Von Schattenrissen und Dämonen

(Da war diese Klammer am Anfang des Textes. Was drin stand hatte ich vergessen). Mit diesem Satz bin ich heute erwacht und schrieb ihn sofort auf. Vielleicht ist es der Anfang einer neuen Geschichte.

Schnitt.

Am letzten Wochenende bei Irgendlink habe ich in meinem Notizbuch gekritzelt: Wie schnell wir uns doch an neues gewöhnen. Vor einem Jahr stand hier noch der alte, nun steht da der moderne Holzofen, Etna genannt, und weder J. und ich können uns erinnern, wie es vorher war. Höchstens ein bisschen noch, aber nur theoretisch. Neues schiebt sich so schnell in unseren Alltag. Neues wird sofort normal. Wir sind unglaublich mutationsbegabt.

Schnitt.

Heute Morgen, noch im Bett, las ich im Krimi „Eine ganz andere Geschichte“ von Hakan Nesser, den ich eigentlich schon mal gelesen, nun von einer Kollegin ausgeliehen und erst beim Lesen wiedererkannt hatte. Ich lese das Buch stellenweise quer, dennoch will ich nochmals durch die Story gehen, weil ich mich nicht mehr an die Lösung erinnere. Und weil mich der Fall fasziniert. Und weil ich Nesser gerne lese. Auch mag ich den Barbarotti und wie seine Liebe zu Marianne, diese reine und beide verwirrende Emotion, beschrieben wird. Mein Scheff fand das Buch „na ja“. Ich habe es schon beim ersten Mal verschlungen, doch leider vergessen, wie der Fall gelöst wurde. Ob ich wohl zu viel lese?

Ich zitiere Kommissar Barbarotti: Den Feind zu dämonisieren gehört zu den üblichsten, den allerbilligsten Fehlern. Das war der Bodensatz jedes Rassismus, jeder Fremdenfeindlichkeit. (S. 149, TB-Ausgabe)

Schnitt.

Gestern habe ich eine spezielle App aufs iFöun geladen, eine App, die das Bild automatisch richtig belichtet. Funktionieren tut das so: der in die App integrierte Fotoapparat misst zuerst, manuell oder automatisch, den dunkelsten und den hellsten Punkt auf dem geplanten Sujet. Danach nimmt er kurz nacheinander zwei Bilder auf. Die werden miteinander verglichen und kurz darauf wird mir ein Bild mit den mittleren Werten angezeigt, das ich sogar noch nachbearbeiten kann. Über die Gegensätze, über die Extreme finden wir in die Mitte, zum Gleichgewicht.

Als ich das meiner Freundin K. in einer Mail erzählte, da mich das Prinzip fasziniert, schrieb sie zurück: So wird nun nicht nur die Technik von uns entwickelt, nein wir lernen auch von der Technik. Also immer zwei Bilder machen, das Schönste und das Schlimmste, und dann in der Mitte leben. Weise Frau, meine liebe Freundin K..

Ob Freund oder Feind, hell oder dunkel, alt oder neu, ungewohnt oder vertraut: Erst Schatten und Licht zusammen machen ein Bild – und das Leben – dreidimensional und lebendig. Alte FotografInnen-Weisheit …

Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

immer wieder

Ich fahre durch die Konsumstraße, wo früher Freundin B. wohnte, stadteinwärts. Wie schon so oft. Feierabend. Donnerstag. Abendverkauf. Einkaufen will ich. Sollte ich. Unter anderem ein Geburtstagsgeschenk für L..

Die gleiche Straßen wie immer. Im gleichen Takt wie immer. Wie oft jedenfalls. Feierabendtakt. Wie immer, wie immer, wie immer, echot es in mir. Ein Tag wie jeder andere war das. Einer wie immer. Und schon sind wieder drei Viertel des Neuen Jahres vorbei. Altes Jahr.

