Ausgelesen #8 – Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult

Buchcover von Die Spuren meiner Mutter»Die dreizehnjährige Jenna sucht ihre Mutter. Alice Metcalf verschwand zehn Jahre zuvor spurlos nach einem tragischen Vorfall im Elefantenreservat von New Hampshire, bei dem eine Tierpflegerin ums Leben kam. Nachdem Jenna schon alle Vermisstenportale im Internet durchsucht hat, wendet sie sich in ihrer Verzweiflung an die Wahrsagerin Serenity. Diese hat als Medium der Polizei beim Aufspüren von vermissten Personen geholfen, bis sie glaubte, ihre Gabe verloren zu haben. Zusammen machen sie den abgehalfterten Privatdetektiv Virgil ausfindig, der damals als Ermittler mit dem Fall der verschwundenen Elefantenforscherin Alice befasst war. Mit Hilfe von Alices Tagebuch, den damaligen Polizeiakten und Serenitys übersinnlichen Fähigkeiten begibt sich das kuriose Trio auf eine spannende und tief bewegende Spurensuche – mit verblüffender Auflösung.« Schön und gut, aber dieser Klappentext verschweigt, wie sehr mich das Buch erschüttern wird.

Ja, von der ersten bis zur letzten Seite hat es mich gefesselt, dieses Buch. Und begeistert. Und zu Tränen erschüttert. Nicht zuletzt wegen der gewählten Erzähltechnik: Die Autorin lässt kapitelweise immer wieder eine andere der Figuren in Ich-Form aus ihrer Gegenwart und Vergangenheit erzählen, was mir als Leserin nicht nur tiefen Einblick in die einzelnen Geschichten und deren Zusammenhang mit allen anderen gibt, sondern auch in die Welt der Elefanten. Schon als Kind haben mich diese Tiere fasziniert, doch darüber, dass sie so klug, so sozial und so sehr zu Trauer und Beziehungen fähig sind, wie das die Autorin – durch die Augen der Elefantenforscherin Alice – beschreibt, war mir nicht bewusst.

Trauer und Verluste sind im Grunde die roten Fäden dieses Romans – bei den Menschen ebenso wie bei Elefanten. So stehen Mutterkind-Beziehungen im Zentrum sowie immer wieder auch die Liebe zwischen Menschen und Menschen, Tieren und Tieren, Menschen und Tieren.

Alice‘ Tagebuch-Stimme erzählt immer wieder vom Elefantenalltag und den Beobachtungen desselben in der Wildnis Afrikas und im später im Reservat in den Staaten. Was ich über das Zusammenleben von Elefanten lese, lässt sich unmittelbar auf die Menschenwelt übersetzen. Jugendliche Elefantenbullen, zum Beispiel, die durch Wilderei ihre Mütter und Väter verloren haben, werden verhaltensauffällig und unverhältnismäßig aggressiv. Weil sie unnatürlich aufwachsen. Bei Elefantenherden ist es die ganze Herde, die das Elefantenkalb aufzieht. Und es sind die Matriarchinnen, die dem Rudel vorstehen. Ein intaktes Rudel, ein intaktes Matriarchat, lässt jedem Kalb genug Zeit und Raum, geborgen und beschützt heranzuwachsen. Ein Kalb wird, nach und nach, als Schwester oder Bruder, in die Aufzucht und Mitverantwortung für die anderen eingebunden, um eines Tages selbst in der Lage zu sein, ein Kalb aufzuziehen. Werden aber Matriarchinnen ihrer Größe und des begehrten Elfenbeins wegen abgeschlachtet, geht mit ihnen gleichsam die Geschichte der Herde verloren, die kollektive Erinnerung. Das Gleichgewicht des Rudels wird gestört und die jungen, zurückgelassenen Tiere wissen nicht oder noch zu wenig, wie das Rudelleben funktioniert. Das Wissen um die Wege zu den Wasserstellen geht zum Beispiel verloren ebenso wie das Wissen um die Zyklen, die Rhythmen des Überlebens in der Wildnis.

Ich schlucke immer wieder schwer beim Lesen und komme nicht umhin, Parallelen zu uns Menschen zu ziehen. Zu all den jungen Menschen, die ohne Leitplanken aufwachsen, zu all den älteren Menschen, die verlernt haben, Vorbilder zu sein.

