beheimatet

Du hast es schon schön!, sagt B. zu mir, Mutter dreier kleiner Kinder, ständig auf Trab, immer in Bewegung, zum Glück meist gut gelaunt und lebensfroh. Weißt du, deine Freiräume … davon kann ich nur träumen!

Soll ich sagen, dass ich mir manchmal erträume, eine Familie zu haben? Dass Hans im Schneckenloch oft vom Gegenteil träumt? Doch wozu? Wem dient, wenn ich das sage? Sie lebt ihr Leben, ich meins und ab und zu kreuzen sich unsere Wege. Es ist jetzt so, wie es jetzt ist. Und im Grunde hat sie recht. Ich habe es schön. Nicht immer, aber oft. Heute zum Beispiel. Im Bett schreiben. Tee trinken. Danach Yoga und spät frühstücken, den Tag nach meinen Vorstellungen gestalten, die Balance finden zwischen konzentrierter Arbeit und all dem andern, was nicht explizit als Arbeit bezeichnet wird. Life-Work-Balance nannten das die Fachleute auch mal. Als ob Work nicht Teil des Lebens wäre [Arbeit soll entstigmatisiert werden, plädiere ich].

Ich mag mein Zuhause. Meine Räume mit meinen Möbeln, meinen Bildern, meinen Büchern – sie sind mir Heimat. Meine Räume sind die Kleider meines Lebens. Ja, auch meine Kleider sind mir Heimat, Schuhe ebenso. Wenn sie gut eingetragen sind, gut eingelaufen, wenn sie Teil meiner äußeren Hülle geworden sind, die ich auch bin. Heimatgefühl entsteht durch Vertrautheit. Heimat sind Menschen, die mich verstehen. Heimat sind wir meine Zeiten mit dem Liebsten, Gespräche, Lachen, Sein.

Heimat sind mir geografisch definierbare, in Koordinaten fassbare Orte – die rote Bank auf dem Hügel über dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, ein Baum auf dem Schulweg zum Gymnasium (ob er noch steht?), Wege, die ich gegangen bin. Orte, die mit prägenden Erlebnissen verknüpft sind, werden mir Heimat. Schafft die Repetition Heimatgefühle? Sind es die Wiederholung, das Ritual – beispielsweise mein Yoga am Morgen –, die in mir Heimat schaffen, die Vertrautheit und Sicherheit des Absehbaren? Sind es die Dinge, die ich tue, die bewirken, dass ich mich beheimatet weiß, in mir drin, in der Umgebung, in der ich mich gerade aufhalte? Gut möglich.

Auch die Sonne hilft, dass ich mich auf der Erde daheim und willkommen fühle – egal wo. Ja, und die Farben des Lichts, genau, Farben! Farben und Bilder – sie sind eine universelle Sprache, die mir Heimat vermitteln können. Und wo ich sie mich nicht ansprechen, erlebe ich Fremdheit, Heimatlosigkeit, Verstörung. Mit Lärm geht es mir ebenso und mit Menschen, die mich nicht verstehen. Verstehen, verstanden werden, mich verständlich machen zu können – das sind meine Schlüssel um Heimat zu finden. Und hier meine ich jetzt nicht ausschließlich die gesprochene Sprache. Jegliche Bild- und Klangsprachen müssen in meine Herzsprache übersetzbar sein, damit ich in ihnen zu Hause sein kann. Sie müssen mich berühren, ansprechen, bei mir ankommen können, sie müssen in mir drin etwas bewirken, erst dann sind sie mir Heimat.

Es ist unser Herz der Seismograph für Heimat. Das Herz und unser Denken. Wie funktionieren unsere Wert- und unsere Weltbilder? Was glauben und was wissen wir, was interessiert uns, was treibt uns vor- und was rückwärts? Was sind uns Kunst und Kultur? Und wie gehen wir mit all diesen Informationen um? Wie begegnen unsere Innenräume der Außenwelt, entsteht dabei Resonanz? Dissonanz?

Mir sind sinnliche Erfahrungen wie Gerüche Heimat, Klänge und Töne, das Berühren ganz besonderer Dinge – das Brot im Ofen, Grillenzirpen, Vogelgezwitscher, ein von meiner Mutter geerbtes Geschirrtuch. Heimat sind mir meine Gedanken, jene im Kopf ebenso wie jene auf dem Papier oder in meinem Rechner. Auch mein Laptop und mein iPhone sind mir heimatliche Inseln, Orte, wo ich gerne meinen Anker auswerfe, um mich zu sammeln. Und um zu arbeiten. Die Brotarbeit ebenso wie die Kür an meinen Manuskripten, an Bildern, an Blogs. Ja, auch meine Blogs sind mir Heimat. Wie viele Heimaten ich habe! Das stimmt mich dankbar.

