Was für ein schönes Schlafen unterm Sternenhimmel und was für ein angenehmes Erwachen im Bachbett! Da bekommt doch der Begriff Himmelbett gleich eine neue Bedeutung.
So langsam bin ich im Wanderleben, im Unterwegsmodus, angekommen. Diesmal habe ich eine ganze Weile gebraucht, mich aus dem Sorgenmachen-Alltagsmodus herauszuschälen, aus diesem Immer-etwas-Tun des Alltagslebens. Diese Lange-Weile hat mich die ersten Tage geradezu nervös gemacht. Da war auf einmal so viel Raum, so viel Leerraum, so viel Nichts und so viel Zeit, die ich mit meiner puren Anwesenheit füllen konnte. Fast hatte es mich überfordert, fast hätte ich gerne meine Nase in ein Buch gesteckt und mich mit Geschichten abgelenkt. Doch genau das will ich auf solchen Wanderungen ganz bewusst nicht. Ich will einfach sein, mich aufs Gegenwärtige einlassen. Auch diese Umstellung braucht Zeit. Hier, im Flussbett liegend, wird mir klar, wie wertvoll diese Möglichkeit und Gelegenheit ist.
Nach einem kleinen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg. Die Morgenkühle will genutzt werden, denn schon bald wird es wieder heiß, sehr heiß. Nachdem wir den Weiler Boden durchquert haben, entscheiden wir uns für den schmalen Säumerpfad nach Innertkirchen. Ein toller Wanderweg, einer von denen, die ich besonders gerne wandere. Rauf und runter, mal steinig, mal Wiese … nur leider ohne jegliche Sitzgelegenheiten unterwegs. Kurzerhand bauen wir uns vor Innertkirchen selbst eine Bank aus Brettern und Stangen, die herumliegen.
Bis nach Innertkirchen zieht sich ein Stück unbewaldeter Weg. Die Hitze macht uns zu schaffen. Bei jedem kleinen Schattenfleck ruhen wir uns aus, trinken Wasser. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und lasse mich trocknen. Verdunsten viel eher, denn als wir uns einmal auf den schattigen Boden vor einem Haus gesetzt haben, hinterlassen wir beim Aufstehen zwei Wasserlachen.
Minimal abgekühlt, aber bald schon wieder so verschwitzt wie zuvor, erreichen wir schließlich den Friedhof Innertkirchen, wo wir unsere Wasserflaschen am Brunnen auffüllen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum erholen. Die Überwindung, dieses kleine Idyll wieder zu verlassen und im nahen Laden einzukaufen, ist groß. Wir schaffen es dann doch irgendwann. Und wir schaffen es sogar durchs Dorf, der inzwischen begradigten Aare entlang Richtung Aareschlucht, zu wandern. Schon wieder ohne Schatten. Schon wieder sind wir reif für ein Bad. Schließlich finden wir ein paar Felsen, auf denen wir es uns bequem machen, allerdings nur kurz, denn hier hat es viele Bremsen.
Später, in der Aareschlucht, wird es kühl sein, ermutigen wir uns, doch bis zum Eingang müssen wir eine steile Treppe ersteigen. Auf die vielen Touristinnen und Touristen, die das gleiche Tagesziel wie wir haben, bin ich nicht gefasst. Soo viele! Dass die Aareschluch so ein Musst-du-gesehen-haben-Event ist und sogar Eintritt kostet, macht mich ein wenig mürrisch. Ich hatte an die Rheinschlucht gedacht. Die ist einfach. Die kann man einfach so anschauen. Natur eben.
Nun denn, hier waren wir also, und wir mussten auf die andere Seite. Also mittendurch. Auf Holzstegen und durch höhlenartige Gänge. Immerhin schön kühl war es. Und ja, sehr beeindruckend war es auch. Dennoch fühlte ich mich nicht so richtig wohl. Zu viele Menschen. Ich tue mich ja immer ein wenig schwer damit, wenn Natur derart vermarktet wird. Andererseits müssen diese Wege ja auch unterhalten werden.
Auf der anderen Seite angelangt, hängen wir sehr lange müde vor dem Gebäude auf dem Grill- und Spielplatz herum und studieren die Karten. Wo man hier wohl wild zelten könnte? Das Gebiet hier ist, je näher wir dem Brienzersee kommen, desto dichter besiedelt. Zwischen hier und Meiringen kaum freies Land. Und allzuweit wandern mögen wir auch nicht mehr.
Nachdem die Schlucht für diesen Tag geschlossen ist, lassen wir uns schließlich an einer der Grillstellen nieder, die zwischen Aareschlucht und nächster Siedlung in einem kleinen Wald direkt an der Aare angelegt wurden.
Irgendlink füllt den Wassersack in der Aare und hängt ihn in einen der Bäume. Später, als es ruhig und schon fast dunkel ist, gönnen wir uns eine erfrischende Dusche. Das muss so, genauso, nach einem dieser Tage, die sich am besten im und am Wasser überleben lassen.
Bilder von Tag 4
Vom Fluss- und Schlaf-Bett aus der Sonne zuschauen, wie sie die Berggipfel kitzelt
Die Sonne badet schon bald den halben Berg
Wir sind auf einem sehr schmalen Säumerpfad unterwegs von Boden nach Innertkirchen
Irgendlink fotografiert eine Infotafel
Erste kleine Pause. Ich stelle fest, dass ich meinen Rucksackregenschutz verloren habe – bloß wo?
