Fallmaschen II

Meine (Sehn-)Sucht nach schönen Erlebnissen, nach Schönheit, nach heilsamen Erfahrungen ist es, die mich immer wieder stolpern lässt. Stolpern über die Alltagshässlichkeiten. Wobei natürlich alles eine Frage der Sichtweise ist. Und der Wertung.

Ich ertappe mich, wie ich gerne an vergangenen, schönen Erlebnissen andocke. Ich baue mir ein früher erlebtes Setting neu auf, um vergangenes ins Jetzt zu transponieren. Ich sehne mich zum Beispiel an einem bestimmten Ort nach genau diesen Menschen von damals, was sich genau so und so anfühlte und mir damals so gut getan hat. Ort kann durch Musikstück oder Film oder was auch immer ersetzt werden. Nicht ganz ungefährlich, diese Illusion der Wiederholbarkeit! Damit öffne ich Enttäuschungen eins ums andere Mal Tür und Tor.

Ohne Wertung und ohne Erwartung keine Enttäuschung – eine einfache Gleichung. Am besten, ich höre also damit auf, vom Leben und anderen Menschen, Ereignissen und Orten etwas zu erwarten und fange endlich damit an, zu leben.

Leben lässt sich nicht hamstern. Lebenszeit lässt sich nicht konservieren, klauen, schenken, verschenken und festhalten.

aus alt mach neu

Alles schon dagewesen. Das entjungferte neue Jahr präsentiert sich uns grau und verkatert wie wir gestern auf Geocache-Suche durch die Dörfer fahren. Überall liegt Müll. Vorwiegend Müll von Feuerwerkskörpern. In der Schweiz, so doziere ich, gibt es professionelle Feuerwerke und die werden an ausgewählten Orten inszeniert und recycelt. Oder zumindest fachgerecht entsorgt. So was wie hier – ich zeige dramatisch auf den nächsten Müllhaufen am Straßenrand – gibt es bei uns nicht. So schöne ich mir zuweilen meine Welt zurecht. Jenseits des Zaunes ist ja immer alles besser. Doch letztlich ist alles eine Frage der Perspektive.

Jahr für Jahr erliege ich der Illusion, Altlasten im alten Jahr belassen zu können. Ängste vor all dem Unabsehbaren, das auf mich wartet, zum Beispiel, Sorgen auch und all das ganze Zöix, das alt und neu auf meinem Schlauch liegt. Aber nein, kaum habe ich den unvermeidlichen Schritt ins Neue Jahr getan, ist dieser alte Müll auch schon mitgehüpft. Lässt sich denn das Ganze nicht irgendwie sinnvoll recyceln? Oder müsste das alles nicht gar zum Sondermüll?

Das ewige Hamsterrad von Werden und Vergehen. Wie Leben wohl wäre, wenn wir Zugriff zu unserer persönlichen delete-Taste hätten? Wäre ich so und hier wie jetzt? Und du? Und wäre es anders besser?

Jahresanfang auf den einsamen Gehöft …

Panorama aus dem Irgendlinkschen Küchenfenster, am 2. Januar.
Was so ein bisschen Sonne doch ausmacht?

knöcheltief

Auf Cachetour. Auf dem Rückweg – es dämmert bereits und den Cache haben wir nur dank meiner Stirnlampe gefunden und loggen können –, kürzen wir ab. Statt wie auf dem Hinweg der arschglatten Straße zu folgen, gehen wir wortwörtlich querfeldein. Durch knöcheltiefen Schnee. Ein absehbares Stück. Ich folge Irgendlink.

Ich habe die Wahl zwischen dem Gehen in seinen Fußstapfen, was zwar einfacher zum Schreiten ist, mir aber längere Schritte als meine üblichen abverlangt, oder aber ich gehe im eigene Takt, muss mich dazu jedoch mehr anstrengen um Fuß für Fuß jeweils wieder aus der nassen knöchel- bis knietiefen Schneematschpampe zu heben.

Mal tue ich das eine, mal das andere. Und wie im richtigen Leben bin ich froh, in der Kälte und Dunkelheit nicht allein zu sein.

Noch mehr Grenzen

Die Haut zum Beispiel. Grenze zwischen innen und außen. Wird sie verletzt, blute ich. Piekse ich einen anderen Menschen, blutet dieser ebenfalls. Materielle Grenzen sind einfach gezogen, schnell definiert. Meine Wohnung. Mein Auto. Mein Büro. Gezogen im Kopf. Definierter Besitz.

