Nichts gegen Schönheit, aber …

Mein letzter Artikel könnte den Eindruck erwecken, dass ich mit Schönheit nichts anfangen kann. Das Gegenteil ist der Fall. Ich brauche es, mich in schöner Umgebung mit schönen Dingen, mit schönen Menschen zu umgeben. Weil Schönheit eine heilsame, wohltuende Wirkung auch mich hat.
Bloß: Was ist Schönheit?

Nur schon, wenn ich schreibe, dass ich mich gerne mit schönen Menschen umgebe, wird es schwierig.
Weil: Was ist Schönheit?

Ich selbst finde mich ja nicht schön. Nun ja, auch nicht wirklich hässlich. Aber eben: Das Wort schön würde mir für mich selbst niemals einfallen. Und doch: Auf manchen Bildern, die der Liebste von mir macht, fühle ich mich schön. Weil ich mich darauf gesehen, erkannt, verstanden fühle. Weil ich so aussehe – mit meinen Augen, die mich sowohl von innen als auch von außen sehen können und kennen –, wie ich mich fühle. Ganz. Als eine Einheit von Innen und Außen.

Diese Art Schönheit meine ich, wenn ich sage, dass ich mich gerne mit Schönheit – schönen Menschen, schöner Umgebung, schönen Dingen – umgebe. Nicht die gemachte Schönheit, dieses Perfekte, Gepuderte, Aufgebretzelte. (Unter uns gesagt: Fassaden irritieren und verunsichern mich ja eher. Vielleicht ist es ja ihr Zweck, das Innere zu verbergen, auf falsche Fährten zu locken?)

Frau Rebis hat es in einem Kommentar zu einem Blogartikel wunderbar formuliert: »Das Perfekte ist immer ein Gemachtes und mit viel Anstrengung verbunden, die noch dazu letztlich nutzlos bleibt (da ja kein Ende möglich ist). Das Vollkommene als das voll (aus mir heraus) Gekommene ist, was ich mir als „Ziel“ setzen könnte. Das Wort Ziel trifft es ja gar nicht. Es bleibt ja Prozess, Bewegung und Weichheit darin, etwas, was „Ziele“ im klassischen Sinne sonst nicht haben. Irgendwie so: wenn zwischen mir und meinem Ausgedrückten keine falschen Erwartungen(?) mehr stehen, dann wird es vollkommen.« Besser hätte ich es nicht formulieren können.

Auch ist Schönheit theoretisch etwas Persönliches, Individuelles, nichts also, trotz Goldenem Schnitt & Co., nichts, was ich mir diktieren lassen sollte.  Doch Grayson Perry zeigt in seinem Buch So geht Kunst!, dass wir letztlich irgendwann schön finden, was wir immer und immer wieder sehen. Schönheitsideale sickern peu à peu in uns ein. Was schlimmer klingt als es ist. Oder schlimmer ist als es klingt. So oder so: eine eigene ästhetische Meinung zu haben, ist gar nicht mal so einfach. Wir alle sind nicht immun gegen Bilder, gegen Einflüsse, gegen Gewohnheiten. Ich sag nur Schlankheitswahn und Jugendwahn versus Speck und Falten.

Dennoch: »Was ist schön?« heißt ab sofort »Was finde ich schön?«

Ich zum Beispiel finde die Bilder von K.eckstein, die sie von Elke, der Mützenfalterin, gemacht hat, wunderschön. Auch der liebevolle Blick ist es, den ich hier so speziell wunderschön finde. Diese Natürlichkeit und Echtheit! Ja, das ist für mich Schönheit. Vollkommene Schönheit – im Sinne meines letzten Artikels, wo ich für den vollkommenen Ausdruck plädierte.

Wir wissen, dass Liebe schön macht. Selbst auf Bildern, die den Liebsten zerzauselt und nach klassischen Maßstäben unvorteilhaft zeigen, finde ich ihn schön, wunderschön. Weil ich sein Innen und sein Außen verbunden sehe. Dieses Schön eben, das hinter den Vorhang schaut. Davon wünsche ich uns wieder mehr.

