einfach jetzt

Kein Heute ist mit dem Gestern zu füllen.

Mit diesen Worten endet ein genialer Blogartikel von FrauvonWelt, ein melancholischer, einer, den ich sehr gerne gelesen habe. Nein, die Gegenwart, dieser klitzekleine Punkt – kaum hier schon weg – lässt sich durch nichts ersetzen. Obwohl, ich gebe es zu, obwohl ich gerne rück- und vorwärts träume. An einem wunderbaren Platz an der Aare, wo ich für die (inter)nationale Geocache-Community einen kleinen Cache versteckt habe, blieb ich hängen. Statt, wie geplant, an meinem Manuskript zu arbeiten und Korrekturen anzubringen, las ich das zweite von Irgendlinks beiden Blogbüchern, die ich für uns ausgedruckt und gebunden (eigentlich geleimt) hatte. So als richtiges Buch und am Stück gelesen, finde ich sein tolles Blog noch besser. Nein, falsch. Noch besser klingt nach Wertung. Nach Vergleich. Mein ich aber nicht so. Tatsache ist, dass es sich gut anfühlt, sein Blog, ein Blog, physisch in Händen zu halten. Ich liebe Bücher. Ich lese gerne auf Papier. Ich finde, auch Blogs sind es wert zu Büchern zu werden. So ein kleiner Blog-Buchverlag – das wäre was! Kleine Auflagen – mit den Perlen aus der Blogosphäre. Womit wir schon beinahe beim Blogmuseum wären … Frau Freihändig sei herzlich gegrüßt. Und Herr Irgendlink sowieso.

Ich schweife ab, verzeiht. Da sass ich also, auf einem sonnengewärmten Stein, die Sonne im Gesicht, die Füße im Wasser (ab und zu jedenfalls) und begleitete lesend den Protagonisten zur Arbeit, nach Andorra und an den Polarkreis. Alltag und Freizeit. Höhen und Tiefen. Rückwärtsblicken macht Lust auf vorwärtsgehen. Was kommt?

Während ich den schweißtreibenden Hang hochradle und mich an frühere Touren erinnere, realisiere ich, dass ich nicht gestern und nicht morgen schwitzen kann – immer nur jetzt. Wie war das gleich? Kein Heute ist mit gestern zu füllen. Heute war ich an der Aare. So einfach ist das.

Heute habe ich Bilder gesammelt. Bilder wie Nüsse, die das Eichhörnchen in der Nähe seines Schlafplatzes in die Erde verscharrt. Bilder wie Zwetschgen und Äpfel, die wir auflesen oder pflücken. Sonnenwarme Bilder. Es ist Herbst. Auf meiner Festplatte koche ich sie ein. Wintervorrat. Bilder wie Nüsse.

Ach ja, meinen heutigen Everytrail-Trip findet ihr genau hier …

Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

immer wieder

Ich fahre durch die Konsumstraße, wo früher Freundin B. wohnte, stadteinwärts. Wie schon so oft. Feierabend. Donnerstag. Abendverkauf. Einkaufen will ich. Sollte ich. Unter anderem ein Geburtstagsgeschenk für L..

Die gleiche Straßen wie immer. Im gleichen Takt wie immer. Wie oft jedenfalls. Feierabendtakt. Wie immer, wie immer, wie immer, echot es in mir. Ein Tag wie jeder andere war das. Einer wie immer. Und schon sind wieder drei Viertel des Neuen Jahres vorbei. Altes Jahr.

Immer gleich, immer gleich, immer gleich. Entschuldigt bitte, wenn ich mich wiederhole. Aber, sagt mal ehrlich, ist es denn nicht so? Es herbstelt. Wie immer. Dann kommt Winter. Weihnachtsrausch und Buchhaltungsabschlüsse. Wie immer. Sag ich doch! Frühling wird‘s werden – wie immer. Blüten, Blätter, grün überall. Dann Sommer. Entblätterungen der andern Art. Wie immer.

Die Buchhändlerin im Großen Laden ist zu bedauern, sie und alle ihre Kolleginnen. Zwei Stockwerke unter der Erde arbeiten sie. Immer. Ohne Tageslicht. Sie klagt über die schlecht Luft. Lächelt dennoch freundlich. Ich zahle und darf gehen. Ans Tageslicht. Abendlicht. Es dunkelt bereits ein und regnet leise. Ebenso leise kriecht mir Herbstblues den Rücken aufwärts, setzt sich auf meinen Nacken und flüstert: Was soll‘s, das Leben? Du hast längst alles gesehen. Schon so oft. Nichts neues mehr.

Ich radle heimwärts. In meiner Einkaufstasche im Fahrradkorb hinter mir liegen fünf Farbtuben. Die Primärfarben plus schwarz und weiß. Größere Tuben als jene, die ich  zuhause habe. Der Virus vom Wochenende hat auch mich noch immer im Griff. Da ist diese Lust etwas neues zu schaffen. Immer wieder.