mit Wörtern malen

Über den Unterschied zwischen der Arbeit einer Töpferin und eines Bildhauers haben J. und ich schon oft diskutiert. Die eine erschafft aus nichts – sprich: etwas nur für sie in ihrem Innern sichtbarem –, ein Werk, eine Schale, eine Figur. Aus nichts anderem als einem Klumpen Lehm. Aus einer formlosen Masse. Auch der Kunstmaler und die Schriftstellerin gehören übrigens zur Spezies Töpferin: aus den von ihnen bevorzugten Grundmaterialien – Wörter, Farben – formen sie Unsichtbares in Sicht- und Fassbares um. Der Bildhauer dagegen nimmt den vorhandenen Stein und befragt ihn und sich nach dessen Essenz. Mit Fingerspitzengefühl, Materialkenntnis, Kunstverständnis sowie Klopf- und Schleifgeräten arbeitet er heraus, was im Stein schlummert. Auch die Fotografin und der Appspressionist gehören zur Familie der Bildhauer – sie nehmen sich, was da ist und verdauen es neu. Pixelmeißelei nennt J. das. Unter anderem.
Ich mag das eine so sehr wie das andere. Und die diesen Arbeiten innewohnende Wahr- und Weisheiten. Mal geht es darum, das eigene Innere nach außen zu krempeln, mal geht es darum hinzuschauen und bereits Vorhandenes, Gesehenes, Gedachtes, Beobachtetes in eine eigene, neue Form zu bringen. Natürlich schöpft auch der Bildhauer aus seinem Innern, klopft die dort aufgehängten Bilder nach neuen Inspirationen ab, und die Töpferin schaut ebenfalls nach außen und synchronisiert Innenschau und Außenwelt. Wohl niemand tut nur das eine.
Gestern habe ich L. kennengelernt, einen sogenannt geistig behinderten Mann. Hat er niemanden, der ihm zuhört, weiß er trotzdem sich und seinem Spiegelbild eine ganze Menge zu erzählen. Nicht sehr gut verständlich für „normale“ Ohren allerdings, doch egal. Hauptsache es kann raus. Höre ich ihm aufmerksam zu, erzählt er mir davon, dass er Angst vor dem Regen hat. Und auch, warum. Er will wissen, ob ich mich auch vor dem Regen fürchte, was ich verneine. Erst gegen Schluss unserer Begegnung verstehe ich die Geschichte, denn die einzelnen Teile seiner Erzählung hat er mir nicht chronologisch präsentiert (wozu auch!), sondern Puzzleteilen gleich, die erst als ganzes ein sichtbares Bild ergeben. Seine Angst vor dem Regen begründet sich, so glaube ich nun zu wissen, in einem an Weihnachten gemachten, unangenehmen Erlebnis: Nass und kalt war es und er wäre wohl damals lieber nicht hinaus gegangen. Vermutlich ist dabei die eine oder andere schöne Erinnerungen an weiße Weihnachten kaputt gegangen. Dass wir „Normalen“ sein Wort Angst hier wohl eher mit Abscheu oder Abneigung umschreiben würden, ist nicht relevant. Angst steht für Unangenehmes. Das muss reichen. L. malt mit andern Farben als ich und du.
Seine Ausdrucksversuche grenzen, will er verstanden werden, an Schwerarbeit.
Wieso versteht die mich denn nicht?, denkt er womöglich. Wieso muss ich alles immer und immer wieder erzählen, bevor sie endlich kapiert? Schwer von Begriff ist sie, ja, wirklich, darum belohne ich sie mit einem Lachen, wenn sie mich richtig wiederholt. Endlich hat sie es kapiert.
L. ist der Töpfer, der in seinem Innern nach formbaren Lauten, Farben und Mustern forscht. Er ist der Bildhauer, der die Wörter, die er aufschnappt, in seine Sätze mit einbaut. Und auf einmal gelingt ein verständlicher Satz. Was für ein Erfolgserlebnis! Und so gar nicht selbstverständlich.

