Für mehr Lebensfreude

Probleme? Nimm Frauengold!

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Noch immer Probleme? Nimm noch mehr Frauengold!

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Wir mögen heute über solcherlei lächeln, doch ist es in der Gegenwart wirklich anders? Haben nicht einfach nur die Namen gewechselt? Der verinnerlichte, vererbte, anerzogene Reflex ist dabei gleichgeblieben. Und auch heute noch sind laute Frauen „schwierig“ handzuhaben.

Copy, Cut und Paste

Ich ertappe mich, wie ich – wenn ich auf der Smartfon-Tastatur einen Text bearbeite – immer mit dem gleichen Finger ein Wort oder einen Satzteil wiedereinfüge, mit dem ich ihn zuvor an einem anderen Ort ausgeschnitten habe. Das geschieht bei Touchscreen-Tastaturen durch Berührungen mit den Fingerspitzen. Die Wörter, die Buchstaben, so fühle ich, sitzen, wenn sie ausgeschnitten sind, eine Weile in meiner Fingerbeere. Logischerweise in jener Fingerbeere, mit der ich sie ausgeschnitten habe.

Meine Fingerspitze ist am Smartfon meine Maus. Denn auch die Maus zwischenspeichert Wörter, Sätze und Links. Richtig, auch Links. Wenn ich ab Browser eine Webadresse kopieren will, tue ich das vornehmlich mit dem Mittelfinger. Und es ist – natürlich! – auch wieder der (gleiche) Mittelfinger, mit dem ich den Link in die Mail setze. Bei Blogtexten ist es interessanterweise meistens der Zeigefinger. Der rechte.

Ich frage mich, wo meine Maus ihre Geheimnisse zwischenspeichert. Und noch was möchte ich gerne wissen: Lässt sie die Wörter, Sätze und Links wirklich wieder frei? Oder bleiben diese vielleicht ein klein bisschen – sagen wir mal in komprimierter Form – irgendwo im Innern der Maus zurück? Wie eine leise Erinnerung? Was würde mir die Maus, wenn ich sie denn fragen und sie reden könnte, alles erzählen? Weiß sie oder erinnert sie sich bloß?

Nicht auszudenken, wie das erst mit meinen Fingerspitzen sein muss. Vielleicht werde ich nach zehn Jahren iFonschreiberei ganz dicke Fingerbeeren haben. Oder Blutstau. Vielleicht  sterben sie gar ab, meine Fingerspitzen? Oder kommt es drauf an, was sie schreiben?

Besser ich lese noch ein bisschen. Das scheint mir nicht gar so gefährlich wie schreiben zu sein.

 

besser

Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!

Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.

Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.

Vom Glück und Bruder Tod

Wird es nun immer so weiterregen?, gedacht, als ich mein Fahrrad am Mittag vor meinem Wohnhaus abgeschlossen hatte.
Was ist denn das?, gemurmelt, als ich den roten Umschlag auf dem Küchentisch sah.
Oh, gejubelt, als ich begriff, dass mir J. einen Abschiedsgruß auf den Tisch geschmuggelt hat. Wie doch ein paar liebevolle Zeilen einen grauen Tag erhellen können. Als würde die Sonne scheinen.

Nach den Ferien zurück ins Büro zu kommen, ist nie lustig. Der Papierberg in meinem Postfach, den ich auf meinen Schreibtisch transferiere, ist beeindruckend, doch der Stapel auf dem Tisch meines Scheffs ist schwer zu toppen.

Neunzig Bewerberinnen werden wir unglücklich machen, sage ich um fünf Uhr zu ebendiesem, nachdem ich alle Kandidaten- und Kandidatendaten erfasst und Bestätigungsmails verschickt hatte. Dafür machen wir eine glücklich. Eine!