Eine darf ich nicht zu erwähnen vergessen: die Musik. Eine ganz wichtige Heimat für mich. Unverzichtbar. Ganz bestimmte Songs. Und auch ganz bestimmte Lieder, die ich zum Beispiel als Kind oder in einer Schwitzhütte gesungen habe. Kraftlieder, die mich von innen heraus nähren. In Musik verdichtet sich für mich Heimat am fassbarsten. Heimatlosigkeit ebenso. Nichts kann so ein- und ausschließen wie Musik. Sie markiert durch ihren Stil, wo ich hingehöre und wo nicht.

Dass Heimat durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie definiert sein kann, wissen wir. Und dass definierte Heimat auf einmal nicht mehr gelten kann, wissen wir auch. Immer und überall auf der ganzen Welt werden Menschen vertrieben. Heimat wird zu Nicht-Heimat. Zu Heimatlosigkeit.

Als wir vor einem Monat in Berlin waren, bekamen wir von unsern dortigen Freunden die Geschichte Cioma Schönhaus‘ mit auf den Weg. Ich habe inzwischen seine beiden Bücher gelesen, die er über seine Jugend als junger jüdischer Bursche in Berlin geschrieben hat und über sein Leben als Passfälscher im Untergrund. Auch von seiner erfolgreichen Flucht in die Schweiz und das Leben, das er seither dort „wie im Paradies“ führt, las ich. Mit großer Betroffenheit. Und dankbar, dass er in meiner Heimat auch seine Heimat gefunden hat. Heimat zu finden, nachdem man vertrieben und zur Flucht gezwungen worden ist – kann es ein größeres Geschenk geben?

Über Heimat nachzudenken verändert meine innere Haltung positiv und ich stelle fest, dass ich es wirklich schön habe. Nicht nur, nicht immer, aber auch. Und immer bewusster.

Links:
Cioma Schönhaus im Schweizer Fernsehen
Buch „Der Passfälscher“ bei Perlentaucher
Buch „Der Passfälscher im Paradies“ bei books.ch

Zur Erinnerung:
Aktuell stellen wir auf pixartix_dAS bilderblog Bilder verschiedener Künsterinnen und Künstlern zum Thema „heimatlos“ aus.

sammeln, sichten, Spuren lesen

Jeder Mensch ist sein eigenes Buch und hinter jedem Namen steckt eine Geschichte.
Wie ich mich dieser Tage durch meine Adressdateien wühle, virtuellen vor allem, erkenne ich, wie viele Menschen meinen Weg irgendwann gekreuzt haben. Und dort kleine oder größere Spuren hinterlassen haben. Gefühle. Schmerzliche die einen, freudige andere. Wieder andere waren einfach da. Mittelpunkte ihrer eigenen Leben, während ich an meinem Lebensfaden spann.
Gesten Abend habe ich die Klassenliste meiner Oberstufenklasse überprüft: Wer wohnt noch dort, wo er bei der letzten Klassenzusammenkunft vor acht Jahren gewohnt hat? Eine Zweidrittelmehrheit – gut oder schlecht ist nicht relevant. Wer ist sesshaft, wer hat sich verändert und was ist mit den immerhin vier Frauen, die weder im Telefonbuch noch mit Guugl und Konsorten zu finden sind? Leben wir alle noch?
Einer meiner Schulkameraden, ein blonder stiller Junge mit Brille, war schon damals ein Tüftler gewesen und ist heute Künstler und Trickfilmzeichner mit einer tollen Webseite. Ich bin ein bisschen stolz auf ihn, obwohl wir kaum Kontakt hatten damals. Heute erst recht nicht.
Damals waren wir junge Menschen, die das Leben noch vor sich hatten – wie die Alten sagten, zu denen ich längst gehöre. Und dass wir es genießen sollen, das Kindsein, das Jungsein. Junge Bäume. Welpen. Schon bei der ersten Klassenzusammenkunft, als Zwanzigjährige, zeichneten sich erste Spuren ab, die sich im Laufe der Jahre vertieften. Die meisten hatten Lehre oder Matur hinter sich und waren – je nach Lebensplan – daran das Leben zu genießen, Reisen zu planen, befanden sich im Studium oder an einer höheren Schule. Die Gespräche mit den einen waren kaum mehr möglich – es fehlten die gemeinsamen Interessen. Mit den andern waren sie dafür möglicher als früher. Aus den jungen Bäumchen waren junge Bäume gewachsen, denen bereits anzusehen war, welcher Art die Früchte eines Tages sein könnten. Menschen und ihre Spuren – Schatten werfen wir auch in die Zukunft. Die Sonne steht nicht immer vor uns.
Wie ich heute weiter in den alten Verzeichnissen und Tabellen wühle, spaziere ich gleichsam durch meine Vergangenheit. Wer war doch gleich …? Ach, mit K. war ich im Kurs in XY und mit S. und N. im Seminar in YZ. L. war doch eine von der Schreiberlingen im ersten Novemberschreiben? Ach, und M. – meine tolle Ex-Scheffin! Wie es ihnen wohl geht, meinen alten Bekannten? Bei ein paar Namen finde ich weder Geschichte noch Gesicht in meiner Erinnerung. Ihre Spuren sind verblasst. Wieder andere habe ich geguuglt … Ob das andere mit meinem Namen von Zeit zu Zeit auch tun? Da und dort bin ich bestimmt aus Verzeichnissen gelöscht und in Adressbüchlein durchgestrichen worden, wie ich das von Zeit zu Zeit mit dem einen oder andern Namen in meinen Dateien ja auch tue.
Menschen hinterlassen Wunden. Und Lichtblicke. Ohne Spuren zu hinterlassen können wir nicht leben.
Was mir andere sind? Was ich andern bin? Nicht Eitelkeit bewegt mich zu solchen Fragen, eher der Wunsch, dass die Antwort lauten möge: wohlgesinnt.

