Lebenslügen

Ich kann nicht die sein, die ich bin, sagt sie. Nicht hier. Und vielleicht nirgends. Jedenfalls nicht die, die sie wirklich sei. Nicht nach außen jedenfalls. Aus Angst vor Missverständnissen passe sie sich an, spiele ihre Rolle, gibt sie zu. Allerdings sei sie wohl zu wenig gut, um wirklich erfolgreich täuschen zu können. Die anderen vielleicht, sich selbst aber nicht – nicht wirklich, nur  oft und nur scheinbar. Diese alles entscheidende Frage, wozu sie eigentlich hier sei – wirklich-wirklich, übergeordnet, sinnstiftend – würgt sie einmal mehr und sitzt ihr im Nacken. Diese Frage aller Fragen hat, wie es aussieht, nur eine Weile geschlafen – oder hat sie sich gar tot gestellt? –, aber weg war sie nie, nicht wirklich (und sie frage sich, sagt die Frau, wie andere diese Frage für sich so gut verdrängen oder so erfolgreich und befriedigend beantworten können) und während sie sich weiterhin nach außen hin adäquat verhält und die Rolle geschickt, so gut es eben geht, spielt, fällt niemandem groß auf, nicht mal ihr selbst, dass sie irgendwie falsch spielt. Eigentlich. Nicht absichtlich, sondern einfach um zu überleben, was in sich eine Paradoxie darstellt, da sie ja nicht weiß, wozu sie eigentlich lebt, wie sie sagt. Mein Fluss staut, ich hinke, ich stolpere. Warum ist ‚einfach leben‘ so schwer?

(by me)
Schnitt.

Das Buch, Unter dem Tagmond der neuseeländischen Autorin Keri Hulme, das Luisa Francia am 25.November 2011 in ihrem Internettagebuch beiläufig erwähnt hat, lässt mich seit Tagen nicht mehr los. Der Titel hatte sich mir beim Lesen des Artikels eingeprägt. Er hat sich mir auf die Schultern gehockt und mich bedrängt, ihm zuzuhören. Schließlich war das Buch gekauft.
Eine verstörende, unbequeme Geschichte, in der Tat, wie es auf dem Umschlag steht. Fertig bin ich noch nicht. Noch ungefähr hundertachtzig Seiten des umfangreichen Buches fehlen. Es zu lesen, tut zuweilen so weh, dass ich weinen muss. Es ist die Geschichte der exzentrischen Künstlerin Kerewin, die eines Tages in ihrem selbstgebauten Wohnturm einen tauben, blonden Jungen findet und tags darauf dessen Pflegevater Joe, einen Maori, kennenlernt. Das Kind sei vor drei Jahren, noch vor Kerewins Ankunft an dieser Küste, nach einem heftigen Sturm wie Strandgut an Land gespült worden. Das gesunkene Schiff wurde nie geborgen. Die Eltern, ebenfalls an Land gespült, waren tot und weltweit nirgends als vermisst gemeldet worden. Eine kleine Spur führt nach England, doch sie versandet. Auch der Pflegevater hat seine Wurzeln zur Herkunftsfamilie verloren, zudem sind seine Frau und sein kleiner Sohn kurz nach dem der Findelsohn Simon in die Familie aufgenommen worden ist, an Grippe gestorben. Kerewin, die unnahbare, höchst sensible, verletzliche und zu Depressionen neigende Künstlerin, hat vor einigen Jahren wegen tiefgehender Probleme ihre Familienbande gekappt und ist als vorläufige Station ihrer Selbstfindung – und offenbar mit genug Geld, um ohne Anstellung leben zu können – hier, im Turm, am einsamen Strand, gelandet.
Die drei zufällig Zusammentreffenden entwickeln eine seltsame, intensive Freundschaft. Die beiden Erwachsenen sind in erster Linie um das Wohl von Simon besorgt, der sich, nicht zuletzt wegen seiner Sprachlosigkeit, sehr unangepasst und unkonform verhält. Dass sein Vater ihn liebt und ihn züchtigt scheint für Kerewin am Anfang normal zu sein, bis sie entdeckt, dass der ansonsten zärtliche und liebevolle Vater seinen Sohn zuweilen bis aufs Blut misshandelt.
Wir teilen als Lesende den Alltag dieser Schicksalsgemeinschaft. Wir lauschen philosophischen Gesprächen von Kerewin und Joe, erfahren Joes Lebensgeschichte und warum Kerewin eine Weile in Japan gelebt und dort Aikido studiert hat, diesen Lebensweg der Versöhnung. Wir sehen Wutausbrüche, wir erleben Versöhnungen. Und schließlich sind wir dabei, als alles überbordet und die Staumauern einreißen.
Die Autorin ist stilistisch in keine Schublade zu stecken. Sie erzählt oft sprung- und bildhaft, Gedankenfetzen werden eingewoben und Dialoge sind nicht immer als solche erkennbar  – waren das eben Gedanken oder haben die beiden miteinander geredet? Dann wieder erzählt sie ganz klassisch, was die drei Menschen jetzt in der Hütte aus Kerewins Kindheit erleben, die sie gemeinsam für ein paar Wochen Ferien aufsuchen. Niemals zählt sie auf, niemals erklärt sie zu viel, und immer bin ich als Betroffene mitten drin. Sogar die Wutausbrüche Simons, Joes und Keres sind irgendwie nachvollziehbar.
Was die drei Menschen erleben, hat für mich etwas sehr archetypisches, beinahe gleichnishaftes, ohne aber je moralisch zu sein. Zwingend existentiell die Thematik. Letztlich geht es auch um Lebenslügen. Um Hoffnungslosigkeit ebenso wie um Sehnsüchte. Nach Erlösung. Nach Freispruch. Nach Heilung. Und letztlich ist es eine Liebesgeschichte der ganz und gar anderen Art. Wie sie endet? Darauf bin ich schon sehr gespannt.