Einer der vielen kleinen Bäche, die unterwegs zur Aare unsern Weg kreuzen
Wanderweg nach Innertkirchen: Ein sehr angenehmer Waldweg
Der Säumerpfad schickt uns rauf und runter, mal Wiese, mal Wald, toller Weg. Nur Ruhebänke gibts keine. Wir haben uns drum vor Innertkirchen eine gebaut
Nach Innertkirchen ist die Aare bereits begradigt. Ohne Schatten. Es ist heiß und wir baden auf ein paar Felsen, damit wir wieder frisch für das nächste Wanderstück sind
Am Ost-Ende der Aareschlucht: Unten die Aare, die sich verengt und zwischen die steilen Felsen drängt
Irgendlink posiert vor dem Lift, der zum Bahnhof Aareschlucht-Ost hochfährt. Der Zug fährt oben am Berg entlang
Ein Blick zurück nach Innertkirchen
In der Schlucht: Auf schmalen Wegen werden die vielen Touristen und Touristinnen durch die Schlucht geleitet
An manchen Stellen ist die Aare breiter, an manchen sehr schmal. Immer aber sind da die Felsen zu beiden Seiten.
Es ist angenehm kühl in der Schlucht
Die Felsen sind gegen oben fast geschlossen und lassen stellenweise nur wenig Licht hinein
Ein Wegstück in der Aareschlucht
Meine Lieblingsstelle war dieser Wasserfall, der geradezu paradiesisch aus dem Nichts in die Aare hineinsprudelt
An manchen Stellen führt der Weg durch höhlenartige Gänge
Irgendlink ruht sich auf einer Terrasse über der Aare aus
Eine sehr enge Stelle der Schlucht: Fels und Wasser
Nicht weit vom Schluchtausgang, auf einem öffentlichen Grillplatz, bauen wir das Innenzelt auf und genießen einen gemütlichen Tagesausklang und eine erholsame Nacht
Es geht eigentlich noch so mit Muskelkater, denke ich, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Wie immer habe ich die erste Zeltnacht der Tour nicht so toll geschlafen. Die Umstellung von breitem Bett zu schmaler Matte braucht Zeit, außerdem ist auch das Wanderzelt schmal. Ich male mir aus, wie ich – noch schlafsackwarm – aus dem Zelt krieche und mich unter den nahen Aarewasserfall stelle.
Hm, wie klettert frau gleich wieder aus dem Zelt heraus? Außerdem ist die Wiese, die gestern noch ’nur ein bisschen feucht’ war, heute Morgen ziemlich nass. Unser Glück – oder nennen wir es Irgendlinks Erfahrung – ist es, dass wir das Zelt an der trockensten Stelle auf der ganzen Wiese aufgebaut haben.
Nun ja, aus der Wasserfalldusche wird schließlich nur eine kleine erfrischende Katzenwäsche und nach dem Frühstück wandern wir auch schon bald los. Immer weiter der Aare nach. Kleine Wasserfälle. Furten. Brücken. Pausen machen wir recht häufig, denn noch immer sind wir in der Phase des Umstellung. Und so langsam setzt dann doch noch der Muskelkater ein. Da hatte ich mich also am Morgen zu früh gefreut. Bei jeder Pause ziehe ich schnell die Schuhe aus, bade – wann immer möglich – die Füße, lasse sie und die Socken trocknen. Meine bewährte Blasenprophylaxe. Irgendlink badet seine Füße sogar in einem Wasserbecken, das die Aare über viele Jahre in einen Fels geschliffen hat.
Bei der Alp Handegg rasten wir, essen Eis, kaufen Bergkäse, entscheiden, dass wir genug Vorräte dabei haben, um zum Gelmersee hoch fahren und dort oben übernachten zu können. Den Wanderweg zum Bergstausee haben wir nämlich eine Stunde vorher verpasst.
Die Gelmerseebahn lockt – Irgendlink vor allem – und die erwartete Schönheit der Bergwelt. Über eine lange Hängebrücke klettern wir über die Aare zur Bahnstation. Vielleicht, wenn ich gewusst hätte wie steil es ist, vielleicht hätte ich gekniffen. Aber zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Zack, ein Ticket gekauft. Zack, in die Bahn gestiegen. Den schweren Rucksack auf dem Schoß sitzen wir in einer der hinteren Reihen und bekommen von der Fahrt nicht viel mehr als das Kreischen der Mitreisenden und die Enge der Bahn mit. Und das Gewicht des Rucksacks auf dem Schoß.
Immerhin werden wir oben für diese Mühsal großzügig entschädigt: Der See ist wunderschön, still, sauber, klar. Wir wandern über die Staumauer auf die andere Seite, wo es nicht mehr so viele Menschen hat. Wir überlegen, wo wir zelten könnten, spazieren ein wenig herum, schauen da und schauen dort und irgendwann – nach der letzten Bahn – sind wir ganz allein oben am Gelmersee.
Zwischen Felsen, an einem sandigen Plätzchen, bauen wir unser Zelt auf und kochen uns ein feines Abendessen. Es ist sehr schön, sehr still. Eine ruhige Nacht. Trotz Muskelkater schlafe ich tief und erholsam.
Bilder von Tag 2
Am Berggipfel über unserem Zelt ist die Sonne schon zu sehen, während wir noch im Dämmerdunkel sitzen
Die Sonne hat den Berg über uns schon halb erfasst
Jetzt ist auch unser Zelt besonnt und es wird schnell warm
Kleine Brücke über die Aare
Ein Blick in die Umgebung: Langsam kommen wir wieder in grüneres Land mit Sträuchern und Bäumen
Typisches Wanderbild: Brücke, grüne Bäume, blauer Himmel und Berge
Ein Blick nach unten in die noch junge wilde Aare. Das Flussbett besteht aus Felsen, in die das Wasser Kuhlen geformt hat
Irgendlink hat sich unter der Brücke einen Platz auf einem Fels mit Kuhle gesucht und badet in der kleinen Wanne seine Füße
Unsere Rucksäcke, angelehnt an eine Bank
Felsiges Wanderwegstück ohne Grün
Baum, der um einen Felsen herum gewachsen ist
Wanderweg über den vom Schmelzwasser wild und gefährlich gewordenen Aarebach
Wilder Aarefluss umgeben von Gebüsch
Am Gelmersee: Türkisfarbenes Wasser, darum herum Berge
Wieder höher: Die Bäume sind hier oben wieder kleiner
Nur wer es über die Hängematte schafft, darf in die Gelmerseebahn steigen
Rundblick auf die Berge von der Hängebrücke aus
Der Gelmersee, umgeben von Bergen
Irgendlink auf der Staumauer des Gelmersees, fotografierend
Unter der Staumauer haben Menschen mit Steinen Botschaften und Namen geschrieben
Irgendlink legt aus Steinen einen Hashtag
Unser Zelt auf einem Stück Sand, nahe am Gelmersee
Dämmerung überm Gelmersee.
