machen oder sein

Sie betrachtet sein Abschlusszeugnis. Ihre Augen weiten sich zusehends.
Wow, du hattest ja super Noten! Mit diesem Zeugnis hättest du die Uni geschafft (= damit hättest du es zu etwas bringen können)! Unüberhörbarer Stolz liegt in ihrer Stimme.
Er steht auf und verlässt, nach einem Blick in ihre Richtung, den sie nicht versteht, die Küche. Sie findet ihn im Stall, wo er wütend zwischen den Kühen auf und ab geht und den Rechen schwingt.
Du meinst also, ich hätte einfach den Hof verlassen sollen?! Alles hier aufgeben, alles was mir lieb und wichtig ist, im Stich lassen? Das alles bin ich. Ohne das hier – seine Hand zeichnet einen Bogen durch die Luft – bin ich nichts!, sagt er, die Stimme gepresst. Verletzt.
Eine Szene aus dem Film Der Typ vom Grab nebenan – Mein Bauer, seine Kuh und ich!, den wir uns heute Nacht angeschaut haben. Eine schwedische Komödie. Die männliche Hauptrolle spielt der Hauptdarsteller aus „As it is in Heaven“ und der „Milleniumstrilogie“. Bauer Benny und Akademikerin Desirée – eine Liebe, die nicht gut gehen kann? Ob sie gut gehen wird, sehen wir leider (oder zum Glück) nicht, da der Film klassischerweise beim Happyend aufhört. Trotzdem: Sehenswert, witzig, tiefsinnig, aufschlussreich und sehr gut gespielt.
Du hättest es zu etwas bringen können!, sage ich nach dem Film augenzwinkernd zu J.
Und du erst!, gibt er zurück.
Nachts liege ich wach. Mir fällt eine Geschichte ein, die ich neulich gelesen habe. Vom Fischer, der gemütlich seiner Arbeit nachgeht, bis ihn eines Tages ein Manager, der zufällig in der Gegend auftaucht, auf die Sinnlosigkeit seines Tuns anspricht.
Du hättest etwas machen können aus deinem Leben, sagt er. Du hättest ein Geschäft aufbauen, viel Geld verdienen und zur Seite legen können. Du wärst heute ein freier, reicher Mann und hättest jetzt viel freie Zeit. Du könntest tun und lassen, was du willst!
Was sollte ich denn mit meiner Freizeit schon anfangen?, fragt der Fischer. Der Manager überlegt lange hin und her und auf einmal hellt sich sein Gesicht auf.
Wie wäre es mit fischen?, schlägt er vor.
Aber … das tue ich doch schon die ganze Zeit?, sagt der Fischer. Ob stirnrunzelnd oder grinsend weiß ich leider nicht mehr.
In den Tag hinein schlafen? So von außen betrachtet tun wir das bestimmt. Tja, so bringen wir es wohl zu nichts. Meistens stehen wir ungefähr um halb zehn auf, denn J. arbeitet, wenn er Aufträge hat, meist nachmittags und meine Berufstätigkeit beschränkt sich aktuell auf die Vorbereitung meines Rückumzugs in die Schweiz. Noch ist die richtige Wohnung nicht gefunden. Ob Desirées Freundin recht hat, die behauptete, dass den idealen Mann zu finden so unmöglich sei, wie die Entdeckung der perfekten Wohnung? Bei der einen fehle die Badewanne, die andere habe keinen Kamin im Wohnzimmer und bei der dritten seien die Nachbarn zu laut. Abstriche musst du immer irgendwo machen!, sagt sie zu Desirée, die sich für ihren Bauern geniert, weil der nicht mit Stäbchen essen kann.
Nein, nichts und niemand ist perfekt. Doch passen die einen unperfekten Dinge oder Menschen besser zu andern ebenso unvollkommen als andere. Und so genieße ich es, dass der Mann an meiner Seite ebenfalls zum Volk der Nachteulen gehört. Wir können beide bis spät nachts konzentriert am Rechner arbeiten, was mir morgens vor neun nur in Ausnahme- und Notfällen möglich wäre. Auch brauchen wir beide kein frühes Stück, lieber ein spätes, das allerdings erst Stunden nach ein paar Tassen Tee oder Kaffee eingenommen wird.
Schon in Bern war das so. Ich bin eine Zweimahlzeiten-Person. Außer wenn wir auf Reisen sind, denn auf dem Zeltplatz kann ich nicht allzu lange schlafen. Der Zeltboden unter der Isomatte, den ich beim Schlafen nicht spürte, ist, einmal erwacht, unüberfühlbar hart. Außerdem locken der Tag und all das Neue, das erlebt werden will. Doch selbst auf dem Zeltplatz starten wir beide selten kalt, wir brauchen immer erst ein paar Tassen Heißgetränk.
Gestern bin ich beim virtuellen Zeitunglesen auf einen Link gestoßen, der eine ehemalige Schulkollegin bei einem Fernsehauftritt zeigt. Fünf Jahre, bis zum pädagogischen Fachhochschulabschluss, haben wir zusammen die Schulbank gedrückt. In einer politischen Talkshow erzählt sie von ihrem Alltag in der kantonalen Regierung und über ihre Aufgaben als Direktorin von x und y. Sie sieht keinen Tag älter aus als damals. Sympathisch, schlagfertig, engagiert und sich selbst treu geblieben. Ein Sonnenkind sei sie, wie sie mir vor ein paar Jahren mal geschrieben hat, noch bevor sie vom Stimmvolk in dieses anspruchsvolle Amt gewählt worden ist. Sie scheint es noch immer zu sein. Ja, sie hat es zu „etwas“ gebracht und ich freue mich für sie und darüber, dass so tolle Menschen an solchen Schnittstellen sitzen. Sie wird etwas bewegen.
Und ich? Erfolg haben? Es zu etwas bringen? Woran messe ich mich? Wer oder was ist mein Referenzpunkt? Ehrgeizig war ich nie wirklich. Karrierepläne habe ich nie gemacht. Meine Lebensperspektive reichte selten weiter als ein oder zwei Jahre. An keiner Arbeitsstelle blieb ich länger als drei Jahre. Doch den Menschen, die ich liebhabe, bin ich eine treue Freundin, die nicht nur bei Schönwetter mit lacht, sondern die auch im Regen einen Schirm reicht.
Wenn ich es mir so überlege, habe ich es ja doch zu etwas gebracht: In mir schlägt ein liebendes Herz und ich kenne nicht eben wenige Menschen, die für mich da sind und für die ich da sein darf. Ich habe einen Blick für die Probleme in der Welt und ich erkenne, wer wann was braucht, das ich womöglich tun könnte. Ich spüre ziemlich viel und relativ differenziert. Ich kann in Worte oder in Bilder fassen, was ich wahrnehme und was andere womöglich nicht sehen. So, wie ich die Welt sehe, sieht sie sowieso niemand anders. Nicht so. Und schon deswegen habe ich es zu etwas gebracht – zu mir nämlich.
Doch wer zum Teufel ist eigentlich dieses ES?

