nüchtern betrachtet

Waaas? DU wirst bereits fünfundvierzig? Na DANN muss ich mir ja ums Älterwerden keine Sorgen machen! Achtundzwanzig Jahre jung ist sie, die das sagte. Zu mir, wohl verstanden! Na ja. Und ganz nüchtern waren wir nicht mehr. Außerdem war es auch schon ziemlich spät. Gläser mit Grappa vor uns. Halbleer getrunken. Halbvoll wir? Aber … na ja … gefreut hat mich N.s Kompliment natürlich trotzdem. Kurz zuvor hatte der tamilische Kellner – der mit Kaffee Verbrühtwordene, was allerdings eine andere Geschichte ist – um meinen Ausweis gebeten, bevor er mir den Grappa serviert hatte. Ich widerstand nun, verständlicherweise, nur knapp der Versuchung, meinen kleinen Taschenspiegel zu suchen.

Es war mal wieder so weit. Meine Bude traf sich zum Jahresessen in der Dampfi. Als ich zum Einrichten von Beamer und Laptop vorzeitig im Musikkeller, wo wir unseren Apéritif einnehmen würden, eintraf, war das Hemd des Kellners noch weiß wie Schnee und sein Lächeln bezaubernd. Der Wirt, den ich von Telefonanrufen und Mails kannte, bot mir sogleich das Du an. Immerhin waren wir ja schon so was wie Stammgäste. Als mir mein Scheff, der gleich darauf eintraf, gar noch ein Bier organisierte, war meine kleine Welt im Lot. Ich konnte mich gelassen um die technischen Dinge kümmern. Nach und nach trafen meine Kolleginnen und Kollegen ein. Dort ein Küsschen, da ein Hallo. Lachen, plaudern … Die Rede des Scheffs … wie immer herzlich und voll des Lobs für uns alle. Und ohne mich wäre er eh längst untergegangen. Meinte er. Nach dem kleinen Film aus einem unserer Hilfswerk-Programme stürzen wir uns aufs köstliche Menü. Ausgerechnet ich musste durfte den Wein degustieren. Na ja, kenne mich da einfach zu wenig aus. Bier wäre einfacher. Meine Geschmacksknospen befanden immerhin, dass es sich um einen Primitivo handeln müsse. Was sogar stimmte. Und dass er köstlich schmeckte. Was auch stimmte. Denn das bestätigten mir die anderen.

Irgendwann begannen sich die Reihen zu lichten und die Dagebliebenen rückten zusammen. Die neue Praktikantin warf sich, bevor sie ging, schwungvoll ihre Jacke um. Das Tablett voller Kaffeetassen in den Händen des Kellners, der sich ihr von hinten näherte, bekam dabei leider auch was von ihrem Schwung ab. Auf einmal Kaffee überall. Hemd braun. Boden nass. Die armen Arme des Kellners blieben zum Glück ohne Brandwunden. Schon gut!, wehrte der Mann ab. Und lächelte dabei. Shit happens?

Später ordert der Boss Grappa und wir sieben sind die letzten Gäste.

Später, im Bett, begreife ich, dass ich trotz all meines Gemotzes meinen Job mag. Ganz besonders meine Mitarbeitenden. Und meinen Scheff, dem nie jemand dankt. Ja, ich mag meinen Job. Trotz des Katers heute Morgen. Und obwohl ich heute – ganz nüchtern betrachtet – ganz bestimmt älter als bald fünfundvierzig aussehe.

er muss

Empathie. Wertschätzung. Die Liebe anderer
Menschen. Abhängigkeiten. Vom
Wetter zum Beispiel. Oder
von Schönheit. Zoomen. Hingucken. Schnee-
glocken-Sprösslinge, wo gestern noch Schnee
lag. Frühlingsahnung. Sonnenstrahlen. Wertschätzende
Worte im Büro. Meine Finger, die über die
Tastatur rasen. Die Entscheidung, heute Abend zuhause zu
bleiben, obwohl ich so A.s Lesung im ONO verpasse. Dafür
das Sofa genießen. Die Ruhe. Tagebuchschreiben. Sein. Seelen-
baumelei. Lesen. Mit Lisbeth Salander mit fiebern. Ob
Blomkvist es schaffen wird, ihre Unschuld zu beweisen?
Er muss.
Bücher müssen ein Happyend haben. In Farbe. Das
Leben auch. Immer
wieder. Obwohl es kreist. Oft genug
schwarzweiß. Unten wird oben. Und
umgekehrt. Oder horizontal. Drei
Dimensionen. Oder mehr.
Vielleicht. Vorläufigkeit immer. Alles.

