Über die Schwelle

Es ist der erste Schritt, der mir am schwersten fällt. Der Schritt über die Wohnungsschwelle. Auch die nächsten fallen schwer. Wenn ich über die Haustürschwelle getreten bin und  draußen stehe, muss ich noch immer  Widerstände überwinden. Als wäre die Wohnung ein Magnet. Das Haus zu verlassen braucht Kraft. Als schwämme ich gegen den Strom, wenn ich das Haus verlasse. Wenn ich in die Welt hinaus gehe.

Falls es nur ein Spaziergang durch das Dorf oder den nahen Wald ist, sind die Widerstände weniger heftig als wenn mich die Reise in die weitere Umgebung, in die Ferne gar, führt. Zum Liebsten, zu Freundinnen, in die Berge womöglich oder – man wird ja wohl noch träumen dürfen! – ans Meer.

Sind es nur meine Widerstände, die in den letzten anderthalb Jahren gewachsen sind? Nein, wohl nicht, denn ich höre ähnliches bei anderen. Und das, obwohl hinter und unter allen Widerständen diese ungeheuerliche, diese von ganz tief innen und unten nach oben schwappende Sehnsucht nach Ferne, nach Weite, nach raus ans Meer, nach Reisewind um die Nase, nach Tapetenwechsel lebt.

Und da ist auch diese Müdigkeit, diese Erschöpfung vom Immer-Gleich, die mich zermürbt. Sogar mich zermürbt, mich, die ich ja aus gesundheitlichen Gründen schon länger isoliert lebe, mich, die ich mich als eine mit Rückzugerfahrung bezeichne. Und wenn schon in mir drin dieses Ziehen ist, dieses Sehnen, dieses Vermissen von Unterwegssein, wie viel mehr muss es erst in Menschen ziehen, die in ihrem vorpandemischen Alltag häufiger als ich unterwegs waren, verreisten, sich unter Menschen bewegten.

Ja, ich verstehe alle Leute, die wegfahren und die wegfahren wollen. Das haben wir uns alle doch wirklich verdient, ne? Manche fahren sogar weit weg. Manche besteigen sogar Flugzeuge, denn die Erde ist ja eh dem Untergang geweiht – brennend, glühend, überflutend –, da wird ja ein Flugzeug mehr oder weniger keine Rolle spielen. Und den Klima-, Virus-, Kriegs- und Armutsflüchtlingen auf der ganzen Welt nützt es ja auch nicht, wenn ich jetzt nicht in dieses Flugzeug steige.

Ja, wirklich, ich verstehe es. Obwohl ich ethische, moralische und ökologische Widerstände habe. Da komme ich nicht gegen an. Und es geht mir ja dabei noch nicht mal nur ums Klima, es geht mir auch ums Virus. Oder sagen wir mal um Solidarität mit der Gesamtmenschheit. [Ich sehe  ja manchmal comicartige Szenen vor meinen inneren Augen: Das Virus, wie es mutiert, weil die Menschen es ihm gerade so superleicht machen. Und weil es so viel Spaß macht, sich in all den dummen Menschen weiterhin zu vermehren.]

Ob wir noch Hoffnung haben, fragte neulich jemand per Umfrageformular auf Twitter. Ich klickte die Option ’kaum’ an und war damit in bester Gesellschaft. Noch mehr hatten ’nein’ angeklickt. Die, die noch Hoffnung haben, waren in der Minderheit. Nicht repräsentativ, ich weiß.

Autorisiert uns die persönliche Hoffnungslosigkeit zu Nach-mir-die-Sintflut-Handlungen? Ist es nicht längst zu spät? Und was ist mit all den Kindern und Jugendlichen?

Puh, so kann ich doch diesen Text nicht enden lassen.

Wie war das gleich noch: erste Schritte? Nun ja, vielleicht verlassen wir ja das Haus diesen Sommer doch auch und fahren wohin. Mal schauen. Denn ja, Tapetenwechsel würde gut tun. Wirklich. Endlich mal wieder raus.

Ich übe und gehe jetzt mal ins Dorf. Einen Brief einwerfen, Geld ziehen und  den Jahresbeitrag für die Bibliothek bezahlen. Denn sollte morgen die Welt untergehen, lese ich doch heute noch ein paar Seiten in einem guten Buch.