Das Schönheit-Ding

Dieser Moment, auf den man so lange hingelitten hat, dieser Moment des Todes, muss nun nicht mehr gefürchtet werden. Er ist gekommen und er schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Lücke, mit der wir nun leben lernen. »Der Wind weht weiter«, hat Irgendlink heute getwittert. Das trifft es gut. Weiter ist ja nicht nur ein Synonym für weiterhin, sondern auch ein Komperativ von weit. Und ja, Weite tut unseren Herzen gut. Besonders dann, wenn jemand stirbt. Der Tod liegt im Wesen und in der Natur alles Lebendigen.

Über den Tod und die Möglichkeiten, ihm mit künsterlichen Mitteln zu begegnen, denke ich schon lange immer mal wieder nach. Und über Schönheit und Kunst. Über Vergänglichkeit und Zerfall.

Schönheit kann kein Ziel sein, titelte Klaus Harth neulich eins seiner Bilder. Auch im Buch So geht Kunst! von Grayson Perry geht es um Ähnliches. Auch um den Unterschied von Schönheit und Ästhetik und warum Kunst nicht schön sein muss, Schönheit ihr eher sogar zuwiderläuft. Es geht Perry auch darum, zu zeigen, was Schönheit überhaupt ist, warum wir etwas als schön definieren und wo die Schnittstellen zwischen guter und dekorativer Kunst sind.

Und das alles inmitten einer Gesellschaft, in welcher Schönheit, Schönsein und schöner Schein viel zu wichtig geworden sind.

Bei einem Gespräch letzte Woche, am Lagerfeuer, ging es unter anderem um die Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern und dass letztlich nicht Schönheit über Qualität entscheidet, sondern Ausdruck; diese ganz besondere Fähigkeit, auszudrücken, was in der Rolle drin ist und von innen nach außen transportiert werden will und soll.

Ähnliches diskutierte ich am Sonntagnachmittag mit einer anderen Freundin. Perfektionismus ist ja eine meiner (Un-)Tugenden und nicht nur für mich eher negativ konnotiert. Wer nicht an Perfektionismus leidet, kann ihn nämlich nicht wirklich verstehen. nicht seinen Sinn, bestenfalls seinen Unsinn. Dieser innere Zensor, der mit nichts zufrieden ist, ist sehr mächtig und macht auch mächtig Druck. Erst in diesem sonntäglichen Gespräch wurde mir klar, dass mein Perfektionismus dem vollkommenen Ausdruck, nachdem ich mich sehr sehne und für den ich bis vor kurzem keinen Namen hatte, zuwiderläuft.

Vollkommener Ausdruck nenne ich also ab sofort, wenn es möglichst exakt gelingt, das Innen möglichst ungefiltert, ohne Widerstände, ohne Verfremdungen, nach außen zu bringen, nun ja, eben vollkommen auszudrücken. Ohne Abstriche und ohne nette Opfer zu bringen für KritikerInnen und für all jene, die es lieber nett & dekorativ mögen. Eigentlich ist es ja wie bei der oben erwähnten Schauspielerei: Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, ein vollkommenes Medium der Rolle, der Botschaft, zu sein, die von innen nach außen will. Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, das Innending authentisch zu materialisieren. Egal, ob es schön oder gefällig ist.

Nun ja, ich stolpere noch viel zu oft über die Filter schön und gefällig. Noch verfälschen sie immer mal wieder meinen Von-innen-nach-außen-Transport. Dennoch will ich mich lieber weiterhin diesem Versuch des vollkommenen Ausdrucks widmen als die nie und nimmer erreichbare Perfektion erreichen zu wollen.

Vollkommenheit ist doch auch eine Form von Perfektion, denkst du jetzt womöglich, und fragst dich, wo da der Unterschied sei. Vollkommen ist für mich viel weniger negativ gefärbt als perfekt, es ist für mich der natürliche Zustand von etwas, vollkommen ist für mich eher ein Synonym von natürlich, also nicht aufgepimpt, aufgebretzelt, zurechtgeschliffen, zurechtgepfriemelt, sondern genauso gewachsen. Geworden. Von innen nach außen geholt. In sich vollendet.