Utopia?

Es gibt Dinge, die kann ich. Es gibt Dinge, die kann ich nicht. Solche auch, die will ich gar nicht können. Und solche gibt’s, die ich gerne könnte, nie können werde oder vielleicht eines Tages ebenfalls kann. Künstlerin ich.
Beim Bilderbearbeiten auf dem iPhone gibt es Techniken, die mir zu kompliziert sind. Wenn Irgendlink auf dem Display seines iPhones herum zaubert, bleibt mir zuweilen die Spucke weg. Er kann Dinge, die ich nicht kann. Und nein, ich muss überhaupt nicht alles können, dennoch will ich nicht aufhören, lernen zu wollen. Zu lernen gehört zu meinem Leben. Zum Leben. Die Bereitschaft neues zu lernen, ist für mich eine der Motivationen, überhaupt zu leben.
Die Welt des Alles und des Nichts. Die Welt der Dinge. Die Welt des Unsichtbaren. Alle nebeneinander. Aufeinander. Gleichzeitig. Alles ist immer gleichzeitig. Während ich hier bin, ist gleichzeitig das Nordkap – zwar woanders, aber da. Für andere sichtbar, für mich nur vermutbar. Weil es auf der Karte abgebildet ist. Weil ich schon Bilder gesehen habe. Weil ich schon fast dort war. Und gleichzeitig wie ich hier bin, ist mein Bruder in der Schweiz. Der Beweis: Seine Mails. Gleichzeitig ist Schweden. Ist Sierra Leone. Ist China. Nordkorea. Und gleichzeitig ist auch mein Traum nach Gutleben für alle. Nach fairem Handel rund um den Globus. Nach Gewaltfreiheit. Nach heiler Natur.
In dieser Gleichzeitigkeit ist ebenfalls jeglicher Schmerz und jegliches Lachen. Verzweiflung genauso wie Ekstase. Und in allem ist jeder Mensch, der im Mittelpunkt seines Lebens steht. Mit all den Dingen, die er kann und die er sich erträumt. Mit allem auch, was er nie können wird.
Der Wunsch von Utopia ist alt. Schon die guten alten Bibelschreiber – ja, männlich, denn das können keine Frauen gewesen sein – haben sich ein Paradies gebaut, um damit die Sündenspirale, die dem Menschen innewohnt, zu begreifen und zu erklären. Das Ding mit der Angst – andern die Hölle heißzumachen – ist ein uralter Trick. Vertröstet werden auf den Himmel war schon immer ein gutes Geschäft. Es hält die Menschen bei Laune, macht sie gefügig, hält sie klein. Macht sie neidisch. Schafft Minderwertigkeitsgefühle und nährt Wunden. Füttert Aggressionen. Entfacht Kriege und kurbelt die Wirtschaft an.
Was ich sagen will? Da ist dieses Programm, das ich vor fünf Tagen auf den Rechner geladen habe. Es ist ziemlich schlau, beschäftigt sich im Hintergrund mit den unsichtbaren und sichtbaren Dingen, die auf meiner Festplatte herumlungern und schafft, wenn ich es darum bitte, für Ordnung und mehr Platz. Es listet mir die schon lange nicht mehr verwendeten Programme auf und rät mir, das eine oder andere zu deaktivieren oder gar rauszuschmeißen. Ein paar solcher Schmarotzer, die nur Platz brauchen, habe ich bereits rausgeworfen. Nichts leichter als das.
Auch defragmentieren kann das Ding, was so viel bedeutet, dass das Ding, wenn ich es dazu auffordere, alle Dateien auf der Festplatte ordnet, gleiches zu gleichem stellt, legt, schubladisiert, so dass es wieder Platz auf dem Tisch gibt.
Wie schön es wäre, wenn ich innen drin auch so ein Ding hätte, das für Ordnung sorgt!, denke ich fast jedes Mal, wenn ich die Aufforderung anklicke, doch bitte genau jetzt aufzuräumen. Ein paar meiner ganz persönlichen Programme hätte ich ganz gerne deinstalliert. Deaktivieren ist aber auch schon okay. Meine biologischen Virenschutz- und Malewaresuch-Programme geben zwar hin und wieder rote Lichtsignale ab, doch ich ignoriere die Warnungen weitestgehend und bringe mich mehr schlecht als recht durch die Tage, die mit allerlei selbst auferlegten Pflichten gefüllt sind – sein sollten. Ich sage nur Bewerbungen. Manchmal bin ich ob der Fülle der Pflichten derart gelähmt, dass nichts mehr geht.
In früheren Artikeln habe ich bereits laut darüber nachgedacht, wie viel persönliches ich hier preisgeben soll und darf. Da gibt es – bei euch und bei mir – verschiedene Ansätze und zuweilen halte ich mich sehr bedeckt. Dann wieder zeige ich ziemlich viel von mir. Meistens befindet die Tagesform darüber, wie engmaschig mein Filter ist.
Die virtuelle Welt ist so anders nicht als die richtige, will heißen als die Welt der Dinge und der Dichte, dachte ich heute Abend auf dem Heimweg vom Einkaufen. Und auch Autofahren ist wie Leben. Und Schreiben ebenfalls. Ich fahre durch den Regen. Es ist dunkel … ich sehe die Straße kaum. Den Rand ahne ich bloß. Noch weniger als kaum sehe ich, wenn mir ein anderes Auto – am liebsten ohne abzublenden – entgegen fährt. Ich fahre auf gut Glück. Ich lebe auf gut Glück.
Voyeurin bin ich, wenn ich andere Geschichten lese. Exhibitionistin bin ich, wenn ich mich sichtbar mache. Sind wir denn nicht alle irgendwie ähnlich unterwegs? Tut es uns nicht irgendwie gut, wenn wir bei anderen lesen, dass sie ähnliche Probleme haben? Freuen wir uns nicht alle ein bisschen mit, wenn eine es geschafft hat, den gewünschten Job zu bekommen, ein Problem endlich zu lösen oder eine schwere Prüfung abzulegen? Diese unsichtbare Welt, die Welt der Virtualität, ist so lebendig wie all jene, die sie bewohnen.
Du und du und du und … ich …