Immer wieder neu denken

Veränderungen mag ich nicht wirklich. Jedenfalls nicht jene, die ich nicht selbst beschlossen oder zumindest mitentschieden habe.

Das letzte Jahr aber hat (wohl nicht nur) mich mit einigen Veränderungen konfrontiert, die ich so nicht gewählt hätte, hätte ich denn eine Wahl gehabt. Corona zum Beispiel.

Vom Virus lehrt lerne ich eins: Demut. Zu wissen, dass wir diese Krise – ebenso wie die Klimakrise – nur gemeinsam schaffen, hilft mir dabei, die persönlichen Schleifspuren der aktuellen Lebensphase besser zu ertragen. Die Geschichte lehrt uns, dass Gesellschaften, die ein kollektives Bewusstsein haben, Krisen besser schaffen als jene, in denen das Individuum das Maß aller Dinge ist. Ein aktueller Blick in das eine oder andere Land betätigt diese Erkenntnis.

Ich glaube ja nicht, dass uns ’das Leben’ Dinge absichtlich lehren will oder dass wir gar diese Leben hier leben, um zu lernen. Was ich aber glaube, ist, dass wir laufend dazulernen sollten, wenn wir als menschliche Gemeinschaft überleben, gut leben wollen.

Bei allem kollektiven Bewusstsein mit all den globalen Herausforderungen trägt jede:r von uns auch ihren:seinen eigenen Rucksack. Ich bin keine Ausnahme, denn seit etwas über einem Jahr bin ich krank. Mal mehr, mal weniger. Natürlich dachte ich im Frühling an Covid, doch mein Antikörpertest war negativ. Also suchte ich weiter. Reizdarm? Allergien? Borreliose? Die Nadel im Heuhaufen suchen, nannte es meine Hausärztin. Dank einer lieben Freundin kam ich im Herbst auf die Idee, mal bei der Ernährung genauer hinzuschauen, und siehe da: Als ich ohne Histamin zu kochen begann, ging es mir innert kurzer Zeit deutlich besser.

Seit ich das herausgefunden hatte, suchte ich nach einem hefefreien Alltagbrot, das ich mit wenig Aufwand und ohne exotische teure Zutaten aus dem Ärmel schütteln kann. Und das vor allem gut schmeckt.

(Da ich noch nicht ganz sicher bin, wie es bei mir mit Gluten ist, habe ich mich bei der Rezeptsuche an glutenfreiem Backen orientiert, mich also auf Flohsamenschalenmehl als Bindemittel fokussiert. Statt Hefe oder Sauerteig verwende ich Weinsteinbackpulver, das ich sehr gut vertrage.)

Gluten- und histaminfreies Reis-Hafer-Brot

20 g Flohsamenschalenmehl
5,5 dl Wasser – Beides gut mischen, damit es keine Klumpen gibt, und den Mix eine Stunde (oder länger) quellen lassen.

160 g Reisvollkornmehl
130 g Hafervollkornmehl (ich mahle Vollreis und Bio-Haferflocken im Nussmahlaufsatz meines Standmixers fein)
95 g Kartoffelmehl (aka Kartoffelstärke)
40 g Tapiokamehl (geht vermutlich auch mit Maisstärke)
50 g Leinsamen, geschrotet
30 g Kürbiskerne (wer mag, oder auch andere Kerne)
1 TL (5 g) Steinsalz
20 g Weinsteinbackpulver – alles gut mischen
1 EL Öl
1 EL Branntweinessig oder Verjus – dazugeben und mischen

  1. Mehlmischung und Flohsamenschalen-Gel sehr gut mischen und kneten, bis eine homogene, dichte Masse entstanden ist.
  2. Einen länglichen Brotlaib formen und in eine gefettete Kastenform geben. Die Oberfläche glattstreichen und einschneiden. Während der Vorheizzeit das Brot noch etwas quellen lassen.
  3. Ofen auf 220°C Ober- und Unterhitze (keine Umluft!) vorheizen. Eine ofenfeste Schüssel mit Wasser füllen und auf den Backofenboden stellen.
  4. Die Backform auf mittlerer Schiene 10 Minuten bei 220°C backen. Danach auf 200°C stellen und das Brot für weitere 80 Minuten backen.
  5. Brot aus dem Ofen nehmen und auf einem Gitter abkühlen lassen.