Das Buch dreht sich aber weit mehr um Menschen als um Elefanten. Um Menschen, die etwas verloren haben, sich selbst, einen lieben Menschen, eine Gabe. Es geht um Menschen, die vermissen und die suchen.  Nicht zuletzt auch durch die feine spirituelle Note, die durch das sehr glaubwürdig dargestellte Medium Serenity eingebracht wird, hat mich dieser Roman tief berührt und erschüttert. Und auch wegen der letzten Seiten, dieser Auflösung, mit der ich so wirklich nicht gerechnet hatte, die aber schlussendlich alles Vorherige in einen Zusammenhang stellt und mich besser verstehen lässt.

Vorhin habe ich mich auf der Webseite des Elephant Sanctuary in Tennessee umgeschaut, welches im Buch vorkommt. Ein riesiges Reservat, ein Heiligtum für Elefanten, die in Zirkussen oder Zoos gelebt haben und aus unterschiedlichen Gründen schließlich ins Sanctuary übersiedelt wurden, wo sie nun endlich so artgerecht wie möglich leben können. Und ja, auf einmal sehe ich die Elefanten dort mit anderen Augen, sehe ihre Gesichter, ihre Gesten, ihre Haltung anders.

Das Buch ist ein großartiger Herz- und Augenöffner.

Ausgelesen #7 − Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk

Dichtung ist immer eine Expedition nach der Wahrheit, sagte Franz Kafka.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Fiktion der sogenannten Realität vorziehe. Und nein, ich glaube nicht, dass dies eine Flucht vor der Wirklichkeit ist oder dass ich vor mir selbst weglaufe, wenn ich Bücher lese, eher ist es für mich so, dass ich zuweilen über die Fiktion näher an die Wirklichkeit herankomme als auf dem sachlichen Weg. Näher und besser. So wie sich Eisentabletten mit Orangensaft besser im Körper auflösen können, gelingt es mir vielleicht eher, die Wirklichkeit über Dichtung zu verstehen. Ein erfundener, gedichteter Text, aus der Phantasie heraus entstanden, ist ebenso wahr wie die Realität. Die Wirklichkeit, wie wir sie sehen, bildet außerdem niemals das Ganze, die ’ganze Wahrheit’ ab, ist immer nur ein Ausschnitt. So heißt ’wahr’ hier also nicht ’nicht erfunden’, wahr heißt hier ’dem Leben nachgebildet oder abgeschaut’. So ist Fiktion, so ist Dichtung also eine Parabel der Wirklichkeit, ein Gleichnis der Welt.

Lese ich ein gutes Buch, begebe ich mich gleichsam, wie Kafka sagt, auf eine Forschungsreise in ein neues Land. Ich tauche in die Erkenntnisse, Hirngespinste und Herzgewebe eines anderen Menschen ein und nähere mich so seiner Wahrheit.

Buchcover Die hellen TageDie hellen Tage von Zsuzsa Bánk ist genau eins dieser Bücher, eins dieser Forschungsreisen. Mein persönliches ’Buch des Jahres’ – jedenfalls bis jetzt.

Seri, die eigentlich Therese heißt, erzählt von den hellen Tagen ihrer Kindheit in der Nähe von Heidelberg, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt. Aja ist ein Zirkuskind, stammt aus einer ungarischen Artistenfamilie und lebt mit ihrer Mutter Évi in einem Gartenhaus am Rand der Kleinstadt. Bald gesellt sich Karl zu den beiden Freundinnen und fortan leben die drei Kinder ein glückliches Dreieck. Karl hat kürzlich seinen jüngeren Bruder Ben verloren. An einem Frühlingstag ist er – innert zweier Sekunden – in ein fremdes Auto eingestiegen und nie wiedergekommen ist. Zwei Sekunden werden von jetzt an die Zeiteinheit, in der Karl alles misst. Wenn er Elfen und Schatten fotografiert, wenn er durch die Wälder streift. Zwei Sekunden, in denen sich alles verändern kann.

Die Welt der späten Sechsziger, als die Kinder noch Kinder sind und über die Zsuzsa Bánk im ersten Buchteil schreibt, ist allerdings nur scheinbar heil. Nicht nur in Karls, auch in Seris und Ajas Leben gibt es eine Leerstelle. Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt und Ajas Vater Zigi, Trapezkünstler in einem Zirkus, besucht die Familie nur einmal im Jahr für ein paar Wochen und ist die restliche Zeit des Jahres nur durch seine Abwesenheit anwesend.