Wo ist die Bremse?

Zu viel Zeit zu haben, so sagte meine Freundin K., mit der ich heute telefonierte, ist nicht unbedingt kreativitätsfördernd. Sie muss es wissen. Sie hat – aus gesundheitlichen Gründen – viel Zeit. Zu viel bisweilen. Doch zu wenig ebenfalls nicht!, konterte ich. HansimSchnäggeloch-Gefühle schwebten zwischen L. und Bern durch den Äther.

Tja. Meine Kreativität scheint zu schlafen. Mir fällt zurzeit einfach nichts Geistreiches, Geniales, Exorbitantes, Einmaliges, Atemberaubendes ein. Jedenfalls nichts, worüber ich bloggen könnte.

Doch ist es wirklich die Kreativität, die fehlt? Oder sind es Inspiration oder Zeit? Der böse Alltag vielleicht, dieser Langweiler? Die viele Arbeit? Die Zahlen, die ich zurzeit von A nach B schaufle oder die Adressdatenbanken, die ich update? Sind sie die Bösen, die verursachen, dass mir keine klugen Sachen einfallen, über die ich bloggen könnte? Der Schnee gar?

Tatsache ist, dass ich im Moment das Gefühl habe, alles gesagt, alles geschrieben, alles gelesen zu haben, was es gibt. Und außerdem das Gefühl, im Alltag nicht wirklich zu leben. Zahnrad zu sein. Oder eine dieser Kugeln im Pirmasenser Dynamikum, das J. und ich am Samstag besucht haben. Sie drehen und drehen. Bis sie ins Loch fallen. Um wieder rausgeholt werden. Und dann nochmals und nochmals. Und immer wieder drehen sie neu.

Wie war er doch gleich, jener Spruch, als wir jung waren? Haltet die Welt an, ich will aussteigen! Na ja, vielleicht nicht gleich anhalten, bitteschön. Und aussteigen … na ja, das auch nicht grad. Entschleunigen reicht.

Mit allen Sinnen

Kaffee. Mit Schokolade drin. Wunderbarer Geruch dringt zum Hochbett herauf und kitzelt meine Nase. Unten knarrende Schritte auf dem Holzboden. Das Öffnen und Schließen der Ofentüren. Quietschende Scharniere. Holz knallt und singt. Tanzt mit den Flammen. Durchs Dachfenster über mir das weiße Licht von Schnee. Neuschnee. Vielleicht werden wir eingeschneit. Ohne Fragezeichen. Kalt und warm ganz nahe beieinander. Außen und innen.

Wie existentiell Wärme doch ist! Hier oben, auf dem Berg, wird mir das einmal mehr bewusst. Vor zwei Jahren ungefähr durchlebte ich eine Phase, wo mir Gedanken an die Zukunft – im Hinblick auf unsere Ressourcen wie Wasser und Öl – fast Panik verursacht hatten. Nicht dass sich in der Zwischenzeit am Status Quo der Erde viel zum Guten verändert hätte, im Gegenteil, doch inzwischen lösen solche Gedanken keine Panik mehr aus. Ändern kann ich mit den Sorgen, die ich mir heute mache, eh nichts. Pragmatismus hat diese abgelöst.

Eine meiner damals brennenden Fragen war: Werden wir Menschen, wenn die Erfüllung unsere Grundbedürfnisse gefährdet ist, sozialer oder werden wir egoistischer? Anders gefragt: Werde ich zum Tier, wenn ich kalt habe? Gestern, am Ofen, war sie auf einmal wieder da, diese Frage. Allerdings eher auf der intellektuellen Ebene. J. meinte: Egoistischer werden wir. Bestimmt. Das zeigt doch schon die Geschichte.

Wohl hat er recht. Würde heißen, ich wäre genauso egoistisch wie alle anderen. Wie jene, über die ich mich nerve. Vielleicht. Will ich zwar nicht. Ist aber so. Bestimmt. Und du auch. Du da ebenfalls. Oder?

Können wir, so fragte ich, also nur sozial handeln und sozialer werden, weil wir oder wenn wir genug haben? Oder gar Überfluss? Fragezeichen. Viele sogar. Immerhin etwas, wovon ich ohne jede Frage überzeugt bin: Not macht kreativ.

