Andere Sonnenstrahlen

In einer Biostunde war’s, an der Fachhochschule. In einem anderen Leben. Irgendwie muss mich das Bild nachhaltig beeindruckt haben. Herr H. hatte ein Holzfass an die Wandtafel gemalt (damals malten Lehrpersonen nämlich noch auf Tafeln). Bei diesem Holzfass waren alle Dauben unterschiedlich lang. Auf jede einzelne Daube schrieb unser Biolehrer einen Mineralstoff, den Humus beinhaltet (man frage mich jetzt aber bitte nicht was – Mineralstoffe halt). Wir diskutierten nämlich schon eine ganze Weile über das natürliche Gleichgewicht der Erde und wie es zu erhalten sei. So kamen wir auf Düngung zu sprechen und wie heikel es sei, einen Volldünger zu verwenden. Letztlich gehe es doch darum, von allen einzelnen Komponenten nur genau so viel zu düngen, wie es brauche, damit das Gleichgewicht wieder stimme. War von einem Mineralstoff wenig vorhanden (die kürzeste Daube), konnten die andern Stoffe eines Volldüngers eh nur bis zum Niveau des am wenigsten vorhandenen Stoff greifen – veranschaulicht durch das Bild mit dem Fass

Fülle das Fass mit Wasser. Es überläuft im Moment, wo die kürzeste Latte erreicht ist. Dieses Prinzip hat einen schönen Namen, den ich leider vergessen habe – nicht aber das Prinzip an sich, das Überdüngung ebenso verdeutlicht wie Überdosierung von Medikamenten wie Breitband-Antibiotika oder Breitband-Vitaminpräparate. (Und ja, zum Glück habe ich sogar in Bio mit genügend abgeschlossen. Manchmal bereue ich, dass mich gewisse Themen, als ich jung war, so wenig interessiert haben.)

Was ich sagen will? Seit ein paar Tagen weiß ich endlich, warum ich seit Monaten so schlapp und oft auch kraftlos und niedergeschlagen bin. Und weshalb mein Kreislauf hin und wieder beinahe kollabiert. Und warum ich häufig sehr schlecht schlafe. Vitamin D – das Sonnenvitamin – ist bei mir Mangelware. Eisen auch, aber das war schon oft so. So tief ist der Vitamin D-Wert, dass mich meine liebe Berner Ärztin, die ich endlich mal wieder aufgesucht hatte, gleich am Morgen nach der Blutwertkontrolle anrief, um mir das Mittel ihrer Wahl telefonisch mitzuteilen.

Sofort nach dem Anruf habe ich in den Weiten des Webs nach Infos zu meiner Diagnose gefischt und ein paar Antworten gefunden. Spannend, was da und wie alles miteinander zusammenhängt. Ich bin fasziniert und erschüttert, wie viel an unserm Vitamin D-Pegel mit dran hängt und wie wenig ich darüber gewusst habe. Angeblich sind in unseren Breiten etwa ein Drittel der Menschen in den Wintermonaten unterversorgt. Was zum einen mit dem Fakt von wenig Sonne und falschem Einstrahlwinkel im Winterhalbjahr zu tun hat, aber zu einem andern, großen Teil auch mit den Lebensgewohnheiten. Das Leben vieler spielt sich mehr oder weniger drin ab. Und Solarium-Sonnenlicht produziert leider kein Vitamin D im Körper. Über die Nahrung nehmen wir sowieso kaum Vitamin D auf.

Nun fülle ich also mein Leck mit täglichen Vitamin D-Dosen. Wie das Leck in meinem Fass entstanden ist, kann ich mir noch immer nicht erklären, doch ich staune einmal mehr über alle Zusammenhänge, über die Weisheit des Körpers, über die Auswirkungen eines einzigen Mangels auf das ganze Rest-System. Ja, ich staune auch über die Forschung, die Vitamin D-Mangel mit allem möglichen Krankheiten und Symptomen in Zusammenhang bringt. Eine Aussage, irgendwo im Netz gelesen, klingt nach: Über Vitamin D zu reden (Information und Werbung) ist nicht sehr attraktiv, weil Vitamin D sehr einfach und sehr günstig herzustellen ist. Daran ist die Pharmaindustrie kaum interessiert. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es gibt mir zu denken. Mit genug Vitamin D ließen sich womöglich viele Folgekrankheiten vermeiden, die der Pharmaindustrie aber unbehandelt viel mehr Geld einbringen.

