Eben erfahren wir, dass es in wenigen Minuten weitergehen soll. Ungefähr fünfundzwanzig Minuten nach dem Stopp. Wir befinden uns irgendwo vor Olten. Auf der Rückreise von Bern, die wir extra mit dem Zug unternommen haben, um unterwegs keine bösen Überraschungen auf der Straße zu erleben. Keine billige Reise, doch wir haben sie uns geleistet, um Stress zu vermeiden. Stressen kann aber auch zugreisen. Was zu beweisen war. Den ersten Zug haben wir um eine Minute verpasst, im zweiten hängen wir nun fest.
Seit ich Kind war, habe ich ähnliches nicht mehr erlebt. Ein Schweizer Zug, der für unbestimmte Zeit auf offener Strecke stehen bleibt. Ein vor uns fahrender Zug sei wegen Bremsproblemen auf der Schiene stehengeblieben, sagt die Ansagestimme. Alle fünf bis zehn Minuten werden wir über den Stand der Dinge informiert.
Wären wir doch in Bern „James Bond“ gucken gegangen, dann wären wir bestimmt nicht auf offener Strecke stehen geblieben, sage ich.
Zugegeben, Pannen riechen immer auch nach Abenteuer. Wir Menschen verlassen das geplante Gedankengebäude und werden ungefragt Teil eines Konzeptes, das wir nicht beeinflussen können. Natürlich lassen wir uns nicht gerne von geplanten Wegen abbringen, wir wollen, dass die Dinge so funktionieren, wie wir sie uns vorstellen, aber ein bisschen Abenteuer geht. Wenn es gut ausgeht, jedenfalls.
Bei der ersten Verspätungsankündigung hatte ich noch damit gerechnet, dass wir den Anschlusszug in Olten erwischen. Diese Hoffnung habe ich längst aufgegeben. Wir stehen nun seit einer halben Stunde, doch noch fahren letzte Züge nach Hause. Wann wird es zu spät sein? Was wäre, wenn …? Der nächtliche Supergau: Ein Zug, der einfach nicht mehr weiterfährt. Der in alle Ewigkeit stehen bleibt.
Ich denke an Freund S., Mitglied unserer Berner Schreibgruppe, der früher nach jedem Schreibtreffen die abstrusesten Heimkehrer-Stories ins Schreibforum stellte, das wir damals noch regelmäßig frequentiert haben. Heute haben wir darüber mal wieder gewitzelt, bei unserm traditionellen Treffen am Berner Glühweinstand mit ihm und all den andern Schreiberlingen unserer Gruppe.
Ein bisschen ein „Weißt du noch?“-Abend ist es geworden, natürlich, wie immer, wenn sich die einen oder andern eine Weile nicht mehr gesehen haben, ein bisschen ernst war es auch und philosophisch, wie immer, doch haben wir auch viel gelacht. Hach, ich mag diese Bande einfach.
Ooops, wir fahren ja wieder! Wie schön. Irgendwann werden wir heute Nacht wieder zuhause sein.
Wie schön, in einem Land zu leben, wo Pannen behoben werden können und auch ein Nachtzug irgendwann irgendwo ankommt. Obwohl Irgendlink mosert, dass fünfundreißig Minuten für eine Schweizer Panne geradezu skandalös sind.
Später. Wieder zuhause. Irgendwann kommt man eben immer an … irgendwo.
Kategorie: Fallmaschen
Menschen und andere Menschen
Ich sauge im Schlafzimmer Staub und denke an diesen Nordkoreaner. Shin Dong-Hyuk. Ich bringe ihn einfach nicht mehr aus meinem Kopf, seit ich heute Morgen seine Geschichte gelesen habe. In den frühen Achtzigern geborener Sohn eines wegen politischer Aktivitäten inhaftierten Elternpaares wuchs er hinter Gittern auf. Immer zu wenig zu essen, keine Schulbildung, Zwangsarbeit und Gewalt waren für ihn das Normale. Die Welt jenseits der Stacheldrahtes kannte er nicht, konnte sie sich auch kaum vorstellen. Erst als junger Erwachsener erfuhr er von einem Kameraden mehr über die Welt da draußen und schließlich gelang ihm die Flucht, dem Kameraden nicht. Heute lebt Shin in den USA und in Südkorea. Seine Geschichte*, die Blaine Harden aufgezeichnet hat, ist nun auf Deutsch übersetzt worden und so haarsträubend, dass wir uns das nicht wirklich vorstellen können. Im neuen Magazin von Amnesty International stehen noch viele andere Geschichten, die mich nach Luft ringen lassen. In meiner gemütlichen Wohnküche sitzend spüre ich Tränen auf den Wangen. Und Wut im Bauch. Doch vor allem Hilflosigkeit. Das wenige Geld, das ich AI ab und zu spende, ist ein winziger Tropfen Wasser ins Feuer. Menschen sind es, immer Menschen, die anderen Menschen das Leben zur Hölle machen. Menschen zerstören andere Leben. Manchmal sind es Naturkatastrophen und manchmal sind es Selbstunfälle, die ein Leben von einer Minute auf die andere auf den Kopf stellen. Doch meistens sind es andere Menschen.