Wortklauberei vermutlich. Egal, auch Wörter sind ja letztlich vergänglich.

Worte wie Monster

Metapher, Gleichnis, Parabel, Synonym, Sinnbild, Symbol, Stellvertreterwort, Lehrstück.

Nein, diese Wörter meinen nicht alle das Gleiche und nein, sie sind auch keine Monster. Aber ’Monster’ – das Wort, der Begriff, die Terminologie – ist für mich mal Metapher mal Lehrstück, dann wieder eher Symbol und manchmal blutiger Ernst. Ein roter Faden, der sich durch mein Leben zieht. Ein geliebtes Kind hat viele Namen, sagt man. Noch mehr Namen jedoch haben Leid und Schmerz, Not und Weh, Krankheiten. Depression. Viele Monster.

Nicht aus wirklich akutellem Anlass eher zu Recherchezwecken habe ich heute in meinen Blogs nach Monstertexten geforscht und daraus folgenden Patchworktext gewoben.

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Das blaue Boot hat angelegt. An meinem Steg. Am liebsten stellt mir mein blaues Monster, das Kapitänum des blauen Bootes, viele Fragen. Und am liebsten mitten in der Nacht.

Mein Monster kennt all jene Fragen, auf die ich nie käme und auf die ich keine Antworten kenne.
Mein Monster weiß um alle meine Abgründe, um alle Selbstbetrüge, um alle Scheinheiligkeiten und um all meine inkonsequenten Entscheidungen.
Mein Monster führt mir vor Augen, dass ich keinen Deut besser bin als die andern. Keine Spur besser als jene, die ich ignorant nenne.
Mein Monster weiß, dass ich zumeist mehr Angst vor der Angst selbst als vor realen Dingen habe.
Es weiß, wie es mich behandeln muss, damit ich endlich das Karussell verlasse.
Es weiß oft viel besser, was ich brauche, als ich selbst.

Doch mein Monster ist alles andere als nett zu mir, es fasst mich nicht mit Samthandschuhen, nein, es schmeißt mir unbequeme Erkenntnisse geradezu um die Ohren. Und es schert sich keinen Deut darum, ob ich vor Schmerz schier platze. Gnadenlos zeigt es mir, wo ich stehe. Schonungslos hält es seinen Finger dorthin, wo es am meisten weh tut. Mein Monster weiß, wo diese Stellen sind.
Ja, mein Monster und ich, wir kennen uns schon lange, sehr lange.

Dass ich während solcher nächtlichen Treffen nicht schlafen konnte, ist nur logisch. Nicht eben leise geht es hin und her, mit einer Taschenlampe bewaffnet zündet es in die allerletzten verstaubten Winkel und stellt eine Frage nach der anderen. W-Fragen mag es am liebsten. Morgens um vier W-Fragen gestellt zu bekommen, mag ich nicht wirklich. Morgens um vier will ich schlafen. Vielleicht sogar träumen, aber gewiss nicht mit Monstern Interviews führen, die mich eh nur in die Enge treiben. Die Monster ebenso wie die Interviews. Am liebsten kratzt es alten Schorf auf. Oder von mir aus auch neuen Schorf von alten Wunden. Dem Schmerz und dem Monster ist das einerlei. Hauptsache weh.

Warum tut erinnern noch immer so weh?, frage ich mich, Stunden später beim Teetrinken. Kann Vergangenes denn nicht endlich heilen, ruhen und in meinen Archiven abgelegt werden? Oder gar geschreddert?
Ich sitze neben einem Schredder und verwandle Altlasten. Wundersame Tranformation von festen Papierbögen in feine Streifen. Ein technischer Geniestreich um nicht zu sagen die wichtigste Errungenschaft der Z(u)ivi(e)lisation. Eigentlich.

Hätte sich diese Maschine bloß nicht zum Ziel gesetzt, mir Geduld beizubringen. Vermutlich vergeblich. Mehr als drei, allerhöchsten vier Blätter frisst es nämlich nicht, das alte Teil. Und schiebe ich sie auch nur ein bisschen zu schief in seinen Schlund, frisst es einfach nicht mehr weiter und zwingt mich, den Rückwärtsknopf zu drücken. Die feinen Streifen kommen rückwärts. Der Schredder kotzt.

