Über die Schwelle

Es ist der erste Schritt, der mir am schwersten fällt. Der Schritt über die Wohnungsschwelle. Auch die nächsten fallen schwer. Wenn ich über die Haustürschwelle getreten bin und  draußen stehe, muss ich noch immer  Widerstände überwinden. Als wäre die Wohnung ein Magnet. Das Haus zu verlassen braucht Kraft. Als schwämme ich gegen den Strom, wenn ich das Haus verlasse. Wenn ich in die Welt hinaus gehe.

Falls es nur ein Spaziergang durch das Dorf oder den nahen Wald ist, sind die Widerstände weniger heftig als wenn mich die Reise in die weitere Umgebung, in die Ferne gar, führt. Zum Liebsten, zu Freundinnen, in die Berge womöglich oder – man wird ja wohl noch träumen dürfen! – ans Meer.

Sind es nur meine Widerstände, die in den letzten anderthalb Jahren gewachsen sind? Nein, wohl nicht, denn ich höre ähnliches bei anderen. Und das, obwohl hinter und unter allen Widerständen diese ungeheuerliche, diese von ganz tief innen und unten nach oben schwappende Sehnsucht nach Ferne, nach Weite, nach raus ans Meer, nach Reisewind um die Nase, nach Tapetenwechsel lebt.

Und da ist auch diese Müdigkeit, diese Erschöpfung vom Immer-Gleich, die mich zermürbt. Sogar mich zermürbt, mich, die ich ja aus gesundheitlichen Gründen schon länger isoliert lebe, mich, die ich mich als eine mit Rückzugerfahrung bezeichne. Und wenn schon in mir drin dieses Ziehen ist, dieses Sehnen, dieses Vermissen von Unterwegssein, wie viel mehr muss es erst in Menschen ziehen, die in ihrem vorpandemischen Alltag häufiger als ich unterwegs waren, verreisten, sich unter Menschen bewegten.

Ja, ich verstehe alle Leute, die wegfahren und die wegfahren wollen. Das haben wir uns alle doch wirklich verdient, ne? Manche fahren sogar weit weg. Manche besteigen sogar Flugzeuge, denn die Erde ist ja eh dem Untergang geweiht – brennend, glühend, überflutend –, da wird ja ein Flugzeug mehr oder weniger keine Rolle spielen. Und den Klima-, Virus-, Kriegs- und Armutsflüchtlingen auf der ganzen Welt nützt es ja auch nicht, wenn ich jetzt nicht in dieses Flugzeug steige.

Ja, wirklich, ich verstehe es. Obwohl ich ethische, moralische und ökologische Widerstände habe. Da komme ich nicht gegen an. Und es geht mir ja dabei noch nicht mal nur ums Klima, es geht mir auch ums Virus. Oder sagen wir mal um Solidarität mit der Gesamtmenschheit. [Ich sehe  ja manchmal comicartige Szenen vor meinen inneren Augen: Das Virus, wie es mutiert, weil die Menschen es ihm gerade so superleicht machen. Und weil es so viel Spaß macht, sich in all den dummen Menschen weiterhin zu vermehren.]

Ob wir noch Hoffnung haben, fragte neulich jemand per Umfrageformular auf Twitter. Ich klickte die Option ’kaum’ an und war damit in bester Gesellschaft. Noch mehr hatten ’nein’ angeklickt. Die, die noch Hoffnung haben, waren in der Minderheit. Nicht repräsentativ, ich weiß.

Autorisiert uns die persönliche Hoffnungslosigkeit zu Nach-mir-die-Sintflut-Handlungen? Ist es nicht längst zu spät? Und was ist mit all den Kindern und Jugendlichen?

Puh, so kann ich doch diesen Text nicht enden lassen.

Wie war das gleich noch: erste Schritte? Nun ja, vielleicht verlassen wir ja das Haus diesen Sommer doch auch und fahren wohin. Mal schauen. Denn ja, Tapetenwechsel würde gut tun. Wirklich. Endlich mal wieder raus.

