Gedankensplitter

Wieso ist eigentlich Reden im Zug erlaubt? Jedenfalls vor halb neun morgens? Heute ist es lauter als vorgestern. Die Ferien haben begonnen. Eltern mit Kindern machen Ausflüge – so früh schon sind sie munter unterwegs und wollen den Tag auskosten. Zwei Männer plappern viel zu laut über Nichtigkeiten, so dass ich mich in ein weiter entfernteres Abteil setze. Mein mp3-Player ist nicht laut genug, all diese Geräusche zu übertönen. Zumal ich heute ziemlich starken Tinitus habe und nur auf halber Lautstärke hören mag. Ich sehne mich nach meinem Bett. Habe nachts wachgelegen. Kopfkino. Möchte die Decke über den Kopf ziehen, schlafen, Morgenmuffelin ich. (Ob die Depressiven dieser Welt tendenziell morgens eher lieber länger schlafen und die LangschläferInnen dieser Welt tendenziell depressiv sind?)

All diese Gerüche in meinem Zugabschnitt. Muss man Menschen mögen um gerne mit ÖV zu reisen? Rechts von mir Handcrème. Weiter hinten etwas Saures, das an Salatsauce erinnert und gelbgrün riecht. Vor dem Fenster die typischen Emmentaler Häuser mit ihren hohen tiefen Dächern. Nur Häuser und Land. Grün und braun. In den Ohren Red Hot Chili Peppers. Ich träume mich nach Kalifornien. Alles besser als hier im Zug zu sitzen. Warum eigentlich? Weil mir schlecht ist vor Müdigkeit und ich Bammel habe vor all dem Neuen? Kinderlachen dringt durch den Musikschutzmantel. Glücklicher Familienausflug. Soo früh schon.

Wenn neue Leute einsteigen, hilft es, einen Hustenanfall zu haben (ein bisschen übertreiben dient der Sache durchaus). Das Abteil gehört mir allein.

In der Büropause blättere ich im Magazin der Tageszeitung. Von einem jungen Mann lese ich, der sich selbst – weil suizidgefährdet – in die Psychiatrie eingewiesen hat. Dort hat er doch einen Suizid versucht und ist nun zeitlebens behindert. Wie sicher ist die Psychiatrie?, wird gefragt und ein paar Seiten weiter lese ich, dass unsere Gesellschaft an einem kollektiven Heimatverlust leidet. Eine ganze Gesellschaft Heimatloser. Leider fehlt mir die Zeit, den ganzen Artikel zu lesen.

Ich werde dieser Tage von verschiedenen Teammitgliedern in meine unterschiedlichen Arbeitsbereiche meiner neuen Stelle eingeführt. Damit ich die vielfältigen Prozesse verstehe. Notizen mache ich von Hand, begreife, dass ich lesbar schreiben muss, damit ich später lesen kann, was ich geschrieben habe. Nicht nur lesbar, sondern auch logisch.

Am Abend im Zug so viele Leute, dass kein Hustenanfall nützt, zumal ich diesmal die Zusteigerin bin. Dennoch ist es ruhiger als am Morgen. Alle sind allein unterwegs. Und die Parfümgerüche vom Morgen haben sich zum Glück auch im Laufe des Tages verflüchtigt. Direkt erträglich ist es. Ich lese im angefangenen eBook weiter und stelle fest, dass ich mit dem langen Arbeitsweg schon weniger hadere als vorgestern.

Lesen hilft. Immer. Irgendwie.

Tickende Uhren

Die Stoppuhr läuft. Ich habe sie gestartet, nachdem ich mein smartes Telefon, auf der sie wohnt, geweckt habe, denn heute bin ich selbst noch ohne Wecker erwacht. Nun läuft sie und zählt die Sekunden und Minuten, die ich brauche um wach zu werden (ähm …), um Tee zu kochen und derweilen die Rollläden hochzukurbeln (drei Minuten), um kurz meine Blogs zu checken (zehn Minuten), um Yoga zu üben (dreizehn Minuten) und um mich zu duschen (sieben Minuten mit anziehen). Die restlichen siebzehn Minuten der Stunde, die vergeht, bis ich bereit bin, das Haus zu verlassen, versickern irgendwo im Niemandsland. Ungezähmte Zeit, die mir genauso wichtig ist wie die morgendliche Dusche. Nichts ist mir morgens so kostbar wie wilde Zeit. Sinnlose und absichtslose Zeit zum Sein.

Eine Stunde bevor ich das Haus verlasse werde, wird morgen früh also mein Wecker klingeln. Er wird mich zu einer Zeit wecken, zu der ich seit über zwei Jahren noch mindestens zwei Stunden weitergeschlafen habe. Eine Frühaufsteherin war ich nur als Kind. Seit über dreißig Jahren kämpfe ich mit Weckern und frühen Morgenstunden, kämpfe gegen die Windmühlen der Normalität, der Nullachtfünfzehn-Gesellschaft. Obwohl ich ganz viele Menschen kenne, die ebenfalls jeden Morgen nur schlecht aus den Federn kommen, bleibt in dieser Gesellschaft alles beim Alten. Obwohl es sogar Studien gibt, die belegen, dass der durchschnittliche menschliche Körper – ab Pubertätsalter – in den frühen Morgenstunden aus biologischen Gründen nicht wirklich hochtourig laufen kann. Dass er Zeit braucht, bis er warm gelaufen ist. Dass erst so ab halb neun mit effektiven Leistungen zu rechnen ist. Gut zu wissen, aber …

Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert und will immer mehr. Mehr herstellen, erreichen, konsumieren, haben. Der Mensch expandiert, was möglich ist (das Unmögliche bestimmt auch schon bald) und würde am liebsten den Tag verlängern. Nein, ich mag das nicht werten. Wir verdanken unsern Lebensstandard dieser Arbeitsmoral. Und wir verdanken ihn anderen beinahe mittellosen Gesellschaften, die anders funktionieren als wir und deshalb für sehr wenig Geld sehr viel für uns arbeiten müssen. Ganze Gesellschaften, die abhängig von uns sind … Eine neue Art Sklavenhandel.