Von Berlin ins Berner Oberland

Über zweitausend Autokilometer habe ich in den letzten sieben Tagen zurückgelegt (Guugl spricht von 2356 km). Nein, das ist nicht normal. Und nicht wirklich toll. Ich stehe ziemlich neben den Schuhen und bin sehr müde.
Absorbiert von zwei intensiven Schreibaufträgen (den einen aus Nächstenliebe, den andern gegen cash – wenn auch in ferner Zukunft) verbrachte ich meinen Donnerstag teilweise zu Recherchezwecken in meiner alten Heimat. Im Berner Oberland. In Thun. Ach, wie liebe ich diese Gegend! Die Berge. Die Täler.
Ein Hagelschauerfrühlingsgewitter hat meinen Plan, auf dem Rückweg im lieblichen Gerzensee zu baden (zumindest die Zehenspitzen) vereitelt. Zum Glück, denn zuhause wartete viel Arbeit auf mich. Aber das nächste Mal werde ich dort rasten … versprochen.
Und morgen (ähm heute, einfach später, nach dem Nachtschlaf) werde ich hier über Berlin und Halle resümieren – ebenfalls versprochen.
Nun aber gute Nacht – oder so …

Über das Nachdenken nachdenken

Im Buch „Briefsteller“ von Schischkin lese ich, wie die Soldaten in China sich ständig beschäftigt haben, um nicht ins Grübeln zu kommen. Um nicht durchzudrehen.
Na ja, nicht grübeln geht wohl nicht und zu viel macht krank. Das individuelle Maß an persönlicher Grübelei zu finden, ist eine große Herausforderung.
Die eine oder andere kleine und große Frage muss ich mir stellen, auch wenn die Antworten darauf sich im Laufe der Jahre verändert haben.
Sich dem Nachdenken zu verweigern, sich das Grübeln zu versagen, befreit von Ethik, Verantwortung, Moral und Gewissen – eine Freiheit, die ich nicht anstrebe. Macht nun umgekehrt übermäßiges Grübeln moralisch und gar missionarisch? Depressiv zu werden ob zu vielen Nachdenkens, ist eine weitere Option.
Das Leben muss uns, um es leben und verstehen zu können, irgendwie fassbar werden. Und da sind Fragen unvermeidbar.
Selbst Kinder stellen Fragen. Kinder grübeln über andere Dinge nach. Wie weit sie buddeln müssen, bis sie die Mitte der Welt erreicht haben. Und warum-warum-warum die Welt …
Warum? Warum auch nicht!
Doch jetzt packe ich besser mal meine Sachen fertig für die kleine Reise in die große Stadt. Warum? Darum!