Es schmeckt übrigens so richtig nach Brot!

Dass ich zurzeit keine Tomaten essen kann, da gerade diese sehr histaminhaltig sind, hat mich am Anfang sehr genervt, doch InternetseitDank fand ich da und dort das eine oder andere Rezept und ich fand heraus, dass sich sogar Tomatensauce ersetzen lässt.

Pizza-und-Pasta-Sauce
(rote Basissauce, für 2-3 Personen)

1/2 Zwiebel
2 gehobelte Karotten
(alternativ: 1 Stück rohe Rote Beete/Randen*)
1/2 rote Paprika
wenig Wasser
Steinsalz
süßes Paprikapulver – alles zusammen weichdämpfen
(*alternativ: 1/4 Knolle Rote Beete/Rande (gedämpft, pasteurisiert) sehr fein würfeln und mitkochen bis alles schön rot ist.) alles im Mixbecher (wegen Spritzer) pürieren.

1/4 dl Kokosmilch (oder Pflanzenmilch oder was geht)
1/4 dl Wasser
1-2 EL Maisstärke – anrühren

  1. Gemüsepüree und Milch-/Stärkemix mischen und kurz aufkochen.
  2. Mit Gewürzen und Kräutern nach Gusto abschmecken.
  3. Wie Tomatensauce verwenden für Pizza oder Pasta.
Histamin- und glutenfreie Pizza
Histamin- und glutenfreie Pizza

(Den Pizzateig habe ich übrigens analog zu obigem Brotrezept gemacht. Zutaten: 90 g Reismehl, 30 g Kartoffelmehl, 10 g Tapiokamehl, 6 g Weinsteinbackpulver, 7 g Flohsamenschalenmehl, 1,5 dl Wasser (nachträglich ergänzt), 1/4 TL Steinsalz, wenig Olivenöl und wenig Branntweinessig/Verjus)

Pastasauce mit Gemüse
(für 1 Portion)

2/3 relativ große Karotte, fein gereiben
1 TL Kokosfett
wenig Wasser – weichdämpfen
bisschen pasteurisierte oder gedämpfte Rote Beete (Rande), fein geschippelt oder gerieben – mitdämpfen

Würzen mit
Steinsalz
bisschen Apfeldicksaft (oder Zucker oder was man mag)
bisschen Branntweinessig
verträglichen Gewürzen (süßes Paprikapulver, Curcuma etc.)

  1. Gemüse nach Wahl*, fein geschnitten/gewürfelt – dazugeben und weichdämpfen
    (*z. B. Zucchini, 1/3 Karotte, Paprika etc.)
  2. Wenig Kartoffelstärke, mit Pastawasser aufgerührt – zugeben, kurz mitkochen
  3. Herd ausschalten, zur Krönung Kräuter nach Wahl und Verträglichkeit zugeben.
Meine rote Gemüsesauce aus dem Rezept
Meine rote Gemüsesauce aus dem Rezept

Ich gestehe, dass es mir hin und wieder, trotz meiner Ambivalenz Veränderungen gegenüber, doch auch Freude macht, manche Dinge neu zu entdecken. Das Kochen zum Beispiel.

Notizen am Rande #6

Andere Wortmenschen in meinem Umfeld schreiben zuweilen, dass es nichts zu erzählen gäbe, weil ja nichts passiere, was die Frage aufwirft, wie viel Stimulanz wir von außen brauchen, um etwas erzählen zu können.

Wie steht es mit der bildenden Kunst? Ist Erzählen, ist Kunstschaffen wirklich nur eine Reaktion auf Geschehnissem, auf die sich verändernde Welt in Resonanz, in Relation und in gleichsam planetarischer Konjunktion zur:m Kunstschaffenden?

Brauche ich zwingend – und wenn ja wie viele – Reize, um zu kreieren? Brauche ich gar Reize um zu überleben?

Dieses ’Nichts’ ist – so behaupte ich – in unserer dualen, materiellen, sich ständig wandelnden Welt eine Illusion. (Möglicherweise taugen statt ’nichts’ Begriffe wie ’reizfrei’ oder ’reizarm’.)