Immer gleich, immer gleich, immer gleich. Entschuldigt bitte, wenn ich mich wiederhole. Aber, sagt mal ehrlich, ist es denn nicht so? Es herbstelt. Wie immer. Dann kommt Winter. Weihnachtsrausch und Buchhaltungsabschlüsse. Wie immer. Sag ich doch! Frühling wird‘s werden – wie immer. Blüten, Blätter, grün überall. Dann Sommer. Entblätterungen der andern Art. Wie immer.

Die Buchhändlerin im Großen Laden ist zu bedauern, sie und alle ihre Kolleginnen. Zwei Stockwerke unter der Erde arbeiten sie. Immer. Ohne Tageslicht. Sie klagt über die schlecht Luft. Lächelt dennoch freundlich. Ich zahle und darf gehen. Ans Tageslicht. Abendlicht. Es dunkelt bereits ein und regnet leise. Ebenso leise kriecht mir Herbstblues den Rücken aufwärts, setzt sich auf meinen Nacken und flüstert: Was soll‘s, das Leben? Du hast längst alles gesehen. Schon so oft. Nichts neues mehr.

Ich radle heimwärts. In meiner Einkaufstasche im Fahrradkorb hinter mir liegen fünf Farbtuben. Die Primärfarben plus schwarz und weiß. Größere Tuben als jene, die ich  zuhause habe. Der Virus vom Wochenende hat auch mich noch immer im Griff. Da ist diese Lust etwas neues zu schaffen. Immer wieder.

wenn ich alt sein werde, vielleicht

Der Countdown läuft. In einer Stunde bin ich schon fast im Büro. Ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche mich abzulenken und die Nervosität auszutricksen, indem ich die Zeit, bis ich gehe, gut nutze. Geschlafen habe ich zwar gut, aber wenig. Lag schon früh wach. Kopfkino, wie meine Freundin U. das nennt.

Was muss noch getan werden, was habe ich noch vergessen? Das Fest stampft wie ein Elefant auf mich zu. Ich fühle mich klein und überfordert. Schreibe schließlich Zettel mit letzten ToDos, nehme eine Baldriantablette und Notfalltropfen. Bringt nicht viel. Später Yoga. Tut gut. Dann ein Entspannungsbad am Morgen – ein Novum. Hat gegen Nervosität nicht viel genutzt. Puls 85 oder so. Eine SMS vom Scheff, dass ich doch bitte noch …, trägt auch nicht eben zu meiner Entspannung bei.

Schließlich Tagebuchschreiben, Schreibtischzettelaufräumen und Minuten zählen. Wann muss ich mich bereit machen? Wann ziehe ich mich um? Wann fahre ich los? Im Büro muss ich noch den Laptop samt Beamer holen. Und die Blume, die bestellten, unterwegs. Worstcase wäre, denke ich, wenn jemand mein Auto überfallen hätte. Was ich nicht hoffe. Natürlich nicht. Wäre schade für den Grappa. Und so.

Auf dem Schreibtisch Traumnotizzettel, die ich abtippe. Mich erinnernd und zusammenreimend, was ich mit den wochenalten Stichworten gemeint hatte.

In einer Traum-Szene, die ich auf einem Zettel festgehalten habe und nun entziffere, war ich verwirrt. Ich hatte sogar vergessen, meine Briefkästen – es waren gleich zwei, die mir gehörten und einander gegenüber angebracht waren – zu leeren. Sie waren allerdings auch wegen Gitterdrähten sehr schwer zugänglich und steckten voller Zeitungen. Überbordende Ungelesenheit.

Während ich diese Zeilen in mein Tagebuch abtippe, frage ich mich, ob ich das je einmal lesen werde.

Werde ich, wenn ich alt bin, meine Tagebücher hervorkramen, auch die fehlenden aus meinen ganz schwierigen Jahren, die ich vielleicht irgendwann irgendwo wiederfinden werde?