*leere Zeile*

Zu viele Farben, zu viele Bilder, Kontraste, Geräusche, Texte. Zu viele Geschichten. Einfach viel zu viele Eindrücke aus allen Richtungen. Zu viel von allem. Reizüberflutung. Alles gleichzeitig und deshalb nicht wirklich aufnehmbar. Dazu viel zu wenig Ruhe innen drin. Stille, warum weiche ich dir aus? Warum lass ich dich nicht ein? Ich sitze da und hätte alle Zeit der Welt für dich und was tue ich stattdessen? Ich surfe, ich lese. Klicke Bilder an, klicke Texte an, schreibe Kommentare da und dort. Gebe meinen Senf dazu. Bin da betroffen, leide dort ein wenig mit und klicke mich weiter. Und bilde mich weiter – ganz beiläufig. Bilde es mir jedenfalls ein.
Es denkt in mir. Laut denkt es in mir. Lauter laute Wörter. Buchstaben, die ich ausspucke, jetzt und hier und ich begreife, dass alles, was mich da draußen stört, schon und immer auch in mir drin ist. Leistung bringen müssen? Kannst du sogar zuhause am Schreibtisch haben! Voilà: Sogar beim Bloggen. Beim Bilder einstellen auch und beim Rückmeldungen geben. Sogar welche zu bekommen ist nicht leistungs(druck)frei. Dank wird erwartet. Glaube ich jedenfalls. Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten hier und jetzt, frei nach William Makepeace Thackeray. Transponiert in die Gegenwart. Eitelkeit ist zeitlos. Doch Eitelkeit nährt ein bisschen. Das Ego immerhin.
Und was nährt den Bauch? Wozu den Antrag auf Wohngeld ausfüllen? Ein bisschen mehr Geld zu haben, ist nicht schlecht, scheint es mir. Entlastung ist willkommen. Entspannung tut gut und Geld regiert die Welt, sagen sie. Sie? Wir. Ich. Ich auch. Auch ich brauche es, das Geld. Die Kohle. Den Schtutz. Auch ich kann ohne es und sie und ihn nicht einkaufen. Auch ich glaube zuweilen, mehr als mir lieb ist, dass Haben die Seele nährt. Stimmt es sogar? Eingewoben in der Materie, wie ich es bin, ist Haben mitverantwortlich für Wohlgefühl. Ich sage nur iPhone. Ich sage nur Auto.
Nein, ich plädiere hier nicht für Kaufen. Nicht für Habenmüssen. Nicht für mehr. Nicht für größer. Nicht für Big Business. Und schon gar nicht für Weihnachten und so Zöix. Nein, ich plädiere nicht für diesen Hype. Ich boykottiere ihn sogar. Wie schon seit vielen Jahren gibt es von mir keinerlei Geschenke, keinen Christbaumklimbim und auch kein Adventsgekränzel. Null Kitsch. Null Sentimentalität. Null Weihnachtsprogramm. Und null Karten. Bestenfalls zur Sonnwende und zum neuen Jahr einen Gruß. Lieber schreibe ich jedoch Briefe, Karten und Mails, wenn ich Lust dazu habe.
Dennoch fühle ich mich virtuell übersättigt. Dauermüde vom Hören, Sehen, Verarbeiten. Immerhin und zum Glück ist das meiste davon, was ich aktuell als stressig empfinde, handgestrickt.
Schnitt.
Und jetzt? Darf frau sowas veröffentlichen? Ein Text mehr, der im virtuellen Netz herum schweben wird. Ein paar Zeilen nur. Worte. Wörter. Leerlauf möglicherweise. Gedanken, wie sie alle denken. So what?
Wenn ich hier einmal einen tollen Text geschrieben habe, muss ich deswegen nicht immer geniale Texte schreiben. Ist mit Bildern nicht anders. Mut zum Unperfekten. Mut zum Prozess. Und ja, es darf auch mal durchschnittlich sein, was wir produzieren, was wir leisten. Unsere Messlatten dürfen ruhig rauf und runter gehen. Ein Stressfaktor weniger, wenn wir uns dies erlauben.
Ein leeres Bild. Ein weißes Blatt Papier. Nackter Baum. Pause. Punkt. Lücke.
Ja!