Neues von der Männleinfront

Was bin ich müde! Mein junger Nachbar – StammleserInnen erinnern sich? (hier klicken) – hat mal wieder bis spätnachts seine Potenz erprobt. Nachdem ich um halb zwei den Besen zu Hilfe genommen und an die Wohnzimmerdecke geklopft habe, wurde noch zweimal – und nicht eben kurz – geduscht. Von ihr und von ihm. Obwohl morgens um neun, als ich noch geschlafen hatte, bereits jemand von beiden mindestens eine halbe Stunde geduscht hatte. Okay, folgere ich, da oben ist es also ziemlich dreckig. Doch das geht mich ja nichts an. Nicht, dass ich Männlein nicht sein buntes Leben gönne …
Aber ich gönne auch mir ein buntes Leben. Und das geht nur, wenn ich nachts genug schlafen kann. Doch hier habe ich scheinbar nicht nur das Recht auf Nachtruhe, sondern auch gleich auf regelmässige Nachtruhestörung mit im Vertrag. Rücksicht scheint fürs Männlein ein Fremdwort zu sein. Zwar hat er inzwischen die Fernbedienung und seinen Verstärker ein ein bisschen besser im Griff, dennoch ist da oben – sobald dieser Mensch im Haus und in der Wohnung ist – immer etwas zu hören. Außer vielleicht zwischen halb drei Uhr nachts und sieben Uhr morgens. Ansonsten hört man immer seine relativ hohe, überdurchschnittlich laute Stimme, bei der ich zwar nicht den Gesprächsinhalt mitbekomme (zum Glück!), doch höre ich klar, ob er französisch oder schweizerdeutsch spricht. Seine Musik (wenn auch meistens in moderater Lautstärke) läuft von morgens bis abends. Seine Schritte, das Schranköffnen und -zuklappen: alles immer laut. Wenn schon, denn schon.
Kleine Frage: Wenn einer nachts nach mahnenden Klopfsignalen, laut zurück klopft und die Lautstärke kein bisschen drosselt, könnte das nicht den Schluss zulassen, dass das Ganze pure Schikane ist? Was anderes kann das bedeuten, wenn einer laut lacht und weiter lärmt ? Oder werde ich bloß paranoid?
Ich gestehe, dieser Mensch weckt in mir nicht eben meine Schokoladenseiten. Mitten in der Nacht stelle ich auf einmal fest, wie ich ein gewisses Verständnis für Menschen aufbringe, die durchdrehen. Meine natürliche Kontrollbarriere, die zwischen Denken und Handeln hängt, funktioniert zum Glück sehr gut und hält mich davon ab, diesem A… die Reifen aufzuschlitzen. Ich würde mich eh ganz schön Scheiße fühlen, wenn ich so was tun würde und unterlasse es in erster Linie mir zuliebe. Auch weil es ja diesen Satz gibt, dass alles, was wir andern tun, auf uns zurückfällt – im Guten wie im Schlechten. Ob der Satz stimmt, weiß ich nicht, aber falls er stimmt, dann will ich mir doch lieber mein Instantkarma nicht mit solchen kindischen Schlammschlachten verdrecken. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas je passieren könnte, doch sag niemals nie. Auch wenn du nicht James Bond heißt. Doch sogar der würde wohl irgendwann mürbe, wenn er immer wieder halbe Nächte wachläge, weil das Männlein im Stock obendrüber rumlärmt und keine Rücksicht auf ihn nimmt. Was er wohl tun würde?
Ich gestehe es, ich wünsche ihm ein paar nicht wirklich tolle Dinge an den Hals. Aber auch nicht allzu schlimme. Nur Dinge, die seiner Erkenntnis dienen. Zum Beispiel ein bisschen Tinnitus. Ein bisschen die eigene laute Stimme verlieren (oh jaaa!). Ein bisschen chronisches Kopfweh. Ein bisschen Schlaflosigkeit. Nur so zum Ausprobieren. Und auch nur eine Zeitlang. Und nur damit er weiß, wie das ist, wenn man nicht normal belastbar ist. Ob es nützen würde?
Manchmal macht mir die Zukunft Angst. Ich sehe eine Gesellschaft junger Menschen – siehe das Männlein in der Wohnung über mir – heranwachsen, denen die Eltern alle Steine (zumindest die materiellen) aus dem Weg räumen und geräumt haben. Denn ihre Kinder sollen es ja mal besser haben. Zuweilen verhindern Eltern ein Training für das Leben. Die Eltern sind mehr ab- als anwesend, auch wenn sie neben dem Kind sitzen, das auf dem Computer spielt. Sie delegieren die Probleme der Erziehung auf die Schule und wenn die Lehrpersonen auf den Tisch klopfen und dem Kind vielleicht ein bisschen auf die Finger, schützen sie ihre Kinder vor böser Kritik. Ja, natürlich gibt es auch den umgekehrten Fall, wo die Lehrkräfte spinnen und die Eltern begreifen. Doch wo, bitteschön, lernen junge Menschen heute natürliche Frustrationstoleranz? Wird sich langfristig in den Generationen nach uns die Empathiefähigkeit zurückbilden? Ja, ich weiß, ich male zuweilen dunkelschwarz.
Da fällt mir ein Gespräch mit Irgendlink ein. Drei oder vier Jahre ist es her. Winter war’s und wir saßen nach dem Essen an seinem Holzofen. Ich stellte uns die Frage, was wäre, wenn die Ressourcen auf einmal so knapp wären, dass wir tatsächlich ums Überleben kämpfen müssten. Ob die Menschen sich weltweit miteinander solidarisieren oder ob alle nur für sich selbst und ihre Angehörigen schauen würden. Vermutlich hat Irgendlink recht, wenn er das zweite als Regel vermutet. Zumindest im ersten Schock würde ich wohl genauso handeln, ich gestehe es. Dass der Mensch edel sei und den Quatsch, dass Leid edelt, glaube ich nur sehr bedingt. Unsere Wahl ist entscheidend. Wir haben alle das Zeug zum Pychopathen, zur Mörderin, zum Ketzer irgendwo in uns drin. Ebenso wie das Zeug zur Heldin und zum Helden.
Vielleicht darum hoffe ich noch immer, dass sogar das Männlein in der Wohnung über mir nicht unheilbar an Rücksichtslosigkeit erkrankt ist.
(((Warnung: Das hier ist eine Realsatire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Bloggerin.)))

