Neue Fallmaschen 99 | 2021

gesehen | … und mich zurückgesehnt nach einer anderen Zeit.

Titelbild eines lustigen Videos auf Vimeo

Zeitsprung from Anna Amalie Blomeyer on Vimeo.

+++

getwittert | Heute Morgen stellte ich eine Umfrage auf Twitter: »Wer von euch glaubt noch ersthaft an die Möglichkeit eines ’gutes Lebens’ für die Menschheit (also nicht nur für Privilegierte) auf dieser Erde in zehn Jahren?«

Mehr als die Hälfte hat bis jetzt NEIN angekreuzt.

+++

entdeckt | Nun gibt es also auch bei uns im Dorf eine Teststation. Ob ich mich heute in fünf Tagen testen lassen soll? Beim heutigen Einkauf habe ich mich mal wieder so richtig unwohl gefühlt. Ob es andern wohl auch so geht, dass sie sich ständig kontaminiert oder infiziert fühlen, wenn sie unter Menschen waren?

gestern | #noLiestal

Wie war das noch? Wieder regelmäßiger Bloggen wolle ich. Sagte ich. Dafür hatte ich mir sogar extra ein Gerüst – Neue Fallmaschen – gebaut, an welchem ich mich von Tag zu Tag hangeln könnte. Nun ja.
Theorie und Praxis.
Vorsatz und Alltag.

Es sind so viele Baustellen. Zu viele. Sogar zuweilen zu viele Ideen. Jedenfalls gemessen an Zeit und Kraft.

Gestern hatte ich hier eigentlich einen klugen Artikel über Solidarität schreiben wollen. Da kam mir die Aktion #noLiestal gerade recht, die in den sozialen Medien für einiges Aufsehen gesorgt hatte. Über dreißigtausend Tweets demonstrierten, dass sich der größere Teil der Schweizer Bevölkerung sich nicht mit dem Volk identifiziert, das an Anti-Coronaschutz-Maßnahmen-Demos – wie letzten Samstag in Liestal – das Virus unmaskiert und hemmungslos weiter und weiter verbreitet. Und so zu einer Verlängerung der Pandemie beiträgt. Unsere #noLiestal-Aktion hat es in die Abendnachrichten geschafft.

Grafik, die demonstierende Menschen mit Schildern zeigt. Auf den Schildern steht #noLiestal, Science matters, No Covid, Wir sind viele
Grafik, die demonstierende Menschen mit Schildern zeigt.

Als ich heute nachschaue, stelle ich fest, dass Menschen, die das Gegenteil wollen wie wir, die wir diese Aktion mitgetragen haben, unsern Hashtag für ihre Zwecke missbrauchen. Sie versuchen, ihn umzudrehen und legen sogar noch einen obendrauf mit ihrem more*Liestal-Geschrei. Warum wundert mich das eigentlich nicht?

Mir fehlen ja eh schon die Adjektive für solcherlei Uneinsicht, doch das hier kommt mir vor wie vorsätzlich sauberes Wasser zu verdrecken. Nein, ich werde die Seite der Corona-Leugnerinnen und -Verharmloser nie verstehen. Und ich will es auch gar nicht. Ich habe von diesem ganzen Gehässel die Nase sowas von gestrichen voll.

Letztlich wollen wir ja alle das gleiche: Dass diese Pandemie möglichst bald und mit möglichst wenig Schaden an Leib und Seele vorbei geht. Und mit möglichst wenig Kollateralschaden.

Mir hilft da manchmal nur, mich aus dem Netz auszuklinken und mir etwas Gutes zu tun. Etwas Feines zu kochen zum Beispiel, oder etwas Leckeres zu backen. Gestern brauchte ich etwas Süßes.

Karottencake oder -muffins (gluten- und histaminfrei)

10 g Flohsamenschalenmehl
1 dl Wasser
schnell gut mischen, damit es keine Klumpen gibt, quellen lassen

40 g Vollreis
40 g heller Reis
60 g Haferflocken
mischen und mahlen (Nusshackgerät/Hackaufsatz oder Getreidemühle) * (Natürlich können auch Reis-, Vollreis und Hafermehl verwendet werden.)