Übe dich in Geduld. Gib mir nicht zu viel aufs Mal, sagt er. Manchmal zwinkert er dabei ein bisschen.
Wie gut ich dich verstehe, du Ding! Wenn ich groß bin, werde ich Schredder.

Zum Geburtstag eines ganzen Landes | #umsLand

Vor ein paar Wochen habe ich über Irgendlinks Filmtag in Ludwigshafen berichtet, bei dem ich als stille Beobachterin und Handyfotografin mit dabei sein durfte. StammleserInnen erinnern sich vielleicht.

Nun ist es also soweit, der Film ist fertig und kommt am Sonntag im Fernsehen. Es ist eine Doku, in welche Irgendlinks #UmsLand-Radtour-Kunstprojekt integriert ist. Der erste Teil einer siebenteiligen Serie über das Land Rheinland-Pfalz, das heuer 70 wird.

SWR-Werbeflyer zur Jubiläumsserie über 70 Jahre Rheinland-Pfalz mit einer kurzen Beschreibung der einzelnen Filme
SWR-Werbeflyer zur Jubiläumsserie über 70 Jahre Rheinland-Pfalz mit einer kurzen Beschreibung der einzelnen Filme
Beim Klick aufs das Bild öffnet sich die Webseite mit den näheren Infos zur Serie.

Gestern Abend war in Mainz, im SWR-Haus, Vorpremière der ersten beiden Filme, zu welcher Irgendlink mit Anhang eingeladen worden ist. Was heißt hier Anhang? Er dürfe gerne ein paar Leute mitbringen, hieß es. Hat er. Mit dabei waren Frau und Herr Lakritze, Frau und Herr Stefunny, Twitterfreund @SchaferDieter und die liebe Silvia. Stefunny hat bereits darüber gebloggt.

EDIT: Lakritze erzählt hier über gestern Abend.

Nicht nur waren die Filme sehr sorgfältig und liebevoll gemacht, auch die ganze Veranstaltung hat mir gefallen. Die Verantwortlichen standen für Fragen offen und die ganze Atmosphäre war sehr angenehm.

Um das Wiedersehen mit unseren lieben Freunden zu feiern, verbrachten wir den Rest des Abends in einer gemütlichen portugiesischen Fußballerkneipe mit lecker Essen und total herzlicher Betreuung. (Ja, nicht einfach nur Bedienung …). Danke, Leute!

Zum Trailer des ersten Filmes geht es hier lang: Klick aufs folgende Bild >

Zum Film: Einfach aufs Bild klicken.
Zum Film: Einfach aufs Bild klicken.
Und nun hoffe ich, dass Irgendlink noch viele tolle Kunstprojekte umsetzen kann. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht und die Resonanz gestern war ebenfalls sehr fein:

Hinter den Worten eine andere Welt

Da sind so viele Worte in mir, oft zu viele, um wirklich den Wörtern in der Luft um mich herum zuhören zu können. Aber wirklich sind sie deshalb nicht weniger. Und auch nicht weniger wirksam.

Englische Notiz: I wish that just for one day everyone would just say exactly what they wanted.
Ich wünschte, dass wenigstens einen Tag lang alle exakt das sagen, was sie wollen. (Fundstück)

Sie flüstern andere Bedeutungen, lesen Zwischenzeiliges, mehr schlecht als hilfreich nachträglich zwischen Gesagtes Eingepapptes; an der Decke kleben sie, hochgestiegen wie Heliumballons vom Jahrmarkt. Und manche von ihnen sind lauter als jene Worte, die vorher ausgesprochen worden sind.

So behindern sie mich zuweilen ein wenig mit ihrer Vehemenz, verhindern mein Hören auf das tatsächlich Ausgesprochene. Und sie bereichern es.

Wortebenen wie Bildebenen. Aufeinandergelegt, übereinandergefühlt. Übereinander gefüllt. Übereinander gegossen. Verschmolzen. Untrennbar nun.