Ich habe mir in meinem Leben immer Arbeitsstellen gewünscht (und sie auch gehabt), wo meine Arbeit darauf hinzielte, die Welt im kleinen ein wenig lebenswerter zu machen. Meine neue Arbeitsstelle, die ich morgen antreten werde, hat dieses Ziel ebenfalls. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die – wie ich bis vor kurzem – langzeit-arbeitslos sind. Mit vom Kanton geförderten Angeboten, bei denen es um den Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit geht, soll ein Weg zurück in die Normalität gefunden werden – was immer sie ist. Dieses Projekt kenne ich durch meine frühere Arbeitsstelle bei diesem Hilfswerk, von damals, als ich in Bern gelebt habe. Immer geht es diesem Hilfswerk um die Integration von Menschen, die irgendwo durch das Netz gefallen sind. Gut und schön. Doch noch schöner wäre es, wenn es die Arbeit von Hilfswerken gar nicht brauchen würde.

Ohne Kriege, keine politischen Flüchtlinge. Ohne Schuldenfallen und ohne Korruption, keine Ausbeutung, keine Armut, keine Armutsflüchtlinge. Ohne … kein … (Nein, ich kann die Welt nicht retten …) Wir alle könn(t)en miteinander viel verändern, viel bewirken. Einzig gegen Tsunamis, Vulkane, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind wir machtlos.

Der Gedanke, dass ich eine sinnvolle Arbeit verrichten werde, wird mir morgen früh beim Aufstehen helfen. Hoffe ich. Sinnstiftende Arbeit motiviert.

Kreuz und quer im Kopf

Mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden. Sogar mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Kommt noch eine Fremdsprache ins Spiel, erst recht. Schon seit einer Woche bewegen wir uns auf dem einsamen Gehöft in der Südpfalz mitten im schottisch-englischen Sprachraum, denn Ray, unser Gast, versteht – außer Dankeschön und Bitteschön – kein Deutsch.

Mein Kopf ist zurzeit ein einziger Eintopf aus Schweizer- und hochdeutschen Gedanken und meinen englischen Übersetzungsversuchen. Komplexe und banale Gedanken ganz nah beieinander. Das Hirn arbeitet ständig auf irgendwelchen Hochtouren, funktioniert wie ein Katalysator, hält mich hellwach. Ich schlafe mit englischen Wortgeweben ein, spreche im Halbschlaf mit dem Liebsten englisch und suche zuweilen das deutsche Wort für einen Begriff, der auf Englisch ohne groß nachzudenken da ist. Nicht, dass ich besonders gut englisch könnte, nein, eher ist es so, dass die Sprache – erst einmal aus irgendwelchen kümmerlichen Kammern meines Gedächtnisses ausgepackt und nun wild geworden, da endlich befreit – übermütig ihr Comeback feiert (wie heißt das gleich auf Deutsch?) und sich nicht so schnell wieder bändigen lassen will. So ungefähr.

Zugegeben ganz schön anstrengend, zumal ich ja – wie ich dieser Tage oft denke – ein ziemlich fauler Mensch bin. Oder wohl besser eine ambitionslose Minimalistin, die nur tut, was sich ihr zu tun aufdrängt und was notwendig ist (allerdings fällt ihr auch das Nichtstun sehr schwer und andere sagen, dass meine Sicht hier gar nicht stimmt). Nun wird es kompliziert. Dass ich nur tue, was notwendig sei, schrieb ich eben, doch wer sagt (wem), was notwendig ist?

Wie Ray, Irgendlink und ich gestern Nachmittag nach einem Ausflug auf der Terrasse sitzen und Tee und Kuchen genießen, fangen wir an über meine These zu diskutieren, die da lautet:
Würde jeder und jede hinter sich aufräumen und putzen, bevor sie oder er den Platz oder Raum verlässt und weitergeht, wäre die Welt eine bessere.

Dass ich aufräumen und putzen als Metapher meine, muss ich den beiden Männern erst mal erklären, stelle dabei aber fest, dass das Ganze für mich ebenso als Nicht-Gleichnis, also wortwörtlich, einigermaßen passt. Damit wir uns richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass die Welt durch mehr Putzen besser wird, eher so: wenn wir achtsam mit ihr, unsern Mitmenschen und uns selbst umgehen, hin und wieder auf das zurückschauen, was wir angerichtet haben, bewusster und rücksichtsvoller unsere Umgebung in unser Lebenskonzept einbeziehen, wäre die Welt anders, ich behaupte besser, lebenswerter. Dabei geht es für mich in erster Linie um Respekt und Wertschätzung. Es braucht nicht viel – eigentlich nur achtsame Aufmerksamkeit – um meiner Umgebung zu zeigen, dass ich sie ernst nehme, dass sie mir wertvoll ist. (Frage an mich: Zeugt der Status Quo unserer Gesellschaft davon, dass vielen Menschen ihrer Umwelt gegenüber diese Wertschätzung fehlt? Wenn ja, warum?)

Zum Beispiel: Ich räume mein oder auch unser aller Geschirr weg, nachdem ich etwas gegessen habe und trage es zur Spüle. Jemand von uns wird das Geschirr später spülen und noch später trocken zurück in den Schrank stellen. Was wäre, wenn wir das nicht tun würden, im Kleinen so wenig wie im Großen …?