Schatten

Die letzten Tage haben sich die Bloggerinnen Cambra und Li Ssi (Café Weltenall) – siehe meine Blogrolle – mit ihren Schatten auseinandergesetzt. Und Masken gestaltet.
Inspirierend!
EDIT: Mein Weg des Maskenbaus ist ein virtueller.
Heute setze ich mich virtuell mit meinen Schatten auseinander. Auf dem iPhone. Welten treffen aufeinander. Innen und außen werden eins.
Das eine nicht ohne das andere.
Spiegelung.
Gegenteil.
Kontrast.
Verbindung.
Übergang.
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Bild: iDogma –
Fotografiert mit Hipstamatic, bearbeitet mit Dynamic Light, Grungetastic, Diptic und Blender. Finish mit Pic Grunger

anders

Ein Bild taucht auf. Jeder Mensch sei ein Kreis. Menge, denke ich. Was uns ausmacht, ist die Menge alldessen, was da ist. In uns. Sicht- und unsichtbares. Verstecktes. Jede und jeder eine Menge. Mit den einen überschneiden sich Interessen, Schnittmengen entstehen, größere, kleinere. Bei anderen berühren sich nur die Kreislinien und bei wieder anderen nicht einmal diese.
Dennoch sitzen wir alle im gleichen Boot. Kreise auf dem gleichen Blatt Papier.
Erde. Boot. Papier.
Wir alle, mit Ausnahmen, die es immer geben wird, sind von dem Kreis, den wir selbst darstellen, zumindest so weit überzeugt, als dass wir uns darin auskennen und ihn für richtig halten, im großen Ganzen. Und für wichtig auch. Wir wissen, welche Regeln in diesem Kreis gelten und gehen davon aus, dass die Regeln im Nachbarskreis und in all den anderen Kreisen ähnlich sind. Überraschung! Sind sie nicht. Nicht immer jedenfalls. Eher weniger als mehr. Die anderen Regeln sind zuweilen sogar so was von anders als unsere, dass wir nur den Kopf schütteln würden beim Versuch sie zu verstehen. Was andere als Regeln für ihren Hamsterrad-Kreislauf definiert haben, muss aber deshalb nicht schlechter sein. Doch anders reicht den einen oft schon, um respektlos und grob zu werden. Verbal oder handgreiflich.
Auch die Definition von Notwendigkeiten ist unterschiedlicher als wir ahnen. Was die eine braucht, geht dem anderen am A… vorbei. Wie ich da so gestern mit Freundin A. in einer Konditorei in B. sitze und wir über Göttin, die Welt und die Männer philosophieren, über Befindlichkeiten und Lebenssinn, über Bedürfnisse und Bedürftigkeit – Schuhe kamen im Gespräch übrigens keine vor! – wird mir bewusst, dass das, was ich zum Leben brauche, längst nicht alle anderen brauchen. Solche Gespräche zum Beispiel nähren mich weit mehr als zehn Stücke Torte. Und während andere sich nur wohlfühlen, wenn sie jeden Tag zehn Stunden arbeiten können, brauche ich viel Stille. Während andere den Winter lieben, den Schnee kaum erwarten können, es sie bei solchem Wetter nach draußen zieht und sie glücklich aufatmen, wenn es endlich kühler wird, hänge ich bei solchem Wetter am liebsten auf dem Sofa und träume von Winterschlaf und lauen Sommernächten.
Die Kreise, die wir vorhin gezeichnet haben, die Menschen, die wir sind – wir füllen die einzelnen Kreismengen nun im zweiten Schritt noch dadurch, dass wir weglassen, subtrahieren, was für jede überflüssig ist. Ihr wisst schon: Kreis A braucht dies nicht, während Kreis B ohne dies kaputt gehen würde. Wieder wird es so mit den einen Schnittmengen geben, mit anderen Berührungen und mit noch anderen keinerlei Kontakt. Und doch kreisen wir noch immer auf dem gleichen Blatt Papier.
Was ich zum Beispiel absolut nicht brauche? Weihnachten. Weihnachtsstress. Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsgeschenke. Weihnachtsbesuche.
(Klammer auf: Würde ich diese meine Überflüssigkeiten zum neuen Gesetz erheben, bekäme ich mächtig Probleme. Nein, nicht primär mit den lieben Kinderlein, mehr noch mit den Wirtschafts- und Werbefuzzis allüberall. Die würden wohl ganz anderes weglassen, Pausen vielleicht, Müßiggang. Klammer zu.)
Ein anderer würde nur allzu gerne auf die Farbe rot verzichten, weil sie zuweilen in den Augen weh tut, weh tun kann. Andere wieder können sehr gut ohne Bücher sein, und noch andere brauchen keine Milch. Die einen brauchen Coolness nicht, andere schon. Ähnlich geht es mit Machismo. Mit Zigarren und mit Schokolade. Alle aber können eins nicht weglassen, eins nicht. Ob als Sehnsucht oder gelebt: ein warmes Nest brauchen alle. Eigentlich. Geborgenheit. Wohlwollen. Raum, die und der sein zu können, die und der wir sind. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist so klein nicht und ein paar andere Buchstaben mit viel Gewicht und wenig Aufwand gehören ebenfalls dazu: TOLERANZ.
Der Mensch sei ein Kreis. Nein, nicht Konjunktiv, den kreisen tun wir alle. Und stolpern und wieder aufstehen auch. Weitergehen.