20 g Kastanienmehl
15 g Kokosmehl
30 g Leinsamen, geschrottet
80 g (Rohr-)Zucker (oder andere Süße nach Verträglichkeit)
wenig Zimt
10 g Weinsteinbackpulver
alles gut mischen

60 g geschmolzene Butter (oder Pflanzenfett/Öl/Kokosfett)
1 dl (Pflanzen-)Milch (Nachtrag, da vergessen)
100 g Karottenmus, aus einer großen gewürfelten Karotte (mit Wasser gedämpft und püriert)
110 g vorbereitetes Flohsamenschalen-Gel
alles gut mischen und einige Minuten kneten

Die Masse in eine gefettete Cakeform füllen und glatt streichen (Maße füllt etwa die halbe Länge der Form) und im vorgeheizten Ofen bei 200°C ca. 35-40 Minuten backen
oder
Die Masse in ca. 10-12 Muffins-Förmchen verteilen und glatt streichen. Im vorgeheizten Ofen bei 180°C ca. 30-35 Minuten backen

+++

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Nachdenken über die Bloggerei

Das neue Blog fordert mich zum Innehalten auf. Zum Nachdenken.

Seit knapp 17 Jahren blogge ich – das hier war der fünfte Umzug. War es am Anfang noch eine Art Trauertagebuchschreiben gewesen, füllte sich das Blog nach und nach im Laufe der Jahre mit Reise- und Alltagsabenteuerberichten, Gemeinschaftsprojekten, Geschichten, Buchbesprechungen, sofasophischen und politischen Essays – und neuerdings sogar, gesundheitsbedingt, mit Rezepten. Was es immer war: ein Ausschnitt aus meinem gelebten Leben, und damit auch ein Zeitdokument.

Mehr und mehr abhanden gekommen  sind mir das Spontane, Banale, Alltägliche, das früher so anwesende, ungehemmte Drauflosschreiben und Mich-Warmschreiben.

Es fehlt mir der Fluss, der Antrieb. Kann sein, dass das letzte Jahr mit all seinen Herausforderungen nicht ganz spurlos an meinem Schreibbedürfnis vorbeigezogen ist. Was wurde da doch alles geschrieben, geredet, gemeint, behauptet, in Zweifel gezogen, auf den Kopf gestellt. Ganz allmählich ist dabei die eigene Stimme stiller und stiller geworden.

Doch da gibt es zum Glück ein paar feine Blogger:innen, die das tägliche Schreiben pflegen. Manche habe es auch eben erst für sich reanimiert. Sie pflegen ihre Blogs wie einen Garten, der täglicher Pflege bedarf.

Warum also nicht auch ich? Wieso also nicht auch dieses Blog reanimieren, es wieder bewohnen, es wieder  mehr und mehr als Wohnraum betrachten, als Terrasse oder Wintergarten?

Seit ein paar Tagen ist es frühlingshaft. Auch wenn die Welt Kopf steht und ganz vieles im Argen ist, möchte ich hier ein neues, kleines Pflänzchen setzen und ihm beim Wachsen zuschauen.

Ich bin gespannt.

Mittendrin. Nur mal so.

Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.

Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.

Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.

Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.

Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

[Weiterlesen]

Quelle: nzz.ch

Siphon und Filter

Heute soll es hier für einmal um Dreck gehen. Also … nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Dreck hätte – abgesehen von Besen, Lappen und Putzmitteln. Eigentlich ist fast alles dreckig. Und außerdem kommt es schwer drauf an, wo der Dreck hockt. Aber können wir uns darauf einigen, dass zu viel zu viel ist? So langsam dünkt es mich nämlich, wir alle kommen nicht mehr mit Putzen hinterher. Wir alle sollten damit anfangen, weniger Dreck zu machen. Finde ich. Und aber auch den, der da ist, abarbeiten.

Ich fange bei meinem Siphon unter der Küchenspüle an (unter dem Schüttstein, wie das hierzulande heißt). Alle paar Monate behandle ich meinen Abfluss mit dem Stöpsel und meiner Geheimwaffe aus Backpulver, Salz, Zitronensäure und heißem Essigwasser. Doch nach einigen Wochen ist alles wieder wie vorher. Trotz Auffangsieb, das ich regelmäßig putze.

Beherzt  beschließe ich also, nicht mehr länger nur an den Symptomen sondern an den Ursachen zu arbeiten. Dazu muss ich mir aber erst einmal den Weg zum Siphon freiräumen, sprich: den Müllbehälter ausbauen und ein Becken darunter stellen. Endlich kann ich den Siphon aufschrauben. (Kleine Notiz an mich: Wo ist eigentlich mein metaphorischer Siphon?)