Soll ich mich jetzt für die eine, die meine Nachfolgerin wird, freuen oder soll ich mit den anderen, denen ich absagen muss, weinen? Na ja, geweint habe ich heute genug. Gleich zweimal. Ein bisschen nachdem ich J. zum letzten Mal gedrückt hatte und mit dem Rad ins Büro gerollt war. Das zweite Mal, als mir mein Scheff von der unheilbaren Krebskrankheit der gemeinsamen Kollegin M. erzählt hatte. Keine Frau aus unserer Bürogemeinschaft, doch eine, die wir beide sehr gut mögen und die eine unglaublich tolle, wohltuende Art hat, mit Menschen umzugehen. Die Weißkittel geben ihr noch ein halbes Jahr.

Es trifft immer die Guten, murmelte ich hilflos. Wir saßen uns betreten und betroffen gegenüber. Es ist ja nicht der Tod, den ich so schrecklich finde. Im Grunde glaube ich ja, dass der Tod gar nicht mal so schlecht ist. Die Kehrseite des Lebens. Das Gegenstück. Das Problem mit ihm ist nur, dass wir eigentlich nie fertig gelebt haben werden. Das Ding mit der Unzeit. Weil es doch für uns alle immer noch dies und jenes zu tun, zu lassen, zu erleben geben wird. Immer. Für jene, die dableiben, ist der Tod ebenfalls ein Problem, denn Verlust tut weh. Dennoch ist der Tod nicht böse. Er ist einfach und ich gestehe, dass ich bisweilen mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod habe. Und hatte. In Bezug auf Materie, Gesundheit und das Älterwerden.

Feierabend. Zuhause wartet ebenfalls ein fetter Poststapel – die Post der letzten Woche –, den ich noch nicht zu sichten gewagt hatte. Drei Haufen mache ich: Zeitungen. Rechnungen. Bettelbriefe. Letztere und erstere kommen quergelesen ins Altpapier.

Gutes Material zum Feuermachen, denke ich. Wenn wir noch im Rustico wären. Die Rechnungen hätte ich auch gerne verfeuert oder zumindest, wie im Geschäft, kontiert und zur Zahlung an die zentrale Buchhaltung weitergeleitet. Wäre schön irgendwie.

Hach, die vielen Bettelbriefe aber auch! Nie werde ich gegen sie immun sein. Zuweilen öffne ich sie gar nicht erst, weil ich die Gesichter der abgebildeten hungrigen Kinder schlecht ertragen kann. Und das Gefühl der diesem Anblick folgenden, allumfassenden Hilflosigkeit ist auch kein tolles. Gedanken an meine Arbeitsstelle im Flüchtlingszentrum – ist schon acht Jahre her oder so – flackern kurz auf. Die Dankbarkeit der Kinder, wenn ich mit ihnen gemalt hatte: kaum waren die Papierbögen auf dem Tisch, platzen ihre kreativen Staudämme. Bilder drückten aus, was die Kinder fühlten – mehr als jedes Wort, das sie in gebrochenem Deutsch sprachen. Die Farben waren unsere gemeinsamen Buchstaben und die Figuren auf dem Papier ihre Gedichte und Geschichten. Aber ich schweife ab: Bettelbriefe.

Gäbe es keine Spenderinnen und Spender, hätte ich keine Arbeitsstelle, denke ich. Gäbe es keine Kriege und keine Flüchtlinge und keine Arbeitslosen, hätte ich ebenfalls keine Arbeitsstelle. Hm. Schmarotzerin ich?

Neunzig werden wir traurig machen, nur eine wird glücklich mit meinem Job. Hoffen können wir immer. Auch dass der Regen bald aufhört.

Statt Stempel zu sammeln

Ich weiß ja nicht, wie es andern geht, aber für mich ist Heimkommen aus den Ferien jeweils sehr ambivalent. Zum einen ist es schön, das eigene Klo zu benutzen, die Urlaubsüberbleibsel im eigenen Kühlschrank zu verstauen und auf dem eigenen Sofa zu sophieren, doch das Gefühl, dass die Urlaubzeit jedes Mal zu kurz ist, beschleicht mich spätestens dann, wenn ich die Schmutzwäsche in den Korb stopfe. Nicht dass ich meine Wohnung nicht mag, es ist die Rückkehr in den Alltag, der mir diesmal ganz schön an die Nieren geht.