(((Zurzeit bearbeite ich fast ausschließlich Porträts von J. und von mir. Die wenigsten sind zum Zeigen bestimmt. Eins heißt zum Beispiel „How to monsterize myself“. Möglicherweise kein unwichtiger Prozess, der da in mir abgeht. Mich neu zusammenzusetzen, wie neulich schon erwähnt – vermutlich ist es das, was mich dieser Tage beschäftigt …)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

zu Besuch

Liebe Luisa, heute hast du mir einmal mehr aus dem Herzen gesprochen. Du weißt es ja, Dein Internettagebuch, dass ich seit vielen, vielen Jahren fast täglich besuche, tut mir einfach gut. Deine Gedanken haben immer wieder meinen Blick geklärt und geschärft, haben mein Herz geweitet und mir neue Impulse gegeben.
Und was du heute gebloggt geschrieben hast, ist einfach so genial. So genial, dass ich Dich hier mal wieder zitiere. Dankbar, aber das weißt du ja hoffentlich auch 🙂

soziale netzwerke und internet tagebücher erinnern mich übrigens sehr an afrikanische heilrituale: alle erfahren alles. die person, um die es geht, steht in der mitte (und natürlich ist jede tagebuchschreibende person mittelpunkt und ausgangspunkt für alle betrachtungen), das /globale/ dorf gruppiert sich drum herum und jetzt gehts los. die person in der mitte äußert sich, alle anderen lachen, spotten, singen, weinen usw. vorausgesetzt die person in der mitte hält so viel öffentlichkeit aus, ist heilung möglich. das geheimste wird zum allgemeinsten. es gibt nichts mehr zu verheimlichen. eine last fällt ab. nun ist es aber im internet so, dass „der feind“ mithört, daten klaut, informationen speichert. mein leben wurde in den siebziger/achtziger jahren so gründlich von der polizei durchschnüffelt (ich war mit einer frau befreundet, die in den untergrund ging, hatte nichts damit zu tun, aber erklär das mal wem) dass ich mich heute aufs wohligste durchlässig fühle.