Von Hochsitzen und Tiefpunkten

Wie es sich wohl lebt, so auf einem Hochsitz? Und was sich da oben wohl so alles anstellen lässt? Irgendlink und ich phantasieren drauflos, während wir – grün, blau und waldbraun geniessend – von Hochsitz zu Hochsitz pilgern. Endlich Frühling. Über zwanzig Grad. Langes T-Shirt reicht längst.
So viele Bilder wie gestern habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Ein letztes noch, sage ich mir, denn wir sind auf dem Rückweg zum Auto. Da, diese morastige Grube zwischen Wiese und Straßenrand! Ein Fußabdruck, ein Schuhprofil – könnte das nicht sogar ein Straßen & Wege-Bild für die aktuelle pixartix-Serie werden?
Ich setze meine Fuß auf den Morast, fast wie einen Stempel, und hebe bereits den zweiten. Leider kann ich meinen rechten Fuß nicht mehr rechtzeitig bremsen, denn der linke ist bereits schuhtief versunken. Dem rechten gelingt es, sich schnell wieder aus dem Dreckloch zurückziehen, während der linke tiefer und tiefer gezogen wird. Das iPhone in der linken Hand, mit geöffneten Fotoprogramm, bildet von alleine ab, was geschieht (das letzte Bild unten).
Nur dank Irgendlinks beherzter Rettungsaktion, beschrieben und bebildert auch in seinem Blog, konnten ich und (noch fast wichtiger) mein iPhone das Abenteuer relativ unbeschadet überstehen. Barfuß zurück zum Auto. Barfuß Autofahren … damit kann man eh nie früh genug im Jahr anfangen!
Tja, um Höhe- und Tiefpunkte herum kommt eben niemand.
(das ist eine Galerie: Bild 1 anklicken und so weiter …)


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Bilder:
undogmatische Appspressionismen (iPhoneArt mit Gimpunterstützung).