heimat-los

Sie sind ihre Heimat los geworden, die Ausgewanderten. Kein leichtes Los. Sie haben ihre Heimat, so sie denn eine hatten, losgelassen. Oder wollen genau das nicht. Oder üben es noch. Oder sind kleben geblieben – irgendwo zwischen den Grenzen, die nur im Kopf bestehen. Und jetzt sind sie da, wo irgendetwas besser sein muss. Irgendetwas muss hier besser sein, sonst wären sie dort geblieben, wo sie vorher waren. Ob Flüchtlinge oder Liebende – wer auswandert, nimmt das Los auf sich, Heimat gegen kaum Bekanntes zu tauschen. Ein nicht immer ganz freiwilliger Tausch von Bekanntem gegen Ahnungen. Von Vertrautem gegen Erwartungen. Unscharfe Ränder des Bildes im Herz. Farben, die changieren, unklar sind sie zuweilen, dann wieder, je nach Blickwinkel, so scharf, dass sie blenden und blinzeln lassen. Blinzeln, um gleich wieder hinzuschauen. Wahrnehmen gegen Widerstände. So viel Gegenteiliges, so viel Vergleich.
Ob das Gewählte besser ist, zeigt sich erst, wenn Zeit vergangen ist. Wenn gelebt wurde. Wenn die kleinen Wurzeln in der neuen Erde ausschlagen und neue Verästelungen bilden. Wenn die tägliche Bahn der Sonne allmählich vertraut ist. Wenn das heurige Laub zusammengerecht ist. Wenn die alten Blätter neuen Knospen Platz geschaffen haben. Leere Äste an leeren Bäumen künden von Heimweh. Und doch sind es auch die Bäume, die Heimweh heilen. Sie fragen nicht nach Nationalitäten. Dafür schenken sie Gelassenheit, wenn du sie lässt. Und sie machen Mut, dem neuen Boden zu vertrauen.
…………………………………….
Wie wir da, es ist Freitagabend spät, tanzend durch den Raum und die Zeit schweben, bin ich überall zuhause. Nicht mehr heimatlos. Zufällig bin ich in der Schweiz und die Stimmen um mich herum klingen vertraut. Die Musik auch. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden muss. Alles vertraut.
Am Samstagnachmittag am Zürichsee, bei J.s Cousin und dessen Familie, unterhalten wir uns in drei Sprachen, ich zumindest. Mit dem fünf Wochen alten Little-D. plaudere ich Schweizerdeutsch und er versteht. Seine weisen Augen ruhen in meinen und erzählen von drüben. Von früher. Von bald. Erzählen von Ewigkeit und Jetzt. Mit C. und J. reden wir hochdeutsch, zuweilen auch französisch, C.s Muttersprache. Als schließlich spontan in der Schweiz wohnende, französische Freunde an der Türe klingeln und an den Kaffeetisch mit eingeladen werden, babeln wir dreisprachig, da Mösiö C. noch nicht so gut deutsch kann. Nur Little-D. versteht noch alles, scheint mir. Fremdsprachen kennt er keine. Er hört die Worte, die Sprachen der Herzen.
Wenn ich keine Worte finde, weder gesprochene noch unaussprechliche, fühle ich mich fremd. Hier nicht, zum Glück, und auch dort nicht. Nein, nicht fremd, aber heimatlos. Hier wie dort. Ja, sogar dort, in der Schweiz, trotz meines tollen FreundInnennetzes, weil ich dort kein Zuhause mehr habe. Und hier, im neuen Land, weil meine Wurzeln noch nicht verwachsen sind. Es braucht Zeit, sagen die Weisen. Und Geduld. Kein leichtes Los, doch, zumindest in meinem Fall, ein selbstgewähltes.
Und letztlich, auch das sagen die Weisen, ist meine Heimat überall. Hier wie dort. Und sie war und ist schon da. Immer. In mir.