Werde ich später Lust haben in mein heutiges Leben einzutauchen?
Vielleicht werde ich mich erinnern wollen.
Vielleicht werde ich alle Bücher verbrennen.
Vielleicht schreibe ich – wie in einem Gedicht, das ich am Dienstag vorgelesen habe – wirklich nur für das große schwarze Loch, für den Augenblick.

Und weil mir schreiben Spaß macht.

So what?

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Undichtbar

Ich schreibe für das große schwarze Loch.
Für den Augenblick.
Für das Vergessen.
Für mich.
Für dich.
Für jetzt.

Schwupps. Und schon vorbei.

Die Dichte der Dichtung
an der Webkante meiner Gewebe gebrochen
scheiβt Buchstaben
die wir verschlingen
noch und noch
und noch
ohne Punkt
und
ohne Komma
ohneLeerschlagsogar
Schnell
schneller
noch schneller
verdauen wir
kaum noch
all die
Buchstabenbilder
Buchstabengebilde
Buchstabengewebe
schlucken sie herunter
würgen manchmal
weil sie
uns
im Hals stecken
bleiben
und uns
danach
schwer im Magen liegen…

Sorry, doch dieses undichte Gedichte muss hier fertig sein,
denn ich muss mal …

(2.9.200(EDIT)9, ebenfalls in diesem Blog)

Gemurmel

Ich schlafe zurzeit seltsam. Sehr unruhig, sehr bewegt und voller Träume, die nicht hängen bleiben. Ideen verdichten sich ganz kurz zu einer Aussage und ziehen unausgesprochen weiter, ohne Fingerabdrücke und Erinnerungen zu hinterlassen. Als sei alles irgendwie flüchtig. Auch der Alltag. Vieles läuft parallel und berührt mich kaum. Flüchtig alles irgendwie. Flüchtig wohl deshalb, weil ich mich davor fürchte, eine Idee weiterzuverfolgen, sie zu verdichten und in die Materie zu holen? Was wäre wenn …?, denke ich oft. Und dass im Grunde alles Konjunktiv ist. Das meiste jedenfalls. Nicht vielen Gedanken gelingt es, materiell zu werden. Ein neues Gefäß zum Beispiel. Dann Altglas.

So gedeihen mal wieder ganz viele flüchtige und unfassbare Kopfgeschichten. Aus allem und jedem, das an mir vorbeischwebt, spinne ich Histörchen. Die im Konjunktiv bleiben natürlich. Kaum einer gelingt es, auf Papier Gestalt anzunehmen. Kaum eine schafft den Weg über meine Finger auf meine Festplatte. Nicht mal der Regenwurm im Regentopf – den es nicht gibt. Oder doch? Und wenn, was dann?

So, jetzt geh ich mein Altglas entsorgen – der Psychohygiene wegen und so … Das erdet. Einkaufen ebenfalls.

A little Byte …

Meine neue externe Festplatte, die ich zum Schnäppchenpreis im Internet gefunden habe, fasst sage und schreibe anderthalb Terabytes. Sind anderthalb Millionen Millionen Bytes. Ein Byte mit zwölf Nullen. Nein, ich will hier weder über die Wunder der Technik schwärmen noch über unseren Machbarkeitswahn lamentieren …

Nur dies: wäre ich ein kleines Byte, eins ganz ohne Nullen hintendran, vielleicht der Splitter einer klitzekleinen Textmail oder einer Datei wie dieser hier, würde ich mich jedenfalls auf dieser riesigen neuen Festplatte schrecklich klein fühlen. Bin aber nur ein klitzekleiner Mensch, dafür auf einer riesigen, uralten Kugel, doch auch hier fühle ich mich manchmal schrecklich klein. So zoome ich bisweilen von Weitwinkel auf Tele. Wähle einen Ausschnitt. Wähle ein Stück Erde, das mir Geborgenheit gibt. Wähle ein paar Menschen, ebenfalls klitzekleine Bytes auf diesem grünblaugrauen Rund hier, und schon fühle ich mich wohl.