Ich übe und gehe jetzt mal ins Dorf. Einen Brief einwerfen, Geld ziehen und  den Jahresbeitrag für die Bibliothek bezahlen. Denn sollte morgen die Welt untergehen, lese ich doch heute noch ein paar Seiten in einem guten Buch.

Tellerränder

»Was für ein Sommer, bei uns regnet es nur! Ich habe es ja immer gewusst, dieser Klimawandel ist doch nur eine Erfindung der Blabliblos*! Pure Angstmacherei.«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In Grönland? In Bangladesh, Bhutan, Indien, Myanmar, Nepal oder Sibirien? Und glaubst du allen Ernstes, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

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»Bei uns hat es keine Coronakranken mehr. Das beweist doch, dass alles übertrieben war. DIE wollen uns überwachen. Und überhaupt, Covid ist doch nur eine normale Grippe, die der Pharmaindustrie/der Blablubs* dient. DIE wollen doch nur, dass …!«

»Ähm, hast du schon mal geguckt wie es anderswo aussieht? In den USA? In Brasilien? In Schweden? In Südafrika? In XY? Und glaubst du wirklich, dass sich weltweit so viele Wissenschaftler:innen finden lassen würden, um bei einer weltweiten Lüge mitzumachen?«

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Was mich so stört an Sätzen wie den beiden violett eingefärbten oben?

Dass die Menschen, die sie aussprechen, den Blick nicht herumzuschweifen in der Lage sind. Dass sie das, was direkt vor ihrer Nase passiert als allgemein gültig interpretieren. Dass sie aus den Fakten das herausziehen, was ihrem Weltbild am ehesten entspricht.


*Bitte hier Feindbilder nach persönlichem Gusto einfügen

Rasante Verlangsamung

Hast du Angst vor dem Virus?, fragte ich vor einer Woche in meinem letzten Blogartikel. Und verneinte meine eigene Frage. Nun ja, vor einer Woche war das Virus ja auch noch viel weiter weg.

Was wird in einer Woche sein? Noch immer befinden wir uns alle in etwas ganz Neuem drin, da ist etwas, das wir so noch nie erlebt haben. Wir kennen uns nicht aus. Wir haben keine Kontrolle. Wir haben wenig Erfahrungswerte. So wie für jede*n von uns das Älterwerden immer wieder neue Wendungen bereithält – etwas geht unwiederbringlich zu Ende, während etwas Neues entsteht –, fordert uns alle dieses eine Virus heraus, unsere Gewohnheiten komplett auf den Kopf zu stellen.

Es ist näher gekommen. Es betrifft uns mehr denn je. Schulen schließen, soziale Kontakte sollen, um Kontaminierung zu reduzieren, auf ein Minimum heruntergefahren werden. Bei uns noch auf Basis von Vernunft, noch ohne Ausgangssperren, doch kulturelles Leben findet je länger je weniger auf Bühnen und immer mehr online statt. Das Gebot der Stunde lautet, die Ansteckungskurve flach zu halten. Die Rasanz zu verlangsamen.

Bevor Irgendlink heute Morgen losgefahren ist, um einem kranken Freund zu assistieren, haben wir einmal mehr über die Risiken gesprochen und über die Was-wenns. Sein Freund, der mindestens zweimal zur Conora-Risikogruppe gehört, könnte – so überlegen wir – das Virus längst wegen seiner häufigen Klinikaufenthalte mit sich herumtragen. Symptome gibt es ja nicht immer. Wir sind alle verletztlich, niemand weiß, wie unser Körper auf das Virus reagieren wird, wie stark unser Immunsystem ist, wie viel unsere Lungen verkraften. Apropos Lunge: Auch Irgendlink ist Teil der Risikogruppe. (Wie hatte ich so lange verdrängen, dass er vor einigen Jahren fast tödlich an einer ’systemischen Erkrankung mit einer verstärkten Immunantwort’ erkrankt war. Betroffen bei ihm waren vor allem die Lungen. Zwar waren alle Nachsorgeuntersuchungen seither ohne nennenswerten Befund gewesen, doch reagiert seine Lunge sehr sensibel, besonders auf Feinstaub.)

