Dieses Reiseding

Wie man Ferien* macht, haben wir als Kinder nicht wirklich gelernt. Ein bisschen ist es natürlich der Generation und der Ebbe im Geldbeutel meiner Eltern geschuldet. Zudem waren sie, umständehalber, etwa zehn Jahre älter als die Eltern meiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Während diese mit ihren Eltern Ferien machten, jäteten wir den Garten. Während die anderen in Spanien oder in Italien, Frankreich, im Tessin, im Bündnerland oder im Wallis waren, kletterte ich auf meinem Nussbaum immer höher. Richtig vermissen kann man nicht, was man nicht kennt. Doch was man in Ferien so machen könnte, drang schließlich doch bis zu mir durch und regte meine Phantasie an. Darüber schrieben die anderen nämlich in ihren Ferientagebüchern, die wir in der Schule führen sollten – ich glaube, das muss in der vierten oder fünften Klasse bei Fräulein S. gewesen sein. Wir mussten den anderen manchmal daraus vorlesen, sagt meine Erinnerung. Doch so sehr ich ansonsten Aufsätzeschreiben geliebt hatte, so sehr hatte ich das Ferientagebuchschreiben gehasst. Ich hatte ja kaum etwas zu erzählen.

In besagten Sommerferien hatten wir, so meine ich mich zu erinnern, genau zwei Tagesausflüge gemacht. Mit dem öffentlichen Verkehr, da wir kein Auto hatten. Zwei Ausflüge, die vermutlich ein Riesenloch in die Familienkasse gerissen hatten. Mit Zug und/oder Postauto konnte man sich an ein vorher gewähltes Wunschziel kutschieren lassen, dort etwas essen und sich wieder zurückfahren lassen. Mit Zug war okay, im Bus bekam ich regelmäßig das große Kotzen. Ich erinnere mich daran, wie wir die italienische Grenze überfuhren, unsere Ausweise zeigen und die Uhren umstellen mussten. Ausweise, die wir eigens für diese Reise hatten ausstellen lassen. Meine erste Identitätskarte!

Luino war das Tagesziel. Vier Zugstunden für ein paar Stunden auf dem Wochenmarkt. Meine erste Grenzüberquerung. Meine erste Wassermelone. Der Höhepunkt meiner Primarschulzeit.

Später, als ich etwa dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, nach dem Tod des einen Großvaters und dem entsprechenenden Erbgang, leisteten sich die Eltern einmal eine zweiwöchige Ferienwohnungsmiete im Büdnerland und im Jahr danach nochmals im Tessin. Was man aber so in den Ferien macht, habe ich nicht ganz begriffen. Spazieren vermutlich. Auf Autostraßen. Und ab und zu ein Eis essen. Und natürlich Bücher lesen.

Nun ja, spazieren und Bücherlesen konnte ich auch daheim, im Dorf. So war ich von diesem Feriending dann doch irgendwie desillusioniert. Es war so anders als das, worüber die anderen geschrieben hatte. Und ja, mein geografischer Horizont war damals wirklich sehr winzig.

Meine erste große Reise, dazu mein erstes Mal Meer, erlebte ich als Neunzehnjährige. Mit zwei Freundinnen interrailte ich durch Frankreich und England nach Irland, um dort eine gemeinsame Freundin zu besuchen. Unvergessliche zwei Wochen, die ich mir selbst in den ersten zwei Sommerferienwochen in einer Gemüseabpackerei verdient hatte. Das erste Mal Paris (na ja, Bahnhofwechsel am 14. Juli ist eher so mittellustig) Dublin. London auf dem Rückweg. Und jeden Tag woanders. Am Morgen nicht wissen, wo wir am Abend sein werden.

Ich glaube, damals habe ich diese Art zu reisen derart verinnerlicht, dass die Ungewissheit, was Tag und Tagesziel betrifft, für mich zum Inbegriff für Ferien geworden ist. Natürlich habe ich seither dazugelernt. Ich habe mit Freundinnen und Freunden, mit Partnern ganz unterschiedliche Ferienreisen und Ferieninhalte ausprobiert. Doch als ich das allererste Mal, vor acht Jahren, eine Alleinreise durch Südschweden wagte, war klar: Ich will mich treiben lassen. Ich buchte nur die erste und die zweite Nacht in einem Hotel in Göteborg im Voraus, den Rest meiner Reise ließ ich geschehen, entschied nach Tageslaune, ließ mich von Ort zu Ort treiben. Es war zwar nicht immer einfach, weil ich viel zu viel im Rucksack hatte, doch dieses Gefühl, alles, was ich brauche, bei mir zu haben, steht für mich seither für diese Freiheit, die für mich Ferienzeit bedeutet.

Und seit ich mit dem Liebsten zuerst das Billigstreisen mit Auto und Zelt und später jenes per pedes mit Rucksack entdeckte, weiß ich: Ich mag das. Ich mag das so. Und ich mag es auch, wenn wir uns ein paar Tage an einem Ort niederlassen und von dort aus unterwegs sind.

Dennoch stehen dieses ’Omni mecum porto’-Gefühl (ich trage alles mit mir) sowie das Bedürfnis, mich treiben zu lassen und am Morgen nicht zu wissen, wo ich am Abend bin, für mich für Ferien.