Nun. Hier. Jetzt. Was brauche ich wirklich? Ich lege ein neues Stück Holz nach. Genieße die Wärme und den Gesang aus dem Ofen. Feuer riecht nach Kind. Das Kind in mir ist mit allen Sinnen Mensch und nimmt jeden Augenblick so, wie er ist.

direkt

Letzten Sonntag im Wald
auf der Suche nach einem Cache notiert:
Das Weltbild der Satelliten …
Und gedacht:
Sagen sie die Wahrheit, die Absolute gar? Wissen sie alles, diese
künstlichen Sterne da oben? Oder nur wo ich bin, aber
nicht warum und wie …

Notiert auch dies:
Die Wahrheit der Satelliten …
Und zugleich an dieser gezweifelt. Denn
sie wissen nicht. Nichts. Nicht wirklich. Sie können nur
Auskunft erteilen. Auskunft über Zusammenhänge. Kaltes Wissen. Und ich
begriff, während ich dem Pfeil auf dem GPS folgte, dass
oft
immer
nicht der direkteste Weg der kürzeste ist. Und genau da, zweihundert
Meter vor
dem Ziel hatte ich keinen Strom mehr.
Verirrt habe ich mich trotzdem nicht.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Eine unübersehbare Frage. Ungefähr vor einem Jahr in unzähligen Schaukästen einer Berner Großbank gesichtet. In großen Lettern.

Gestern, als ich an dieser Bank vorbei fuhr, fiel mir jene Werbung wieder ein. Ich erinnerte mich an die Spiegel in den Fenstern, in die ich hätte blicken sollen, damals, um die Frage besser beantworten zu können. Die Bank-Werbefuzzis wollten wissen, was ich selber nicht wusste! Und auch heute nicht weiß. Nicht wo ich in zehn Jahren SEIN WERDE, wohlverstanden, sondern NUR wo ich mich in zehn Jahren SEHE. Denn – ich gestehe es – ich weiß noch nicht mal, wo ich mich in einem halben Jahr sehe. Geschweige denn in einem ganzen. In Zehn-Jahre-Schritte zu denken funktioniert bei mir schlicht nicht.

Ziele haben. Tja, noch so ein Allerweltthema wie Wetter und Zeit …

Hätte ich es mir denn vor zehn Jahren gewünscht, so zu sein und so zu leben, wie ich es jetzt tue? Hätte ich die Fantasie gehabt, mir mein Leben so vorzustellen? Meine damaligen Bedürfnisse waren so ganz anders gewesen als meine heutigen! Wozu also hätte ich mir damals über heute Gedanken machen sollen? Und wozu also soll ich mir heute Gedanken machen, wie ich in zehn Jahren leben werde? Leben will?

Ich erinnere mich – mit klitzekleinen Ausnahmen – nicht daran, irgendwann in meinem Leben weiter als ein Jahr vorausgeschaut zu haben. Anders verhält es sich möglicherweise mit dem Altwerden. Zu diesem Thema hätte ich allerdings ein paar Wünsche anzubringen: Gesundheit wünsche ich mir natürlich und immer von allem genug. Und einen schnellen schmerzlosen Tod, bitteschön. Einfach gesund einschlafen und nicht mehr erwachen. Gehen, solange es noch schön ist.

Und inzwischen? Genieße ich jeden einzelnen Tag. So gut es geht. Mir zuliebe.

EDIT: Natürlich sehe ich mich auch in zehn Jahren noch als glücklichen Menschen. Doch ob die Bank mit dieser meiner Antwort zufrieden gewesen wäre?

loslassen

Er dreht meinen Kopf sachte von links nach rechts. Von rechts nach links. Lass los, sagt er leise. Und ich versuche es. Ganz intensiv. Mit aller Kraft. Doch je mehr ich mich aufs Loslassen konzentriere, desto mehr spanne ich mich an. Kopf und rechte Hand scheinen von Loslassen wenig Ahnung zu haben. Tja, sie sind es eben gewohnt, den lieben langen Tag die Kontrolle zu haben. Handeln und denken.

Mein restlicher Körper dagegen lässt sich, scheint es mir, ganz locker von den Händen meines Esalen Massage Practitioners bewegen und entspannen.

Hach, wie gut loslassen täte! Besonders heute. Doch mein Kopf ist mal wieder so voll, dass er beinahe platzt. Zwar sind die Schmerzen inzwischen erträglich, doch den brummigen Lärm all der vielen Gedanken würde ich ganz gerne gegen lauter Nichts eintauschen.

Ganz allmählich döse ich doch weg. Überlasse mich dem sanften Druck geschulter Hände und lasse mich einfach zu. So wie ich bin. Ist doch eigentlich gar nicht so schwer …