Wie man idealerweise zu genug Vitamin D kommt, fragst du? Immer wieder Zeit unter dem freien Himmel verbringen und dabei möglichst viel ungeschützte Haut an die Sonne lassen (eine halbe Stunde oder so direkte Sonne – je nach Hauttyp). Und genau das ist im Winterhalbjahr verdammt schwierig … tja …

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker.

Und deinen gesunden Menschenverstand.

Zettelwirtschaften und Gesetzebrechen

Die sich selbst auferlegten Gesetze – Dieser Satz steht auf einem Zettel, der schon eine ganze Weile auf meinem Schreibtisch vor sich hin döst. Warum ich ihn aufgeschrieben habe, weiß ich nur noch ganz vage.

Ich erinnere mich an die Aussage eines Kollegen. Er mache etwas ganz Bestimmtes immer genau gleich. Ausnahmslos. Und auch immer zur gleichen Zeit. Weil er dann sicher sei, dass es gut gehe. Denn es sei bisher immer gut gegangen.

Nicht das zu tuende Ding an sich ist hier wichtig, sondern die Idee, dass wir – wenn etwas einmal auf eine bestimmte Art geglückt ist – das nächste Mal wieder glücken wird, nämlich wenn wir die gleichen Vorzeichen einhalten, wenn wir der gelegten Spur folgen. Es lässt mich aufhorchen, denn noch immer bin ich dabei, meine Spuren zu überdenken, besonders jene, die schon so tief sind, dass ich mich kaum mehr daran erinnern kann, den Weg ein erstes Mal gegangen zu sein.

Sicherheitsdenken? Aberglaube? Bequemlichkeit? Zeitmangel? Erfahrung? Es ist – jedenfalls bei mir – von allem ein wenig, was mich dazu bringt, etwas, das gut läuft, weiterhin so zu tun wie bisher. Und doch … etwas in mir sagt mir, dass die Vorhersagbarkeit der Dinge dem Leben die Luft zu atmen nimmt. (Ob ich wohl deshalb kaum je nach Rezepten koche?)

Oder ist es gar eine Art innerer Zwang, der mich – ähnlich wie wir das bei Menschen mit Autismus beobachten können – dazu bringt, genaue Abläufe einzuhalten? Sofort blinkt das Wort Sicherheitsdenken ganz groß bei mir auf. Ach, aber was weiß ich denn schon wirklich? Wie können wir verstehen, wie andere Menschen wirklich ticken?

Da war heute Morgen dieser Dialog mit dem Liebsten. Über Unterschiede bei der Auswahl jener Themen, die uns bewegen, haben wir gesprochen und wie es kommt, dass einige Themen, über die ich schon als Kind nachgedacht habe, für ihn kaum relevant sind.

Das Bild vom guten alten Setzkasten, mit dem früher Bücher und Zeitungen gedruckt worden sind, tauchte auf. Die leeren Zeilenfächer, mit denen wir zur Welt kommen, werden im Laufe eines Lebens gefüllt. Beim einen so, bei der andern so. Einige bleiben leer, andere sind voll klitzekleiner Wörter und bei andern steht nur ein einziges Wort.

Kurz und gut: Wir alle schreiben eine eigene Geschichte. Mit den immer gleichen Buchstaben. Auch solche Sätze wie der mit den sich selbstauferlegten Gesetzen. Eins von meinen ist, dass ich einen Blogartikel erst hochlade, wenn er meinen Stilansprüchen genügt.

Heute breche ich mein Gesetz und lade einen Artikel hoch, der ganz einfach daherkommt. So wie er ist. Ungeschminkt. Vielleicht hat er sogar Mundgeruch. Ich lasse ihn jetzt einfach los.

