Grundeinkommen und Komfortzonen

Unterstellungen – das sind sie doch, Schlussfolgerungen von Menschen, die – nur so als Beispiel – sagen, dass Menschen, bekämen sie erstmal ein Bedingungsloses Grundeinkommen, ihre Komfortzone nicht mehr verlassen würden. Was Andreas Hoffmann, Wirtschaftsjournalist bei Stern, vermutet.*

Wir rechnen vom eigenen kleinen Denken aufs große Ganze um. Ich nenne es Hochrechnungen. Und ich tue es oft und gerne. Von mir auf andere schließen ebenso wie von einmal Erlebtem auf zukünftig Erlebbares rechne ich hoch, wo immer es sich mir anbietet. Vor allem bei doofen Sachen. Bei mühsamen Erfahrungen. Weil es so einfach ist. So logisch irgendwie.

Trügerische Sache, denn genau so funktioniert die Welt nicht. Obwohl – manchmal könnte man das große Ergebnis im Nachhinein kleinrechnen und schlussfolgern, dass es doch so ist. Mit Sätzen wie ’Was zu beweisen war’, leicht ironisch und mit einem ’Ich wusste es doch!’ im Gesicht. Diese sich selbsterfüllende Prophezeiungsding. Das aber, so vermute ich, nur bei mir persönlich greift.

Ich kann, behaupte ich, nicht für eine Gesellschaft hochrechnen, es sei denn – wie im Fall Trump – ich hätte diese Gesellschaft eigenhändig manipuliert. Was ich aber im Fall eines Andreas Hoffmann nicht vermute.

Ich denke ja, dass das Bedingungslose Grundeinkommen Raum schafft für die wirklich wichtigen Dinge. Oft höre ich Berufstätige sagen, dass sie zu wenig Zeit haben, sich für soziale oder für künstlerische Projekte zu engagieren und für all jene andern Dinge, die die Welt zu einem besseren Ort machen, zu einem lebenswerteren.

Wir hätten mit dem Bedinungslosen Grundeinkommen mehr Zeit, über das Leben und über Werte nachzudenken, unser Handeln zu überprüfen (wer würde zum Beispiel noch freiwillig in einer Waffenfabrik arbeiten wollen?), Kriminalität wäre überflüßig … (na ja, das ist sie ja jetzt schon …). Wir würden endlich Raum haben, um zu tun, wovon wir immer träumten. Ich sehe viele dankbare Menschen, gewillt die Welt flächendeckend zu einem besseren Ort zu machen.

Eine weitere meiner kleinen Hochrechnungen besagt, dass genau das alles uns dazu motivieren würde, immer wieder unsere Komfortzonen verlassen.


Quelle: MDR und Twitter

Umwucht

Rundlaufen wäre das Ziel, sagen sie. Ausgewogen, ausgewuchtet, so muss es sein. Ich aber eiere. Zu viel Umwucht. Eigentlich war das schon immer so. Ich habe, wäre ich Rad, eine hässliche Acht. Hätte eine Delle, einen Knick in der Außenwand wäre ich eine Kugel. Ich eiere, laufe nicht rund.

Nun ja, wer sagt, dass Rundlaufen das Wahre ist? Bloß weil es rundläuft, weil es bequem ist und wir beim Rundlaufen nirgends anecken?

Was ist das Wahre?

Meine Normalität ist das Eiern. Und ja, es ist anstrengend, verdammt anstrengend. Weil, eiernd kannst du keine Bahn halten, wirst immer in die eine oder andere Richtung rollen ohne es zu wollen. Eiernd bist du ziellos.

Unfassbar. Unhaltbar.
Eiernd rollst du davon.

Toter Winkel – Filmbesprechung

Gerne empfehle ich den Film Toter Winkel aus der ARD-Mediathek weiter. (Klick) Sowohl die Geschichte selbst als auch die schauspielerische Umsetzung aller Beteiligten haben mich überzeugt.

Bildscreenshot
KLick aufs Bild = Direkt in die Mediathek

»Karl Holzer sucht nach der Wahrheit über seinen Sohn Thomas, der offenbar unbemerkt zum rechten Terroristen geworden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit hinterfragt er auch eigenes Handeln. Die Erkenntnis am Ende bleibt vielschichtig.« So beschreibt der Sender diesen subtil aufgebauten Film.

