Dieses Menschsein aber auch

Neulich las ich Andreas Altmanns philosophischen Lebensreisebericht ’Triffst du Buddha, töte ihn’. Ein Buch, das mir unter die Haut gegangen ist wie schon lange keins mehr. Ausgerechnet Altmann also, den ich immer ein klein bisschen für abgehoben und zynisch gehalten hatte. Doch schon nach den ersten Seiten revidierte ich mein Vorurteil. Da schreibt einer, der sucht, einer, der finden will. Der schon vieles probiert hat und schon vieles gesehen. Und viel gelitten. Einer, der sich kein A für ein U vormachen lässt und keine seichten Antworten will. Und vor allem aber einer, der radikal ehrlich mit sich selbst ist und sich nicht schont.

Auch ist er, wie ich, mit dem Christentum fertig, fertig mit dem ganzen Monotheismus. Mit dem ganzen Götterkram.

Mit diesem Lebensrucksack macht er sich auf den Weg nach Indien, um endlich jemanden zu finden, der ihm sich selbst zeigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Über Umwege findet er in ein buddhistisches Meditationszentrum, denn die buddhistische Philosophie – nicht zu verwechseln mit jener Buddhaverehrung, die manche buddhistische Lehrrichtungen als Religionssynonym erschaffen haben – hat ihn bis jetzt von allen erlebten Lehren über das Leben am meisten überzeugt.

Die Themen, die ihn – ähnlich wie mich – immer wieder bewegen:

  • Radikale Selbstverantwortung
  • Praxis der Achtsamkeit
  • Hoffnung auf mehr Herzweitung, Warmherzigkeit und Freundlichkeit
  • Nicht urteilen: Umgang mit anderen Menschen, vor allem mit mir Unangenehmen
  • Innere Ruhe und Frieden finden
  • Meditation für den Alltag

Solchen Dingen spürt er nach, während er sich mit sich selbst auseinandersetzt und ein zehntägiges Schweigeretreat absolviert. Eins, das ihn an seine Grenzen bringt.

Immer wieder dachte ich beim Lesen seiner Erfahrungen an unsere Fernwanderungen, ans Pilgern an sich. Natürlich kann man gesammelte Erfahrungen letztlich nie vergleichen. Wir haben zum Beispiel auf unseren Wanderungen weder geschwiegen noch bewusst meditiert. Dennoch: manches, was er erlebt, durfte auch mir im Unterwegssein in der Natur passieren: Diese Herzöffnung zum Beispiel. Achtsames und bewusstes Sein in Selbstverantwortung … Dinge, die in unserer Welt je länger je weniger Raum haben.

Eigenverantwortliches Handeln, Denken und Verhalten – ich habe manchmal Angst, dass es uns als Gesellschaft immer mehr abhanden kommt. Dabei ist es ja letztlich nur ein kleiner Teil der Menschheit, der sich schei**e verhält. Leider aber vergiftet diese Schei**e – wie Öl das Wasser – das soziale Klima auch in kleinen Dosen nachhaltig.

Wie können wir das verhindern?

Wenn ich so über die Zukunft unserer Gesellschaft nachdenke, spiele ich zuweilen mit dem Gedanken, wie eine Gesellschaft aussähe, die keine Nachwuchslehrkräfte mehr hätte, keine Nachwuchspflegepersonal, niemanden mehr, der putzt und keine Polizei mehr – weil diese Jobs niemand mehr machen will. Weil diese Jobs immer unzumutbarer geworden sind. Weil jene pensioniert werden und aussterben, die noch mit Leidenschaft in diesen Berufen gearbeitet haben. Gedankenspiele, wie gesagt.

Ein weiteres Gedankenspiel ist mein Nachdenken über die Zukunft, global ebenso wie persönlich und auf uns als Einzelne bezogen. Wie wir denken, wie wir uns verhalten, was wir mit unserem Verhalten auslösen (Massenphänomene, wie kleine Steintürmchen, die, wenn sie in Massen auftreten, ganze Strände, ganze Ökosysteme zerstören). Wir hinterlassen vorsätzlich Spuren, weil wir uns unserer Anwesenheit auf dieser Welt vergewissern wollen.

Schnitt.

Womöglich – nein, ziemlich sicher sogar – ist ’Gott’ vor allem ein Synonym, ein Sammelbegriff für all das, was unseren Verstand übersteigt, für all das, was wir mit unseren Sinnen und Unsinnen nicht erfassen können.

»Eigentlich ist es ja verrückt mit diesem Christentum. Wir sagen ja in unserer aufgeklärten Gesellschaft gerne über Menschen aus nativen Völkern, dass sie an Mythen glauben. An Märchen. Aber schauen wir uns doch mal die Basis des Christentums an: Etwas anderes als ein Mythos sind Jungfrauengeburt und Auferstehung ja auch nicht.« So irgendwie brachte es neulich eine Freundin auf den Punkt.

Und wo wir grad beim Glauben sind: Meditieren soll ja zu Gleichmut empfundenem Unrecht und Leid gegenüber verhelfen und dabei eben auch Leid reduzieren. Ist aber Leid und Ungerechtigkeit empfinden zu können nicht eigentlich total wichtig, wenn wir etwas zum Besseren wenden wollen – persönlich, lokal und global?

Ach, und warum man Buddha töten soll, wenn man ihn gefunden hat, verrät Altmann am Ende des Buches.

»Buddha soll dir Hebamme sein, Guru und Mentor. Um das in dir schlummernde Potential zu wecken, es zur Welt zu bringen. Aber wenn es geweckt ist, dann musst du dich verabschieden, ihn von dir weisen, ihn ’töten’. Selbstverständlich nicht durch einen mörderischen Akt […], sondern mit der symbolischen Geste eines definitiven Abschieds.«

Oder wie Goenka sagt: »Der spirituelle Lehrer ist nur Wegweiser. Du musst dein eigener Meister werden.« Und deine eigene Meisterin auch.

