„Kaum ist der Kühlschrank voll, ist er auch schon wieder leer. Kaum ist das Gras geschnitten, ist es auch schon wieder hoch. Kaum ist die Wäsche gewaschen, ist der Korb schon wieder voll. Kaum hat ein Tag begonnen, ist er auch schon wieder vorbei“, sofasophiert meine liebe Freundin K. in ihrer heutigen Mail.
Später fragt sie mich: „Wie willst du wissen was Fülle ist, wenn du nicht weißt, was Leere heißt? Wie willst du wissen, was Liebe ist, wenn du nicht weißt, wie es ist, wenn sie fehlt? Wie willst du dir sicher sein, wenn du nicht den Zweifel kennst? Wie Nähe leben, wenn du nicht auf Distanz gehst?“
Wie ein Echo zu meinem gestrigen Bloggespinst!, denke ich, während ich mir ihre Worte auf der Zunge zergehen lasse und das Wunder und Geheimnis der Gegensätze rieche.
Unvermutet taucht das Gefühl von heute früh wieder auf und der Geruch von Sommermorgen. Auf meinem Meditationshocker sitzend, die Sonne im Gesicht, las ich einen kleinen Text über das Schöpfungsmythos und die Schöpfungsgöttin der Cherokee. „Walk in beauty“, las ich, ist seit jeher das Credo dieses Stammes, „schreite in Schönheit“.
Das Fenster schwang auf und meine Seele flog durch Zeit und Raum. Da saß ich nun auf einer hohen Felsnase und blickte in die unendliche Ferne. Weit und breit kein Mensch, kein Haus. Nichts, dass auf die Existenz von Menschen hindeutete. Nur Natur. Unendlichkeit. Stille. Weite.
Uralte Erinnerungen an eine andere Zeit.
Gleichzeitig hier und dort sein – zuweilen geht es, denn alles ist mit allem verwoben. Gleichzeitig den leeren Kühlschrank bedauern und den vollen Tisch genießen. Gleichzeitig ruhig und gewiss sein, dass alles gut ist, so wie es ist und zugleich meine Werke in Frage stellen. Auch das geht. Über allem dieser Bogen aus Geborgenheit trotz aller Unsicherheit. Unter allem dieser Boden aus Vertrauen ins Leben, obwohl ich doch weiß, wie zerbrechlich es ist. Ein Gegensatz mehr. Und ein Geheimnis auch.