25. Juni 2019
Wir werden früh wach. Etwas, das mir im Alltag nie so richtig gelingt. Es ist denn auch ein ganz anderes Wachwerden als das Wachwerden im heimischen Schlafzimmer. Eine Klarheit, die so gar nicht Morgenmuffliges an sich hat. Wir kochen unsere Heißgetränke und genießen das Morgenlicht. Die Sonne steigt über die Berge und verglitzert das Wasser. Ich fühle mich leicht und froh. Das Funkloch verunmöglicht Twittereien, was durchaus auch irgendwie schön ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt uns, dass wir die erste Bahn, 9:12, erwischen werden.
Wir sind allein. Die Ersten, die an diesem Tag abwärts fahren. Entsprechend müssen wir die Rucksäcke nicht auf den Knien festhalten und können uns in die allervorderste Reihe setzen. Und ja, die Fahrt ist gruslig. Denn dieses Steil, diese hundertsechs Prozent, ist wirklich steil.
Ich bin schließlich froh, als wir unten ankommen. Hier warten auch bereits einige Menschen auf die Fahrt nach oben.
Wir wandern zurück über die Hängebrücke und von da aus weiter Richtung Guttannen. Der Temperaturunterschied von oben nach unten ist deutlich spürbar und wir sind nun doch auch in der Hitzewelle angekommen. Zum Glück gibt es immer wieder Bäume. Und schließlich, ganz nahe der Aare, ein wunderbarer Kiefernwald (oder vielleicht sind es Tannen). Ich jedenfalls nenne dieses Wäldchen die Guten Tannen von Guttannen, den dorthin sind wir unterwegs.
Wir halten eine lange Siesta und messen fortan jeden Rastplatz an der Qualität dieses einen wunderbaren und letztlich unschlagbaren. In der nahen Aare fülle ich unseren Wasservorrat auf. Später wandern wir in Häppchen weiter. Wandern. Pause. Wandern. Und irgendwann langen wir in Guttannen an. Finden ’Regulas Dorfladen’ (mit Deppenapostroph, aber das kann ich hier nicht wiedergeben, zu viel innerer Widerstand) und decken uns das erste Mal seit Wanderbeginn mit neuen Lebensmitteln ein. (Und mit Bier. Eine Dose für zwei.) Eine große Schale Erdbeeren essen wir direkt auf der Bank vor dem Laden.
Weiter gehts. Weiter der Aare entlang. Der Muskelkater ist nur noch ein Nachhall, eine Art Echo. Schon vor Guttannen ist der Wanderweg identisch mit der Landstraße und entsprechend geteert. Eine ganze Weile gehen wir auf Teer. Und wenn es etwas gibt, das ich beim Wandern wirklichwirklich hasse, dann das: Teer. Meine Füße fangen schnell an zu brennen.
Wir setzen uns auf eine Wiese, twittern ein wenig, dösen ein bisschen, und hoffen, dass wir später einen schönen Platz für die Nacht finden. Ich jammere auf Twitter über die Teerstraße und dass es nun bestimmt immer und immer so weitergeht.
Als wir weiterwandern, entdecken wir, dass der Teerweg nur wenige Meter nach der nächsten Kurve wieder in einen Kiesweg übergeht. So schnell haben sich meine Wünsche noch nie erfüllt!, sage ich.
Über Kuh- und Schafweiden folgen wir auf- und abwärtsgehend dem Verlauf der Aare und schließlich sind wir ihr wieder so nah, dass wir uns entschließen in ihrem Bett zu biwackieren. Für Zeltaufbau ist eh zu wenig Platz.
Wir baden im kühlen Fluss, waschen Kleider, kochen, essen und legen uns schließlich unter dem Sternenhimmel schlafen. Leise Angst, dass der Fluss über Nacht ansteigen könnte, ist da, aber – wie gesagt – nur ganz leise. Eine vollkommene Nacht mit Prachtsternenhimmel. Irgendlink zählt Sternschnuppen, während ich tief und fest schlafe und bei jedem kleinen Erwachen ehrfürchtig nach oben schaue.
Zack. Etwas fällt mir auf die Wange. Ein Tier? Ein Meteorit? Eine Sternschnuppe gar? Keine Ahnung. Jedenfalls blute ich und am Morgen entdecke ich eine kleine Wunde. Tja. Auch das ist Natur.
Bilder von Tag 3
Unser Zelt noch im Schatten, doch die Sonne kommt bereits über die uns umgebenden Berge
Fertig gepackt stehen unsere Rucksäcke an den Felsen am Gelmersee, zwischen denen wir geschlafen haben
Die Gelmerseestaumauer
In der steilsten Standseilbahn Europas
Wir fahren abwärts
Abwärts schauen ist ziemlich gruslig, aber es gibt ja noch die Berge, die sich angucken lassen
Sooo steil geht es abwärts
Unten angelangt schauen wir der Bahn zu, wie sie mit den ersten Reisenden wieder aufwärts fährt
Wieder auf der Hängebrücke
Die Hängebrücke ist nicht ganz ohne
Wieder unten wandern wir weiter. Bäume am Wegrand
Kleines Wanderwegpanorama mit Wiesenweg und Bergen
Die Sonne über den Bergen
Richtung Guttannen gehen wir auf einen kleinen Wald zu, in welchem wir eine längere Siesta halten werden
Irgendlink nähert sich der Mobilen Melkstation. Hier wurde die Milch für unsern Bergkäse gezapft
Es ist so heiß, dass sich die Schafe in die kühlen Felsen verkrümmeln
Kleine Erfrischungspause an der Aare
Einfach nur dem Wasser lauschen
Hier ist die Aare relativ breit, dafür nicht sehr tief
Bald sind wir in Guttannen und können das erste Mal einkaufen
Wunderschöne Magerwiesen hat es hier
Hier bleiben wir: Direkt an der Aare, in der Aare, im Aarebett – wir waschen das erste Mal unsere Kleider
Irgendlink ertappt Sofasophia beim Twittern, die Blumen können es nicht ganz verbergen
Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.
Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.
Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.
Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)
+++
Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.
Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.
Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.
Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)
Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.
Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..
23. Juni 2019
Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)
Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!
Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.
Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.
Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!
+++
Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.
Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.
Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.
Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.
Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.
Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.
Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.
Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.
Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.
Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.
Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.
Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.
Bilder von Tag 1
Grimselpass mit schneebedeckten Berggipfeln
Frösche im sumpfigen, noch braunen Gras auf der Grimsel
Eisbrocken im Grimselsee
Felsige Wege, Blick aufwärts zur Staumauer des Grimselsees unter blauem Himmel
Reissender Aarebach inmitten eines felsigen Betts
Infotafel, die vor Schneefeldern warnt
Sofasophia von weitem, wandernd durch die steinige Berglandschaft unter blauem Himmel
Rätischbodensee von Felsgebirge umschlossen, unter blauem Himmel
Irgendlink von weitem, auf felsigen Wegen unterwegs
Sofasophia überquert ein Schneefeld mit Hilfe ihres Stocks, unten, hinter ihr, der Stausee, umgeben von Felsen und Bergen
Das linke Ufer des Rätischbodensees mit seinen Schneefeldern am Berghang
Sofasophia auf einem weiteren, längeren Schneefeld
Blick von oben auf die Grimselpassstraße, die sich durch die Berge schlängelt
Vom Schmelzwasser nasse Felsen, darüber glitzernd die Sonne
Irgendlink auf einem schmalen Pfad zwischen Felsen
Noch ein Bild der vom Schmelzwasser nassen Felsen, darüber glitzernd die Sonne
Irgendlink hat sich über den schweren Rucksack einen lose herumstehenden Wanderweg-Wegweiser quer über die Schulter gelegt
Das Zelt von weitem, auf einer von Sträuchern umgebenen Wiese unter einem massiven Berg, davor Sofasophia, sitzend und lesend
Ihr erinnert euch? Die Aargletscher sind es – diese Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Stetig abwärts fließt die Aare von da aus, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen.
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org
Auf obiger Grafik sieht man die Wege der Aare gut. Angefangen beim Aargletscher – auf der Grafik unten rechts – hochoben, in der Mitte der Schweiz irgendwo beschreibt sie einen geschwungenen Loop bis ans Ostende des Brienzersees, durchfließt diesen, taucht kurz auf, quert das Bödeli zwischen den Seen, Interlaken genannt, fließt von Südost nach Nordwest durch den Thunersee, verlässt diesen und strebt nordwestwärts Richtung, Bern, Biel, von dort dann nordöstlich Richtung Solothurn, Aarau, Brugg. Schließlich mündet sie bei Koblenz (AG | CH) – bei 312m ü. M. – in den Rhein. Sie überwindet unterwegs einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und legt 291,5 km zurück.
Ganz so weit sind wir nicht gewandert, ’nur’ bis Bern. Bis ins Strandbad Eichholz, das wir vorgestern Mittag erreicht haben. Wir waren fast exakt 11 Tage unterwegs von der Grimsel nach Bern.
Die ersten Tage wanderten wir mehrheitlich auf Bergwegen. Wer sich jetzt das Bild eines stetigen Absteigens macht, da der Fluss ja bis Brienz etwa 1100 Höhenmeter überwindet, täuscht sich. Zwar haben wir diese Höhenmeter tatsächlich unterwegs überwunden, doch für drei Höhenmeter abwärts gab es mindestens wieder einen oder zwei aufwärts und ja, dafür waren unsere Gelenke äußerst dankbar. Abwärts gehen ist im Gebirge nicht nur anstrengender, es ist auch gefährlicher. Insbesondere wenn du einen schweren Rucksack auf dem Rücken trägst.
Die ersten Tage waren darum für mich besonders herausfordernd, da ich nach der langen Fernwanderabstinenz erstmal in mir das Gefühl fürs Rucksackwandern wiederfinden musste. Rhein (2016) und Reuss (2014) sind ja nun doch schon ein paar Jahre her und Kondition und Fitness sind ja nicht so meine direktesten Nachbarinnen. Beides kommt aber – so lehrt mich die Erfahrung –, wenn ich gehe, wieder. Wenn ich in meinem Tempo gehe. Wenn ich meine Grenzen nicht zu rasant auszudehnen versuche. Wenn ich sorgsam mit mir umgehe. Nicht, dass ich das immer getan hätte. Aber irgendwie kommt das nach und nach wie von selbst. Die Kraft wächst. Der Mut wächst. Die Ausdauer wächst. Und sogar die Muskeln.
Von Brienz bis Bern waren es nicht mehr so viele Höhenmeter, doch da es an den Seen nicht durchgängig gute – will heißen schattige und idealerweise teerfreie – Wanderwege in Seenähe gibt, haben wir oft Wege am Berghang gewählt. Nicht zuletzt wegen der schattenspendenden Bäume.
Von Interlaken aus sind wir sogar spontan mit dem Postauto in die Berge, nach Habkern, gefahren und dort, parallel zum Seeweg, der Höhenkurve entlang Richtung Beatenberg gewandert. Dort war es zum einen ein paar Grad kühler, zum anderen hatten wir eine bessere Weitsicht. Und was für eine! Eiger, Mönch und Jungfrau zum Greifen nah.