Ein Kreislauf, der von Eltern an Kinder weitergeben wird. Wie im Buch Die Perspektive des Gärtners von Håkan Nesser, das ich gestern Abend fertig gelesen habe. Ein Täter, der selbst Opfer war. Wird sein zweites Opfer, ein sechsjähriges Mädchen, das er nicht umgebracht, aber anderthalb Jahre isoliert und gewiss gequält hat, je wieder normal leben können? Oder hat er es für immer zerstört?
Das große Warum? stellen sich alle Menschen irgendwann in ihrem Leben und die Antworten fallen so vielfältig aus, wie die Menschen, die sie stellen.
Ich sauge nun im Wohnzimmer Staub und denke darüber nach, wie es denn richtig sein müsste, das Leben. Ein müßiges Thema, auf das ich, seit ich bewusst denken kann, erfolglos eine Antwort suche. Tage wie heute, die ich mehrheitlich in der „richtigen“ Welt verbringe, sind zurzeit in der Minderheit. Einen großen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich in der virtuellen Welt, schreibend oder mit Blogarbeiten und Mailantworten beschäftigt. Haushalt mach ich nebenher. Doch heute war Putzen angesagt – inklusive frische Betten. Ist das richtig? Ist es richtig, meine (scheinbar) heile Welt, zu pflegen? Wäre es nicht richtiger, irgendwo auf der Welt, Feuer zu löschen? Auch solche Fragen habe ich schon rauf und runter gewälzt. Und auch hier habe ich für mich nie eine wirklich befriedigende Antwort gefunden. Antworten auf große Fragen überleben bei mir nie lange. Seifenblasen, die der Wind mitnimmt.
Staubsaugen ist ein Ritual! Auf einmal steht dieser Satz vor mir und will gehört werden.
Ein Ritual?, frage ich ihn.
Du bringst deine Welt in Ordnung. Diese Welt braucht Ordnung. Alle tun, was sie können. Oder sagen wir mal, die meisten. Viele jedenfalls!, antwortet mir der Satz.
Ich glaube ihm nicht so ganz, zugegeben. So ein dahergelaufener Satz, kann ja behaupten, was er will. Ob es wohl mehr Menschen gibt, die das Gute anstreben – das ich mit lebensfördernd, rücksichtsvoll, nachhaltig, global, gerecht und dem Kollektiv dienend umschreiben will – oder mehr Menschen, die kurzsichtig, gewissen- und rücksichtslos, egoistisch, korrupt und gewinnorientiert denken und handeln? Schwarzweiß gibt es nicht, wir alle haben alles in uns. Oft können wir wählen. Tun wir es auch, und wie?
Und wie kann ein Mensch wie Shin Dong-Hyuk heute leben? Er sagt, dass er erst in der Freiheit jene Schmerzen erkannte und begriff, die er sein bisheriges Leben lang, immerhin dreiundzwanzig Jahre, einfach, ohne darüber nachzudenken, ertragen hat. Wie kann er heute in dieser Welt leben? (((Adelt Leid wirklich?)))
Wie ich später den Abfallsack zusammenschnüre und nach draußen stelle, denke ich über die ganz persönliche Psychohygiene nach und wie wichtig es für mich ist, dass ich hinschaue: Reflexion meines Lebens in liebevoller Haltung. Wie der tägliche Blick in den Spiegel. Kann ich mir in die Augen schauen?
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* Blaine Harden: Flucht aus Lager 14, DVA Sachbuch Verlag, München 2012
Zitat aus dem erwähnten Interview:
Was treibt Sie an?