Ist es also – um zu meiner Frage nach der Definition von Notwendigkeit und zu meiner tollen These zurückzukommen – notwendig für eine bessere Welt, dass wir hinter uns aufräumen? Besonders dann, wenn unsere Talente ganz woanders liegen? Es gibt doch so viel wichtigeres als diese verdammte Sache mit der Ordnung und Sauberkeit (und ja, ich tue auch viele andere Dinge lieber als Geschirrspülen …)

Ich schweife ab. Wir sitzen also am Tisch, wie oft in diesen Tagen, und diskutieren über Gott, die Welt, die Männer und die Frauen. Stimmt es wirklich, dass sich Frauen schneller an Unordnung und Dreck stören, wie Ray behauptet. Ich weiß es nicht, bringe den persönlichen Ekelpegel ins Spiel, wie Irgendlink und ich jenen Punkt nennen, ab welchem einem Dreck und Chaos geradezu körperlich weh tun. Gar nicht so leicht, dieses Wort zu übersetzen, zumal Leo für Ekel eine ganze Palette an Vorschlägen hat, die Ray alle als zu stark ablehnt. Auf das Thema sind wir gekommen, weil Irgendlink montags und dienstags bei einem unglaublich chaotischen Umzug mitgeholfen hat und dabei Schmutz und Durcheinander in kaum zu übertreffendem Ausmaß ertragen musste. (Müßig zu sagen, dass der Umziehende männlich war? Klischees wollen doch einfach ab und zu gestreichelt werden.)

Rücksicht. Noch so ein Wort, das Menschen, die zusammensitzen, -wohnen, -leben betrifft, egal ob sie das lang- oder kurzfristig tun.
Wie würde ich, wenn ich du wäre?, frage ich mich oft. Nein. Ich frage nicht wirklich, ich denke die Frage noch nicht einmal, ich fühle sie, habe sie ganz und gar verinnerlicht. Und von da aus, irgendwo aus meiner Mitte, interpretiere ich meine Mitmenschen. Ständig.
Wie kann ich mich verhalten, dass du dich wohlfühlt? Auch das denke ich nicht wirklich und doch verhalte ich mich so. Dass das nicht alle so handhaben, weiß ich schon lange. Erschrecken tut es mich dennoch immer wieder, wie geradezu unsensibel manche Menschen mit ihren Freunden und Mitmenschen umgehen. Gestern Abend, in Kollege T.s köstlicher Tapas-Bar, wohin uns Ray zu seinem Urlaubsabschluss eingeladen hat, kam das Gespräch wieder auf diesen unsäglichsten aller Umzüge, denn auch Kollege T. hat bei diesem mitgeholfen und – ebenso wie Irgendlink – viel Zeit, Mühe und Energie hineingesteckt. Als Lohn ein Dankeschön hätte den beiden schon gereicht. Fürs Erste. Ob das zu viel verlangt ist?

Gewohnheiten. Vieles tun wir, weil wir es so gelernt haben – oft so unbewusst und unreflektiert, dass wir noch nicht mal sagen könnten, warum wir es tun. Vieles jedoch tun wir aus Überzeugung.

Hinter sich aufzuräumen zum Beispiel, wenn ich hier von mir ausgehen darf. Zwar habe ich es als Kind beigebracht bekommen, dennoch tue ich es aus Überzeugung und weil es mir ein Bedürfnis ist. Weil ich Ordnung mag. Ich tue es aber ebenso aus Rücksichtnahme und Respekt meinen Mitmenschen gegenüber. Kann ich es dennoch von andern erwarten?
Wahrnehmen, was andere benötigen – auch das habe ich unterwegs gelernt, aber darf ich das bei andern voraussetzen?
Die Grenzen anderer zu respektieren, lernte ich dadurch, dass andere die meinen immer wieder eintraten. Grenzen anderer zu respektieren – zumindest das will ich von anderen erwarten. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, Erwartungen an meine Umwelt zu haben, denn machen Erwartungen mich letztlich nicht unfrei?

Nicht nur mit jedem Wort, das meinen Mund verlässt, laufe ich Gefahr, falsch verstanden zu werden und nicht nur mit jedem nicht ausgesprochenen Wort. Auch geschriebene Worte sind gefährlich, ungeschrieben ebenso. Auch Bloggen, meiner Meinung nach eine der demokratischten Formen der freien Meinungsäusserung, ist gefährlich. Was soll’s: Leben ist gefährlich.

Thank you very much. You’re welcome.

Ein Wurmloch in Raum und Zeit

Es ist kurz nach elf Uhr nachts. Flughafen Frankfurt Hahn. Ein Flughafen mitten im Niemandsland, der vor allem mit Billiglinien arbeitet und weder an die Autobahn noch an den öffentlichen Verkehr angeschlossen ist … Es regnet schon seit einer Dreiviertelstunde ziemlich stark, nachdem es schon eine Stunde vorher heftig gestürmt und gewittert hat.

Unterwegs durch die Nacht zuckten wir immer wieder zusammen, wenn mächtige Blitze den schwarzen, mondlosen Himmel zerrissen und erhellten. Mit Hilfe einer Navi-App fuhren wir die uns beiden unbekannte Strecke und sind minutengenau vor dem Flughafengebäude angekommen. Zu früh, wie wir bald feststellen werden, denn Rays Flug aus Edinburgh hat sich verspätet.

Erstaunlich belebt ist es hier zu so später Stunde. In der Welt, die wir betreten haben, ist alles möglich. Nachts essen, was man sich tagsüber versagt, geht hier, und auf den Bänken schlafen, um die zwischen den Kontinenten verlorene Zeit wiederzufinden, ebenfalls. Wartend verrinnt die Zeit immer am langsamsten, überlege ich. Fünfundzwanzig Minuten müssen wir totschlagen. Tote Zeit? Ich taste nach meinem iPhone, während Irgendlink versucht, einen näheren oder günstigeren Parkplatz zu finden. Keine Chance.

