Lichtnahrung und so Sachen

Ich habe mich eben köstlich über einen Webtagebucheintrag von Luica Francia amüsiert. Über Lichtnahrung schreibt sie heute (hier klicken zum Lesen des Artikels luisa in bayern – 28.11.2010 um 09:46:33).

Dass es über das Thema Lichtnahrung nun sogar einen Film gibt („Am Anfang war das Licht“), habe ich vor ein paar Tagen mit einem befremdeten Stirnrunzeln in der Kulturagenda gelesen. Obwohl ich an unglaubliches glaube, nicht wirklich glaube und hinterfrage, was nur vordergründig sichtbar ist und gerne, wo immer möglich, hinter die Kulissen schaue und spüre und obwohl ich mich als spirituelles Wesen verstehe, gibt es im esoterischen und auch im christlichen und sonst wie religiösen Umfeld, Dinge, die ich schlicht nicht glauben will und als – neutral gesagt – pure Marketing-Ideen interpretiere. Als Scharlatanerie. Der Grat ist schmal und ich will nicht das Kind mit dem Bad ausschütten, natürlich. Und wohl möglich, dass ich da und dort der/m UrheberIn der jeweiligen Hype unrecht tue, doch bei der Lichtnahrung und meiner Skepsis zum Thema halte ich es mit Luisa:

„doch wahr ist: so gut wie alles, was in der vergangenheit für unmöglich gehalten wurde, ist mittlerweile möglich. wahr ist auch, dass wir unsere wirklichkeit nach unseren überzeugungen, unserem glauben gestalten. wahr ist, dass willenskraft fast alles bewirken kann. wahr ist: wir werden zum fressen konditioniert. dem kind wird schon im zarten alter die wiener wurst in den mund geschoben, der lutscher, das bonbon. jede krisenbewältigung läuft praktisch über essen oder trinken, rauchen oder sonstige orale befriedigungen. ich frage mich dennoch: warum soll man nicht essen, wo es doch eine so schöne und gesellige tätigkeit ist?“

(Quelle: siehe oben erwähnten Link).

Vielleicht stört mich bei der Theorie einer möglichen Lichtnahrung, diese ganze, esoterisch überzuckerte Geheimle(e)hre, denn da steckt eine große Portion Zynismus drin: Angesichts des Welthungers schweineteuere Seminare über Lichtnahrung anzubieten …  Na, ich weiß nicht.

Trotzallem glaube ich an eine Vierte Dimension, denn wie sagt Abbott so schön, den ich heute Vormittag zitiert habe:

„… ebenso wie es stimmt, dass ihr in Raumland tatsächlich eine unerkannte Vierte Dimension besitzt, welche zurzeit noch unbenannt ist.“

Tag 3 oder Tag 10?

Tag 3: Dritter Schneetag. Dass der Schnee morgen weg ist, ist nicht anzunehmen. Tja, was bleibt mir anderes, als ihn zu akzeptieren?

Tag 10: Zehnter Pilgertag für „meinen“ Jakobspilger Irgendlink. Mit Wein im Kopf, immerhin Rioja, pilgert es sich offenbar ein bisschen – hm, sagen wir einfach mal – „anders“.

PS: Ob – oder warum – ich denn Schnee nicht mag? Hm, wäre Schnee warm, trocken und weich, würde ich ihn schon mögen. Mein Auge findet ihn jedenfalls schön. Es ist bloß so, dass ich kalt, nass und hart nicht mag. Der arme Schnee kann da eigentlich wirklich nichts dafür.

bei null

Da ist dieses ätzende Gefühl von Unzulänglichkeit. Häufig, allzu häufig die Wahrnehmung, immer nur grad noch im allerletzten Moment auf den bereits fahrenden Zug aufgesprungen zu sein. Glück gehabt. Die Unzulänglichkeit bezieht sich darauf, dass ich glaube, aktuell nichts wirklich ganz tun zu können, weil ich zu wenig Zeit habe. Überall Baustellen.

