Plädoyer fürs Scheitern

Ist Scheitern eine Möglichkeit für dich? Erlaubst du dir zu scheitern? Hast du den Mut, dir einzugestehen, dass du womöglich am Scheitern bist?, frage ich mich in der letzten Zeit oft.
Ja, vielleicht, und wenn schon!, murmle ich zögerliche Antworten.
Nächste Fragen: Was ist scheitern überhaupt und wird es nicht zu Unrecht verteufelt?
Definitionen im Internet zu finden, ist ja immer irgendwie erheiternd. Je nach Perspektive können sie etwas ganz und gar konventionell – in diesem Fall hier negativ – bewerten oder das Thema auf den Kopf stellen.

schei•tern; scheiterte, ist gescheitert; [Vi]
1.
(mit etwas) (an jemandem/etwas) scheitern (aus einem bestimmten Grund) ein Ziel nicht erreichen ↔ Erfolg haben : Sie wollten ein neues Kraftwerk bauen, sind aber mit ihren Plänen am Widerstand der Bevölkerung gescheitert.
2.
etwas scheitert (an jemandem/etwas) etwas misslingt, etwas wird kein Erfolg: Ihr Plan, ein eigenes Geschäft zu kaufen, ist an der Finanzierung gescheitert; Ihre Ehe ist schon nach kurzer Zeit gescheitert
Quelle: http://de.thefreedictionary.com/scheitern
Scheitern: Es kann durchaus sein, dass eine Szene den Bach heruntergehen. das gehört aber beim Improvisieren dazu und kann sogar für das Publikum interessant sein!. Deshalb soll man laut Johnstone eben „mit guter Laune scheitern“ – und das schiefgegangene Spiel wieder zu probieren („Wiederkommen“).
Quelle: http://literatten.net/impro/tip-glossar.html#s

Die zweite gefällt mir besser. Im Scheitern wohnt die Chance zum Neuanfang.
Noch mehr Fragen: Ist meine bevorstehende Rückkehr in die Schweiz überhaupt als scheitern zu bezeichnen? Falls ja, als wessen scheitern? Ist es das Scheitern Deutschlands, mich in sich zu integrieren oder ist es mein Scheitern, mich in Deutschland zu integrieren? Bin nicht letztlich ich mein einziger Referenzpunkt? Immerhin ist es kein Scheitern meiner Beziehung zu J., der mein Heimweh ernst nimmt. Das lässt mich alles einigermaßen gelassen ertragen.
Nicht dass ich es nicht versucht hätte. Mir eine neue, deutsche Haut überzuziehen, meine ich. Doch mit ß statt ss schreiben, ist das Deutschsein nicht getan. Auch statt mit dem Velo mit dem Rad unterwegs zu sein, reicht nicht, den deutschen Geist zu verstehen. Zu verinnerlichen, zu erfassen, was da in der Tiefe abgeht, was die Energie meines Gastlandes wirklich ausmacht. Dazu braucht es mehr. Die Fähigkeit, mich derart in diese neue Kultur zu vertiefen, fehlt mir. Ist Unfähigkeit aber automatisch scheitern?
Nicht zu unterschätzen: Das deutsche Erbe, der deutsche Rucksack wiegen schwer. Deutschland habe am meisten unzufriedene, unglückliche Menschen, las ich neulich in einer Buchbesprechung, wo es um die Aufarbeitung jener Schatten der Vergangenheit geht. Schwere Schatten, die eine ganze Nation bis ins nächste und übernächste Glied verfolgen.
Ob Scheitern für mich eine Möglichkeit ist? Ja. Und Neuanfang auch. Immer wieder. Die Wurzeln, so habe ich heute bei meinem Spaziergang durch die Felder geahnt, die Wurzeln sind da. Eigentlich. In mir. Wie ich da so im Matsch zwischen den halbmeterhohen Rapspflanzen stehe und mein Gesicht der Sonne entgegen wende, begreife ich, dass mein Heimweh kein Davonlaufen ist, nein, keine Flucht und letztlich auch kein Scheitern, sondern die Wahl einer weiteren Möglichkeit, mein Leben zu gestalten.
Wie ich – um möglichst viel Sonne abzubekommen – mitten durch die regenfeuchten Felder wate (wird es hier wohl je wieder trocken werden?), schrecke ich ganz unerwartet ein paar Rehe auf, die zwischen den Pflanzen gedöst haben. In eleganten Sprüngen rennen sie in Sicherheit.
Vor mir braucht ihr doch keine Angst zu haben!,
möchte ich rufen. Doch Mensch ist Mensch. Und dass ich kein Gewehr habe, sehen und wissen die Rehe nicht. Auch wir Menschen glauben am liebsten, was wir zu sehen meinen. Woran wir uns zu erinnern meinen, zeichnet unsere Wirklichkeit.
Ich wünsche mir, dass es mir immer wieder, immer öfter, gelingt, anders hinzuschauen. Dinge anders zu betrachten. Anders zu bewerten. Und somit auch scheitern als Möglichkeit nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar willkommen zu heißen. Was auch immer scheitern wirklich meint.

