Wir hier

Wir hier – diese zwei Worte sind es, mit denen wir ausdrücken, wenn wir uns irgendwo heimisch fühlen. Es sind gute Worte irgendwie. Es sind gefährliche Worte irgendwie anders.

Mit Wir grenzen wir uns von denen ab, die nicht Wir sind. Und mit hier von denen, die woanders sind. Denn mit Wir hier meinen wir selten alle, weder alle Menschen noch alle Wesen auf dieser Erde.

Mit Wir hier stellen wir Bedingungen. Wir, die wir hier dies und das miteinander erleben, erschaffen, die wir einander auf die eine oder andere Weise nützlich sind, Beziehungen spielen lassen. Und ja, natürlich stellen wir Bedingungen. Bedingungslos? Das wäre ja noch schöner!

In den letzten Tagen ist dieses Wir-gegen-Die beinahe eskaliert. Und ich gebe zu, dass auch ich mich da und dort habe mitreißen lassen. Wir hier im Fediversum gegen die dort auf Twitter. Auch ich habe versucht, Menschen auf Twitter meine neue Heimat Fediversum schmackhaft zu machen und sie vor den bösen Worten derer, die das kleine Feine nicht zu würdigen wissen, zu beschützen. Ich weiß es ja schließlich besser, ich weiß, dass das Fediversum ein guter Ort ist, auch wenn er sich nicht auf Anhieb jeder und jedem erschließt, auch wenn zuerst ein paar Schwellchen überwunden werden müssen. Aber dann, wenn du erstmal dort bist, dann …

Ich habe mir den Mund fuselig geredet, weil ich meine Lieben aus den Fängen des proprietären, alles fressenden Monsters E. M., der Twitter gekauft hat, reißen wollte. Beste Absichten hatte ich, liebe Menschen geradezu vor dem Untergang zu retten. Dennoch schoss ich zuweilen übers Ziel hinaus. Na ja, irgendwann habe ich es zum Glück gemerkt. Und mich erinnert, denn wenn ich im Laufe meines Lebens etwas gelernt habe, dann dass sich niemand gegen seinen Willen retten lässt. Freier Wille und so.

Ich denke dieser Tage viel nach: Was genau suchen wir eigentlich in den Sozialen Medien? Tief innen. Aufmerksamkeit? Sehen und gesehen zu werden? Austausch? Nun ja, wem es um viele Klicks geht, um viel Aufmerksamkeit, um viel Publikum geht, wer seine Posts nach Gesetzen der Nützlichkeit für seine Anliegen publiziert, wird vielleicht tatsächlich im Fediversum nicht glücklich. Im Fediversum läuft nämlich alles ganz ohne Algorithmen streng chronologisch. Die neusten Posts sind ganz zuobert. Posts, die geboostet ­ – heißt: geteilt – werden, bekommen mehr Aufmerksamkeit als jene, die von den Lesenden mit einem Stern versehen werden. Der Stern heißt alles Mögliche. Zum Beispiel Das gucke ich mir später in Ruhe an oder Das berührt mich.

Die Anzahl der Sterne, die ein Post – ein Toot, ein Tröt – erhält, ist ohne Bedeutung. Hier kommt nicht der oder die mit der lautesten Stimme weiter, sondern Menschen, die über Dinge schreiben, die von vielen gelesen, gemocht und geteilt werden.

Ich gestehe, dass ich trotz bester Absichten erst beim dritten Anlauf ‚warm‘ mit Mastodon geworden bin. Angemeldet habe ich mich dort bereits vor über vier Jahren. An den Anlass des Massenexodus von Twitter zu Alternativen erinnere ich mich nur noch vage, doch ich wollte bereits damals Twitter verlassen. Auf Ello und Mastodon fand ich einen Zweit- und Drittwohnsitz. Damals konzentrierte ich mich mehr auf Ello als auf Mastodon, weil die Menschen, die ich dort fand, damals mehr zu mir passten. Auf Ello fand ich eine eher künstlerische, sprachaffine Blase, während ich auf Mastodon kaum Menschen mit ähnlichen Interessen antraf. Vermutlich, weil ich zu wenig suchte, zu wenig fragte, mich zu wenig einbrachte fand ich auf Mastodon vor allem IT-affine Techniknerds. Bestimmt hat es schon damals dort Menschen gegeben, die über Alltägliches redeten.