Évi sorgt mir ihrer Herzlichkeit und Beharrlichkeit dafür, dass es den drei Kindern trotz all der Leerstellen an nichts fehlt. Maria, Seris Mutter, bringt Évi das Lesen bei und sorgt dafür, dass sie im Städtchen Arbeit finden und Fuß fassen kann. Évi hilft mit der ihr typischen Geduld Karls Eltern – Ellen und dem vornamenlosen Vater – zurück ins Leben. Beide haben nach dem Verlust ihres kleinen Sohnes den Halt verloren.

Als die drei Kinder, inzwischen erwachsen geworden, ihre Studien in Rom fortsetzen, kommt nach und nach die eine und andere Lebenslüge ans Licht. Wahrheiten, die alle nicht aus Bosheit bis dahin verschwiegen worden sind. Niemand wird verschont. Zum Glück haben die Kinder von ihren Müttern gelernt, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und können so den Erschütterungen – nicht ohne Narben, aber mit neu gewonnener Kraft – trotzen.

Fast möchte ich die Geschichte ein Heldenepos nennen, oder nein: eigentlich werden hier gleich mehrere Heldenepen erzählt. Es sind Geschichten von Menschen, die alle ein wenig mehr wahrnehmen, ein bisschen deutlicher hinter den Vorhang blicken können als die meisten anderen Menschen. Hochsensible Kinder und hochsensible Mütter, die die Welt auf eine ganz persönliche, ganz eigene Art sehen und auf sie zugehen.

Bánks Sprache hat mich von der ersten Seite an begeistert. Sie leiht Seri eine Stimme, die leise und eindringlich beschreibt, wie die Dinge wirklich sind und wie sie von ihnen allen wahrgenommen werden. Ich rieche Évis Küche, in der sie ihre Kuchen bäckt, die dann Karls Vater zu den Kundinnen nach Hause fährt. Ich spüre die klamme Kälte im winterlichen Gartenhaus und ich spüre das Schaukeln der Hängematten zwischen den Linden in Evis Garten. Und ich höre auch das Klackern in Karls Kopf, das ihn noch immer an die Murmeln erinnert, mit denen sein Bruder Ben und er gespielt haben. Trotz Bánks sinnlicher, beinahe poetischer Sprache sehen wir auch die Dramen, denen die Menschen in dieser Geschichte ausgesetzt sind. Alle je getroffenen Entscheidungen haben Konsequenzen, mit denen neu gelebt werden will. Dass das gelingt, verdanken alle nicht zuletzt der Liebe, dem Vertrauen, der Freundschaft – gewoben und gewachsen in all den hellen Tage. Dank ihnen lassen sich auch dunkle Tage besser ertragen.

Herzliche Leseempfehlung!

Ausgelesen #6 − Anna Salter

Nicht nur eins, sondern gleich alle fünf Bücher von Anna Salter habe ich in den letzten Wochen gelesen.

Die Psychologin, Salters erster Kriminalroman lag eines Tages in meinem ständig wachsenden Stapel zu lesender Bücher. Manche Bücher sind einfach plötzlich da. Ein altes Buch war es, nicht arg zerfleddert, aber nicht neu. Vielleicht habe ich es mal aus einer Tauschkiste gefischt? Die Sedimentation meiner Bücherstapel ist unerklärlich.

Auf Krimicouch kann ich lesen, dass Anna Salter in North Carolina geboren und aufgewachsen ist. Sie studierte Literaturwissenschaft und Psychologie, bevor sie sich in Harvard der Kinderpsychologie und klinischen Psychologie zuwandte. Ihre wissenschaftlichen Publikationen beschäftigen sich sowohl mit Sexualstraftätern wie auch mit der Behandlung von deren Opfern. Dr. Salter ist gefragte Beraterin bei Gericht und im Strafvollzug. Daneben unterrichtet sie an Universitäten weltweit. Schon diese Biografie hatte mich neugierig gemacht. Doch Anna Salter ist auch eine begnadete Autorin. Ich liebe ihren klaren Blick für die Details und vor allem liebe ich ihre zwei Protagonistinnen, jene der ersten vier Bücher ebenso wie jene des fünften Buches.