Vielleicht ist deshalb mein Immunsystem in den letzten Monaten so fragil gewesen? Meine ArbeitskollegInnen haben heute in der Pause nach meinem heftigen Hustenanfall ihre wildesten Thesen, Antithesen und Projektionen für meine neuerliche Erkältung von sich gegeben. Na ja. Gut und recht, doch meine eigene ist viel  trivialer. Darum habe ich sie für mich behalten:
Ich habe die Nase voll vom ganzen Stress – deshalb läuft sie über. Ich mag nicht reden – darum huste ich. Kommt mir nicht zu nahe, ihr Lieben, sonst stecke ich euch an …

Und das obwohl ich sie mag. Alle. Vom Scheff bis zur Raumpflegerin. Tolle Menschen. Und auch die Arbeit ist okay. Doch, wie Kollegin A. neulich sagte:
Wenn du nicht gekündigt hättest, wärest du über kurz oder lang hier nicht mehr glücklich gewesen. Du brauchst etwas anderes. Dennoch werde ich dich vermissen.

Nein, dieses Hamsterrad hier ist kein schlechtes. Ich bin satt, habe schön warm, bin im Trockenen und kann meine Rechnungen zahlen. Ich habe meine vier Wände, ein Dach über dem Kopf und eine Steckdose für dem Laptop. Ein WLAN-Modem ebenfalls. Und haufenweise liebe Menschen in  erreichbarer Nähe. Und viele, viele Bücher. Was will frau mehr?

Schnitt.

Tatort: Scheffs Büro. Gestern.

Während wir zu viert um seinen Sitzungstisch hängen und eine von uns – zum Glück nicht ich – von den drei anderen, also auch von mir, nach Strich und Faden und gegen den Strich gekämmt wird, damit wir herauszufinden, ob sie als meine Nachfolgerin taugt, schweifen meine Gedanken auf einmal ab und ich höre ihre Antworten nur noch wie das berühmte entfernte Rauschen. Im Film würde jetzt der Vordergrund unscharf werden, verschwimmen, ein bisschen wackeln, schließlich verschwinden und allmählich würde das neue Bild eingeblendet werden.

Schnitt.

Es war einmal ein Spermium. Mit anderen Spermien zusammen machte es sich auf den Weg. Das Ziel war allen klar. Wer würde als erstes die Eizelle erreichen und deren Wand durchdringen um mit ihr ein neues Leben anzufangen? Nur einigen wenigen würde es überhaupt gelingen, den Eileiter zu erreichen. Unterwegs schon die erste Selektion. Das große Mehr würde im sauren Milieu der Scheide zu Grunde gehen. Gut zu wissen übrigens, dass die Spermien erst zeugungsfähig werden, nachdem bestimmte Proteine im Sperma und an den Spermien durch weibliche Enzyme entfernt wurden (Wikipedia). Von den Hunderten im Eileiter würde nur das schnellste, das gewandteste, das cleverste das Rennen machen. So gesehen sind wir alle Elite.

Das eine Spermium. Die Auswahl. Brutal. Nur eine, eine einzige, würde zukünftig dort an meinem Schreibtisch sitzen. Wir stellen ihr Leben auf den Kopf. Wir setzen einen Marchstein in ihrem Leben. Und wir wünschen uns eine, die gerne und lange dort sitzen wird. Die lange dort glücklich sein wird. Länger als ich.

Als ich in unserer kleinen Runde nach dem dritten der drei Gespräche am Dienstagabend sage, dass ich mir zwei der drei Frauen als Nachfolgerin vorstellen kann, nicken Kollegin G. und der Scheff. Wir sind uns einige. Doch auch die vier Frauen, die morgen kommen werden, haben tolle Qualifikationen. Einfach machen wir es uns nicht.

Hilfe, jetzt kommt dann eine, die noch viel besser ist als ich!, sage ich. Ihr werdet froh sein, dass ihr mich los seid. Und ihr werdet mich bald vergessen haben.