Damit sich nun die ersten kleinen Bytes auf meiner riesigen leeren Platte nicht so einsam fühlen, schiebe ich nun laufend neue Daten auf das Ding. Alle meine Texte haben es sich dort nun bequem gemacht. Sie wurden von der alten, hundertelf Gigabytes fassenden Festplatte auf die neue verrückt. Verrückt, jawohl. Verrückt auch, dass Texte wie dieser hier, auf einem Textdokument wie Word entworfen, weniger wiegen als dreißig Kilobytes. Ein ganzes dickes Buch? Sagen wir mal fünfhundert Kilobytes. Nicht wirklich viel …

Und was wiegt eine Seele? Einundzwanzig Gramm geht das Gerücht. Und heißt auch ein Lied der Ochsen. Meine seit vielen Jahren liebste Berner Rockband wagt am Samstagabend das einmalige Experiment, mit dem Berner Symphonieorkester auf dem Bundesplatz gemeinsame Sache zu machen. Auch der wunderbare Song „21 Gramm“ werde klassisch interpretiert. Opulent und pathetisch klinge er, meinte Frontmann Büne in einem Interview, das ich heute in der Berner Kulturagenda auf der Titelseite gelesen habe ( >www.kulturagenda.be > Ausgabe Nr. 34).

Das besagte Lied, eben jetzt von A nach B verschoben, wiegt immerhin vierkommasiebendrei Megabytes. Ob das mehr oder weniger sind als einundzwanzig Gramm, weiß ich leider nicht. Klingen tut das Ganze irgendwie so, ist aber leider ziemlich ne miese Aufnahme …

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=COOzaCXRRU8]

eigentlich #2

Eigentlich könnte ich so tun, als wäre heute ein Reisetag gewesen. Wie vor einem Monat, als wir durch Schweden reisten. Ich könnte eigentlich über das heutige Stück Weg schreiben.

Wie ich da so mit iFöun und hochgelagerten Beinen, müde, auf dem Sofa sitze, kommt Ferienfeeling auf. Ich könnte ja einfach so tun, als wäre ich den ganzen Tag statt durch Excel-Tabellen und über Papierberge geklettert, durch Wälder, Wiesen und Hügel gefahren. Statt mit nervigen Klientinnen zu telefonieren, stelle ich mir vor, ich hätte mich mit Zeltplatznachbarn über – sagen wir mal – das Wetter unterhalten. Und schon kehrt die Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit zurück, mit der ich vor einem Monat auf der Mini-Tastatur schreiben konnte. Denn um den Laptop nach neun dicht gefüllten Bürostunden aufzustarten, bin ich zu müde.

Oops, was sag ich da? Büro? Weit-weit weg! Wo ich doch auf Reisen war – eigentlich. Kopfreisen. Alles, das meiste jedenfalls, und ganz besonders Probleme, bauen wir in erster Linie in unseren Köpfen, sagt mein Liebster zuweilen. Wenn wir sie im Kopf weben, dann können, ja, müssen wir sie auch im Kopf entwirren. Sage ich. Eigentlich. Ebenfalls im Kopf fangen alle unsere Reisen an.

Die Phantasie ist die Straße zwischen Kopf und Bauch. Keine Schnellstraße, nein, sondern eine ungeteerte Schotterpiste. Ohne Wegweiser. Es braucht Mut, sie einzuschlagen, da wir nie wissen können, wohin sie uns führt. Wie dieser Text. Denn eigentlich – wie schon der vielversprechende Titel verrät – wollte ich ja was gaaanz anderes schreiben. Nur etwas ganz kleines.

Eigentlich wollte ich von euch ja bloß einen Tipp. Ich rätsle nämlich seit gestern an einer alles entscheidenden Frage herum:
Ist das Blog die Eintagsfliege oder ist das Blog die Erdbeere der Literatur? Oder wie wäre es mit der Spargel? Na ja, das ist wohl einmal mehr eine der ganz großen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. *seufz* Ich jedenfalls werde wohl kaum erfahren, ob ihr jetzt gleich mit der Fliegenklatsche euren PC traktiert.