Während Die Psychologin, Der Schatten am Fenster, Tödliches Vertrauen und Schwarze Seelen zusammengehören und Einblick in die Fälle der charismatischen Psychologin Dr. Michael Stone geben, ist das fünfte Buch, Wenn du lügst, eine eigene, eine neue Geschichte, die Einblick in Fälle von Dr. Breeze Copen gibt.

BucBuchcover zu Wenn du lügst von Anna SalterBreeze Copens besonderes Talent ist die Synästhesie. Ich würde ihr auch Hochsensibilität oder gar Hochsensitivität unterstellen. Kurz: sie nimmt Dinge wahr, die anderen verborgen sind. Vielleicht habe ich sie deshalb sofort ins Herz geschlossen. (Im Gegensatz zu mir vertraut sie ihren Wahrnehmungen allerdings sehr und hat sie in ihre Arbeit integriert.) An beiden Heldinnen mag ich ihre Liebe zur Natur, ihre Natürlichkeit und ihren Mut, mit der sie sich den Problemen stellen.

Bei allen Büchern geht es um die therapeutische Arbeit mit Gewaltopfern und Sexualverbrechern – eingebetet in den Alltag der Figuren mit all ihren Alltagsproblemen, -freuden und -ängsten.

Starker Tobak, ja, aber mich fasziniert dieser detaillierte und anschauliche Blick hinter die Fassaden. denn mich interessieren die Menschen: Opfer ebenso wie Täter. Anders als in normalen Krimis bekomme ich hier das Gefühl, dass es sich wirklich so abgespielt haben könnte. Die Geschichten sind allerdings wirklich schmerzlich. Ich bin sehr involviert, bibbere mit und bin am Ende froh, dass sich die Dramen irgendwie zum Guten wenden. Allerdings nicht auf eine billige Art, eher so, dass ich für die Opfer Hoffnung schöpfen kann. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass die jahrelang missbrauchte Mutter wieder einen Weg zu ihrer Tochter finden wird.

Ob ich deshalb Krimis lese – um der Hoffnung willen? Zumal ich ja vor allem Krimis lese, welche die Innenräume, das Leid, die Neuanfänge, die Prozesse der ProtagonistInnen zeichnen. Weil ich daraus Hoffnung schöpfen kann? Hoffnung, dass das Leben doch irgendwie lebenswert ist, auch wenn. Trotz allem.

[Anna Salters Bücher habe ich übrigens antiquarisch gekauft. (Vermutlich sind sie aber auch so noch erhältlich, vielleicht sogar als eBooks? Oder bei mir ausleihbar?)]

Ausgelesen #5 − Der Mondtrinker von Göran Tunström

Ein Wohlfühlbuch mal wieder, nach und neben Ulla Hahns Biografie und anderen Büchern, die ich gleichzeitig lese und die mich eher aufwühlen.

Ich bin mal wieder literarisch nach Island gereist, doch diesmal ohne Leichen und sonst wie Horror. Außer dem des ganz alltäglichen Wahnsinns.

MondtrinkerDas Buch erzählt die Lebensgeschichte eines jungen Isländers, dessen Mutter früh gestorben ist und dessen Vater einen ganz besonderen Blick auf ihr Leben und die Vaterliebe hat. Und auf die Welt da draußen. Und auf das Wissen in Büchern und im Herzen.

Das Zusammenleben der beiden ist nicht wirklich voller Ereignisse, doch was wirkt, wirkt unter die Haut.

Der Ich-Erzähler gewährt uns zudem einen Blick hinter die Kulissen eines selbständig gewordenen Landes, spricht mit Humor und Schalk, mit Wehmut auch und kritisch, aber dennoch durch und durch liebevoll über sein Land, einem Land der Wörter, Klänge, Poeten und Metaphern.

Ich weiß nicht mehr, woher ich es habe, dieses kleine Taschenbuch, noch wie lange es schon in meinem Stapel der zu lesenden Büchern gelegen hat. Nun aber ist seine Zeit gekommen.

Diese Vater-Sohn-Liebesgeschichte ist so berührend und wohltuend, so nährend, dass ich ihm auch achtzehn Jahren nach seinem deutschen Erscheinen viele LeserInnen wünsche.