Genau!, frotzelt Kollegin G.. Und wir werden ein Fest machen, wenn du gehst. Weil wir dich endlich los sind. Wir lachen.
Nein, spinnsch eigentli!, fügt sie sofort an. Niemand hier will, dass du gehst. Ich werde rosa.

Heute am Schreibtisch. Nach der Sitzung. Der Pflichtenberg wächst über Nacht von selbst nach. Deshalb räume ich manchmal meinen Tisch so auf, dass es aussieht, als hätte ich nichts zu tun. Reine Selbstverar…ng, doch gute Instant-Medizin. Die Medizin der Illusion. Der Illusion von Neuanfang, denn danach fällt es mir jedes Mal ein klein bisschen leichter, zu arbeiten. Bei null anfangen.

Immer wieder bei null anfangen. Auch alle meine Unzulänglichkeiten auf null fahren. Gutes Gefühl irgendwie.

„Es regnete“ und andere erste Sätze

Der erste Satz ist immer am schwierigsten. Und der letzte auch. Beim Bloggen ebenso wie bei Bewerbungsbriefen. Im Leben und beim Sterben auch. Anfänge und Übergänge – herausfordernd. Neuanfänge sowieso – trotz des ihnen innewohnenden Zaubers, wie Hesse so schön schrieb (Stufen).

Den ganzen Abend habe ich an meinen Bewerbungsunterlagen gefeilt, sie auf den neuesten Stand und in online-taugliche Form gebracht. Die vielen Bewerbungen, die in den letzten Tagen meinen Schreibtisch überfluteten, haben mich inspiriert. Ein schönes Dossier zu gestalten, braucht Zeit. Ausschlag zu diesem ganz und gar spontanen Akt, mich derartig auf meine berufliche Zukunft vorzubereiten, gab das Zwischenzeugnis, das mir mein Scheff heute überreicht hatte. Ich habe beim Lesen fast geweint vor Rührung.

Die würde ich echt sofort anstellen, sagte ich und deutete auf die Zeilen, die mein Scheff über mich geschrieben hatte. Die ist ja richtig gut, die Frau. Wir grinsten. Von mir aus darfst du gerne bleiben, meinte er schließlich. Zur Antwort zuckte ich nur die Schultern.

Warum bloß zieht es mich denn immer weiter?
(Eine Frage, die ich mir nach Vormittagen wie heute nicht stelle. Die  superprovisorische und sich immer wieder ändernde, aber für heute geltende Antwort lautet: Ich hasse Stress. Und heute Vormittag war einfach alles nur stressig. Außerdem hatte ich – was nur alle zehn Jahr vorkommt – mal wieder verschlafen. Weil ich zu spät ins Bett gegangen und zuvor lange mit Irgendlink telefoniert hatte …)

Ich sammle noch immer Erfahrungen, sage ich Stunden später zu meiner Freundin C (2). Alles, was ich unterwegs auf meinem Weg lerne, ist ein weiteres Puzzleteil. Wir philosophieren über die Lebensreise und träumen uns so reich, dass wir nicht mehr für Geld arbeiten gehen müssen, sondern nur noch unseren künstlerischen Neigungen und Passionen gemäß leben können. Little-F. tanzt derweilen zu Kristofer Åström und wir Frauen genießen es, auf dem Sofa Tee zu trinken und so dem Novemberblues ein Schnippchen zu schlagen.

Den Winter finde ich zwar im Voraus jedes Mal ganz furchtbar schlimm, aber wenn er dann da ist, arrangiere ich mich ziemlich gut mit ihm. Die Gegenwart ist immer irgendwie okay, meinte Kollegin S. neulich.

Zu C (2) sage ich, dass mehr die Angst vor der Angst das Leben schwierig macht, als die Angst vor etwas konkretem und dass ich mir deshalb ganz viel Mut zum mutig sein wünsche. Mut um mein Ding zu finden und zu tun.

Wir ziehen Tarotkarten. Wow, sage ich, ich Glückspilzin. Ich freue mich auf meine Zukunft. Und über das Jetzt auch.