Die spinnen, die GeocacherInnen*

Also wirklich! Wenn man schon lesen kann, dann sollte man es auch tun. Vorher. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist es gut, dass wir es vorher nicht gelesen haben. Ein Nachher wie jetzt hätte es wohl so nicht gegeben. Muskelkater allerdings auch nicht.
Der am Morgen gefasste Plan, den voraussichtlich einzigen halbwegs schönwettrigen Tag dieses Wochenendes – nach Regen- und vor Schneetagen – mit einer kleinen Geocache-Tour* auf dem Bözberg zu vergolden, klingt verheissungsvoll. Den Bözberg kennt Irgendlink aus seiner Jugendzeit – von einer Radtour zu einem Freund seines Vaters. Und da diese nicht unerhebliche Erhebung, die den stolzen Namen Berg trägt, praktisch um die Ecke liegt, steht diesem Plan nichts im Weg. Wir fischen im Netz ein paar Koordinaten von Geocaches, die in der Nähe voneinander liegen und begeben uns auf die Spuren der Römer. Klingt es denn nicht schön, als Geocaches Suchende einer armen Magd zu helfen oder auf dem Römerweg zu wandern?
Bald parken wir auf einer kleinen Straße, die in einen Feldweg mündet. Auf Irgendlinks Vorschlag hin, parke ich in einem zweiten Anlauf ein bisschen mehr auf die Wiese als beim ersten Mal. Für den Fall, dass ein Traktor käme. Man weiß ja nie.
Eisiger Wind schlägt uns entgegen. Wie froh ich um meine Handschuhe bin. Dass ich zwei Stunden später schwitzen werde, kann ich mir nicht vorstellen, als wir vom Altstalden Richtung Gallenkirch wandern. Den ersten Cache des Tages haben wir bereits in Neustalden auf dem Vorbeiweg gefunden.

gefunden
Pic by Irgendlink, apped by Sofasophia (Gimp) – Ich logge den ersten Cache.

Der zweite, mein 199. Cache, ist den Römern gewidmet, die sich ja damals im Aargau ziemlich breit gemacht und überall Spuren hinterlassen haben. Auch in meinem Wohnort. Da ganz besonders. Dass sich die Römer nicht immer einig waren, muss ich vergessen haben, lese es aber heute auf einem Gedenkstein, an dem wir vorbeispazieren. Auf dem Bözberg sind auch, so lesen wir weiter, ein paar Schlachten gegen meine Vorfahren, die Helvetier, geschlagen worden. Leider zu Ungunsten meiner Vorgängerinnen und Vorgänger.
Überlebt müssen sie aber trotzdem irgendwie haben, sonst wäre ich nicht hier!, sage ich.
Meine 199 finden wir ebenfalls ziemlich schnell, doch nun fängt das Verwirrspiel an. Da ich mir den dritten Cache zuhause nicht aufs iPhone geladen habe und Irgendlink eine nur rudimentäre Karte geladen hat, die wir auch noch falsch interpretieren, gehen wir zuerst ein Stück in die falsche Richtung. Erst als ich mich entschliesse, den Cache aus dem relativ guten Handynetz zu laden, und wir damit eine gute Karte zur Verfügung haben, wird die Suche einfacher. Wir müssten entweder ein Stück zurück oder einen großen Bogen über den alten Römerweg machen. Zweiterer lockt mehr.
Faszinierend, im Wald dem steinigen Weg mit seinen ausgefahrenen Wagenspuren zu folgen und nach einem Abstieg wieder aufwärts zu wandern. Auf einmal stehen wir an einem Hügel und hören tief unter uns das Wasser rauschen. Genau dorthin, in diese Schlucht hinunter, zeigen unsere Richtungspfeile. Es sind ja bloß vierzig Meter Luftlinie. Nur!?
Ich will quer den Hang hinunter, doch Irgendlink findet diesen Plan lebensgefährlich. Na ja, ich eigentlich auch, aber was wottsch? Irgendwie müssen wir ja runter? Bald finden wir so etwas ähnliches wie einen Pfad, dem wir, mehr rutschend als wandernd, schließlich folgen, nur um nach ungefähr hundert Höhenmetern Rutschpartie einen seriösen, den offiziellen Wanderweg zu finden. Okay, immerhin müssen wir also nicht wieder querwaldauf klettern beim Rückweg. Auch nicht schlecht. Noch sind unsere Schuhe übrigens einigermaßen sichtbar unter der Schlammschicht.
Doch das war ja auch erst der Anfang (frieren tun wir längst nicht mehr), denn noch trennen uns fünfzehn Luftlinienmeter vom Ziel. Ein Klacks. Ungefähr eine Dreiviertelstunde Kletterei in drei Akten. Beim ersten Mal runterklettern schwöre ich mir: Nie mehr! Ein paar Mal verdanke ich mein Leben nur noch einigen jungen Bäumen, die mich abbremsen.
Ein Wanderstab, ein Königinreich für einen Wanderstab!, seufze ich.
Dein Wunsch sei dir erfüllt!, sagt er, stellt sich mir buchstäblich in den Weg und schon geht es viel einfacher. Unten angelangt, suche ich erst Mal eine Weile nach Irgendlink, der nicht den gleichen Weg hinuntergeklettert ist und bereits beim Wasserfall vorne nach dem Cacheversteck gesucht hat. Als ich ihn endlich entdecke, ist er bereits wieder oben. Ohne den Cache gefunden zu haben. Auch ich suche mit den Augen die Gegend ab, doch zugegeben, ich bin heute nicht wirklich scharf darauf, jeden Stein hochzuheben.
Oben kommen wir endlich auf die Idee, die Detail-Beschreibung des Geocaches und seine Gefahrenbewertung zu lesen. Auch der Hinweis auf das Versteck und das, was in früheren Logs steht, sind aufschlussreich.
Wie blutige Anfänger haben wir übersehen, dass der Cache auf einem hohen Terrainniveau eingestuft ist. Auch lesen wir, dass der Cache in der unmittelbaren Nähe des Wasserfalles sein muss. Ich schlage vor, dass wir uns von der oberen Seite dem Wasserfall nähern, was sich aber in der Praxis nicht als ideal erweist. Wieder nach unten gekrabbelt stellen wir fest, dass wir uns doch zu weit vom Cache entfernt haben und so krabbeln wir wieder den Hügel hoch. Irgendwann kommt der Punkt, wo Dreck egal wird. Die Hosen sind bis zu den Unterschenkeln verspritzt, die Schuhe kaum mehr unter dem Matsch zu sehen und die Hände erdbraun, denn sie dienen zwischendurch als Krabbelhilfen, wenn wir uns mit ihnen nicht grad an Bäumen festkrallen.
Erneut oben angelangt beschließen wir, einen allerletzten Versuch zu wagen. Eine dritte Rutschpartie in die Schlucht hinunter – diesmal mit ein bisschen mehr Informationen bezüglich des Verstecks. Wir müssen nach einer Amphore Ausschau halten, wissen wir nun. Und sie muss an einem überschwemmungssicheren Ort sein. Unsere Augen suchen die Gegend ab. Irgendwann hat Irgendlink den Einfall, den Bach zu überqueren. Seine Jakobsweg-Wanderstiefel sind zum Glück wasserdicht und halbschienbeinhoch, sodass er diese Überquerung ziemlich unbeschadet übersteht. Drüben angelangt, steckt er seinen Kopf unter einen tropfenden Felsvorsprung und wird … fündig. Wir jubeln, doch mein Liebster schüttelt sich gleich darauf wie ein begossener Pudel, musste er doch unter eine Art Mini-Wassserfall greifen. In der hübschen, kupfernen Amphore, die er hervorgezogen hat, steckt eine wasserdichte Kunststoffröhre mit einem eingerollten Logbuch, doch wie er seinen und meinen Namen hinkritzeln will, bricht die Bleistiftmine ab. Pech aber auch!
Du hast doch auch einen Logstift dabei?, ruft er über den Bach, um das Tosen des nahen Wasserfalls zu übertönen.
Jaaa, ähm, nein, der ist im Rucksack. Im Auto!, rufe ich zurück. Mach halt Fingerabdrücke mit Lehmpfoten!
Das tut er und mit dem abgebrockenen Bleistiftspitz kritzelt er sogar noch unsere Initialen in die Abdrücke. Köstlich und echt römisch!
Das größte Abenteuer steht ihm aber noch bevor. Das wiederverpackte Teil muss zurück in die nasse Höhle. Einen heißeren Strip habe ich noch nie erlebt. Mütze, Outdoorjacke, Faserpelz, Pulli, T-Shirt lässt er elegant auf einen Stapel fallen und schließlich steckt er todesmutig seinen Kopf in die Tropfsteinhöhle, um das Ding wieder an seinen Platz zu legen. In uns allen steckt eben ein kleiner oder großer Held! Und dieser schafft es später sogar (mit meiner Schiebehilfe) das Auto aus der schlammigen Wiese herauszufahren.
Selber schuld, denk ich nur, ich hätte es eben nur halb in die Wiese gestellt.
Die folgende Montage erzählt die Geschichte unserer kleinen großen Schatzfindung.
eine kleine geschichte_sm2