Materiell geht es mir heute viel besser. In dieser Hinsicht führe ich ein gutes Leben. Aber ich habe noch immer psychische Probleme. Ich lebe in Washington D.C, und Seoul, doch es gibt keinen Flecken auf der Welt, den ich meine Heimat nennen könnte.
Quelle: Amnesty – Magazin der Menschenrechte. Nr. 72/Dezember 2012. Zitiert aus: The Wire (Magazin des Internationalen Sekretariats von Amnesty International)
Die Muffe
Oh, das Wort gibt’s sogar, das ich mir überstülpen wollte. Für Dezember nur, für dreieinhalb Wochen. Als Schutzmauer, bis Weihnachtsklimbim vorbei ist.
Weihnachtsmuffe, meine weibliche Form zu Weihnachtsmuffel. So jedenfalls mein Gedanke. Doch die Suchmaschine wusste es besser. Sie meint, Muffe sei ein Teil zwischen zwei Teilen. Passt ja irgendwie fast besser zu mir. Brücke. Verbindung. Übersetzerin. Überbringerin. Botin. Wie auch immer: Muffe statt Muffel passt besser und sitzt eigentlich wie angegossen.
Ob es das schon als Berufsbezeichnung gibt? Ich könnte Workshops anbieten. Alles besser als so einen Muffeltag wie heute. Nach zwei Wasserschäden an einem Tag – Sofa und Laptop mit Getränken geflutet, nun (auf dem alten Laptop schreibend) das Trocknen abwartend und hoffend, dass er bald wieder mit mir spielen will – habe ich vor, den Resttag mit Bier und Buch auf dem Restsofa (trockene Hälfte) zu verbringen.
Vorher per Mail mit Irgendlink über Deiche philosophiert. Und über Wellenbrecher. Und dass vieles im Leben so tut als wäre es was anderes. Dinge und Menschen. Danach gedacht , dass wir nie wissen, was wirklich ist, weil sich jede Wirklichkeit sogleich von der nächsten überholen lässt. Meereswellen – sie kommen und gehen. Schwemmen Treibholz mit sich mit – Ideen für den nächsten Tag.
Gut, dass du sein Autor bist, nicht ich!, schrieb ich über eine von Irgendlinks Romanfiguren.
Ob meine altvertrauten, schlummernden Romanfiguren, die ich heute zu neuem Leben erwecken wollte, wohl froh sind, mich als ihre Autorin zu haben?
Novemberstrudel
Nun sucht sie Worte. Jene, die es nie gibt. Jene Buchstabenfolgen, die noch
sinnleer sind. Jungfräuliche. Nie gedachte. Nein. Nicht
denken. Nicht. Nicht jetzt, denn
Schmerzen
sind nur wirklich, wenn sie sie denkt. Denken
tut weh. Ist treten an Ort. Ist drehen im Kreis. Ist taumeln. Aber sie
sucht. Sie sucht.
Sinnvoll sinngebend sinnig unsinnig sinnentleert Punkt.
Der Strudel. Ist. Sie. Nie ohne ihn. Immer der Strudel. Erwacht
sie, ist er da. Bereits. Immer. Er wartet überall. Kopfkino
nennt sie ihn auch. Ein Wort, das es gab. Weil es Kino und
Kopf schon gibt. Wörter aus der Kiste. Nein, dort findet sie keine
neuen Worte. Sie sucht sie anderswo. In sich. Neue weiche
Wörter, die sich nicht irren können. Noch nicht. Sie sagen ihr, was
hinter dem Nebel wartet.
Weicher Nebel.
Auf dem Weg von Wort zu
Wort hüpft sie wie von Stein zu Stein. Das Kind,
das sie war. Ist. Springt. Von Stein. Zu Stein. Ohne
die Ritzen, die Straßenwunden, zu berühren. Gib ihr für
jede neue Ritze, an die sie rührt, ein altes
Wort.
Ein omnipräsentes. Ein oft gekautes. Ein klebriges. Weinen wie
ein Schloßhund. Die Sonne lacht. Nach dem Regen.
Alles
wird wieder. Gut! Das Leben geht weiter.
Viele Ritzen. So viele. Sie fällt hin. Zwischen die Steine. Unsinnig. Grundlos.
Fallen tut weh. Ein Wort, das es gibt. Gab. Schon immer.
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Ein kleines Weitergespinst zu Mützenfalterins „Novembernebel“-Blogartikel vom 27. November 2012.
