Die Schlange hat immer recht

Während ich mich heute Nachmittag vor dem Bürgeramt – von Bürgerinnen mal wieder keine Spur! – auf eine lange Wartezeit einstellend, auf einem Stuhl niederlasse, sondiere ich die Lage. Bei vier von sieben Büros hängt die Tafel „geöffnet“, bei den anderen steht „geschlossen“. Könnte also bei zehn wartenden Menschen ungefähr eine Viertelstunde bis eine halbe Stunde dauern, rechne ich aus. Aber wie weiß ich, wann ich an der Reihe bin, wenn ich mir die Leute nicht anschaue? Ich muss mir alle Gesichter merken, damit ich nicht überholt werde, überlege ich, und komme mir dabei lächerlich und kindisch vor.
Da kommen zwei Damen von links. Sie trippeln ungeduldig vor eben jener Türe auf und an, vor der ich mich hingesetzt habe. Meine Tür sozusagen. Ich habe eben noch gesehen, wie zwei Menschen dahinter verschwunden sind, ehe ich mich hingesetzt habe. Nun sehe ich drei Fußpaare hinter der Glasfront. Der Rest der Wand ist weiß-gräulich, undurchsichtig, so dass ich nur die Silhouetten sehe.
Wie läuft das hier? Kommen als nächstes die am längsten Wartenden dran oder die vor dieser Türe Schlange stehenden? Keine Ahnung, denn so weit eingeweiht in die deutschen Gepflogenheiten bin ich nun doch noch nicht. Ich stelle fest, dass die beiden neuen Damen nur zufällig zusammen gekommen. Sie kommunizieren nämlich nicht miteinander. Halt, stimmt nicht! Sie kommunizieren nonverbal: Ich war zuerst da!, sagt die Blonde. Nein ich!, sagt die Braunhaarige. Eben will ich mein Talent Körpersprache lesen zu können verfluchen, als auch schon die Türe aufgeht. Ich stehe auf. Vergesse, dass andere schon länger warten – allerdings vor einer anderen Türe. Von uns dreien vor dieser Türe bin definitiv ich die Nächste. Während die Schritte der beiden Menschen, die vor mir im Büro waren, allmählich im langen Flur verhallen, stellt sich die Beamtin in die Türe und blickt in die Runde der Wartenden.
Wieso gehen Sie denn nicht in eines der anderen Büros. Es sind ja noch drei weitere geöffnet!, sagt sie lachend. Ich runzle erstaunt die Stirne, sage aber nichts, denn die eine der Frauen, die nach mir gekommen sind, spricht eben die Beamtin an.
Sind Sie schon an der Reihe?, fragt sie die blondierte Frau und wirft dabei einen Blick auf mich, denn sie scheint ebenfalls des Körpersprachelesens kundig zu sein.
Die Blonde schüttelt beschämt den Kopf und zuckt mit den Schultern. Derweil schlüpfe ich ins Büro. Ich melde mich in Deutschland ab. Zwei Minuten später bin ich wieder draußen, Weltenbürgerin ich, mit Heimweh im Rucksack.
Ich wünsche Ihnen alles Gute auf ihrem weiteren Weg!, hat sie gesagt, die Frau vom Amt. Und ich schlicht: Danke gleichfalls.
Warum zum Teufel glauben wir der Schlange immer?, frage ich mich auf dem Weg zum Auto.

Maske bitte!