(Draufklick für groß)

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Bilder:
Undogmatischer Appspresionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)
* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Von schiefen Bahnen, Sandburgen und andere Fallmaschen

1.)
Schon früh bin ich auf die schiefe Bahn geraten. Schon bald hatte ich den Glauben daran verloren, dass mein Leben wirklich so funktionieren kann. Mit diesem sacrosankten Dualismus Arbeit versus Freizeit. Wobei Arbeit ja nicht nur sicheres Einkommen, sondern oder besonders auch Image und Prestige bedeutet.
Nein, nichts gegen Arbeit. Ich arbeite gerne. Ich hatte auch immer tolle Arbeitsstellen. Fast immer, jedenfalls. Kleine Ausnahmen bestätigen bloß die Regel. Ich hatte Glück und ich hatte viele verschiedene Jobs. Vieles arbeitete ich auch, ohne Geld dafür zu bekommen. Sicher mehr für ohne oder wenig als für viel Geld. Und eigentlich arbeite ich immer. Jetzt auch. Arbeit ist ein Synonym für das, was wir tun, um den Geist zu befriedigen, der sich immer neue Dinge ausdenkt. Der sich mit dem, was geschieht, auseinandersetzt.
Ich mag die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit und auch das Feindbild Arbeit, das damit unbewusst in uns lebt, nicht. Ich mag sinnvolle Arbeit und tue mich zugleich schwer damit, Arbeit und Leistung als Beinahe-Synonyme zu betrachten. Ich will der Arbeit ihren schweren Rucksack ausziehen. Arbeit, besonders die richtige Arbeit für mich, ist nicht in er erster Krampf, Last, Kampf und Druck. Auch nicht in erster Linie Leistung. Arbeit muss nicht weh tun um als Arbeit zu gelten. In erster Linie ist sie Erfüllung. Ich erfülle den in mir lebenden Auftrag, das zu tun, was nur ich nur so kann. Nenn es die Erfüllung des Lebensplans – aus wessen Feder das Drehbuch zu diesem Plan auch immer stammen mag. Umgeschrieben wird es eh laufend. Wie sagte Herr S. neulich bei einem Vorstellungsgespräch:
Mir imponiert Ihr Lebenslauf, Frau Sophia. Was Sie alles gemacht und gelernt haben!
Mein Leben ist mir Schule und laufende Entwicklung, sagte ich. Und genau das ist es.
Leider hat es mit der Stelle nicht geklappt, da das Pensum nach oben wachsen könnte und das für mich nicht geht. Die Frage, was für einen Preis ich zu zahlen bereit wäre, um wieder selber meine Brötchen verdienen zu können, habe ich mir eine Nacht lang gestellt. Nein, mehr als 70% (29,4 Wochenstunden bei 42 Wochenstunden) verkaufte Lebenszeit kann ich einfach nicht schaffen. Lieber weniger. Mehr beim besten Willen nicht (den ich dafür allerdings nicht aufbringe). Nicht ohne krank zu werden.
Schon seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich nur noch Teilzeit und ich bin immer – wenn auch oft superknapp – irgendwie über die Runden gekommen. Mein Credo, ich erinnere mich gut, war schon sehr früh: Lieber viel freie Zeit als viel Geld. Mit Geld kann man sich nämlich genau eins nicht kaufen: freie Zeit. Wer immer dem Geld hinterher rennt, verbraucht seine Lebenszeit für die Geldbeschaffung. Momo lässt grüßen.
Die freie Zeit ist mein Reichtum und ich wandle sie in das um, was mir wichtig ist: Ich arbeite an kreativen Projekten, ich hänge ab, lese, schaue gute (und auch mal weniger gute) Filme, pflege Beziehungen – manchmal alles gleichzeitig.
Ich weiß, die meisten Menschen haben keine andere Wahl. Sie würden mit Freuden zusagen. Sie würden nicht zaudern, nicht zögern. Ein guter, sicherer Arbeitsplatz. Ja. Aber nein. Zu viele Neins, die sich mir in den Weg stellen. Solange ich wählen kann.
2.)
Ein bisschen bin ich wie die Hipstamatic-App, wo man – je nach Belichtungsverhältnissen und Motiv, das man fotografieren will – eine individuelle Filter- & Blendenkombination auswählen kann. Es gibt sogar den Zufallsmodus, der durch kurzes Schütteln des iPhones generiert wird.
Ich schüttle mich kurz und schon bin ich kleine Schwester. Oder schräge Tante von mir aus. Nichte auch oder Cousine. In dieser Rolle bin ich oft ein bisschen schusselig, wie damals, als Kind, und stoße schon mal ein Glas um oder so. Keine Ahnung, wie das funktioniert.