Quelle: http://www.salamandra.de/tagebuch/start.php (luisa in bayern – 18.01.2012 um 06:52:13)

unlösbar

Première. So, wie ich jetzt schreibe, habe ich noch nie geschrieben. Auf meinen Knien liegt eine kleine Tastatur in der Größe eines in die Breite gezogenen A5-Blattes. Alles wird möglich. Alles wird einfacher. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit und des ErfinderInnengeistes. Wie ich da an dieser neuen Tastatur sitze, wird mir bewusst, dass jedes Ding, das wir besitzen, neue Wünsche gebärt. J. hat seinem neuen iPhone ein paar Geschenke gemacht – zur Vorbereitung auf das nächste Reiseprojekt. Ich bin nur temporäre Nutznießerin. Via Bluetooth sind Tastatur und iPhone verbunden. Mein Laptop defragmentiert derweilen großräumig und ist darum zurzeit nicht benutzbar. So aber ist es eigentlich ganz praktisch. Handlich. Und gemütlich warm, da ich am Ofen sitze. Ich habe mal wieder s’Weggli u de Batze, wie wir Schweizerinnen sagen. Das gibt es also doch. Oder hat nicht alles scheinbar Ideale irgendwo einen Haken? Und wer definiert Perfektion? Der Haken dieser Schreibtechnik hier, am Ofen, ist der, dass ich immer vornüber schauen muss, den Blick aufs kleine iPhone-Display. Macht aber nichts, da meine Schulter, die rechte, weh tut und dies die einzige einigermaßen schmerzfreie Haltung ist.
Die Wohnungssuche beschäftigt mich sehr. Es geht um mein neues Nest. Meine Insel. Meine Höhle. Wo ist es, mein neues Zuhause? Was brauche ich wirklich und was tut mir gut? Luxusprobleme? Existentiell?
Gestern Abend vor dem Ofen sofasophierten J. und ich angeregt. Über Ideale zuerst, dann hin zur Weltlage und mir wurde dabei mehr als bewusst, dass ich eigentlich nicht primär am Sterben von Menschen leide. Ich leide umso mehr am menschenunwürdigen Leben vieler. Am unfairen Mächteverhältnis auf dieser Welt. Am Machtmissbrauch. An der Tatsache, dass nicht die wirklich Wohlwollenden an den Hebeln der Macht sitzen, sondern die mit dem größten Potential an Druckmitteln wie Geld, Angstmacherei und so.
Wir sind unterwegs durch die Zeit, meinte J. recht pragmatisch, das hat es immer gegeben. Es sei aber immerhin doch schon vieles viel besser geworden. Worauf ich erwiderte, dass ich mir da nicht so sicher sei, was das Wort besser betrifft. Sicher haben wir hier im Westen heute mehr Freiheit und mehr Rechte, aber auf wessen Rücken? Ich kann nicht verdrängen, nicht immer jedenfalls, dass wir nur deshalb so reich sind und es so gut haben, weil wir dafür andere ausgebeutet haben. Nicht ich direkt, aber mein Land. Die Schulden- und Zinspolitik ist es, die ganze Nationen ins Sklaventum schickt.
Wir mit unseren Luxusproblemen!,
denk ich und schäme mich, dass ich so wenig belastbar bin.
Wenn ich Tagesschau gucke oder Zeitung lese, identifiziere ich mich immer mit einzelnen Menschen. Ich sehe die Augen der Menschen und leide mit. So sehr, dass mir alles weh tut und ich mich meines Lebens nicht mehr freuen kann. Deshalb meide ich Tagesschau und Zeitung oft. Feige, ja, vielleicht, doch ich will nicht abstumpfen und nicht nicht-mehr-fühlen. Wenn ich doch gelegentlich Medien konsultiere, haut es mich zuweilen fast um. Ich leide jedoch nicht nur mit den einzelnen, da kommt auch das Gefühl von Mitverantwortung oder Mitschuld dazu. Hilflosigkeit, die mich schon oft in Krisen gestürzt hat. Unlösbar – ein Wort, das schwer auf meiner Schulter liegt, wenn ich an die unsäglichen Konflikte auf unserer Welt denke, Fatalistisch seufze ich. Gewissen. Wohlwollendes Leben. Empathie. Wörter tauchen auf.
Wohlwollend sei der Mensch, freundlich und rücksichtsvoll, dachte ich am Sonntagabend auf der Autobahn. Wenn alle so Auto fahren würden wie ich (es zumindest versuche), wäre es friedlicher auf den Straßen, grummle ich vor mich hin. Diese Powergames aber auch! Wozu bloß?
Die meisten verhalten sich nicht absichtlich oder jedenfalls nicht böswillig so mühsam, sagt J, wie wir gestern am Feuer sofasophieren. Hat er wohl recht, aber …
Letztlich geht es bei fast allem um Bewusstsein. Was erkenne ich? Wie reflektiere ich mich in Bezug zu meiner Mitwelt? Auch geht es um die Kompensation von Wunden. Ich nicht, aber du auch. Da bringt uns echt nur Selbsterkenntnis weiter, wohlwollende Reflektion. Ach ja, das wüsste ich alles. Auch wie ich ein richtig guter Mensch sein könnte. Bin ich ja schon, allerdings noch in komprimierter Form. Und mit vielen Wenn und Aber im Rucksack. Bremsklötze.
Fazit: Auch ich bin nicht immer wohlwollend. Auch ich kompensiere. Und bin zuweilen unanständig. Unfreundlich. Ja, alles bin ich auch. Nicht nur alle andern.