Was geht

Vor bald einem Jahr war es. Am Vorabend unserer großen Reise in den Norden Schwedens. Der Liebste hatte meinem iPhone 5S* einen neuen Akku verpasst – keine einfache Sache. Während der Ferien und auch noch eine Weile danach hielt der Akku dann auch, was er versprochen hatte: Er ließ mein Handy arbeiten, zäh und ausdauernd, mit jugendlichem Übermut geradezu. Nennen wir diese hundert Prozent, die mein Handy damals zu laden und zu leisten fähig war, ein bisschen provokativ die ’normalen hundert Prozent’, wenngleich es letztlich keinen wirklich verbindlichen, absoluten Maßstab für hundert Prozent gibt – weder bei Geräten noch bei Menschen. (Denn ja, das hier ist durchaus als Metapher zum Menschsein gedacht).

Die Zeit zog übers Land und es wurde Herbst. Irgendwann spielte ich das neue Update des Betriebsprogramms aufs Handy, iOS 12. Mag sein, dass das neue Betriebssystem den nicht markeneigenen Akku nichterkannte oder schlicht und einfach nicht mochte oder was auch immer: Fakt war, dass mein doch noch fast neuer Akku neuerdings nach immer kürzerer Zeit leer war. Eben zeigte er noch achzig Prozent an, dann siebzig und – schwupp! – war ich bei zwanzig. Ich konnte, während ich am Handy Bilder bearbeitete oder Blogs las, fast zuschauen, wie die Anzeige sank.

Natürlich erinnerte mich das an früher, Stichwort Memory-Effekt. »Als Memory-Effekt wird der Kapazitätsverlust bezeichnet, der bei sehr häufiger Teilentladung […] auftritt. Der Akku scheint sich den Energiebedarf zu merken und mit der Zeit, statt der ursprünglichen, nur die bei den bisherigen Entladevorgängen benötigte Energiemenge zur Verfügung zu stellen. […] Sinkt die Zellenspannung unter diesen Mindestbedarf ab, wird die Zelle für die Nutzung unbrauchbar, obwohl sie noch weiterhin elektrische Energie liefern kann.« Sagt Wikipedia.

Keine Ahnung, ob das der Grund für den immer rascheren Kapazitätsverlust meines Handyakkus ist, zumal ich den Akku extra immer ganz runtergespielt habe, um ja bloß nicht einen Memory-Effekt zu provozieren. Von Anfang an habe ich es so gehalten.

Inzwischen sind aus den ursprünglichen ’normalen hundert Prozent’ vielleicht noch dreißig Prozent übrig geblieben, die wiederum ihre eigenen ’neuen hundert Prozent’ darstellen. Wie klein diese hundert Prozent sind, stelle ich besonders dann fest, wenn ich sehe wie wenig Strom das Handy für eine Ladung von zehn Prozent auf hundert Prozent braucht, gut sichtbar, wenn ich es über die Powerbank lade.

Unweigerlich denke ich an uns Menschen. An mich ebenso wie an liebe Freund*innen. Meine hundert Prozent sind nicht mehr, was sie einst waren. Es sind meine persönlichen hundert Prozent, meine Kapazität zwischen null und hundert ist verglichen an den früheren – könnte man diese denn absolut erfassen – deutlich kleiner geworden. Zum einen hat das persönliche Gründe, zum anderen gehört das zum Älterwerden. Und es ist okay.

Diese hundert Prozent, die ich oben provokativ ’normal’ genannt habe, sind nämlich höchstens im Sinne der Normalverteilungskurve normal. Von unseren persönlichen hundert Prozent auf jene eines beliebigen anderen Menschen zu schließen, ist ganz großer Mist. Passiert uns aber allen immer mal wieder. In beide Richtungen. Aber Vergleichen ist ganz große und ganz unnötige Kraftverschwendung.

Was also mit mir und meinen Ressourcen anfangen? Gut zu mir schauen. Selbstfürsorge. Achtsamkeit.

Mit dem Handy ist das so eine Sache. Ich trage ihm Sorge, klar, doch seit Monaten überlege ich, ob ich weiterhin mit einem altersschwach gewordenen Handy leben oder mir doch irgendwann ein neues Aus-zweiter-Hand-Handy suchen soll. Und nein, das ist nicht nur eine Frage der Finanzen. Man schließt ja diese Dinger eben auch irgendwie ins Herz.


*Ich habe es vor etwa dreieinhalb Jahren (mit kaputtem Glas, das ich repariere ließ) von Freund S. übernommen habe. Handys kaufe ich aus Überzeugung nur noch aus zweiter Hand.

Notizen am Rande #2

Wieso soll man eigentlich körperlichen Schmerz auf keinen Fall ignorieren, weil er auf etwas Ernstes hinweisen könnte und sich möglichst schonen und Belastungen vermeiden, aber bei psychischem Schmerz sagen sie: da musst du durch!, denn dieser solle angeblich nämlich stark machen, weil er uns ja nicht umbringe …

»Apropos Vermeidung, schon mal jemand einem Nussallergiker gesagt, dass er durch den Walnusseisbecher einfach durch muss?«

Julia von Blütenstille

Ich werden den Eindruck nicht los, dass da etwas ziemlich falsch läuft in unseren Denkwelten. Schmerz ist doch Schmerz: ob nun die Seele schmerzt oder das Kniegelenk.

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Die Arbeitgeber*innen, die Wirtschaftsmenschen, die Was-auch-immers dieser männerdominierten Welt hätten es ja am liebsten, wenn wir Menschen alle stromlinienförmig wären, ohne Kanten, genormt, rund, flüssig, glatt und am liebsten ohne Fehler und gänzlich wartungsfrei. Der Druck auf uns Menschen ist enorm und fängt immer früher im Leben an. Nun, darüber müssen wir wohl nicht diskutieren. Auch nicht, dass immer mehr Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen, aus dem Rennen fliegen, kaputt gehen, krank werden – körperlich ebenso wie psychisch.