Ich schüttle mich erneut und bin Freundin. Mit M., einer Freundin, die ich schon sehr lange kenne, bin ich mehr so und so und mit Freundin C., die ich erst sechs Jahre kenne, mehr so und so. Als würden jeweils andere Teile meines Hirns aktiviert, je nachdem mit wem ich kommuniziere.
Ich schüttle mich von neuem und bin Partnerin. Mit Irgendlink spreche ich zudem in einer Fremdsprache. Meiner ersten, was das Hochdeutsch faktisch tatsächlich für mich ist.
Ich bin mehr als die Summe all dieser Aspekte.
Ich bin ein Farbenkreis.
Ich bin eine Sandburg.
Ich bin ein Fotoalbum.
Und manchmal bin ich mir fremd. Wenn ich mich erzählen höre, stehe ich manchmal neben mir. Sage ich das wirklich? Meine ich, sehe ich das wirklich so? Noch immer? Manchmal stelle ich fest, dass innere Veränderungen sowie veränderte Verhaltens- und Sichtweisen noch nicht in allen Zellen angekommen sind. Updaten ist angesagt. Wäre es doch so einfach wie beim PC.
3.)
Der Sinn des Lebens ist ja der Tod, zitierte der junge Fabio einen nicht genannten Philosophen, als er in der neuen Schweizer Krimiserie Der Bestatter (Folge 4, 28. Minute) einer Schulklasse, seinen Lernberuf des Bestatters nahezubringen versuchte. Der Tod mache den Augenblick zu etwas einmaligen. Ob das nun Punk ist, wie Vanessa, eines der Mädchen dieser Schulklasse sagt, sei dahingestellt.
Die Sinnfrage mal wieder. Sollte es eines Tages für mich eine Art letztes Gericht geben (und falls ja: wer außer mir selbst könnte über mich richten?), wird es nur eine einzige Frage geben: Was hast du getan, um die Welt zu einem lebenswerteren Ort für alle zu machen?
Ob da Schreiben als Antwort wohl gut ankäme?

to do or not to do

Wie ich durch den Wald spaziere, das klare Licht der Sonne genieße und mir bei der eisigen Kälte beinahe den Rotz in der Nase einfriert, wünsche ich mir einmal mehr, alle meine Gedanken, eins zu eins und unzensiert, aufnehmen zu können. Gedankendirektdiktat sozusagen. Ich müsste mir keine Eselsbrücken bauen und merken, keine Innen-drin-Lesezeichen, die ich in einer Viertelstunde eh wieder vergessen haben werde, keine Notizen machen (was ich mir heute spare) und ich müsste vor allem nicht alles, was mir des Aufschreibens wert erscheint, nachher mühsam in die Tasten hacken.
Okay, mühsam ist das ja eigentlich nicht. Schreiben – der technische Vorgang ebenso wie der gedankliche – ist für mich wie essen, trinken, pinkeln und scheißen. Normal. Alltäglich. Unverzichtbar. Einer der vielen Prozesse für mich, über die ich mir grundsätzlich keine Gedanken mache. Sie sind notwendig für mein Leben. Unabdingbar. Einen Tag ohne Schreiben gab es schon ewig nicht mehr bei mir. Nein, ich meine nicht den Einkaufszettel und die Do-do-Liste, ich meine wirkliches Schreiben. Gedanken notieren. Ideen für Geschichten festhalten. Tagebuch schreiben, Blogartikel schreiben, Artikel verfassen, Geschichten schreiben, an bereits geschriebenen Texten feilen. Schreiben wie Gemüse schippeln. Schreiben wie kochen. Schreiben wie denken.
Doch geht aktuell mehr Zeit mit allen anderen Dingen drauf. Ich räume da und dort auf, erledige Dinge, die ich schon ewig auf der langen Bank hatte, klebe an Büchern fest, die ich unbedingt jetzt lesen muss und meine eigenen Ideen brodeln derweil fast ohne mein Dazutun unter der eisigen Oberfläche. Ich habe das Feuer auf klein gestellt, damit alles schön einkochen kann und weder verdunstet noch anbrennt. Der Deckel sitzt fest.
Jeden Abend die gleiche ernüchternde Erkenntnis, dass ich nun doch wieder nicht.
Wieder nicht mit den Charakterbögen der neuen Figuren angefangen.
Wieder nicht den Ideenstrang niedergeschrieben.
Wieder nicht.
Wieder nicht.
Eine leise Frustration breitet sich aus wie ein Weinfleck auf dem weißen Tischtuch. Kein Salz in Sicht um den Schaden einzudämmen. Schnell ziehe ich auch heute wieder mein Zauberwort aus dem Säckel:
Mañana. Domani. Demain. Tomorrow. Morgen.
Ein geliebtes Kind mit vielen Namen.
Morgen werde ich früher aufstehen.
Morgen werde ich gleich nach dem Erwachen schreiben.
Morgen werde ich.
Werde ich?
Morgen?
Ich glaube, jetzt werfe ich mich aufs Sofa und lese weiter Åke Edwardsons Der letzte Winter. So spannend!
Nein. Halt. Schreib zuerst den Charakterbogen über deine neue Figur, die dir vorhin auf dem Spaziergang begegnet ist. Du hast es Irgendlink versprochen. Jetzt.