Die Strecke Thun-Bern ist mehrheitlich flach. Hier bestand die Herausforderung darin, Wege zu finden, die nicht allzu besonnt und bevölkert sind – wilde Übernachtungplätze waren rar. Mal gingen wir auf der einen, mal auf der anderen Aareseite. So erreichten wir Bern am elften Wandertag – nach ungefähr hundertzwanzig gewanderten Kilometern. Ob und falls ja, wann wir den Rest der Aare erwandern werden, ist offen.
Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.
Übernachtet haben wir dort, wo es uns gefiel, wo wir Platz gefunden haben. Das wird in der Schweiz an den meisten Orten geduldet oder ist sogar einfach so erlaubt, da die Schweiz wie Schottland und die meisten skandinavischen Länder das Jedermannsrecht kennt. Dieses Recht besagt, dass man auf öffentlichem Grund campieren kann, wenn man sich an die Grundregel hält, den Platz in Ordnung zu verlassen und die Biosphäre nicht zu stören (Infos gibt es > hier). So haben wir es gehalten. Wir haben immer allen Müll mitgenommen und zuweilen auch herumliegenden Abfall miteingepackt. Physische Spuren haben wir hoffentlich keine hinterlassen, vom plattgetretenen Gras da und dort einmal abgesehen.
Über das Leben unter freiem Himmel, über Zeltausrüstung, Schlafsack und Matten gibt es viel Literatur, weshalb ich nur diesen einen Tipp gebe: ausprobieren! Es lohnt sich, ein bisschen mehr Geld für gute und faire Outdoor-Produkte auszugeben statt Billigprodukte zu kaufen, die schnell verschleißen und beispielsweise nicht lange wasserdicht sind.
Ach ja, den Strombedarf für unsere Smartphones – die uns als Notizbücher, Wanderkarten, Photoapparate und Telefone dienten – haben wir größtenteils mit Irgendlinks Solarpanel gedeckt, das er zuweilen am Rucksack angeschnallt mit sich herumtrug. Wir hatten drei volle Powerbanks dabei, die wir ein einziges Mal – bei der Übernachtung im Garten einer Pilgerin, die uns spontan in ihre Welt eingeladen hatte – in eine ’richtige’ Steckdose einstöpseln konnten.
Diesmal haben wir nicht wie andere Male über unsere Fernwanderung gebloggt, sondern vor allem auf Twitter berichtet, kurze spontane Impressionen, Notizen, Flussnoten.
Geplant ist, dass sowohl Irgendlink als auch ich unsere Notizen in einen kleinen Reisebericht verwandeln werden. Für unsere Blogs.
Bleibt uns gewogen, denn ’Fortsetzung folgt’. Demnächst in diesem Theater.
Mich auf die Gegenwart einlassen. Nicht schon beim Wandern in blogbaren Sätzen denken. Anders hingucken.
Ob ich es schaffe?
So ganz tue ich es nicht, denn immerhin gibts auf Twitter den Häschtägg #flussnoten19, wo Irgendlink und ich Gedanken zum Unterwegssein twittern.
Was auffällt: Die Umstellung von ständigem Beschäftigtsein im Alltag in den Fernwanderferienmodus fiel mir diesmal schwerer als auch schon. Alltagssorgen. Gewöhnung an Bücher/Filme/Chats, Politik, Klimakrise etc. – diesmal will ich davon so wenig wie möglich.
Will einfach nur sein. Auftanken. Natur. Manchmal bedeutet das natürlich auch, über die Hitze zu jammern. Oder über Teerstraßen. Einfach wahrnehmen, was ist. (So richtig einfach ist das aber natürlich nicht.)
Hier. Jetzt. Biwacklager im Aareflussbett. Der Morgenkühle wegen in Vollmontur. Klamme Finger. Heiße Tasse. Flussrauschen.
(Es ist Mittwoch, 7:41. Der Upload zickt. Okay, dann halt später.)
Die Aare also. Dieser Fluss, an dem ich vor vielen Jahren geboren wurde. Dieser Fluss, in dessen Nähe ich die meiste Zeit meines Leben gelebt habe. (Aufzählungen erspare ich euch. Ich bin so oft umgezogen, dass ich selbst manchmal nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge ich wann und wo gelebt habe.) Sie hat mich geprägt, die Aare. Auch die wenige Jahre, die ich nicht im Dunstkreis der Aare gelebt habe, wohnte ich – fast immer – in der Nähe eines Gewässers, zum Beispiel an der Limmat mit ihrem schönen Zürichsee.
Kurz und gut: Es ist höchste Zeit, endlich herauszufinden, woher mein Heimatfluss überhaupt kommt.
Es sind die Aargletscher – eine Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare gebären, auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Als Hauptquell nennt Wikipedia den Unteraargletscher auf 1977m ü. M. im Grimselgebiet.
Von da aus fließt die Aare stetig abwärts, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen, um schließlich bei Koblenz – bei 312m ü. M. – in den Rhein zu münden. Bis dahin hat sie einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und 291,5 km zurückgelegt.
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt
So weit werden wir es in den zwei Wochen, die wir uns freigeschaufelt haben, allerdings nicht schaffen. Nicht im gebirgigen Auf-und-Ab, nicht mit den 15kg-schwerem Wanderrucksäcken mit Zelt-Matte-Schlafsack auf den Rücken. Auch geht es ja nicht um sportliche Leistung, es geht um Entschleunigung, um Ruhefinden, um Kraftschöpfen.
Manche Aarewege bin ich bereits früher in meinen Leben schon geradelt – allein, mit andern, mit Irgendlink. Andere Teilstücke sind uns von gemeinsamen Wanderungen bekannt. Doch jenen Abschnitt ganz oben im Berner Oberland haben wir beide bisher weder erwandert noch erradelt. Darum werden wir – wie vor drei Jahren beim Rhein – bei der Quelle anfangen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wir auf den Grimselpass, da dort irgendwo die Aare, inmitten von Bergseen, ihr Dasein als Fluss anfängt.