Seit dieser Erkenntnis heute Morgen bin ich doppelt froh um meine Vorsicht. Vielleicht ist es  mir jetzt sogar noch wichtiger als zuvor, dass ich mich nicht anstecke. Um ihn nicht anstecken zu können.

Was ich sagen will? Sobald die Risikogruppe ein Gesicht hat, wirds persönlich. Und oft beginnen wir erst zu handeln, wenn etwas persönlich wird. Nicht, dass wir nicht vorher schon ein wenig gehandelt hätten, doch wird das Handeln je persönlicher desto betroffener wir sind. Es wird zielgerichteter, es wird konkreter, schält sich aus der Abstraktion, die so ein Virus hat, heraus.

Inzwischen soll es (in der Schweiz) übrigens bereits Schnelltests geben, die innerhalb weniger Stunden erste Ergebnisse liefern können. So können Ansteckungsgefahren schneller gebannt werden. Und natürlich, wie gesagt, durch das konsequente Einhalten der behördlichen Empfehlung, soziale Kontakte, insbesondere Menschenansammlungen, möglichst zu vermeiden.

Ob ich immer noch keine Angst vor dem Virus habe? Hm. Doch. Vielleicht schon. Irgendwie. Großen Respekt auf jeden Fall. In Panik zu verfallen, vermeide ich.

Parallel zur wachsenden Angst und zum Ansteigen der Fallkurven sind in den letzten Tagen aber auch einige erfreuliche Dinge geschehen. Ich beobachte da etwas, das ich vorsichtig ein Aufkeimen von mehr Solidarität in der Gesellschaft nennen möchte.

Begrüßenswertes geschieht derzeit insbesondere in der kulturellen Szene und der Klimakrise-Bewegung. Hier entstehen in diesen Stunden wertvolle Online-Aktionen. Eine sehr wichtige Entwicklung! (Und wie schon so oft, wünschte ich mir, dass das Bedingungslose Grundeinkommen schon Realität wäre. Existenzsicherung!)

Wir haben mehr in der Hand als wir denken, geht es mir durch den Kopf.

Bei allem, was wir tun, sollten wir immer alle anderen mitdenken, die, die womöglich gerade jetzt mehr gefährdet sind als wir. Kollektiv vor Individuum.


Veranstaltungen

Musik (für Klassikfans)
Igor Levit spielte gestern online für sein virtuelles Publikum. Link
Heute geht es hier weiter: Link
Tägliche Konzerte, weiterhin täglich um 19:00 hier: Link

Lesung
Jasmin Schreiber liest heute Abend um 20:00 aus ihrem Bestseller Marianengraben, den ich neulich rezensiert habe, moderiert von Natascha Strobl: Link.
Allgemeine Infos hier: Link.
Zukünftige Lesungen von Jasmin Schreiber auf ihrem Twitchkanal: Link.

Klimademos
Wegen Corona wird ab sofort online demonstriert. Hier zum Beispiel: Link.

Von brechenden Deichen und Menschen, die Fakten verleugnen, während andere sie ernst nehmen

Am meisten unter die Haut ist mir jene Szene, wo Sonja ihre Tochter Femke sucht – in der Leichenhalle eines Krankenhauses unter vielen toten, mit weißen Laken zugedeckten Kindern, welche die Überschwemmung der holländischen Küstenregion nicht überstanden haben. Und ja, sie findet Femke.

Überhaupt: In den ersten drei Folgen der niederländisch-belgischen Mini-Serie Wenn die Deiche brechen gibt es viele sehr dramatische Szenen (2017, aktuell in der NDR-Mediathek), während die Folgen 4-6 vor allem davon erzählen, wie das Leben nach der Überschwemmung weitergeht.

Ganz am Anfang der Serie begleiten wir die junge Mutter Sonja und ihre Kinder Femke und Kevin, auf dem Weg ins Gefängnis, wo Ronnie, Sonjas Mann, eine Strafe abbüsst. Sonja und ihre Kinder sind bereits auf dem Weg dorthin in die Vorboten eines gewaltigen Sturms geraten und verunfallen auf dem Heimweg beinahe.