Ich gehe derweil im Kreis herum wie der berühmte Panther im Käfig und tippe auf der kleinen Tastatur. Mit dem Daumen, wie früher bei den alten Handys. Brainstorming. Das hier kommt dabei heraus. Ich könnte auch in meinem angefangenen eBook weiterlesen. Oder statt tun einfach nur sein. Sein und schauen. Den Menschen zuschauen, denn das ist es, was ich auf Flughäfen oder Bahnhöfen am liebsten mache.

Da sind die zwei oppulenten, aufgemotzten Damen, die vor mir her zur Toilette gehen und sich beinahe beim Notausgang verirren. Spanisch reden sie und neben ihnen fühle ich mich in meiner Fleecejacke ziemlich underdressed. Auf dem Rückweg lächelt mir ein dösender Rucksackreisender aus kleinen Äuglein zu und ich erinnere mich an eine Nacht auf dem Flughafen in Rio, wo wir den Last Call um an Bord zu gehen beinahe auf unsern Rucksäcken liegend verschlafen haben. Ich kreuze erneut einen mit Kilt gekleideten Mann, der an einen Bistrotisch lehnt und seiner Begleiterin seine Lebensgeschichte erzählt. Oder so. Die Inderin mit Sari und Highheels, in denen ich mir schon beim ersten Schritt das Bein brechen würde und ihr Partner mit Vokuhila-Frisur, samt Pferdeschwanz, warten – wie es aussieht – auf den gleichen Flieger wie wir.

Und auf einmal geht die Türe auf. Ein erster Gast aus Schottland betritt das neue Land. Doch da ist niemand, der auf ihn wartet. Mit seinem Rollkoffer (heute haben alle Rollkoffer!) geht er, ohne einen Blick in die Runde zu werfen, an uns vorbei. Er ist ein (oder mimt zumindest den) Routinier. Dann eine Gruppe Spanier, einer davon mit einem zu kurzen Bein oder einer kaputten Hüfte. Er hinkt stark. Mir tut beim Zuschauen meine Hüfte weh und ich wende meinen Blick ab.
Noch drei Leute bis Ray, wette ich mit Irgendlink. Es sind dann allerdings fünf, bevor Ray endlich die Schleuse verlässt und auf uns zu steuert.

Der Regen hat nachgelassen, die App bringt uns wieder sicher nach Hause und anderthalb Stunden später sitzen wir gemütlich im Atelier und trinken Bier.

Nostalgia – Gedanken einer Heimatlosen

Sehnsucht und Heimweh … es gibt sie nur, weil es Liebe, weil es Heimat gibt, spreche ich unterwegs ins iPhone. Schreiben kann ich ja nicht beim Autofahren. Sehnsucht und Heimweh – zwei Schmerzen, die sind, weil wir Fühlende sind. Und warum tut Erinnern meistens weh? Bedeutet das, dass ich damals Fehler gemacht habe? Oder einfach, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist? Ich möchte das, was damals war, hier und heute nicht mehr in meinem Leben. Ich lebe jetzt.

Dennoch ist es da, dieses Heimweh, wann immer ich in der Region Bern, wo ich etwa zehn lange Jahre gelebt habe, unterwegs bin – ganz besonders wenn ich Richtung Oberland fahre. Ist es Heimweh längi Zyti, wie die BernerInnen so schön sagen? Muss man einen Weg nur oft genug gefahren, gewandert, geradelt und geschlendert sein, um ihn später als Heimat wiederzuerkennen? Muss man alle Nischen, Schleichwege und Abkürzungen einer Stadt oder eines Dorfes kennen, damit sie Heimat genannt werden dürfen? Müsste dann nicht auch meine aktuelle Wohnumgebung heimatliche Gefühle in mir auslösen – zumal ich ja hier in der Gegend aufgewachsen bin und immerhin etwa fünfundzwanzig Jahre gelebt habe, jedenfalls im Umkreis von etwa zehn Kilometern. Warum überfallen mich diese heimatlich-sentimentalen Gefühle vorwiegend im Kanton Bern? Nur dort wird mir das Herz auf diese ganz bestimmte Art weit und ich fühle mich als Nachhausekommende.

Nach meinem heutigen Recherche-Termin in Thun habe ich mir den Rest-Nachmittag freigegeben.
Du sollst morgen baden gehen!, habe ich gestern – im besten Scheffintonfall – zu mir gesagt. Und zwar sollst du zu deinem Lieblingsbadesee fahren. Und so packte ich, trotz der nicht so tollen Wettervorhersagen, heute meine Badesachen ein. Der Himmel schien sich zum Glück nicht wirklich an die Wettervorgaben halten zu wollen. Jedenfalls kein Regen in Sicht. Nur ein paar Wolken.

Gerzensee_sm

Kurz vor sechzehn Uhr. Ich und der See, allein zu zweit. Das Wasser zwanzig Grad. Wärmer als die Luft. Ich ziehe mich um und steige hinab. Wie schön es doch ist, mich auf dem Rücken zwischen den Seerosenblättern hindurch in die Mitte des Sees treiben zu lassen. Ich schwimme auf dem Rücken, die Ohren im Wasser, und lausche. Nur meine Schwimmbewegungen höre ich so. Wenn ich brustschwimme, höre ich nur die Kühe auf der nahen Wiese, die sich die Neuigkeiten des Tages erzählen, und einen Traktor am andern Ufer des Sees. Eine Stunde später spaziere ich erholt zurück zum Auto. Auf dem Weg zur Straße treffe ich eine Frau. Wir grüßen uns und grinsen uns wissend zu: sie geht dorthin, wo ich war. Der See ruft. Ich bleibe fünf Meter später stehen und drehe mich um. Aber … das ist doch … Im gleichen Augenblick hat sie sich ebenfalls umgedreht und sieht mich an.
Wir kennen uns! Du warst doch ein paar Jahre mit M. zusammen!, sagt sie.
Genau, und du, du bist … Moment, ich hab’s gleich, du bist H.!
Viele Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen, darum schwatzen wir ein wenig und dann geht jede ihres Weges. Noch im Auto grinse ich über diesen Zufall.