Noch mehr Medizin

Da hab ich doch gestern tatsächlich den künstlerischen Ausdruck als meine Lebensmedizin zu erwähnen vergessen! Echt unglaublich. Aber ich habe ja auch die Atemluft nicht erwähnt, nicht das Feuer, die Wärme am Ofen, auch das Wasser nicht, das aus dem Hahn und aus der Quelle fließt. Und nicht die Erde, die mich trägt. Nicht mal die Liebe, nicht mal sie habe ich aufgezählt. Zu selbstverständlich das alles?

Wieder steigt dieses Wort auf: Dankbarkeit. Keine Hülse für mich. Kein schnelles Dankeschön, sondern eine innere Haltung, die erst in den letzten Jahren gewachsen ist. Dankbarkeit trotz …
***
Der Antrag auf Wohngeld liegt auf dem Tisch. Ein Formular, das mir das Überleben sichern hilft, wenn ich es ausgefüllt und eingereicht haben werde. Dankbarkeit für diese Möglichkeit.
***
Aus der Küche riecht es nach Torta di Pane. Brottorte. Nach einem Südschweizer Rezept, ausgeführt à la Sofasophia. Aus altbackenem Brot lässt sich ein wunderbarer Kuchen zaubern. Und aus Stroh Gold spinnen. Aus Buchstaben Sätze. Dankbarkeit.
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Die Reisetasche steht bereit, ein paar Sachen sind schon gepackt. Den Rest stecke ich später ein. Morgen mit dem Liebsten in die Schweiz an ein Fest mit FreundInnen fahren und dort mit dem Lieblingsmenschen andere Lieblingsmenschen treffen. Dankbarkeit.
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Das letzte Mal. Ein Buch über den letzten 6 hat Wildgans neulich vorgestellt. Das letzte Mal von was auch immer ist wie rückwärtsfahren im Zug. Wir wissen erst, wenn wir im Gotthardtunnel sind, dass wir vor fünf Minuten die letzte Palme der Südschweiz gesehen haben. Wir wissen erst, wenn es heute kalt ist, dass gestern der letzte warme Tag war. Und wir wissen erst, wenn wir auf dem Sterbebett liegen, dass dies der letzte Morgen war.
Ich fahre im Zug lieber rückwärts. Die Landschaft, die ich zurücklasse, franst aus, zieht an mir vorbei. Langsam werden die Dinge kleiner, die ich verlasse. Anders beim Vorwärtsfahren. Da kommen die Dinge mit der Wucht alles Neuen auf mich zu. Kommen ungefragt, wollen Aufmerksamkeit, wollen, dass ich reagiere. Das erste Mal. Heiß ersehnt, mit Erwartungen vollgepackt, die kaum zu erfüllen sind und die genauso oft im Nachhinein geschönt werden. An das erste Mal werden wir uns immer erinnern, ob aufgepimpt oder pur ist dabei unerheblich, und wir werden das vorläufig letzte Mal immer damit vergleichen. Bis zum nächsten Mal jedenfalls. Und wir tun so, als gäbe es immer ein nächstes Mal. Immer. Dafür bin ich dankbar.
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Bild: iDogma –
fotografiert mit ProCamera (Collage von mir aus Papier), beschnitten mit PS Express, bearbeitet mit Dynamic Light, Segmentix, Autopainter und Blender. Finish mit Pic Grunger