Kranke aber sind unberechenbar, körperlich Kranke vielleicht noch ein bisschen weniger als psychisch Kranke. Aber letztlich sind alle Kranken nicht kalkulierbar. Also drangsaliert man sie von oben und von außen mit allen Mitteln und allen möglichen Sanktionen, um ihnen dieses Krankgewordensein-am-Leben schnellstens auszutreiben. Dass das vermeintlich ’kleinere Übel’, eine Rückkehr in die stromlinienförmige Anpassung an die Ansprüche der Arbeitswelt, aber langfristig eben eine Art JoJo ist, berücksichtigen sie dabei nicht.

Ich kenne so viele Beruftstätige, die immer am Limit leben. Doch am Limit lenkt der Zufall.

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»Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.«

Es muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein, der diese Erkenntnis erstmalig in so einfache und klare Worte gegossen hat. Ich tippe auf eine Wasserträgerin.

Den Dingen ihren Platz geben | #Depression #notjustsad

Seit meine Angststörung, Folge eines schweren Traumas, ihren Namen hat, ignoriere und bagatellisiere ich sie weniger als früher. Bausche ich sie auf? Ich glaube nicht. Eher höre ich ihr endlich zu, gebe ihr ihren Platz, erlaube ihr hier zu sein.

Ich behandle sie fast so wie einen anderen Menschen und ich behandle sie so, wie ich selbst auch behandelt werden möchte: Respektvoll. Ich nehme sie ernst. Früher habe ich sie so behandelt, wie ich mich selbst noch immer viel zu oft selbst behandle: abwertend, nicht ernstnehmend, abschätzig.

Auch mit dem Trauma selbst gehe ich endlich angemessener um. Kurz und gut: Ich behandle die einzelnen Teile meines komplexen Krankheitsbildes respektvoller.

Im Kontext mit Depressionen verfolgte ich vor gar nicht mal so langer Zeit eine Diskussion im Internet. Jemand behauptete, dass durch das Reden über psychische Erkrankungen alles aufgebauscht und damit größer werde – schlimmer und dramatischer – als wenn man es verschweige und es mit sich selbst ausmache. (Ich gestehe, so hatte ich frühr auch gedacht. Und still, isoliert, vor mich hingelitten. Dass manche Symptome auf diese Weise statt zu schrumpfen wachsen konnten, ist ein – wie ich inzwischen auch von andern weiß – gar nicht mal so seltener Nebeneffekt solcher Ignoranz.)
»Sag mal zu einer Krebskranken, dass sie den Krebs eher loswerde, wenn sie ihn ignoriere!«, antwortete jemand auf besagte dummdreiste Behauptung, psychische Krankheiten lösten sich durch Verschweigen von allein wieder auf.

Tatsächlich gibt es Depressionen, die vorwiegend körperlich, will heißen körperchemisch, verursacht sind – man denke an durch Sonnenlichtmangel verursachte Winterdepressionen  – und die tatsächlich durch die Einnahme von Medikamenten oder Vitamin D ‚geheilt‘ werden können. Gegen Lichtmangel hilft eine Gesprächstherapie vermutlich eher wenig, okay.

Aber.

Aber es gibt eben auch jene Depressionen und jene Folgeschäden, Folgestörungen von Traumata und Co. – insbesondere Angststörungen, Panikattacken & Co. – deren Symptome sich nicht einfach mit Tabletten ausknipsen lassen.

Denkt da bitte einfach dran, bevor ihr den nächsten Spruch raushaut … Apropos Spruch raushauen. Manchmal gibt es natürlich schon so Heilwunder. Über eins hat zum Beispiel der Postillon neulich berichtet:

„Das wird schon wieder“: Mann heilt depressiven Freund mit einem einzigen Satz
Sensationeller Durchbruch in der Psychologie! Der Bankangestellte Manuel P. hat seinen seit geraumer Zeit an Depressionen leidenden Freund geheilt. Gelungen ist ihm dies mit dem einfachen Satz „Das wird schon wieder“, nachdem der Freund ihm seine Erkrankung gebeichtet hatte. Fachleute sind sich einig, dass die Methode die gesamte Psychotherapie revolutionieren könnte … [weiterlesen]

(Ja, ich weiß, das ist Satire …)

Auch ich. Aber anders.

Wer wäre ich heute, wenn ich dich damals nicht kennengelernt hätte?
Wer wäre ich heute, wenn ich dich nicht geboren hätte?
Wer wäre ich heute, wenn du noch leben würdest?
Wer wäre ich heute, wenn ich damals getan hätte, was ich tun wollte?
Wer wäre ich heute, wenn ich damals nicht getan hätte, was ich getan habe?
Wer wäre ich heute, wenn ich damals nicht beschlossen hätte, weiterzugehen?
Wer wäre ich heute, wenn ich dich nicht kennengelernt hätte?
Wer wäre ich heute ohne dich?
und: Wie?

#wirsindmehr und das soll so bleiben!

Bei Ulli drüben habe ich gestern dieses #wirsindmehr.png abgeholt und es in meinen Blog-Header eingebaut; und ja, auch meinen FB-Avatar habe ich damit geschmückt. Über das Warum müssen wir hier hoffentlich keine Worte verlieren. Was derzeit in Europa passiert, macht mir Angst. Was gegenwärtig immer offensichtlicher in Deutschland, Frankreich und anderswo passiert, – und ja, auch die Schweiz mit ihren Kriegswaffenexporten in Bürgerkriegsländer und der aktuell nicht wirklich humanitären Flüchtlingshaltung hat Dreck am Stecken! – darf nicht Normalität werden.

Angst ist das dominanteste Wort dieser Tage – aus allen Richtungen. Manche Ängste sind nachvollziehbar, sind faktisch mit Zahlen begründ- und statistisch belegbar. Zum Beispiel ist die Zahl der politisch motivierten Gewaltdelikte aus der rechten Ecke, die längt nicht mehr nur eine Ecke ist, in den letzten Jahren massiv gestiegen. (Link: S. 19) Das macht mir Angst.