Einen Brötchen-Job werde ich aber wohl trotzdem brauchen, denke ich. Und darum peppe ich meine Bewerbungsunterlagen auf. Doch falls jemandem da draußen ein Geldesel über den Weg läuft, könnte es womöglich meiner sein. Bitte schickt ihn, nachdem ihr ihn gefüttert, gestriegelt und gestreichelt habt, weiter zu mir. Ich werde gut zu ihm schauen. Versprochen.

(k)eine Wollsau

Da ist dieses Bedürfnis, diesem seltsamen Bürotag einen kreativen Farbtupfer zu verleihen. Es kratzt an meiner Innentüre. Heißt mich, den Laptop einzuschalten. Drängt mich an den Schreibtisch.

Kreativ und farbtupfig? Nach so einem Tag? Wie denn – und was bitte schön? Soll ich denn einfach etwas über diesen Tag schreiben? Wen interessiert das schon?

Laut Statistik wird mein Blog ziemlich rege gelesen. Rege ist relativ, aber rege heißt auch, dass ich doch nicht einfach so drauflos schreiben kann. Rege heißt, dass ich etwas geistreiches, seelenfütterndes, kreatives, witziges oder zumindest bewegendes schreiben muss.

Doch wer will schon lesen, dass ich heute unter anderem meine sieben potentiellen Nachfolgerinnen telefonisch einladen durfte? Wen da draußen interessiert es, dass nächste Woche sieben Frauen, die bis anhin nichts mit mir zu tun hatten – und ich mit ihnen ebenfalls nicht –, nächste Woche mein Büro anschauen und sich vorstellen werden, wie es sein könnte, ab nächstem April hinter diesem Schreibtisch zu sitzen. Dass ich drei Favoritinnen habe, macht die Sache für mich nicht leicht. Ich will doch unbelastet an den Gesprächen teilnehmen und meinen Scheff gut beraten können. Jene Frau soll meine Stelle bekommen, denke ich, die am besten ins Team passt. Und die sich da auch wirklich wohl fühlen wird. Auch soll sie sich heraus- aber nicht überfordert fühlen, ihre Aufgaben lustvoll bewältigen und dabei ein ausgeglichenes Lebensgefühl haben. Und sie muss unbedingt mit einer großen Portion Humor gesegnet sein, um die Launen des Scheff relativieren können. Und vor allem sollte sie – besser als ich – auch mal Nein sagen können. Besser? Nein, sie darf nicht besser sein als ich, sonst werde ich ja keine Lücke hinterlassen. Hm. Aber schlechter darf sie auch nicht, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.

Ich muss grinsen. Einzigartig sind wir doch alle und die eierlegende Wollsau, die dazu noch Frischmilch liefert, gibt es nicht. Zum Glück. Die Unentbehrlichkeitsfalle ist eine jener Illusionen, die ich nicht erfüllt sehen will. Mein Büro wird auch ohne mich weiterexistieren. Mit Kollegin K. habe ich heute Nachmittag eine halbe Stunde statt zu arbeiten über unsere selbstwachsenden Arbeitsberge philosophiert und über die Paradoxie, die der Satz „Überstunden abbauen“ beinhaltet. Zumal es ja gerade die Arbeitsberge sind, die Überzeit entstehen lassen. Doch bauen wir sie ab, in dem wir blau machen, wachsen die Berge und wir produzieren zurück im Büro erneut Überstunden, um die alt-neuen Arbeitsberge abzutragen. Ein Perpetuum mobile der anderen Art. Eine Abwärtsspirale. Der Anfang vom Burnout. Ressourcenmangel überall. Da ist viel Arbeit zu tun. Und da wären auch viele Menschen, die auf Arbeit warten. Stellensuchende. Doch da ist kein Geld für faire Löhne. Die Pensen erhöhen würde ebenfalls Abhilfe schaffen, doch auch dazu ist kein Geld da.