Gute Medizin

Was tut mir gut? Was verleibe ich mir am liebsten ein, wenn ich Mut brauche? Mit was würze ich gerne – so eine Art Lebenswürze? Welches Getränk lässt mich heiter werden und was esse ich, wenn ich Nervenruh brauche? Was gibt mir im Winter Sommerfrische und was ist so eine Art Allheilmittel?,

fragt Cambra in ihrem Blog.
>> > Und ich? Was tut mir gut?
# Luisa Francias Bilder aus Portugal (luisa in alentejo – 30.11.2011 um 12:44:45) und der Hinweis darauf, dass ihr neues Jahreshoroskop 2012 bereits im Netz hängt (hier klicken).
# Wenn mein Liebster mir nach dem Erwachen den Rücken streichelt und massiert.
# Die Nachspürpausen zwischen zwei Yoga-Asanas. Sie sind genauso wichtig wie die Übungen selbst, denn ohne sie gibt’s Muskelkater.
# Die Erkenntnis, dass es ohne Pausen im Leben nicht vorwärts gehen kann.
>>> Was verleibe ich mir am liebsten ein? Was macht mir Mut?
# Schwarze Schokolade, die langsam auf der Zunge zergeht.
# Spaghetti – mit Gemüse- & Tomatensauce, mit Zitronen- & Peperonisauce, mit Pesto, mit Käse, nature …
# Joghurt – nature, mit Honig oder mit sauren Früchten (Zitrone, Orange, Sanddorn …).
# Tomaten in allen Variationen.
# Erd- und andere Beeren.
>>> Womit würze ich mein Leben?
# Mit Kreuzkümmel im Gemüse-Curry.
# Mit Dill zu Joghurt mit Zitronensaft an Gurkensalat.
# Mit Pfefferkörnern in einer Gemüsesauce.
# Mit Salz im richtigen Mass.
>>> Welche Getränke schenken mir heitere Gelassenheit?
# Tees, allen voran Yogitee, Ingwertee und Lavendel-Rosenblüten-Tee.
# Ein heißer Apfelsaft.
# Ab und zu eine heiße Schokolade, am liebsten nach einer Herbst- oder Winterwanderung. Aber wirklich richtig heiß muss sie sein!
# Ein dunkles Bier am Feierabend, am Feuer genossen (am liebsten ein Ittinger).
>>> Womit beruhige ich meine Nerven?
# Mit einer Herzumarmung eines lieben Menschen.
# Mit dem Sound von Patent Ochsner (waas? Die kennt ihr nicht? Hier gibt’s mehr …).
# Mit einem warmen Bad bei Kerzenlicht.
# Mit Baldriantropfen oder -dragées.
# Mit Lavendel- oder Hopfentee.
>>> Wo hole ich mir Sommerfrische?
# Im Blutorangensaft (je Winter desto mehr).
# Aus der Musik, die wir auf der Sommerferienreise oft gehört haben.
# Aus den extrahierten Düften des Sommers, zum Beispiel aus einem Heublumenbad …
# Aus den Beeren im Tiefkühlfach.
# Aus dem Marmeladenglas. Selbstgemachte Johannisbeeren schmecken göttlich nach Sommer!
# Aus einem Sommerkrimi.
>>> Was heilt mich, wann immer ich es brauche?
# Ein Gespräch mit einer lieben Freundin.
# Das Zusammensein mit lieben Menschen, allen voran mein Lieblingsmensch J..
# Alleine zu sein.
# Mein Laptop oder mein Notizbuch. Sie sind meine Werkezeuge, wenn ich mir alles, was weh tut, von der Seele schreiben will.
# MUSIK! Je nach Stimmung Rock, Indie, Experimental, World, Classic oder Folk.
# Tanzen …
# und so weiter …
Sollte ich, so wie das Cambra im erwähnten Artikel getan hat, ein Bild mit meinen Medizin-Dingen arrangieren, wüsste ich nicht, wo anfangen. Bin ich gar abhängig von all diesen Dingen, von so genannten Äußerlichkeiten, die mein Wohlbefinden unterstützen, frag ich mich. Und: Was wäre ich ohne dies alles?
Halt, halt, jetzt weiß ich, was ich auf meinen Medizintisch lege! Einen Papierbogen. Könnt ihr ihn vor euch sehen? Weiß. Groß. Und da drauf steht nur ein einziges Wort, das all die Dinge meint, die ich aufgezählt habe: DANKBARKEIT.

