Ich sitze im sonnigen Park des Pflegezetrums B.. In einer halben Stunde werde ich mich hier vorstellen, denn das Thera-Team braucht administrative Unterstützung. Mich?
Mein Kopf summt ob all der Eindrücke aus dem Kurs, von der Zug- und von der Busfahrt. Ich bin nervös. Obwohl ich nichts zu verlieren habe. Vermutlich ist die Stelle nichts für mich. So einen langen Arbeitsweg möchte ich nicht. Sollte die Stelle wider Erwarten super sein, müsste ich wohl ernsthaft darüber schlafen. Muss ich eh, will ich eh. Am liebsten wäre mir, wenn ich sofort merken würde, ob ich sie will oder nicht. Während des Gesprächs. Oder gleich hinterher.
Natürlich MUSS ich die Stelle nicht nehmen. Das heißt, ich müsste natürlich, denn sie ist zumutbar. Doch mein Berater ist ja kein Unmensch. So betrachte ich dieses Gespräch als Übung. Ich sammle Erfahrungen. Kein schlechter Ansatz.
Später.
Noch immer brummt der Kopf. Das Gespräch ist verlaufen wie alle meine bisherigen Vorstellungsgespräche. Nämlich gut. Offen. Transparent. Die Nervosität hat mich fünf Minuten vor dem Gespräch verlassen. Auch gut. Nur Klarheit habe ich keine. Der Lohn stimmt, doch die Arbeit ist relativ einseitig, zahlenlastig. Weiteres (großes) Minus ist der Arbeitsweg. Zu lang. Fünfundsiebzig Minuten oder länger. Das Team? Kann ich nächste Woche beschnuppern, falls ich nicht absage. Das Büro würde ich mit meiner direkten Vorgesetzten teilen. Sie sei etwa so alt wie ich. Mutter eines sieben Jahre alten Kindes. Sehr lebendig. Leider in den Ferien, also unbeschnupperbar.
Ich könnte natürlich einfach mal anfangen (falls die mich überhaupt wollen). Innerhalb der Probezeit abspringen geht ja immer, falls ich erkenne, dass der Job nicht mein Ding ist. Doch das ist nicht meine Art. Keine gute Voraussetzung. Zudem würde ich da weder ihnen noch mir einen Gefallen tun. Absagen? Auf die Traumstelle warten? Ja, gerne. Da läuft schließlich eine hoffnungstriefende Bewerbung. Fast um die Ecke. Oder soll ich gar einen Schritt in die Selbständigkeit wagen?
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STOPP! Was ist das für ein langweiliger Artikel, Sofasophia? So etwas kannst du deinen Leserinnen und Lesern nicht zumuten. Erzähl lieber vom Kurs!
Na ja, ob das interessanter ist?! Okay …
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Wir haben heute eine typische Sequenz aus dem ebenso typischen Vorstellungsgespräch geübt. Vor laufender Kamera. Vor der ganzen Klasse. Mit Feedback-Möglichkeit. Jene Sequenz nämlich, die auf die berühmt-berüchtigte Aufforderung folgt, die da heißt:
Erzählen Sie uns bitte von Ihrem Werdegang! Ganz schön tricky, muss ich sagen. Zum Glück war ich bisher erst Zuschauerin. Puh …
Parallel dazu gab’s Einzelcoaching-Gespräche mit dem zweiten Kursleiter. Dort wurde mir klar, dass ich mehr kann, als ich denke. Licht unter dem Scheffel und so. Wie oft denke ich:
Das können doch alle, das hier ist ja nix Spezielles. Doch das stimmt so nicht. Fachlich mag ich ja durchschnittlich sein (oder?). Doch ich kann mehr als nur Fachliches – ich kann das Fachliche vernetzt einsetzen. Ich kann verbinden, innerhalb von Teams Brücken bauen, ich kann Ansprechperson sein. Ich bin saugut in Recherche. Und ich bin Generalistin statt Spezialistin. Und so, wie ich das kann, kann nur ich es. Jawohl.
Und immer wieder die Träume von der Selbständigkeit. Apropos … Da sagt doch in der Pause R. in die kleine Runde vor dem Aschenbecher ( ja, genau! Jener R., der mich letzte Woche mit seinen unausgesprochenen Pünktchen im Ungewissen gelassen hat), dass er eine Vision von Selbständigkeit habe. Dass es in ihm gäre und immer konkreter werde. Ich könne ihm dann die Webpage erstellen, wenn ich wolle.
Gerne! Brauchst du auch gleich noch eine gute Managerin?, fragte ich.
Durchaus, ich muss einfach erst anfangen, sagte er.
Träumen darf doch erlaubt sein. Zumal jede Wirklichkeit mit so was (Unfassbarem) angefangen hat.
Okay. Genau einen solchen Kurs wie Du hätte ich gern mal! Ernsthaft!
ja, der ist eigentlich im grossen ganzen gut. gibts das bei dir nicht?
das ist eine echte marktlücke, will mir scheinen.
trotzdem hoffe ich, dass deine massnahme nicht allzu schlimm ist und du deinen (galgen)humor nicht verlierst und dir treu bleibst.
herzliche grüsse, soso
Nee. Sowas gibts nicht, denn da müßten wirklich gute Kursleiter dabeisein und es würde ja zum Vorteil der EHB (erwerbslosen Hilfe-Bedürftigen) sein – wo die doch nur Druck und Sanktion verstehen können …
ich habe neulich mal gelesen, dass arbeitslose in dtld immer mit dem prädikat „selbst schuld“ gestempelt werden. in der schweiz mit dem prädikat „das kann jedem und jeder passieren“, das gibt einfach ein anderes selbstverständnis und die leute sind weniger lang arbeitslos, weil sie besser (selbstbewusster) drauf sind. *seufz*
mir tut das echt leid, wie es bei euch läuft.
Also ich fand die Gedanken vor dem Kurs interessanter
hihi, das war ja auch eher als gag zu verstehen, das stopp, weil wir doch in einer zeit leben, wo alles immer superspannend sein muss …
dein gutes recht natürlich 🙂
auch hier scheinen (wieder einmal) die Schweizer vorne zu liegen! Wenn ich an meinen Kurs im letzten Herbst denke… da schüttel ich nur einmal mehr mit dem Kopf! Egal…
ich wollte eigentlich etwas zu deiner Vorstellung schreiben: für mich klingt aus jeder Zeile, ja wirklich aus jeder, das Nein… der Fahrweg ist ens, aber was mir wesentlicher erscheint sind die Zahlen und das unterschwellige Nein zwischen den Zeilen.
Träume sind erlaubt und deine Träume sind ja nicht im Himmel angesiedelt, sondern auf der Erde. Ich wünsche dir also den Mut auch wirklich NEIN zu sagen und das JA zu leben 😉
herzlichst U.
du spürst gut hin, ich spüre es auch. und danke, dass du es mir spiegelst …
ich wünsche uns gute, lebendige, nährende träume und eine wirklichkeit, in der es sich leben lässt!
herzlich, soso
Mir gefällt dein Text sehr gut. Vielleicht werde ich in nächster Zeit auch einmal die Möglichkeit eines Bewerbungsgespräches haben. Bisher gab es Absagen, aber ein bisschen Geduld braucht es schon. Nun denn…
Viel Glück für das, was dir wirklich am Herzen liegt und in deinen Träumen vorkommt :).
danke für deine zeilen!
herzliche grüße
soso