Schwestern
Eine Weile her. Angefangene Geschichte. Unvollendet wie viele. Über Clio schrieb ich, die mit ihren Selbsten zusammensitzt, sich mit ihnen austauscht. Nein, dazu muss eine nicht schizophren sein, überhaupt nicht. Wir alle sind viele. Schon Pessoa wusste es. Und vor ihm andere, gewiss. Ach, möge sie in Frieden ruhen, meine Clio, denn heute erzähle ich von uns. Vom siamesischen Zwillingspaar. Ich bin sie. Sie sind ich. Alle. Mehrere. Viele. Ich bin die depressive Schwester, nennen wir sie Dolorosa, und ich bin ihre lebensfrohe Schwester, Allegrina. Eine, die sich traut und eine die vor jedem neuen Ding erst einfach mal Schiss hat, sich nichts zutraut. Und immer ist eine von beiden ein bisschen mehr am Ruder. Doch sag, ist eine von beiden nun weniger real als die andere, nur weil sie im Augenblick stiller und ein bisschen anders ist?
Ach hör nur, wieder nörgelt Dolorosa an Allegrina herum, weil diese den Dingen, so behauptet sie, nicht mit dem nötigen Ernst begegnet. Und Allegrina? Ach, sie nervt sich, ein klein bisschen jedenfalls, über die Behäbigkeit und Schwermut Dolorosas, weiß aber, denn darin ist sie ihrer Schwester überlegen, in ihrer heiteren Weisheit, dass es nichts bringt, sich zu nerven. Verlorene Energie. Verschwendete Kraft. Besser vorwärts gehen.
Doch geht zusammen vorwärts gehen, zumal wenn man nur zwei Beine hat, am besten, wenn man sich über die Richtung einig ist. Ach, wie oft wir schon gestolpert sind! Wie oft wir schon gefallen sind! Immer wieder haben wir uns hochgerappelt, manchmal allein, manchmal uns gegenseitig unterstützend, manchmal war auch Hilfe anderer notwendig.
Doch noch mehr bin ich, noch mehrere. Auch die, die ich vor einem Jahr war, als ich in Deutschland lebte. Und die auch, die vor sechszehn Monaten durch Schweden reiste. Vor zehn Jahren war ich die Mutter eines kleinen Jungen. Vor vierzig Jahren ging ich in der ersten Klasse. Und auch die, die im Bauch meiner Mutter der Geburt entgegen wuchs, war ich. Davor die Ungezeugte. Die Idee. Ein Funke. Ein Tropfen. Ein Punkt. Davor weniger als ein Punkt. Die Nicht-Idee. Die Nichtseiende. Nichts.
Im Nichts ist immer auch alles. Jetzt.
Zu beschäftigt?
Nein, schnell hier raus. Ich muss ja nicht. Ich bin nur zum Anschauen hier!, denke ich, nachdem ich endlich den Eingang gefunden habe. Was für ein versifftes Industriegebiet und was für eine versiffte Bude! Eigentlich wollte ich die Frau am Schalter nur fragen, ob sie mir sagen kann, wo der Eingang von Blablub ist, dem Beschäftigungsprogramm, bei dem ich mich heute vorstellen soll. Von dem ich mir heute eine Vorstellung machen soll. (Ob es was wäre für die nächsten Monate.) Ich sei am richtigen Ort, sagt die junge Frau, und will mir auch gleich einen Kaffee anbieten. Als Nicht-Kaffeekompatible lehne ich dankend ab und setze mich in den Vorraum, wo bereits drei andere Frauen und ein Mann warten. Ich lasse mir von der Panik nichts anmerken und atme tief durch. Guck es dir doch einfach mal an!, ermutige ich mich.
Zwei Minuten später kommt ein smarter Fünfziger, schüttelt allen nett die Hand und heißt uns in den dritten Stock in den Kursraum. Dort stellen er und der Leiter des Radios uns potentiellen Praktikantinnen und Praktikanten das Projekt Blablub vor. Zum einen ein freies Kulturradio, werbefrei und semiprofessionell-professionell geführt, zum anderen Trainingsort und Beschäftigungsprogramm für radiointeressierte Stellensuchende. Themen der Sendungen: Ein Leben mit Autismus, Schwerhörigkeit und anderen Einschränkungen. Oder: wie sieht der Alltag eines Bestatters aus, eines Linienpiloten, einer Wasweißichwasverrücktes. Halt einfach Sendungen, die anders als Mainstreamgebabbel sind. Auch die Musik setzt alternative Akzente. Ziel ist a.) gutes Radio zu machen, b.) interessierten Menschen das Radiomachen beizubringen und c.) das Radio zu einem Sprachrohr zu machen für interkulturelle Belange. Zwischen sieben und neun Uhr abends ist nämlich immer internationale Kost angesagt. Sendungen von vielen Freiwillikgen kreiert. Danach Themensendungen.