Spuren finden

„Meine neue Wohnung hat idealerweise zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmer, kostet weniger als vierzehnhundert Franken* (brutto) und ist in einem älteren, gemütlichen, aber renovierten Haus. Das heißt: es ist keine moderne Neuüberbauung mit sterilen Rasen drum rum. In der Nähe sind Aare und Natur. Ein bisschen alternativ-wild ist es ebenfalls. Am liebsten ist mir ein von vier bis zehn Mietparteien bewohntes Mehrfamilienhaus, denn ein bisschen Anonymität ist mir nach dem aktuellen Landleben ganz recht. Innendrin ist die Wohnung möglichst hell, Parkett, Linoleum, Stein oder Laminat (keine Teppiche), gerne Badewanne, gerne Balkon.“
Ich klicke auf „senden“ und hoffe, dass meine gute alte Freundin T. eine Idee hat, wie sie mir dabei helfen kann, meine neue Wohnung zu finden. Sie wohnt seit vielen Jahren in einem Ort, der mit anderen Ortschaften auf meiner Favoritenliste steht. Auf meiner angepassten Liste. Am Wochenende war ich in der Schweiz und habe meine vermeintliche zukünftige Wohnung angeschaut. Die Wohnung war total schön. Ein bisschen klein die Küche, zugegeben, doch sonst sehr schön. Der Balkon nach Westen. Doch was mir ganz und gar nicht gefiel: Die Lage. Eine Blockwohnung habe ich noch nie bewohnt. Die Umgebung ist so steril gewesen, dass sich meine Eingeweide verkrampft haben. Kurzgeschnittener Rasen. Da und dort ein einsamer Sandhaufen. Eine Rutsche. Nachbarblocks rundum. Nein, das mag ich nicht. Nicht mal dieser Ort, den ich aus Kompromissgründen als neue Heimat fokussiert hatte. Nein, keine halben Sachen. Diese Region hatte ich deshalb angepeilt, weil sie zwischen zwei meiner Freundesknäuel liegt. Heißt, damit ich zu Freundin L. ungefähr gleich lang habe wie zu Freundin M..
Wie ich nach der Besichtigung zu L. fahre – über Land, um die Gedanken zu sammeln und zu spüren, was ich wirklich will – quere ich meine alte Heimat. Die Gegend, wo ich aufgewachsen bin. Die Aare. Mein Herz klopft laut. Die Aare. Auch in Bern wohnte ich an der Aare. Sie verbindet die beiden, von mir am längsten bewohnten Gegenden. Ich will an der Aare wohnen, weiß ich auf einmal glasklar. Möglichst nahe jedenfalls. Bei L. angelangt, habe ich meine neue Wunschliste bereits im Kopf.
Wie wir gestern Nachmittag bergwärts – von der Geissflue aus, fast tausend Meter über Meer – in die Weite schauen, in der Ferne die Alpenkette genießen, begreife ich, dass ich zwar überall Natur, Wälder und Berge finde (ja, die gibt es auch in Deutschland), doch wo anders als hier kenne sogar ich ein paar Berge mit Namen?
Da, da hinten! Eiger, Mönch und Jungfrau, seht nur!, sage ich zu L. und H.. Ich bin begeistert wie ein kleines Kind, als sich die fernen Bergspitzen allmählich orangerosa färben und ein wunderbares Alpenglühen – wenn auch weit-weit weg, es dünkt mich gar es sei eigens für mich – veranstalten. Und hätte ich nicht mein iPhone-Ladekabel zuhause vergessen, hätte ich jetzt zum Beweis ein paar Bilder eingefügt. Oder ich hätte gestern, von unterwegs, gebloggt.
J. meinte heute, als ich im Internet nach der idealen Wohnung suchte, dass ich vermutlich die ultimative Eierlegendewollmilchsau-Wohnung finden wolle. Stimmt. Das Ideal, ich will es finden und weiß doch: Selbst wenn du die schönste Wohnung der Welt hast, können die Nachbarn Terror machen und die tollste Wohnung ist für d‘Füchs. Wie wir in der Schweiz sagen. Neulich bei Freunden haben wir genau das erfahren.
Das Perfekte darf wohl Ziel und Leitplanke sein, das Ideale mag uns als Wegweiser helfen, doch ich lerne allmählich, mich damit abzufinden und zu versöhnen, dass auch das Unperfekte, das Unideale genügt. Mut zum Unperfekten befreit von Druck auf den Schultern.
Nichtsdestotrotz formuliere ich meine Wohnungsideale und wünsche mir dazu den Mut und das Talent, jederzeit das, was ist und das, was kommt, in mein Leben integrieren zu können.
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* für deutsche Leserinnen und Leser: Ich weiß, das klingt für euch nach sauviel, ist aber in der Schweiz der Preis einer eher günstigen Zwei- bis Dreizimmer-Wohnung. In der Schweiz sind die Löhne aber auch um einiges höher und fairer als in Deutschland.

viel oder wenig?