Erdbeere wären mir ehrlich gesagt lieber.

Von Punkten, Zahlen und anderen Zeichen

Zahlen zählen ganz schön. Ohne sie wären wir arm dran. Wenn wir viele von ihnen haben und dazu schön schwarz, können wir Brot kaufen und Joghurt, Käse und Benzin. Bücher mit noch mehr von ihnen drin, auf jeder Seite mindestens eine. Dann zwei und schließlich drei. Und wenn es ganz dick kommt, vielleicht sogar vier. Ohne Zahlen wüsste ich nicht, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Die Zahl auf der Waage ignoriere ich gerne, zumindest ihre Aussage, und jene auf der Tafel in den Bergen raubt mir im ersten Augenblick den Atem. Allerdings nicht die Zahl, wenn ich es mir recht überlege.

Bei mir riechen Zahlen. Und sie haben eine Farbe. Diese Farben können nur wenige sehen und riechen können sie noch weniger. Nein, das ist weder esoterischer Quatsch noch etwas Krankhaftes. Auch nix, worauf ich stolz sein müsste. Einfach so ein Phänomen, dem die Wissenschaftlerinnen und Forscher sogar einen schönen Namen gegeben haben. Sorry, leider habe ich ihn vergessen. Egal.

Bei mir jedenfalls ist die Eins weißgelb und sechs graubraun. Sieben orange. Neun türkisblau. Manchmal wechseln die Farben, manchmal bleiben sie ganz weg. Jetzt zum Beispiel, wo ich hier sitze und schreibe, ist die Drei farblos. Ich rieche die Farben zwar nicht, aber ich schmecke sie in jenem Moment, wo ich ihre Farben sehe. Eins ist salzig, wie Aromat, das ich als Kind pur auf dem Brot mochte. Umgekehrt funktioniert es meistens nicht. Ich kann nicht violett denken und mir dazu die passende Zahl vorstellen. Auch den Geschmack nicht.  Auslöserin für das Riechen und Farbensehen ist bei mir immer die Zahl.

Seltsam, dass diese Kritzeleien, diese Striche mit Beulen, Bäuchen und Kreisen eine Jahrtausende alte Tradition haben, dass sie per Definition etwas bedeuten, einen Wert darstellen. So und so viel. So und so wenig. Obwohl es nur Striche sind. Zeichen.

Zeichen gibt es viele. Wolken am Himmel, Steine auf dem Weg. Zeichen machen Hoffnung, nähren Erwartungen, dienen als Omen. Irrationale Symbole, die durch unsere Träume schleichen, eine verschlüsselte Botschaft vermitteln, entschlüsselt den banalen Alltag erhellen können. Zeichen –Figuren, die ein kleines Kind in den Sand streichelt, in den Schnee stampft. Zeichen – Brücken zur Schrift. Mittel zur Kommunikation.

Was war zuerst? Der Satz oder das Satzzeichen? Das Wort, die Schrift oder das Fragezeichen? Oder gar zuerst der Doppelpunkt?

Nach einem Doppelpunkt ist alles möglich. Eine Aufzählung. Eine direkte Rede. Eine Geschichte. Ein Abenteuer. Auch nach einem Punkt ist alles möglich, doch einen Punkt setzen wir eher, um etwas abzuschließen. Anders als ein Komma, das weitere Möglichkeiten einleitet, hat der Punkt es so an sich, dass er etwas vollendet, abhakt. Und das Ausrufezeichen? Allzu viel davon ist ungesund, doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort, kann das Ding nicht schaden …“

Gopf, und jetzt müsste ich noch irgendeinen kleinen klugen Schlusssatz haben.  Ach so, darum habe ich diesen Text, den ich in meinen Archiven, die ich nach einem für die Septemberlesung tauglichen Text durchforste, gefunden habe, nicht längst schon gebloggt. Es ist einer meiner vielen Texte ohne Schluss. Ohne Pointe. Nein, so geht das nun wirklich nicht … eine Pointe muss her! Der Kreis muss geschlossen werden …

Unbezahlbar, so ein letzter Satz. Wie ein Gutenachtkuss, wie ein letztes Winken, wie wie wie  …

Doppelpunkt

konservieren

Den Tag mit hängen verbringen bis der Po weh tut. Im Bett. Auf dem Sofa. Krank. Fieber wieder. Sorgen bringen nix. Borreliose doch nicht gebannt?, geht’s mir dennoch durch den Kopf, trotz der Antibiotika?

