Grenzgang

I

Einen Notizzettel in meinem Bett gefunden. Abkühlen und auftauen. Immer. Alles, steht drauf. Ein Traumfetzen war das. Oder besser einer dieser Gedanken, die kurz vor dem Schlafen oder nach dem Aufwachen vorbeispazieren. Mitte finden, heißt das. Mit Wörtern kühlen wir ab, tauen wir auf. Erwärmen wir, was zu kalt ist, kühlen wir ab, was zu heiß ist. Immer sind wir am Balancieren und am Regulieren. Auch im Jahreskreis. Festtage sind Mast-Tage. Alles ist erlaubt. Genuss und so. Die Reue-Tage folgen auf den Fuß. Diäten allerorten.

Den ganzen Stress könnten wir vermeiden, wenn wir immer schön brav in der Mitte gehen würden.

II

Was immer du auf einen Grat oder eine Grenze legst oder stellst, es wird nicht dort bleiben. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass es früher oder später auf die eine oder andere Seite fällt. Besser also, du sorgst rechtzeitig dafür, dass es zufälligerweise so fällt, wie du es willst. Falls du weißt, was du willst.

sprachlos?

Küsse sind das, was von der Sprache des Paradieses übriggeblieben ist.

Joseph Conrad , polnisch-britischer Schriftsteller
(1857 – 1924)

Bin heute Morgen im Büro auf der Suche nach einem schönen Zitat für unsere Geschäftsweihnachtspost über diesen Satz gestolpert …
… und dabei beinahe im Paradies gelandet.

Beinahe nur, leider. Denn heute wurde L., die Tochter meiner Freundin L., am Herz operiert. Nicht im Paradies, bloß im Krankenhaus. Ich bin wie auf Nadeln wegen des Bescheids und schon fast auf dem Sprung nach Winthi, wo ich B. besuche, ihren zwei Monate jungen Sohn Little-B. und dessen Papa … Voller Vorfreude.

Hach, alles ist immer so nahe beieinander …

Ob wir die Sprache des Paradieses wohl alle noch irgendwo auf der Bio-Festplatte haben?

keine Ahnung

Das Dokument, das ich Anfang November in Sachen Novemberschreiben eröffnet habe, heißt ja, wie ich neulich schrieb, „Keine Ahnung“.
Ganze 4041 Wörter umfasst es inzwischen. Darin befinden sich massenhaft
Bruchstücke.
Satzsplitter.
Gedankenscherben.
Lyrische Gedankensprünge.
Buchstabenrülpser.
Wenn ich so weiter mache, werde ich diesen November nie und nimmer fünfzigtausend oder fünfundzwanzigtausend Wörter schreiben.
Egal!

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Ich wäre ein
Pixel. Eins von eineinhalb
Millionen. Oder
mehr. Oder auch
weniger. Im Bild.
Rot vielleicht.

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Worte sind die
Fesseln, die den
Ballon, der
Liebe
heißt, festhalten. Wie
gerne er fliegen würde!
Ich übe
schweigen.

Intermezzo I

Wie gut ich es habe! Wie gut es mir geht!

Alle Buchstaben sind da. In meinem Bett. Jene sichtbaren, die auf meinem Schreibblock neben mir geschlafen haben. Dazu all die unsichtbaren, die Schlange stehen. Ein paar davon drängeln und schubsen und wollen geschrieben werden. Sie stellen sich bereits genau in der richtigen Reihenfolge hin, so dass ich sie nur noch betrachten und aufschreiben kann.

Wie gut ich es doch habe!

Sophistikierereien

Auf vielseitigen Wunsch hebe ich hiermit das Niwo dieses Blogs wieder ein bisschen an.
Stiefel- und Schieblehrenkäufe hin, Nuschelis her … Hier hat alles Platz. Sogar Sofasophien … 😉

My blog is my castle …

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Google weiß, dass heute Nacht, wenn M. und ich die Thuner Kulturnacht genießen, die Sommerzeit auf Normalzeit wechselt. Ich jetzt auch.

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Kunst ist die gekonnt abgebildete Wahrnehmung eines einzelnen oder einer Gruppe.

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Wenn etwas auf einmal ganz einfach scheint, das uns bis anhin oder unter anderen Bedingungen schwierig vorkam, dann passen eben jetzt die Bedingungen. Es ist nicht das Ding an sich, das etwas einfach oder schwierig scheinen lässt, sondern die Umstände und meine Perspektive.

