Das Knistern in den Sternen

Ein wunderbares Buch! Der Islander Jón Kalman Stefánsson verwebt die Geschichten von Menschen dreier Generationen zu einem dichten Bild. Ein ruhiges und doch aufwühlendes Buch. Geschrieben in einer wunderbar poetischen Sprache, die unter die Haut geht.

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Schönes Wort: Sinn; und schön, es sich laut vorzusagen, während die Erde ziellos durch den Weltraum schiesst. Vielleicht ist es das schönste Wort der Sprache, wenn man „Komm her“ einmal ausnimmt.

Sinn murmelt man vor sich hin, komm her! Und dann ist es, als ob einem jemand ein Seil zuwirft. Ich halte das eingebildete Ende fest, und die Erde saust weiter. Der Himmel wird dunkel um uns, es ist Abend; er hellt sich auf und wird schliesslich blau, dann ist es Tag.

(…)

Sterne blinken, Hunde kläffen, ich erzähle diese Geshcichte, es ist immer dasselbe. Man sucht nach dem Ursprung und erzählt zwischenzeitlich Geschichten, wahrscheinlich, um zu vergessen, dass es keinen Himmel gibt. Keinen Anfang und kein Ende, lediglich Bewegung und unendliche Ferne, das ist alles.

(…)

Sinn, Komm, Himmel.

Gute Lektüre!

Memory

Hab ich vergessen, keine Ahnung mehr, wie das war!, sagte ich zum Scheff, als er von mir wissen wollte, wie wir dies und jenes letztes Jahr gehandhabt hatten. Später auf einmal der Gedankenblitz: Ah, jetzt erinnere ich mich wieder … das war doch so und so!

Zwar habe ich die Fakten in irgendwelchen digitalen oder Papier-Ordnern abgelegt, doch es war mein Gedächtnis, das mich letztlich daran erinnert hatte, wie es letztes Jahr gelaufen war. Es war mir einfach so wieder eingefallen. Und dies, obwohl mir Kollegin A. nachsagt, dass ich in der letzten Zeit ziemlich vergesslich oder zumindest zerstreut sei. Frechdachs!

Verrücktes Teil, das Hirn! Festplatte. Rechner. Gedächtnis. Erinnerung. Speicher. Alle Dateien auf einem Haufen. Wie viele Gigabytes ich wohl unter meiner Schädeldecke zusammenpresst habe?

Erinnerungen, sie sind die Schnur, an der wir uns durchs Leben hangeln. Selbst wenn ich mich nicht wirklich an Details erinnern kann. Und selbst wenn ich mich nicht mehr erinnern will. Sie sind einfach da. Unsichtbar. Unfassbar. Und sie bestimmen doch jede meiner Handlungen. Alles was ich tue, baut auf Erinnerungen an gemachte Erfahrungen auf. Angefangen beim Fahrradfahren über das Abschließen meines Zahlenschlosses bis hin zu der gewählten Route durch die Stadt. Ich weiß, in welche Läden ich gehen muss, um zu bekommen, was ich suche. Ich erinnere mich. Automatismen. Verrücktes Teil, das Hirn!

Und leider ist da auch ganz viel Müll gespeichert. Wie gerne würde ich ganz viel altes Zeug rausschmeißen! Oder neu schreiben.

Habe bei Blinkyblanky über überflüssig gewordene Krücken gelesen: „Wer würde nicht mit Genuss seine Krücke wegwerfen, wenn er wieder ohne gehen kann, doch was macht er: er legt sie auf den Speicher (=Festplatte!), falls er sie noch mal braucht.“

Na ja, ich stelle meine Krücken zwar mangels Speicher in den Keller, denn die fressen ja dort unten kein Heu. Doch wozu? Gebrannte Kinder, die wir Menschen sind, speichern wir eben vor allem jene Dinge, die uns für die unsichere Zukunft Schutz vorgaukeln. Würden wir doch statt dessen besser all die wunderbar leichten, übermütigen, magischen, verträumten Momente speichern! Und darauf vertrauen, dass die Zukunft, noch ungeschrieben, viele ebensolche glückliche Erlebnisse für uns bereit hält. Tja, das neu zu schreibende Programm für meine Bio-Festplatte müsste unbedingt genau diese Fähigkeit beinhalten!