Wie ich durch Wichtrach fahre, kann ich nicht widerstehen. Ich halte an und überfalle den örtlichen Käseladen, während draußen die Kinder aus dem Schulhaus strömen. Fünf Uhr. Wochenende. Friedliche Dorfszene. Wie ich diesen Augenblick geniesse! Das Teeniegirl vor dem Laden, das, mondän gekleidet, an seinem Smartphone fummelt, will so gar nicht vor diesen altmodischen Laden passen. Bestimmt verflucht sie es, in einem solchen Kuhdorf zu leben.

Ich betrete schmunzelnd den kleinen Dorfladen, wo der Käse, aus der Gegend, noch offen zu kaufen ist, die Joghurts ebfalls aus der Region stammen, alles so kühl und frisch duftet und die Verkäuferinnen alle Zeit der Welt haben. Ich gebe mich als Heimwehbernerin zu erkennen, doch mein falscher Dialekt verrät, dass ich nicht wirklich von hier bin. Nein, konstatiere ich, wie ich Minuten später den Motor wieder starte, auch hier bin ich nicht zu Hause, aber auch dort nicht, wo meine Sprache gesprochen wird … Weder noch. Am einen Ort fehlt mir die richtige Sprache, am andern das richtige Herzklopfen.

Würde ich wieder in der Region Bern wohnen, hätte ich gewiss bald andere Dinge, Orte und Menschen, nach denen ich mich sehnte. So war es schon immer. Ankommen ist leichter gesagt als getan und das Leben ist eben nicht ideal, wie meine Freundin M. so schön sagt. Und wie sich ein Leben ohne Sehnsucht anfühlt, wage ich mir lieber gar nicht erst vorzustellen.

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Bild:
undogmatischer Appspressionismus (iPhoneArt mit Gimpunterstützung)

sollen oder wollen?

Ich sollte wohl mal wieder bloggen!, murmelte ich vorhin. Denke ich seit Tagen. Kann das gut gehen, wenn ich so etwas denke? Kann es gut gehen, wenn wir Dinge tun, weil wir meinen, sie tun zu sollen? Wie ist es mit den ersten fünfzehn Seiten meines Romanmanuskripts, die eine Schreibkollegin lektoriert, sprich: mit Korrekturen, Tipps und Vorschlägen versehen hat. Will ich, soll ich ihre Anmerkungen annehmen? Ja. Und nein. Die einen habe ich umgesetzt, andere nach einigen Überlegungen verworfen. Und heute hat mir auch der Liebste den einen oder andern Vorschlag zum gleichen Text angekündigt.

Werde ich je einen Text schreiben, den alle perfekt finden, an dem niemand etwas zu verbessern hat? [Will ich das überhaupt?]

Können Du solltest!-Dinge funktionieren – wenn ja: besser oder schlechter als Ich will!-Dinge? Und wie verhält es sich mit meiner Disziplin in Bezug auf Zu-sollendes? Wie fast immer war meine To-Do-Liste auch heute wieder viel zu lang um realistisch zu sein. Gemessen jedenfalls am schönen Wetter, das nicht einfach ignoriert und verschwendet werden darf (zumal ich meine Tage zurzeit noch frei einteilen kann).

Anders gefragt: Bin ich  möglicherweise einfach nur faul und rede mich hier mit Wollen-statt-sollen-Parolen aus der Affäre?

Verliere ich meine Linie, meine Ziele, meinen Stil aus den Augen, wenn ich tue, was andere mir zu tun raten oder dient es gar meiner Entwicklung? Wann das eine und wann das andere?

Heute hieß mich meine Scheffin (moi-même), endlich den Papierkram – einen Teil des Papierkrams zumindest – aufzuräumen. Neulich habe ich mir für mein Geschäft extra zwei wunderschöne Ringordner gekauft: einen hellgrünen für die Finanzen (die Farbe des Wachstums, wohlgemerkt!) und einen orangefarbenen für alle administrativen Belange (die Farbe der Heiterkeit und des Sonnenuntergangs), damit ich endlich Ordnung schaffen kann. Könnte. Also sagte meine Scheffin heute Morgen zu mir: Schick deinen inneren Schweinehund in die Wüste und fang an.

Erste Auslegeordnung. Das hier, das dort, lochen, einheften … Zwar fehlt mir noch das optimale System, wie ich auf möglichst simple Weise meine Einnahmen und Ausgaben handhabe, doch das hat Zeit. (Ich werde nach einer Weile sehen, was am sinnvollsten ist. Das Buchhaltungssystem, das ich geladen habe, scheint mir doch ein bisschen großspurig. Doppelt muss sie ja nun wirklich nicht sein …). Oh, das macht ja richtig Spaß, dachte ich nach fünf Minuten. Und schon bald war ich fertig.

Der zweite fette Papierstapel, auf den meine Scheffin zeigte, umfasste sämtliche Bewerbungsbriefe-Kopien des letzten Jahres, sämtliche angeschriebenen Stelleninserate, sämtliche Aufforderungen und Infos vom Arbeitsamt und der Arbeitslosenkasse. Alles kalter Kaffee. Und alt dazu. Eine spannende Reise in die Vergangenheit. Eine Papiertragetasche voll Papier zum loslassen. Ein gutes Feuer wird das geben, nächste Woche, auf dem einsamen Gehöft. Ein Feuer, in welchem ich mit dem Liebsten Kartoffeln braten kann – nichts geht verloren.