Meine Räder und ich

Seit Tagen steigen Erinnerungen hoch. Zum Beispiel an die Sache mit Ostern. Wie war das gleich gewesen, früher? Eier suchen gabs bei uns nicht. Meine Mutter hat uns ja auch nie Märchen erzählt. Das sind doch Märchen, ich erzähl euch doch keine Lügengeschichten. Ab und zu las sie eine Kindergeschichte aus einer Zeitschrift vor. Das wars schon. Gut, dass ich schon sehr früh lesen konnte. Und alles zu lesen begann, was mir in die Finger kam.
Karfreitag habe ich während meiner Ausbildungszeit gerne meditativ und auch gerne alleine verbracht. Ich fuhr zum Beispiel mit meinem bordeauxroten Rennrad an den Hallwylersee – hin und zurück dreißig Kilometer. Womit wir bei meinem Fahrrädern wären …
Hach, mein rotes Rad, mein erstes eigenes Rad! Meine Räder waren nicht einfach Fahrräder. Nicht einfach nützliche Dinge, mit denen man von A nach B fuhr. Nein, so wie auch meine Autos Persönlichkeiten sind und waren, waren und sind das auch meine Räder. Jedes schrieb mit mir ein Stück Lebensgeschichte.
Fahren lernte ich auf dem roten Kindervelo meiner Schwester. Ich war wohl sieben oder acht. Unsere Straße war dazu wie geschaffen, ein wahres Kinderparadies. Samt Wald. Ein Biotop für Kinder. Radfahren, Rollschuhlaufen, Federballspielen, im Wald Baumhütten bauen … ja, das war alles wirklich gut und schön. [Neben allem andern Scheiß.]
Mit zwölf kam ich in die Oberstufe. In die Bezirksschule im Nachbarort. Wohin ich mit dem alten Rad meiner Mutter fuhr. Als ich es zu benutzen begann, war das gute Teil schon über zwanzig Jahre alt. Es hatte eine Sturmey Archer-Dreigang-Schaltung, einen zweifarbigen Ledersattel und einen schweren, dunkelgrünen Rahmen. Altmodisch wie sonst was. Für eine Zwölfjährige war so ein Teil unglaublich peinlich. Andererseits (und wenn ich ganz ehrlich bin) habe ich das Teil geliebt. Ich trug es auf wie eins jener alten Kleidungsstücke, die wie angegossen sitzen und trotzdem längst von allen andern in die Kleidersammlung geworfen worden wären. Natürlich moserte ich rum und wünschte mir ein eigenes neues Fahrrad. Was aber nicht so einfach war, weil das Geld fehlte.
Schließlich begann meine Schwester nach ihrer Konfirmation mit der Lehre und kaufte sich vom ersten Lehrlingslohn und dem Konf-Geld ein Mofa. Ich besuchte nun bereits das zweite Jahr der Bezirksschule und durfte ab sofort ihr vier Jahre altes Fahrrad auftragen. Ein Durchschnittsmodell, wie auch meine Mitschülerinnen sie trugen fuhren. Goldmetallic der Rahmen. Warum sie damals nicht das alte Mutterrad hatte benutzen müssen, frage ich mich heute zum ersten Mal. Vermutlich hatte sie sich erfolgreicher als ich dagegen gewehrt? Das konnte sie nämlich viel besser als ich. Doch ich, ich träumte – trotz hübschem goldenem – noch immer vom eigenen neuen Fahrrad.
Ein Jahr später wurde mein Traum wahr, denn ich gewann bei einem Wettbewerb ein nigelnagelneues Velo. Dumm nur, dass ich inzwischen erfolgreich meine Mofaprüfung abgelegt und sich mein Traum vom eigenen neuen Fahrrad in den vom blauen Mofa gewandelt hatte. Längst hatte ich auch auf Mofas von Kollegen und Kolleginnen einschlägige Erfahrungen gesammelt. Mein Vater half mir, meinen Traum zu verwirklichen. Er verhandelte mit dem Zweirad-Händler im Nachbardorf, der schließlich mein gewonnenes Fahrrad in Zahlung nahm und mir gegen einen Aufpreis ein quietschblaues Mofa, ein Puch Maxi, verkaufte. Das gleiche wie meine Freundin U.. Fast alle aus meiner Klasse kamen inzwischen mit dem Mofa in die Schule. Nach der Schule fuhren wir ab und zu in die nahen Hügel und kurvten herum. Ein Mofa war für uns das Synonym für Freiheit.
Viele Jahre, auch als ich schon in A.und noch später in B. zur Schule ging, fuhr ich mit meinem Maxi durch die Welt. Treu und zuverlässig brachte es mich ans Ziel. Doch auf einmal erwachte der Traum vom Fahrrad wieder. Freundin D. hatte sich beim Fahrradhändler W. im Oberdorf einen pinken Renner spritzen lassen. Boah, so ein geiles Teil! Zwar nicht in pink, aber so ein Renner war doch genau das, was ich mir immer gewünscht hatte! Außerdem jobbte ich ja in den Schulferien immer und hatte mir inzwischen etwas zusammengespart. Für gute Noten kam auch immer was dazu und so konnte ich bald zum Velo-W. gehen und mir mein eigenes Traum-Velo zusammenstellen. Bordeauxrot musste er sein, der Rahmen meines „Halbrenners“ – damals meine Lieblingsfarbe. Dazu hatte er einen schwarz ummantelten Rennlenker, feine Spritzschutzbleche und einen feinen Gepäckträger, auf den ich einen ebenso feinen Gitterkorb – ein Geburtstagsgeschenk meines Bruders M. – klemmte. Okay, so ein Korb auf einem Renner mag ein Stilbruch sein, doch ich musste und wollte mit dem Rad ja zur Schule und hatte immer viel zu schleppen. Oder ich fuhr mit meinem Rad an Karfreitag an den Hallwylersee oder mit der Jugendgruppe an die Aare. Das Mofa stand nun hinten in der Garage, nicht mehr vorne, und wurde immer seltener gebraucht.
Als ich nach meinem ersten Arbeitsjahr – als sozialpädagogische Praktikantin – als Zweiundzwanzigjährige für ein weiteres Praktikum ein Jahr ins Tessin fuhr, nahm ich nur das rote Fahrrad mit. Auch später, als ich nach Bern zog, um Buchhändlerin zu werden, kam mein rotes Rad mit und erkundete mit mir diese Stadt, die mir viele Jahre später wieder Heimat wurde.
Irgendwann kam der Tag, da mein rotes Rad starb. Die genauen Umstände habe ich vergessen. Es war, so meine ich mich zu erinnern, geklaut und kaputtet worden und wurde später wiedergefunden. Die Reparaturen hätten mehr gekostet als ein neues Rad, doch weil ich als Buchhändlerin nur wenig verdiente und das Wenige für eine Reise sparte, konnte ich mir kein teures Markenrad kaufen. Also musste ein günstiges Stadtfahrrad her. Das Teil hielt nicht lange, ich erinnere mich kaum an seine Farbe und es war oft kaputt. Wenige Jahre später wurde es von einem schönen neuen türkisfarbenen Citybike mit breiten Reifen, die auch auf ungeteerten Wegen und im Wald etwas taugten, abgelöst. Inzwischen war ich das erste Mal verheiratet, lebte in der gleichen Gegend wie heute und arbeitete zuerst im Kinderheim und später in der örtlichen Buchhandlung. Das Bike war damals mein Alltags- und Freizeitmobil. K. und ich verbrachten unsere Freizeit oft auf den Sätteln unserer Stahlrosse. Daran hat sich bei mir bis heute nichts geändert. Nur dass auch mein türkisses Pferdchen eines Tages seinen Dienst aufgab. Ich vererbte es einer Organisation, die ausrangierte Räder reanimiert und nach Afrika schickt. Der Gedanke, dass mein altes Rad noch immer irgendwo lebt, macht mich noch heute froh.
Mein aktuelles (Marken-)Fahrrad habe ich vor elf oder zwölf Jahren in T. gekauft, als ich mit meinem zweiten Mann im Berner Oberland gewohnt hatte. Dieses silberfarbene Rad mit blauen Teilen da und dort hat längst seine Marke überlebt. Zugegeben, es ist in die Jahre gekommen und längst trägt und fährt es nicht mehr nur Originalteile. Noch nie war ein Rad so lange bei mir. Dem Liebsten-sei-Dank, der es immer wieder zum Laufen bringt.
Heute Nachmittag – nach einem regionalen GeocacherInnentreffen in der Nähe meiner Wohnung – radelten wir beide noch ein wenig an die nahe Reuss.
Einfach drauflos.
Über Stock und Stein. Waldwege.
Ab und zu schieben, wo der Weg zu schmal, der Wald zu dicht ist.
Bei jeder Verzweigung entscheiden, wo lang wir fahren wollen.
Wie im richtigen Leben.