Habe gestern Vormittag im Büro lange mit meinem Lieblings-IT-Supporter telefoniert. Ein Datenbank-Programm, in das ich in den letzten Tagen eingearbeitet worden bin, zickt. Noch immer. Trotz De- und Neuinstallation. Ein kleiner Teil der Konfigurationen ist offenbar noch nicht richtig eingestellt. Fehlende Vernetzungen müssen eben erst hergestellt werden, bevor wir die Software in ihrem vollen Umfang anwenden können. Wie im Leben: Netzwerke fallen nicht vom Himmel. Wir weben sie täglich mit unseren Gedanken und Handlungen. Feine Fäden zuerst, dann immer dickere. Werden Erinnerungsstränge. Auf die wir zurückgreifen. Bei allem was wir tun.

Engel friert

Das Bild im Bild  – immer schon hat es mich fasziniert …
Die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte ebenso …
Doch den Traum im Traum kannte ich bis anhin noch nicht …

Bin heute Morgen im Traum mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammen gehockt und habe ihnen von einem Traum erzählt. Nun mal ganz davon abgesehen, dass ich wohl weder jener Schwester noch meiner Mutter solcherlei Träume, wie ich einen gehabt hatte, erzählen würde, fand ich den Gedanken doch höchst faszinierend. Zumal ich mich in der oberen der beiden Traumebenen wach wähnte. So wach als wäre ich wach.

Und als ich dann wirklich erwachte, wurde ich lange Zeit nicht wirklich wach.

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Ich spinne. Fäden. Rote. Braune. Was
nicht ist, war nie. Was nie sein wird, auch
nicht. Im Gefäß, das wir Tag nennen, sammelt
sich Zeit. Tag. Vierundzwanzig Stunden. Tausend-
vierhundertundvierzig Minuten. Sechsundachtzig-
tausendvierhundert Sekunden. Alle mit Anfang und Ende, säuberlich
definiert. Mit Grenzen, die nur sind, weil
wir sie benennen. Uhren, die nur ticken, weil
wir sie ticken und zählen heißen, Sekunden, Minuten, Stunden.
Tage. Tage, die tun als ob. Tage, die sich um
Mitternacht den Stab weiter reichen und sich
danach auflösen, als wären sie nie gewesen und sich
hinter den Vorhang der Vergangenheit
einreihen, die immer schon war. Oder nie.
Die
nicht
ist.
Nie mehr. Oder weniger.
Vielleicht ein Punkt? Womöglich
ein Ausrufezeichen. Schon vorbei.

Zukunft als Doppelpunkt mit
Anführungszeichen. Und Pünktchen. Ungeschrieben, doch
immer schon da. So oder anders. Wie eine
Wüstenrose ohne Wasser. Begeisterung der
Name des Wassers, das sie wecken wird. Lebendig
ist sie zum Trotz. Schon immer. Konservierte,
getrocknete Lebendigkeit. Schlummernd. Wartend.

Falsch! Sie wartet nicht. Sie erwartet nichts, sie
ist. Existent. Wirklich. Mehrspurig, nicht eingleisig
hängt sie ins Jetzt. Mein Jetzt schwabt
rückwärts. Ein bisschen. Roter
Faden verwebt die Zeiten, die nichts
sind. Nichts außer Gefäße. Dünn, hauchdünn,
spinnwebenfadengleich. Vernetzt mit allem, oben
und unten, hinten und vorne. Ebenso
verbunden mit Sicht- wie mit Unsichtbarem. Mit
springenden Punkten ebenso wie mit Schlusszeichen.

irgendwie schief

Digitale Bildbearbeitung, so habe ich neulich von J. gelernt, kann sich auf mehrere Ebenen ausdehnen. Ein Bild kann unendlich oft aufeinander kopiert werden, so dass Ebene für Ebene nach Gusto bearbeitet werden kann. Wie Overheadprojektor-Folien, die aufeinandergelegt seien, müsse ich mir das vorstellen. Wenn alle Folien schön aufeinander liegen, sehen wir nichts von den verschiedenen Ebene. Schizophren irgendwie? Die verschiedenen Ebenen können sogar bildfremde Objekte enthalten oder sein, dazu gefügte Elemente also. Zur Ergänzung oder Erweiterung des Gesamtbildes. Noch schizophrener? Oder ganz normal. Denn, wie gesagt, wenn alle Folien korrekt aufeinander liegen, sieht niemand etwas von der Splitterei und den vielen Schichten.

