Buch der Serie: Einmal Rupert und zurück. Das erste habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und die drei mittendrin noch gar nicht. Was ich aber sicher nachholen werde.
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Nein, warum Doug Adams‘ Bücher Kult sind, muss nicht erklärt werden, nur warum ich diese Geschichten so mag. Mich begeistert die geniale Mischung aus traditionellem englischem Lebensstil inklusive dazugehörigem knochentrockenem Humor, einem großen Quäntchen Lebensweisheit und diesem genial-schrägen Mix voller Außerirdikum. Einem sehr schrägen Mix, der mir außerordentlich gut gefällt – und das mir, die ich mit dem üblichen Sciencefiction-Kram sonst nichts am Hut habe.
Arthur Dent sucht im ersten Drittel des 5. Buches mal wieder seinen verschollenen Heimatplaneten und schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Universum durch. Er landet schließlich auf einem der Erde ähnlichen Planeten, wo er, so verheißt es der Reiseprospekt, bei einem der vielen Weisen seinen persönlichen Ratschlag erhalten kann. Er findet nach einiger Suche eine alte Frau, die in einer stinkenden Höhle lebt und sich mit Fliegenklatschen die Zeit vertreibt. Alles stinkt und wäre Arthur nicht so sehr auf einen Tipp angewiesen, wie er den Rest seines Lebens irgendwie und irgendwo gut und sinnvoll leben kann, hätte er wohl aufgegeben. Er spricht sie zögerlich an. Sie bittet ihn – im Gegenzug für einen Ratschlag – darum, ihr dabei zu helfen, ihren Solardrucker aus der Höhle an die Sonne zu tragen. Danach druckt sie einen längeren Text für ihn aus und überreicht ihm diesen.

„Das wäre, ähm, wäre dann ihr Rat, ja?“, sagte Arthur, unsicher in den Kopien blätternd.
„Nein“, sagte die alte Dame. „Das ist meine Lebensgeschichte. Um die Qualität irgendwelcher Ratschläge, die man von irgendwem kriegt, richtig beurteilen zu können, muss man nämliche wissen, wie der Lebenslauf des Ratgebers aussieht. Also, beim Durchblättern dieser Unterlagen werden Sie sehen, dass ich alle bedeutenden Entscheidungen unterstrichen habe, um sie hervorzuheben. Sind außerdem alle in einem eigenen Verzeichnis ausgeführt und mit Kreuzverweisen versehen. Sehen Sie? Und ich rate Ihnen grundsätzlich nur Entscheidungen zu treffen, die das genaue Gegenteil von denen sind, die ich getroffen habe, weil sie dann wahrscheinlich Ihren Lebensabend …“ Sie verstummte kurz und füllt ihre Lungen mit Luft, um ordentlich brüllen zu können. „… nicht in einer stinkenden alten Höhle wie der hier verbringen müssen!“

(S. 112/113)
Später überlebt Arthur einen Raumschiffabsturz und wird Sandwichmacher auf einem Planeten, der ungefähr dem evolutionären Level unseres Mittelalters entspricht. Eines Tages, Arthur hat sich gut eingelebt, erscheint Trillian, die Weltraumjournalistin, die er bereits im ersten Band kennengelernt hat. Sie stammt ebenfalls von der verschwundenen Erde und bringt ihm, aus Sicherheitsgründen, ihre gemeinsame Tochter, von der Arthur Dent keine Ahnung hatte. Wie auch, denn das Mädchen hat Trillian mit Samen aus der Samenbank gezeugt, wo Arthur Dent – um seine vielen Raumschifffahrten bezahlen zu können –, argolos Samen hinterlegt hatte. Nun soll er seine Vaterpflichten erfüllen, denn bei ihm ist das Mädchen sicherer als bei der immer reisenden Mutter. Natürlich ist es dem Teeniegirl Random, von ihrer Mutter verlassen worden und bisher an Space und Speed gewohnt, im mittelalterlichen Dorf sehr bald langweilig. Eines Tages findet sie ein Paket, das ihr Vater Arthur für seinen alten Kumpel Prefect Ford aufbewahren soll. Sie packt es heimlich aus und findet darin eine neue, von den Vogonen hergestellte und manipulierte Version des guten alten interaktiven Reiseführers durch die Galaxis, den wir bereits im Band 1 kennenlernten. Der neue Führer manifestiert sich als allmächtiger Vogel. Hören wir doch einfach einmal zu, wie die beiden nachts in einer abgelegenen Höhle miteinander diskutieren. Es regnet und der Vogel-Führer lässt Licht in die Tropfen strahlen.

„Und was siehst du jetzt?“
Das Licht ging aus.
„Nichts.“
„Dabei tue ich genau das gleich wie vorher, nur mit ultraviolettem Licht. Du kannst es nicht sehen.“
„Und was soll das für einen Sinn haben, mir was zu zeigen, was ich nicht sehen kann?“
„Nur den, dir eines begreiflich zu machen, nämlich selbst wenn man etwas sieht, bedeutet das noch keineswegs, dass es auch tatsächlich vorhanden ist. Und wenn man etwas nicht sieht, bedeutet das keineswegs, dass es nicht vorhanden ist. Du siehst lediglich, was deine Sinne dich erkennen lassen.“

S. 204/205
Viel Spaß beim Selbstlesen!

Durchblick?