Diese für viele verlangsamte, ereignisarme Zeit, die wir gerade durchleben, lässt sich möglicherweise künstlerisch als Chance begreifen, wieder mehr auf die leisen Reize zu hören und zu blicken.

+++

Irgendlink bloggte gestern über Altlasten in Abstellkammern, unspaltbare Holzstapel und das Altwerden am Holzofen.

»Unsere Räume und Umgebungen, Sphären unseres materiellen Seins sind zugerümpelt mit Ideen und Könntemanmals. Vor ein paar Tagen dachte ich, Aufgeben, nur Aufgeben, oder um es positiver auszudrücken, Loslassen, kann dich noch retten und sieh dich doch mal um hier, es sind ja nicht nur die eigenen Träume und Ideen, die auf dich eindreschen, da ist ja noch das Erbe deiner Vorfahren. […] Es gibt alleine sieben Schubkarren, teils uralte Dinger, vermutlich gar welche, mit denen die ersten Reichsautobahnen schon gebaut wurden … zuviel zuviel zuviel. Zuviel Dinge. Zuviel Träume. Zuviel Blockaden.

Nicht so gestern. Komischerweise waren sich Hirn und Körper einmal einig und so spaltete ich das gesamte Pappelholz – wirkliche Schufterei. Geht doch, dachte ich.« (Zitat)

Ich antworte:
»Geht doch, aber nur manchmal, nämlich dann wenn es zu einer Konjunktion von Geist und Körper kommt, die wie Planeten ihre ganz eigenen Umlaufbahnen haben, ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.«

+++

Ich beobachte bei mir, dass ich bei Menschen, die ich persönlich kenne, weniger Angst habe, mich von ihnen mit Covid anzustecken als bei mir unbekannten Menschen.

Eine trügerische Annahme, wenn man bedenkt, dass sich mutmaßlich die meisten Menschen im privaten Umfeld anstecken.

Natürlich spielt es eine große Rolle, wie sich jede und jeder Einzelne verhält, aber letztlich können wir uns überall anstecken.

+++

In meinem Kanton kann man sich seit zwei Wochen auch als Normalsterbliche:r für die Covid-Impfung registrieren. Hab ich gemacht. Online. Vermutlich wird nach Dringlichkeit geimpft und danach nach dem Prinzip Wer-zuerst-kommt-kriegt-zuerst. Das finde ich zwar ethisch fragwürdig, weil so Menschen, die keinen Internetzugang haben und/oder von dieser Möglichkeit nichts mitbekommen, benachteiligt sind. Andererseits sehe ich es auch aus einer anderen Perspektive. Viele wollen eh erstmal abwarten, heißt: wenn die Versuchskaninchen es gut überleben, lassen sie sich auch impfen.

Oke, dann bin ich halt ein Versuchskaninchen. Die braucht es ja auch, sonst könnten die andern ja noch lange warten. Ich betrachte nämlich diese pandemiebedingte Impfung nicht nur als Schutzmaßnahme für mich allein, sondern und vor allem als notwendiger Solidaritätsakt, damit wir bald eine Herdenimmunität erreichen und wieder ’normaler’ leben können. Ich sehe es als (m)ein Dienst für die Gemeinschaft sozusagen.

Mittendrin. Nur mal so.

Wie werden wir diese aktuelle Zeit wohl später im Rückblick betrachten? Ich hoffe sehr, dass wir uns daran erinnern werden, dass wir alles für uns und die Mitwelt Machbare und Beste getan haben werden. Und dass wir uns nicht für unsere Begrenztsein verurteilen werden.

Ich finde ja, dass diese aktuell auf Teufel-komm-raus praktizierte ’Normalität um jeden Preis’ für uns alle nicht unbedingt das Hilfreichste und Gesündeste ist, auch wenn vertraute Strukturen natürlich dabei helfen, auf dem Weg, den wir gehen, zu bleiben.

Wie auch bei einer Krankheitsdiagnose, die Klarheit schafft und dabei hilft, die passende Therapie zu finden, fände ich es allgemein gesünder, wenn wir als Gesellschaft akzeptieren, dass wir in einem Ausnahmezustand leben. Und dass wir nicht die gleichen Maßstäbe benutzen sollten wie im Normalmodus – bezogen auf Corona ebenso wie auf die Klimakrise.