Ein Zivi, der dort seinen Dienst leistet, führt uns durch das Gebäude. Spannend, trotz der Vorbehalte. Nur im Redaktionsraum klopft mein Herz. Es ist der größte und der hellste Raum. Drei sympathische Menschen arbeiten an Texten und an Tonaufnahmen. Weitere Praktikumsplätze gibt es in der Technik, in der Administration, in der Werbeabteilung, im Da und im Dort. Mein Herzseismograph hat aber nur in der Redaktion ausgeschlagen.
Im Kursraum stellen wir uns in der Runde kurz vor, werden von den beiden Leitern auf Tauglichkeit abgeklopft. Eine sagt schon von vornherein, dass sie sich hier ein Praktikum nicht vorstellen kann, eine zweite sieht sich am Empfang. Wir drei andern sind nicht abgeneigt, obwohl ich mich sehr unsicher fühle. Meine Schwäche sei, sage ich in der Vorstellrunde, dass ich eine Nachteule und eine Morgenmuffelin sei. Und dass Montagmorgen acht Uhr früh Sitzungsbeginn relativ unmenschlich sei. Jedenfalls für mich. Lachen in der Runde. Obwohl ich es ernst meine. Acht Uhr heißt, halb acht auf den Zug oder noch früher. Heißt auch morgendliche Rushhour. Ausgerechnet das, was ich am wenigsten vertrage. Warum machen die aber auch ihre Sitzungen nicht am Nachmittag? Montagmorgen um acht anfangen und dann gleich mit einer Sitzung? So früh am Morgen denken und reden? Hallo?!
Wir sollen uns morgen telefonisch melden. Sagen, ob wir es uns vorstellen können oder nicht. Falls ja, gibt es einen Schnuppertag. Und danach wird entschieden. Wäre bloß die frühe Arbeitszeit nicht … Mein Zögern ist vielschichtig.
Wir fünf Menschen, die wir uns für ein Praktikum beim Radio Blablub vorgestellt haben, wir fünf, wir sehen alle relativ normal aus, denke ich. In der Runde ist mir aber schnell klargeworden, warum wir aus dem Netz gefallen sind. Alle haben wir etwas, das nicht in die auf Stromlinie konditionierte Gesellschaft passt. Vielleicht zu wenig dies oder zu viel das.
Zurück in die Stadt, am Bahnhof vorbei. Ich gucke mir die Menschen genau an, die meinen Weg kreuzen, und denke: Wer ist normal? Der jedenfalls nicht. Die auch nicht. Und die eckt damit an und der damit. Noch nie habe ich so viele mit sich selbstsprechende Menschen gesehen wie heute in dieser knappen Dreiviertelstunde unterwegs in Aarau. Ich glaube, ich habe sogar mal wieder die alte Fromme gesehen. Jedenfalls hat sie mich an jene Frau erinnert, die früher, vor sehr langer Zeit, als ich hier noch zur Schule gegangen bin, herumlief und allen vom lieben Gott erzählte.
Ich bummle ein wenig durch die Altstadt. Wegen des Rüeblimarktes sind überall Blumentöpfe und mit Karotten behängte Tannen aufgestellt. Am Graben, der Marktgasse mit den Bsetzisteinen, stehen noch die leergeräumten Marktstände. Ich besuche den Bioladen um für das Königinnentreffen* morgen Abend etwas Feines zum Dessert zu kaufen. Unterwegs bleibe ich an einem Kartenständer stehen und lese ein paar Lebensweisheiten. Dass sich diese Kluge-Sprüche-Postkarten in den letzten Jahren inflationär vermehrt haben, kann nur eins bedeuten: Sie sind gefragt. Menschen mögen ermutigende Worte wie Nur du kannst deinen Träume leben. Es sind die gleichen Menschen, die sich frühmorgens um sieben in volle Züge quetschen. Die gleichen Menschen, die sich anpassen und verbiegen, damit sie ja nicht aus dem Netz mit seinen losen Maschen fallen. Die gleichen Menschen. Wir alle. Wir mit unsren Träumen. Wir mit unseren Wünschen.