Kopfkino

Kino in meinem Kopf. Zurzeit laufen zwei Filme, die Wort für Wort das Leben schrieb.
Der eine ist der ARD-Film Der Preis der Blue-Jeans aus der Doku-Reihe Billigprodukte und ihre Folgen, den ich vor einigen Tagen gesehen habe. Es geht darin um Jeans und wie diese zum Beispiel im Billigland China produziert werden. Die ersten Eindrücke, die das Filmteam in der ersten chinesischen Fabrik, sind noch knapp erträglich. Obwohl das Stoffzuschneiden und -nähen im Akkord nur unter bedingt menschenwürdigen Bedingungen abläuft. Doch je länger der Film und die Recherchen dauern, desto schlimmer wird es. Die genähten Jeans werden nun mit chemisch fragwürdigen Bleichmitteln behandelt, mit Fräsen kaputtet und mit Sandstrahlern bearbeitet, damit sie auch schön grunge aussehen. Und das in den meisten Fällen mit nur geringem oder gar keinem Schutz für Haut, Lungen und Ohren der Arbeiter und Arbeiterinnen. Bestialischer Lärm. Die befragten Arbeiter und Arbeiterinnen, wobei die Männer bei gleicher Arbeit mehr verdienen als die Frauen, zucken die Achseln. Es könnte schlimmer sein. Ich fühle mich gesund. Man gewöhnt sich daran. Sie bewohnen Löcher, Massenunterkünfte ohne jegliche Privatsphäre. Immer brennt Licht in den Unterkünften, wegen der Schichtwechsel. Dusche? Vergiss es! Zwei Eimer Wasser müssen reichen, um die ganzen Chemikalien abzuwaschen.
Dafür wird jede Jeans im Laufe des ganzen Prozesses ungefähr zwanzig Mal – mit starkem Waschmittel – gewaschen, damit auch ja alle Gifte ausgespült werden. Sonst kann man die Hosen nämlich nicht nach Deutschland liefern. Obwohl Deutschland das bessere Abwassersystem hätte. Das bessere? China hat nicht das schlechtere, China hat gar keins. Die ganzen Färbe- und Bleichmittel fließen, bestensfalls von ein paar Gittern gefiltert, von der Fabrik ins Abwasser. Und von dort ins Meer.
Die Leute wollen nicht mehr viel zahlen für ihre Jeans. Sagt der deutsche Händler. Sagt der chinesische Zwischenhändler. Die Leute wechseln ihre Jeans nach einer Saison. Dennoch muss die Qualität stimmen. Die Konkurrenz ist groß. Der deutsche Händler sagt, dass China handeln müsste. Bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Gewässerschutz veranlassen. Wir, sagt er, wir können nichts dafür. Wir richten uns nach dem Markt. Und selbst wenn wir mehr für die Jeans verlangen und China bezahlen, bekommen nicht die FabrikarbeiterInnen mehr Geld. Das verschwindet im Zwischenhandel. Später sagt er, dass, falls China zukünftig mehr Geld wolle, sie halt nach Afrika wechseln müssten. Doppelmoralischer und zynischer geht’s nicht.
Wenn Menschen und Gewässer so schlecht behandelt werden wie in China, wie werden da wohl Tiere gehalten? Ich mag gar nicht dran denken.
Während ich den Film schaue, fällt mir jener Film ein, den Irgendlink neulich geschaut hat – auch auf ARD. Über Amazon, das wir alle kennen und lieben, weil es so schön billig ist, zuverlässig auch, und uns alles liefert, was das Herz begehrt. Wir erfuhren, wie auch in Deutschland und Frankreich Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und leben. Von Zeitarbeitfirmen aus Spanien und andern „armen Ländern“ geködert, um in großen Hallen Material zu verpacken. Bewacht von Sicherheitsdiensten. Untergebracht in Massenunterkünften. So weit weg ist China gar nicht …
Müßig zu sagen, dass wir nichts mehr bei Amazon bestellen.