0 Kommentare zu „Plädoyer fürs Scheitern“

  1. ah wuala, war meine vermutung mit dem scheitern-feeling richtig;) ist ja auch normal, wie soll man anders, auch das wird ja fast von einem erwartet, nicht wahr… die 2.definition ist in meinen augen auch die wahre. das impro-theater hat mich diese lebenslektion gelernt (die ich aber logo im leben immer wieder mal beweisen muss und ab und zu natürlich auch damit…scheitere! *lach*) haach scheitern ist doch einfach das falsche wort! bzw falsch besetzt! scheitern ist so vieles! 😀 es ist der mut, weiterzugehen. weiterzugehen als minimal nötig auch. es zeigt so viel lebendigkeit! neugier, das leben auszutesten, an die grenzen zu gehen (oder darüber hinaus!^^) und dann auch wieder zurück. und dort sieht man dinge, die man nicht gesehen hätte, hätte man nicht den mut gehabt, etwas zu wagen. dinge, die einen weiterbringen.
    man könnte auch einfach an ort und stelle bleiben aus angst vorm scheitern. ja das wär dann „sicher“. und seeeehr langweilig und tot und guet nacht am sächsi!

    1. du kannst ja schwiizerdütsch!, liebi a. 😉
      ja, du hast voll recht, umdenken, neudenken ist da sicher der lebendigste (um)weg! danke für deinen input und dein mitgefühl!
      liebgrüß, d.

  2. Es kommt manchmal anders, als man denkt. Irgendwie, irgendwas, irgendwer… es gibt ja so viel Komponenten… was soll ich sagen: ich bekomme auch schnell Heimweh. Ich wünsch Dir und J. alles Gute.

  3. Ich empfinde das auch nicht als Scheitern. Eine bewusste Entscheidung hat für mich wenig mit Scheitern zu tun. Scheitern wäre doch eher, wenn du – obwohl du in die Schweiz zurück willst – es nicht tust. Scheitern hat für mich auch manchmal nicht nur mit einem selbst zu tun, deshalb kann ich deine anderen Gründe, deine Deutschlandgründe, auch sehr gut nachvollziehen. Wenn ich damals ein Mitspracherecht gehabt hätte in der Entscheidung meiner Eltern, nach Deutschland auszuwandern oder woanders hin, für welches Land hätte ich mich entschieden? So genau kann ich das nicht sagen, aber ich glaube, Kanada wäre ganz schön gewesen. Eine echte Option zumindest.

    1. ich finde es faszinierend, wie unterschiedlich und doch irgendwie gleich wir hier das wort scheitern interpretieren. danke für deine inputs. irgendwie ist da auch ein wenig von „was wäre (gewesen), wenn …“ in der luft. die möglickeiten aber auch!!! 🙂

  4. Schöner Artikel. Es ist merkwürdig, manchmal ist es, als würden sich Themen wie Viren im Netz verbreiten. Überall lese ich von Werden, von Sackgassen, vom Scheitern. Wobei ich selbst nicht besser als Du weiß, was Scheitern sein soll. Was Scheitern ist, bestimmt wohl auch jeder für sich. (was für einen Referenzpunkt außerhalb von mir habe ich schon, schreibst du). Bei FrauWunder habe ich kürzlich diesen sehr klugen und weitreichenden Ausspruch von Hans Dieter Hübsch gelesen; http://kontraproduktiv-verdreht.blogspot.com/2012/01/kapitulation.html. Nicht, dass ich es schon wirklich verstehen würde, aber allein darüber nachzudenken, hilft.
    Und übrigens, ich empfinde es ganz und gar nicht als Scheitern, so ehrlich zu sich selbst zu sein, dass man schließlich die Konsequenzen daraus (in deinem Fall dem Heimweh) zieht.
    Alle Gute!

    1. willkommen hier, weberin. habe gestern auch darüber nachgedacht, dass themen sich zuweilen verdichten. spannend, was du schreibst!
      und schön, dass du mich durch das mitteilen deiner gedanken unterstützest. DANKE!

  5. wir könnten eine Bewegung des Scheiterns gründen – um damit zu scheitern. Liebe D, schade, dass ich mich nicht mal einfach abends für ein zwei Stündchen an Deinen Holzofen beamen kann – so gern würd ich mit Dir über all diese Themen – Wagnis, Umkehr, Innehalten, Umziehen, Jobsuche, deutsches Erbe etc plaudern. Bei Dir und bei mir passiert gerade so viel gemessen an meiner sehr begrenzten Schreib- und Telefonierkondition. Aber: wie wäre es vor dem Umzug noch mit einem Besuch in der Hauptstadt (übrigens: schräg unter meiner Wohnung wird eine Wohnung frei…)
    Vor allem aber: Gut, dass Du bloggst, gut, dass Du Deinen Gefühlen vertraust – und alles Gute für alles Anstehende.
    Wünscht
    frau f.