Um halb fünf setze ich mich in den vollen Zug. Nein, zur Pendlerin tauge ich wirklich nur bedingt, erkenne ich, Bahnhöfe machen mich kribbelig. Ich wünsche mir eine Arbeit in B. oder in W.. Jedenfalls ganz in der Nähe von zuhause. Lange Arbeitswege stressen mich. Oder sind es die vielen Menschen? Der Lärmpegel? Soziophobin ich. Zu neunt sitzen wir in zwei Vierer- und einem Zweierabteil. Sechs Menschen davon fummeln an einem seltsamen Kunststoffteil herum. Wahlweise mit einem oder zwei Fingern traktieren sie drauftippend oder mit hin- und herfließenden Bewegungen dieses seltsame Ding (ich auch). Beim einen ertönt aus dem Kunststoffteil auf einmal Musik, worauf er mit dem Ding zu sprechen anfängt. Viel zu laut. Ich sitze rückwärts, wie meistens, und sehe der Sonne beim Untergehen zu.
Schön wie sie das macht, immer wieder neu.
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* Vier regionale Blogerinnen Königinnen treffen sich zum Essen.
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Ach ja, und wem die beiden Songs von Patent Ochsner gestern gefallen haben, dem gefällt vielleicht auch dies hier: Johnny. Der ist auch so ein nichtsnutziger Tagedieb wie ich. Die Zeit sei eine Schnecke ohne ihn, singt Büne Huber. No tengo salud ni suerte, viva, viva la muerte!
hier klicken: http://youtu.be/a1zN4RUGjfE
Hinterlassenschaften, Dünger und andere Spurenelemente
… die selbstzerstörerische Desillusion des Das-was-ich-tue-hat-doch-keinen-Wert … Gold hat eigentlich auch keinen Wert. Also alles Trugschlüsse und alles Hirngespinste und vielleicht ist diese Erkenntnis das, was mir den Tag wieder hell macht. Nämlich, im bewussten Zustand bin ich eigentlich ganz zufrieden und ich weiß, dass das, was ich tue, denke und vorantreibe eine Bedeutung hat und ich weiß auch, dass es für andere gerne bedeutungslos oder gar wertlos sein darf. So ist das nunmal, wenn man Zeitgenosse ist. Mehr noch: ich darf in dem, was ich tue, sogar grottenschlecht und dilettantisch sein. Schließlich ist es mein Leben und es sind meine Ideen. Und wenn ich lebe, leben auch die Ideen und wenn ich gegangen bin, leben die Ideen immer noch und wenn sie nicht gut waren, so sind sie verbesserbar, so können sie ein Fundament sein für Besseres,
mailte Irgendlink heute Morgen.
Der Kern, so schrieb ich zurück, der Kern, der Same, die Frucht der Erkenntnis ist, dass wir selbst – NUR wir selbst! – den Wert dessen, was wir erschaffen, ob Gold oder Scheiße, definieren können.
Auch wenn nichts bleibt, so hinterläßt doch alles seine Spuren. Überall.
schreibt Emil ungefähr zur gleichen Zeit unwissentlich auf pixartix im Kommentarstrang.
Wir düngen die Welt. Jetzt. Jederzeit. Wo immer wir sind. Womit düngst du?
Dünne Wände
Allerheiligen steht vor der Tür. Der Todestag meiner Tante M. jährt sich zum ersten Mal. All Hallows‘ Eve. Die Türe nach drüben ist dünner als sonst, diesseits und jenseits rücken zusammen und die Toten winken. Egal, ob sie das wirklich tun oder ob ich einfach nur anders, sensibler auf die Anderswelt reagiere.
Wie viel wiegt Liebe? (siehe dazu auch den gleichnamigen Blogartikel von letztem Jahr über das Leben, den Tod und meine Tante: hier klicken)
Die Welt, wie sie ist. Die ganze. Die Ausschnitte von ihr, in denen ich mich bewege. Ist Australien Wirklichkeit, obwohl ich noch nie dort war? Ist wirklich nur das, was ich kenne, was ich anfassen und anschauen kann? Ist Denken eine Lüge?