Am Nachmittag endlich der wochenlang prokrastinierte Werbeversand – draussen auf dem Gartensitzplatz. Nach dem Multiplikationsprinzip für mein Geschäft zu werben, scheint mir im Moment der logischste nächste Schritt zu sein. Menschen, denen ich gerne mal wieder ein Lebenszeichen von mir zukommen lassen wollte, aber in den letzten Monaten und Jahren aus den Augen verloren habe, schrieb ich eine freundliche Postkarte, die ich mit einigen meiner Werbekarten in einen Umschlag steckte. Mit der Bitte, meine Karten nach Bedarf zu verwenden, auszulegen, weiterzureichen. Von Hand geschriebene Karte, von Hand angeschriebene Umschläge. Jedes Mal ein persönlicher Text. Damit steigt in meinen Augen die Wahrscheinlichkeit, dass die Briefe wahrgenommen werden und frühestens danach, bei Missfallen, im Altpapier landen – oder gar nicht, sondern ankommen. Wirken. Multiplikation durch persönliche Empfehlung. Ob das funktioniert? Funktioniert hat jedenfalls, was viele behaupten: Handschreiben ist tatsächlich Übungssache. Ich schreibe leider viel zu selten von Hand, so dass mein Gekritzel am Anfang kaum lesbar war. Besser ging einfach nicht. Erst bei der letzten Karte fand ich meine Schrift so langsam wieder vorzeigbar. Ob diese Aktion nun eher kontraproduktiv ist oder ich nur mal wieder zu selbstkritisch bin, wird sich zeigen.

Neue Anfänge bezaubern – so oder so. (Wusste schon Hesse. Wissen wir alle.)

Was am Anfang des Tages mit einem Du solltest! meiner Scheffin, die ich ja selbst bin, angefangen hat, wurde ein arbeitsreicher, schöner Tag. Sogar Dinge, die wir tun, weil wir sie sollen, auch wenn wir auf Anhieb keine Lust dazu haben oder lieber etwas anderes täten, können offenbar gut herauskommen.

Im Arbeitsleben die Balance zwischen Lust und Pflicht zu finden, fasziniert mich: Will ich oder soll ich –  und wenn ja, wieso?

Kleine Unterschiede?

Wie wir gestern das Haus verlassen, um eine kleine Radtour zu machen, steht die Haustür offen. Auch die vom Haus vis-à-vis: weit offen, Geräusche von Staubsaugern. Samstagsstimmung im Quartier. Bei meinem Haus scheinen einige MitbewohnerInnen dazusein, denn einige Autos stehen davor und einige Fenster offen. Wir befinden uns in einem ruhigen Wohnquartier eines großen Schweizer Dorfes.

Ich setze mir den Helm auf, als Irgendlink meint:
Ähm, willst du die Haustür nicht zumachen? (Anzumerken ist, dass es sich um Sechsparteien-Haus handelt und wir vorhin die Wohungstür abgeschlossen haben.) Ich muss wohl ziemlich verdutzt geguckt haben. Zucke die Schultern.
Soll sie schließen, wer sie geöffnet hat, sage ich.
Irgendwie, setzt Irgendlink an, irgendwie ist das ja schon paradiesisch. Du lebst in einem Land, wo auch nicht abgeschlossene Dinge als jemandes Besitz verstanden werden. Wo nicht automatisch alles, das nicht abgeschlossen ist, niemandem und allen gehört. Bei uns in Deutschland gilt: Wer nicht abschließt, ist selbst schuld, wenn etwas geklaut wird.

Darüber muss ich erst einmal nachdenken – und das nicht zum ersten Mal. Wieder geht es hier (wie im vorletzten Artikel meines Blogs) um Vertrauen in die Gesellschaft, in der wir leben. Und natürlich geht es letztlich auch um Respekt vor dem Gut anderer. Vor Besitz. Vielleicht ist es hier so, dass wir in diesem Land, das Irgendlink manchmal Puppenstubenwelt nennt, den eigenen Besitz so überhöht haben, dass wir eben auch den Besitz anderer mit diesem Blick betrachten? Vielleicht ist der Satz „was du nicht willst, das man dir tue, das füg‘ auch keinem andern zu“, den ich quasi mit der Milchflasche eingetrichtert bekommen und verinnerlicht habe, auch bei andern SchweizerInnen Erziehungsprogramm gewesen? Vielleicht hat dies alles auch mit dem politischen Gedanken der Mitverantwortung zu tun, den wir hier – in diesem basisdemokratisch regierten Land – ganz praktisch leben.

Vorgestern Abend erinnerte mich mein virtueller Kalender daran, dass ich abstimmen soll. Ich soll mitentscheiden, ob ich für eine neue Umfahrung bin (eine Abstimmung auf der kantonalen Ebene > Aargau), ob ich dafür bin, dass das Asylgesetz verschärft wird und ob das Volk direkt den Bundesrat wählen soll (zwei nationale Abstimmungen). Ich habe mir in den letzten Wochen so meine Gedanken zu diesen Vorlagen gemacht, konsultiere aber nun noch die Webseiten der von mir sympathisierten Parteien, um deren Wahlparolen zu beachten. Die Parteien und ich sind einer Meinung. Dreimal Nein schreibe ich auf die drei Wahlzettel und stecke sie in einen verklebbaren kleinen Umschlag. Danach unterschreibe ich den dem Umschlag beigelegten Stimmrechtsausweis, auf dem meine Adresse und meine Kennnummer stehen und stecke alles in den Rücksende-Umschlag, den ich theoretisch entweder per Post (dazu ist es aber zu spät) oder per Briefkasten des Gemeindehauses dem Wahlbüro zukommen lassen kann. Irgendlink hat zuerst gekichert, als ich den Umschlag sorgfältig bei der Perforation geöffnet hatte, dann gestaunt. Tricky, dass der gleiche Umschlag auch für die Rücksendung verwendet werden kann.