Ausschnitt Buch
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Eine sehr liebevolle Rezension hat es auch hier bekommen (→ klick)

Besondere Kinder in besonderen Büchern

Vielleicht wechsle ich mein Lieblingslesegenre. War ich früher eine Liebhaberin von Biografien, klassischen Entwicklungsromanen und Romanen mit philosophischem oder lebenshilfreichem Inhalt, bin und war ich nun schon seit einigen Jahren eine sehr leidenschaftliche Krimileserin und Krimiguckerin.

Weder Thrill noch Blut und Geballer aber sind es, die mich an Krimis faszinieren, eher faszinieren mich die psychologischen Komponenten. Wie Menschen ticken. Wie sie in Ausnahmesituationen reagieren, agieren, wie sie sich und andere Menschen behandeln. Dass es in den meisten Krimis eine Art Happyend gibt, mag ich ebenfalls. Doch das ist ja längst nicht mehr überall so. Und das muss es auch nicht. Weil die Welt … nun ja.

Doch jetzt wechsle ich vielleicht das Genre, denn in letzter Zeit stelle ich bei mir eine latente Krimiüberdrüssigkeit fest. Fast als hätte ich nun alles gesehen. Bin ich abgestumpft?

coverVor einigen Wochen hat mir eine Ello-Freundin die Bücher von Ransom Riggs empfohlen. Band 1 – Die Insel der besonderen Kinder – kommt im Herbst ins Kino und darauf freue ich mich schon sehr. Eben lese ich bereits Band 2: Die Stadt der besonderen Kinder.

Nicht erschrecken: Das hier ist Fantasy. Aber anders, als ich mir bisher Fantasy eben vorgestellt habe. Nun ja, ich kannte ja bisher nur Harry Potter und Narnia, falls man diese zwei Serien in ein Genre packen will und muss.

Aber eigentlich ist es mir egal, wie das Genre heißt. Ich mag die Geschichten, ich mag die Figuren, ich mag die Gedanken darin, die Dialoge, die Abenteuer und ich mag, was diese zwei Bücher mit mir machen. Ich werde wieder Kind, sogar wie ein eins dieser besonderen Kinder aus dem Buch.

Was sie so besonders macht, sind ihre Gaben. Emma kann mit ihren Händen Feuer schaffen, Millard ist unsichtbar, Jacob sieht die Hollows, die dunklen Mächte, Olive ist leichter als Luft … Gaben, die für die Welt da draußen nicht nachvollziehbar sind, magisch, unheimlich, unnütz, andererseits aber auch begehrenswert, besitzenswert, vermarktbar.

Verrückt und besonders_fW

Was ist dieses Anderssein, dieses Besonderssein? Keine Schwäche, wie es ihnen als kleine Kinder eingeredet wurde, bevor sie von ihrer Hüterin und Ziehmutter Miss Peregrine entdeckt und auf die Insel geholt wurden, wo sie – geschützt in einer Zeitschleife – ein wunderbares, glückliches Leben gelebt haben, bis …

Nein, ich will nicht über die Geschichten an sich schreiben, denn die lest ihr entweder selbst oder guckt euch auf den Links unten die Zusammenfassungen an. Schreiben will ich über das Faszinosum dieser Geschichten. Ich erkenne mich wieder in den Kindern, in ihren Sehnsüchten, in ihrem Kampf gegen die Welt da draußen, im erlebten Unverständnis, das ihnen und ihren Besonderheiten entgegengebracht wird. Ich erkenne mich wieder.

Die Sehnsucht, ein Problem lösen, ein Leben retten, ein Unheil abwenden zu können: es ist so unglaublich menschlich. So ganz anders menschlich als das, was um uns herum tagtäglich geschieht. All dieser Unmenschlichkeit und Tristesse trete ich mit diesen zwei Büchern, mit diesen Geschichten entgegen, die mich eine Zeitlang aus der Zeitschleife des Hier und Jetzt in eine andere Zeit, in eine andere Welt zaubern.

Und ja, darum liebe ich diese Bücher. Und ich freue mich schon auf Band 3. [Hoffentlich wird er bald auf Deutsch übersetzt, sonst muss ich ihn auf Englisch lesen.]

Ach, und nicht zu vergessen: Die beiden Bücher sind echte Augenweiden. Ob als eBook oder in Papier: Wunderbar gestaltet sind sie und mit antiken Fotos illustriert.