Wie wirklich, wie wirksam bewirke ich? Meine zähe und oft genug halbherzige Stellensuche – mangels wirklicher Kenntnis dessen, was ich wirklich will. Viel Zeit, die ich für mich und mein Ding habe. Hätte, wenn ich es denn bloß mehr genießen könnte. Denn eigentlich könnte ich gut immer so leben. Von Langeweile keine Spur. Schmarotzerin? Ich arbeite viel, denke ich, in rechtfertigendem Ton, Kind einer Gesellschaft, in der Arbeit und Tun eine heilige Kuh ist. Ich arbeite viel, ja, doch fast immer ohne Lohn, fast immer an brotlosen Projekten und ja, ich beziehe Arbeitslosenentschädigung. Eine Schande ist das zum Glück hierzulande und heutzutage nicht mehr. Ein Makel dennoch. Und die Zeit, die Rahmenfrist, läuft. Gegen mich.
Immer wieder träume ich vom bedingungslosen Grundeinkommen. Ich habe hier schon früher darüber geschrieben. Hätten wir es bereits eingeführt, würde es mir den Rücken freihalten (dir auch). Damit ich weiter in diesem sehr organischen, friedlichen Rhythmus des künstlerischen Schaffens und Müßigganges leben könnte, den ich – wenn auch nur auf Zeit – für mich gefunden habe.
Lebendiges, waches und einfaches Leben statt eins im Hamsterrad von Leistung und Kommerz.
Die Welt, wie sie ist. Ausschnitte. Alles. Immer. Heute. Allerheiligen.
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Liebe Blogleserinnen und Blogleser aus der Schweiz
Bitte unterschreibt die Eidgenössische Volksinitiative „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ bis spätestens in einem Jahr. Nicht nur mir zuliebe, auch für dich, euch und für eine friedliche Gesellschaft in der der Lebenswert eines Menschen nicht mehr an seiner Arbeitsleistung festgemacht wird.
mehr: bedingungslos.ch
Tatorte und andere Baustellen
Was bin ich verkatert! Ich habe geschlafen wie Schweizer Käse, mit vielen Löchern drin. Und viel zu wenig. Kate Atkinson mit ihre Buch Liebesdienste hat mir das Einschlafen schwer gemacht, der gestrige Tatort nicht minder. Eine gut erzählte und gut gespielte Geschichte mit dem sympathischen Münchner Ermittlerduo. Geld und Gier, Eifersucht und Machtkämpfe sind doch immer wieder gute Elemente für einen Krimi. Auch wenn sich die RezensentInnen wie immer uneinig über den angeblichen Gähn-Faktor des Filmes sind.
Kaum sind wir wach (sind wir das?), skizziert mir Jürgen seinen neuen Romanplot. Ich werfe ein paar kleine Anregungen ein und das Ganze wächst buchstäblich vor meinen Augen.
Schreib!, denke ich, schreib-schreib-schreib! Der Plot überzeugt und lässt sich beliebig ausbauen. Die Struktur der Geschichte ist simpel, die Figuren lebendig und alles miteinander hat das Zeug zu einem guten Buch. Nur: ob es je geschrieben wird?
Wir haben beide ein ähnliches Problem, seufze ich über meinem Trinkglas, wir beiden haben immer so viele Ideen und so viele Baustellen, dass wir kaum etwas wirklich abschließen können. Dafür fangen wir immer wieder neue Projekte an. Zu viele Fäden ohne Ende …
Irgendwie ist da einfach zu wenig Lebenszeit, all das, was mir wichtig ist, anzufangen, umzusetzen, zu vollenden. Weil ich das erkannt habe, fange ich oft mit dem Neuen gar nicht erst an. Oder höre mittendrin auf. Die Zeit …
Die Zeit rennt!, seufzt der Liebste, der heute Nachmittag wieder in die Pfalz zurück muss. Abends eine Sitzung. Derweil der Drucker die noch leeren DVDs für den Ums-Meer-Film mit einem kunstvollen Cover bedruckt (bestellbar ist der Film bei homebase(at)europenner.de, für mehr Infos: hier klicken).
Baustellen – ich frage mich, wie andere das schaffen. Oder eben auch nicht. Oft fühle ich mich im Leben drin wie ein Stück Stoff, an dem von all meinen Ideen – und auch von den Pflichten und diesem und jenem Ding oder Menschen – nach allen Seiten hin gezogen wird. Wohin auch immer.
Mehr zu mir hin, hoffentlich.
Buntes Ding
Was läuft da eigentlich ab und wieso greifen aktuell alle Ereignisse und Informationen mühe- und nahtlos ineinander über, als hätten sie etwas miteinander zu tun? Weil alles zusammenhängt?
Alle sagen und alles sagt mir dieser Tage, dass ich gut zu mir schauen soll. Dabei geht es um meine Ressourcen. Um mein Wohl. Um meine Seele. Was immer das ist. Ob das Leben mich auf diese Weise auffordert, etwas zu tun? Doch kaum schreibe ich diesen Satz, wird mir klar, dass ich diesmal nichts unternehmen, dafür ganz viel los- und zulassen darf.
Zwar steht die Seele nicht grundsätzlich im Widerstreit zu Kopf, Verstand und Vernunft, doch so, wie ich mich zuweilen verhalte, reiben sich diese beiden Instanzen oft aneinander. Diese unsichtbare Etwasse, die niemand fassen, definieren und messen kann. Dass die Seele 21 Gramm wiegt, ist nur eine These. Und dass es sie überhaupt gibt, auch. Allerdings eine wenig umstrittene.
Für mich ist sie unter anderem das Licht oder das Energie-Kraftwerk des Menschen. Liegt ein Mensch im Koma, dann, weil die Seele verschwunden ist. Vielleicht liegt sie nur zusammengerollt auf dem Dachboden oder im Keller oder aber sie hat sich ganz und gar aus dem Staub gemacht. Das zeigt sich daran, ob der komatöse Mensch eines Tages wieder aus seinem Koma erwacht. Tut er das, dann darum, weil das Licht, die Energie, wieder da ist. Oder erwacht er und dann kommt das Licht wieder? [Huhn oder Ei?] Nein, das sind keine medizinisch fundierten Erkenntnisse. Nur Gespinste.
Wo geht sie hin, die Seele, wenn sie mich verlässt? Ist sie unsterblich, wiederkehrend, endlich, sterblich? Oder sich im Großen Ganzen auflösend? Ins Große Meer sich ergießend? Oder womöglich sich zerlegend und in einzelnen Teilen wiederkehrend? Ich habe in meinem Leben diesbezüglich schon viele unmögliche und mögliche Ansätze betrachtet, geglaubt, verworfen. Ob ich mich in diesem Bereich wirklich nach einer wissenschaftlichen Antwort sehne, nach einer letzten, unumstößlichen Antwort? Nein. Ich mag die vorläufigen. Die austauschbaren. An letzten Antworten auf solche Fragen bin ich nicht interessiert. Ich würde ihnen misstrauen. Da suche ich mir lieber eigene.
Dass die Seele das Licht des Menschen sei, ahne ich. Das Licht jedes Menschen ist aber nicht nur in der Seele, auch die Schatten nicht. Und umgekehrt ist die Seele für mich mehr als nur der Ort, wo das Licht des Menschen wohnt. Weitere Aufgaben der Seele sind für mich das Senden und Empfangen nonverbaler Inhalte. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir auf Dinge reagieren, wie wir Dinge anpacken. Worauf wir uns einlassen und warum. Und auch all das, was hinter und unter diesen Wahrnehmungen und Wies und Wos liegt.
Die Seele, so glaube ich, ist ein äußerst fragiles Nicht-Ding, das bei kleinster Grobheit bereits wackelt. Was der Grund ist, warum viele Menschen ihre Seelen dick einpacken und hinter selbstgebauten Mauern verbergen. Natürlich gibt es für Mauerbau noch viel mehr Gründe, Seelenschutz ist nur einer. Oder wollen wir es Antispürenmüssen-Massnahme nennen? Spüren ist suspekt. Ist kompliziert. Bringt Scherereien. Hat in dieser Gesellschaft wenig Platz. Und Stellenwert kaum. Hindert uns nur daran, voran zu kommen. Ist weiblich. Und unprofessionell sowieso.
Jene Menschen, die ihre Seele direkt unter der Haut tragen, bekommen immer wieder zu hören, dass sie nicht belastbar genug seien für … Dass sie besser nicht zu viel spüren sollten. Dass sie ein bisschen mehr dies werden und ein bisschen weniger jenes sein sollten. Anders. Denn sowas ist doch nicht normal.
Eine seelenlose, coole Welt – ist es das, was wir wollen?
Meine Seele ist bunt. Und deine?