Thriller lesen, ohne Pause, sogar auf dem Klo und danach endlich mal all die auf später verschobenen Mails schreiben. Schlappheit verdrängen, denn ich will nachmittags trotz Müdigkeit nicht schon wieder ins Bett, sonst kann ich Nachts nicht schlafen.

Abends dann endlich Irgendlinks und meine Reiseblogartikel in eine Art Buch umgebaut, chronologisch, mit Bildern. Will ich bald mal ausdrucken und binden/leimen lassen. Hat richtig Spaß gemacht. Bücher mach ich am liebsten.

Nun ruft das Kissen. Bin grad in einer nicht sehr kreativen Phase. Eher am konservieren und so.

Danke für die Kommentare, liebe Gabriele und auch andere … lesen und mich freuen tu ich sie immer, aber manchmal bin ich zu faul zum antworten …

(Kann frau so was bloggen? Hm … na ja … können schon, aber sollen? Dürfen?  … na ja, ich tu’s einfach …)

beides

„Kaum ist der Kühlschrank voll, ist er auch schon wieder leer. Kaum ist das Gras geschnitten, ist es auch schon wieder hoch. Kaum ist die Wäsche gewaschen, ist der Korb schon wieder voll. Kaum hat ein Tag begonnen, ist er auch schon wieder vorbei“, sofasophiert meine liebe Freundin K. in ihrer heutigen Mail.

Später fragt sie mich: „Wie willst du wissen was Fülle ist, wenn du nicht weißt, was Leere heißt? Wie willst du wissen, was Liebe ist, wenn du nicht weißt, wie es ist, wenn sie fehlt? Wie willst du dir sicher sein, wenn du nicht den Zweifel kennst? Wie Nähe leben, wenn du nicht auf Distanz gehst?“

Wie ein Echo zu meinem gestrigen Bloggespinst!, denke ich, während ich mir ihre Worte auf der Zunge zergehen lasse und das Wunder und Geheimnis der Gegensätze rieche.

Unvermutet taucht das Gefühl von heute früh wieder auf und der Geruch von Sommermorgen. Auf meinem Meditationshocker sitzend, die Sonne im Gesicht, las ich einen kleinen Text über das Schöpfungsmythos und die Schöpfungsgöttin der Cherokee. „Walk in beauty“, las ich, ist seit jeher das Credo dieses Stammes, „schreite in Schönheit“.

Das Fenster schwang auf und meine Seele flog durch Zeit und Raum. Da saß ich nun auf einer hohen Felsnase und blickte in die unendliche Ferne. Weit und breit kein Mensch, kein Haus. Nichts, dass auf die Existenz von Menschen hindeutete. Nur Natur. Unendlichkeit. Stille. Weite.

Uralte Erinnerungen an eine andere Zeit.

Gleichzeitig hier und dort sein – zuweilen geht es, denn alles ist mit allem verwoben. Gleichzeitig den leeren Kühlschrank bedauern und den vollen Tisch genießen. Gleichzeitig ruhig und gewiss sein, dass alles gut ist, so wie es ist und zugleich meine Werke in Frage stellen. Auch das geht. Über allem dieser Bogen aus Geborgenheit trotz aller Unsicherheit. Unter allem dieser Boden aus Vertrauen ins Leben, obwohl ich doch weiß, wie zerbrechlich es ist. Ein Gegensatz mehr. Und ein Geheimnis auch.