Doch manche Ängste wachsen – persönlich und gesellschaftlich –, weil man glauben will, was man zu hören bekommt. Die Wir-Einheimischen-sind-die-armen-Opfer-Nummer ist ein rhetorisches Werkzeug, das immer wieder funktioniert. Vor achzig Jahren. Immer schon, immer wieder. Da ist ganz besonders diese Angst vor dem Verlust von Vorteilen, die wir als Gesellschaft unverdient bei der Geburt erhalten haben, weil wir zufällig in diesem Land geboren worden sind. Und da ist die Angst vor allem Unbekannten. Und möglichen Veränderungen. Möglichem Verzicht. Ja, klar, kann man verstehen. Aber. Was ich nicht verstehe und was ich nicht sehe ist eine Angst vor dem Manipuliertwerden.

Diese Angst, wieder – wie vor achzig Jahren – auf Brandstifter und Rattenfängerinnen hereinzufallen. Kollektiv. Ich sehe sie nicht – und ja, das macht mir Angst. Müssten denn nicht viel mehr Menschen durchschauen, wie sie aktuell manipuliert werden und wie leicht sie zu manipulieren sind? Nun ja, die Kunst guter Rhetorik besteht ja genau darin, Fakten und vor allem Fake News so zu inszenieren, dass sie wahr wirken, glaubwürdig. Überzeugend.

#wirsindmehr ist zuerst einfach mal ein Hashtag, einer mehr. Doch ihn so großflächig wie möglich zu verwenden, verbindet uns Menschen miteinander, die daran glauben, dass wir mehr an der Zahl sind als die Nazis. Er verbindet uns und macht uns sichtbar. Denn wir sind mehr, ja, wir sind zum Glück noch immer mehr Menschen, die an Werte wie Würde für alle Menschen glauben – ungeachtet von Hautfarbe, Religion, Geschlechtsidentität, Herkunft und physischer & psychischer Verfassung. Und zwar immer und überall.

Dafür, dass Fremdenhass nicht normal wird, können wir alle sorgen. Alle so, wie wir es am besten können. In Gesprächen, mit Texten, mit praktischem Handanlegen und Nachbarschaftshilfe, mit Aktionen, an Demonstrationen, mit Spendensammlungen, mit dem Teilen von wichtigen Inhalten,
mit T-Shirts oder Buttons, wie sie zum Beispiel auf Anna Schmidts Blog vorgestellt werden,
mit Spendenaktionen wie dieser hier, wo du pro 5€-Spende Teil einer „Strichmenschenkette gegen Nazis“ werden kannst,
oder dieser hier, wo du dazubeitragen kannst, dass Pilotinnen und Piloten über dem Mittelmeer Flüchtlingsboote finden und den Helferinnen und Helfern melden können,
oder du hilfst Meg dabei, möglichst fette 100% Erlös ihrer Versteigerung eines schönESdings– nämlich ein Schlüsselboard von Axel (hier zu ersteigern) – an Heimatstern zu überweisen.

Zum Glück gibt es diese und noch vieleviele andere Aktionen. Solche Zeichen der Solidarität, der Verbundenheit, machen von innen nach außen unsere Haltung sichtbar. Denn darum geht es, unter anderem: Dass wir eine Haltung einnehmen. Eine sichtbare Haltung.

Wir sind mehr und das soll sichtbar sein.

Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann, mit Untertitel: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Grundfarbe weiß, in der Mitte, über dem Titel, zwei breite gelbe Balken quer ums Buch herum.
Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Ich lese zurzeit das Buch ’Schonzeit vorbei’ von Juna Grossmann. Wenn ich es fertig gelesen habe, werde ich es hier rezensieren. Die ersten Seiten sind mir bereits jetzt mächtig unter die Haut gegangen.

Die Autorin schreibt seit zehn Jahren in ihrem Blog ’irgendwie jüdisch’ über ihr tägliches Leben mit Antisemitismus. In ihrem Artikel Auf Papier, erzählt sie, wie es zu diesem Buch gekommen ist.

Uns allen wünsche ich immer wieder Zivilcourage, um gegen Fremdenhass und rechte Hetze aufstehen zu können. Alle auf die eigene bunte Weise. Miteinander.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat und warum alles zusammenhängt

Manche Dinge gehen bei mir nicht. Müssen sie auch nicht. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so und zum Glück habe ich endlich begriffen, dass ich mich nicht mehr zwingen muss. Bücher fertig zu lesen, zum Beispiel, die ich mittendrin nicht mehr weiterlesen mag. Dabei hatte ich mich wirklich auf Jo Nesbøs neues Buch gefreut. Macbeth, haha, lustig, wie Shakespeare!, dachte ich noch und fragte meine Bibliothek an, ob sie das Buch anzuschaffen gedenke. Tat sie. Und resevierte es gleich für mich.

Gestern habe ich es abgeholt. (Und gleich zwei andere mit. Obwohl ich noch andere ausgeliehene eBooks auf dem Tablet habe, die ich bald zurückgeben muss. So ist das nämlich bei mir: Hauptsache nicht ‘keine Bücher zu lesen‘. Das ist für mich der ganz große Horror. Das ist mein ‘Ich-habe-nichts-anzuziehen‘.)

Schon vor zweieinhalb Wochen ausgeliehen (und darum kurz vor dem Verfall) habe ich Dienstags bei Morrie. Gleich zwei Menschen hatten es hintereinander auf Twitter empfohlen, als die Frage die Runde machte, welches Buch man jemandem empfehlen würde, der nur noch ein einziges Buch lesen könne. Ein ultimatives Buch.

Ich lieh es mir in der vagen Ahnung aus, dass es sich dabei um ein wichtiges, lebensweises Buch handelt. Geschrieben hatte es der Journalist Mitch Albom im Jahr 1995. Immer dienstags hatte er seinen ehemaligen Professor, Morrie Schwartz, vor dessen nahem Tod eine Weile lang besucht. Bei ihren Gesprächen lernte Albom mehr über das Leben, das Sterben und den Tod; und über den Umgang mit einer unheilbaren Krankheit und den Mut zu leben.