Für mich, die ich bereits auf dem Sprungbrett stehe, sind solche Überlegungen bereits ein bisschen unscharf. Lieber träume ich. Vom einfachen Leben und auch ein bisschen davon, mich eines Tages von meiner Alltagskunst ernähren zu können. Wäre ich bloß mutiger. Ich schlucke leer. Wie gestern, als ich per Mail erfuhr, dass ich wieder bei einem Geschichtenwettbewerb gewonnen habe. Mit 24 anderen Autorinnen und Autoren zusammen. Und dass ein weiteres Buch – diesmal mit einer etwas längeren Geschichte von mir – im Januar erscheinen wird.

Na ja. Kreativ war das alles jetzt nicht wirklich. Wie auch, nach so einem Tag. Dafür will ich jetzt die neue Seite auf diesem Blog noch füllen. Mein Who Is Who. Einfach für den Fall, dass hier jemand mitliest und sich für mein kleines Alltagsleben interessiert.

Von Hyperlinks und anderen Metaphern

Manchmal sehe ich ihn geradezu, jenen Hyperlink zwischen meinen Gefühlen und meinen Gedanken. Und auch zwischen den Gefühlen und den Gedanken meiner Mitmenschen. Es ist diese stetige Übersetzung von Beobachtungen, Fakten, Wahrnehmungen, die wir durch den Filter unserer Lebenserfahrung fließen lassen. Die Essenz ist empathisches Sein. Nenn es Liebe. Von mir aus gerne. Denn damit ernennen wir Liebe zu mehr als einem bloßen Gefühl. Und auch zu mehr als einer auf Denkarbeit basierenden Entscheidung. Mehr und nicht nur die Summe der Einzelteile. Die Buchstaben A und B sind für sich nicht mehr als zwei Buchstaben, doch zusammengenommen bilden sie ein Wort. Eins sogar, trotz seiner Kürze, das mehrere Bedeutungen haben kann.

Unsere Welt ist ein einziges Netz, voll mit Metaphern. Doch halt! Jetzt will ich das Abendessen zubereiten. Gemeinsam mit J.. Mit reiner Denkarbeit kann ich das nicht tun. Auch durch die Kraft meiner Emotionen füllt sich der Topf nicht mit Wasser. Ein empathischer Gedanke – wir kochen uns etwas feines, das wir beide mögen – mündet in eine Handlung. So funktioniert Leben. Das ist der Punkt. Und ein weiterer Hyperlink im Gespinst des Lebens.

Alles, was an Materie von Nutzen ist, mag ursprünglich – will heißen, vor dem Gedanken, sich mittels Umsetzung der Idee bereichern zu können – aus Empathie oder zumindest aus einer Art Selbstliebe, Intuition oder Überlebensinstinkt entstanden sein. Das Ziel? Sich und anderen das Leben leichter zu machen. Ob das nun ein Koch denkt oder eine Korbmacherin, ein Bauer oder eine iPhone-Software-Entwicklerin, ist dabei einerlei.

Mit der Kunst, die nicht im materiellen Sinne nützlich ist, sondern der Ästhetik, Harmonie und unserem Bedürfnis nach Verarbeitung und Ausdruck entspringt, ist es vielleicht gar nicht so anders. Die Künstlerin ist eine, die und der Künstler ist einer, der sich und anderen das Leben schöner machen will.

Genau diese Hyperlinks zwischen Denken, Fühlen und Handeln sind es, die das Leben lebenswertvoll machen.

(letzte Woche im Tessin verfasst)

Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Sachen des Könnens kaum trauet; wer kann, ohne zu kennen, ist ein blosser Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet beides.

ist von Johann Gottfried Herder und habe ich heute hier gelesen: Coopzeitung, Editorial.

Gegenvorschlag

Von Franz Hohler

AusländerInnenrecht

(erschienen im Tagesanzeiger vom 1.11.10)

Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert:
Art. 121 Abs. 3–5 (neu)

I

3 Im Wissen darum, dass ohne sie

a. weder Häuser, Strassen noch Tunnels gebaut würden,

b. weder Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Hotels und Restaurants betrieben würden,

c. weder Abfall, Reinigung, Verkehr und Informatik bewältigt würden, bedankt sich die Schweizerische Eidgenossenschaft bei allen Ausländerinnen und Ausländern, die hier arbeiten. Sie gibt ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sie mit ihrer Tätigkeit das Leben in unserem Lande ermöglichen, und heisst sie als Teilnehmer dieses Lebens willkommen.