Auch meine vielen Lebensebenen schichten sich derart aufeinander. Hin und wieder lege ich eine neue Folie drauf, hin und wieder ist die eine oder andere Folie überflüssig geworden und löst sich auf. Doch werden es dennoch, je älter ich werde, immer mehr Folien. Und immer bin ich auf Kongruenz bedacht. Mit immer mehr Folien nicht ganz einfach.

Würde ich – so dies denn ohne etwas zu zerstören, ohne Schmerzen und ohne Verluste, möglich wäre – , einige der gemachten Erfahrungen oder der erlebten Begegnungen oder Beziehungen entfernen? Würde ich gerne die eine oder andere Folie löschen? Das veränderte Gesamtbild – wäre das noch dieses Ich, das ich bin? Und würde ich das Entfernte überhaupt erinnern oder vermissen können, wo es doch nicht (mehr) da ist? War es überhaupt je da?

Mit solcherlei Herzgespinsten heute Morgen aus den Ebenen der Traumwelt aufgetaucht, in welcher, wie immer, meine Folien ziemlich verschoben wurden. Ein verändertes Bild meiner selbst. Wie immer rücke ich als erstes, noch vor dem Augenöffnen, zurecht, was schief war.

Nachtfalter flattern jetzt

Seit ungefähr einer Woche ist die zauberhaft-gruselig-spannende Anthologie

Nachtfalter und andere Kreaturen der Dunkelheit

im Handel.

Wenn der Tag endet, erwachen sie – die Kreaturen der Nacht. Manche mögen der Fantasie entspringen, andere schauen uns mit ihren weisen, heiteren oder nachdenklichen Augen ins Herz. Auch schaurige Gestalten könnten Euch begegnen, die vielleicht Eure tiefsten Ängste wecken.

Lasst Euch von uns, den Autorinnen, Autoren des Anthologieforums, in fremde, unheimlich-vertraute, längst vergangene und geheimnisvolle Welten entführen. Die Geschichten werden Euch begeistern!

Ich freue mich darüber, dass ich mit zwei Geschichten mit dabei bin!

Wichtig: Alle Autoren, Autorinnen und sonstige Beteiligten haben zugunsten der Berliner Obdachlosenhilfsorganisation Die Brücke e. V. auf ihr Honorar verzichtet.

Buch-Infos:
HerausgeberInnen: Anthologieforum
Erschienen ist das Buch im Wortkuss-Verlag München in der Reihe AnthoKuss.
ISBN-13: 978-3-942026-05-5
Preis: Fr. 22.40 (14,80 €) plus Versandkosten

Die Autorinnen und Autoren:
Renate Behr, Sylvia Dölger, Patricia Dragston, Simone Edelberg, Marlene Geselle, Raimund Hils, Iris Klockmann, Heike Krause, Marianne Labisch, Denise Maurer, Jon Padriks, Paul Sanker und Patrick Schön

Bestellungen Deutschland: info (( at)) wortkuss.biz
Bestellungen Schweiz: sofasophia (( at )) lebenswertvoll.ch > Versand mit Rechnung

Neue Sophistikierereien

Work like you don’t need the money, love like you’ve never been hurt, dance like nobody is watching, sing like nobody is listening and live like it’s heaven on earth.

Arbeite als ob Du das Geld nicht brauchst, liebe als ob Du nie verletzt wurdest, tanze als ob niemand Dich beobachtet, singe als ob niemand zuhört und lebe als sei der Himmel auf Erden.

(unbekannt)

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Wir hängen unser Herz bloß an jene Dinge, an die wir irgendwann Erinnerungen geklebt haben. Dinge ohne Erinnerung oder Dinge, deren Erinnerungskleber abgefallen sind, können wir deshalb problemlos wegschmeißen.