Nun hatte ich also zwei ganz und gar unterschiedliche Bücher, die ich als nächstes lesen wollte. Macbeth öffnete ich gestern kurz vor Feierabend. Nur ein paar Seiten, sagte ich mir, zum Warmwerden, zum Einlesen, zum Festlesen.

Auf den ersten Seiten des Buches folgte ich einem Regentropfen und erfuhr etwas über den (fiktiven) Ort, eine Stadt im Norden, in welchem die Geschichte spielt. Ich wusste vage, dass ich hier nicht auf Harry Hole treffen würde, dass ich aber auch nicht auf das Norwegen aus Nesbøs bisherigen Kriminalromanen stoßen würde, wurde mir erst nach und nach klar. Allmählich dämmerte mir, dass ich mich hier auf eine uralte, neuerzählte Geschichte einlassen musste. Auf eine, die von Korruption erzählt, von Macht und von Gewalt. Und mir dämmerte, dass ich, obwohl ich einige Werke Shahespeares gelesen hatte, ausgerechnet von Macbeth – der Vorlage des neuen Nesbø-Romans – kaum eine Ahnung hatte.

Ungeachtet dessen versuchte ich lesend, den Figuren näher zu kommen. Was soll ich sagen? Es gelang mir nicht wirklich. Versuche ich es halt später noch einmal!, dachte ich und legte das Buch zur Seite. Nach dem Abendessen öffnete ich Dienstags bei Morrie, in der Hoffnung, das mich dieses Buch auf die eine oder andere Art packen würde. Und mit mir machen, was ich von Büchern erwarte: Es sollte mich auf andere Gedanken bringen, zum Nachdenken, zum Hinfühlen, kurz: mich eintauchen lassen in eine andere Welt als meiner realen.

Im Laufe der letzten Tage hatte ich im Internet, besonders in den sozialen Medien, viel – viel zu viel – gelesen, das mir Unbehagen bereitete, um nicht zu sagen Panik. Was auf der Welt abgeht, wühlt mich grundsätzlich sehr auf. Was aber in der letzten Zeit geschieht, tut mir schon beim bloßen Lesen und Zugucken weh.

Fast ebenso wie die Verblendung vieler Menschen, was ihre Bereitschaft zu gesellschaftspolitischer Manipulation und ihre politische Gesinnung betrifft und der wachsenden Akzeptanz Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Selbstjustiz gegenüber, schmerzt mich die zunehmnde Polarisierung, Spaltung, Abgrenzung zwischen uns Menschen. Mich schmerzt es, uns dabei zuzusehen, wie wir Mauern hochziehen, wie wir uns verbal und physisch ineinander verhacken und verkeilen, einander ankläffen, miteinander immer respektloser umgehen. Wie aus dem, was eigentlich zusammengehört, weil alles zusammenhängt, immer mehr sich bekämpfende Einzelteile werden. Ich habe heftiges Weltweh.

Nicht, dass ich denke, man solle Verständnis für Übergriffe haben oder gar übergriffige Taten tolerieren, welche Menschen gelten, die aus den unterschiedlichsten Gründen von der Norm abweichen. Es braucht dazu inzwischen leider sehr wenig, als wäre die Norm geschrumpft – egal nun ob eingewandert oder hier geboren, fremd oder sonstwie speziell aussehend, krank oder sonst einen vermeintlichen Makel oder eine unübliche Lebensweise habend: Abweichungen von der schmal gewordenen Norm zu haben wird je länger je gefährlicher.

Ich glaube übrigens inzwischen fast nicht mehr daran, dass man mit Gesprächen und Aufklärung wirklich etwas erreichen kann – Gehirnwäsche ist schwer wieder wegzubekommen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir mit Hysterie und Zurückgiften weiterkommen. Wie wir weiterkommen, weiß ich allerdings auch nicht. (Außer mit Liebe, doch die ist still und leise; und sie spricht nur, wo und wenn sie gehört werden kann.)

Nun ja, mit solch hilflos-trüben Gedanken hatte ich mich also gestern Abend einem guten Buch zuwenden wollen. Schließlich las ich mich ein wenig in die Geschichte Dienstags bei Morrie ein, doch bald merkte ich, dass ich diesen Tonfall nicht ertrage. Jahrelanger Bestseller hin oder her: dieses bittersüßklebrige, dieses amerikanisch-aufgeblähte, effekthascherisch-inszenierte Geschreibsel nervte mich bereits nach zehn Seiten. Und ich muss gestehen, dass es wirklich nicht viele amerikanischen Autorinnen und Autoren gibt, die meine Gunst finden (oder dann habe ich sie noch nicht entdeckt).

Neben dem Tonfall, den ich mit ein bisschen gutem Willen vielleicht ignorieren könnte, stört mich an diesem Buch, das es, wie so viele Bücher, die Lebensweisheiten verkaufen wollen, einen latenten Hang zu Absolutheit in sich trägt. Im Grunde sind es ja die persönlichen Erkenntnisse eines Sterbenden, über die ich hier lese, doch die Geschichte kommt daher, als wären die Lebenserkenntnisse dieses klugen, ohne Zweifel weisen und sehr liebevollen Menschen sakrosankt.

Wenn ich lese, wie Morrie neuerdings über das Leid der Menschen in bosnischen Kriegsgebieten, die in den Fernsehnachrichten gezeigt werden, weinen muss und sagt, dass er in der letzten Zeit überhaupt ständig über all das Unrecht auf der Welt weinen müsse, denke ich nur: Ähm, hallo! So geht es mir auch. Ständig. Schon immer. Was ist daran so besonders? Wir sind Menschen und wir wollen natürlicherweise menschlich handeln. Und menschlich behandelt werden. Wir fühlen natürlicherweise mit anderen mit. Was ist daran eigentlich so besonders? Vielleicht, dass das in unserer Welt nicht mehr normal ist? Ist die neue Norm, dass uns die Natur des Menschseins abhanden gekommen ist?