Doch zum Glück ist Irgendlink noch da. Bis morgen früh. Bis ich ins Büro muss. *Grmpf* Der Große Abschied rückt unaufhaltsam näher. Ein letzter Ausflug steht auf dem Programm, ein bisschen Jakobsweg in Berns Umgebung. Wo doch die Sonne so herzlich lacht und uns nach draußen lockt.

Der Große Abschied … ein Kehrreim seit Tagen. Im Hinterkopf irgendwo. Der Große Abschied vor Irgendlinks geplanter einmonatiger Pilgerreise auf dem Jakobsweg.

Wie war doch gleich dieser Traum heute Nacht? Statt den traditionellen Pilgerpässen, in welche die Pilgerinnen und Pilger unterwegs ihre Stempel sammeln, um sich beglaubigen zu lassen, dass sie diese Strecke auch wirklich zurückgelegt haben, stehe neu in jeder Pilgerinnenherberge ein PC. Jede und jede Bußfertige auf dem Weg nach Compostella habe seit Beginn der Reise ein eigenes Account und logge sich allabendlich ein um die Tagesetappe ins Netz zu laden. Wo die Lieben zuhause dann mitverfolgen können, wo die Wallfahrenden gerade festhängen. Auf besagter Website habe es Rubriken wie „Erwachsene allein“, „Erwachsene in Kleingruppen bis 4 Personen“, „Erwachsene in Gruppen ab 5 Personen“, „Kinder unter 10 Jahren in Begleitung von Erwachsenen“ … Der Sinn der Sache hat sich mir leider im Traum nicht so ganz erschlossen. Statistik vermutlich. Erfassen der Etappenlänge in Bezug auf die Begleitung. Erfassen der Anzahl Bußfertiger. Big Brother Jakobus und Papa Roma lassen grüßen? Technik gut und recht, doch wie viel virtuelle Öffentlichkeit ein Pilger und eine Pilgerin brauchen, soll jede und jeder für sich selbst entscheiden.

Die einen wie Irgendlink – und ich übrigens ja auch – mögen es, live von ihren Reisen zu berichte. In seinem Fall wird sich das allerdings auf seinem Blog niederschlagen und nicht auf irgendeiner zentral geführten Website. Ich hoffe, dass dieser Traum Traum bleibt. Pilgern ist etwas ganz persönliches. Weg ist Weg und ob das Ziel Ziel ist, entscheidet jede und jeder selbst.

Weißt du, meine Motivation ist die Freiheit, jederzeit aufhören zu können, sagt mein Liebster beim Spätstück, zwischen Spiegelei und Joghurt. Recht hat er.

Punkt

Kaum erwacht mein Laptop – den ich  mit dem Vorsatz, eine Idee, die sich auf einem Notizzettel niedergelassen hat, in Worte zu fassen, wachgedrückt habe – aus dem Tiefschlaf, werde ich von allen Seiten abgelenkt. Bunte Icons ringen um meine Aufmerksamkeit. Zu gut wissen sie um meine Ablenkbarkeit. Soll ich nun doch zuerst Mails lesen oder vorher noch schnell meine Lieblingsblogs besuchen? Mausklick hier, Mausklick da. Oh, K. hat geschrieben, obwohl ich ihr doch noch eine Antwort schuldig bin. Und S. sollte ich antworten. Wegen der Geburtstagsüberraschung für M. Spätestens morgen. Hach, und was soll ich bloß C. schreiben? Mit Worten Mut machen fordert mich jedes Mal heraus. Aber nein, halt, ich will doch jetzt nicht Mails schreiben. Bloggen will ich. Und ich erinnere mich, wie ich heute Morgen großkotzig Kollegin A. erzählt habe, dass ich im Grunde doch eine recht disziplinierte Person sei (na ja, verglichen mit wem auch immer, wohl sehr; aber verglichen mit wem auch immer, überhaupt nicht).

So. Und darum blogge ich jetzt. Diese Zeilen hier, denn ein Bild spaziert seit Stunden im Dunkel meiner unerleuchteten Hirnwindungen und ich versuche es einzukreisen und in Worte zu fassen.