Subtexten gleich hinterlassen auch viele gesprochene, viele gelesene Wörter Abdrücke in mir, sinnliche Eindrücke.

Sag Meer und ich höre Möwen, rieche Salzwasser, höre Rauschen, fühle Wind auf der Haut und sehe Sand und Fels.
Sag Wald und ich höre Amseln, rieche feuchte Erde, höre den Wind in den Blättern, fühle weichen Erdboden und sehe grün und satt und braun.
Sag Berge und ich höre Stille, rieche Freiheit, höre das Rascheln von Murmeltieren, fühle den steinigen Boden unter den Füssen und sehe Weite, Weite, Weite.

Wörter öffnen Welten.
Wörter sind Vorhänge,
sind Schutzhäute,
sind Decken.

Reichtum ist es, den Worten hinter den Worten lauschen zu können. Alles aber hat einen Preis. Diese Fülle ist Geschenk und zugleich reizüberflutende, herzundhirnberauschende Knochenarbeit.

Interpretation, ja; alles ist und bleibt letztlich Interpretation.

Artwalking mal wieder

Eigentlich wollten wir ja nur einige Beiträge zur wachsenden Bahnhofsbilder-Sammlung einer auf Twitter befreundeten Community schießen, doch auf einmal fanden wir uns in einem herzigen Dorf mit dem pittoresken Namen Waldfischbach-Burgalben wieder und suchten nach der Bahnhofsfotografierung mal wieder nach einem Geocache in den nahen Hügeln. Zwar haben wir den nicht gefunden, aber sonst ein paar schöne Motive. Denn echt jetzt, die Pfalz ist schön. Nicht immer und nicht überall. Aber gestern. Aber dort.

Gedankensplitter

Heute Morgen bin ich aus einem sehr seltsamen, sehr real anmutenden Traum erwacht. Erwacht worden, wachgeguckt worden. Als ich meine Augen aufschlage, ruhen jene des Liebsten auf mir und ich frage ihn, ob ich im Schlaf geredet habe.
Nein, sage er.
Wenn, dann hätte ich nach dir gerufen, sage ich.

Wir waren irgendwo in Schweden oder Frankreich unterwegs, mit dem Rad. Auf einer mehrtägigen, längeren Tour. Etwas also, das wir in echt zwar noch nie per Rad, wohl aber zu Fuß, erlebt haben. Nach einer Pause stehen wir wieder auf. Aus irgendwelchen Gründen vergisst Irgendlink sein Handy. Ich packe es ein, als er schon losgeradelt ist. Ich bummle offenbar so lange rum, dass wir uns aus den Augen verlieren. Im Traum fühlt sich das nichts ungewöhnlich an. Wir haben keinen Ort abgemacht, an welchem wir aufeinander warten werden. Wir haben auch, was für uns sehr typisch ist, kein Tagesziel anvisiert. Fahren einfach vorwärts. Als Kartenmaterialien nur die Handys. Zwar spüre ich keine Panik, aber das hier ist doch recht unfassbar und ich bin ratlos. Ja, ich bin beunruhigt und frage mich je länger je häufiger, ob Irgendlink vor oder hinter mir ist, weil ich an einer Abzweigung nach Gefühl rechts abgebogen bin. Er könnte sowohl links oder rechts lang gefahren sein. Oder er könnte an einer Bucht auf mich warten. So verstreichen die Stunden und langsam bekomme ich nun doch Angst, zumal ich kein Zelt dabei habe. Langsam wird es Abend. Unter normalen Umständen hätten wir längst gesimst, unter normalen Umständen hätten wir schon sehr bald aufeinander gewartet. So was kann uns eigentlich nicht wirklich passieren, aber was wäre, wenn?

Schließlich erwache ich. Wir überlegen, wie wir uns in einer solchen Situation, fern von zuhause, wiederfinden könnten.
Ich würde wohl, sage ich, im nächsten Ort – in einem Dorf, bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo – auf ihn warten und ihm von dort aus eine Mail schicken. Mails abfragen kann man ja sicher immer irgendwo – bei Privaten, in einem Restaurant, irgendwo. Ich würde ihm schreiben, wo ich bin und dort auf ihn oder auf eine Antwort warten.
Die Idee ist gut, sagt er, aber das Problem ist, dass ich mein Mailaccount-Passwort nicht im Kopf habe.