Die meisten Menschen, die damals mit mir Twitter verlassen wollten, sind doch wieder zurückgekehrt. Auch ich wurde wieder auf Twitter heimisch, es war wohl neben der Bloggosphäre mein längstes virtuelles Zuhause, zumal ich dort im Laufe der Jahre viele Menschen kennen und schätzen gelernt hatte – auch persönlich. Ich lebte ich einer Blase mit vielen Schnittmengen und Themen und pflege regen Austausch über Sprache, Literatur, Politik und Alltägliches.

Doch allmählich veränderte sich der Wind. Vor oder während der ersten Pandemiejahre wurde der Ton immer harscher. Ich schrieb immer weniger Persönliches, teilte dafür immer mehr Infos zu diesem oder jenem Thema. Fast unmerklich geschah das. Meine Timeline zu lesen überforderte mich längst, irgendwann hatte ich ein paar wenige Lieblingsleute in eine Liste gepackt und las Twitter nur noch innerhalb dieser Liste.

Im Frühling, als sich E. M. überlegte, Twitter zu kaufen, beschloss ich, meinen vier Jahra alten Mastodon-Zweitwohnsitz als Hauptwohnsitz zu reanimieren und Twitter zum Zweitwohnsitz zu machen. Nicht, weil es gerade alle taten und das chic war, sondern weil ich dringend etwas anderes brauchte.

Ich sehnte mich nach einem Ort, wo miteinander nicht aneinander vorbei gesprochen wurde. Nicht nur debattiert, diskutiert, geschrieen, sondern geredet, einander zugehört. Ich sehnte mich nach einem Netzwerk, nach Reden ohne Goldwaage, mit Respekt. Und mit Humor. Nach mehr Netzwerk und weniger Medium sehnte ich mich. Dass mir – von Anfang an schon – der Open Source-Gedanke hinter dem Fediversum gefiel und noch immer gefällt, muss ich wohl nicht extra erwähnen? Ich arbeite ja schon seit vielen Jahren gern mit Linux (Ubuntu) und seinen vielen Open Source-Programmen und möchte nicht mehr tauschen.

Also versuchte ich vor einem halben Jahr, mich auf Mastodon einzurichten. Technisch war bald alles klar, doch inhaltlich war ich die erste Zeit überfordert. Wem sollte ich bloß folgen? Jene, die ich vor vier Jahren abonniert hatte, waren größtenteils gar nicht mehr da. In meiner noch verbliebenen Timeline wurde hauptsächlich nerdisch gesprochen oder dann waren es Leute, die sich untereinander schon so gut kannten, dass ich mich da unmöglich einfädeln und reingrätschen konnte und wollte. Don‘t stopp a running system. Heute weiß ich: Doch, das hätte ich gedurft.

Es war eine Zeit der Unsicherheit. Ich fühlte mich so unendlich neu hier, einsam, unsichtbar. Doofe Pausenhofgefühle. Bis ich irgendwann begann, Fragen zu stellen. Und da und dort auf Posts zu reagieren. Manchmal kam etwas zurück und ich begann jenen zu folgen, deren Posts mich ansprachen. So wuchs meine Timeline und schließlich fand ich nach und nach über Hashtags (mit Themen wie Bücher, Lesen, vegan etc.) Menschen, die ich gern las und mit denen ich je länger je mehr ins Gespräch kam. Über Alltägliches ebenso wie über zutiefst Existentielles. Was ich ganz besonders mag an Mastodon: Mitten in einem Gespräch, das immer persönlicher wird, kann ich bei jedem meiner Posts entscheiden, ob es für andere oder nur für Folgende, womöglich sogar nur für die Person, mit der ich gerade spreche, sichtbar ist.

Nein, es war wirklich keine einfache Zeit. Phasenweise fühlte ich ich überhaupt nicht mehr irgendwo zugehörig. Dort nicht mehr, hier noch nicht. Aber ich wollte es. Ich wollte wirklich Teil dieses Netzwerks werden. Ich sehnte mich danach, außer meiner analogen Welt, wieder einen Ort des Austauschens zu haben, einen virtuelle Raum, wo immer jemand zum Schwatzen, Trauern oder Lachen aufgelegt ist.