[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m17!1m8!1m3!1d10971.27604956059!2d8.322541!3d46.5710443!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m6!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m0!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783763454!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Am Samstag werden wir Freunde am Thunersee besuchen und bei ihnen übernachten. Bei ihnen dürfen wir auch das Auto abstellen, um von dort aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Berge zu fahren.
Die ersten Wandertage sehen dann ungefähr so aus: >>> Karte <<<
Ob wir bloggen oder twittern werden, wird von der Tageslaune abhängen, vom Netz, von der Befindlichkeit. Vielleicht werden wir auf Twitter sogar unseren Rheinwander- und Rheinradelhashag #Flussnoten wachküssen. Und vielleicht sogar das gleichnamige Blog?
Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.
Zu meinen Bildern gilt folgendes: Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten. Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.
Am Hafen Rorschach: Irgendlink fotografiert das ’Ende Radweg’-Signal auf dem Pflaster.
Wir spazieren direkt am See am Sandskulpturenfestival vorbei. Gezeigt werden einige kunstvolle Sandkunstwerke von internationalen Künstlerinnen und Künstlern.
Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)
So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.
Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.
Irgendlink legt die letzten kleinen Steine auf einen aus großen Steinen gebauten Steinturm.
Einer der beiden fertigen Steintürme, im Hintergrund Kiesbett, Grasufer, Berge und ein wolkiger Himmel.
Beide Steintürme vor dem fließenden Rhein. Im Hintergrund das andere bewaldete Ufer, Berge, Himmel.
Eine Holzwurzel, die an menschliche Beine erinnert, liegt auf Sand in einem Steinkreis.
Eine Zeigefinger von rechts im Bild zeigt auf eine an die Autowand geklebte Europakarte, in welcher alle Länder bunt eingefärbt sind, die unsere Gastgeberin und unser Gastgeber bereits bereist haben.
Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).
So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.
Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.
Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.
Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.
Wanderwegweiser mit vielen Bergwegen vor Wiesenhang und blauem Himmel.
Aussicht von oben auf grüne Wiesen, Berge und Himmel.
Wir finden einen ehemaligen Heuspeicher, der zu einer Erlebniskugelbahn umgebaut worden ist. In Metallschienen werden vier Kugeln, die mittels Kurbeln in die Umlaufbahn gebracht werden, an Landschaft, Dorf und Tannenbäumen vorbei. Hier eine hölzerne Kirche.
Aussicht auf Wiesen und Berge unter Himmelblau.
Aussicht auf die Berge in der Ferne unter Blauhimmel.
Nun sehen wir bereits den höchsten Punkt. In der Ferne der Grat, von weitem Irgendlink.
Kurz vor dem Grat finden wir eine kleine Rundhütte aus Schwemmholz, in der es sich gemütlich sitzen lässt.
Aussicht vom Grat aus. Berge. Himmel.
Auf der anderen Seite des Grats werfen große Wolken ihre Schatten auf die Berglandschaft.
Die Alpenzeigetafel vorne im Bild benennt alle Berge, die im Hintergrund, hinter den Brettern zu sehen sind. Auch Irgendlinks Kopf vor den Bergen ist sichtbar.
Hier sieht man nochmals den Alpenzeiger und kann die Namen der Berge lesen.. Solche Tafeln gibt es fast auf allen Aussichtspunkten mit Alpensicht.
Wir wandern weiter, es geht wieder abwärts.
Irgendlink der vor dem Piz Beverin auf dem Steg sitzt und sich am Geländer anlehnt.
Etwa auf halber Abstiegstrecke finden wir einen Steg, der an den einstigen Lüschersee erinnert, welcher Anfang zwanzigstes Jahrhundert entwässert worden ist. Wir ruhen uns auf dem Steg aus. Im Vordergrund unsere Kniespitzen, die die Bergspitzen grüßen. Vor uns endlose Wiese, rechts ein Berg, darüber wolkiges Himmelblau.
Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.
Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.
Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»
Ein Blick von oben in die sehr enge Schlucht namens Via Mala. Ein böser Weg.
In der Nähe des Via Mala-Zentrum rasten wir auf einer Steinbrücke. Auf dem Bild Irgendlink und unsere beiden Freunde von weitem.
Ein Blick von oben in eine der tiefen Schlucht-Becken.
Gegenlichtaufnahme einer Steinbrücke.
Schluchtwände, die in vielen tausend Jahren vom wilden Rhein geformt worden sind.
Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.
Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«
Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.
Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.
Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.
Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.
Die St. Martinskirche in Zillis von weitem. Im Hintergrund Berge, vorne Wiese.
Die Kirche von unten. Die Wandbemalung zeigt den heiligen Christophorus. Im Hintergrund Berge und Blauhimmel.
Die Kirche von oben.
Blüten am Weg. Wer kennt diese Pflanze?
Irgendlink fotografiert die Decke der hölzernen Kirche. Im Vordergrund eine Kiste mit Spiegeln, mit denen die Besucherinnen und Besucher die Decke ohne steifen Nacken betrachten können.
Ein Steinturm am Vorderrhein. Im HIntergrund Steine, Wälder, Hügel und Blauhimmel.
Irgendlink, der auf einem Stein im Fluss hockend einen Steinturm fotografiert.
Noch ein Steinturm …
… und noch einer.
Wir rasten auf dem Oberalppass, wo wir vor zwei Jahren unsere Flussnoten-Wanderung gestartet haben. Im Bild ein Bergwanderwegweiser.
Hier haben wir vor zwei Jahren statt den linken den rechten Weg genommen und sind darum über den Pazzolastock gebergwandert.
Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.