In Fassadenbauen sind wir gut. Würde mir die Frau von der Arbeitsagentur oder jene an der Kasse im Bioladen ansehen oder zutrauen, dass ich so denke, wie ich denke? Dass ich so zartbesaitet bin? Dass ich so bin, wie ich bin? Nur mal angenommen, sie würde sich das überhaupt fragen. Und ich? Auch ich sehe nur ihre Fassade. Dabei lese ich womöglich ab und zu in ihrem Blog und kenne sie somit längst. Ja, im Internet sind viele von uns mutiger, offener und authentischer als im realen Leben. Pseudonyme sind die Fasnachtsmasken der virtuellen Gesellschaft, hinter denen wir so richtig echt uns selbst sein können.
Schnitt.
Den Film Die Herrschaft der Männer, den mir Canela im Kommentarstrang vom letzten Artikel empfohlen hat, kann ich nur allen weiterempfehlen. Irgendlink und ich haben ihn uns heute Nachmittag angehört, während wir am Kunstarbeiten waren.
Ich musste zwischendurch immer mal wieder auf Pause klicken, weil wir das eine oder andere Stichwort diskutieren wollten. Echt verrückt fand ich besonders jene Passage gegen Schluss, wo ein Zusammenschnitt fünf oder sechs Männer aus Quebec gezeigt wurde. Quebec ist, wie ich heute erfahren habe, so emanzipiert, dass sich gewisse Männer dort ihres Lebens nicht mehr wohl fühlen (wie vielen Frauen auf der Welt es wohl andernorts so geht?). Sie ließen kein einziges gutes Haar an dieser Entwicklung. Am schlimmsten fand ich, dass einer von ihnen meinte, dass die Statistiken über Gewaltverbrechen getürkt seien. Nicht 85% aller Gewaltdelikte würden an Frauen, sondern von Frauen an Männern verübt, sagte er. Dass er glaubte, was er sagte, machte das ganze besonders grotesk. Ich musste an die Holocaustlüge denken, als schon ein nächster Mann meinte, dass das, was die Frauen in Quebec und auch anderswo anrichten, schlimmer sei als das, was die Nazis damals gemacht hätten. Sie (die armen Männer) würden total unterdrückt. Was sei schon ab und zu eine Ohrfeige im richtigen Moment gegen diese Hetzkampagnen der Emanzen?!
Das ist ja das pure Matriarchat!, sagte einer von ihnen, als wäre das M-Wort ein F-Wort. Worauf J. meinte, ob sich dieser Mann wohl schon mal überlegt habe, wie es für Frauen sei, im Patriarchat zu leben.
Dass Männer ganz eindeutig das schwächere Geschlecht sind, wurde mir heute deutlich, als ich den jungen Frauen zuhörte, die nach ihrem Männerbild befragt, Antworten gaben, die mir alle Haare zu Berge stehen ließen. Dass Männer eben Frauen brauchen, die zu ihnen aufschauen, war da noch etwas vom harmloseren (wenn auch getarnt harmlos natürlich). Männer brauchen dies und Männer brauchen das … Das arme, schwache, bedürftige Geschlecht. Unausgesprochen das Satzende, dass die armen Männer sich mit Gewalt holen, wenn sie nicht freiwillig kriegen, was ihnen zusteht. Dinge, von denen sogar Frauen glauben, dass es Männern zusteht. Macht über sie, nur so als Beispiel. Ich zitiere hier nur, was junge Frauen von heute sagen und denken. Und vor allem verinnerlicht haben. Wenn jede dieser Frauen sich auch nur halb so viel Gedanken darüber machen würde, was sie selbst braucht und was ihr wirklich (!) gut tut, sähe die Welt besser aus. Und wenn auch nur ein paar von diesen Männern sich Gedanken machen würden, was denn ihre Partnerinnen brauchen …
Die verbeulten, vernarbten, eingegipsten, sprich verprügelten Frauen, die interviewt wurden, haben alle eins gemeinsam: sie haben längst den Glauben an ihren Wert verloren und harren in dieser Beziehungswüste mit täglichen Schikanen oft schon seit Jahrzehnten aus.
Nein, nicht alle Frauen und nicht alle Männer sind so, aber das verinnerlichte Frauenbild in unserer Gesellschaft hat mich einmal mehr geschockt. Im Film sehen wir sehr viele Aspekte, wo sich dieses rosa Frauen-Idealbild im Alltag zeigt. Ob im Spielwarenladen oder auf dem Strich ist gar kein so großer Unterschied: sind die Frauen schön, klein, süß und nett und verhalten sich adäquat, ist alles gut *hüstel* …
Im Film hören wir auch Gespräche mit einem Künstler, der am Rechner Bilder von Models aufpimpt, und mit einem Arzt, der Penisse verlängert. Die Aussagen des Mannes, der seinem Leben mit seinem nun endlich verlängerten Ding mehr Würde, Macht, Männlichkeit und somit Daseinsberechtigung zu verleihen glaubt, sind so peinlich, dass ich mich frage, ob er das wirklich glauben kann, was er da sagt. Doch offenbar schon.
Irgendwie muss ich bei vielen der gezeigten Männern an die Tamagotchis von früher denken, die immerzu riefen: Hab mich lieb, hab mich lieb, hab mich lieb.
Ich glaube, ich habe die Gleichwertigkeit von Mann und Frau einfach in mir drin. Ich komme gar nicht auf die Idee, mich unterdrückt zu fühlen, wenn ich nach dem Essen den Tisch abwische oder das Geschirr in die Spülmaschine stelle. Haushalt ist doch nicht minderwertig und ich mach‘ ja genauso viel Dreck wie du …, sagt Irgendlink später.
Das nenn ich wahre Männlichkeit Menschlichkeit.