Allmählich stelle ich fest, dass mein Selbstschutzpanzer, den ich mir auf Twitter zugelegt hatte, nicht mehr so dick ist, dass ich wieder weicher und vertrauensbereiter geworden bin. Ich erholte mich von den Blessuren und begann mich wieder menschlich unter Menschen zu fühlen (jaja, ich übertreibe hier ein wenig). Vielleicht darum ertrage ich Twitter je länger je schlechter. Ich ging bis vor kurzem immer nur schnell gucken, was meine Lieblingstwitternden schrieben, teilte ab und zu etwas, das mir wichtig war und gut. Kaum mehr persönliche Posts.

Im Mai habe ich innerhalb von Mastodon die Instanz gewechselt und bin nun auf einem Server, dessen Inhaber ich persönlich kenne. Das ist ein gutes Gefühl. Theoretisch hätte ich meine ganzen Follower mitnehmen können, doch ich beschloss, dort bei Null anzufangen. Natürlich bin ich manchen wieder gefolgt, doch es war dennoch ein Neuanfang, denn alle, die mir folgen wollten, mussten mich neu abonnieren. Bei Twitter wusste ich schon gar nicht mehr, wem ich warum gefolgt bin und wer mir warum. Schon wieder dieses Nützlichkeitsdenken!

Heute abonniere ich Menschen unter dem Kriterium, wer mir gut tut. Mit wem kann ich gut? Die ist mir sympathisch. Der hat einen guten Humor.

Ich gestehe mir ein, dass das hier eine Art Fluchtort ist. Hier will ich nicht in erster Linie – shameonme – über Schrecken, Krieg und Katastrophen lesen. Obwohl diese Themen hier auch vorkommen, natürlich, doch hier kann ich besser dosieren, da heikle Themen idealerweise mit einem CW (Content warning) und heikle Bilder mit einer NSFM-Marker versehen werden – wer trotzdem lesen und gucken will, kann die Texte und Bilder durch Draufklick öffnen. Wir nehmen Rücksicht auf anderem, denn wir dürfen uns schützen. Doomscrolling nützt niemandem und mitfühlen können wir auch dann, wenn wir nicht ständig über Katastrophen lesen.

Seit Twitter verkauft worden ist, ist es für mich übrigens auch eine politische Haltung und ich bin soo kurz davor, meinen Twitteraccount zu löschen. Ich entscheide selbst, wo und wie ich mich vernetze.

Wir brauchen Orte, wo wir aufatmen, wo wir Quatsch machen und lachen können. Und philosophieren. Reden miteinander. Und diesen Ort habe ich auf Mastodon gefunden. Ich teile ihn gern und wünsche mir, dass ihn andere ebenfalls finden können. Wir alle brauchen solche Orte. Je länger je mehr.

Stöckchenweitwurf

liebster-awardCandy Bukowski hat mir ein Stöckchen samt darum gewickeltem Liebster-Award in die Hand gedrückt.
Da nimm, mach was draus! Ich gestehe, jedes Mal sage ich mir: Nie mehr Stöckchen! Und mache dann doch mit. Weil es ja auch mit Wertschätzung zu tun hat. Von Candy mir gegenüber (Danke!). Und auch weil es der Vernetzung dient. Und darum mache ich auch diesmal mit.
Liebe Candy, wie versprochen beantworte ich hier nun deine Fragen. Und ja, ich werde das Stöckchen weiterreichen. Die Namen und Links stehen unten … (einige sind meine Neuentdeckungen der letzten Zeit).

Viel Freude beim Lesen und Weiterspinnen …

1.) Schreiben ist für mich so normal, notwendig und natürlich wie Atmen, Essen, Trinken und Ausscheiden. Schreiben ist für mich (fast) immer ein kreativer Prozess, Reflexion und meine liebste Form von Selbstdarstellung und -ausdruck.

2.) Bloggst Du offen oder anonym; und warum so und nicht anders? Ich blogge mit Pseudonym, gebe aber meinen Echtnamen in Mails bekannt. Mein Pseudonym ist mein Pseudoschutz-Regenschirm, der mir hilft, ein klein bisschen mutiger zu sein als im echten Leben. Ich habe ihn gewählt, weil ich nicht über die Suchmaschinen gefunden werden will. Das Pseudonym ist aber keine Fasnachtsmaske, hinter der ich die Wildsau rauslasse. Ich bin als Bloggerin die selbe wie in echt. Allenfalls ein bisschen frecher?