G***gle is watching you!

Noch ganz wirr von den seltsamen Träumen schlurfte ich heute Morgen in die Küche. Wie froh ich war, dass mich J. durch seine Aufstehgeräusche geweckt hatte.
Auf dem Tisch dieser Gutschein von irgendwo. Wenn Sie ein Fotobuch kaufen, schenken wir Ihnen fünf Euro, steht da. Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich in die dampfende Teetasse. Denke wieder an den Alptraum. Endlich war ich den Werbeversprechen von F***book erlegen und hatte mir einen Account zugelegt. Kaum dabei kam die erste Mail. Von einer Freundin, die nach Mexico ausgewandert ist. Die Freundin gibt’s wirklich und Mexico auch, so viel ich weiß. Ob sie noch da lebt?
Cool!, dachte ich im Traum, und innert Minuten standen alle, die mich früher angebettelt hatten, doch auch bei F***book mitzumachen, in der Warteschlange der möglichen FreundInnen. Verzaubert war ich, im Traum, und beglückt, endlich dazuzugehören. Eine trügerische, beinahe kitschige Verzücktheit erfüllte mich. Doch noch im Traum waren auf einmal die Zweifel da. Zuerst solche wie: wann soll ich all diese Mails beantworten, wo ich doch schon mit den ganzen normalen Mails im Rückstand bin? Dann solche: Ich brauche das nicht! Ich will das nicht!
Wie in einem Netz steckte ich auf einmal in diesem Traum fest. Netz? Internet! Ich war bei Freundinnen und Freunden in Bern und wir diskutierten Vor- und Nachteile desselben. Gute Sache, sich zu vernetzen, keine Frage! Virtualität ist ein Segen, auch das ist mir sonnenklar. Doch brauche ich, brauchen wir diese Socialnetworks wirklich? Wenn ja, wozu?
Gutscheine sind wie Hyperlinks, murmle ich wieder. Wir folgen einem Versprechen, weil wir ja den Gewinn, der uns in Aussicht gestellt wird, nicht ablehnen, nicht verlieren wollen. Aussicht auf Gewinn! Schon blinken Dollarzeichen in den Augen und wir klicken eine Seite an. Überraschung! Und von dort folgen wir der nächsten Spur.
Da und dort hüpfen wir herum. Da und dort konsumieren wir. Da und dort werden uns Dinge versprochen (und oft genug nicht gehalten). Und vor allem werden wir da und dort subtil weichgekocht und auf Konsumtauglichkeit getrimmt, bis wir uns eines Tages nicht mehr wirklich frei bewegen können. Ein Klick genügt und schon weiß Ama***on, was ich zuletzt angeschaut habe. Ama***on vergisst nie etwas. And G***gle is watching you.
Wie gut, dass ich rechtzeitig erwacht bin. Wer weiß, was ich sonst noch alles angestellt hätte in dieser anderen Welt!

aufgelesen

Was ist Wahrheit? Ist eine fiktive Geschichte, wie die eben im Film „Me too – Yo también“ gesehene deshalb unwahr, weil sie nicht eine Lebensgeschichte zeigt, die sich wirklich in allen Details genau so wie gezeigt ereignet hat? Angelehnt sei die Geschichte, nur angelehnt an die Lebensgeschichte der Hauptfigur. Und die Hauptrolle spielt dieser Mann gleich selbst. Ein Mann, der über sich selbst sagt:

Es ist keine Krankheit! Es ist eine Kondition, ein Zustand. So wie der eine blond ist, habe ich eben das Down-Syndrom.

Quelle: Die Presse.com, 17. Juli 2010: Pablo Pineda: „Ich bin nicht krank!“
Als Psychologe mit Universitätsabschluss weiß er, wovon er redet, wenn er gegen die Gleichmachung einer Gesellschaft spricht, zugleich sich aber für die Gleichstellung aller einsetzt.

Aber nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Erfahrung. Es sind harte Erfahrungen, aber extrem bereichernde, die man durch eine Abtreibung eines behinderten Kindes niemals erleben würde. Eltern mit Kindern, die „anders“ sind, verbessern sich auch als Eltern. Sie werden toleranter und solidarischer. Das ist doch eine Chance, die man nützen sollte. Die Auswahl des Kindes à la carte ist nicht gut. Denn schlussendlich wählen wir das Perfekte. Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer. Auch Blumen sind verschieden, und alle sind schön. Der Drang zur sozialen Homogenisierung ist ein Übel der Gesellschaft. Wenn alle gleich denken, gleich aussehen, alle „uniform“ sind, dann ist das Faschismus.