stromlinienförmig

Bei meinem heutigen Netz- und Blogspaziergang habe ich, wie oft, auch bei Luisa vorbeigeschaut. Heute hat sie von Zeitschriften, die sie mag erzählt, interessiert an rarer intelligenter Lektüre. Unter anderem erwähnte sie die beiden Frauenzeitschriften Fräulein und Missy. Was für abstoßende Namen, dachte ich, doch da muss Qualität dahinter stecken, anders würde Luisa diese Magazine nicht erwähnen. Ein paar Google-Minuten später wusste ich mehr. Kontraste zu Frauenhochglanz-Zeitschriften sollen gesetzt werden, und andere Themen behandelt als immer nur Diät, Männer, Kosmetik und Mode. Auch Gefühle und Befindlichkeiten sollen Platz haben. So ungefähr stand es in der Eigenwerbung von Fräulein. Woanders las ich über diese noch recht neue Zeitschrift, dass die Oma des Herausgebers, damals eben noch Fräulein genannt, sich – in ihrer Tätigkeit als Tennisspielerin – erdreistet hatte, ihren beim Sport hinderlichen langen Rock auf Kurzhosenlänge abzuschneiden. Damals ein mutiger Akt, ohne Zweifel. Heute? Würden wir damit knapp ein müdes Gähnen ernten. Hut ab vor diesem mutigen Fräulein, also.
Eine Zeitschrift ohne Mode, Männer, Kosmetik und Diät? Klingt gut, da es hier offenbar um mehr als Schein und Fassade geht. Und ich frage mich mal wieder, warum wir Frauen uns von diesem vermeintlich männlichen Blick überhaupt diktieren lassen, wie wir zu sein und auszusehen haben. Wenn ich allerdings Männer auf ihre Schönheitsideale anspreche oder einfach nur dabei zuhöre, wie sie die Welt und die Frauen sehen, erstaunt es mich, dass dieser von uns Frauen geglaubte Blickwinkel nicht wirklich zutrifft. Eher leider so: Wir Frauen zensurieren uns in erster Linie selbst und lassen es auch gleich noch von anderen Frauen mit uns machen. Wir Frauen bekritteln uns Frauen gegenseitig mehr noch als es Männer tun. Anders auf jeden Fall. Wir Frauen wetteifern gegenseitig: bin ich dicker, bin ich dünner, bin ich netter, bin ich dümmer? Bin ich schön?, wie Doris Dörrie einen Film lang fragte. Werde ich geliebt?, auf Emotionen übersetzt.
Wer hat den ersten Dominostein angestoßen? Und warum purzeln wir alle mit? Wer macht die Mode (und wer bekommt das ganze Geld)? Und wer sagt, was geht und was nicht? Wer definiert all diese Must-Haves und No-Gos der Gesellschaft? Zwei Wörter übrigens, die mehr Macht über uns haben als der alte Bundeskanzler.
In Frankreich läuft, so las ich im Internet irgendwo, aktuell eine politische Aktion gegen gepimpte Modefotos. Fotos sollen nicht mehr bearbeitet werden dürfen, ohne dass dies auch deklariert wird. Der Grund: Perfekte Models lösen Magersucht und Minderwertigkeitskomplexe aus. Oder fördern sie zumindest. Sagen die BefürworterInnen der Aktion. Zwar sind die Models auch nur dank Photoshop und Konsorten perfekt, doch daran denken die wenigsten. In Australien, so las ich, gibt es eine Zeitschrift, die keine Bildbearbeitungen bei Models mehr vornimmt. Die Zeitschrift Brigitte verzichtet neu sogar gänzlich auf Profi-Models und setzt neu auf ganz normale, schöne Frauen.