Höre ich Grenze, assoziiere ich Respekt.

Gestern Abend, zum Glühwein bei meinen Freunden M. und A. habe ich von der Schneeballtheorie erzählt, die ich mir mal zusammengereimt habe. Oder habe ich darüber bloß irgendwo gelesen? Möglicherweise. Vielleicht in meinem eigenen Tagebuch? Auch möglich. Item.

Grenzen wäre demnach das erste Wort, das ich in die Mitte schreibe. Auf ein großes Blatt Papier. Das erste Wort gebärt zwei neue Wörter, die mit dem ersten sinnverwandt sind. Respekt, wie gesagt, das erste und Kontrolle – als Beispiel – das zweite. Nun weiter: Respekt gebärt auf meinem Blatt Papier Rücksicht und Sorgfalt. Kontrolle gebärt Angst und Druck. Und so weiter. Kannst es ja gleich selbst machen. Ein Wörterschneeball, der immer grösser wird. Am Schluss haben die Wörter, die ganz außen kleben nichts mehr mit dem Innendrin-Wort zu tun.

Grenzen. Die Materie macht es sich einfach, sie verdichtet sich und ist sichtbar begrenzt. Schwieriger ist es da mit den nichtmateriellen Grenzen, diffus wie sie nun mal sind.

Um Schutz geht es letztendlich, wenn wir Grenzen sagen, rätsle ich. Schutz gebärt die zwei Wörter Selbstschutz und Gefahr. Der Schneeball wächst.

Warum wir uns vor anderen schützen müssen? Eine Aufgabe, die mancher Mutter, manchem Vater Kopfzerbrechen bereitet.

Warum gibt es böse Männer?, habe ich damals gefragt. Ein Mädchen war verschwunden, keins, das ich gekannt hatte, doch keine hundert Kilometer entfernt, in meinem Alter, und alle Eltern alarmiert. Später, als es tot gefunden worden war – vergewaltigt, wenn ich mich richtig erinnere –, wuchs der Erklärungsnotstand ins Unermessliche.

Selbstschutz gebärt Verletzungen und Wachsamkeit.

Mein Leben, so schrieb ich eben in einer Mail, mein Leben ist wohl heute eine Mischung aus Selbstbestimmung und Fatalismus.

Und jedes Wort gebärt zwei neue Wortkinder. Fatal vielleicht.

Haut gebärt heute die beiden Wörter Berühren und Streicheln. Auch nicht schlecht.

Noch dreimal schlafen, flüstere ich mir zu. Noch dreimal schlafen, bis J. wieder da ist. Insch’allah.

Luxus und so Sachen

Bevor ich mich an meine weitere Überarbeitungsarbeit am Loch im Eis mache, die ich zurzeit mit disziplinierter Konsequenz oder konsequenter Disziplin betreibe und vor Mittwoch abschließen will, fällt mir mein Blog mal wieder ein, das verwaiste. Fast verwaiste, jedenfalls.

Natürlich habe ich es nicht vergessen. Im Alltag denke ich ständig: Das blogge ich. Dies muss ich in Worte gießen. Das muss ich mir merken. Aber eben.

Die Zeit. Die Konzentration. Die Tagesform. Die Disziplin. Die Faulheit. Alles Faktoren, die je nach Verhältnis zueinander und von ihrer Position innerhalb der Gleichung dafür sorgen, dass das Produkt gleich Null ist. Ist eigentlich egal, wenn ich nicht blogge. Ja, wenn dann genau noch dieser Gedanke dazu kommt, kann nix entstehen, kann kein Gedanke Text werden.

„Meine Ideen können gar nicht alle aus meine meinem Kopf raus“, sagt Patrick Zeller. Hab ich heute in einem Interview über den vielseitigen Musiker gelesen. In der Kulturagenda vom 16. – 22.12. Das seien allerdings Luxusprobleme, fügt er gleich an.

Ja, recht hat er, denke ich. Realistisch betrachtet sind die meisten Themen, über die wir uns den Kopf zerbrechen, sogar die meisten Probleme, die wir lösen oder zumindest wälzen, eben dies: Luxusprobleme. Ihre Lösung oder Nichtlösung bedroht weder unser Leben noch unsere Gesundheit. Vielleicht bereitet das eine oder andere Unannehmlichkeiten, kleine Einschränkungen, ein bisschen Stress, Herzschmerz oder was weiß ich. Und ob ich etwas davon blogge oder nicht, geht 99,99999% der Menschheit am A… vorbei.