***

Der zweite Kopfkinofilm ist ein selbst gedrehter, selbst erlebter. Nachdem ich gestern Freundin M. (2) zum Bahnhof begleitet hatte, fuhr ich – weil es draußen für ein paar Stunden wie Frühling war – mit dem Rad eine kleine Runde. Ich fühlte mich wohl, ahnte den kommenden Lenz und genoss die Sonne.
Doch wie ich mich auf dem letzten Stück meines Heimweges dem Dorfkindergarten näherte, fielen mir schon von weitem Menschen auf, die dort standen … Und Blumen, die an den Zaun gelehnt waren. Kerzen. Je näher ich kam, desto schrecklicheres schwante mir. Eine Gedenkstätte. Errichtet von Menschen, die eines gestorbenen Menschen gedachten. Kinderschrift auf Briefen und Karten. Mein Herz trommelte wie wild. Ein Kind, hier verunglückt? Eine Frau, die ich um Auskunft bat, bestätigte meinen Verdacht. Ein 5 jähriger Bub sei hier unter den Muldenlastwagen gekommen. Im Krankenhaus sei er einige Stunden später gestorben.
Zehn Sekunden früher über die Straße und er würde noch leben, denke ich. Seine zwei Gschpänli vor ihm hätten es geschafft. Er nicht mehr. Sagt sie.
Ich schiebe das Fahrrad nach Hause. Tränen in den Augen.

Hinter dem Vorhang

Ein Stück für zwei.
Der Vorhang öffnet sich. Auf der Bühne, gut ausgeleuchtet, Sofasophias Wohnzimmer. Nichts Böses ahnend hängt die Protagonistin auf dem Sofa und tippt in ihre externe iPhone-Tastatur. Xenö* betritt von rechts das Zimmer, schielt dreist auf das Display und liest mit. Erst nach einigen Minuten erwacht Sofasophia aus ihrer Schreibtrance und schaut Xenö verwundert an. Sprachlos. Xenö ist wieder da. Und sie ahnt es bereits: Kein Weg führt an ihm vorbei, wenn er auftaucht. Wer ihn kennt, weiß, wovon ich rede. Nur Unkraut ist zäher.

Sofasophia: Du?
Xenö: Wenn’s erlaubt ist!
Sofasophia: Ist es zwar nicht …
Xenö: Das (er zeigt aufs iPhone) willst du bloggen?
Sofasophia: Warum denn nicht?
Xenö: Viel zu zynisch ist das, böse, gemein … passt doch nicht zu dir. Du bist doch viel zu nett …
Sofasophia: Das sagt ja der Richtige! Außerdem: Das ist schließlich eine Satire!
Xenö: Wirklich?
Sofasophia (wird ein bisschen rosa im Gesicht): Hm … Glaub schon. Was geht’s dich an?
Xenö (schnappt sich das iPhone, das Sofasophia aufs Sofa gelegt hat und liest vor):
Täglich lese und kommentiere ich mich durch zig Blogs, durch zig literarische und künstlerische Stoffwechselprodukte toller Menschen. Täglich lese ich unzählige tolle und weniger tolle fremde Gedanken. Und täglich füge ich da und dort einige meiner Gedanken dazu, als Ermutigung, als Rückmeldung, als Dankeschön. Ich lasse mich von andern Texten und Bildern inspirieren, doch vor allem lenke ich mich damit ab. Von mir weg. Ablenkung betäubt so schön. Ich muss, während ich bei andern bin und von Blog zu Blog reise, nicht selbst denken, ich muss nicht meinen eigenen Mist karren, sondern darf mich mit den Themen anderer befassen. Maßvoll nur, denn es sind ja immerhin die Gedanken anderer.
Kommt mir nicht zu nahe! Lasst mich mit eurem Mist in Ruhe! Ich will es gar nicht so genau wissen.
Nein, so sage ich das natürlich nicht. Ich bin ja nett. Ich bin freundlich. Und ich schreibe freundliche Kommentare. Ich verhalte mich moderat, adäquat, angepasst und unauffällig. Schließlich will ich gemocht werden. Schließlich will ich auch nette Kommentare erhalten, wenn ich schon so viele nette Kommentare schreibe. Schließlich will ich viele Like-its, denn ich verteile ja auch viele.
Obwohl. Wenn ich ehrlich bin, wächst mir die Kommentarmoderation so langsam über den Kopf. Da gibt es nämlich noch die besonders lieben Leute, die einen Kommentar gleich nochmals kommentieren. Und darauf muss doch auch reagiert werden. Oderrr? Ich will doch niemandem das Gefühl geben, dass ich seine Mühe nicht wertschätze. Honorieren. Reagieren. Danken. Eine Hampelpuppe ist nichts gegen mich.
Ob ich die Kommentarfunktion wieder ausmachen soll? Obwohl ich doch im Grunde gerne diskutiere?
Wie viel ist echt von dem ganzen Karsumpel in der Blogosphäre? Diese ganze Nettigkeit – wie ehrlich ist sie? Wie viele Mitleid-Kommentare und -like-its verteile ich, verteilen wir, statt dem Blogger oder der Bloggerin zu sagen, dass ihr heutiger Text eigentlich, na ja, doch ziemlich langweilig geschrieben ist? Wie kritisch sind wir und wie manipulierbar? Wie nett sind wir wirklich?
Xenö: Und so was willst du bloggen? Damit verlierst du doch alle deine Stammleserinnen und -leser!
Sofasophia: Und? Wahrheit hat ihren Preis – heißt es doch so schön. Und darum bin ich jetzt ganz ehrlich zu dir, Xenö. Hau ab!
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* Mehr zu Xenö in meinem alten Blog „Sofasophien“: bitte hier klicken (von unten nach oben zu lesen).