+++

Später sprechen wir über das Böse und ich überlege einmal mehr: Ist das Böse schon von Anfang an in uns drin? Ruht es solange, bis es geweckt wird? Oder ist es immer wach und sitzt abwartend am Spielfeldrand? Und wovon wird es geweckt oder ins Spiel geholt? Durch Abschauen und Nachahmen, durch zermürbende Umstände? Kommt es womöglich erst im Laufe des Lebens in uns hinein, wie manche glauben – und wenn ja, wodurch?
Ich denke ja eher, sage ich schließlich, dass wir Menschen wie Erde sind. Alles ist immer in uns drin. In Samenform. Kraut. Mitkraut. Unkraut. Alles da, alle Informationen und was immer eben Leben ausmacht.

+++

Gestern Nachmittag im Wald die Erkenntnis, dass es egal ist, in welchem Pappel vor Wald mit Wolkentürmen vor blauem HimmelLand auf dieser Erde ich auch immer bin: Wälder sind immer irgendwie ähnlich heimatlich; sie sind einfach so da und beruhigen mich. Ich fühle mich geborgen in der Natur.

Hier sind viele Bäume im Laufe des Winters umgestürzt. Manche müssen wir übersteigen, weil sie den Weg blockieren. Ist die Natur böse? Ist der Sturm, der die Bäume gefällt hat, böse? Vier unteschiedliche Federn auf schwarzem GrundNie. Ist die Natur gut? Hm.
Natur kennt keine Wertung.
Natur ist einfach.

Und wer immer nur in die Wolken guckt, sieht die schönen Federn und Kräuter, die auf der Erde liegen, nicht.

 

absichtslos

Ich erinnere mich an die Zeit, früher, als ich noch ins Hamsterrad gepasst habe. Als ich noch aufgepasst habe und als ich noch mitgerannt bin. Damals verlor ich kaum einen Gedanken daran, dass das Leben auch ganz anders sein könnte. Dass ich eines Tages keine Kraft mehr haben könnte um mitzurennen. Ich dachte sogar manchmal ein klein bisschen, dass jene irgendwie selbst schuld daran sind, die rausgefallen sind. Damals, als ich noch Kraft hatte. Mehr Kraft als heute.

Und immer hielt ich in mir ein Ideal am leben, wie das Leben, wie die Gesellschaft zu sein habe. Mein Leben, das Leben meiner Mitmenschen. Dieses Ideal war und ist eine Art Leben, das ich noch immer schwer in Bilder und Worte fassen kann. Es hat was mit Mittelwegen zu tun, und dann aber auch überhaupt nicht, eher mit Umwegen und Trampelpfaden. Mit Toleranz, aber auch mit konsequenter, radikaler Gewaltfreiheit, die eben nicht alles toleriert. Mit Dingen und ihren Gegenteilen. Mit Fülle, mit Solidarität und mit Gemeinschaft. Aber auch mit Stille und mit Rückzug. Mit Raum für Selbstausdruck, Kunst, Musik, Gegenwärtigkeit ohne kommerzielle Absicht. Absichtslosigkeit.

Vielleicht darum gelingt es mir bis heute nicht, eine Art Lebensziel oder Lebensentwurf zu entwickeln, weil mein Ideal zugleich so viel und zu gleich so wenig ermöglicht. Und vielleicht weiß ich darum bis heute nicht, wie ich eigentlich leben will. Zum einen möchte ich so nahe an der Quelle, in der Natur leben, wie es nur geht, zum anderen habe ich einen gewissen Anspruch an Komfort, nicht viel, aber eben doch ein bisschen mehr als gar keinen Komfort. Urwald und Survival wären also langfristig nicht unbedingt mein Ding.