Boah, wie das stinkt! (Wetten, dass es auch bei euch stinkt, die ihr das hier lest?) Was da alles drin steckt! Ein Netz aus Haaren – wie kommen die da bloß rein? – scheint sich mit allmöglichem Kleinkram in fünfzig Schattierungen von Kaffeesätzen verbündet zu haben. Ich pule alles raus und bürste mit einem Flaschenreiniger ums Eck, pardon: ums Rund, so gut es eben geht. Bis ich zufrieden bin. Von oben spüle ich mit heißem Wasser nach und siehe da: der Weg des Wassers ist wieder frei. Alles fließt.

Und weil ich gerade so schön putzwütend bin, öffne ich auch gleich die WC-Lüftung und putze den dortigen Filter, dessen Flusen vermutlich dafür verantwortlich sind, dass die Lüftung zuweilen viel zu lange nachlüftet, selbst wenn die Lüftung längt wieder aus ist.

Ach, wie schön es wär, wenn wir in diesem Draußen, das gerade so am Durchdrehen ist, auch einfach mal den Siphon durchspülen könnten. Oder den Filter auswaschen oder wechseln.

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Bist du schon einmal …

  • über eine Brücke spaziert?
  • auf einen Aussichtsturm gestiegen?
  • Karussell gefahren?
  • als Fahrerin oder als Beifahrer Auto gefahren?
  • Zug gefahren?
  • geflogen – womöglich gar über den Atlantik?
  • mit einem Segelboot über einen See gefahren oder mit einer Fähre über einen Fluss?
  • eine Treppe hochgestiegen?
  • Lift gefahren?
  • massiert worden?
  • in einer Apotheke gewesen?
  • getaucht, also mit Taucherausrüstung und allem, was dazugehört?
  • künstlich beatmet worden?
  • mit einem Scanner, Drucker oder Kopierer zugange gewesen oder gar mit einem PC oder einem Handy?
  • in einem Hallenbad oder Thermalbad gewesen, im Wasser und unter der Dusche?

Wenn du mehr als zwei Fragen mit bejaht hast, verzichte bitte in Zukunft darauf, die Wahrheit finden zu wollen; höre bitte auf, von auseinandergehenden Zahlen, widersprechenden Angaben und vor allem von entgegengesetzten Meinungen zu faseln. Vertraue dem Robert-Koch-Institut und vergleichbaren Institutionen Vertraue Forschung und Wissenschaft, vertraue jenen Menschen, die Ahnung haben, weil sie diese Materie gelernt haben, so wie du deinem persönlichen Duschmittel vertraust, richte dich nach den Anordnungen der Regierung und hab noch einen schönen Tag.

Danke.

(Inspiriert, weitergesponnen und teils abgekupfert mit freundlicher Genehmigung von Herrn Solminore [Quelle])

Gerne darf weitergesponnen werden.

Was gut tut

Die Buddenbohms fragten jüngst in ihrem Blog nach unseren Rettungsschirmchen, die uns durch diese Tage helfen. Tage, die für viele schwierig, für manche sehr schwierig und für fast niemanden, den ich kenne, leicht sind.

Mein Rettungsschirmchen ist neben Chats mit lieben Menschen alles, was den Sinnen gut tut. Die Stille der Natur. Spaziergänge, am liebsten durch den nahen Wald. Bärlauch ernten. Daheim helfen mir Malen. Nähen. Lesen. Und Kochen, ja, definitiv auch Kochen. Leider zurzeit ohne den Liebsten, die Grenzen sind noch immer geschlossen.

Gestern habe ich den Rest meiner Bärlauchernte vom Wochenende verarbeitet. Eine grüne Lasagne kam dabei heraus.

Meine Lasagnen werden immer wieder anders, denn ich koche sie nie nach Rezept, probiere immer wieder aus, was als Füllung auch noch funktionieren könnte, variiere bei den Zutaten und nehme das, was gerade im Haus ist. Gestern hatte ich Lust auf Zucchini, eins meiner Immer-da-Gemüse schlechthin.