Natürlich geht es längt um mehr als Mode. Und um mehr als Aussehen und Verhalten. Manipulation ist das Wort der Stunde. Subtil jene dünne, wie Säure ätzende und alles durchdringende Schicht unter den Hochglanzwerbeplakaten. Zeigt den Menschen ihre Mängel auf! Lasst sie merken, wie unzulänglich sie sind! Lasst die Menschen sich in ihren Minderwertigkeitsgefühlen schmoren, ja, kocht sie weich, so werden sie formbar. Formbar, weil unzufrieden. So werden sie konsumieren.
Da war dieses Telefongespräch gestern, mit Freundin C.(2), Mutter von zwei Kleinkindern. Ihr Erziehungsstil unterscheidet sich sehr vom Mainstream, ist aber weder Waldorf, noch Montessori, noch Wild. Vielleicht in der Essenz ähnlich, doch letztlich ist ihre Praxis einfach ihr Stil, initiiert aus Beobachtungen, gewachsen im täglichen Umgang mit den Kids und in der stetigen Reflektion ihres Verhaltens. Sie setzt auf ihr Bauchgefühl und lässt ihren Küken viel Raum für deren individuelle Entwicklung. Sie behandelt die beiden dem Alter gerecht und manipulationsfrei.
Werden meine Kinder eines Tages Außenseiter sein, wenn ich sie weiterhin in ihrem Sich-selbst-sein-dürfen so umfassend es geht, unterstütze und stärke?, fragte sie mich. Werden sie sich später fremd fühlen in der Gesellschaft? Aber ich kann sie doch nicht einfach verbiegen, nur um sie in die aktuelle Form zu bringen.
Deine Kinder erhalten eine wunderbare, liebevolle Basis zu Eigenständigkeit, die ihnen helfen wird, im Leben auf ihre eigene Intuition zu hören und sich nicht im Mainstream zu verlieren!, sage ich. Weil ich das glaube. Aber klar, dafür gibt es natürlich nie Garantien. Außerdem machen wir alle Fehler.
Doch wenn ein Kind bist, das von Anfang an das Gefühl vermitteln bekommen hat, dass es so wie es ist, gut und wertvoll ist, wirst du der Versuchung, dich von den WeichkocherInnen dieser Welt in die Pfanne hauen zu lassen, kleiner, als wenn du ein Kind bist, das, aus was für Gründen auch immer, über wenig Selbstvertrauen verfügt.
Stell dir vor, sagte ich beim Frühstück, stell dir vor, alle Menschen würden alle anderen Menschen so akzeptieren und respektieren, wie sie sind (ja, Utopia! Davon träume ich, seit ich denken kann). Stell dir das mal vor! Und jetzt stell dir vor, wie wir alle herumlaufen würden. Niemand würde sich darum kümmern, ob das, was wir tragen schick oder unmodern ist. Nein, alle würden sich so kleiden, wie sie wollen. So, wie sie sich wohlfühlen. So eben, wie es ihnen gefällt. Wie bunt die Welt dann wäre! Stell dir mal alle diese kreativen Frisuren vor und alle diese Geschichten. Und alle diese glücklichen Menschen.
Nur schon der Gedanke daran macht mich glücklich, doch – ehrlich – auch mir fehlt der Mut zu solcher Kompromisslosigkeit. (Notiz an mich: Da ist wohl noch zu viel Scham?).
Ich träume dennoch weiter. Und ja, ich träume gerne, denn alles fängt immer mit einem Traum an.