Einfach einfach leben. Und dazu wäre das Bedingungslose Grundeinkommen ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Die Natur des Menschen und der ganz normale Wahnsinn zwischen Buchdeckeln

Nach vier Büchern von Tana French – ein Hoch auf meine Stadtbibliothek! – brauchte ich gestern dringend Abstand von dieser Schriftstellerin. (Sprich: Ich brauchte ein ganz und gar anderes Buch. Kein Buch wäre natürlich auch eine Alternative gewesen, aber ohne Buch kann ich kaum einen Tag sein.) Ich glaube, ich kenne keine andere Autorin, die die ganze menschliche Ambivalenz, das ganze Gut und Böse im selben Menschen drin, so intensiv fühlbar, so schmerzhaft nachvollziehbar zeichnen kann wie Tana French. Lese ich ihre Bücher, werde ich von der ersten Seite an selbst Teil der Geschichte, ich werde eingesaugt, ich werde verschlungen, geschüttelt, erschüttert, berührt.

Normalerweise bin ich es ja, die die Bücher verschlingt, doch bei Tana French ist es genau umgekehrt. Ich lese und ich leide. Ich lebe mich ins Buch hinein und finde mich wieder. In fast allen Figuren, denn das klassische Antagonist-Protagonist-Muster greift bei French nicht. Selbst die Mörder sind Menschen, Menschen wie ich, wie du. Und eigentlich geht es bei ihr nicht um die Morde an sich, auch wenn diese natürlich die Aufhänger sind, es geht hier um Menschen. Um Wege, um Irrwege, um den ganz normalen Wahnsinn.

Dass ich also nach vier derart intensiven und außerdem sehr dicken Büchern, die ich während der letzten Wochen gelesen habe, ein wenig Abstand brauche, bevor ich die nächsten zwei (die letzten) von French lesen werde, ist nachvollziehbar. Ja, es leuchtet sogar mir ein, trotz des Suchtfaktors.

Außerdem hatte ich schon lange geplant, meine Bücherregale auszumisten. Zwar nicht weil ich umziehe wie Ulli, die gestern den gleichen Plan umgesetzt hat, aber weil ich nur begrenzt Platz und dazu sehr viele Bücher habe, die ich kein zweites Mal lesen werde. Und auch wenn es nicht so aussieht, habe ich System in meinen Bücherregalen (einmal Buchhändlerin, immer Buchhändlerin): Lieblingsbücher, die ich behalten will, stehen im großen Hauptregal, im Ex-Terrarium oder liegen auf dem Hängebord.

Auf dem kleinen Regal hingegen sammelt sich Treibgut. Es ist ein Wörterumschlagplatz. Dort landen Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Bücher, die ich aus Tauschkisten, aus Ramschkisten gefischt, gekauft, getauscht habe. Und Bücher, die ich schon gelesen habe, die aber nun weiterziehen dürfen. Etwa einmal im Jahr miste ich dieses Regal aus. Gestern war der richtige Zeitpunkt gekommen. Weil ich etwas eher Kurzweiliges, etwas moderat Anspruchsvolles suchte. Etwas nicht zu Dickes, etwas nicht zu Emotionales. Womit die beiden privaten Leihgaben ausgeschlossen waren.

Auf der Suche nach einer Perle fing ich an, den gut ausgewogenen Bücherturm, der im Laufe der letzten Monate stetig gewachsen war, auseinanderzurupfen. Ganz nebenbei sortierte ich jene Bücher aus, die ich weiterreisen dürfen, weil ich sie kein zweites Mal lesen werde. Krimis vor allem, respektive Psychothriller. Und ein paar Romane. (Bei Interesse bitte mailen, dann schicke ich eine Liste oder Fotos mit den Büchern …).

Gefunden und zum Lesen für gut befunden habe ich schließlich Sándor Márais Schule der Armen, sinnigerweise ein Mängelexpemplar, das ich vor Jahren aus einer Bücherkiste gezogen habe. Márai, zeitlebens ein einfach lebender Mann mit einem klarem Blick für die Zustände der Menschheit und für die Welt, war einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker und Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe schon einige Bücher von ihm gelesen; Die Glut und Ein Hund mit Charakter zum Beispiel. Márai grübelte offenbar ähnlich über Dinge nach wie ich es tue, dachte ich schon auf den ersten Seiten seines Vorworts. Mit der Schule der Armen legt er eine Sammlung von Essays vor, in denen er über Arm und Reich nachdenkt. Gewohnt ironisch, gewohnt intelligent, provokativ, wortgewandt, augenzwinkernd, nachdenklich machend.