Ich gestehe, ich bin manchmal ein klein bisschen stolz auf solche Errungenschaften wie Basisdemokratie, Respekt und weltweit höchte Recyclingquote trotz keinerlei Flaschenpfand – zwar sind sie nicht mein Verdienst, doch habe ich sie verinnerlicht und praktiziere sie alltäglich und selbstverständlich. Natürlich habe ich auch all die spießigen Seiten meines Landes verinnerlicht und bin dadurch bei Abweichungen von meinen Werten auf eine Weise intolerant, die Deutsche manchmal kopfschüttelnd betrachten.

Wir radeln los. Zu einem Punkt, den wir aus Zufallszahlen generiert haben. 191 Grad und 7 km Luftlinie vom Ausgangspunkt – so definierten wir noch zu Hause unser gestriges Tagesziel. Alles Radwege, hat Irgendlink gejubelt, wie er sich die Karte auf dem iPhone angeschaut hat.
Bei uns gibt es kaum eine Straße, außer der Autobahn, die keinen Radstreifen hat, murmle ich kleinlaut. Das muss also nicht heißen, dass das alles nun speziell ruhige Radwege sind.

Ich habe einige Caches in der Nähe des Ziels und für unterwegs aufs iPhone geladen und so machen wir noch einen kleinen Bergwald-Schlenker und finden eine wunderbar idyllische Waldecke, wo ich bestimmt nicht das letzte Mal war. Später radeln wir über Felder und durch die kleine Orte meiner Kindheit und Jugend (da und dort hat der und die gewohnt) und finden schließlich unser Tagesziel inmitten einer Nutzwiese in der Nähe von Möriken. Wir stellen uns so auf, dass wir uns gegenseitig fotografieren können, Spinner wir, und fahren dann weiter zum nächsten Geocache.

Auf dem Rückweg Gespräche darüber, dass sich alle Leute irgendwie abreagieren. Auch in dieser sauberen Zuckerpuppenwelt.
Hier, über Land, tun sie es mit rasen, meint Irgendlink.

Die Welt geht vor die Hunde, resümmiert mein Liebster, wie wir uns unserm Wohnquartier nähern. Die Menschheit wird immer kaputter. Alle tun irgendwas, um das Leben aushalten zu können. Die einen rasen, andere werden kriminell, wir leben in einer immer kränker werdenden Gesellschaft, die sich selbst zerstört in ihrer Gier und ihrem Egoismus… Ich sehe von der Seite, wie seine Augen funkeln – wie immer, wenn er ein bisschen übertreibt.
Hat das alles nicht schon Sokrates gesagt?, frage ich. War die Menschheit nicht immer schon so?

Und hindert uns das daran, zu versuchen, so gut wie möglich zu leben?, frage ich mich selbst, wie ich das Fahrrad vor dem Haus mit einem Ringschloss vor Dieben schütze während Irgendlink seins vorsorglich in den Keller trägt.

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Übrigens: auch Irgendlink hat über unsere Zufallsradtour gebloggt.

* Geocaching ist eine Outdoor-Schatzsuche in der realen Welt. SpielerInnen dieses Spieles versuchen, versteckte Behälter, Geocaches genannt, mithilfe eines Smartphone oder GPS-Gerätes zu finden, um anschließend ihre Erfahrungen online zu teilen. Mehr auf www.geocaching.com.

Alea jacta est

Wenn ein Würfel fällt, zeigt er Zahlen, die wir uns vielleicht so, vielleicht anders gewünscht haben. Aber weil der Würfel eine klare Sprache redet, gehorchen wir ihm. In der Regel. Ähnlich wie wir der Ampel gehorchen (außer wir sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und rennen oder radeln – auf eigene Gefahr – über die Straße). Wir gehorchen und vertrauen Dingen, die sich von uns nicht beeinflusssen lassen, ohne uns groß darüber den Kopf zu zerbrechen. Das Leben ist ja so schon kompliziert genug.

Darum vertrauen wir den andern Verkehrsteilnehmenden unterwegs. Anders könnten wir uns nicht angstfrei ins Auto, aufs Fahrrad, in den Zug setzen. Und wir vertrauen den andern Menschen auf der Straße, dass sie uns nicht auf offener Straße umbringen, sonst könnten wir das Haus nicht verlassen.

Worauf ich hinaus will? Das Leben setzt Vertrauen voraus. Anders ist es unerträglich. Vertrauen in unbeeinflussbare Bewegungen, Vertrauen in die Gezeiten des Schicksals,
Vertrauen in die Entscheidungen unserer Mitmenschen und ihr grundsätzliches Wohlwollen (gepaart mit ihren persönlichen Zielen).

Vertrauen wir also Mächten, die wir nicht kennen und nicht beeinflussen können?

Vertraue ich nicht letztendlich vor allem darauf, dass das Leben, das ich lebe, Teil eines großen Gewebes ist, das, wenn es fertiggewoben ist, ein Bild ergibt. Ein ganzes Bild. Mein Lebensbild. Zusammengesetzt aus Scherben, aus bunten Schnipseln, aus Mörtel, aus Blut- und Schweisstropfen, gewoben aus weichen und harten Stoffen … alles so, weil ich mein Leben so webe, wie ich es lebe – und lebe, wie ich es webe. Weil ich jetzt hier bin und weil ich jetzt diese oder eine andere Weggabelung wähle und dort diese eine oder andere Person treffe. Jeder Mensch, den ich treffe, liefert mir ein neues Teilchen, das ich einbaue. Auf meine Weise. So gesehen ist jedes Leben das Stoffwechselprodukt all seiner Prozesse.

(Ach, übrigens, ich habe bei Stelle zwei zugesagt. Die Würfel sind gefallen. Ab Anfang Juli werde ich mich also wieder in den Mahlstrom der Angestellten einspeisen. Ich freue mich auf mein neues Team und die vertraute Arbeitsgeberin und darüber, wie willkommen ich dort bin. Der Umstand, von ihnen angeworben worden zu sein, macht das Ganze noch stimmiger. Einzig an den langen Arbeitsweg werde ich mich gewöhnen müssen. Ein weiteres Stück Gewebe, das auch seinen Platz finden wird.)