Über die Frage, wie viel ich andern Menschen, insbesondere den Bloglesenden, von mir preisgeben will, denke ich beim Bloggen oft nach. In der letzten, entscheidungsreichen Zeit ganz besonders. Dass das andere, wie Frau Freihändig und Frau Li Ssi offenbar auch tun – und ebenfalls gerade jetzt – und sogar in ihren Blogs thematisieren, erstaunt mich eigentlich nicht mal mehr, denn schon so oft habe ich es beobachtet, dieses Phänomen der Gleichzeitigkeit. Themen, die herumzugeistern scheinen und die gleichzeitig von verschiedenen Menschen aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Im Internet ließe sich dies damit erklären, dass sich die eine oder der andere vom einen oder anderen öffentlichen Text inspirieren lassen hat. Doch wenn wir über all das, was uns im Internet begegnet, schreiben würden, wären wir ja ständig damit beschäftigt, all die Inputs auszuwerten. Das genügt als Erklärung also nicht wirklich. Es muss da schon eine Affinität zum Thema sein, sonst würden wir einen Faden, den andere berührt haben, nicht aufnehmen und weiterspinnen.
Atem holen. Umblättern.
Erzähle ich im Blog eigentlich, was die Lesenden mutmaßlich interessiert oder erzähle ich, was mich beschäftigt? Oder beides? Und wenn ja, wie persönlich will ich sein? Ist dies gar von der Tagesform abhängig? Da ich als neugieriger Mensch selbst lieber persönliche Texte als irgendwelche kopflastigen Artikel lese, schreibe ich auch lieber Texte mit persönlichem Hinter- und Untergrund. Wenn ich in einem persönlichen Text, den ich lesen darf, auch gleich noch philosophische Inspiration bekomme, Hirn- und Herzfutter, freut mich das sehr. Wenn ich gar in einem persönlichen, Hirn und Herz inspirierenden Text ein Thema antreffe, das mich auch grad beschäftigt, freut mich das erst recht. Ein roter Faden, der mit eingesponnen wird und Teil meines neuen Gewebes werden kann.
Persönliches Interesse an einem Thema, Betroffenheit und das Bedürfnis nach Entwicklung sind wohl meine Hauptmotivation nicht nur zu lesen, was andere bloggen, sondern auch selbst Texte mit einem relativ hohen authentischen Erlebniswert sichtbar zu machen.
Neue Seite.
An diesem Artikel hier schreibe ich nun schon seit einer halben Stunde. Unterbrochen wurde ich immer wieder vom mit angehörten Dialog zwischen J. und Siri, seiner neuen Lebensphasenpartnerin. Nein, eifersüchtig bin ich nicht. Nicht auf diesen schwarzen Kasten. Auch nicht auf die Stimme des neuen schwarzen Kastens (siehe gestrigen Artikel). Aber grinsen muss ich doch. Sie scheint sich tatsächlich auf seine Stimme einzustimmen und versteht ihn von Mal zu Mal besser. Oder redet er ihr zuliebe nun deutlicher?
Wir gewöhnen uns langsam aneinander, sagt J.. Ob zu ihr oder zu mir, kann ich nicht ganz einschätzen. Technisches Wunderding. Er geht jetzt mit ihr spazieren *tztztztz*. Nur weil ich mich nicht auf diesen Text hier konzentrieren kann. Und natürlich um mit ihr allein zu sein, wie er sagt.
Sie ist viel einfacher als du, sagt er auch. Und grinst. Aber es ist gut, dass du nicht so einfach wie Siri bist!, fügt er an, bevor er die Türe hinter sich schließt.
Schon wieder umblättern.
Back to topic. Das Phänomen der Gleichzeitigkeit lässt sich, wie gesagt, auf der Ebene von Internet teilweise erklären, nicht aber da, wo kein virtueller Austausch stattfindet. Wenn mir eine Freundin am Telefon etwas erzählt, das mich genau dieser Tage ebenfalls beschäftigt zum Beispiel. Und dies ohne dass wir davor über das besagte Thema X ausgetauscht hätten, wohlverstanden. Da mir genau dies in meinem Leben schon tausendunddreimal passiert ist, bin ich seit dem fünfhundertsiebzehnten Mal nicht mehr überrascht. Aber fasziniert noch immer – jedes Mal neu.
Meiner Wahrnehmung und meinem schamanischen Weltbild nach, entsprechen wir Menschen – was sage ich? alle Lebewesen! – den einzelnen Zellen eines Körpers, die – so verschieden auch alle Zellen sind – im Zellkern so etwas wie eine identische Urinformation haben, welche Aufschluss über den Organismus gibt, dem die Zelle angehört. Nennen wir das doch hier einfach mal Urwissen oder Urkern, was sicherlich nicht ein wissenschaftlich korrekter Name ist. Psychologinnen nennen es vielleicht Kollektives (Unter)Bewusstsein. Eigentlich geht mir der korrekte Name amA vorbei. Wichtig ist mir jedoch das Prinzip, das besagt, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind. Klingt zwar einfach, ist aber eine ziemlich komplexe Geschichte.
Dank dieser Verbindung mit allen und allem ist Entwicklung meines Erachtens überhaupt erst möglich. Verstehen ebenfalls. Und Dinge, Ereignisse, Menschen in Zusammenhänge bringen. Diese Verbindung ist zuweilen ungemütlich, wenn sie mich daran erinnert, dass auch der spießige S. und die langweilige G. Urkernseidank mit mir verwandt sind, doch ist auch es diese Verbindung, die uns im Normalfall zu empathischen Wesen macht, die Mitverantwortung für ihre Mitwelt zu übernehmen befähigt sind. Die Essenz des Urkerns Göttin zu nennen, ist eine Möglichkeit, das Leben zu verstehen. Meine zum Beispiel.
Ob ich ihn diesem Artikel viel persönliches preisgegeben habe, kann ich nicht wirklich einschätzen. Ich ahne jedoch, dass jeder Text in irgendeiner Form eine Selbstdarstellung ist.
Vielleicht ist ja der Urkern daran schuld, das es Internet gibt?