Patchwork

Wir fühlen uns richtig gut, wenn wir tun, was uns gut tut. Und wir tun uns und anderen gutes, damit wir uns gut fühlen. Soweit so gut, denn wir fühlen uns gerne gut. Eigentlich. Dumm nur, dass wir uns auch gut fühlen, wenn wir tun, was uns nicht gut tut, weil wir es zum Beispiel tun und taten, um uns selbst zu bestrafen. Was uns nur vermeintlich gut tut. Und dumm auch, dass wir uns oft schlecht fühlen, wenn wir tun, was uns eigentlich richtig gut tut. Weil wir es uns nicht gönnen.

***

Sie hütet sie gut, ihre Geheimnisse. Längst hat sie dicht gemacht. Ihre Schutzhaut gleich einer Jeans, jahrelang getragen, bequem, doch dünn da, wo wieder und wieder an ihr herum gerieben, gedrückt, gedrängt und gezwängt worden ist. Beinahe durchsichtig an besonderen Stellen. Berührbarer dort mehr als anderswo. Besonders dort. Ausgerechnet dort. Abgewetzte Schutzhaut. Anfällig für neue Wunden, wo es am meisten schmerzt. Empfindlicher, empfänglicher. Zum Glück auch für Glück.

***

Baustelle betreten auf eigene Gefahr. Schutzhelm obligatorisch. Ist das Kunst, oder was? Darf man Baustellen sehen, das Making-of, den Prozess, bevor etwas veröffentlicht wird und muss etwas, das veröffentlicht wird, perfekt sein? Was ist mit Ready-mades/Objets trouvés? Ist es eine Abwertung, wenn man den Vorhang öffnet, bevor …? Wird Kunst künstlich verklärt? Ich sag nur Fluxus*, John Cage, Marcel Duchamp. Von ihm übrigens der wunderbare Satz:
Der Betrachter vervollständigt das Kunstwerk.
Lebe deine Kunst, verkunste dein Leben.
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* Mehr dazu auch bei Wiki

Kontraste

mich sein – Sofasophia sein
eine Rolle spielen – keine Rolle spielen
das spielt keine Rolle!, denken – ja oder nein?, mich fragen
hinter dem Laptop sitzen – auf dem Sofa ein Buch lesen
spazieren gehen – im Internet surfen
Bewerbungen schreiben – hoffen, dass die geschriebenen Bewerbungen endlich Früchte tragen
Geschichten schreiben wollen – Blogartikel schreiben sollen
Erwartungen anderer an mich erfüllen, oder nicht – Erwartungen an mich haben, oder nicht
schwermütigen Gedanken nachhängen – mir vorstellen, dass ich wieder ganz fit und initiativ bin
im Internet eine Literaturclub-Konserve gucken – am eigenen Buch schreiben
begreifen, dass zu jedem Buch eine Pro- und eine Contra-Meinung möglich ist –
mich darüber freuen, dass ich denken kann
denken – nicht denken
nicht wissen – wissen
die beiden Seiten der Medaille bejahen – die beiden Seiten von allem verfluchen
von Ideen beiläufig geküsst werden – Ideen umsetzen
Bilder im Kopf – Bilder gestalten
an Freundin M. denken – Freundin M. eine Mail schreiben
Eremitin sein – gesellig sein
zweifeln daran, dass ich … – glauben daran, dass ich …
mich verkriechen – mich zeigen
dem Leben anderer zuschauen – mein eigenes Leben leben
Yoga machen – Pause machen
schweigen – erzählen
erzählen – zuhören
Blogs lesen – diesen Blogartikel schreiben
Ist tun besser als nicht tun?, mich fragen – nichts mehr fragen