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Ausgelesen #4 – Delete von Karl Olsberg

Auf einmal hatte ich Lust zu lesen. Wenn ich reisend unterwegs bin, habe ich diese Lust nicht unbedingt. Meist ist mir da die Gegenwart genug. Vielleicht ist es also Nachholbedarf, weil ich in den letzten Wochen und Monaten echt selten dazu gekommen bin? Oder weil das Sofa zum gemütlich lesen verführt, das in unserem Häuschen steht? Egal. 

Sie war da, die Lust, und so surfte ich ein wenig in den eBook-Portalen nach einer passenden Lektüre.

Auf einmal fand ich ein Buch zum Nulltarif, das den Namen Delete Bonus-Story trug – von einem mir bis dahin unbekannten Autor namens Karl Olsberg. Keine Ahnung, ob es eher der Preis als der Titel war, aber ich lud das Ding runter und war sofort hin und weg. Angefixt. Schnell lud ich mir die andern vier Bonus-Bücher herunter. Allesamt Kurzgeschichten. In Ich-Form erzählen die ProtagonistInnen ein Erlebnis aus ihrem Leben, das sie entscheidend geprägt hat, zu der Persönlichkeit werden lassen hat, die sie heute sind. Das aber erkannte ich natürlich erst später.

Später nämlich als ich mir auch das Buch Delete – satte 355 Seiten dick – gekauft hatte. Und zu lesen angefangen hatte.

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Ein Thriller, den ich mit nichts vergleichen kann, das ich bisher gelesen habe. Ist es Philosophie? Ist es Sciene fiction? Ist es gar ein Soziogramm?

Vier StundentInnen, die im Laufe eines halben Jahres verschwunden sind, bilden die Ausgangslage. Scheinbar ohne Zusammenhang haben sie sich in Luft aufgelöst. Außer dass alle World of Wizardry gespielt haben und alle in Berlin wohnen, gibt es keinen Zusammenhang.

Sehr glaubhaft führt uns der Autor in die Welt virtueller Zusammenhänge ein, verknüpft Spielwelt, Realität und philosophische Ansätze miteinander, wirft Fragen auf über das Woher und Wohin, zu Machbarkeit und Paranoia, zu Sicherheit und das Gläserne Menschsein. 

Die fünf Ermittelnden der neu geschaffenen Gruppe SEGI des Berliner LKA werden erst langsam ein Team. Jeder der fünf schrägen Vögel findet allmählich über seine persönlichen Affinitäten und Stärken seinen Platz in der Gruppe und so können sie sich dem Verschwinden der inzwischen fünf Menschen mit neuen Ansätzen widmen.

Man muss vermutlich schon ein wenig Interesse an der virtuellen Entwicklung und an philosophischem Gespinst haben, um sich für dieses Buch so begeistern zu können wie ich, aber vielleicht auch nicht. Denn der Autor bleibt Mensch, schreibt für Menschen, nicht in erster Linie für Nerds. Daran aber dass dieses Buch gut recherchiert ist, zweifle ich nicht, da Olsberg aus der IT-Branche kommt und weiß, wie das alles funktioniert. Und er kennt auch die Menschen.

Ein Actionthriller mit Geballer ist es nicht, und die Spannung baut sich eher aus den zwischenmenschlichen Ereignissen auf. Und zugegeben, manche Menschen und ihre Eigenschaften mögen auf den ersten Blick ein bisschen klischeehaft sein: Der übergewichtige Hacker zum Beispiel oder der Asperger mit Inselbegabung, doch je länger ich lese, desto glaubwürdiger wirken sie suf mich.

Und der Täter … nun ja, nein, ich verrate nicht mehr. Zumal ich ja nun noch die restlichen achtzig Seiten lesen muss. Darf. Will. Kann.

Draußen regnets. Schön, ein gemütliches Häuschen zu haben. Und ein gutes Buch. Das Gewitter eben war auch nicht ohne. 

Ausgelesen #3 – Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner

Schon seit etwa acht oder neun Jahren lese ich ihr Blog. Es war das erste überhaupt, das ich kennenlernte. Ich gestehe, dass Madame Lila meine Idee vom Blogschreiben maßgeblich mitgeprägt hat. Und sie war es auch, die mich zum Bloggen inspiriert hat – lange bevor wir uns persönlich kennengelernt haben. Sie war es auch, die mich mit ihrer damaligen Blogroll mit andern Blogs bekanntgemacht und mir so gezeigt hat, was ein Blog alles so sein und bewirken kann. Vernetzung zum Beispiel.