Heute mal ohne Titel, denn Missverständnisse wären nicht auszuschließen

Wie ich meinen Rücken im Hund dehne und dabei den Po gen Himmel recke, fällt mir mein heutiger Blogartikel-Titel ein: Die Leidenschaft des Sichnacktausziehens. Nein, lieber nicht und nein, ich übe Yoga nicht nackt. Schlechter Titel. Zu viele Suchanfragende mit andersgearteten Absichten würden sich bei diesem Titel ganz unvermutet auf meinem Blog wiederfinden. Gut zwar für die Statistik, na ja, aber … nein. Nein, danke. Außerdem ist sich nackt ausziehen eigentlich auch nicht korrekt. Und Seelenstrip ebenfalls nicht. Beides hat zwar was, denn Bloggende machen sich sichtbar, aber …
Wie ich mich im Sonnengruß in alle Richtungen dehne und der Kobra in mir erlaube, sich selbst zu sein, fällt mir auf, dass ich a.) nicht bei der Sache bin und b.) mein erster Gedanke nicht wirklich stimmt. Eigentlich geht es ja nicht um das Sichsichtbarmachen im Blog, sondern um suchen, finden und erfinden. Sich. Ideen. Die Welt. Das Leben. Sichtbarwerdung ist bloßes Nebenprodukt. Und schon gar nicht leidenschaftlich beabsichtigt.
Der Wunsch, mehr über mich und das Leben herauzufinden ist es, der mich Wege des Ausdrucks beschreiten lässt. Der mich vorwärts bringt. Oder rückwärts. Womit nicht Rückschritt gemeint ist, sondern jeder Schritt, der in eine andere Richtung geht, als der Nase nach. Hauptsache authentisch.
Wie ich mich dieser Tage durch Irgendlinks im Bücherregal wiederentdecktes Blog-Buch aus dem Jahre 2002 lese und immer wieder auf philosophische Perlen stoße, werde ich den Gedanken nicht los, dass wir am meisten über uns selbst erfahren, wenn wir uns öffnen und dabei nicht allzu viel zensurieren. Öffnung gegenüber uns selbst in einem persönlichen Tagebuch zum Beispiel. Einem lieben Menschen gegenüber vielleicht. Und schließlich auch in Richtung eines virtuellen, dennoch realen Publikums.
Kunstprojekte sind gut und um ihrer selbst willen lebensberechtigt. Doch wenn sich andere mitbegeistern lassen, ist das umso schöner. Auf den Rundbriefversand der letzten Tage haben wir schon ein paar richtig schöne Rückmeldungen erhalten. Danke! (Wer den Rundbrief lesen möchte, klickt bitte hier.)
Da war gestern die Mail einer alten Bekannten, der ich den Rundbrief einfach so mit angehängt hatte. Sie ist im Bereich Körperarbeit tätig, publiziert und wirbt dafür mit großer Begeisterung. Ich freue mich immer sehr über ihren Rundbrief, obwohl ich ihn einfach lese, ohne darauf zu reagieren.
Ich bin selbst eine Reisende und mache es nicht öffentlich, schrieb sie. Den leisen Vorwurf habe ich möglicherweise nur interpretiert? Ja, wir alle sind Reisende. Die meisten reisen still und leise – von den bunten Postkarten mal abgesehen, die verschickt werden. Doch was du mit Leidenschaft betreibst, was deinem Leben Inhalt und Begeisterung gibt und dich und deine Phantasie nährt, das willst du mit anderen teilen. Ob das nun Körperarbeit oder Fotografie, Literatur oder das Kunstreisebloggen ist, ist unwesentlich. Hauptsache, du verfolgst dein Ding mit Begeisterung, denn sie macht dein Leben bunt. Auch wenn Begeisterung und Alltag oft schwer vereinbar sind. Und zu Problemen führen können.
Zurück zum Konflikt, schrieb Irgendlink vor fast zehn Jahren, zurück zum Konflikt, in dem ich mich befinde, den ich hier nach und nach ausbreite. Das ist es, was mich verunsichert hat die letzten Tage: was soll das hier in der theoretischen Öffentlichkeit des Internet? Was geht die große weite Welt, also Sie, der/die Sie das lesen, mein eigener kleiner Konflikt zwischen Realität und Traum an? Was könnte Ihnen das nützen und warum muss ich dermaßen intim mit ihnen werden? (…)
Der Künstler Irgendlink und der Postmann Irgendlink sind nur Platzhalter in dieser Geschichte. Zwei Kästchen, in die sie mühelos Ihr eigenes kleines Leben einfüllen können. (…)
Der öffentliche gelebte, ureigene Konflikt hier in diesem Blog könnte auch Ihr Leben sein. Tauschen Sie nur die Parameter aus. Ändern sie Ort, Zeit, Namen, Beruf, Kollegen und auch den Lebenstraum …
Quelle: Rincks Alltag – Weblog (Zweite Staffel) – 12. November 2002
Einige wenige handsignierte, nummerierte und handverschraubte Exemplare gibt es übrigens noch 🙂
Bestellungen gerne direkt bei Irgendlink.