4 Sie hofft, dass es ihnen gelingt, sich mit den hiesigen Gebräuchen vertraut zu machen, ohne dass sie ihre Herkunft verleugnen müssen.

5 Sollten sie straffällig werden, unterliegen sie denselben gesetzlichen Bestimmungen wie die Schweizer Bürgerinnen und Bürger.

II

Übergangsbestimmungen: Dieser Gegenvorschlag bedarf nicht der Volksabstimmung. Er tritt für jedermann vom Moment an in Kraft, da er dessen Richtigkeit erkannt hat.

Quelle: Tagesanzeiger. Bild ist eingestellt im öffentlicher Bereich von Facebook (hier klicken), wo für eine Aktion geworben wird, die die Ausschaffungsinitiative kreativ bekämpfen will. Zur Aktion bitte hier klicken.

Punkt

Kaum erwacht mein Laptop – den ich  mit dem Vorsatz, eine Idee, die sich auf einem Notizzettel niedergelassen hat, in Worte zu fassen, wachgedrückt habe – aus dem Tiefschlaf, werde ich von allen Seiten abgelenkt. Bunte Icons ringen um meine Aufmerksamkeit. Zu gut wissen sie um meine Ablenkbarkeit. Soll ich nun doch zuerst Mails lesen oder vorher noch schnell meine Lieblingsblogs besuchen? Mausklick hier, Mausklick da. Oh, K. hat geschrieben, obwohl ich ihr doch noch eine Antwort schuldig bin. Und S. sollte ich antworten. Wegen der Geburtstagsüberraschung für M. Spätestens morgen. Hach, und was soll ich bloß C. schreiben? Mit Worten Mut machen fordert mich jedes Mal heraus. Aber nein, halt, ich will doch jetzt nicht Mails schreiben. Bloggen will ich. Und ich erinnere mich, wie ich heute Morgen großkotzig Kollegin A. erzählt habe, dass ich im Grunde doch eine recht disziplinierte Person sei (na ja, verglichen mit wem auch immer, wohl sehr; aber verglichen mit wem auch immer, überhaupt nicht).

So. Und darum blogge ich jetzt. Diese Zeilen hier, denn ein Bild spaziert seit Stunden im Dunkel meiner unerleuchteten Hirnwindungen und ich versuche es einzukreisen und in Worte zu fassen.

Sieh den Faden, das Netz. Nein, halt, fangen wir von vorne an: Denke einen Satz, doch nicht bloß denken: fühle ihn. Dann sieh zu, wie er Faden wird. Denke zum Beispiel: Wenn es doch bloß schon morgen wäre und mein/e Liebste/r bei mir. Der Faden fängt bei dir an und windet sich irgendwo fünf Meter über der Erde in Luftgeschwindigkeit zu ihm/r, dem/r Liebsten. Weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, ist er grün. Und weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, hat er eine Art Zugkraft. Von dir aus gehend. Nenn es Energie. Ich nenne es, um hier im Bild zu bleiben, das ich mir auf den Notizzettel gekritzelt habe, ich nenne es Faden.

Und jetzt kommt es bunt. Alle Gedanken, die ich denke plus alle Gedanken, die du denkst plus deine da draußen – und deine und deine auch –, seien, ein wirres, buntes Netz. Erlauben wir nun allen Fäden die ihnen eigenen Farbe und Zugkraft. Antagonistische Fäden in großer Zahl mit eingeschlossen.

So weit so gut. Doch nun wird es erst richtig spannend: Fast jeder Gedanke wird nämlich aus einer Art Mangel geboren. Fast jeder steht im Zusammenhang mit etwas, das wir tun sollten um einen ihm zu Grunde liegenden Mangel zu kompensieren. Konjunktiv und Futur. Pflichten denken wir, Unerledigtes, Erwartungen und Erhofftes. Dazu Erinnerungen, doch auch sie bewegen sich oft im Dunstkreis von Sehnsucht und Mangel.