Wenn man so will, ist sie sogar ein klein bisschen schuld daran, dass ich meinen Liebsten kennengelernt habe. Über Bloglinks bei ihr bin ich damals nämlich auf andern Blogs gelandet, irgendwann schließlich auf der damals noch aktiven Blogbibliothek, und endlich, im Winter 2008/2009 auf einem Artikel Irgendlinks, der dort verlinkt gewesen war. Der Rest ist Geschichte. Aber eine andere als die, über die ich jetzt hier berichten will.

Madame Lila hat nämlich auch eine geschrieben. Was heißt da eine? Im Blog schrieb sie ja schon ganz viele. Immer mal wieder kleine Erzählungen und dazwischen persönliche Erlebnisse. Ein herznährendes Blog. Ja, diese kleinen Erzählungen mochte ich schon immer sehr, ich mochte Frau Lilas samtweiche Sprache, die mich die Welt immer ein klein bisschen besser und schöner sehen machte. Und ein klein bisschen liebevoller und voller Düfte. Ihre Geschichten, die – obwohl sie mitten im Alltag gewachsen waren – zeigten mir immer wieder, dass es eben darauf ankommt, wie wir schauen und wohin. Und dass selbst Alltagsgrau viele Nuancen hat und viele Gerüche.

Und nun hat sie also eine Geschichte geschrieben, eine ganz lange sogar. Einen Krimi. Keinen wirklich schwarzen, keinen Psychothriller, nein, keinen, bei dem man sich nachts nicht mehr aus dem Haus traut.

Danielle Ochsner hat einen Krimi geschrieben, der mit seiner ganz besonderen Atmosphäre und seinem Hinblick schnell klar macht, dass der erste Schein noch trügerischer ist als wir ahnen. Dass sich hinter netten Fassaden – über Jahrzehnte aufrecht gehalten –, hinter schönen und schweren Erinnerungen, Geschichten und noch mehr Geschichten verbergen. Und auf einmal steht die Welt im beschaulichen französischen Kuhkaff Saint-Loup Kopf. Cover_StLoupZuerst taucht eine tote Frau auf. Bald darauf wird die zweite Leiche gefunden: ein toter Mann. Was genau geht hier vor und in welcher Beziehung standen die beiden zueinander?

Yvan Duclos und sein Assistent Ahmed rätseln tagelang ohne wirkliche Spur. Was genau ist von all den Lobhudeleien auf das erste Opfer zu halten? Die Mauer des Schweigens in Saint-Loup ist sprichwörtlich; und erst ganz allmählich bröckelt der erste Verputz. Die beiden Polizisten fangen an, Zusammenhänge zu verstehen, ausgelöst durch einen Satz im Obduktionsbericht über die weibliche Leiche. Was steckt hinter ihrem Geheimnis?

Zugegeben, einiges an der Geschichte ist vorhersehbar. Der Schluss war es nicht, definitiv nicht. Nicht so jedenfalls. Und nicht bei mir. Raffiniert, beinahe ingridnollesk entwickelt Danielle ihren Plot. Aber halt, mehr verrate ich nicht! Denn Lesen lohnt sich.

Aber – und auch das muss gesagt werden und ich gestehe, dass ich es befürchtet hatte – eben auch in ihrem Buch steht Madame Lila mit den Verben, der Konjugation, den Zeiten, gewissen Wörtern und Pronomen auf Kriegsfuß. Und auch fanden mich recht viele – zugegeben teils sehr originelle – Tippfehler (fliegende Trauben statt Tauben).

Nichtsdestotrotz hält Danielle Ochsner, was sie versprochen hat – auch wenn sie das eine oder andere Klischee bedient (das allerdings so geschickt, dass ich manchmal zwei Augen und die nicht vorhandenen Hühneraugen zugedrückt habe). Danielle erzählt uns nicht nur eine spannende und unterhaltsam, sondern auch eine doppelbödige Geschichte. Sie zeichnet die Stimmungen und die Menschen des verschlafenen kleinen französischen Dorfes so sensibel, dass ich es keine Sekunde bereue, dass ich dieses Buch mitsubventioniert habe. Per Crowdfunding. Und dass ich über all diese Schwächen eines Erstlings hinweg sehe. Ich wünsche ihr und der Toten von Saint-Loup viele LeserInnen.