Quelle: Die Welt Online, 10. Juni 2009: Pablo Pineda: „Und wenn dann alle gleich sind, sind wir um vieles ärmer.“
Schnitt.

Die Betrachtung der Dinge, so wie sie sind, ohne Ersatz oder Betrug, ohne Irrtum oder Unklarheit, ist eine edlere Sache als eine Fülle von Erfindungen.

sagte Francis Bacon.
Mit diesem Satz, den die Künstlerin und Fotografin Dorothea Lange, von Frau Mützenfalterin vorgestellt, gemäß Wikipedia in ihrem Fotolabor aufgehängt hatte, kann ich mich darum nur bedingt anfreunden. Mit großem Respekt vor jenen KünstlerInnen und DokumentaristInnen, die sich der Abbildung der Wirklichkeit verschrieben haben, wage ich zu behaupten, dass jede Abbildung letztlich ein Zerrbild ist. Natürlich ist der Versuch edel. Doch ist nicht auch der Versuch, mittels einer Fiktion, wertvolle Inhalte transportieren zu wollen, edel zu nennen? Edel im Sinne von ehrenwert. Altes Wort. Staubig. Im Grunde etwas, das wir heute belächeln. Wie Gutmensch. Den Versuch ist es allemal wert.
Erfindung – Imagination … sie kann, wie ich neulich schon bloggte, ein Wegbereiterin in eine heilere, menschlichere und tolerantere Mitwelt sein.

kreisen

Dieser Tage genieße ich fast nicht so sehr, wie nach getaner Arbeit – oder auch ganz ohne Pflichten davor – am Ofen zu sitzen und Krimis zu lesen. Wieso Krimis? Die Theorie, dass Krimilesen die eigenen schwarzen Seiten neutralisieren soll, die ich irgendwann irgendwo las, hat sicher was. Doch so furchtbar schwarz innen drin kann ich gar nicht sein, um die vielen Krimis, die ich lese, zu rechtfertigen. Wohl liebe ich einfach die Gegenwelten. Und gute Literatur. Denn ich lese längst nicht jeden Krimi. Die Sprache ist wichtig. Die Vielschichtigkeit. Die Dichte. Der Tiefgang. Die Menschen. Leseerfahrung, habe ich neulich gelesen. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Es riecht nach Kompetenz. Ein Wort, das ich bis dahin, trotz meiner Leseerfahrung, schlicht nicht kannte. Dennoch habe ich sie. Als Buchhändlerin, die ich ja auch bin, ein Muss. Und fast lese ich wieder so viel wie damals, als ich noch im Buchladen arbeitete. Auf zwei Bücher die Woche komme ich gut und noch viele Bücher warten darauf, von mir verschlungen zu werden. Es kommt bei der gelesenen Fülle sogar vor, dass ich mir Bücher unwissentlich ein zweites Mal aus der Bibliothek hole.
Ist es wohl gut oder schlecht, dass ich die gelesenen Geschichten und Titel vergesse?, fragte ich meinen Liebsten heute augenzwinkernd.
Weder noch, sagte er, das ist Alzheimer.
Buchstaben – ich liebe sie! Ich verschlinge Buchstaben. Ich ernähre mich von Geschichten. Ich schwimme in Geschichten. Ich surfe in Geschichten. Ich verschlinge Buchstaben allerdings nicht nur, ich spucke sie hinterher immerhin auch wieder aus. Gut verdaut, wie ich hoffe. Ich denke. Ich fühle. Ich beobachte. Ich nehme wahr. Ich schreibe. Buchstaben hat es ja genug für alle.
Energie wird nicht verbraucht, sagte gestern Abend S., das ist eine Lüge. Und sie kann auch nicht erzeugt werden. Das ist irreführend formuliert. Energie ist immer da. Das einzige, was wir tun, ist sie umzuwandeln.
Sag ich doch schon lange. Alles ist immer da, wechselt nur die Form. Ob Alphabet oder Energie ist dabei einerlei. Buchstaben sind sowieso Energie pur. Und absolut neutral. Denkt nur, was sich mit diesen kleinen Kerlchen alles anrichten lässt – Krieg ebenso wie Frieden …
Im Kreis, immer im Kreis …