Mit Anlauf …

Ich nehme Anlauf. Anlauf für den nächsten Schub Kisten, der zu füllen ist. Anlauf, indem ich durch die Blogosphäre spaziere. Prokrastiniere. Schreibs klein! Flüstere es! Nein, nein, ich suche bloß nach Inspiration. Klingt besser. Stimmt sogar. Suche Denk- und Herzfutter für den Tag. Ja, so irgendwie. Um beim Kisten füllen, im Kopf und im Herzen drin was zu futtern zu haben. Doch halt … heute gibt’s nichts über Kisten und so.
Ich möchte mal wieder etwas ganz Normales bloggen, hab ich heute Morgen zu Irgendlink gesagt. Ein bisschen geseufzt habe ich dabei. Etwas, das nicht mit deiner Reise und mit meinem Umzug zu tun hat. Und wenn es dabei gleich die Herzen meiner Leserinnen mitfüttert – umso besser. Und die meiner Leser natürlich auch.
Aber vor allem will ich etwas schreiben, was von da innen drin kommt. Etwas Gedachtes, Gefühltes, Gelebtes, Geliebtes, das ich teilen will. Etwas in Worte Gefasstes. Als wären meine Worte ein Stück Gold (hört, hört!), das einen Edelstein umschmiegt. Etwas, das mich und andere durch den Tag trägt und nicht gleich wieder verdampft – aus den Ohren, aus dem Sinn –, kaum dass ich mich ans Kistenpacken Arbeiten mache.
Item, wie die Schweizerin sagt, um zum Thema zurückkommen, das heute keins ist. Denn ich hänge gleichsam im luftleeren Raum. Von allen guten Themen verlassen. So leer wie die Regale ist mein Kopf. Gut so. Platz für neues. Zum Beispiel für das neue Kleidchen von pixartix – dAS Bilderblog.
Item. Bevor ich also noch mehr von meiner aktuellen Leere mit euch teile, klick ich wohl besser auf „publizieren“. Ja, ja, du denkst „löschen“, gib’s zu. Selbst schuld, wenn du bis hierher gelesen hat. Andererseits: Muss immer alles sinnvoll und klug, geistreich und bodenständig, top und unübertrefflich sein? Na eben.

Am Feuer

Man darf das Feuer nicht fürchten.
Gedacht, als ich heute Morgen Feuer im Ofen schürte, damit wir es schön warm haben. Gedacht, als genau in dem Moment ein glühendes Stück Holz herausrutschte, als ich neues Holz nachlegen wollte. Gedacht, nachdem ich dieses Stück ohne Nachzudenken und mit einer so schnellen, mit dem Feuer vertrauten Bewegung zurück ins Feuer geschoben hatte. So schnell, dass ich nicht mal auf die Idee gekommen war, dass mir das Feuer weh tun könnte.
Ich rede immer mit dem Feuer, wenn ich es entfache und danke ihm, wenn es brennt. Und wenn ich es füttere ebenfalls.
Da ist viel Respekt ja, aber Angst? Nein.
Schon viel habe ich vom Feuer gelernt. Ein bisschen Demut auf jeden Fall. Wärme und Dankbarkeit sind bei mir eng verbunden. Ohne Feuer wäre ich nicht da.
Nein, man darf das Feuer nicht fürchten.

Urban Artwalk Heidelberg

Was für ein inspirirender Stadtspaziergang! Heidelberg hat mich gestern nach allen Regeln der Kunst verzaubert 🙂



Mehr Heidelberger Stadtspaziergang-Bilder von Irgendlink und mir auf pixartix – dAS Bilderblog
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Der Anfang vom Ende – Akt zwei