Ich bin der Meinung, dass wir uns nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der Gesundheit ’normal’ verhalten müssen, sondern Wege für uns suchen, die uns dabei helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und zu werden, mental und physisch.

Da draußen

Wie schrieb gleich Herr Buddenbohm vor ein paar Tagen über das viele Nichts da draußen in dieser auf Pause gestellten Welt?

»Ich habe in mehreren Blogs eine Zeile oder einen Satz gelesen, der in etwa besagte, dass gerade nichts passiere, dass man nichts mehr schreiben könne. Dann folgte dennoch überall ein längerer Text, natürlich war das so, wie das bei uns schreibenden Menschen nun einmal ist – wenn nichts ist, dann befinden wir das immer noch und gründlich, dass nichts ist, und wir erklären das Nichts allen ganz genau. Es ist allerdings tatsächlich nichts oder doch verdammt wenig.«

Nun, ich schaute es mir auch an, dieses Nichts. Zumal sich das Wetter offenbar entschieden hatte, mit dem endlich doch noch beschlossenen (Beinahe-)Lockdown am gleichen Strang zu ziehen. Flockdown*. Also schneite es diese Woche wie noch nie in meinem Leben als Flachländerin. (Ja, ja, lacht nur, deutsche Freund:innen! Auch in der Schweiz gibt’s Flachland. Selbst wenn es natürlich drumrum fast überall hügelig ist, gilt dennoch alles unter – sagen wir mal – fünfhundert Höhenmetern als Flachland. Das Quasi-Gegenteil von Oberland.)

Schnee also. Viel Schnee. Sehr viel Schnee. Nun ja, Schnee ist allerdings nicht wirklich nichts.

Während es schneit ist Schnee zu schippen wenig sinnvoll. Und so schneite und schneite es mit ein paar wenigen Unterbrüchen fast einen Tag lang. Und die Schneeschichten wurden höher und höher.

Die meisten Schneeschipper:innen warten, bis der Schneesegen Pause macht. (Auch jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, schneit es wieder. Nicht mehr so dicht wie neulich, und weil es nicht mehr unter Null Grad ist, ist es eher ein nasser Schnee. Dieser Tage habe ich sie alle gesehen, alle Schneearten: die Schneekörner, die Flocken, die Nassflocken, die Schneeschnüre, ach … alle eben.)

Vorgestern, die Sonne hatte sich aus dem Urlaub zurückgemeldet, zog es mich in den Wald. Weit kam ich leider nicht, denn da lagen einige Bäume quer. Manche richtig dick, so dass ich fürs Drüberklettern zu kurz Beine gehabt hätte. Und auch die Lust fehlte mir. Also zurück durch den knietiefen Schnee. Watend. Schöner fluffiger Pulverschnee, der zum Schlitteln und Skifahren perfekt ist. Dachten sich auch viele Kinder, wie ich später sehe, als ich auf Quartierwegen durchs Dorf spaziere und mir wie in einem Skiort vorkomme. Am Dorfhügel unter der Linde sausten sie auf ihren Bobs und Davoser Holzschlitten hinunter, um gleich von neuem heraufzukraxeln. Ein Jauchzen ist in der Luft und mein Herz wird Kind und freut sich.

Viele Leute sind unterwegs. Seit dem ersten Lockdown im März/April 2020 habe ich nicht mehr gleichzeitig so viele Spazierende angetroffen. Alle in sicherem Abstand. Vor den Häusern wird Schnee geschaufelt. Jede und jeder schippt sich den Weg zur Straße frei. Da kommt der Schneepflug und räumt die Straße frei, schwarz, während die kleineren Wege weiß geräumt werden, was bedeutet, dass der Schnee liegenbleibt, aber immerhin platt gedrückt wird. Viele Trottoirs sind nicht begehbar, so dass die meisten Leute auf den Straßen gehen und so die Autos zum Langsamfahren zwingen. Ich sehe viele lächelnde Münder und Augen. Freundliche Worte tanzen da und dort.