Im folgenden Rezept stehen keine Mengenangaben. Aber vielleicht ist das ja umso inspirerender für jene, die auch mal etwas Neues ausprobieren wollen?

Mein Rezept ist vegetarisch, nicht vegan. Meine Béchamel habe ich zwar mit Reismilch, aber mit Käse gemacht. Eine vegane Version herauszufinden, stelle ich mir spannend vor.

Bildbeschreibung für Sehbeeinträchtigte: Auf den folgenden Bildern ist immer das zu sehen, was im Rezept steht, inklusive des jeweiligen Textes im Bild.

Hier nun mein Rezept ohne Mengenangaben

1.) Gratinform einfetten
2.) Mit wenig Salzwasser blanchierten Bärlauch in die Form geben

3.) Lasagneblätter auf den Bärlauch geben
(ja, das könnte Irgendlink schöner, nein, das schmeckt man nicht)

4.) Längs gehobelte und vorher kurz in Salzwasser gedämpfte Zucchini einschichten
(ja, das darfst du gerne schöner machen, natürlich!)

5.) Die Hälfte der vorbereiteten Béchamelsauce auf die Zucchini verteilen
(ja, es hat Klümpchen, nein, die schmeckt man nachher nicht)

6.) Lasagneblätter auf die Zucchini-Béchamel-Schicht geben

7.) Mit wenig Salzwasser blanchierten Bärlauch auf die Lasagneblätter geben und mit Lasagneblättern zudecken (ohne Bild)

+ Hier sich ein Bild denken +

8.) Längs gehobelte und vorher kurz in Salzwasser gedämpfte Zucchini einschichten
(ja, schöner ist natürlich schöner, schmeckt aber auch so sehr lecker)

9.) Letzte Schicht Lasagneblätter auf die Zucchini legen
(ja, da hab ich mir ein bisschen mehr Mühe gegeben, aber es waren ja auch nur noch zwei Lasagneblätter)

10.) Zweite Hälfte der Béchamelsauce darauf verteilen und mit Sbrinz oder Parmesan bestreuen
(na, Lust bekommen?)

11.) Im vorgeheizten Ofen gemäß Verpackungsangaben backen (bei mir 20 Minuten bei 220°)

Guten Appetit!


Gewidmet dem Liebsten, auf das wir schon bald wieder durch Wälder streifen können … und zusammen kochen!


EDIT:
Vegan wäre das hier dann zum Beispiel so realisierbar:

(Twitter ist manchmal schon wunderbar!)

Notizen am Rande #5

Hast du Angst vor dem Virus?

Nun ja, vor dem Virus, respektive davor, die Viruserkrankung selbst zu bekommen, habe ich eigentlich noch immer keine Angst, auch wenn ich hoffe, sie nicht so bald zu bekommen. Weil ich – wie wir alle – eine potentielle Multiplikatorin bin und eine Person treffen könnte, die zur Risikogruppe gehört, versuche ich, so hygienisch wie möglich zu leben. Gesunder Menschenverstand und so.

Wovor ich aber wirklich in den letzten Tagen immer ein bisschen mehr Angst bekommen habe, ist vor der Menschheit.

Mir fiel ein Gespäch ein, dass ich vor etwa zehn Jahren mit dem Liebsten geführt hatte. Es war an einem Wochenende bei ihm, wir hockten am Ofen und philosophierten über die Welt. Ich hatte die These formuliert, dass die Menschen zu Tieren werden und nur an sich selbst und ans eigene Überleben denken würden, sollte es irgendwann hart auf hart kommen. Irgendlink hoffte, dass wir alle aus der Geschichte gelernt hätten und rechnete darum mit einem gewachsenen Solidaritätsbewusstsein. Gerne hätte ich damals seine Hoffnung geteilt, aber mit Hoffen tat ich mich ja schon immer eher schwer.

Dieses Gespräch haben wir wie gesagt vor etwa zehn Jahren geführt. Vor dem ’Erstarken der neuen Rechten’ in vielen westlichen Ländern, aber auch vor dem Erwachen der neuen Willkommenskultur und bevor dieselbe wieder wegpolitisiert wurde. Es war vor der weltweiten Klimakrise und es war vor allem vor dem flächendeckenden Smartphone-Zeitalter. Die Welt war, mit Verlaub, damals noch ein klein bisschen humaner. (Oder vielleicht waren wir auch einfach noch ein bisschen hoffnungsvoller?)