* Ferien nennt man in der Schweiz das, was man in Deutschland Urlaub nennt, nicht nur für Schulkinder.

Ich mach mir die Welt …

Gestern habe ich seit langem wieder einmal die Mappen gesichtet, in denen meine Mutter meine Kinderzeichnungen aufbewahrt hat. Was für eine Reise, die ich da gestern angetreten habe! Die ersten Bilder zeigen noch einfache Strichmännchen, die ich mit knapp vierjährig auf Papier gebannt habe. Doch bald erzähle ich zeichnend ganze Abenteuer- und Alltagsgeschichten. Die meisten Bilder in den Mappen habe ich zwischen vier- und siebenjährig gezeichnet. Jene Zeit, als meine ältere Schwester und spätere auch mein Bruder bereits in die Schule durften. Mein erstes Alphabet habe ich mit vierjährig auf die Rückseite eines Bildes gekritzelt. Papier war rar, drum brauchte ich Vorder- und Rückseite. Dass ich damals schon alle Buchstaben kannte, war mir bis anhin bekannt, doch dass ich bereits das ganze ABC konnte, in der richtigen Reihenfolge? Habe ich es womöglich abgeschrieben? Ich erinnere mich, dass wir oft Schüelerlis gespielt haben. Meine Schwester war die Lehrerin, der Bruder und ich die ABC-Schützen. An der Tafel standen erste Worte oder manchmal auch Zahlen. Wobei mich Buchstaben schon damals mehr fasziniert haben als Zahlen. Mit ihnen konnte alles neu erzählt werden, während Zahlen einzig dazu da waren, festzuhalten, wie viel so und so viele Äpfel und so und so viele Birnen wiegen.

Was mir auffällt, wenn ich durch die Bildermappen blättere: Ich habe ganz oft Situationen gezeichnet, die es bei uns als Familie nicht gab. Schon damals habe ich imaginiert und geträumt, meine Eltern auf Skiern gezeichnet zum Beispiel, weil die Eltern meiner Schulkameraden immer mit ihren Kindern in die Skiferien fuhren, wir uns das aber nicht leisten konnten. Zumal meine Eltern ja gar nicht Ski fuhren. Schon vor der Einschulung habe ich erste Bildergeschichten gekritzelt und mit dem Tacker in Heftform gebracht. Kaum des Schreibens mächtig, schrieb ich auf einer ausgedienten Schreibmaschine erste Fortsetzungsgeschichten. Auch diese feinsäuberlich in der Mappe abgelegt. Wobei – fein säuberlich stimmt nicht. Ich hatte schon immer eine Saukralle, wie untenstehendes Bild beweist. Knapp sieben war ich damals. Vermutlich kurz um die Einschulung herum, da damals das Schuljahr in der Schweiz noch im April angefangen hat.

20140730-161847-58727171.jpgSieht man sich meine Bilder an, auch die Photos, könnte man mich für ein glücklich gewesenes Kind halten. Was ich sicher irgendwie auch war, vor allem wenn man mich in Ruhe zeichnen und schreiben ließ. Aber ich war auch sehr scheu und brav und auf meinen Bildern, die unsere Familie zeigen, bin ich nur ganz klein und am Rand sichtbar. Ein einziges Familienbild ragt heraus. Es zeigt unsere Familie nach meiner Geburt. Ich im Mittelpunkt, in den Armen meiner Mutter geborgen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter kurz davor erzählt hatte, wie sie mit mir nach der Geburt aus dem Krankenhaus gekommen sei.

Ich mach mir die Welt, wie-de-wie-sie mir gefällt, hej Pippi Langstrumpf …, war mein Lieblingslied und meine Lieblingsserie und darum habe ich wohl meine Kindheit einigermaßen aufrecht gehend überlebt. Pippi konnte so vieles, meine Heldin. Annika dagegen war wie ich – schüchtern – doch wuchs sie manchmal über sich hinaus. Das konnte ich doch auch? Meine Phantasie schenkte mir Flügel, Träume und Geschichten.
Noch immer glaube ich, dass wir uns unsere Welt – auf vielerlei Weise – zurechtspinnen. Darüber hat heute auch Luisa Francia geschrieben:

luisa in bayern – 30.07.2014 um 06:55:32

Wir selbst setzen die welt zusammen in der wir leben. Aus den bruchstücken von information, aus prinzipien, glaubensvorstellungen, selektiver wahrnehmung und ausgrenzung. Wir entscheiden was in unserer welt platz hat. Wir geben oder nehmen die zeit, wir werten auf oder ab. Wir färben ereignisse ein mit unseren gefühlen. Auch wenn wir scheinbar nichts aktiv tun oder entscheiden, wir gestalten dennoch selbst die welt in der wir leben.
Jede regel, jede wahrheit, jede weisheit wurde schon widerlegt oder gebrochen – alles ist wandelbar.
Was dich daran hindert ein freier mensch zu sein ist eine kombination aus verletzung, selbstmitleid, das gefühl, etwas besseres verdient zu haben, neid, mangelnde selbsterkenntnis, mangelnde disziplin. Daraus resultiert eitle resignation: das problem sind immer die anderen!

Quelle: Luisa Francias Webtagebuch