Der Schneepflug also. Er macht die Straßen und Wege frei, doch den Pfad zu den Straßen und Wegen freizumachen, liegt an uns einzelnen. Wie im richtigen Leben sozusagen. Denn schippe ich den Weg frei, aber der Schneepflug fährt nicht, habe ich ein Problem. Der Schneepflug fährt, aber ich schippe den Weg zur Straße nicht frei? Auch dann habe ich ein Problem.

So irgendwie denke ich herum, doch jetzt werde ich am besten den Besucherparkplatz freischippen gehen, damit der Liebste später einen Platz für sein Autochen hat.


*Wortschöpfung von Patti Basler

Denkfutter

Oke, zu Anfang ein kleiner unbezahlter Werbespot, doch gleich danach gibt es Denkfutter für jene, die sich gerne damit auseinandersetzen, wie wir Europäer:innen kollektiv auf die Pandemie reagiert haben. [Spoiler: Mit Gekränktsein. (Und ja, das darf natürlich. Reflexion finde ich dennoch wichtig.)]

Vor einem Jahr ungefähr habe ich das virtuelle Republikmagazin entdeckt und lese es seither regelmäßig. Das unabhängige, crowdfinanzierte Magazin publiziert nicht nur täglich um 19 Uhr einen kostenlosen Covid-Newsletter, es veröffentlicht auch laufend gut recherchierte und mit Herzblut verfasste Texte zu innen- und außenpolitischen, gesellschaftsrelevanten, kulturellen sowie gesundheits- und sozialpolitischen Themen. Die Artikel und Kolumnen erscheinen gut aufbereitet und mit größtmöglicher Transparenz. Und Demut. Und Humor trotz allem. Bequem sind sie nicht immer, aber immer lesenswert.

So, jetzt aber fertig Werbung. Lest selbst. Am 4. Januar 2021 schrieb Republik-Journalistin Marguerite Meyer im 19 Uhr-Newsletter :

Manchmal gibt es Texte, die bei der Konkurrenz gedruckt werden, welche man gerne selber publiziert hätte. Ein solcher ist am Wochenende bei der NZZ erschienen. Das Gute ist: Wir können hier darauf verweisen – mit einer Leseempfehlung an Sie. Der Autor Konrad Paul Liessmann, Philosoph und Professor an der Universität Wien, geht einem spannenden Gedanken nach. Die Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft macht, sei falsch formuliert, sagt er: «Richtig müsste Sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung?»

Mit einer Kränkung, so Liessmann weiter. Die auf technologischen Fortschritt ausgerichtete Gesellschaft glaube, sie sei unverwundbar. Umso erstaunter sei sie, wenn die Pandemie dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung mache, schreibt Liessmann. Die Seuche wirft uns zurück – am besten funktionieren archaische Massnahmen wie Isolation, Kontaktvermeidung, Desinfektion. Das Virus habe «unser zur Überheblichkeit neigendes Selbstwertgefühl empfindlich verletzt», argumentiert er. Wir reagierten – aus der Kränkung heraus, dass uns schon nichts passiere – mit Trotz und Wehleidigkeit. Und da sei sie auch schon flöten gegangen, die gerne als modische Tugend viel gepriesene Resilienz.

In der Moderne sei Krankheit nur mehr als individuelles Problem präsent, nicht als kollektives Ereignis, auf das politisch reagiert werden müsse, sagt Liessmann. Und so überwögen für manche Mitglieder der Gesellschaft die texteigenen unmittelbaren Bedürfnisse – das Skifahren-Müssen, das unbedingte Weihnachtsfest, die Fernreise. Der Verzicht darauf tut nicht primär deshalb weh, weil man die Tätigkeiten an sich vermissen würde, sondern – folgt man Liessmanns Argumentation – weil man regelrecht empört ist ob der Unvorstellbarkeit des Verzichts.

Und somit zeigt sich das Dilemma einer Gesellschaft, in der sowohl Glück als auch Probleme individualisiert werden: «Die Krise offenbarte, dass viele ihre individuelle Freiheit ohne jenen politischen und sozialen Rahmen denken wollen, der diese überhaupt erst ermöglicht.»

Quelle: republik.ch

Hier nun einige nicht so bequeme Zitate aus dem oben erwähnten Artikel von Konrad Paul Liessmann (Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien) über die gekränkte Gesellschaft:

Corona zerlegt unser modernes Mindset

Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.