Schlaflos

Laut gedacht …

Wo ich hingehöre? Wer kann es mir sagen (und könnte ich mich falsch entscheiden)? Wer schreibt mein Drehbuch und wer trägt die letzte Verantwortung? Kann ich auf diese Fragen überhaupt anders antworten als mit ICH?

Schäfchenzählen rückwärts geht nicht. Seit 4:15 bin ich wach und das Sandmännchen hat sich aus dem Sand, ähm Staub, gemacht … Und sogar die Notfalltropfen wirken nicht. Kopfkino vom feinsten. Mir ist fast schlecht vor Müdigkeit und auch dass der Liebste neben mir tief und fest schläft, ändert nichts an meinem Zustand. Aufgekratzt bin ich. Adrenalin und Cortisol im Überfluss …

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde wohl Stelle eins nehmen. Denke ich. Konjunktiv, du Kehrreim meines Lebens! Andererseits hätte ich Stelle zwei auf sicher und der Hilfswerkbetrieb wäre mir von früher vertraut. Dafür wäre der Arbeitsweg sehr lang.

Stelle eins oder zwei – so oder so eine gute Ergänzung zur Selbständigkeit sagt der Verstand und die Abenteuerlust gibt zu Bedenken, dass ich – womöglich – meine Träume dem Sicherheitsdenken opfere, wenn ich eine feste Stelle annehme. Vierzig Stellenprozent oder fünfzig sind ja nicht viel, antworte ich mir. Damit wären die Grundkosten gedeckt und der Stress vom Tisch.

So what?

Wie viel Freiraum brauche ich und bliebe so nicht meine Kreativität auf der Strecke?

Jede unserer Entscheidungen hat Konsequenzen. Für uns, für andere. Wir sind nicht allein. Wie würde mein Leben sich weiterentwickeln? Wie und wohin?

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Nach dem Vorstellungsgespräch in B. fahren wir gestern Nachmittag nach Biel. Wir treffen den Künstler Marc Kuhn, den Schöpfer der Kunstbewegung Col-Art und seine mexikanische Frau Rossana. Es gilt noch einiges an Material und Gedanken zur baldigen Ausstellung im Zweibrücker Prisma auszutauschen.

Wie wir zu viert gemütlich am Bielersee über Kunst, die Welt und das Leben philosophieren, bitte ich Marc zum Jux, mir meine Zukunft aus dem Kakao-Satz zu lesen, denn vor bald vier Jahren hat er Irgendlink und mir aus unsern Handlinien gelesen.

In zehn Jahren …, hebt er an. Nein, den Rest seiner Rede werde ich hier nicht verraten.

Was die Zukunft bringen wird? Leben kann ich eh nur die Gegenwart …

So what?

(Falls jemand heute Abend dem Sandmännchen begegnen sollte, dann schicke er oder sie es bitte zu mir!)

Sehnen, suchen und der Hunger nach Heimat

Sehnen wir uns denn nicht immer nach dem Unerreichbaren? Gibt es ein Leben ohne dieses allgegenwärtige Gefühl von Unzulänglichkeit und Nicht-Genug? [Können andere das? Und wenn ja, wer und wieso? Und wie geht es?]

Was müssten wir schon groß verändern und weiterentwickeln, wenn alles bereits gut genug wäre, alles erreichbar, alles da? Könnten wir leben, ertrügen wir das Leben, wenn alles gut wäre? Ist es nicht letztlich unsere Sehnsucht nach Mehr und nach Besser, welche die Basis für jegliche Evolution ist? Und brauchte es deshalb so etwas ähnliches wie einen Sündenfall? Die Vertreibung aus der Heimat als Katalysator, Heimatlosigkeit als Motor für Entwicklung … [Und der Sinn des Lebens das Finden meiner Heimat in mir?]

Wenn ich meinem gierigen, immer hungrigen Monster Heimatlosigkeit all meine inzwischen gefundenen und benannten Heimaten vorstelle, was dann? Es schüttelt leise den Kopf, grinst ziemlich fies und verdreht ein klein bisschen seine schielenden Augen.
Und das reicht dir?, fragt es. Als wäre nicht all das tausendmal besser als dieses zermürbende innere Gefühl, das dieses Monster in mir nährt, dass ich nämlich nirgends wirklich Zuhause bin. Tauziehen einmal anders. Ich setze mich hin. Ich betrachte mein Monster, das mit mir am Tisch sitzt, seit ich denken kann.
Das sind nicht deine Eltern, die haben dich bloß adoptiert!, war seine erste (verlogene) Einflüsterung, an die ich mich erinnern kann. Da war ich noch in der Unterstufe. Keine Frage, Monster Heimatlosigkeit weiß, wie man Menschen klein kriegt und weich kocht. Doch was ich nicht verstehe: Wozu? Die älteste Frage der Menschheit: Woher und wozu kommt das Leid und hängt es immer an der Sehnsucht mit dran?

Nein, keine Antworten, weder hier noch jetzt noch irgendwann. Jedenfalls keine endgültigen. Und nein, ich kann die Welt nicht retten. Höchstens mich. Mit Heimat-in-mir der Heimatlosigkeit-in-mir (und überall) ein wenig Gegengewicht geben. Ein wenig die Welt verbessern mit der Freude darüber, in mir mehr und mehr sesshaft geworden zu sein und all jene materiellen Dinge, die mir Heimat sind (oder zumindest so tun als ob), immer weniger zu brauchen.

Ist das womöglich Freiheit?
Heimat und Freiheit – sind die zwei überhaupt kompatibel?
Oder ist Freiheit gar nur möglich, wenn ich in mir ganz und gar beheimatet bin?

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weiterhin stellen wir Bilder aus zum Thema „heimatlos“ auf pixartix_dAS bilderblog