Akt eins, wen wundert’s, ging am Tag X über die Bühne. Jenem Tag, als ich den Kindern an der Schule, wo ich letzten Herbst für ungefähr drei Monate gearbeitet habe, meinen baldigen Abschied vorankündigte.
Akt zwei läuft jetzt. Meine letzten Tage in Deutschland. Morgen in zwei Wochen laden wir das Umzugsauto und fahren in die Schweiz. Danach werde ich hier noch ein paar Tage Abschied nehmen. Und putzen – als Akt des Abschließens. Die Zugabe. Mein Bonustrack sozusagen.
Akt zwei begann heute. Mit meinem Gang in den Keller, wo ich die leeren Umzugskartons gestapelt habe. Einige sind schon mindestens fünfmal mit mir umgezogen. Ich erkenne es an den Schriftzügen der Helferinnen. Küche steht da – in B.s akurater Schrift. Akt zwei also. Wie ich mit drei leeren Kisten ins Wohnzimmer betrete, mir einen Packplatz einrichte und Bücher mit leichten Sachen kombiniert verpacke, damit die Kisten nicht zu schwer werden.
Drei Kisten später kommt J. von der Arbeit nach Hause. Wir stehen vor dem halbleeren Büchergestell. Seltsam, wie leere Gestelle das Lebensgefühl verändern. Seltsam, wie Leere nach Fülle schreit. Seltsam schön, dass diese Dinge, diese Kleinigkeiten nun verpackt sind. Ein Grundgefühl von Schwerelosigkeit will sich in mir breitmachen. Auf einem Regalboden meines Büchergestells waren noch vor ein paar Stunden Bücher von Menschen, die ich persönlich kenne, versammelt. Allesamt signierte Bücher, selbst oder bei einem Verlag herausgegeben, einige wenige auch handgebunden. Eins von J., eine limitierte, wunderschön handverschraubte Ausgabe eines Weblog-Buches, das er vor bald zehn Jahren publiziert hat. Er erzählt darin aus einer Zeit vor unserer Zeit. Der gleiche Mensch, doch mir noch unbekannt. Seltsam vertraut. Ich tauche lesend – nicht zum ersten Mal – in das Leben eines Menschen ein, den ich heute kenne. Heute? Kenne? Beides relativ. Beides immer im Wandel.
Außen- und Innenwelt gehen zurzeit nahtlos ineinander über. Da ist Vorfreude auf sovieles. Auf den Frühling. Auf den Neuanfang. Auf die Schweiz. Auf die neue Wohnung und das Einrichten. Mit-Vorfreude auch – zusammen mit Irgendlink – auf dessen große Reise.
Eine Kehrseite hat alles. Kehrseite von neuer Wohnung ist alte Wohnung. Von Neuanfang Loslassen. Von Schweiz in meinem Fall hier Deutschland. Von Reise Sehnsucht. Von Abenteuer Ungewissheit.
Innendrin sitzt Geborgenheit und innendrin ist auch Angst zuhause. Nachbarinnen, die sich zuweilen aneinander aufreiben. Angst nimmt oft noch zu viel Platz ein und tapeziert das Treppenhaus mit großen, einschüchternden Plakaten. Geborgenheit schüttelt leise den Kopf darüber und sagt, dass ich mich nicht fürchten soll. Am Ende sei sie stärker. Am Ende vom Ende. Da wo alles anfängt. Immer. Und jetzt auch.