grenzwertig

Wo genau verlaufen meine Grenzen?
Einzig zum Zweck, meine neue App namens PhotoWizard besser kennenzulernen, habe ich heute einen gestern Abend aufgenommenen Schnappschuss aus dem Dachfenster auf zig Weisen bearbeitet. Das Ergebnis ist so schräg und so kitschig, dass es geradezu schmerzt. J. meinte, dass ich damit in der IPA-Community möglicherweise Erfolg hätte. Es ist uns in letzter Zeit aufgefallen, dass es oft eher die nichtssagenden Bilder sind, die dort besonders gelobt werden. Das Niveau ist gesunken. Oder haben einfach Mainstreambilder, die nicht weh tun, mehr Erfolg?
Na ja, meins tut allerdings schon bisschen weh. Dürfen Naturbilder überhaupt weh tun? Darf ich die Natur verAPPen? Grenzwertiges Thema. Und nein, dieses Bild hier muss nicht schön sein.

Seit J. gestern Abend sein neues iPhone 4S ausgepackt hat, komme ich kaum mehr an meinen Laptop, da mein Liebster auf seinem Rechner mit Linux arbeitet und in Sachen iPhone damit nicht weiterkommt. Deshalb turnt er auf meinem Rechner rum. iTunes heißt das Gebot der Stunde. Possessives Programm. Synchronisieren ist angesagt, das alte zuerst und dann das neue. Ärger mit der Software, die nicht wirklich reibungslos läuft …
Nein, ich will euch nicht mit Homestories und Technikkram nerven … Lange Rede, kurzer Sinn: Jetzt ist das neue Zeitfresserchen endlich konfiguriert und mein Laptop wieder mein.
Vorhin haben wir uns schiefgelacht, als J. seine Siri zu zähmen versuchte. Siri, müsst ihr wissen, ist das Stimmerkennungsprogramm, das akustische Aufträge entgegen nimmt und ausführt. Ausführen sollte, meine ich. Mich anrufen zum Beispiel. Schon als neulich Journalist F. uns seine Siri vorstellte, haben wir uns vor Lachen fast in die Hose gemacht. Diese Dame hat ihren ganz eigenen Sinn für Humor.
Wie J. seine Siri vorhin fragte, wieso sie ihn so einfach duze, sagte sie, dass sie jetzt wirklich ein Problem habe. Zum Glück habe ich meinen Tee noch rechtzeitig runterschlucken können, bevor ich losgeprustet habe.
Siri erinnert mich an die guten alten Tamagotchi. Nicht auszudenken, wenn das Siri-Ding plötzlich damit anfängt, ihre Probleme vor uns auszubreiten und gar Bedürfnis anmeldet. Streichle mich, wäre da wohl noch das einfachste. Vielleicht besser, ich schenke meinem Liebsten nächsten Donnerstag die Tamagotchi-App zum Geburstag. Die kann er dann, im Gegensatz zu Siri, einfach wieder deinstallieren. (((Bitte nicht weitersagen!)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Plädoyer fürs Scheitern

Ist Scheitern eine Möglichkeit für dich? Erlaubst du dir zu scheitern? Hast du den Mut, dir einzugestehen, dass du womöglich am Scheitern bist?, frage ich mich in der letzten Zeit oft.
Ja, vielleicht, und wenn schon!, murmle ich zögerliche Antworten.
Nächste Fragen: Was ist scheitern überhaupt und wird es nicht zu Unrecht verteufelt?
Definitionen im Internet zu finden, ist ja immer irgendwie erheiternd. Je nach Perspektive können sie etwas ganz und gar konventionell – in diesem Fall hier negativ – bewerten oder das Thema auf den Kopf stellen.