Ist Schreiben und Bloggen, ist Kunst und Kultur Luxus?, frage ich mich und lese weiter in der Kulturagenda. Auf der gleichen Seite finde ich einen Klartext von Thomas Beck. Es geht um die kulturelle Frühförderung.

Ich zitiere: „Erstens haben Kinder nach einem Jahr Musikunterricht einen Intelligenzquotienten, der acht bis neun Punkte höher ist als ohne Musiktraining. Zweitens: Kinder mit Musikunterricht haben ein besseres verbales Gedächtnis. Drittens: Musizierende Kinder können komplizierte Sätze besser verstehen. (…) Leistung, sagt Lutz Jäncke, sei immer ein Produkt von „Wollen mal Können mal Möglichkeit“: Ist ein Faktor gleich null, sei auch das Resultat gleich null. Kinder also, die keine Gelegenheit haben, mit Kunst in Kontakt zu kommen, sind damit von den vielfältigen positiven Sekundäreffekten ausgeschlossen. Kulturelle Bildung ist wahrlich kein „Nice to have“. Ich frage mich vielmehr, wie lange wir es uns noch leisten können, durch eine zu geringe Stimulierung kindlicher Gestaltungslust in der Schule kreative Potenziale ungenutzt zu lassen. Potenziale, die die Gesellschaft der Zukunft auf allen Ebenen so nötig hätte. Das ist die wahre Ressourcenproblematik hinter der kurzsichtigen Finanzdebatte.“ (Zitat Ende. Kursivsetzung durch mich).

Hat da wer was von Luxusproblemen gesagt?

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EDIT: Heute, es ist der 19.12. 2010, bei Luisa Francia auf salamandra.de ein ganz besonderes Plädoyer für Kunst gefunden:

„wie muss es menschen gehen, deren kindheit eingeschlossen ist in alltagsabläufe und wirklichkeitsvorstellungen, die mit dem eigenen leben absolut nichts zu tun haben! mich hat nicht widerstand befreit, sondern die konsequente treue zu meinen eigenen bildern, meinen überzeugungen, meinen wahrnehmungen. kunst hat mein leben gerettet.“

Quelle: Luisas Internettagebuch-Eintrag vom 19.12.2010 um 12:34:25

(Kursivsetzung durch mich.)

Niemand anders

Oder vielleicht besser: Nur ich allein. Warum? Weil! Es gibt niemanden anders, der für mich tun kann, was nur ich für mich tun kann. Und nur ich selbst kann mich wirklich motivieren, es auch zu tun. Alles was ich tue, tue ich im Grunde, weil ich es tun will. Mit dem Lassen ist es gleich. Ich tue und lasse etwas, weil ich mich dafür entschieden habe. Bewusst oder unbewusst.

Andern zuliebe Dinge tun, die mir gegen den Strich gehen, funktioniert in der Regel bei mir nicht. Vor ungefähr zwölf Jahren – was, schon so lange? – habe ich meinem damaligen Lover zuliebe aufgehört zu rauchen. Nach dem ich mich ein paar Monate später von ihm getrennt hatte, fing ich wieder an. Heute rauche ich nicht mehr. Seit mehr als anderthalb Jahren bereits. Aufgehört habe ich ganz unspektakulär. Fast beiläufig. Mir zuliebe.

Nur so, nur ganz allein aus dieser Motivation, kann uns gelingen, was uns wirklich wichtig ist. Die wichtigste Treue ist jene unserem Herz gegenüber. Nur ich kann für mich tun, was nur ich für mich tun kann. Wie gesagt. Ein Gedanke, der mich im Zusammenhang mit Irgendlinks Pilgerreise oft besucht.

Immer wieder behaupte ich ihm und anderen gegenüber, dass ich nicht pilgern könnte. Dass ich nicht mit so vielen Leuten im gleichen Raum schlafen könnte, zum Beispiel. Und vor allem könnte ich nicht morgens in mitten so vieler Leute herum wuseln, Morgenmuffelin ich. Horror, nur schon daran zu denken. Gänsehaut. Und größte Bewunderung denen gegenüber, die das können. Den einen fällt das eine leicht, anderen anderes. Banal. Wieso sollte ich mich zu etwas zwingen, das anderen leicht fällt? Mir fällt dafür anderes leicht, worüber sich jene den Kopf zerbrechen oder zwei linke Hände dafür haben.

