Ich bekenne, ich mag Kolumnen. Und Editorials. Und Blogs. Offensichtlich bin ich mit meiner Vorliebe nicht allein, anders kann ich mir die zunehmende Kolumnendichte in den Medien nicht erklären. Sie machen süchtig und ich will jedes Mal von Neuem wissen, was meine ProtagonistIn in der Zwischenzeit erlebt hat. So sehe ich durch unzählige Fenster in viele gute und weniger gute Stuben hinein. Offenbar ist es ein Bedürfnis vieler ZeitgenossInnen, Ausschnitte heranzuzoomen, statt sich im Weitwinkel zu verlieren.
Auch die kleinen Schwestern der Kolumnen, die Blogartikel, wachsen aus ihren Kinderschuhen heraus und erfreuen sich wachsender Beliebtheit – beim Publikum ebenso wie bei den Verfassenden. Wem sag ich das? Ein hoffnungsvolles Genre, wenn ich es mir so überlege. Hier ist der Schreiberling, die Schreiberin noch Königin und König und kann sagen schreiben, was er oder sie will. Unter dem Vermerk, dass sich die Meinung der Redaktion nicht mit jener der Kolumnistin decken muss, ist in den Medien alles möglich. Fast alles. In der Blogosphäre* sowieso. Über die Qualität sagt dies wenig aus und auch nicht, ob all die vielen Texte, die tagtäglich getippt werden, auch irgendwo und irgendwie ankommen. Unser Tempo ist rasant und niemand kann all die Informationen von überall wirklich verdauen. Die Quantität all der Outputs lässt mich oft leer schlucken. Dann wieder denke ich mir: Jeder Autor, jede Autorin hat (hoffentlich) ein paar Menschen, die ihre oder seine Texte lesen. Und das ist gut so.
Mein Bedürfnis, über unsachliche – will heißen persönliche – Dinge wie Alltag, Arbeit, Beziehungen oder Lebensperspektiven zu schreiben, dient dem Ausgleich. In einer Welt, wo es um Effizienz geht, wo Sachlichkeit und Professionalität gefragt sind, brauche ich einerseits das Spiel mit den Wörtern. Andererseits höre ich mir aber auch schreibend zu und erfahre so, was mich wirklich beschäftig. Habe ich mal in mein Tagebuch geschrieben. Das stimmt bedingt und natürlich vor allem im persönlichen Tagebuch.
Wenn ich viel outpute, ist eben auch die Chance grösser, dass ich mal was richtig gutes schreibe, sagte ich gestern Abend zu meiner Freundin K. Auch bei den Bildern, die ich mache, ist es so. Auch ein blindes Huhn … na, ihr wisst schon. Abgesehen davon ist auch das Durchschnittliche, das Alltägliche, das Gewöhnliche und nicht Herausragende irgendwie wichtig. Immer nur Orgasmen haben geht ja nicht. Auch Alltägliches hat, während es ist und erlebt und beschrieben wird, eine Wirkung auf mich. Und vielleicht auch auf andere, während sie es lesen oder betrachten.
Das Blog ist ein Filter. Was will ich hier von mir zeigen? Mal mehr, mal weniger. Je mehr ich dabei meine Leserinnen und Leser, die ich persönlich kenne, vor Augen habe, desto schwieriger ist es. Weil ich mir dann Diskussionen über den Artikel, den ich schreiben will, vorstelle und den Faden verliere zum Beispiel. Mit einem anonymen Publikum vor Augen schreibt es sich leichter. Ganz besonders, wenn ich einen Artikel für „meine“ Zeitschrift verfasse, muss ich mir sehr bewusst ein anonymes Publikum vorstellen. So oder so ringe ich ständig mit einer tammi hohen Messlatte. Besser also, ich stelle mir ein Publikum vor, das im Dunkeln sitzt. Was mich an die Lesung vor einem Jahr im ONO erinnert. Nein, besser ich stelle mir gar nix vor oder gar keins.
Und dabei begreife ich einmal mehr, dass ich letztlich für mich selbst schreibe. Weil ich nicht anders kann. Meine Texte, meine Bilder sind nichts mehr und nichts weniger als Stoffwechselprodukte*, wie mein Liebster mal bloggte. Wenn ich damit deinen Garten ein bisschen düngen darf, umso besser.