In unserm Gespräch überlegten wir uns verschiedene Krisen-Szenarien und wie wir damit umgehen könnten. Wir sprachen – so erinnere ich mich – vor allem über Kriege, Lebensmittelknappheit und darüber, selbst aus irgendwelchen Gründen flüchten zu müssen. Ich glaube, weder Klimakrise, Erderwärmung noch Pandemien kamen in unseren Überlegungen vor. Warum auch immer. Zwar war ich politisch immer klar positioniert – sprich: rot-grün –, aber damals dachte, las und verfolgte ich deutlich weniger mit, was auf der Welt so alles geschieht und geschehen könnte, als ich es heute tue. Und daran ist definitiv das Handy schuld. Socialmedia. (Ich gestehe, dass ich mir in besonders dünnhäutigen Momenten diese ’Unschuld’ zurückwünsche.)

Wir sprachen damals am Holzofen darüber, was wir tun würden, wenn. Wir sprachen über Humanität und Solidarität.

Heute geschieht das alles unmittelbar vor unser aller Augen. Kriege tobten immer schon, doch gab es noch nie so viele Kriegsherde weltweit wie aktuell. Und auch im Netz herrscht vielerorten Krieg. Im eigenen Land geht der Hass um, er ist alltäglich geworden. Dazu sind wir Zeuginnen und Zeugen einer schon bald nicht mehr aufhaltbaren Klimawandels, der menschliches Leben auf der Erde in wenigen Jahren unerträglich machen wird.

Mittenhinein nun diese Krankheit – ausgelöst durch ein neues Virus –, die aktuell ungefähr zehnmal so viele Todesopfer wie eine normale Grippe fordert. Ja, schlimm, sehr schlimm. Klar. Aber schlimmer, viel schlimmer ist für mich, wie wir mit alldem umgehen. Die Verhältnismäßigkeiten. Oder besser die Unverhältnismäßigkeiten. Wenn ich Richtung Lesbos blicke, wo EU-Beauftragte Menschen erschießen, deren einziges Verbrechen darin besteht, dass sie sich ein Leben in Sicherheit wünschen, wird mir schlecht.

Wie geht Liebe in Zeiten von Corona? Besteht (Selbst-)Liebe in Zeiten von Krisen aller Art darin, Desinkfektionsmittel zu klauen, Vorräte zu hamstern, sich mit dem Verkauf gehamsterter Schutzmasken eine goldene Nase zu verdienen? Ich könnte kotzen. Und schreien. Und um mich schlagen. Das alles macht mich so wütend.

Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus, ich habe Angst vor dem Virus Egoismus, gegen den es nie eine Impfung geben wird. Ich habe Angst vor dem Virus Mensch.

Doch wie sagt Irgendlink, der noch immer hofft? »Wenn wir dem leidenden Nächsten so viel Aufmerksamkeit schenkten wie einem Virus und noch ein Schuss Anteilnahme beigäben, könnte die Welt in Ordnung kommen.«


Herzliche Leseempfehlungen:

»Stellen Sie sich vor, Solidarität wäre der allerhöchste gesellschaftliche Wert, und wir wären statt auf Egoismus darauf trainiert, immer die Schwächsten zu schützen. Und – stellen Sie sich vor, das würde nicht alles so wahnsinnig naiv und utopisch klingen. Das wär was.«
-Margarete Stokowski
Quelle: www.spiegel.de

+++

»Die Geschwindigkeit, mit der es ein Virus vom einen Ende der Welt ans andere schafft, gehört zu unserer Zeit. Es gibt keine Mauern, die es aufhalten könnten. In früheren Jahrhunderten passierte das genauso, nur etwas langsamer. Allgemein ist das größte Risiko in solchen Situationen […] ist die Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Beziehungen, die Barbarisierung des zivilen Umgangs.«
-Alessandro Volta
Schulleiter des Mailänder Liceo (übersetzt von Andrea Dernbach)
Quelle: christachorherr.wordpress.com

+++

»In Wahrheit leben wir immer noch wie die Maden auf dem Grabhügel des Verschweigens. Einen Schlussstrich kann man nur dort ziehen, wo Schluss ist. Hier ist aber kein Schluss, weder im Großen noch im Kleinen.«
-Andreas Maier
Quelle: www.zeit.de