Vielleicht darum klingen Morries Aphorismen für mich fast ein wenig zynisch, obwohl das ganz sicher nicht Absicht war. Dass aus ihnen quasi allgemeingültige Formeln für ein gutes Leben geschaffen wurden, widerstrebt mir. »Akzeptiere, dass es Dinge gibt, die du zu tun vermagst, und Dinge, zu denen du nicht fähig bist.« Nun ja. Vielleicht stören mich ja schlicht und einfach die implizierte Allgemeingültigkeit und die undiffernzierte Verallgemeinerung von Morries persönlichen Erkenntnissen? Auch mit Morries Ermutigung, sich ständig mit anderen Menschen kurzzuschliessen und auszutauschen, kann ich mich so nicht anfreunden. Zwar mag ich Menschen grundsätzlich, aber meistens und gern bin ich allein. Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so.

Ja, es ist sehr wichtig, dass Geschichten erzählt werden, die uns an die fragile Natur und Endlichkeit des Lebens erinnern; Geschichten, die uns an die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens ermahnen: An Liebe, an Menschlichkeit, an Mitmenschlichkeit, an Mitgefühl – aber bitte nicht so absolut und marktschreierisch. Wie auch immer: Ich habe das Buch geschlossen. Möglich, dass ich noch ein bisschen weiterlese, doch bezweifle ich, dass ich neue Erkenntnisse entdecken werde.

Vorm Ins-Bett-Gehen habe ich mich nochmals an Macbeth gewagt, und auf einmal wusste ich, obwohl ich mich inzwischen halbwegs in die Handlung hineingefunden hatte, was mich an dieser Geschichte so anstrengte. Erst allmählich hatte ich es zu fassen bekommen, doch schließlich bewog es mich dazu, auch Nesbøs Buch zuzuklappen. Die Geschichte ist mir schlicht zu männlich. Und vielleicht geht es mir sogar auch mit Dienstags bei Morrie so ähnlich:
Männer erklären mir die Welt der Korruption (= Shakespeare/Nesbø).
Männer erklären mir den Sinn des Lebens (= Morrie/Albom).

Mit ’zu männlich’ meine ich ’zu patriarchal’. Ich brauche dringend eine andere Sicht auf die Welt, eine weiblichere – ob aus männlicher, queerer oder weiblicher Feder ist dabei egal. Fakt ist, dass die Welt patriarchal tickt. Wir alle haben diesen Takt verinnerlicht. Männer, Queere, Frauen. Jetzt und schon viel zu lange. Ich lebe, wir Menschen des Westens leben in einer vorwiegend männlich dominierten Welt, wie sie mir letztlich in diesen beiden Büchern gezeigt wird.

Bei Macbeth sind es Korruption und die Abstraktion, Vermännlichung und Verteufelung des Weiblichen, bei Morrie Kapitalismus, Ehrgeiz, Leistungsdenken und daraus resultierender Stress. In beiden Welten ist kein Raum für wahre Werte wie Liebe und Mitgefühl. Vielleicht der Grund, warum Bücher wie Dienstags bei Morrie so geliebt werden? Wir Menschen sehnen uns nach Antworten, nach Weisheiten. Und wenn sie von einem weisen, leidenden, sterbenden Mann kommen, zählen sie doppelt. Nicht dass ich Morries Erkenntnisse schlechtreden will, mich stört eher der Wirbel um etwas, das natürlicher sein sollte – die liebevolle Weisheit des Alters. Der Wirbel bestätigt eigentlich, wie sehr wir als Gesellschaft die wahren Werte aus den Augen und aus Kopf und Herz verloren haben. Obwohl mich der Lebensmut des totkranken alten Professors wirklich sehr berührt, weiß ich, dass dennoch nicht alle die gleiche Lebenszugewandtheit und Resilienz wie Morrie haben können. Vergleiche und Verallgemeinerungen sind müßig.

Wir sind eben alle verschieden. Und das ist gut so. Ich spreche mich für Diversität aus. Ganz besonders im Menschsein.

Die Bloggerei und die #DSGVO

Nun habe ich also meinen Tumblr-Account ins Datennirvana geschickt. Kein großer Verlust, da er eh nur eine Art Spiegelbild dieses Blogs hier war. Danke, EU-Datenschutz-Gesetzesrevision, danke!

Schlecht ist das Ganze ja grundsätzlich nicht, auch wenn das alles meiner Meinung nach überdimensioniert ist. Insbesondere die angedrohten Konsequenzen, die alle treffen können, aber vermutlich genau dort, wo es am meisten draufankäme, eh nicht greifen werden. Und ja, obwohl es mir gewaltig stinkt, mich mit einer Materie auseinanderzusetzen, die mir vorkommt wie eine Fremdsprache, die ich nur sehr rudimentär verstehe, habe ich in der letzten Zeit doch ein bisschen ausführlicher über Daten und unsere Leichtfertigkeit, mit ihnen umzugehen – »ich habe ja nichts zu verbergen!« –, nachgedacht.

Dennoch: Wozu der ganze Aufwand, wo ich doch einfach nur schreiben will?

Blogseidank habe ich schon seit Jahren ganz viele (unerwünschte) Daten am Bein. Daten, die ich weder nutze noch missbrauche. Aber sie sind da. Selbst dann, wenn ich alle Kommentare löschen würde, sind sie irgendwo. Gespeichert. Auf dem WP-Server. Von früheren Backups. Sogar, wenn auch verschlüsselt, auf meinem Rechner, von früheren, selbst heruntergeladenen Backups.

Ich nehme aber nicht nur, ich gebe auch, via Blog, persönliche Daten von mir preis. Laufend. Bigbrotheresk.

Mit https://webbkoll.dataskydd.net/en habe ich vorhin dieses Blog gecheckt und trotz relativer Sicherheit musste ich feststellen, dass Dinge an diesem Blog kleben, auf die ich als WordPress-Kostenlos-Userin keinen Einfluss habe. Wollte ich irgendwelche Sicherheitsplugins installieren, müsste ich zahlen.