schei•tern; scheiterte, ist gescheitert; [Vi]
1.
(mit etwas) (an jemandem/etwas) scheitern (aus einem bestimmten Grund) ein Ziel nicht erreichen ↔ Erfolg haben : Sie wollten ein neues Kraftwerk bauen, sind aber mit ihren Plänen am Widerstand der Bevölkerung gescheitert.
2.
etwas scheitert (an jemandem/etwas) etwas misslingt, etwas wird kein Erfolg: Ihr Plan, ein eigenes Geschäft zu kaufen, ist an der Finanzierung gescheitert; Ihre Ehe ist schon nach kurzer Zeit gescheitert
Quelle: http://de.thefreedictionary.com/scheitern
Scheitern: Es kann durchaus sein, dass eine Szene den Bach heruntergehen. das gehört aber beim Improvisieren dazu und kann sogar für das Publikum interessant sein!. Deshalb soll man laut Johnstone eben „mit guter Laune scheitern“ – und das schiefgegangene Spiel wieder zu probieren („Wiederkommen“).
Quelle: http://literatten.net/impro/tip-glossar.html#s

Die zweite gefällt mir besser. Im Scheitern wohnt die Chance zum Neuanfang.
Noch mehr Fragen: Ist meine bevorstehende Rückkehr in die Schweiz überhaupt als scheitern zu bezeichnen? Falls ja, als wessen scheitern? Ist es das Scheitern Deutschlands, mich in sich zu integrieren oder ist es mein Scheitern, mich in Deutschland zu integrieren? Bin nicht letztlich ich mein einziger Referenzpunkt? Immerhin ist es kein Scheitern meiner Beziehung zu J., der mein Heimweh ernst nimmt. Das lässt mich alles einigermaßen gelassen ertragen.
Nicht dass ich es nicht versucht hätte. Mir eine neue, deutsche Haut überzuziehen, meine ich. Doch mit ß statt ss schreiben, ist das Deutschsein nicht getan. Auch statt mit dem Velo mit dem Rad unterwegs zu sein, reicht nicht, den deutschen Geist zu verstehen. Zu verinnerlichen, zu erfassen, was da in der Tiefe abgeht, was die Energie meines Gastlandes wirklich ausmacht. Dazu braucht es mehr. Die Fähigkeit, mich derart in diese neue Kultur zu vertiefen, fehlt mir. Ist Unfähigkeit aber automatisch scheitern?
Nicht zu unterschätzen: Das deutsche Erbe, der deutsche Rucksack wiegen schwer. Deutschland habe am meisten unzufriedene, unglückliche Menschen, las ich neulich in einer Buchbesprechung, wo es um die Aufarbeitung jener Schatten der Vergangenheit geht. Schwere Schatten, die eine ganze Nation bis ins nächste und übernächste Glied verfolgen.
Ob Scheitern für mich eine Möglichkeit ist? Ja. Und Neuanfang auch. Immer wieder. Die Wurzeln, so habe ich heute bei meinem Spaziergang durch die Felder geahnt, die Wurzeln sind da. Eigentlich. In mir. Wie ich da so im Matsch zwischen den halbmeterhohen Rapspflanzen stehe und mein Gesicht der Sonne entgegen wende, begreife ich, dass mein Heimweh kein Davonlaufen ist, nein, keine Flucht und letztlich auch kein Scheitern, sondern die Wahl einer weiteren Möglichkeit, mein Leben zu gestalten.
Wie ich – um möglichst viel Sonne abzubekommen – mitten durch die regenfeuchten Felder wate (wird es hier wohl je wieder trocken werden?), schrecke ich ganz unerwartet ein paar Rehe auf, die zwischen den Pflanzen gedöst haben. In eleganten Sprüngen rennen sie in Sicherheit.
Vor mir braucht ihr doch keine Angst zu haben!,
möchte ich rufen. Doch Mensch ist Mensch. Und dass ich kein Gewehr habe, sehen und wissen die Rehe nicht. Auch wir Menschen glauben am liebsten, was wir zu sehen meinen. Woran wir uns zu erinnern meinen, zeichnet unsere Wirklichkeit.
Ich wünsche mir, dass es mir immer wieder, immer öfter, gelingt, anders hinzuschauen. Dinge anders zu betrachten. Anders zu bewerten. Und somit auch scheitern als Möglichkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar willkommen zu heißen. Was auch immer scheitern wirklich meint.

déjà-vu

Die ersten Seiten des neuen Buches sind skizziert. Halt, nicht Buch, das hier ist richtiges, bald zu lebendes Leben.
Ich schreibe mein Drehbuch zwar mit, aber da sind so viele Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe. Nicht auf Gefühle, nicht auf Fakten. Aufs Wetter ebenso wenig wie auf Stimmungen, Straßenverkehr, Mond- und Sternenkonstellationen. Alles steht ständig zu allem in einem Verhältnis. Sympathikus. Parasympathikus. Wechselwirkungen. Polare Bewegungen. Energie. Gaddafi. Kernspaltung. Vom kleinen ins große und wieder ins Detail, wo – wie es heißt – der Teufel hockt.
Sitze auf dem Sofa. Trinke Bier. Kleine Welt. Müde Füße. Irgendwo Mut.
Und Liebe. Sonst wäre alles nix. So ist irgendwie nix alles.

Quelle: Mein Tagebuch und Blog vom 20. März 2011
Schon bald werde ich wieder Umzugskisten füllen … und auch diesmal weiß ich nicht, was auf mich zukommen wird. Die einen nennen es Mut, andere schütteln den Kopf, dritte fragen, warum.
Und ich? Ich sage: Das ist mein Leben.