Sieh den Faden, das Netz. Nein, halt, fangen wir von vorne an: Denke einen Satz, doch nicht bloß denken: fühle ihn. Dann sieh zu, wie er Faden wird. Denke zum Beispiel: Wenn es doch bloß schon morgen wäre und mein/e Liebste/r bei mir. Der Faden fängt bei dir an und windet sich irgendwo fünf Meter über der Erde in Luftgeschwindigkeit zu ihm/r, dem/r Liebsten. Weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, ist er grün. Und weil er ein Sehnsuchtsgedanke ist, hat er eine Art Zugkraft. Von dir aus gehend. Nenn es Energie. Ich nenne es, um hier im Bild zu bleiben, das ich mir auf den Notizzettel gekritzelt habe, ich nenne es Faden.

Und jetzt kommt es bunt. Alle Gedanken, die ich denke plus alle Gedanken, die du denkst plus deine da draußen – und deine und deine auch –, seien, ein wirres, buntes Netz. Erlauben wir nun allen Fäden die ihnen eigenen Farbe und Zugkraft. Antagonistische Fäden in großer Zahl mit eingeschlossen.

So weit so gut. Doch nun wird es erst richtig spannend: Fast jeder Gedanke wird nämlich aus einer Art Mangel geboren. Fast jeder steht im Zusammenhang mit etwas, das wir tun sollten um einen ihm zu Grunde liegenden Mangel zu kompensieren. Konjunktiv und Futur. Pflichten denken wir, Unerledigtes, Erwartungen und Erhofftes. Dazu Erinnerungen, doch auch sie bewegen sich oft im Dunstkreis von Sehnsucht und Mangel.

Stell dir bitte das beschriebene Netz vor. Wie es ist, wie es sich bewegt. Zugkraft sei Bewegung. Das Netz wackelt ganz schön. Es vibriert. Und weißt du auch wieso? Weil jeder einzelne Faden, weil das ganze große Netz, das alle und alles verbindet, nach Ausgleich schreien. Nach Harmonie, um es vereinfacht zu sagen. Nicht zu verwechseln mit „Heile Welt“.

Ich meine den Punkt. Die Mitte. Die Null. Alles sei Null, heißt es in einem meiner Lipogramme, die ich früher mal gebloggt habe.

So stelle ich mir das Ende manchmal vor. Meins. Und deins auch. Alle Enden: Punkte. Viele Worte, viele Gedanken, viele Handlungen, viel Lachen und viel Leben … und dann ein Punkt.

Wie haben Sie denn die geschenkte Stunde verbracht?

Nörgler: … mir schenkt doch nie jemand was!

Penner: Stunde? Geschenkt? Öhm, mus ich verpennt haben …

Tussi: Oh, Sie stellen aber persönliche Fragen!

Macho: Na, das ist doch wohl klar!

Uhrensammler: Sie Witzbold. Ich bin noch immer mit Uhren umstellen beschäftigt. (*)

Kommissar: Sie haben das Problem erkannt! In dieser Stunde passieren weltweit doppelt so viele Morde wie sonst…

Jakobswegpilger: Ich versuchte zu pennen, natürlich. Aber mit Rucksack am Rücken gar nicht mal so einfach. Muss ich noch üben.

(… unter Kommentare dürft ihr gerne weiterspinnen …)

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(*) = Gastbeitrag von Irgendlink

Weitsichtig

Endlich kann ich wieder halbwegs normal gehen. Die Verstauchung meines linken Fußes ist dank Kohlwickel, Schonung und Stützverband nun fast verheilt und so hält mich nichts mehr drin. Zumal das Wetter heute Nachmittag schlicht genial war. Joggen geht zwar noch nicht, doch ein ausgiebiger Spaziergang zum Stern auf dem Könizberg ist schon mal ein guter Anfang.

Per EveryTrail könnt ihr auch gleich ein bisschen Sonne tanken … (hier klicken…)

Bild 1: Mit der Pro HDR-App aufgenommen, die das Bild ausgewogen zu belichten versteht.

Bild 2: Mit der Pro HDR fotografiert und mit AutoStich zu einem Pano montiert.

Von Schattenrissen und Dämonen

(Da war diese Klammer am Anfang des Textes. Was drin stand hatte ich vergessen). Mit diesem Satz bin ich heute erwacht und schrieb ihn sofort auf. Vielleicht ist es der Anfang einer neuen Geschichte.

Schnitt.

Am letzten Wochenende bei Irgendlink habe ich in meinem Notizbuch gekritzelt: Wie schnell wir uns doch an neues gewöhnen. Vor einem Jahr stand hier noch der alte, nun steht da der moderne Holzofen, Etna genannt, und weder J. und ich können uns erinnern, wie es vorher war. Höchstens ein bisschen noch, aber nur theoretisch. Neues schiebt sich so schnell in unseren Alltag. Neues wird sofort normal. Wir sind unglaublich mutationsbegabt.

Schnitt.

Heute Morgen, noch im Bett, las ich im Krimi „Eine ganz andere Geschichte“ von Hakan Nesser, den ich eigentlich schon mal gelesen, nun von einer Kollegin ausgeliehen und erst beim Lesen wiedererkannt hatte. Ich lese das Buch stellenweise quer, dennoch will ich nochmals durch die Story gehen, weil ich mich nicht mehr an die Lösung erinnere. Und weil mich der Fall fasziniert. Und weil ich Nesser gerne lese. Auch mag ich den Barbarotti und wie seine Liebe zu Marianne, diese reine und beide verwirrende Emotion, beschrieben wird. Mein Scheff fand das Buch „na ja“. Ich habe es schon beim ersten Mal verschlungen, doch leider vergessen, wie der Fall gelöst wurde. Ob ich wohl zu viel lese?

Ich zitiere Kommissar Barbarotti: Den Feind zu dämonisieren gehört zu den üblichsten, den allerbilligsten Fehlern. Das war der Bodensatz jedes Rassismus, jeder Fremdenfeindlichkeit. (S. 149, TB-Ausgabe)

Schnitt.

Gestern habe ich eine spezielle App aufs iFöun geladen, eine App, die das Bild automatisch richtig belichtet. Funktionieren tut das so: der in die App integrierte Fotoapparat misst zuerst, manuell oder automatisch, den dunkelsten und den hellsten Punkt auf dem geplanten Sujet. Danach nimmt er kurz nacheinander zwei Bilder auf. Die werden miteinander verglichen und kurz darauf wird mir ein Bild mit den mittleren Werten angezeigt, das ich sogar noch nachbearbeiten kann. Über die Gegensätze, über die Extreme finden wir in die Mitte, zum Gleichgewicht.

Als ich das meiner Freundin K. in einer Mail erzählte, da mich das Prinzip fasziniert, schrieb sie zurück: So wird nun nicht nur die Technik von uns entwickelt, nein wir lernen auch von der Technik. Also immer zwei Bilder machen, das Schönste und das Schlimmste, und dann in der Mitte leben. Weise Frau, meine liebe Freundin K..

Ob Freund oder Feind, hell oder dunkel, alt oder neu, ungewohnt oder vertraut: Erst Schatten und Licht zusammen machen ein Bild – und das Leben – dreidimensional und lebendig. Alte FotografInnen-Weisheit …

der vierte Preis

Wie alle wissen, die auf Europas Nah- und Fernwegen unterwegs sind, ist die Moral auf der Straße, sehr … nun ja … unterschiedlich. Die Moral? Eben habe ich dieses Wort als Synonym zum Wort Umgangsform missbraucht. Wie das in der Alltagsanwendung so üblich ist. Doch der Windows-Synonyme-Automat sagt, Moral habe eigentlich eher mit Anstand zu tun. Und mit Verantwortungsgefühl. Zweites gefällt mir. Und passt vielleicht zur erwähnten Erkenntnis, dass die Moral auf der Straße sehr unterschiedlich sei.