nichts

Leise gedacht

Auch ich hake die vergehenden Tage ab bis … nein, nicht bis Weihnachten, sondern bis wir endlich im Tessin angekommen sind. Ferien. Auszeit. Friedliche Stille. Weg vom Feiertagsrummelgliltzerkram. Nur zu zweit sein. Ankommen.
Ist es das Ankommen, das uns Suchende glücklich macht? Ist aber nicht jedes Ankommen bereits wieder ein Abstoßen ins Nächste, so wie ich, wenn ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, bereits die nächste Runde starte, wenn ich am Ende der Bahn angekommen bin?
Meereswellen. Es ist nur ein klitzekleiner Bruchteil einer Sekunde, bevor die Welle bricht. Ein kaum sichtbarer Moment, da sie innehält. Da alles still steht.
Ein Musikstück ohne Pausen – undenkbar.
Ein Text ohne Leerschläge – unvorstellbar.
Ein Tag ohne Pausen – nicht auszudenken.
Ein Leben ohne freie Tage – lebensgefährlich.
Ich brauche sie, die Lücken, und ich brauche auch die Vorfreude auf sie und dabei vergesse ich zuweilen, dass ich auch jetzt und jetzt und jetzt bin.
Möglich, dass meine Mitmenschen die Pausezeichen in meinem Leben sind, aber die Melodie kann nur ich selbst komponieren. Meine Lieben sind vielleicht die Leerschläge auf meinen Zeilen, doch die Wörter und ihre Geschichten schreibe ich. Und wenn sie meine Pausen sind, dann ist das Leben drumrum zwar ohne sie undenkbar, doch es ist mein Leben.
Den Dingen den richtigen Platz geben. Über- oder unterbewertet ist etwas schnell und eigentlich werten wir – auch wenn wir es nicht wollen – immer und alles. Sei es emotional, subjektiv, oder eher nüchtern und analytisch. Aber wir tun’s. Wie ich Objektivität misstraue! Wer kann schon objektiv leben und wer will das überhaupt? Büne Huber, der Kopf von Patent Ochsner, der während der aktuellen Tournee wieder Tour-Tagebuch schreibt, hat  den Soundcheck vor einem Konzert beschrieben: Wie sie alle in der minimalistischen Musik, die sie zu neunt – ohne Publikum – gespielt haben, miteinander eins geworden sind. Das muss ein phantastisches Erlebnis sein. So ähnlich wie guten 6 stell ich mir das vor. Ankommen. Miteinander beieinander.
Leben ist lebendig-sein. Nicht nur die Fuktion von Herz und Niere, von Darm und Lunge meine ich. Lebendig-sein ist Emotion. Ist Betroffenheit. Ist Unvollkommenheit. Ist Ja-sagen zu meinen Grenzen und sie bei Gelegenheiten dennoch ausdehnen. Ist Unvernunft und ist vor allem eins: Liebe.
Ich schaue mir beim Schreiben zu und begreife: Alle von mir gedachten Gedanken gibt’s so oder ähnlich oder anders, bei mir und bei andern längst und immer wieder.
Wäre es da nicht besser zu schweigen?

Was darunter liegt

Erst im August, nachdem mich Windows mit ständigen Aufhängern und Abstürzen im Stich gelassen hat, bin ich – dank Irgendlinks technischem Support – endlich auf freie Software umgestiegen. Heute fühle mich mit Ubuntu und Co. mehr als glücklich. Einzig Photoshop habe ich nachgetrauert, ich gestehe es, denn mit Gimp bin ich einfach nicht warm geworden. Besonders verwirrt hat mich die dreiteilige Benutzeroberfläche. Auch die Benutzung der Werkzeugkiste empfand ich nicht selbsterklärend. Letzte Woche fasste ich, dank eines Youtube-Tutorials, den Mut, Gimp eine reale Chance zu geben, denn Nikonbilder auf dem iPhone zu appen macht nun wirklich keinen Spaß. Überraschend schnell begreife ich, wie ich Ebene auf Ebene setzen kann und die einzelnen Elemente abschließend zu einem einzigen neuen Bild vereinen kann.
Der Hintergrund, so begreife ist, gibt die Form vor. Er sagt, wie breit, wie hoch. Er sagt, ob transparent oder bunt und wenn ja, wie bunt oder welches Bild zuerst. Er ist das große JA! Ich lege andere Bilder darüber, übe das Handwerk von Gimp allmählich. Ja, es ist anders und nein, so anders als andere Programme ist es auch wieder nicht. Zuweilen ähnlich sogar wie die eine oder andere iPhone-App. Ich bin immer wieder fasziniert von der Vielschichtigkeit, verzaubert von den unmöglichen Möglichkeiten der Technik.
Die unterste Bildebene, der Hintergrund, ist meine Herkunft. Eltern. Geschwister. Kindheit.
Formgebung. Halt. Eingrenzung. Gefängnis.
Weitere Ebenen, die ich über die erste, zweite, dritte lege, heißen Beziehungsnetz, Beruf und Berufung, persönliche Identität als Frau, Vorlieben. Spannungsfelder. Jede einzelne Bildebene ist zustande gekommen, weil ich irgendwann irgendwo irgendwas gesehen, gespürt, erlebt und abgespeichert habe. Inklusive Wunden.
Ich bin viele. Bin jetzt, war gestern, werde morgen sein. Verschiedene Zeit- und Seinsschichten aufeinander.
Meistens arbeite ich an den einzelnen Schichten, oft an mehreren gleichzeitig, bewege sie, skaliere sie, drehe oder spiegle sie oder verändere ihre Farben, die Oberflächenstruktur oder die Intensität des Lichts.
Nur in ganz besonderen Momenten lassen sich alle Ebenen zu einem einzigen Bild vereinen. Mein kleines Nirwana: Einssein mit mir, das ein klein bisschen nach Erleuchtung riecht. Der letzte Akt. Vollendung.
Ist mein Hintergrund wirklich fix oder lässt er sich möglicherweise doch verändern? Wie viel Freiraum gibt er mir? Wie wäre mein Lebensbild, wenn er … und muss er darum bleiben, wie er ist? Ist er es …, ist er dieser ewig dunkle Ton, der meinem Leben seine Melodie vorgibt?
Bis zum letzten Klang?