Ja, was ist Armut denn überhaupt? Und was macht den Reichen aus? Ist es außen oder innen, dieses Arm- oder Reichsein?

Wie er da darüber sinniert, dass der Reiche hortet, während der Arme die Fata Morganas, die über Reichtum erzählt werden, oft viel zu leichtgläubig übernimmt, möchte ich am liebsten mit dem Autor Tee trinken und diskutieren. Möchte zurückfragen. Möchte besser verstehen.

Der natürliche Zustand des Menschen sei Armut, sagt er etwa, und fügt auch gleich an, dass Tiere von Natur aus arm sind. Wenn arm denn – wie er es davor erläutert – bedeutet, kein angehäuftes, gehortetes Vermögen zu haben, dann ist wohl jedes Tier tatsächlich arm. Aber.

Hier verliert Armut bereits seine herkömmliche Bedeutung. Es bekommt einen anderen, einen neuen Inhalt. Und nein, Márai idealisiert weder Armut noch Reichtum, obwohl er beides immer wieder ins Absurde führt.

Doch diese Art Armut, wie wir sie nach Márai natürlicherweise haben und wie sie Tieren eigen ist, dieser natürliche Zustand von Sein statt Haben, ist für mich keine wirkliche Armut. Sie ist für mich Natur. Warum Tiere nicht horten, von Fressvorräten einmal abgesehen, liegt für mich auf der Hand: Sie vertrauen in die Natur. Vertrauen darauf, dass es jederzeit genug hat. Oder dass die nächste Jagd erfolgreich sein wird. Nein, vielleicht noch nicht mal Vertrauen, eher wohl Instinkt.

Und da unterscheiden wir uns vom Tier. Ob besser oder schlechter ist, wie wir funktionieren, ist dabei nicht relevant. Unsere Fähigkeit, uns Sorgen machen zu können, trübt vermutlich unsere Instinkte und drängt sie ins Unbewusste ab.

Dennoch: Tiere haben von Natur aus ein Gespür für Fülle. Und wir? Welches Gespür haben wir von Natur aus? Was macht die Tatsache mit uns, dass es weltweit viel viel mehr Arme als Reiche gibt? Macht sie uns solidarisch? Macht sie, dass wir um jeden Preis auf die Seite der Reichen gehören wollen? Sind sich Durchschnittswohlhabende ihres Reichtums bewusst oder sind sie bereits, wie es Márai sehr gut beschreibt, von diesem Virus befallen, der nach immer mehr strebt, egal ob er oder sie es brauchen oder nicht?

Der gute und der böse Reiche, ja, auch über ihn schreibt Márai. Und noch über vieles mehr. Ich bin erst auf Seite 25 und gespannt auf die Fortsetzung.

Beim Lesen muss ich an die Katzen, die hier ums Haus streichen, denken. Fast täglich bekomme ich Besuch auf meiner Terrasse. Manche trinken Wasser aus den Blumenuntertellern, andere schnüffeln rum, eine setzt sich sogar manchmal auf meinen Korbstuhl. Sie kennen diese menschlichen Grenzen von Mein und Dein, die wir in unseren Köpfen ziehen, schlicht nicht. Natürlich haben sie – jedenfalls hierzulande – in der Regel jemanden, der ihnen Futter hinstellt, dennoch sind sie von Natur aus mit dem Bewusstsein unterwegs, dass Natur Fülle ist*. Alles für alle.

Manchmal denke ich über diese kollektive Wunde des Misstrauens nach, die uns Menschen gemein ist. Und wie wir sie heilen könnten. Und was Márai darüber wohl schreiben würde.

Das hier ist keins der Bücher, die ich verschlingen, es ist eins der Bücher, die ich in kleinen Happen kauen werde. Auch wenn es darin einmal mehr über den ganz normalen menschlichen Wahnsinn geht.


* Jedenfalls wenn sie unter tiergerechten Umständen aufgewachsen und gehalten worden sind.