Wie ich neulich bei einem abendlichen Waldspaziergang über dem einen Satz meditierte – das ’Jetzt’ ist schön –, fing eine kleine Erkenntnis in mir an zu reifen. Keine Neue, aber eine, die es bisher vom Kopf noch nicht wirklich bis ins Herz geschafft hatte: Die Dinge, die Ereignisse, die Erfahrungen wirken auf mich und in mir so, wie ich sie bewerte. Wenn ich sie grundsätzlich willkommen heiße, mit ihnen Frieden schließe, lässt es sich leichter mit ihnen leben. Natürlich ist es im schön besonnten Herbstabendwald einfacher, Schönheit zu sehen als auf der vollen Autobahn. Schönreden bringt nichts. Doch im Raum, den ich betrete, im Leben, das ich lebe, kann ich häufig selbst und bewusst entscheiden, wie die Dinge auf mich wirken dürfen. Nein, nicht immer, denn das Unbewusste ist oft stärker, die in mir abgespeicherten Muster sind nicht selten wirksamer als meine bewusste Entscheidung. Und Veränderungen geschehen langsam. Doch mein Bewusstsein schafft sich, nimmt sich Raum. Raum ermöglicht Bewusstseinsschritte.
Naturraum wirkt anders als gebauter Raum. Wald anders als Dach-überm-Kopf. Beides brauche ich dennoch, um mich wohlfühlen zu können.
Dazu diese kleine Galerie -> Bilder anklicken zum Vergrößern und weiterklicken <
Die eine Seite der 400 Polaroid-Smartphoneaufnahmen-Installation von Jürgen Rinck
Irgendlink klebt Wegweiser auf den Boden, damit alle wissen, wo Gibraltar liegt
Ein Wegweiser von nahe, nach Hintertraumingen, denn auch Träumen schafft Bewusstsein
Der ganze Wegweiserkreis
Die Köpfe einer großen Holzskulptur von Peter Padubrin-Thomys
Die gleiche Skulpur ganz
Nahaufnahme eines Porträts, gemalt von Serge Wittmann
Nahaufnahme eines Porträts, gemalt von Serge Wittmann, Mensch zieht sich Folie übers Gesicht oder zieht sie ab. Fällt die Maske?
Holzskulptur von Serge Wittmann: Männlicher Oberkörper mit Würfel als Kopf, darauf kleiner Elefant
Holzskulptur von Serge Wittmann: Mensch mit Würfel statt Kopf
Holzskulptur von Serge Wittmann: Kopfwürfel auf weiblichem Oberkörper mit kariertem Stoff umwickelt, darauf Blumentopf
Holzskulptur von Serge Wittmann: Figur vor dem Kopfstand
Holzskulptur von Serge Wittmann: Figur im Lotussitz mit Kreuz auf dem quadratischen Holzkopf
Radierung von Serge Wittmann: Mensch, schwarzweiß
Radierung von Serge Wittmann: Die letzte Birne der Saison in vier Teilbildern, sie fällt runter, bevor sie der Kletternde zu fassen bekommt
Gemälde von Serge Wittmann: Friedhofsszene, Mann sitzt auf Grabplatte
Gemälde von Serge Wittmann: Atelierszene
Holzskulptur von Serge Wittmann: Holzshundchen auf Würfel
Bild von Klaus Kadel-Magin
Georg, der Klarinettist, performt ein Stück
Das begeisterte Publikum von hinten I
Das begeisterte Publikum von hinten II
Das begeisterte Publikum von hinten III
Irgendlink erholt sich von all den Gesprächen mit den Gästen
Das Glas ist leer, Zeit zum Heimfahren
Und weil wir nicht immer nur in Häusern sein mögen, haben wir am Samstag und gestern die Wanderschuhe geschnürt und sind in die Wälder und durch die Felder gezogen. Ja, Raum weitet das Bewusstsein, keine Frage!
Gleich vorweg: Die angedachte Tour haben wir nicht gemacht. Nicht einmal probiert. Einerseits gibt es in der Mitte der Tour keine Wildzeltmöglichkeit, Zelten ist sogar weiträumig in der Region verboten, und andererseits lag Schnee auf dem Hohtürli-Pass. Für die öffentlichen Verkehrsmittel (Bus Kiental-Griesalp resp. Parkplatzgebühren und Bergfahrbewilligung) und eine Übernachtung in einer der Hütten fehlte uns schlicht das Kleingeld. Darum sind wir statt einer zwei Nächte auf dem Zeltplatz geblieben. Was sich im Nachhinein als sehr gute Entscheidung erwiesen hat – auch weil wir so nur einen Rucksack brauchten mit Jacken und Futter für den Tag.
Die erste Nacht erlebte ich eher unruhig, da total sechs Zelte auf der doch recht kleinen Zeltwiese lagerten und immer irgendwer am Tuscheln war und meinen leichten Schlaf störte. Darum bin ich ungewöhnlich früh aufgestanden und habe der Sonne beim Aufstehen zugeguckt. Sehr schön war das und hat die unruhige Nacht kompensiert.
Am Sonntagmorgen haben wir uns entschieden, an jedem der beiden Wandertage eine unabhängige Tour zu machen. So sind wir am Sonntag zu Fuß ab Zeltplatz auf dem Talweg auf die Griesalp gewandert und auf dem Bärenpfad wieder zurück. Kurz und gut: Wir haben die steilste Postautofahrstrecke Europas erwandert, denn auf dem Talweg konzentriert sich der größte Teil der Steigung auf die letzten Kilometer, während sie sich auf dem Bärenpfad mehr oder weniger auf die ganze Strecke verteilt. Wobei das allerletzte Stück des Abstiegs runter zum Tschingelsee dann nochmals so richtig in die Knie fährt. Dennoch: Fünfzehn wunderbare Wanderkilometer – so abwechslungsreich, wie es eben nur in den Bergen möglich ist. Ich sag da nur Tschingelsee und Pochtenfall.