Nicht nur Sonja, auch Ronnie, treffen wir im Laufe der sechs Folgen immer wieder. Und Samir, einen Gefängnismitarbeiter, der bleibt, als längst alle anderen gegangen sind. Weiter treffen wir das wohlsituierte Ehepaar Wienesse samt ihren zwei Teenietöchtern und einem Haufen Eheprobleme; und wir beobachten den niederländischen Premierminister Kreuger, der mit seiner Regierung und jener Belgiens die folgenschwere Entscheidung trifft, die Küste noch nicht sofort zu evakuieren. Eine Entscheidung, die er später sehr bereut. Später, als ein Drittel der Niederlande unter Wasser steht und unzählige Menschen gestorben sind und noch mehr vermisst werden.

Weitere Leidtragende sind Kimmy, die – weil ihre Mutter es von ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus aus nicht schafft, ihre Tochter von der Schule abzuholen – bei Herr Stein, einem alten Mann, der eigentlich mit dem Leben abgeschlossen hat, Unterschlupf findet. Auf ihrer Flucht treffen sie Samir und Ronnie und landen Tage später halberfroren in einem Flüchtlingslager.

Geschichten und Gesichter. Menschen. Menschen auf der Flucht. Flüchtlinge im eigenen Land.

Trailer

Zu heftig? Zu dick aufgetragen? Ich glaube nicht. Ich bin fast sicher, dass sich solche Dramen bald auch in Europa abspielen werden. Sie geschehen so ähnlich bereits, doch bis jetzt noch so weit weg, dass wir weggucken können, wenn wir wollen.

Seit ich das Buch Szenen aus dem Herzen gelesen habe, das die Mutter von Greta Thunberg vor anderthalb Jahren, also noch vor Gretas erstem Schulstreik für das Klima, geschrieben hat, bin ich sicher, dass uns nur noch ein sehr radikales Umdenken und Andershandeln helfen kann. Ich las zwischen diesen Buchdeckeln gründliche Recherchen, Fakten und Zahlen, von Gesprächen mit Expert*innen, vor allem aber auch die turbulente Geschichte einer Familie, die sich dem Klima verschrieben hat.

Buchcover zeigt Greta am Boden sitzend neben ihrem Schulstreikplakat, darüber Titel in roter Schrift, darüber die Namen der Autor*innen und des Autors (ganze Familie Thunberg-Ernman)
Buchcover | Szenen aus dem Herzen

Es gibt Menschen, welche die ganzen wissenschaftlichen Fakten zur Klimakatastrophe, die inzwischen weltweit und von unabhängigen Stellen benannt werden, als Weltverschwörung, als Klimahype, als Klimahysterie abtun. Sogar Medien wie die Weltwoche – na ja, wirklich wundern tut es mich natürlich nicht –  machen bei diesen Schmutzkampagnen mit und teilen in ihren Medien Artikel von Klimaleugne-Lobbyisten. Mich gruselt.

Die Argumente der Leugnenden sind so populistisch wie polemisch und gleichen im Prinzip jenen, die in der rechtsradikalen Politik verwendet werden. Was mich ebenfalls nicht wirklich wundert. Die Antwort auf die Frage, wessen Interessen da mit welchen Mitteln bedient werden, entlarvt. Wo es um die kurzfristige Wohlstandsmehrung einiger weniger geht, wurden Fakten schon immer nach Belieben zurechtgebogen.

Für mich und für immer mehr Menschen aus allen Generationen aber geht es um alles. Es geht uns um die langfristige Verbesserung der Lebensqualität all jener, die auf dieser Erde leben.

Darum auch teile ich die Anliegen der internationale #FridaysforFuture-Bewegung. Heute und in den nächsten Tagen- in der Schweiz zum Beispiel am 28. September – gehen so viele Menschen wie noch nie für einen grundsätzlichen Systemwechsel auf die Straßen; für ein globales Umdenken, nicht nur wie bisher im Kleinen, sondern eben auch im Großen.

Doch wer nicht auf die Straße kann, muss nicht untätig bleiben. Solidarität und Flagge  zeigen gehen auch anders. Zum Beispiel mit einem Like für Frau Traumspruchs CybDemo-Aktion Alles fürs Klima auf Blog und Twitter: