Prüfung ohne Zwischennetz

So muss der Titel lauten, sagt Irgendlink. Ich will die neue Blogsoftware im Offline-Modus testen, die wir gestern Abend nach langem gemeinsamem Suchen im App-Shop gefunden und aufs Telefon geladen hatten. Sie muss nämlich, insbesondere für Auslandreisen, offlinetauglich sein, damit wir auch zukünftig auf Reisen bloggen können. Auch Bilder muss sie laden können. Und zwar ohne dabei, wie die WordPressapp, dauernd abzustürzen.
Die ersten Tests lassen hoffen. Der Pilgerreise steht nun blogtechnisch nichts mehr im Weg. Hoffentlich erholt sich J.s maroder Rücken bis dahin!

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Freundin M. hat mir mal wieder einen Brief geschrieben. Ich liebe es, wenn ich den Briefkasten öffne und auf einem Umschlag ihre schöne Handschrift erblicke. Ja, ich kann es kaum erwarten, oben in der Wohnung anzukommen und den Brief zu öffnen. Ganz behutsam. Diesmal flattert mir ein Zeitungsartikel entgegen. Den Brieftext – oder müsste ich sagen den Kartentext? – schrieb M. auf eine witzige Werbekarte mit Kühen drauf. Im Zug, im Flug steht als Absender hinter der Adresse – geschrieben auf der Fahrt zum Flughafen Genf. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Ich entknittere die Zeitungsseite sorgfältig, während ich den ersten Löffel Kürbissuppe genieße. Aha, Tagesanzeiger Zürich. Sofort klopft mein kleines Heimwehherzchen schneller. Oben ein Cartoon von EVA, vom Team Jaermann und Schaad. Hach, I love Eva! Unter drunter dann eine Buchbesprechung, eine ganz besondere …

Echt, ich glaube, dieses Buch muss ich mir schenken lassen! Während ich meine wunderbare Suppe löffle, verschlucke ich mich beinahe vor Lachen. Mein Tag ist gerettet!

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Ich zitiere:

Heute Nacht vom Büro geträumt. Weitere sechs Überstunden notiert. @meterhochzwei

«Ich lass die Freundschaft jetzt still & leise auslaufen», sagt die Frau im Tram in ihr Handy. «Aha», schweigen alle zurück. @kumullus

Idee für «Wetten dass»: 50 Leute spielen ihren Handyklingelton vor und ich errate ihren Schulabschluss. @fitness_oli

Apotheke, Dönerladen, Apotheke, Apotheke, Dönerladen, Bestattungsinstitut. Ich fange an, Zusammenhänge zu sehen. @freval

Dein engster Freund ist, wer deinen Browserverlauf löscht, nachdem er dich tot vor dem Rechner gefunden hat. @UntoterOstgote

Die Hälfte seines Lebens scrollt der Mensch vergebens. @bebal

Mein Arzt meint, ich hätte Wahrnehmungsstörungen. Aber ich seh das ein bisschen anders. @freval

Kucken, was die andern aufs Band legen, ist ein bisschen wie Twitter. @kosmar

… ach, lest selber! Das große Gezwitscher – Buchbesprechung im Tagesanzeiger vom 15. Oktober 2010

Dada vielleicht

Da ist diese Idee, aus jedem Text, aus jeder Geschichte, aus jedem Gedicht, aus allen Worttextilien, die den ich je gesponnen habe, den besten Satz, das schönste Muster herauszuschneiden. Aus alle besten Stücken würde ich ein neues Gewebe schaffen. Wie bei einer Patchwork-Decke würde ich feinsäuberlich alle Teile neu zusammenfügen. Eine Best-of-Story aus lauter besten Sätzen. Recycling. Dada pur und so opulent vermutlich, dass ich davon Bauchweh bekäme … Alternativ das gleiche mit den schwächsten Sätzen, den blassesten Mustern. Bestimmt leichter verdaulich.

Die Idee ist nicht neu. Immer wenn ich meine Notizzettelsammelmappe auf dem Schreibtisch angucke und mir überlege, ob die Zettel darin eher für den Abfall oder für die Nachwelt geeignet sind, taucht sie auf und plädiert hartnäckig für sich selbst. Da sie kein Heu frisst, bleibt sie vorerst, wo sie ist. Wovon sie sich ernährt und wo sie sich, wenn ich sie nicht höre, aufhält, hat sie mir noch nicht verraten. Vielleicht wird sie verhungern, eines Tages, wenn ich sie weiterhin ignoriere? Ideenmörderin ich.

Eins aber weiß ich: Meine Lebensfreude lebt von Farben und von der Lust am Kreieren. Und ehrlich, ohne Farben würde auch ich schnell mal verhungern.

Dennoch schalt ich mich heute Morgen unter der Dusche Zeitverschwenderin. Wie viel Zeit du mit Bloggen, mit Schreiben, mit Gedankenspielen, mit Texten, mit Bildern und mit Malen verbringst!, hielt ich mir vor, als ich anschließend die Zehennägel schnitt. Als ob jemand auf deine Texte und Bilder wartet!

Ach, das verstehst du nicht, antwortete ich. Außerdem schreibe und kreiere ich nicht für jene, die auf meine Dinge warten. Höchstens ein bisschen. Ich brauche den Ausdruck, weil ich sonst platzen würde. Internet ist bloß ein Gefährt. Ein Flugzeug, das ins Konzept meiner Schaffenslust passt.

Flugzeug? Wie meinst du denn das?, fragte ich mich.

Ist doch ganz einfach: Internet ist eine fliegende Galerie, eine mobile Bibliothek, ein Wikipedalo der Lüfte. Du steigst ein und wirst bedient. Bekommst zu essen, zu trinken, kannst Filme schauen, kannst Musik hören und erfährst laufend, wo du bist. Alle sind nett zu dir und du kommst vorwärts ohne dich bewegen zu müssen. Du kannst konsumieren, was andere zuvor kreiert haben. Fliegen ist wie Internet, wie gesagt. Außer dass dich Internet nicht bekocht, sagte ich.

Zeitverschwendung ist es alleweil. Dein Vergleich hinkt, konterte ich. Du wirst im Gegensatz zur Bordcrew nicht für deine Arbeit bezahlt und verlierst sogar wertvolle Lebenszeit.

Du versteht echt gar nichts! Kreatives Schaffen ist eines jener Dinge, die mir am meisten Freude machen. Lebenszeit kann gar nicht besser investiert werden als in jene Dinge, die uns Freude machen, sagte ich. Es geht um Hingabe. Schließlich sagt auch niemand, dass richtig guter 6 Zeitverschwendung sei. So what?

Ein Wort zum guten Tag

Verblogge auch tolle Storys, begreife ich. Das wäre wohl, von Irgendlinks gestern zitierter Gedankenkette ausgehend, eine heilsame Form der Selbstauferbauung. Selbstausdruck. Und natürlich auch eine ausgesprochen produktive und so gar nicht zerstörerische Form von Verarbeitung. Und ebenfalls förderlich für das Seelenheil der Kreativen. (Notiz an mich: Bloggen als Therapieform? Nein, das greift zu kurz.)

Tolle Storys. Was genau das ist? Nein, kein Fragezeichen. Wir alle kennen die Antwort.

Ausscheidung, Liebe und Zeit – das sind die drei alles entscheidenden Themen, jene Themen, die die Welt zusammenhalten, schrieb ich gestern meinem Liebsten.

Toll und schön sind suspekt. Träume und Träumen auch.

Ich will dennoch nicht aufhören, von einer besseren Welt zu träumen und auf sie hin zu arbeiten. (Notiz an mich: besser für mich oder besser für alle???) Auch auf die Gefahr hin, an der Nichtkongruenz von Soll und Ist zu leiden. Habe ich im September auf einen Notizzettel gekritzelt.

Bessere Welt? Ausrede. Klischee. Unfassbares Ding. Gegenwart verpassen. Abgelutscht.

Stichwort: Unerfüllte Sehnsucht. Hatten wir neulich schon mal. Sag mal ehrlich, du da draußen, oder du, oder du, sag, sind wir nicht alle deshalb noch da und unterwegs auf dieser wackeligen Seilbrücke, die Leben heißt, weil wir entweder an das Gute, das bereits da ist oder das noch kommt oder zumindest als Idee besteht, hoffen oder aber deshalb, weil wir zwar resigniert und abgelöscht sind, aber zu feige, uns umzubringen. Okay, das war jetzt eben ziemlich schwarzweiß und sehr vereinfacht. Dennoch … irgendwas bringt uns ja dazu, am Morgen aufzustehen und zu tun, was wir als unser Ding oder zumindest unsere Pflicht betrachten. Ob dem allem Solidarität, Dringlichkeit, Bedürfnis oder schlicht der zu erwartende Zahltag zu Grunde liegt, ist erst einmal Nebensache. Fakt ist, wir stehen auf, weil wir etwas tun wollen, das in unseren Augen getan werden soll – und wenn wir auch bloß aufstehen, um zu pinkeln (womit wir bei dem ersten der drei alles entscheidenden bereits erwähnten Dingen wären, siehe oben).

So weit so gut.

Motivation ist ergo das Ding, das uns am Leben erhält. Der Herz-Schrittmacher. Unsere Motivation, unser Motiv und Beweggrund – gewoben aus den Kettfäden Erfahrung, Erkenntnis, Erlebnis und Erziehung sowie den Schussfäden Zufall, Glück, Schicksal, Inspiration … Warum ich auf die europäischen Trauben warte, zum Beispiel, und keine aus Chile kaufe, obwohl die schon früher im Handel sind? Erziehung. Erkenntnis. Warum ich lieber für ein Hilfswerk arbeite als für eine Autofirma? Einsicht. Erkenntnis. Erziehung. Zufall. Warum ich dennoch ein Auto habe? Erfahrung. Erkenntnis. Zufall. Schicksal. Undsoweiterundsofort. Ach, und Selbstverar…ung wäre ein weiterer in die Gedankenfäden über unsere Motivation einzubeziehender Faktor. Und natürlich sind diese pseudopsychologischen sofasophischen Gedankenspielereien weder über alle Zweifel erhaben noch sonst wie empirisch abgesichert.

Was ich sagen will? Ich frage mich, ob eine Erkältung eine tolle Story abgibt. Oder ist es gar, weil ich Fieber habe, eine Grippe, die in meinen Eingeweiden brodelt – was aber dennoch kaum eine gute Story abzugeben vermag. Selbst dann nicht, wenn mich ebendiese Erkrankung in den Langsammodus katapultiert hat. Oh, wie ich mir dieses Wort auf der Zunge zergehen lasse! LANGSAMMODUS. Und wie ich es grad genieße, meine unausgegorenen Gedanken in die Finger fließen lassen und in die Tasten hacken zu können.

Ich sehe mich durch den morgendlichen Herbstwald spazieren. Sonne durch die Bäume, Herbstlaub unter den Füßen. Es knistert und riecht, wie nur Herbst riechen kann. Hier und da das Rascheln eines Eichhörnchens. Dort drüben das Klopfen des Spechts. Ein Reh huscht über den Weg. Ich halte inne, denn ich habe Zeit. Genieße meine kleine heile Welt dieses Augenblicks. Habe Zeit, meine Sinne zu öffnen. Atme tief. Muss mich nicht schützen. Kann offen sein für das Leben, das ist. Jetzt. Auch. Anderes Leben. Langsam gehe ich weiter. Das Rauschen des kleinen Baches wird lauter. Mit ein paar Schritten auf große, flache Steine überquere ich das Rinnsal. Später, zurück in der Schreibstube setze ich mich erneut an die Geschichte, die ich am Schreiben bin. Am Nachmittag gehe ich in den Garten und ernte das letzte Herbstgemüse … Ich setze Tulpenzwiebeln für nächsten Frühling. Der kommt bestimmt. Wie immer.

So könnte Leben sein. Mein Leben.

Ohne Unterhaltungswert. Außer für mich, die ich es lebe. Doch worüber ich dann wohl bloggen würde?

einfach jetzt

Kein Heute ist mit dem Gestern zu füllen.

Mit diesen Worten endet ein genialer Blogartikel von FrauvonWelt, ein melancholischer, einer, den ich sehr gerne gelesen habe. Nein, die Gegenwart, dieser klitzekleine Punkt – kaum hier schon weg – lässt sich durch nichts ersetzen. Obwohl, ich gebe es zu, obwohl ich gerne rück- und vorwärts träume. An einem wunderbaren Platz an der Aare, wo ich für die (inter)nationale Geocache-Community einen kleinen Cache versteckt habe, blieb ich hängen. Statt, wie geplant, an meinem Manuskript zu arbeiten und Korrekturen anzubringen, las ich das zweite von Irgendlinks beiden Blogbüchern, die ich für uns ausgedruckt und gebunden (eigentlich geleimt) hatte. So als richtiges Buch und am Stück gelesen, finde ich sein tolles Blog noch besser. Nein, falsch. Noch besser klingt nach Wertung. Nach Vergleich. Mein ich aber nicht so. Tatsache ist, dass es sich gut anfühlt, sein Blog, ein Blog, physisch in Händen zu halten. Ich liebe Bücher. Ich lese gerne auf Papier. Ich finde, auch Blogs sind es wert zu Büchern zu werden. So ein kleiner Blog-Buchverlag – das wäre was! Kleine Auflagen – mit den Perlen aus der Blogosphäre. Womit wir schon beinahe beim Blogmuseum wären … Frau Freihändig sei herzlich gegrüßt. Und Herr Irgendlink sowieso.

Ich schweife ab, verzeiht. Da sass ich also, auf einem sonnengewärmten Stein, die Sonne im Gesicht, die Füße im Wasser (ab und zu jedenfalls) und begleitete lesend den Protagonisten zur Arbeit, nach Andorra und an den Polarkreis. Alltag und Freizeit. Höhen und Tiefen. Rückwärtsblicken macht Lust auf vorwärtsgehen. Was kommt?

Während ich den schweißtreibenden Hang hochradle und mich an frühere Touren erinnere, realisiere ich, dass ich nicht gestern und nicht morgen schwitzen kann – immer nur jetzt. Wie war das gleich? Kein Heute ist mit gestern zu füllen. Heute war ich an der Aare. So einfach ist das.

Heute habe ich Bilder gesammelt. Bilder wie Nüsse, die das Eichhörnchen in der Nähe seines Schlafplatzes in die Erde verscharrt. Bilder wie Zwetschgen und Äpfel, die wir auflesen oder pflücken. Sonnenwarme Bilder. Es ist Herbst. Auf meiner Festplatte koche ich sie ein. Wintervorrat. Bilder wie Nüsse.

Ach ja, meinen heutigen Everytrail-Trip findet ihr genau hier …

Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

immer wieder

Ich fahre durch die Konsumstraße, wo früher Freundin B. wohnte, stadteinwärts. Wie schon so oft. Feierabend. Donnerstag. Abendverkauf. Einkaufen will ich. Sollte ich. Unter anderem ein Geburtstagsgeschenk für L..

Die gleiche Straßen wie immer. Im gleichen Takt wie immer. Wie oft jedenfalls. Feierabendtakt. Wie immer, wie immer, wie immer, echot es in mir. Ein Tag wie jeder andere war das. Einer wie immer. Und schon sind wieder drei Viertel des Neuen Jahres vorbei. Altes Jahr.

Immer gleich, immer gleich, immer gleich. Entschuldigt bitte, wenn ich mich wiederhole. Aber, sagt mal ehrlich, ist es denn nicht so? Es herbstelt. Wie immer. Dann kommt Winter. Weihnachtsrausch und Buchhaltungsabschlüsse. Wie immer. Sag ich doch! Frühling wird‘s werden – wie immer. Blüten, Blätter, grün überall. Dann Sommer. Entblätterungen der andern Art. Wie immer.

Die Buchhändlerin im Großen Laden ist zu bedauern, sie und alle ihre Kolleginnen. Zwei Stockwerke unter der Erde arbeiten sie. Immer. Ohne Tageslicht. Sie klagt über die schlecht Luft. Lächelt dennoch freundlich. Ich zahle und darf gehen. Ans Tageslicht. Abendlicht. Es dunkelt bereits ein und regnet leise. Ebenso leise kriecht mir Herbstblues den Rücken aufwärts, setzt sich auf meinen Nacken und flüstert: Was soll‘s, das Leben? Du hast längst alles gesehen. Schon so oft. Nichts neues mehr.

Ich radle heimwärts. In meiner Einkaufstasche im Fahrradkorb hinter mir liegen fünf Farbtuben. Die Primärfarben plus schwarz und weiß. Größere Tuben als jene, die ich  zuhause habe. Der Virus vom Wochenende hat auch mich noch immer im Griff. Da ist diese Lust etwas neues zu schaffen. Immer wieder.

wenn ich alt sein werde, vielleicht

Der Countdown läuft. In einer Stunde bin ich schon fast im Büro. Ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche mich abzulenken und die Nervosität auszutricksen, indem ich die Zeit, bis ich gehe, gut nutze. Geschlafen habe ich zwar gut, aber wenig. Lag schon früh wach. Kopfkino, wie meine Freundin U. das nennt.

Was muss noch getan werden, was habe ich noch vergessen? Das Fest stampft wie ein Elefant auf mich zu. Ich fühle mich klein und überfordert. Schreibe schließlich Zettel mit letzten ToDos, nehme eine Baldriantablette und Notfalltropfen. Bringt nicht viel. Später Yoga. Tut gut. Dann ein Entspannungsbad am Morgen – ein Novum. Hat gegen Nervosität nicht viel genutzt. Puls 85 oder so. Eine SMS vom Scheff, dass ich doch bitte noch …, trägt auch nicht eben zu meiner Entspannung bei.

Schließlich Tagebuchschreiben, Schreibtischzettelaufräumen und Minuten zählen. Wann muss ich mich bereit machen? Wann ziehe ich mich um? Wann fahre ich los? Im Büro muss ich noch den Laptop samt Beamer holen. Und die Blume, die bestellten, unterwegs. Worstcase wäre, denke ich, wenn jemand mein Auto überfallen hätte. Was ich nicht hoffe. Natürlich nicht. Wäre schade für den Grappa. Und so.

Auf dem Schreibtisch Traumnotizzettel, die ich abtippe. Mich erinnernd und zusammenreimend, was ich mit den wochenalten Stichworten gemeint hatte.

In einer Traum-Szene, die ich auf einem Zettel festgehalten habe und nun entziffere, war ich verwirrt. Ich hatte sogar vergessen, meine Briefkästen – es waren gleich zwei, die mir gehörten und einander gegenüber angebracht waren – zu leeren. Sie waren allerdings auch wegen Gitterdrähten sehr schwer zugänglich und steckten voller Zeitungen. Überbordende Ungelesenheit.

Während ich diese Zeilen in mein Tagebuch abtippe, frage ich mich, ob ich das je einmal lesen werde.

Werde ich, wenn ich alt bin, meine Tagebücher hervorkramen, auch die fehlenden aus meinen ganz schwierigen Jahren, die ich vielleicht irgendwann irgendwo wiederfinden werde?

Werde ich später Lust haben in mein heutiges Leben einzutauchen?
Vielleicht werde ich mich erinnern wollen.
Vielleicht werde ich alle Bücher verbrennen.
Vielleicht schreibe ich – wie in einem Gedicht, das ich am Dienstag vorgelesen habe – wirklich nur für das große schwarze Loch, für den Augenblick.

Und weil mir schreiben Spaß macht.

So what?

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Undichtbar

Ich schreibe für das große schwarze Loch.
Für den Augenblick.
Für das Vergessen.
Für mich.
Für dich.
Für jetzt.

Schwupps. Und schon vorbei.

Die Dichte der Dichtung
an der Webkante meiner Gewebe gebrochen
scheiβt Buchstaben
die wir verschlingen
noch und noch
und noch
ohne Punkt
und
ohne Komma
ohneLeerschlagsogar
Schnell
schneller
noch schneller
verdauen wir
kaum noch
all die
Buchstabenbilder
Buchstabengebilde
Buchstabengewebe
schlucken sie herunter
würgen manchmal
weil sie
uns
im Hals stecken
bleiben
und uns
danach
schwer im Magen liegen…

Sorry, doch dieses undichte Gedichte muss hier fertig sein,
denn ich muss mal …

(2.9.200(EDIT)9, ebenfalls in diesem Blog)

Von Ärgernissen und Lachtränen

Bin heute Morgen auf dem Weg zur Post nur dreimal fast überfahren worden. Wohlgemerkt ohne mein Dazutun. Ich war halt einfach zufällig da. Materie, die auf andere Materie trifft. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Nebenstraßen verlocken Autofahrende dazu, Stoppsignale zu überfahren. Kenn ich ja selbst – allerdings nur wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, denn mit dem Auto fahre ich meistens anständig *hüstel*

Mein heutiger Arbeitsweg schenkte mir auf nur fünf Kilometern nicht nur zig Lebensgefahren sondern auch gleich noch zig Möglichkeiten, mich über Gott und die Welt zu ärgern, dachte ich kurz bevor ich unser Büro ansteuerte und dazu eine zweitletzte Straße querte. Eine Rollerfahrerin überließ mir den Vortritt und lachte mir freundlich zu.

Wow, die macht es richtig! Ich lächelte zurück, denn Lachen fühlt sich doch viel besser an, als sich zu ärgern. So fuhr ich grinsend weiter, froh, die zuvor erlebten Ärgernisse nicht gefüttert zu haben und den Gefahren der Straße einmal mehr entronnen zu sein.

Im Büro erwartete mich viel Arbeit. Wie seit Wochen. Wie gut, dass ich einen Druckbleistift habe, denn zum Bleistiftspitzen komme ich zurzeit nie. Für die Eventmanagerin vom Dienst, zu der ich wie die Jungfrau zum Kinde, in den letzten Wochen mutiert war, gab es heute die letzten Dinge für unser großes Fest zu erledigen. So ein öffentlich gefeiertes Jubiläum mit fast hundert Gästen will gut geplant sein. Schlaflose Nächte inklusive. Mein Scheff sah heute älter aus als auch schon. Die vielen zu haltenden Reden und Ansagen zehren an seinen Nerven. Verständlich.

Dazu habe heute sein Vater Geburtstag, erzählte er mir zwischen Tür und Angel. Sechsundachtzig werde er.
Noch so jung?, sagte ich. Wie alt warst du denn, als du geboren wurdest? Kaum war der Satz raus, grölten wir drauflos. Ich konnte fast nicht mehr stehen, musste mich am Türrahmen festhalten, hatte vor Lachen Tränen. Auf dem Klo, wohin ich mich lachend verzogen hatte, rechnete ich schließlich aus, was ich hatte wissen wollen. Wie alt sein Vater damals gewesen war. Als mein Scheff in der Zehnuhrpause meinen Kolleginnen – denn nett wie er ist, teilt er gute Storys gerne mit anderen – von meinem verbalen Fauxpas erzählte, lachten wir alle von neuem Tränen. Neben all den ernsthaften Themen und all dem Stress der letzten Tage und Wochen sind solche Momente unbezahlbar.

Ach, wie froh ich sein werde, wenn es morgen Abend um halb zwölf ist und wir das Fest hinter uns haben! Natürlich wird alles gelungen sein und wir alle werden auf einen tollen Abend zurückblicken. Alles wird rund laufen und die Leute werden sagen: Das war ja mal was ganz anderes! Hat das Spaß gemacht!

Und wir werden, im kleinen Kreis – die Küche ist fertig geputzt und alles ist aufgeräumt – Grappa trinken und lachen. Und wir werden sagen: Die ganze Arbeit, der ganze Aufwand hat sich gelohnt!
Aber Grappa gibt’s erst nach der letzten Ansage, Scheff! Versprochen?, sage ich, bevor er geht. Er zwinkert nur und winkt zum Abschied. Bis morgen dann.

Ob ich wohl die Flasche, die bereits mit dem ganzen Material im Kofferraum meines Autos bereit liegt, vorsorglich verstecken soll?

total gut machbar!

Prolog

Am Anfang war alles ohne …

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Oh, Mann, nur mit T-Shirt kannst du doch
voll nicht raus in das Tal!, sagt das
Kind dort. Absolut Dada aus
Gold ist das! Auch. Na
und? Ach, und Frau aus Aar-
au samt Slip, Schluckauf, Hab
und Gut, dazu total gut
drauf, stand an. Und stand auf. Mit
Ballon am Rockbund. Aufs Mal
voll Licht im Raum. Ganz
hart, das Ding. Wild und
laut. Musik. Drums.
Sag, (Sau)hund, du, dazu ganz
bunt, kommst du bald? Gib Sand, du
Sack! Back mir
Brot, Laib! Und zum Schluss: kämm
ihm das Haar, von Hand, und
sag dazu: Blut vom Dach! Naht-
los. Das ist wichtig!

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Epilog

Am 21. Juli war’s, in Boxholm, Südschweden. Während wir nach dem Frühstück vor dem Zelt sassen und unsere täglichen Reiseblogartikel in die iFöun-Tastatur tippten. Dass wir auf gar keinen Fall über das gleiche schreiben dürfen, befand der über alles geschätzte Mösiö Irgendlink mit Nachdruck. Auch gleiche Wörter sollten vermieden werden, bitte schön. Abschreiben verboten! (Ooops, fällt mir ein, dass es dafür noch keine Verboten-Schilder gibt! Marktlücke!!!)
Hast du in deinem Text schon ein E drin?,
fragte er sodann. Ich bejahte. Woraufhin er nur noch mit größten Skrupeln die E-Taste zu klicken wagte. Von wegen abschreiben und so. Aber es geht eben nicht ohne, knurrte er. Auch wenn du nun sagen wirst, dass ich dir abschreibe!
S
icher geht’s!, sagte ich. Ich werde es dir beweisen …

Da capo al fin‘!