3.) Worüber schreibst Du, was ist Dein Genre? Blogname und -titel sind Programm: Ich sophiere vom Sofa aus über Alltägliches, über die Fallmaschen dieses Lebens und über das, was mein Herz sich alles so zusammenspinnt. Das sind Alltagserlebnisse und Reiseeindrücke zum einen, zum andern aber auch einfach Sophierereien, Sprachzöix, kleine Essays und Dinge, die ich gerne mit meinen LeserInnen teilen will. Genre? Puh, wie nennt man das? Kolumne vielleicht. Oder Kurzgeschichte. Essay. Ja, das kommt hin …

4.) Begrenzt Du Dich selbst dabei, gibt es eine Schere? Die Schere? Mal mehr, mal weniger. Beim rohen Text zwar noch nicht, aber später, beim Überarbeiten schon. Sprachstilistisch möchte ich auf hohem Niveau schreiben und inhaltlich möchte ich halt nicht einfach nur dummlabbern. Außerdem soll mein Geschreibsel aufrichtig sein. Ja, die Schere, sie ist da, ich gebe es zu. Aber ob sie mich begrenzt? Manchmal beflügelt sie mich eher …

5.) Das Beste und das Blödeste am Bloggen ist …? Boah, was für Fragen? Am blödesten sind wohl die dummen Stöckchenfragen. Und am besten die Möglichkeit, seine Gedanken kostenlos ins Netz zu furzen. 😉

6.) Was ist Dein liebster, eigener Text und warum? Uiuiui, das wechselt. Manche Texte von früher würde ich am liebsten löschen, doch sie sollen bleiben. Sie gehören auch zu mir und meinem Weg. Dann wieder gibt es Texte, die ich hinterher lese und denke: Was? Ich soll das geschrieben haben. Aber einen liebsten Text habe ich nicht, sorry. Oder dann mehrere. Vielleicht der da (Link) oder der da (Link) … oder dieser hier (Link). Und andere … 🙂

7.) Das große Thema meines Lebens lautet nicht mehr so sehr Sinnsuche wie früher, sondern vielmehr Selbstliebe konsquent leben. Dazu Dankbarkeit und Akzeptanz für das Leben, wie es ist. Und immer genug Mut für notwendige Veränderungen. Ja, Mut … Zusammengefasst wohl doch so was wie Lebenssinn?

8.) Ich bin eine coole Socke, weil …? Nein, ich bin weder eine coole Socke noch mag ich kalte Füße. Ich bin definitiv eine Mimose, ein Weichei und eine Warmduscherin, falls jemand bei mir ein paar Schubladen bedienen will. Sorry, liebe coole Welt da draußen, Coolness kann ich nicht bringen. Und nein, das wird sich wohl auch nie ändern. Wozu auch?

9.) Ich bin arschlangweilig, wenn es darum geht, cool zu sein. Siehe 8.) 😉

10.) Der Wert der Dinge (und der Menschen) bemisst sich für mich durch seine Existenz. Das übe ich jedenfalls.

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Meine Fragen, die ich nun um das Stöckchen wickle, sind diese …

  1. Schreiben ist …
  2. Warum schreibst du und wie gehst du dabei vor?
  3. Verfolgst du beim Schreiben ein Fernziel?
  4. Wie reagierst du, wenn ein Kommentator in deinem Blog deinen Schreibstil kritisiert?
  5. Wie wichtig sind dir Statistikzahlen?
  6. Wie finden Menschen dein Blog?
  7. Wie viele Blogs besuchst du täglich oder wöchentlich durchschnittlich und wie viele Kommentare schreibst du ungefähr pro Tag, pro Woche?
  8. Welche Texte liest du am liebsten und wann empfindest du einen Text als gut oder schlecht?
  9. Welches sind (ganz spontan und ohne groß nachzudenken) deine drei wichtigsten Werte?
  10. Wie trägt Bloggen zu deiner Lebensqualität bei?

Und nun werfe ich das Stöckchen weit weg und hoffe, dass folgende Bloggerinnen und Blogger es auffangen und entwickeln mögen …

Sarah von Fuerhilde (oh, auch Candy hat dich nominiert? Da machst du doch gleich zwei für eins …?) 😉
Kerstin aka eckisoap von siedendbunt
Ben von Farbenfröhlich
Madame von Au Contraire
Daniela von Filomena.me
Frau U. von Blinkyblanky
Roswitha von Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes
Lia von Liawriting
Annette und Beat von Unserwegs
und last, but noch least
Pillangó von Pillangoblog

Ich bin gespannt auf eure Antworten. Viel Spaß!