    1. ein klub der gescheiterten – warum nicht!?
      ja, beamen wäre so was von genial. ich nehm mir fest vor, bis märz mal nach berlin zu kommen und falls ich bis dahin beamen kann, umso lieber!
      und gleich noch ein ja. ein ja, leider. für alles, was ich umsetzen will, reicht es kräftemäßig einfach nicht.
      nach berlin ziehen? hm. sag nie nie, aber jetzt doch eher nicht. danke dennoch für den input!
      ich drück dich.

  6. mir gefällt die dritte Definition am besten… „mit guter Laune scheitern“ das Spiel noch einmal anders zu versuchen…im Wort scheitern schwingt für mich Schwere und Asche übers Haupt, beides Assoziationen, die ich aber nicht mehr in meinem Leben will, nicht SO. Es gibt Gründe warum ich mich entscheide wegzugehen, zu bleiben, an einem Ort, in einer Beziehung etc. – die Entscheidung heißt für mich dann Leben gegen Leiden und SO gesehen finde ich kein scheitern, aber was ich dann oft finde ist das Wort Vergeblichkeit… da sinniere ich gerade nach, steckt doch darin auch das Wort vergeben – m- weiterspüren…
    die deutsche Geschichte, das Trauma der Deutschen… JA… ABER wir haben die Chance es zu wandeln und das genau sehe ich bei vielen nicht, sondern eine Art einrichten in Schuld und Sühne und das mag ich persönlich so gar nicht. Da ist Opferhaltung, statt Tatkraft.
    Aber eben, du bist Schweizerin und stolperst natürlich über genau das, so viele Opferlämmer, so viele traumatisierte Menschen, so wenig Leichtigkeit in diesem Land… aber jö… es gibt uns, die, die sich aus dem befreit haben, nur scheinen nicht allzu viele in deinem gewählten Umkreis zu leben… schade!
    Wenn ich nun noch einmal deinem Text hinterherspüre, dann sehe ich nur eins, eine Entscheidung für dich, dein Leben und deine Lebendigkeit, die du dir zurückerobern möchtest. Zurückgehen heißt für mich in diesem Fall, nach vorne zu gehen, wegzugehen von einem Ort, der dir nicht Heimat geworden ist… so und jetzt lese ich mal alle anderen Kommentare ;o)

  7. “ … die Entscheidung heißt für mich dann Leben gegen Leiden und SO gesehen finde ich kein scheitern, aber was ich dann oft finde ist das Wort Vergeblichkeit …“
    hm, spannend. danke für diese perspektive.
    vergeblichkeit will sich auch oft an mich anschleichen, aber dieses monsterchen kann ich immer ziemlich gut überzeugen, dass es falsch liegt.
    ich denke, dass alles, was wir erleben, letztlich ein teilchen des ganzen puzzles unseres lebens ist.
    danke für deine zeilen und liebdichdrück

  8. Es streubt sich in mir, wenn ich in dem Zusammenhang das Wort „Scheitern“ lese, liebste D!!
    Es war ein Weg für eine gewisse Zeit und nun hast du gemerkt, dass es kein langfristiger ist.
    Hättest du es nicht getan, dann wüsstest du es nicht und es bliebe eine Option mit einer offenen Frage: „Was wäre, wenn ich es getan hätte?“
    Du hast eine vorläufige Antwort. ich schreibe bewusst „vorläufig“, weil ich denke, dass im Fluss des Lebens auch ein 2. Versuch möglich wäre oder was und wie auch immer. Mach dir nur keine Vorwürfe, bitte!! Es ist, wie es ist! ich denke auch an J. und hoffe, ihr habt eine gute Lösung für die Zununft! Ich wünsche es euch sehr!
    ..grüßt dich Monika herzlichst

    1. dein ansatz geht mir auch durch den kopf. ich sehe es nun nicht mehr als scheitern, sondern als erfahrung.
      danke für deine ermutigenden zeilen, liebe monika.
      das tut einfach gut!!!
      herzliche grüße, d.

  9. Irgendwie denke ich gerade bei dem Wort scheitern an Scheiterhaufen… kommt das daher?? Ich hoffe nicht 🙂 Aber der Club der Gescheiterten klingt sehr interessant, da würde ich sofort beitreten! Wie wärs noch mit Club der gescheiterten Schlampen? 😀
    Nimm Dir das nicht so sehr zu Herzen liebe D. Du bist nicht gescheitert, scheitern ist für mich etwas, bei dem man abgrundtief enttäuscht ist und das nicht geschafft hat was man wollte. Aber wenn Du zurück in die Heimat willst, ist das doch kein Scheitern, das ist einfach das Erkennen, wohin man gehört.
    Ich hab damals auch gedacht, ich wär gescheitert. (manchmal denk ich das immer noch). Aber an was scheitere ich denn, an meinen Idealen? Sicherlich nicht. An den Idealen der Gesellschaft? Die interessiert sich auch nicht für mich. Man sollte das Scheitern vielleicht wieder beliebter machen, manchmal komme ich mir vor als würde ich in einer Welt der Perfekten, ecken- und kantenlosen Etwasse leben. Und dann bin ich doch lieber ein angeschlagenes Scheiterpaket mit viel Lebenserfahrung 🙂

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