Die Kommentarfunktion, so wie das aktuell überall empfohlen wird, habe ich ja eh längst ausgemacht, weil ich keine Energie für Diskussionen habe, doch, wie gesagt, die früheren Kommentare samt ihren Daten sind noch immer da. Und nun sind seit einer Weile  auch die Teilen-Buttons weg und meinen LeserInnen sollte – hoffe ich – der so nervige wie notwendige EU-Cookies-einverstanden?-Balken angezeigt werden.

Wie er installiert wird, siehst du hier:

Mir stellt sich die Frage, ob das alles reicht. Ob mein Blog damit aus Datenschutzsicht nun sicher genug ist. (Zum Selbsttest gehts wie gesagt hier lang → https://webbkoll.dataskydd.net/en) Wo bleibt eigentlich das von WordPress versprochene große Update und wird es die verbleibenden Lücken schließen?

Ach, noch was: Müssen eigentlich nichtkommerzielle Bloggende – zumal unter einer Flagge wie WordPress – eine Datenschutzerklärung auf ihren Blogs haben? Darauf hat mir bisher noch niemand Antwort geben können.

+++

Ist das hier nun der Blogtod für uns (nicht kommerzielle) WordPress-Kostenlos-UserInnen?

Und ich? Ob ich dieses Blog schließen und ein neues, rein auf HTML basierendes öffnen soll, wie ich schon früher eins gehabt habe? Oder würde so ein Neuanfang auch mit einem neuen WordPress-Blog funktionieren, das von Anfang an nur Texte und Bilder hat, ohne jegliche Kommentarmöglichkeit und so weiter?

Doch wozu der ganze Aufwand?

Wie wichtig ist mir die Bloggerei noch? Und wie wichtig sind mir all die vielen FollowerInnen, die dank Twitter und FB hier mitlesen? Lesen sie überhaupt (noch)? Lebt dieses Blog überhaupt noch? … sind wir, nein falsch, bin ich nicht irgendwie blogmüde geworden?

Ich könnte ja einfach nur, bei Bedarf, auf Ello Texte posten und die herkömmliche Bloggerei an den Nagel hängen. Oder so.


Nachfolgend einige Links, die anderen Betroffenen vielleicht weiterhelfen (ich übernehme wie immer keine Verantwortung für Links und deren Inhalte):

  • https://raidboxes.de/dsgvo-wordpress-technische-massnahmen/ <<< NACHTRAG: Gute Übersicht!
  • https://www.webtimiser.de/so-bereitest-du-wordpress-auf-die-dsgvo-vor/
  • https://www.nzz.ch/wirtschaft/folgen-der-neuen-datenschutz-grundverordnung-eu-datenschutzverordnung-tangiert-auch-die-schweiz-ld.1306009
  • https://datenschmutz.net/dsgvo-checkliste-fuer-blogs/?utm_source=twitter&utm_medium=Social&utm_campaign=dssocialwarfare
  • https://hermsen.info/2018/03/wordpress-com-dsgvo/
  • An Selbsthosterinnen richtet sich Irgendlink hier: http://irgendlink.de/2018/05/03/jetpackverzicht-wie-verwandele-ich-die-portfolioseiten-in-normale-seiten/
  • Auch Kai hat zum Thema gebloggt: https://kais-journal.de/blog/2018/04/30/datenschutz/
  • Ebenso Lakritze: https://lakritze.wordpress.com/2018/04/19/rumgeraeume/

 

Über die Schwelle gehen

Zwischen innen und außen gibt es diese Schwelle, die ich hier einfachheitshalber Mund nenne. Innen drin sind ganz klare Gedanken, oft wunderbar formuliert, gute Gedanken, viele Gedanken. Geschichten und Ideen. Wörter manchmal, Sätze oft.

Manche wollen heraus. Ich lasse sie gehen. Über die Lippen. Oder in die Finger. In den Stift. Auf die Tastatur. Dabei verändern sie sich. Manchmal erinnern sie mich an Asseln, die davonhuschen, wenn du den schweren Stein aufhebst, unter welchem sie hausten.

Gedanken sind, sobald ich sie aussprechen oder aufschreiben will, sobald sie ans Tageslicht kommen, flüchtig wie ein Duft. Wie ein Geräusch. Wie ein Hauch. Sie verpuffen. Sie verdampfen. Sie verflüchtigen sich. Ich verliere sie und ihre Ursprünglichkeit, ihre Originalität, in dem Moment, wo ich sie herauslasse. Oder vielleicht entgleiten sie mir sogar schon kurz vorher. Beim Absprung. Sobald sie die Grenze, die Schwelle, anpeilen und schließlich überschreiten, beginnt ihr Verfall.

Manchmal setzen sie sich hinterher wieder neu zusammen. In der Luft zwischen mir und meinem Gegenüber; auf dem Papier; auf dem Bildschirm. Nie genau so wie sie vorher gelegen haben, bestenfalls ähnlich, und nein, nicht unbedingt schlechter. Womöglich artiger, gefälliger. Aber anders.

Vielleicht geht es ja Ideen und Gedanken wie Kindern, wenn sie auf die Welt kommen. Innen pure mütterliche Geborgenheit, draußen Kälte, Lärm und all das, was eben draußen so abgeht.

Vielleicht bereuen sie es ja, meine Gedanken, dass sie nicht geblieben sind, wo sie waren. In mir drin. In der Geborgenheit meines Hirns.

Wer weiß das schon so genau?

Über die Null als Mitte

Über Kräfte und Gegenkräfte las ich heute Morgen bei Irgendlink, und wie uns Gedanken in Aufruhr bringen können, graue Gedanken, nie endenwollende.

Zwanzig Jahre ist es her, dass ich folgenden Text aus einem ähnlichen Gefühl heraus geschrieben habe.

Hier Fülle | da Leere
Extreme | Kontraste
Das eine nicht existent ohne das andere
Die Summe aller Zahlen ist Null*
Ist alles | ist nichts
Gegenwart der Punkt auf meiner unendlichen Gerade
Der Kreuzpunkt aller unendlichen Geraden ist
Jetzt

(Ausschnitt; siehe auch hier)

Tröstliches Wissen um dieses Jetzt aus dem ich Kraft schöpfe. Für das nächste Jetzt und für das Jetzt nach jenem Jetzt, so wir uns die Zeit als etwas Fassbares, Lineares, Chronologisches denken. Und ja, ich sehe die Baustellen auf diesem Weg, viele Baustellen.