Ich muss ja auch nicht pilgern, flüstere ich mir zu. Ich habe meinen eigenen Weg. Meinen Alltagscamino. Ob der einfacher ist? Hier.

Und vielleicht – eines Tages, später, irgendwann – werde ich auch pilgern. Wenn ich will. Falls ich will. Obwohl. Ich tus ja schon. Hier. Und du und du und du auch.

untauglich

Alle alten Texte, durch
die ich mich blättere, taugen
nicht. Nähren nicht. Nicht
jetzt. Will keine alten
Geschichten lesen. Jetzt nicht. Ich
suche nach Worten, finde
Konserven. Was ich
brauche, jetzt, sind Worte wie
frisches Gemüse. Wie jener
Traum heute Nacht. Der Traum vom
Meer. Es sei
das Rote, sagt jemand im
Off. Mir egal. Nur
wichtig, dass ich da durch
muss. Es gibt keinen anderen Weg auf
die andere Seite. Neues Land.
Tief ist es zwar nicht, das
Wasser, doch ich trage Kleider und die
Wellenberge sind drei
wildschäumende Meter hoch. Oder noch
mehr. Mehr Meer
als ich je gesehen habe.
Und ich gehe.
Gehe barfuß mittendurch. Jedes
Mal rechtzeitig unter-
wandere ich eine hinter mir ein-
brechende Welle. In trockenen
Kleidern erreiche ich das Ufer
im neuen Land. Nein, alte Texte taugen
nicht. Nicht
immer. Nicht
jetzt und nicht
hier.

Nachlese II

„Könnten Sie mir trotzdem die Namen Ihrer engsten Freunde geben. (…) Mit denen Sie und Ihr Mann Umgang pflegten.“

Sie schaute zu Boden. Aha, dachte Münster. Da liegt also der Hase begraben. So ist das.

Das Peinlichste, was es gibt, hatte er einmal gelesen, das ist, keine Freunde zu haben. Einsam zu sein. Man darf ungestraft bescheuert, rassistisch, sadistisch, übergewichtig und dreckig wie eine Sau sein, praktizierender Pädophiler … aber man muss Freunde haben.

aus: Hakan Nesser, Münsters Fall, btb 73793, Seite 119,

Wie man es auch drehte und wendete, das Leben war nun mal nicht mehr als die Summe all dieser Tage, und manchmal kam man natürlich an einen Punkt, an dem man sich mehr für das interessierte, was gewesen war, als für das, was noch zu erwarten war.

ebenda, S. 157

FreundInnen und eine schöne Aussicht – das sind Fäden aus denen das Gewand der Lebensfreude gestrickt ist. Und Lebensfreude – bitte unterschätzt sie nicht! –  ist es, was wir brauchen, um am Morgen aus dem Bett zu kommen. Sie ist es, die uns munter macht, uns antreibt, uns inspiriert. Fehlt sie, gehen wir im Kreis. Oder wir gehen im Kreis, bis sie fehlt.

Leben ist immer nur Gegenwart. Weg. Spirale. Kurve. Kreuzung. Sitzbank. Aussichtspunkt. Tiefpunkt auch.

Mein ganz persönlicher Weg, mein Camino – analog dem Jakobsweg, den J. zurzeit pilgert – führt zu ganz ähnlichen Erkenntnissen, wie sie mein Liebster unterwegs täglich findet: Auch ich will jetzt leben, gegenwärtig. Zu oft habe ich mich in meinem Leben auf später vertröstet: Wenn ich endlich mal, dann werde ich …

Gegenwärtig sein heißt auch, den Sorgen nicht mehr Gewicht geben als nötig. Den zeitlichen und energetischen Aufwand zur Lösung der Alltagsprobleme so klein wie möglich und so groß wie nötig halten.

Damit wir, wie Münster es sich im zitierten Buch ersehnt, eben Zeit zum Leben haben. Denn das ist es letztlich, was zählt.

Für mehr Lebensfreude

Probleme? Nimm Frauengold!

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Noch immer Probleme? Nimm noch mehr Frauengold!

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Wir mögen heute über solcherlei lächeln, doch ist es in der Gegenwart wirklich anders? Haben nicht einfach nur die Namen gewechselt? Der verinnerlichte, vererbte, anerzogene Reflex ist dabei gleichgeblieben. Und auch heute noch sind laute Frauen „schwierig“ handzuhaben.