Die oft gestellte Frage, was das Virus mit uns und der Gesellschaft, in der wir leben, macht, war immer schon falsch formuliert. Richtig müsste sie lauten: Wie reagieren wir auf die pandemische Bedrohung? Eine naheliegende, aber selten gegebene Antwort wäre: Wir sind gekränkt. All das, was die moderne Gesellschaft im vergangenen Jahr durchmachen musste, war in ihrem Fortschrittsprogramm nicht vorgesehen. Dieses orientierte sich an Parametern wie Wachstum, Beschleunigung, Optimierung, Sicherheit, Offenheit und Austausch. Seuchen gab es höchstens in Weltgegenden, die weder die europäischen Hygiene- und Gesundheitsstandards noch das unbedingte Vertrauen in eine aufgeklärte Wissenschaft kannten.

[…]

Die gekränkte Gesellschaft ist eine ungeduldige Gesellschaft. Sie kann nicht warten. Und sie hat schon lange auf den Verzicht verzichtet. Vorübergehende Einschränkungen werden deshalb nicht als Unannehmlichkeiten wahrgenommen, sondern als dramatische Einschnitte. Bei der ersten Gelegenheit macht man dort weiter, wo man aufgehört hat, und verlängert damit genau diejenige Misere, der man entkommen möchte.

Von der gerühmten Resilienz, die vor der Corona-Pandemie als neue Modetugend propagiert worden war, ist kaum etwas zu spüren. Eher macht sich Wehleidigkeit breit. Während die Tausende von Toten, die das Virus in nahezu jedem Land bisher forderte, lediglich in der Statistik aufscheinen, ohne dass die damit verbundenen Leidensgeschichten spürbar würden, häufen sich die Berichte über Jugendliche, die schweren seelischen Schaden nähmen, weil sie ein paar Monate auf Präsenzunterricht und Partys verzichten müssten.

[…]

Die Kränkung der gekränkten Gesellschaft sitzt so tief, dass manche die nun angebotene Impfung als Zumutung und weiteren Angriff auf ihre Freiheit interpretieren – so, als wollte man der Forschung und der Pharmaindustrie diesen Triumph einfach nicht gönnen. Zwar werden die Vakzine nicht alle Probleme mit einem Schlag lösen, doch manches liesse sich endlich wieder unter einer anderen Perspektive sehen. Aber auch hier gilt: Es kommt nicht darauf an, was die Dinge mit uns, sondern was wir mit den Dingen machen.

[Weiterlesen]

Quelle: nzz.ch

Diese ganz bestimmte Müdigkeit

Verhaftungen an Kundgebungen wegen nicht getragener Maske gingen ihm zu weit, las ich vorhin. Und dass es schließlich auch andersdenkende Menschen gäbe, die weder Verschwörungstheoriengläubige seien noch Rechtsextreme.

Da frage ich mich allerdings: Wieso geht denn so ein andersdenkender (natürlich nicht rechtsextremer) Mensch überhaupt an eine Demo um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren, wenn sie:er nicht glaubt, dass das, was da an Maßnahmen verordnet ist, nicht einer Art Verschwörung entsprungen ist, also schlicht übertrieben, ganz ohne Hand und Fuß, willkürlich? Würde sie:er nämlich nicht diese ganzen ungaren Infos glauben und sich irgendwie bedroht fühlen, müsste sie:er ja gar nicht demonstrieren? Oder verstehe ich da etwas falsch?

(Abgesehen davon handelt es sich – so vermute ich jedenfalls – nicht um Verhaftungen im klassischen Sinn, sondern eher um Festnahmen zur Feststellung der Identität, um eine Buße gegen Verstoß gegen Schutzmaßnahmen verhängen zu können. Mag sein, dass ich noch immer zu viel Vertrauen zur Polizei habe. Ich halte es jedenfalls für wichtig und notwendig, dass die Schutzmaßnahmenverstöße geahndet und gebüßt werden.)

An alle Menschen, die behaupten, dass es keine seriöse, unabhängige Berichterstattung gäbe:
Habt ihr wirklich schon einmal probiert außerhalb eurer Blase unabhängige Berichterstattung zu lesen und zu verstehen?* Habt ihr wirklich versucht, internationale wissenschaftliche Untersuchungen miteinander zu vergleichen? Habt ihr Quellen überprüft, Fakten gecheckt?