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Eine Schutzmauer zwischen Haus und Straße verhindert, dass beim Abreißen des Hauses Steine auf Straße, Autos, Passanten und Fahrradfahrerinnen fallen. Rotweiße Balken schützen uns davor, in die Löcher auf der Straße zu fallen. Wieso eigentlich schützen wir uns selbst nicht ebenso gut?

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Der richtige Schluss einer Geschichte, die ich schreibe, findet sich immer intuitiv. Eine Wahl ohne zu wählen gleichsam. Ich finde den Ausschnitt, den ich erzählen will, gefühlsmäßig und mache ihn durch diese meine Auslese zum richtigen.

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Geschicke = Geschickte Geschichten? Oder doch eher Schicksal?

Sternschnuppen

Um 2:22 auf die Uhr zu schauen bringt Glück. Ebenso um 13:13. Pech, wenn du um 8:88 schaust. Besser ist 22:22. Auch bei 23:23 kommt das Glück. Und erst recht dann, wenn du dabei zuschauen kannst, wie die Zahl wechselt. Warum sonst gucke ich manchmal eine Beinahe-Minute lang ohne zu Blinzeln auf das Display meines Handys oder auf die rechte Ecke meines PC-Bildschirms?

M. war – und hat mich – felsenfest von ihrer Glückstheorie überzeugt, damals, und wir sofasophieren noch heute hin und wieder über die Wahrheit dieser Zahlenzauberei. Dreizehn Jahre später. Von Zahlen verdeckte Sternschnuppen nenne ich dieses Phänomen, im richtigen Moment auf die Uhr zu schauen, diese eines lauen Herbstabends an einem Feuer im französischen Jura kreierte Weisheit. Die Wahrheit dabei ist: Glück kommt, wenn wir es locken. Na ja, eigentlich ist es ja die ganze Zeit schon da und mag unsere lockenden Spielereien. Es mag uns, wenn wir glücklich sind, da es sich in diesem Klima vermehrt. Glücksvirus.

Heute Morgen. Früh. Noch dunkel hinter den Läden. Ich fragte meinen Wecker per Tastendruck nach der Zeit. 05:55 bedeutete er mir. Und ich? Dachte an Kuno! Natürlich. Und an Charlotte. An Kunos Abgang um nullfüf-füfeföfzg. Nicht heute. Auch nicht gestern. Irgendwann. Und an den Kaffee, den er aufsetzt. An ein wehmütiges Lied auf einem genialem Silberling (http://www.zueriwest.ch/ > Disco > Haubi Songs > 1.Song). Drehte mich zur Seite und konnte doch nicht mehr einschlafen. Obwohl ich noch mehr als eine Stunde gedurft hätte. Dachte stattdessen an die aktuelle Häufung der Sternschnuppen in Zahlenform. Und daran, dass ich glücklich bin. Daran, dass Glück weder von Zahlen noch von Sternschnuppen abhängt, auch von Sternen nicht. Eigentlich. Und auch nicht von Umständen. Einzig von meiner Fähigkeit, es zu sehen, zu fühlen. Dennoch mag ich Sternschuppen und Schnapszahlen. Und Doppelzahlen natürlich auch. Zahlenspiele sowieso. Und das Leben. Und Wochenenden. Und Besuche von lieben Menschen.

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Suchbilder

Bestimmt kennt ihr Vexierbilder! Zum Beispiel dies hier … Zuweilen kommt mir das Leben so vor … Du guckst hin und siehst, was du siehst. Was du sehen willst. Was du zu sehen glaubst. Was du zu sehen gewohnt bist … Dann zwinkerst du. Nur ein bisschen. Auf einmal sieht das Ganze ganz anders aus.

Vexierbild

Ich wünsche mir das Talent, eine VexierGESCHICHTE schreiben zu können. Stell dir vor, du  liest dann meinen Text und machst dir Bilder. Du siehst, was du sehen willst. Was du zu sehen glaubst. Was du gelesen zu haben glaubst. Was du – von daher – zu sehen gewohnt bist … Dann zwinkerst du. Nur ein bisschen. Liest den Satz, den Abschnitt, den Ausschnitt, die Geschichte von Neuem und auf einmal sieht alles anders aus.