Und für ihre nächsten Bücher wünsche ich ihr einen richtigen Verlag und ein professionelles Lektorat/Korrektorat.  Denn Erzählen kann sie!

Die Tote von Saint-Loup von Danielle Ochsner
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Ausgelesen #2 – Druckstaueffekt von Sabine Wirsching

Selten hat mich ein Buch so überrascht, positiv überrascht.

DruckstaueffektcoverIch gestehe, dass ich – trotz der tollen Lesung letzten Herbst in Hamburg – ein klein bisschen Bammel vor diesem Buch hatte. Was kann man schon über die promiskuitive Liebe schreiben, dass nicht irgendwie wiedergekaut, trivial oder platt daherkommt. Und dann das!

Ein literarisch anspruchsvolles Buch, das dazu meinen haptischen und ästhetischen Ansprüchen, die ich bisweilen an ein Buch habe, gerecht wird. Das meine Augen und meine Hände verwöhnt. Außen und innen ist das Buch wie aus einem Guss.

Lesen!

Ein paar weitere inhaltliche Impressionen gibt es hier → klicken
und hier → klicken
und hier ebenfalls → klicken

Danke, Sabine, dass du dieses Buch geschrieben hast. Auch wenn ich nicht in Berlin lebe, gibt es doch ein paar ähnliche Erfahrungen in meinem Leben. Und ein paar ähnliche Erkenntnisse. Mehr verrate ich hier aber nicht.

Worum es geht?

Na, um die Suche. Nach der Liebe im allgemeinen, und jener zu sich selbst im speziellen. Aber das hört sich leichter an, als es ist.

Lesen! (Oh, ich wiederhole mich …)

DefinitionDruckstaueffekt

Ausgelesen #1 – Wiederholte Verdächtigungen von Jutta Reichelt

(M)eine neue Buchbesprechung gibt es hier → klicken!

KLM_151_LAY_Reichelt.inddEine weitere Besprechung des Buches gibt es auch bei Sätze und Schätze, wo ich das Bild geklaut habe. Dort habe ich auch das nachfolgende Zitat ausgeliehen, denn ich musste über die gleiche Stelle im Buch schmunzeln:

Wer bereits den Blog von Jutta Reichelt kennt, wird das eine oder andere déjà vu-Erlebnis haben – schmunzeln musste ich, als Katharina ihrer Nachbarin, der psychologischen Psychotherapeutin, die selbst einen Krimi schreiben will, einen Schreibratgeber ausleihen möchte.

Ein Buch, das ich sehr und herzlich empfehlen kann.

Einen Hörbeitrag dazu, gelesen von Emil auf Radio Corax, gibt es → hier.

Ausgelesen II. #15 – Stoner

cover_williamsZwar ist Stoner ein älteres Buch, es wurde vor 50 Jahren das erste Mal gedruckt, doch deswegen ist es – weder in Sprache noch inhaltlich – nicht überholt. Ich mag die Zeitlosigkeit der Geschichte. Diese ewige Sehnsucht und Suche nach Lebensqualität, nach Liebe, nach Berufung. Immer dabei Erkenntnisse, Rückschläge, Alltägliches, Banales, Dramatisches, Mobbing. Unspektakulärer alltäglicher Wahnsinn eines Universitätsprofessors, der bei seiner Geburt hätte Bauer werden sollen.

Ob man Stoner ein gescheitertes Leben nachsagen könnte? Vielleicht. Von außen betrachtet vermutlich schon. Ich weiß es aber besser.

Besonders gut gefällt mir, wie sensibel der Autor, John Willams, mich das Sterben seines Protagonisten Stoner, zeitlebens auf der Suche nach Erfüllung, erleben lässt. Ich bin ganz nahe dran. Und doch in respektvollem Abstand. Ich spüre den Frieden, den Stoner in sich findet. Die Versöhnung mit sich, seiner Frau und dem Leben.

Well done, Herr Williams, well done, Stoner!

Bitte auf die Bilder klicken zum Vergrößern.

Mehr: Stoner bei Wikipedia