Da sitze ich also bereits zum dritten Mal im lokalen Optikerfachgeschäft und lasse mir meine neue Brille ausmessen, denn die alte zerfällt so langsam in ihre Einzelteile. Eine nette Optikerin misst die letzten Details wie Augenabstand, erkundigt sich nach Gläserqualität und notiert jetzt die einzelnen Preisdetails auf den Umschlag. Preis des Gestells. Preis der Gläser. Preis der Montage. Alles zusammenzählen kann sie nicht so schnell wie ich (obwohl ich auf dem Kopf stehend lese – die Zahlen, nicht ich …). Ich schlucke leer. Und innerlich stehe ich wirklich Kopf. Ich hätte das Geld, ja, ich habe ja ein bisschen was geerbt. Aber. Nein. Nein, das kann ich mir nicht leisten. Will ich nicht. Zumal ich ja nur noch bis Ende Monat Arbeitslosenuntetstützung bekomme. Achthundertfünfzig Stutz ausgeben für eine richtig gute, schöne und vor allem stabile Brille? Für eine Brille, die – so ähnlich – bei Stamm- und Billigoptiker F. höchstens dreihundert kostet? Ich winde mich. Ich schwitze. Ich sage, dass ich mir diese Brille nicht leisten kann. Dass ich nicht gedacht hätte, dass die Gläser so teuer sind. Und dass die Montage einzeln kostet. Dass … Ich will raus hier, nur raus. Ist das peinlich! Ich gebe der Optikerin ein Trinkgeld für die Beratung und fliehe.
„Durchblick?“ weiterlesen

mit Wörtern malen

Über den Unterschied zwischen der Arbeit einer Töpferin und eines Bildhauers haben J. und ich schon oft diskutiert. Die eine erschafft aus nichts – sprich: etwas nur für sie in ihrem Innern sichtbarem –, ein Werk, eine Schale, eine Figur. Aus nichts anderem als einem Klumpen Lehm. Aus einer formlosen Masse. Auch der Kunstmaler und die Schriftstellerin gehören übrigens zur Spezies Töpferin: aus den von ihnen bevorzugten Grundmaterialien – Wörter, Farben – formen sie Unsichtbares in Sicht- und Fassbares um. Der Bildhauer dagegen nimmt den vorhandenen Stein und befragt ihn und sich nach dessen Essenz. Mit Fingerspitzengefühl, Materialkenntnis, Kunstverständnis sowie Klopf- und Schleifgeräten arbeitet er heraus, was im Stein schlummert. Auch die Fotografin und der Appspressionist gehören zur Familie der Bildhauer – sie nehmen sich, was da ist und verdauen es neu. Pixelmeißelei nennt J. das. Unter anderem.
Ich mag das eine so sehr wie das andere. Und die diesen Arbeiten innewohnende Wahr- und Weisheiten. Mal geht es darum, das eigene Innere nach außen zu krempeln, mal geht es darum hinzuschauen und bereits Vorhandenes, Gesehenes, Gedachtes, Beobachtetes in eine eigene, neue Form zu bringen. Natürlich schöpft auch der Bildhauer aus seinem Innern, klopft die dort aufgehängten Bilder nach neuen Inspirationen ab, und die Töpferin schaut ebenfalls nach außen und synchronisiert Innenschau und Außenwelt. Wohl niemand tut nur das eine.
Gestern habe ich L. kennengelernt, einen sogenannt geistig behinderten Mann. Hat er niemanden, der ihm zuhört, weiß er trotzdem sich und seinem Spiegelbild eine ganze Menge zu erzählen. Nicht sehr gut verständlich für „normale“ Ohren allerdings, doch egal. Hauptsache es kann raus. Höre ich ihm aufmerksam zu, erzählt er mir davon, dass er Angst vor dem Regen hat. Und auch, warum. Er will wissen, ob ich mich auch vor dem Regen fürchte, was ich verneine. Erst gegen Schluss unserer Begegnung verstehe ich die Geschichte, denn die einzelnen Teile seiner Erzählung hat er mir nicht chronologisch präsentiert (wozu auch!), sondern Puzzleteilen gleich, die erst als ganzes ein sichtbares Bild ergeben. Seine Angst vor dem Regen begründet sich, so glaube ich nun zu wissen, in einem an Weihnachten gemachten, unangenehmen Erlebnis: Nass und kalt war es und er wäre wohl damals lieber nicht hinaus gegangen. Vermutlich ist dabei die eine oder andere schöne Erinnerungen an weiße Weihnachten kaputt gegangen. Dass wir „Normalen“ sein Wort Angst hier wohl eher mit Abscheu oder Abneigung umschreiben würden, ist nicht relevant. Angst steht für Unangenehmes. Das muss reichen. L. malt mit andern Farben als ich und du.
Seine Ausdrucksversuche grenzen, will er verstanden werden, an Schwerarbeit.
Wieso versteht die mich denn nicht?, denkt er womöglich. Wieso muss ich alles immer und immer wieder erzählen, bevor sie endlich kapiert? Schwer von Begriff ist sie, ja, wirklich, darum belohne ich sie mit einem Lachen, wenn sie mich richtig wiederholt. Endlich hat sie es kapiert.
L. ist der Töpfer, der in seinem Innern nach formbaren Lauten, Farben und Mustern forscht. Er ist der Bildhauer, der die Wörter, die er aufschnappt, in seine Sätze mit einbaut. Und auf einmal gelingt ein verständlicher Satz. Was für ein Erfolgserlebnis! Und so gar nicht selbstverständlich.