Zumutbare Rücksicht

Wir sind zwar wieder negativ, der Liebste und ich, aber beide noch nicht wirklich wieder hergestellt. Wir husten noch immer und auch die Nasen sind noch nicht frei. Und beide sind wir nach selbst kleinsten Anstrengungen k. o. und brauchen viele Pausen. Offenbar hat die Des-Liebsten-Mama Covid besser weggesteckt als wir zwei – der ImpfungseiDank, sagt sie. Sie hatte wohl eine Art Erkältung, während wir beide je mehrere Tage mit Fieber flachgelegen sind. So gesehen stimmt die viel zitierte und meiner Meinung nach höchst fragwürdige und zudem ableistische Theorie, dass Covid ja ’nur die Alten und Behinderten‘ schlimm treffe, schon mal gar nicht.

Ich konnte die Argumente von Menschen, die Covid-Schutzmaßnahmen ablehnen, von Anfang an nicht nachvollziehen. Und jetzt, nach überlebter Covid-Erkrankung, noch weniger denn je. Das wünsche ich nun wirklich niemandem. Und wir hatten ja verglichen mit anderen noch immer ziemliches Glück und sind auf dem Weg der Besserung.

Der Mensch unterscheidet sich vom Tier unter anderem durch seinen Verstand und durch seine Vernunft und obwohl ich grundsätzlich an Evolution glaube, habe ich doch mit der sozial-darwinistischen Haltung – ‚the survival of the fittest‘ (‚etwas Schwund ist immer‘, ‚Kollateralschaden‘) – schon immer meine Mühe. Wir sind den Menschenrechten verpflichtet, wir sind ethikfähige, vernunftbegabte Wesen, wir dürfen darum solche Haltungen nicht auf uns Menschen anwenden und das Wohl der Schwächsten für die Maßnahmen-Faulheit der großen Mehrheit opfern.

Ich fühle natürlich mit allen Betreuenden und Pflegenden mit, da es für sie besonders mühsam ist, sich bei der Betreuung von Covid-Patient*innen entsprechend zu schützen, aber für alle anderen hält sich mein Mitgefühl dafür, dass sie Rücksicht auf andere nehmen sollen, in Grenzen. Meistens sind es nämlich jene Leute, die das Glück hatten, entweder selbst noch kein oder wenn dann kein schlimmes Covid gehabt zu haben und/oder niemanden zu kennen, der entweder schlimm oder gar tödlich an Covid erkrankt ist, kurz gesagt: Privilegierte! Und genau diese Menschen wollen dann die weniger Privilegierten nicht mit-schützen. Und ja: natürlich hatte sozusagen die Mehrheit Glück. Beim Hochrechnen der eigenen Erfahrungen auf das große Ganze vergessen viele Menschen die nicht privilegierte Minderheit, die nicht so viel Glück hatte.

Mich stört, dass Rücksichtnahme je länger je mehr als etwas der breiten Masse Unzumutbares gehandhabt wird. Die, die keine Rücksicht nehmen wollen, verlangen, dass auf sie und ihr Nicht-Rücksichtnehmen-Wollen Rücksicht genommen wird. Wie paradox ist das denn?

Es lässt sich nämlich, wie wir inzwischen alle wissen (könnten), vorab nicht sagen, wen es wie schlimm trifft. Und bei wem nach Covid noch etwas übrig bleibt, PostCovid, LongCovid. Ich wünsche das niemandem.

Natürlich sind wir alle pandemiemüde und die vielen Menschen, die die Maßnahmen abschaffen wollen, sind mehr und darum lauter, aber rechtfertigt das wirklich, dass darum jene, die Rücksichtnahme bräuchten, einfach ignoriert werden und noch mehr in die Isolation gedrängt werden?

Nicht alles, was gerade weltweit im Argen liegt, hat mit der Pandemie zu tun. Die Pandemie ist meiner Meinung nach ’nur‘ eins der vielen Symptome, an welchem die Menschheit als globaler Körper erkrankt ist, denn letztlich hängt, da bin ich ziemlich sicher, alles zusammen. Der Überbegriff ist ’soziale Ungerechtigkeit‘, daran hängen Klima- und Energiekatastrophe, der Ukrainekrieg, die iranische Menschenrechtsrevolution, wieder aufkommender Faschismus (Regierungen in Italien, Schweden, etc.) und was alles noch im Argen liegt.

Es ist die menschliche Gier nach immer mehr, dieses Ich-zuerst!, immer auf Kosten der Ärmsten (die Menschen und Tiere, die Natur im globalen Süden leiden am meisten an der Klimaekatastrophe, obwohl genau diese am wenigsten dazu beigetragen haben, dass es soweit gekommen ist … das ist bei fast allen Themen so.).

Wir können nicht viel an den großen Stellschrauben machen, aber wir können immerhin im Kleinen versuchen, mitfühlend und solidarisch zu sein.