Ganz unten liegt der Schatz

Unerzählte Geschichten sind in der Mehrzahl. Nicht alle können sich vor dem Vergessen retten. Diese hier hat sich in den letzten Tagen ans Licht gedrängt. Sie will erzählt werden, auch wenn bereits Schnee über ihr liegt.
Schon mehr als zwei Wochen ist es her. Bei Irgendlink auf dem einsamen Gehöft war es, wo wir einmal mehr per Zufallsgenerator Himmelsrichtung und Distanz bestimmten, um unser Ausflugsziel zu definieren und mit diesen Vorgaben auf geocaching.com einen schönen Geocache ganz in der Nähe des von uns ermittelten Punktes zu suchen.
Die Wanderschuhe sind schnell geschnürt und schon geht’s los. Auf einem kleinen Hügel parken wir das Vierrad und machen uns von dort aus zu Fuß auf die Suche. Unten im Tal liege der Schatz, sagen unsere Kompassnadeln und sagt auch die Karte, unten, ganz tief unten, in einer waldigen Schlucht. Die Wanderwege machen Schlenker über Felder und Wiesen, die das Waldgebiet umgeben, weshalb ich vorschlage, querfeldein zu gehen. Zumal die Felder und Wiesen ziemlich trocken und ausgetreten sind. Und noch ganz und gar schneefrei. Wir gelangen problemlos an den Waldrand, wo jegliche Wege enden. Die Schlucht unter uns ist wirklich kein Sonntagsspaziergang. Feuchtes Laub. Steil abfallendes Terrain. Sehr steil abfallendes Terrain.

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(das Smiley zeigt die Koordinaten des Geocaches)

Zwar haben wir beide ausgezeichnetes Schuhwerk, dennoch schlägt Irgendlink vor, zurückzugehen und den Wanderwegen zu folgen.
Wir müssen ja nicht immer den mühsamsten Weg nehmen, wenn es einen anderen gibt, sagt er. Recht hat er, dennoch überlegen wir hin und her, und entscheiden uns schließlich doch dafür, versuchsweise ein paar Schritte ins Waldinnere zu tun. Um zu testen, wie gefährlich die Steigung wirklich ist. Einmal im Wald drin, gibt es aber kein Zurück mehr. Mehr rutschen wir als wir gehen und es macht richtig Spaß, sich von Baum zu Baum zu schlängeln. Ganz unten angelangt, erwartet uns ein herbstbuntes Märchenland. Stille. Ein wilder Bach am Talboden, den wir überqueren. Nun folgen wir einem Trampelpfad, der uns wieder ein wenig aufwärts führt.
Unsere digitalen Kompassnadeln lotsen uns Richtung Quelle. Zehn oder zwanzig Meter vor uns liegt der gesuchte Schatz versteckt, doch hier ist vor uns unter uns. Etwa fünfzehn steile, felsige Luftlinie-Meter unter uns, um genau zu sein.
Hier eine Kletterpartie zu wagen, grenzt schon ein wenig an Verrücktheit!, sagt Irgendlink. Doch schon bald ziehen wir die zuvielen Jacken und Rucksäcke aus und klettern vorsichtig über die glitschigen Steine. Denn natürlich sind wir verrückt genug für so was. Kurz darauf stehe ich auf einem letzten hohen Stein. Irgendlink hat sich mit seinen langen Beinen bereits zwei Ebenen tiefer geschoben, doch ich hänge fest. Wie kann ich diesen Graben von der oberen zur tiefer liegenden Zwischenebene bloß überwinden ohne zu stürzen? Was gäbe ich jetzt für längere Beine! Ich habe Schiss davor, mich ins Leere fallen zu lassen. Irgendlink überlegt, dass er mich einfach auffangen könnte, doch das geht nun gar nicht. Zwei müssen nun wirklich nicht stürzen.
So überlegen wir hin und her, bis ich den Einfall habe, dass er sich doch einfach in den Spalt stellen könnte. Ich kann nun problemlos den Graben zwischen oberer und mittlerer Ebene mit meinem rechten Bein überwinden, denn dieses ist auf einmal lang genug und die Distanz von unüberwindbar zu überwindbar geworden. Irgendlink tut nichts weiter als dastehen.
Von der mittleren Ebene auf die unterste ist es nun nur noch ein kleiner Sprung und von unten sehen wir sofort, dass der Cache genau unter meinem großen Felsen versteckt ist, sorgfältig mit Ästen und Steinen zugedeckt. Unsern geübten Geocacheraugen entgehen solche Verstecke nicht. Wir tragen schon bald unsere Namen ins Logbuch ein, das in der Tupperdose liegt, und machen uns wieder an den Aufstieg. Viel undramatischer ist dieser, denn nun entdecken wir einen einfacheren Weg. Zwar ist er ein bisschen länger ist, doch gefährliche Kletterpartien bleiben uns erspart. Zurück bei den Rucksäcken, wird mir auf einmal klar, dass uns am Waldrand oben eine Rückkehr auf den Wanderweg nichts gebracht hätte. Die Schlucht kann nicht anders als kletternd erreicht werden, ob nun von Norden, von Westen oder von Osten – der Weg ist einfach steil und auch von Süden, dem Flussbett entlang, nicht einfacher zu begehen.
Wie war das gleich? Das Leben ist nicht ideal.