Es waren nicht einmal in erster Linie die intelligenten, natürlichen, glaubwürdigen Dialoge, die mich überzeugten, mehr noch war es all das Unausgesprochene, die Mimik, der Subtext. Visuelle Aussagen, die hinkommen, wo Worte es nicht hinschaffen. Stille Aufnahmen, ohne Worte. Bewegungen, Handlungen, die für sich sprechen.

Eben singt Opa Holzer, Dorffrisör, noch mit seiner Enkelin, während er ihre Haare schneidet, als auf einmal sie Lieder anstimmt, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen. Bei der Auswahl des Kaninchens für den Sonntagsbraten erkennt Papa Holzer, dass sein Sohn die rassenbedingten Selektionsmerkmale, mit welchen er wettbewerbstaugliche von -untauglichen Kaninchen unterscheidet, offenbar auch auf Menschen zu übertragen begonnen hat. Holzers Ambivalenz wird körperlich fühlbar.

Die Handlung, die meistens sehr ruhig daher fließt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wer ist mein Sohn wirklich?

Längst bin ich Holzers Kopf geschlüpft und suche mit ihm nach dem bimmelnden Handy in der Werkstatt des Sohnes, das ihn schließlich auf eine Spur bringt, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

»Aber das Wichtigste ist doch die Familie!«, sagt seine Frau, als er vor der Wahl steht hin- oder wegzuschauen.

Ihr aber schaut hin! Aber seid gewarnt, manchmal tut es weh.

Grenzenlos

Manchmal frage ich mich ja schon, wie das mit den Hühnern, den Eiern und den Menschen wirklich ist. Also wirklich, meine ich. Und ob da zuerst der unzufriedene Mensch war, der seine Gehässigkeiten in die Welt hinauswirft oder ob es vorher, zuallererst, dafür noch einen Grund braucht. Einen, der die folgenden Gehässigkeiten halbwegs nachvollziehbar macht. Und ich frage mich auch, wer für diesen Grund verantwortlich ist. Und wer wir sind, wir Menschen, dass wir uns alles erlauben. Dass wir uns alles erlaubt haben. (Ist ja nichts ganz neues.) Alles möglich gemacht, haben wir uns; alles, das möglich ist. Und ob das für uns eher gut ist oder ob es schlussendlich eher zerstörerisch wirkt. Dass wir alles können, heißt ja nicht, dass wir alles tun müssen, was wir könnten. (Na ja, fast alles.) Aber Fakt ist, dass alles möglich ist. In der Kunst ebenso wie im Alltagsleben. (Na ja, fast alles.)

Ist es, weil wir keine Definitionen mehr kennen, weil wir den Definitionen ihre Gültigkeit verboten haben, ihnen ihre Inhalte genommen haben?

Und wann eigentlich sind wir Menschen so krass extrem geworden? Hängt es damit zusammen, dass wir immer mehr Halbwissen und immer weniger wirkliches Wissen mehr haben?

Und weil wir nichts mehr wirklich wissen – wie auch, wo wir doch viel zu viele Quellen haben, um noch zu wissen, zu sehen, zu erkennen, zu schmecken, welche von ihnen gutes Wasser hat und welches Wasser uns schaden wird – trauen wir allem und niemandem mehr. Und selbst wenn jemand gründlich recherchiert (ja, das gibt es noch immer in dieser postfaktischen Zeit), ist der Wahrheitsgehalt letztendlich Vertrauenssache. In einer misstrauischen, sarkastisch-zynischen Welt.

Wer sagt, was geschrieben und gedruckt wird? Und wer, was verschwiegen wird und warum?

Wir leben zwar in einer (fast resp. theoretisch) zensurfreien Welt, hier im Westen, aber auch Selektion ist eine Form von Zensur.

Ob sie einer der Gründe für die heute fast alltäglich gewordenen Gehässigkeiten ist?

(Ach und gerade frage ich mich, sehr un|zeitgeistig allerdings, ob Grenzen wirklich so schlimm sind.)

Ausgelesen #13 – Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara

Ungefähr siebzehn Stunden habe ich an der Seite Judes und seiner Freunde verbracht. Siebenhundertsiebzig Seiten habe ich in den letzten Wochen gelesen und dabei Herzblut und Wasser geschwitzt. Meine durchschnittliche Lesezeit pro Seite lag bei diesem Buch bei 1,17 Sekunden. Ja, sowas messe ich zuweilen. Es ist meine Art Liebeserklärung an ein Buch: Schau her, so viel Zeit bist zu mir wert.