Den Abend genoßen wir mit unseren holländisch-deutschen Nachbarn bei Essen, Trinken und Erzählen. Richtig fein war das. So gemütlich, dass wir fast den ganzen Montagmorgen weitererzählt und die Sonne genossen haben. Schließlich sind wir dann aber doch los und fuhren ins nahe Kandertal. Dort haben wir das überflüssige Gepäck – Zelt, Matten und Schlafsäcke – natürlich im Auto gelassen. 🙂
In Kandersteg fanden wir überraschend einen kostenlosen Parkplatz, wie schon in Kiental, und stiegen von dort – das erste Stück der Kander entlang – auf den Berg. Soo steil. Nach jeder überwundenen Serpetine, beim Blick ins Tal, wuchs die Freude daran, was aus eigener Kraft, mit den eigenen Beinen und Füßen, schaffbar ist. Immer höher und höher wanderten, stiegen und kletterten wir und auf einmal waren wir oben. Am Oeschinensee. Für sich genommen eine tolle Wanderung und ein tolles Wanderziel. Wenn da bloß nicht so viele Menschen gewesen wären. Ganz in der Nähe nämlich ist die Station der Sesselbahn, die wir eigentlich hatten nehmen wollen, um zurück nach Kandersteg zu gelangen.
Menschen aus allen Ländern spazierten oder lagerten am See, manche badeten. (Ob meine kleine Wassertaufe unter Baden geht, wagte Irgendlink zu bezweifeln. Schwimmen wars definitiv nicht, dennoch genoß ich die Erfrischung des vielleicht sechzehn oder siebzehn Grad kühlen Sees sehr.)
Als sich dunkle Wolken aufzutürmen begannen, starteten wir den Rückweg. Zur Sesselbahn rüber. Bloß um dort voller Schreck festzustellen, dass sich das Menschen wie wir nicht leisten können (Fr. 18.–). Ich musste zuerst einmal diesen Schock überwinden, bevor ich Jürgen zustimmte: Ja, lass uns zu Fuß runtergehen. Diesmal auf der anderen Seite des Hügels, zum Teil direkt unter den Gondeln. Wieder sooo steil. Und als es zu regnen anfing, sooo glitschig. Doch schön wars und wir fanden wunderschöne Fliegenpilze. Und die warm-kühle Himmelsdusche hörte auch bald wieder auf und zauberte, zusammen mit der wiedergekehrten Sonne, das ganze Tal unter uns in zauberhaftes Licht.
Trotzdem waren wir ziemlich geschafft, als wir wieder unten anlangten. Und glücklich, denn es ist einfach immer wieder ein wunderbares Erlebnis, in der Natur zu sein, sich bewusst zu sein, dass wir alle Teil von ihr sind. Die Gerüche, die Farben, das Licht. Wieder an der Kander sitzend stärkten wir uns dankbar für die zweistündige Rückfahrt nach Hause.
So schnell eingeschlafen wie nach diesen Wandertagen bin ich echt schon lange nicht mehr.
Hin und wieder sollten wir Dinge tun, die wir uns nicht zutrauen. Ich jedenfalls. Als wir vor drei Jahren im Sommer an der Reuss losgelaufen und schließlich auf dem Gotthard an der Reussquelle gelandet sind – notabene bei knapp Null Grad und im Regen –, hatte ich innerlich so ein Ding vollbracht: Ich hatte etwas getan, dass ich mir nicht zugetraut hätte, wenn ich erst gewusst hätte, dass ich es je freiwillig tun würde. Mit fünfzehn Kilo bei Regen bergwandern: Ich? Ne, das schaffe ich nicht.
Vor einem Jahr, als wir vom Oberalppass zur Rheinquelle am Tomasee wandern wollten und statt des moderaten Weges um die Berge herum gleich am ersten Tag wegen eines Kartenlesfehlers eine veritable Bergtour über den über 2700 Meter hohen Pazolastock erleben durften, habe ich hinterher auch einfach nur gestaunt. Nicht nur über die wunderbare Bergwelt mit ihren immer wieder anderen Ausblicken, mehr wohl noch darüber, dass ich das geschafft habe.
Zu sagen ist, dass ich nie ein sportlicher Mensch war. Obwohl ich mich gerne bewege, gerne wandere, radfahre, schwimme, spaziere, Tischtennis oder Minigolf spiele und hin und wieder aus Lust am Laufen jogge, würde es mir nie einfallen, Sport um des Sporttreibens zu begehen. Auch mein tägliches Yoga übe ich um der inneren und äußeren Beweglichkeit und Ausgeglichenheit – nicht aus sportlichen Interessen, schon gar nicht aus Ehrgeiz oder Leistungsorientiertheit.
Vor etwa einer Woche war auf einmal dieses Reißen; und es wurde immer lauter. Dr Bärg rüeft!, wie man hierzulande so schön sagt. Es brauchte wie so oft nicht viel, den Liebsten anzfixen und ihn zu einer Tour in die Schweizer Berge zu begeistern. Und nun sitzen wir bereits in den Startlöchern.
Diesmal bin ich weder naiv noch habe ich die Karten nicht richtig angeguckt. Ich weiß also, was auf uns zukommt und worauf wir uns einlassen. Gemeinsam haben wir gestern als Start der Tour die Ortschaft und das Tal Kiental auf 960 m. ü. M. im Berner Oberland auserwählt. Ob wir morgen die angedachte Tour zum Oeschinensee und nach Kandersteg über die wirklich soo steilen und richtig hohen Berge (wieder um die 2700 m. ü. M.) machen werden oder eine der Rundwanderungen zum Beispiel zum Aabebärg, die wir angeschaut haben, werden die Tageslaunen und der Wetterbericht entscheiden.
Die Rucksäcke sind gepackt. Wieder sind es je um die zwölf oder dreizehn Kilo mit Schlafsäcken, Matten, Zelt, Wasser und Küchenkram, die mir mit uns herumtragen werden.
Die Sonne putzt bereits ihr Gefieder und blinzelt schon mal ein bisschen zur Probe, damit es heute damit klappt. Wir fahren heute noch, nachher, ins Berner Oberland, damit wir morgen gleich loslegen können.
Und ja, schon jetzt weiß ich, dass es toll wird. Aber auch schon jetzt weiß ich, dass es herausfordernd wird (und ja, ein bisschen Bammel vor dem eigenen Mut habe ich, wie immer).