Neue Fallmaschen 112 | 2021

entdeckt | Auf Ein-Blog-von-vielen las ich heute einen sehr wichtigen Text über das Triggerpotential pandemiebedingter Isolation und die Parallelen derselben zu früheren Isolationserfahrungen wie zum Beispiel bei Klinikaufenthalten. Die Autor:innen haben ebenfalls den von mir vor zwei Tagen empfohlenen Text über die Corona-Erschöpfung gelesen und denken das Thema weiter.

»Darin [im verlinkten Artikel in der NY-Times] wurde eine für mich neue Vokabel verwendet. ’Languishing’. Google-Translate übersetzte den Begriff mit ’schmachten’ und in mir verband sich die Erinnerung an eine frühere Mitpatientin von uns, die ständig von ihrem Schmacht nach einer Zigarette, Alkohol, einem Joint erzählte. […]

Wo ich – inmitten von vielen anderen Mitpatient_innen und Stationen drumherum – emotional wie sozial geschmachtet habe.
Es ist schwierig für mich ganz konkret zu beschreiben, was da gefehlt hat. Heute würde ich es als ’soziales Hintergrundrauschen’ beschreiben. Als ’das weiße Rauschen der Freiheit’, als „unterbewussten Takt der Normalität“. Und zwar, weil es bei dieser lange anhaltenden Deprivation nicht um den Entzug von Licht, Luft oder sozialer Interaktion ging, sondern um den Stoff aus dem Familie, Zuhause, Intimität, Vertrautheit und der Sicherheitsgefühle, die sich daraus entwickeln, gemacht ist.
Die Parallelen zur heutigen Situation sind frappierend, wenngleich die Unterschiede (glücklicherweise) ebenfalls. […]

Menschen, die während der Pandemie praktisch die ganze Zeit zu Hause sind, bemerken jetzt, wie sehr der Weg zur Arbeit, das Milchschaumherz auf dem Kaffee mit dem kleinen Keks neben der Tasse auf der Veranda eines Restaurants, das Geknittel mit den Kolleg_innen, die Gelegenheiten, zu denen man die unbequeme Hose anzieht, weil man glaubt damit würde man ernster genommen, auch sie ist. Dass das nicht nur Dinge sind, die sie erleben und gestalten, sondern auch sie selber sind. Und das ist nun weg.
Das ist, was allen entzogen wird, die länger in einer Psychiatrie oder einem Pflegeheim sind – das ist aber auch, was zum Beispiel schwerbehinderten Menschen erschwert zugänglich wird, wenn die Mobilität verweigert oder Assistenzen verwehrt werden.
Was mich an dem Artikel und dem Thread berührt ist, dass es mir das Ausmaß des Schadens der Psychiatriezeit kontextualisiert.«

Bitte weiterlesen >>> einblogvonvielen.org

+++

gelesen | Long Covid ist ein Thema, über das immer häufiger gesprochen wird, denn es gibt immer mehr Betroffene, denen ihre Covid-Erkrankung auch Wochen und Monate nach der vermeintlichen Genesung schwer zu schaffen macht. Offenbar betrifft es dabei vor allem Menschen in der Lebensmitte und Jüngere.

Frau hat für RiffReporter einen sehr lesenswerten Text darüber verfasst.

Was aber ist Long Covid überhaupt?

»US-amerikanische ÄrztInnen fassen unter dem Begriff ’Post-akutes Covid-19 Syndrom’ all die Beschwerden und Langzeitkomplikationen zusammen, die die Betroffenen auch vier Wochen nach Krankheitsbeginn noch plagen. Es gibt zudem Vorschläge die Krankheit in eine akute Phase, eine post akute Phase (ab drei Wochen) und chronische Phase (12 Wochen nach Beginn) einzuteilen. ’Long Covid’ wäre dann die chronische Phase.

Das Robert-Koch-Institut zitiert eine Übersichtsarbeit, die vorschlägt ’Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung nicht als einheitliches Phänomen zu betrachten, sondern verschiedene Krankheitsbilder zu beschreiben, die sowohl zeitversetzt als auch parallel in verschiedenen Ausprägungen auftreten können’. Für eine Aufteilung in mehrere Syndrome plädiert auch das britische National Institute for Health Research. PatientInnen, die schwer erkrankt waren und auf der Intensivstation behandelt werden mussten, leiden danach unter dem ’Post-Intensiv-Syndrom’. Außerdem unterscheiden die ForscherInnen ein „Post virales Erschöpfungssyndrom“, ein ’Langzeit Covid-Syndrom’ und ’bleibende Organschäden’. […]

Hilft eine Corona-Impfung auch bei Long Covid?

Je besser wir verstehen, welche Mechanismen bei Long Covid eine Rolle spielen, desto geeignetere Therapien wird es geben. Auf der Veranstaltung der Royal Society kamen erste Erfolge zur Sprache, die zum Beispiel eine Impfung gegen das Coronavirus für Long Covid PatientInnen haben kann. Berichte von einzelnen Betroffenen sowie eine kleine bisher noch nicht begutachtete Studie lassen vermuten, dass die Impfung – zumindest bei einem Teil der PatientInnen – die Symptome abmildern kann.«

Bitte weiterlesen >>> www.riffreporter.de