Und bei diesem Buch, Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara, war es das jede Sekunde. Auch wenn es je länger je schmerzhafter wurde, weiterzulesen. Bereits bei den Kriminalromanen der irischen Autorin Tana French, die ich ja diesen Frühling entdeckt habe, stellte ich fest, dass mir leidvolle Lebensgeschichten – ob nun fiktive oder echte – je besser geschrieben desto schmerzhafter unter die Haut gehen. (Natürlich wusste ich das schon vorher, aber diese beiden Autorinnen schreiben einfach so genial, dass ich ihre Geschichten schier unerträglich in ihrer Dichte und Eindringlichkeit finde. Ich kann mich ihnen nicht entziehen. Sie berühren mich auf eine Weise, die ich vorher entweder nicht an mich heranlassen konnte oder nicht gekannt habe oder nicht wahrzunehmen in der Lage gewesen bin …).

Auf der Verlagswebseite wird das Buch mit folgendem Satz beworben: »Sie werden über dieses Buch sprechen wollen.«
Ja, stimmt, das möchte ich.

»Ein wenig Leben ist ein unvergleichlich mutiger Roman über Freundschaft als wahre Liebe. Ein wenig Leben handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. Ein wenig Leben ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.«

Es ist ungeheuer schwierig für mich, keine weiteren Details zu verraten, keine Diskussion vom Zaun zu brechen, keine Themen in den Raum zu werfen, ohne zu spoilern. Die wenigsten wollen schließlich ein Buch lesen, von dem sie schon vorher wissen, wie es ausgehen wird, von dem sie den Plot vorher schon kennen.

Da ich aber dennoch darüber schreiben möchte, habe ich beschlossen, einen zweiten Artikel, einen mit Passwort, zu schreiben (das PW ist der Namen der Autorin in Kleinbuchstaben und ohne Leerschlag), den nur jene lesen können, die es wollen. Und die Triggerwarnung gebe ich gleich mit: Es kann weh tun. Es geht um Leben und Tod.

Zum passwortgeschützten Artikel bitte → hier klicken.

Nicht zu viel verrate ich aber, wenn ich zu diesem Buch schreibe, dass man es vermutlich nicht lesen kann, ohne selbst über die eigenen Freundschaften nachzudenken, ohne selbst über die eigene Liebe zu Freundinnen und Freunden, zu Partnerin oder Partner, zu Eltern nachzudenken.

Jude, Willem, JB und Malcolm lernen sich, wie erwähnt, bereits am College kennen. Jude, der wegen seiner großen Intelligenz eine Klasse überspringen konnte, wird eine Art Nesthäkchen bleiben, um das sich die anderen sorgen, besorgt sind. Was ihm peinlich ist, denn dass er hinkt und hochintelligent ist, dazu freundlich und schweigsam, ist am Anfang dieser Freundschaften wohl das Auffälligste an ihm. Die anderen sind weit auffälliger. Malcolm, der Architektur und JB, der Kunst studieren wird, lebten und leben ein relativ überschaubar sorgloses Leben, doch auch sie werden im Laufe der Geschichte, die sich über fast fünfzig Jahre hinzieht, verändern und den einen oder anderen Sorgen- und Schmerzberg zu überwinden haben. Willem, der eine Weile als ambitionsloser Schauspieler kellnert, bevor er entdeckt wird, und Jude, der sich für ein Jura-Studium entscheidet, leben zu Anfang der Geschichte in einem winzigen Dreckloch in einem der eher unangesagten Quartiere New Yorks. Ihr größter Reichtum ist die Freundschaft, die sie miteinander verbindet, nicht nur sie beide, alle vier, teilen so vieles. Einzig Judes Herkunft, die Geschichte seiner Verletzungen, wird allen lange ein großes Rätsel bleiben. Nach und nach, je älter die Freunde werden, kommen wir, als Lesende, diesem Rätsel ein wenig auf die Spur. Aber eigentlich wollen wir es gar nicht so genau wissen. Und doch: Wir wollen es wissen, natürlich, um verstehen zu können.

Ja, Jude erlebt Freundlichkeit, erlebt Freundschaft, erlebt elterliche Zuwendung und Liebe, aber dennoch …

Und jetzt? Das Buch lesen! (Und/oder meinen passwortgeschützten Blogartikel, wer möchte.)