Verantwortungsbewusst und voraussichtig sollen wir fahren, sagte schon mein Fahrlehrer M. annodazumal. Was ich praktiziere. Das heißt: ich übe …

Aber ich schweife ab, wollte ich doch über jenen weiteren Gebrauch des Wortes Moral lamentieren, jenen wie er im Wort Moralist und Moralistin vorkommt. Was wir ja auf gar keinen Fall sein wollen. Ethisch und politisch korrekt denken, handeln, wirken und sein, ja, aber …

Woran erkennen wir denn nun, ob wir doch womöglich Moralistinnen oder Moralisten sind? Na, ganz einfach daran, ob wir uns empören, wenn jemand rücksichtlos oder riskant fährt OHNE jemanden zu gefährden. NichtmoralistInnen empören sich nämlich nur dann, wenn jemand rücksichtslos oder riskant und dabei auch andere gefährdend fährt. NichtmoralistInnen wissen, dass Nacherziehung auf der Straße nicht geht. Vergeudete Energie also, mich mit Moralfinger im Straßenverkehr zu ärgern.

Grenzfall heute: Da war dieses Brummirennen, eines von vielen beobachteten. Doch dieses hier fand direkt vor meiner Autonase statt. Zwei Niederländer wollten wissen, wessen Laster mehr drauf hat. Oder weniger Last drin. Oder weniger im Hirn. Ich weiß nicht, wie ihr es handhabt, aber ich drossle jeweils mein Tempo, wenn ich überholt werde, Moralistin ich, um den Überholweg des überholenden Wagens möglichst kurz zu halten und den Verkehrsfluss nicht zu behindern. Der Brummifahrer jedoch – jenen auf der Normalspur meine ich – tat nun nichts dergleichen. Beide fuhren erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Sprich neunzig plus. Auf einer 130km/h-Strecke wohlverstanden. Die Schlange, die sich hinter ihnen bildete, missachteten sie geflissentlich, bis irgendwann des einen Vernunft siegte. Oder der Motor murrte.

Weiterfahrend fragte ich mich, wie vielen dieser Männer und Frauen in den Lastern es Spaß macht, tagaus tagein, von Berufes wegen, Kilometer um Kilometer zu fressen? J., der auch hin und wieder für seine Firma Transporte machen muss, hasst diesen Teil seines Jobs. Wie viele Brummifahrer, die ich heute überholt habe, diesen ihren Job wohl ebenfalls hassen, den sie womöglich einst liebsten? Und, wo wir gleich dabei sind, fragte ich mich, wie viele andere Menschen sonst noch ihren Beruf hassen oder satt haben.

Ob die Typen, die mir das vor Tippfehlern strotzende Gewinn-Zertifikat, ausgestellt über Fr. 1000.—, persönlich abzuholen, geschickt haben, ihren betrügerischen Job mögen oder ihn nur des leicht verdienten Geldes wegen tun? Betrügerisch? Okay, sie bewegen sich in einer noch halb legalen Schattenwelt und ködern, wie ich im Internet schnell mal herausgefunden habe, mit reißerischen Versprechen von gemütlichen Werbefahrten, auf denen ich dann hochoffiziell die gewonnenen Fr. 1000.— in bar erhalten werde. Denn „bedauerlicherweise waren Sie leider nicht zu Hause“, als sie vor drei Wochen persönlich bei mir geklingelt hatten. Wer’s glaubt!

Im Reisebus drehen sie mir und meinen drei kostenlos mit eingeladenen Freundinnen und Freunden dann fette Kaufverträge über mehr als tausend Franken an. Wer nicht unterschreibt, wird unterwegs aus dem Bus geworfen. Immerhin nicht aus dem fahrenden, wie ich im Internet gelesen habe. Die Versuchung, der Firma einen furchtbar netten Brief samt Einzahlungsschein von mir zu schicken, ist groß. Ich würde schreiben, dass sie, wenn sie mir das Geld wirklich schenken möchten, es gerne auch so, ohne Gratisfahrt und Mittagessen für mich und meine drei Gäste, tun dürften. Kaum aussichtsreich, der Plan, und drum vergeudete Energie. Gutes Brennmaterial für J.s Ofen immerhin.

Was ich mit tausend Franken täte, müsste ich nicht lange überlegen …