Stell dir bitte das beschriebene Netz vor. Wie es ist, wie es sich bewegt. Zugkraft sei Bewegung. Das Netz wackelt ganz schön. Es vibriert. Und weißt du auch wieso? Weil jeder einzelne Faden, weil das ganze große Netz, das alle und alles verbindet, nach Ausgleich schreien. Nach Harmonie, um es vereinfacht zu sagen. Nicht zu verwechseln mit „Heile Welt“.

Ich meine den Punkt. Die Mitte. Die Null. Alles sei Null, heißt es in einem meiner Lipogramme, die ich früher mal gebloggt habe.

So stelle ich mir das Ende manchmal vor. Meins. Und deins auch. Alle Enden: Punkte. Viele Worte, viele Gedanken, viele Handlungen, viel Lachen und viel Leben … und dann ein Punkt.

Wettbewerb

Da war dieser Artikel, neulich, in der wöchentlich erscheinenden Konsumentenzeitung, die das Große M herausgibt. Nein, kein Artikel wars, sondern der Aufruf zu einem kreativen Wettbewerb. Einem weiteren kreativen Wettbewerb. Einem von den vielen, die es neuerdings überall gibt. Musikalische oder andere Projekte sind gefragt. Es lebe die Kunst. Fotowettbewerbe, Schreibwettbewerbe … Der Individualität und Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.

Bring deins! Und weiter geht’s nach dem Motto, wer sich am besten selbst darstellen UND am meisten Stimmen fischen kann. Das Publikum soll entscheiden, wer gewinnt. Wir. Die Macht der Basis. Wer‘s glaubt. Ich bezweifle, dass der oder die beste gewinnt, denn letztlich geht es vor allem darum, wer am meisten Fans sammeln kann. Wer sich am besten verkaufen kann. Wie im richtigen Leben. Was sage ich da? Wie? Das IST das richtige Leben!

Und wir sind alle nett zueinander und klopfen uns auf die Schultern. Solange zumindest bis wir uns gegen eine Konkurrenz behaupten sollen. Immer und überall. Selektion. Auslese. Autsch. In der Wochenzeitung des Großverteilers mit den vier orangen Buchstaben war heute von einem Kindercasting für ein Musical die Rede. Hach, diese hübschen Mädchen aber auch! Nicht größer als einsvierzig dürfen sie sein. Und singen müssen sie können. Und das taten sie. Mit großen Hoffnungen. Vor der Jury und vor laufenden Kameras. Wie sie sich wohl fühlten? Voller Träume. Große Träume, rosa Träume. Träume von Ruhm und Ehre, von Anerkennung … tja.

Selbstdarstellung – dein Name ist Illusion.

Ich sei bloß frustriert, weil ich selbst keine sehr gute Selbstdarstellerin sei? Nein, glaube ich nicht, denn ich will ja auch keine gute Selbstdarstellerin sein. (Notiz an mich: Falle ich bloß nur immer wieder in die Falle der Selbstverars..ung?)

Schnitt.

Nun treffen täglich neue Bewerbungen ein. Meine Stelle ist zu haben. Und sie scheint begehrt zu sein. Ebenfalls täglich erhalte ich Mails und Anrufe von Kolleginnen und Kollegen, die meine Kündigung für Ende März sehr bedauern. Ein schöner Verlust, meinte Kollege A.. Dennoch beglückwünschen mich alle zum Mut zum neuen Schritt und wünschen alles Gute (nein, mehr verrate ich hier noch nicht).

Mein Scheff leidet und betont bei jeder unpassenden Gelegenheit, dass ich unersetzlich sei. Und wie! Und dass die Neue bestimmt nicht … so wie ich … Nein, das wird sie nicht. Sage ich. So nicht, aber anders, anders gut. Sage ich ebenfalls. Keine wird mich so gut verstehen, sagt er, so gut wie du. Ich grinse. Männer!, denke ich.