Können und nicht können

Kunst kommt von können. Doch können ist mehr als Kunst, können ist auch Macht. So ist zum Beispiel Holzhackenkönnen eine mächtige Kunst. Eine, die man zum Überleben auf dem einsamen Gehöft können sollte. Wie froh ich bin, dass es nicht mehr so kalt ist. Wir brauchen deutlich weniger Holz und können heute den Haupthahn wieder aufdrehen und schon bald das kühle Nass ohne Umwege über Bottiche genießen. Wohl wird es vermutlich in ein paar Tagen nachts wieder kühler, doch das interessiert uns heute nicht und morgen auch nicht.
Holzhacken gehört zu den vielen Künsten, die ich nicht beherrsche. Kleine Stücke hacken geht, aber so richtig und richtig gut kann ich auch die nicht. So müsste ich hier wohl erfrieren, wenn nicht der Liebste. Aber der liegt darnieder. Mit Magendarmgrippe, die ihn heute Nacht um vier niedergestreckt hat. Er liegt im Bett oder auf dem Sofa, trinkt Honigtee und Cola. Bouillon später. Er sagt wenig. Er mag nicht. Und er muss oft. Nun flüstert er mir zu, welche Wasserhähnen ich zuerst schließen muss, damit die Hauptleitung geöffnet werden kann und das Wasser schon bald fließen. Auch eine Kunst. Eine, die ich lernen kann. Das Wissen eines Eingeweihten, das soeben weitergegeben wird. Bauesoterisches Wissen, sozusagen, sorgfältig gehütet. Ich werde nichts verraten.
Mögen mich die Käfer verschonen. Noch summt zwar mein Kopf vom gestrigen Kopfweh und der Bauch murmelt aus Mitgefühl übellaunig mit, mehr nicht. Gut.

Durchblick?

Da sitze ich also bereits zum dritten Mal im lokalen Optikerfachgeschäft und lasse mir meine neue Brille ausmessen, denn die alte zerfällt so langsam in ihre Einzelteile. Eine nette Optikerin misst die letzten Details wie Augenabstand, erkundigt sich nach Gläserqualität und notiert jetzt die einzelnen Preisdetails auf den Umschlag. Preis des Gestells. Preis der Gläser. Preis der Montage. Alles zusammenzählen kann sie nicht so schnell wie ich (obwohl ich auf dem Kopf stehend lese – die Zahlen, nicht ich …). Ich schlucke leer. Und innerlich stehe ich wirklich Kopf. Ich hätte das Geld, ja, ich habe ja ein bisschen was geerbt. Aber. Nein. Nein, das kann ich mir nicht leisten. Will ich nicht. Zumal ich ja nur noch bis Ende Monat Arbeitslosenuntetstützung bekomme. Achthundertfünfzig Stutz ausgeben für eine richtig gute, schöne und vor allem stabile Brille? Für eine Brille, die – so ähnlich – bei Stamm- und Billigoptiker F. höchstens dreihundert kostet? Ich winde mich. Ich schwitze. Ich sage, dass ich mir diese Brille nicht leisten kann. Dass ich nicht gedacht hätte, dass die Gläser so teuer sind. Und dass die Montage einzeln kostet. Dass … Ich will raus hier, nur raus. Ist das peinlich! Ich gebe der Optikerin ein Trinkgeld für die Beratung und fliehe.
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