Kreisen

Ich mäandriere. Im Krebsgang durchs Labyrinth. Vorwärts, rückwärts. Nur dank des Sonnenstandes weiß ich, in welche Richtung ich mich bewege. Falls mich das interessieren sollte. Suchen tu ich nur meine Kraft. Und finden.

Weder Anfang noch Ende.
Ob sich das Beten nennt?

Es gibt immer ein Ende. Auch hier. Aber das Ende ist stets der Anfang von etwas Neuem. Die Punkte, die wir im Leben setzen, sind immer nur vorläufig.
Henning Mankell, Der Chinese; S. 592

oder …

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …
Hermann Hesse, Stufen

oder …

Jeder Mensch, den ich in meinem Labyrinth antreffe, ist ein Ausdruck von Leben. Ist Kreuzung. Und macht es mir möglich, mich neu zu sehen. Weckt schlafende Teile in mir.
Sofasophia, Alltagsgedanken

vorbei

Gewohnheiten beibehalten wollen
oder sie loslassen
Gefühle verwischen
oder sie einkochen
Gebete als mäandrierende Wege durch die Labyrinthe der eigenen Kraft begreifen
oder sich in den Himmel ausleeren
Rollen fallen lassen
oder sie festschnüren

Wie Sonne und Mond immer wieder neu auf- und untergehen
Ewiges Kreisen
als Falke im Turm
als großer Gesang womöglich

Schnappschüsse
für die Ewigkeit

jura0706

und schon vorbei

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Pic (06.07) und Text by Sofasophia

Eldorado

Schlaraffenland. Schon als Kind hat es mich unglaublich fasziniert. Jener Ort, wo alles für alle genau so ist, wie wir es uns wünschen. Eine unglaubliche Quelle der Inspiration, der ich im Laufe meines Lebens schon unzählige Bilder und Geschichten gewidmet hatte. Auf den Kinderzeichnungen Bäume mit Spaghetti statt Äpfeln. Rundherum die berühmte Grießbrei-Mauer, die es zuerst – statt eines Einganges – zu überwinden gilt. Sich durch dieses süße Hindernis fressend gelangt mensch ins Reich der wahrgewordenen Träume.

Heute? Den Glauben daran, dass wir uns unser Schlaraffenland kreieren können, ist noch immer recht lebendig. Doch ich glaube nicht an ein zukünftiges Paradies.

Glaube ich überhaupt an die Zukunft? Gute Frage. Ich glaube an den roten Faden in meiner Hand, der mich weiterzieht. Nicht chronologisch zwar, sondern oft genug chaotisch. Von ganz oben nach ganz unten oft genug. Doch dabei kreiere ich meine eigene Gegenwart laufend. Immer wieder.

Schlaraffenland meint Fülle. Fülle – das Ende jeden Mangels. Genug. Für alle. Für mich. Immer genug Herz&Seelen-Nahrung. Frieden auch. Mit mir. Mit anderen. Es meint auch friedvolle Beziehungen. Solche, die aus vielen kleinen Inseln authentischer Begegnung von Mensch zu Mensch – von Mann zu Frau und umgekehrt – besteht. Dazwischen viel Meer und mehr. Um eigene Erfahrungen zu sammeln. Um alleine zu sein. Ich mit mir. Du mit dir.

Auf diesen Inseln sind die Zustände natürlich paradiesisch. In jeder Beziehung. Da ist Gegenwärtigkeit, wie gesagt, und auch Raum für lustvolles, sinnliches Sich-Begegnen. Intimität. Intimität, die viel umfassender auszulegen ist, als sie gemeinhin interpretiert wird. Wörterbücher definieren sie ungefähr so: Ein vertrautes, enges Verhältnis, meist zwischen zwei Personen. Vertrautheit. Na also. Ist doch Paradies.

Kommunikation, Ausdruck, Eindruck. Wirken lassen. Wirken. Werken. Und Pause. Schweigen. Sein. Nicht-Impuls. Nicht-Stimulation. Miteinander sein – doch beide für sich. Sein und sich sein lassen. Und spiegeln. Ohne dabei dem Spiegelbild gleichen zu wollen.

Heiles unterwegs sein – so ungefähr stelle ich es mir vor. Und anders. Möglich ist viel. Doch tun und sein kann ich immer nur jetzt. Alles ist als Same, als Idee da. Raum und Zwischenraum ist genug da. Wir brauchen es nur auszusäen, unser Schlaraffenland.

Und zugleich den Mut, weise Kreiertes genießen und auskosten zu können.

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