Von Visionen und dem Lebenssinn

Vor ein paar Tagen war es. Ich verpackte die letzten Briefe in Umschläge. Serienbriefe zwar, aber liebevoll gemachte. Serienbriefe, die entweder Menschen ansprechen, die an Schaltstellen von Zeitungen, Zeitschriften und Internetmagazinen – zum Thema Reisen und Mobilität, wo immer möglich – sitzen oder aber die eine Firma im Bereich Outdoor-Artikel leiten (guckt dazu in Irgendlinks Blog im Pressebereich). Menschen also, die sich für Irgendlinks „Ums Meer“-Projekt interessieren könnten und die auch gleich die Möglichkeit haben, dieses Projekt materiell oder dank ihrer Medien zu begleiten. Jede Adresse haben wir dazu feinsäuberlich recherchiert.
Bei jedem Brief, den ich zuklebte, dachte ich mir, dass sich diese Dame bestimmt melden wird. Oder dieser Herr. Oder dieses Radioteam. Nein, ich bin nicht so naiv, dass ich damit rechne, dass sich alle melden. Aber meine Absicht, mein Wunsch, meine Intension sind trotzdem da. Wer weiß schon, was wird?
Später im Auto. Auf dem Weg zur Post. Die Tasche mit den Briefen neben mir auf dem Beifahrerinnensitz. Auf einmal ein neulich gefallener Satz im Kopf. Von R., der unter anderem in der Werbebranche arbeitet. Dass wir es ganz anders aufziehen sollten, dieses Reiseprojekt. Viel größer und lauter. Und unbedingt ein Charity-Programm dran knüpfen. Die Leute könnten dann pro gefahrenen Kilometer etwas für ein tolles Projekt spenden. Etwas zu Herzen gehendes, etwas anrührendes.
Wie ich über den Kreuzberg in die Stadt runter fahre, zweifle ich. Das erste Mal, dass ich an Irgendlinks Reiseprojekt zweifle. Nein, falsch, nicht am Projekt. Ich zweifle nur daran, dass es außer uns und ein paar Nahestehenden sonst eine Sau da draußen interessieren könnte. Es ist ja, strenggenommen, einfach eine Reise. Alle reisen.
Alle reisen! Alle machen Fotos! Alle schreiben (okay, die meisten nur hin und wieder) Tagebuch! Alle fahren ab und zu Rad. So what? Wozu der ganze Aufwand?, zählt Frau Zweifel auf.
Du wieder, als ob du eine Ahnung davon hättest!, kontert Frau Kunst sofort. Ja, gut, alle reisen, aber wem ist eine Reise schon so wichtig, dass er dafür seinen Job riskiert und ein einfaches, komfortloses Leben auf sich nimmt, um seine Reise machen zu können? Dazu drei Monate lang Tag und Nacht Wind, Wetter, Sonne und Regen ausgesetzt sein! Wer ist schon verrückt genug, alle zehn Kilometer respektive alle sechs bis acht Meilen ein Bild zu knipsen, egal, ob es da nun schön oder hässlich ist? Und wer ist schon fit genug, so eine lange Reise auf dem Rad zu wagen? Das hier ist Kunst! Reisekunst. Blogkunst. KUNST!
Ich schaue hin und her – wie eine Tennisschiedsrichterin. Sehe die verbalen Bälle hin und her fliegen. Frau Zweifel und Frau Kunst legen sich ganz schön ins Zeug, muss ich sagen, beide Überzeugte von ihrer Sicht der Dinge. Und als Frau Zweifel das Thema Charity aufgreift, fällt ihr Frau Kunst nur lachend ins Wort.
Da verwechselst du etwas! Natürlich dürfen und sollen die Leute für tolle Projekte spenden. Sehr wichtig! Gutes tun geht immer, doch dazu müssen nicht Tränendrüsenaktivatoren mit Kunstprojekten verknüpft werden. Charity ist wichtig, ohne Zweifel, aber … ja, GROßES ABER … Kunst muss sich nicht mit Benefizzöix dekorieren, um sich selbst rechtfertigen. Kunst genügt sich selbst, ist um ihrer selbst willen daseinsberechtigt.
Zeig mir eine glückliche Gesellschaft auf dieser Welt, die ohne Kunst funktioniert. Siehst du? Gibt es nicht. Kunst ist notwendig, damit Menschen aus dem Alltagshamsterrad ausbrechen können. Kunst wendet grau in bunt. Irgendlinks Reisekunstprojekt ist in sich genug. Ob da nun fünf oder tausend Menschen mitreisen. Das Projekt wird, weil es mitten aus dem Leben kommt, viele berühren und vielen Freude bereiten.
Wie ich dann die Briefe am Tischchen neben dem Kopierer mit Marken versehe – ob das nun andere Kunstmanagerinnen auch selbst tun oder nicht, ist mir dabei egal, denn es ist ein geradezu sinnlicher, spiritueller Akt – wird mit klar, dass sich hier ein Kreis schließt. Die Idee zu diesem Projekt ist mehr als ein Jahr alt. Die Vision wird bald Wirklichkeit. Herzblut, ganz viel. Mit jeder Handlung, so alltäglich sie ist, die ich mit Liebe und Hingabe verrichte, fließt meine Liebe in die Welt. Und der Wunsch, die Welt ein wenig schöner zu gestalten.
Und genau das kann das Projekt „Ums Meer“ tun, Frau Zweifel, hast du das gelesen?

Kundenkopierer

Für einmal war ich richtig froh, gestern auf der Post, dass die Deutschen mit der Gleichberechtigung in der Sprache schludern. Ich hoffe sehr, dass das mit Kundenkopierer beschriftete Ding wirklich nur das tut, was ihm aufgetragen worden ist. Alle Kunden in der Reihe vor mir zu kopieren, ginge ja noch, doch würde der Kopierer auch gleich alle Kundinnen kopieren – puh, nicht auszudenken, da wäre ich ja heute noch dort!
Was habe ich gelernt? Es gibt definitiv mehr Frauen, die Briefe und Pakete verschicken.