Ooops, also doch. Selbstdarstellerin, ich, was zu beweisen war.

Dabei wollte ich doch bloß von diesem Wettbewerb in der Konsumentenzeitung vom Großen M erzählen. Da sollen nämlich wir weichgekochten Konsumenten (Frauen vermutlich auch mit gemeint, wie ich mal annehme) ein neues Produkt erfinden. Cleverer Trick, echt clever. Hut ab vor diesen Werbefuzzis. Da dürfen wir alle also neue Bedürfnisse erfinden! Jippie, was für eine Ehre! Und wir dürfen auch gleich noch das Produkt dazu erfinden, um den neugeschaffenen Hunger zu stillen. Einen Hunger, notabene, der noch nie da war. Clever, wirklich, die Typen. Und die Erde dreht sich doch.

Konsumenten (Frauen wohl auch mit gemeint), rufen sie, wenn ihr wacker weiterkonsumiert, dreht sie sich immer schön weiter (und wir merken dabei gar nicht, dass wir alle vor die Hunde gehen).

Wer hat da „Wir wollen ja bloß deine Seele!“ geflüstert?

Tja, da möchte ich doch glatt ein tolles Produkt erfinden, dass es noch nicht gibt. Ein Serum, das uns hilft, wirklich zu leben, wahre Emotionen und Bedürfnisse zu fühlen, klare Gedanken zu denken und sich selbst treu zu sein. Genau. Doch die Zutaten dazu gibt weder im Großen M noch im orangen Vierbuchstaben. Unbezahlbar sind sie. Und ganz und gar kostenlos …

Wir alle haben die Wahl

Ihr erinnert euch bestmmt alle an die Minarettinitiative und an das peinliche Signal, das wir damals nicht nur nach innen, sondern auch nach außen gesetzt haben, wir stimmberechtigten Schweizer und Schweizerinnen.

Bald haben wir die Gelegenheit, ein neues, anderes Signal zu setzen und Gegensteuer zu geben.

Die SVP will uns mit allen Mitteln der „Illusionskunst“ neue falsche Feindbilder einimpfen, die leider oft durch ihre Wort- und Bildsprache nicht hinterfragt werden: Ausländer sind alle kriminell, heißt das lauteste.

Als Angestellte eines Hilfswerks weiß ich, dass dieses Bild einseitig ist. Lassen wir uns also bitte nicht Sand in die Augen streuen! Tatsache ist, dass das gängige Gesetz bereits restriktiv genug ist!

Sogar im Gästebuch von Patent Ochsner werden Fragen zur Abstimmung diskutiert. Büne nimmt dazu in seiner gewohnt poetischen Sprache wie folgt Stellung:

LIEBE FREUNDE

DIE STATISTIKER HABEN ES UNS IN DEN LETZTEN TAGEN DEUTLICH UNTER DIE NASE GERIEBEN. WÜRDE HEUTE ÜBER DIE VON DER SVP LANCIERTE AUSSCHAFFUNGSINITIATIVE ABGESTIMMT, WÜRDE SIE ERSCHRECKEND DEUTLICH ANGENOMMEN. DASSELBE GILT AUCH FÜR DEN GEGENVORSCHLAGT.

LASSET MICH RUFEN MIT DER GANZEN KRAFT MEINER LUNGEN INS HELVETISCHE VATERLAND:

„GEHET HIN, IHR DIE DA REINEN HERZENS SEID, UND WERFET EIN IN DIE URNEN EURE STIMMZETTEL MIT ZWEIFACHEM NEIN!!! DENN WIR WOLLEN NICHT SEIN EIN LAND VON INTOLERANTEN, RASSISTISCHEN UND UNFLÄTIGEN SCHOFSECKEL. ÜBERLASSET NICHT DAS FELD DEN DUMPFBACKEN UND DEN ANGSTHASEN, DIE DA SEICHEN IN IHRE KUTTEN VOR LAUTER HERRJESSES.“

BITTE!

Quelle: http://www.patentochsner.ch/gaestebuch.php