Tatsache ist, dass es inzwischen schon ziemlich viele Fakten gibt, auch wenn die Forschung noch längst nicht fertig ist. Wohl nie sein wird. Ja, das Virus, das uns alle seit Monaten durcheinandergewirbelt hat, ist trotz allem Wissen noch immer sehr wenig erforscht und ja, manches wurde am Anfang so und so gesagt und wird heute anders betrachtet und gehandhabt. aber vergessen wir nicht: Forschung heißt Forschung, weil geforscht wird. Das ist ein Prozess. Das ist etwas Unfertiges.

Auf der einen Seite sind da die Prozesse und Erkenntnisse, die in den Forschungszentren gewonnen werden, auf der anderen Seite sind unsere (sogenannten) Volksvertreter:innen, die ihren Job mal besser mal schlechter machen. Rund um die Welt gibt es da immense Unterschiede, innerhalb der einzelnen Nationen sogar. Natürlich kann man die Politik kritisieren (dass wir das können und tun dürfen, ist immerhin ein gutes Zeichen). Ich finde auch vieles nicht nachvollziehbar, was von Seiten unserer Volksvertretungen verordnet wird. Allerdings eher nicht die Maßnahmen an sich, sondern wie ungleich sie angewendet werden. Persönlich am schlimmsten finde ich ja, dass nicht für alle die gleiche Handhabung gilt. Das Machtgefälle wurde durch die Pandemie sichtbarer denn je. Dass manche Menschen sogar per Gesetz oder Verordnung schlechter geschützt werden als andere und manche mehr gefördert als andere, darf nicht sein. Stichwort: Wirtschaft. Das sind Missstände, die ich anprangere.

Aber ich bleibe dabei: Nicht nachvollziehen kann ich, wie Menschen die Leben anderer Menschen gefährden, weil sie zu bequem sind, weil sie coronamüde sind (bin ich auch!), weil sie ’nicht an die Forschung glauben’, weil sie niemanden persönlich kennen, der oder die Covid hatte, weil sie es bedenklich finden, wenn Youtube manche Infos löscht, weil es ’ja nur eine Grippe ist’, weil … ach.

Vermutlich sind die Menschen, die hier mitlesen, eh nicht die Menschen, über die ich mich immer mal wieder so nerve. Aber manchmal muss ich meinen Unmut in Worte gießen. Danke fürs Zuhören by reading.

Ja, es ist wahr, ich bin coronamüde, aber vor allem bin ich uneinsichtigeMenschenmüde. Das muss es wohl sein. Ach, ach.


*Ich empfehle herzlich folgdende werbefreie und von der Crowd finanzierte Medien Die Republik (Corona-Newsletter kostenlos) und Krautreporter (Paywall). Beide Magazine publizieren täglich einen kostenlosen Newsletter.

Tellerränder

»Was für ein Sommer, bei uns regnet es nur! Ich habe es ja immer gewusst, dieser Klimawandel ist doch nur eine Erfindung der Blabliblos*! Pure Angstmacherei.«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In Grönland? In Bangladesh, Bhutan, Indien, Myanmar, Nepal oder Sibirien? Und glaubst du allen Ernstes, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

+++

»Bei uns hat es keine Coronakranken mehr. Das beweist doch, dass alles übertrieben war. DIE wollen uns überwachen. Und überhaupt, Covid ist doch nur eine normale Grippe, die der Pharmaindustrie/der Blablubs* dient. DIE wollen doch nur, dass …!«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In den USA? In Brasilien? In Schweden? In Südafrika? In XY? Und glaubst du wirklich, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

+++

Was mich so stört an Sätzen wie den beiden violett eingefärbten oben?

Dass die Menschen, die sie aussprechen, den Blick nicht herumzuschweifen in der Lage sind. Dass sie das, was direkt vor ihrer Nase passiert als allgemein gültig interpretieren. Dass sie aus den Fakten das herausziehen, was ihrem Weltbild am ehesten entspricht.


*Bitte hier Feindbilder nach persönlichem Gusto einfügen