(von Sofasophia)

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Ein Fisch zum andern:
Du, wo ist eigentlich das Wasser, von dem alle die ganze Zeit reden?

Sagt der andere:
Na, wenn du mich fragst: Alles pure Erfindung! Lass uns, statt zu grübeln, lieber eine Runde schwimmen. Damit du wieder auf andere Gedanken kommst!

(von Sofasophia)

alle können es

Und alle tun es. Alle sprechen gerne darüber. Weil alle es KÖNNEN! Ob groß oder klein, komplex oder einfach gestrickt, alt oder jung. Das perfekte Thema für alle! Am liebsten werden im Kontext mit ihm gleich ein paar Schauergeschichten mitgeliefert. Geschichten, die mit Ja, damals vor zehn Jahren … oder so ähnlich anfangen. Dann folgen sie, die Erlebnisse mit Blitz und Donner, mit Hagel und  Sturm. Mit Schnee oder ohne. Geschichten über Naturgewalten. Ihre Faszination ist eine doppelte. Zum einen, weil wir uns – mitten in solch Erlebnissen – bewusst werden, wie klein und im Grunde machtlos wir sind (die stille Faszination) und zum anderen, weil wir uns gerne von Dramen erregen lassen (die laute Faszination). Am liebsten sind uns natürlich die Dramen anderer. Und wir gerne das Publikum. Zwar nahe am Geschehen, doch mit sicherem Abstand. Wie beim Krimilesen. Das Wetter – niemand kann sich ihm entziehen. Selbst wenn es das letzte ist, was wir sehen. Und das erste, wenn wir die Fensterläden öffnen.

Heute ein bisschen Neuschnee, stellte ich fest. Als ich bald darauf die Seite meines immerwährenden Seelenfarben-Kalenders wendete, war mir kurz, als stehe meine Mutter neben mir. Ganz unbewusst hatte ich, wie ich soeben begriff, vor einem Jahr ihr morgendliches Ritual übernommen. Jeden Tag hatte ich auf meinem Mondkalenderposter das Tagesmagnet einen Schritt weitergeschoben und mich dabei auf den neuen Tag eingestellt. Der Mondkalender wurde zwar inzwischen vom immerwährenden Kalender abgelöst, das Ritual blieb sich indes gleich. Ich suche täglich während dieses Rituals meinen Platz auf der illusorischen, chronologischen Zeitachse, die sich mein Leben nennt.

Meine Mutter. Bald neun Jahre sind seit ihrem Tod vergangen, doch sehe ich sie jetzt vor mir, als wäre es gestern gewesen. Sehe, wie sie nach dem Morgenkaffe und der Morgenzigarette vom Küchentisch aufstand und zum selbstgemachten Kalender am Küchenschrank ging, um den Tag –  den vergangenen, gestrigen allerdings – zu rapportieren. Mein Vater hatte ihr zur Herstellung ihres Kalenders eigens einen Holzstab zurecht geschliffen, der die perfekte Breite hatte, um die zwölf eierschalenfarbenen Halbkartons im A4-Format in jeweils einunddreißig, dreißig, neun- oder achtundzwanzig Zeilen zu unterteilen.

Schön, schrieb sie. Oder: Regen. Oder auch: durchzogen. Ein Wort meist nur. Außer wenn das Wetter kompliziert war. Aber auch dann reichte fast immer ein Wort: Wechselhaft. Je kranker sie wurde, desto reduzierter ihr Blick auf die Welt. Bis er nur noch das Wetter zu umfassen schien. Und den Zustand ihres schwächer werdenden Körpers. Irgendwann stand auf einmal auch Starke Schmerzen im Kalender. Oder Weniger Schmerzen. Der tägliche Rapport musste sein. Der Status Quo festgehalten, eingefangen, zur Erinnerung konserviert. Mit den Vorjahren verglichen.

Ich kann nicht umhin, dabei an mich und mein Kalenderritual zu denken. Und an meine Blogleidenschaft. Einer der Äpfel, scheint mir, der nicht allzu weit vom Stamm gefallen ist. Andere sind zum Glück weiter weg gerollt, nicht bei mir gelandet. Doch dieser hier schmeckt mir.