Wie hat Kai doch neulich geschrieben? Dass Verhaltensänderungen eine sehr zähe Angelegenheit seien, die erst durch regelmäßiges Üben Einzug in unsere Lebensgewohnheiten schaffen? Stimmt. Wer je versucht hat, eine nicht mehr erwünschte, möglicherweise schädliche Gewohnheit abzulegen, weiß, wovon ich rede. Wer keine schlechte Gewohnheiten hat, muss hier nicht weiterlesen. [Und natürlich ist weiterzulesen auch für alle anderen freiwillig.]

Neue Gewohnheiten also. Nun ja, ich bin keine Psychologin, doch einiges habe ich in meinem Leben durch Beobachten und Erleben erfahren und erkannt. Und einige Schlüsse daraus gezogen habe ich auch. Und vielleicht sogar das eine oder andere dabei gelernt. Verhaltenstherapie, so weiß ich inzwischen, setzt beim Reflektieren von Gewohnheiten und Denkmustern an, bei der Erkenntnis, was gut tut und was nicht. Nicht allgemein, nicht in erster Linie jedenfalls, sondern ganz persönlich und selbstliebevoll. Ziel ist, diese Selbstbeobachtung  so weit auszubilden, dass krankmachenden Verhaltensweisen aller Art allmählich aus eigener Kraft und aus eigener Überzeugung gegengesteuert werden kann. Verhaltenstherapie ist somit nicht einfach nur ein Erlernen neuer Gewohnheiten durch das Überschreiben der alten Muster, sondern setzt bei der Selbstreflexion an. Und ja, das klingt natürlich – wie so oft – viel einfacher als es ist.

Sind selbst für sogenannt gesunde Menschen, Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse eine zähe Angelegenheit, oft ein anstrengender Kampf gegen die selbst in Bewegung gerufenen Kräfte und Gegenkräfte, wie ungleich schwerer sind solche Verhaltensveränderungen und Umdenkprozesse für Menschen, die psychisch verwundet sind. Insbesondere, weil es ja darum geht, krankmachende, oft lebenslang geglaubte Sätze über sich selbst zu identifizieren, zu entlarven, neu zu bewerten. Es ist nämlich nicht einfach damit getan, etwas verändern, etwas anders betrachten zu wollen. Der Wille ist wichtig, keine Frage, doch da sind noch viele andere Hürden, die es zu nehmen gilt. Homo homini lupus. Sinngemäß übersetzt oder auch nicht, war und ist der Mensch schon immer sein schlimmster Feind.

Mir hilft der Gedanke an jahrzehntealte, tiefe Ackerfurchen, die ich mit einer kleinen Harke ausebnen soll. Dass das nicht einfach so – *mirnichtsdirnichts*, *Hokuspokus*, *dumusstnurgenugwollen*, *ichbetefürdich* – geht, ist wohl allen klar. Dieses Bild hilft, mir vorzustellen, wie langwierig Veränderungsprozesse sein können.

Gute Vorsätze, ob nun zu Neujahr gefasst oder wann immer wir das Bedürfnis zu Veränderung verspüren, finde ich durchaus faszinierend, denn sie spiegeln ja meist, in welche Richtung wir uns bewegen wollen – so wir sie uns selbst gegenüber liebevoll motiviert gefasst haben.

Reflexion ist der Anfang aller Veränderung. Wichtig, sehr wichtig. Aber vor allem eben ein Anfang.

Schnitt.

Ich wäre ein Haus – mit Fassade, Dachstock und Keller, mit Fenstern, Kellerräumen, Terrasse, Balkon und allem Pipapo. Du auch. Es läge an uns, dieses Haus nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Gedeih und Verderb des Hauses wäre in meiner kleinen Metapher quasi in unserer Hand. (Was natürlich so nicht ganz stimmt, da ja die Unwägbarkeiten des Lebens nicht wirklich in unserer Hand liegen.)

Sehen wir uns doch mal all die Baustellen unseres Hauses an. Im einen Kellerraum fängt es zu schimmeln an, weil wir zu wenig gelüftet haben. Kann ja mal vorkommen. Oh, das Dach hat Risse bekommen und einige Ziegel haben sich gelockert. Der Sturm, der Sturm war das! Doch uns fehlen Kraft und Ressourcen, alles in Schuss zu halten. Selbst wenn wir es wollten, wir schaffen es nicht, nicht immer. Viel. Zu viel. Und so bleibt der Schimmel bestehen und das Loch im Dach wird nicht kleiner. Wie lange es wohl noch dauern wird, bis der Regen ins Wohnzimmer tropfen wird?

Nun ja, wir können ja nicht alles, aber wir tun was wir können. Und so putzen wir immerhin die Scheiben regelmäßig. Das ist abschaubar, überschaubar, machbar. Und vermittelt nach außen einen guten Eindruck. Was ja soo wichtig ist.

Womit wir wieder bei den Kräften und Gegenkräften wären.

»Eigentlich dürfte man gar nicht erst anfangen, über etwas nachzudenken, denn sobald man dies tut, setzt man Kräfte in Gang, die miteinander ringen. Wie Krieg. So funktioniert alles. Dadurch, dass die Kräfte nie gleich groß sind, entsteht Bewegung und mit der Bewegung entsteht Chaos und mit dem Chaos kommt das Bedürfnis nach Ordnung, das auch wieder eine Kraft im Spiel ist. […]
Alles, was ich in diesem Artikel schreibe, ist falsch. Und richtig. Wenn ein Falsch auf ein Richtig trifft, neutralisiert es sich zu Nichts.
Vielleicht.« -Irgendlink in ’Das graue Band, das niemals endet

Die Summe aller Zahlen ist Null*


*Mathematisch habe ich diese Aussage nicht verifiziert, sie will philosophisch verstanden werden.