Von Gewohnheiten und anderen Geräuschen

1.)
Tun, was mir gut tut.
Weiß ich noch, was ich mir als Kinder wünschte,
erinnere ich mich noch daran, wovon ich als Kind träumte,
außer dass die Träume von einst nichts mit Abhängigkeiten zu tun hatten?
Dafür mit Farben, Geborgenheit, Weite und Raum,
ich hörte in ihnen das Abendlied der Amsel.
Roch frisch gemähtes Gras.
Ich träumte vom großen Lachen,
von erträglicher Nähe, in der es sich glücklich atmen lässt.
Erst heute begreife ich, dass Träume schrumpfen, je älter ich werde.
Größenverhältnisse verändern sich. Immer. Für immer.
Für einige Träume ist es zu spät (ist es das wirklich, solange ich noch lebe?)
andere sind nicht mehr wichtig.
Natürlich weiß ich, was mir gut tut. Was mir gut täte. Konjunktiv.
Zu viele Hindernisse auf dem Weg.
Müssen darf darin nicht vorkommen.
Hedonistin du!
Schon folgt die Verurteilung (wie kannst du nur, wo doch andere …),
die schrille Stimme in mir. Mutters Erbe.
Abhängigkeiten waren nicht vorgesehen.
nicht als ich Kind war und träumte.
Bin Teil einer Gesellschaft abhängiger Mensch. Konsumfixiert wie viele.
Das Perpetuum mobile des Kapitalismus schwebt im luftleeren Raum.

Immer weiter.
Weil wir Gewohnheitstiere sind,
weil wir weiterschlingen wollen, wenn wir erst einmal angebissen haben,
weil wir gerne an der Leine hängen und herumzappeln. Herumzappen auch.
Fortsetzung folgt.
Cliffhanger.
Adrenalin.

Mehr, immer mehr, mehr, mehr …
Oder lieber weniger, dafür mehr
tun, was mir gut tut.

2.)
Es fing an jenem Tag an, als ich am Morgen vergaß, in den Spiegel zu schauen und mir selbst dabei in die Augen blickte.

3.)
Irgendwann habe ich aufgehört zu glauben, dass es die andern sind, die uns Gutes tun sollen.
Irgendwann habe ich damit angefangen zu ahnen, dass letztlich nur ich selbst es bin, die mir wirklich Gutes tun kann.
Doch gut ist und gut tut etwas nur, wenn ich mir das Gute von Herzen gönne, es mir erlaube und es schließlich tue …

Währungsreform

Ich fahre von Nord nach Süd. Es ist Montagvormittag. Drei Tage her. Monoton die Strecke, die ich inzwischen fast wie in Trance fahre. Nein, nicht die Strecke ist monoton, sondern die Tatsache, dass ich sie schon so oft gefahren bin. Wiederholung macht Dinge glatt und kantenlos, stumpf, unspektakulär. Wiederholung und Routine verkürzen aber auch die Zeit, die wir für etwas brauchen. Und schaffen damit Raum im Kopf und Herz.

Fakten und Interpretation – das eine nicht ohne das andere, sinniere ich. Fakten? Ist denn nicht alles, was ich als Faktum definiere, äußerst fragil und dem Wandel durch Zeit und Entwicklung ebenso ausgesetzt wie alles andere? Auch sogenannte Fakten sind nicht in Stein gemeißelt. Sogar Fakten sind Momentaufnahmen, wenn auch verhältnismäßig objektive. Der Interpretation haftet dagegen von Anfang an Subjektivität an. Aus Erfahrung gewachsene Subjektivität. Ein Faktum wird erst durch Interpretation verständlich – das eine nicht ohne das andere, wie gesagt.

So sinne ich fahrend vor mich hin. Summe das eine oder andere Lied vom ins Autoradio gestöpselten mp3-Player mit und überlege, woran es liegt, dass mir das eine Lied heute ganz besonders gut gefällt, während ich das eine oder andere Stück weiterklicke, weil es mich jetzt nervt.

Alles ist eine Momentaufnahme. Ich bewerte ständig. Alles. Und ich synchronisiere ständig die Außenwelt mit meinem Innen. In beide Richtungen. Verdammt anstrengend ist das.

Abgleichen ist eins, das andere, dass ich laufend alles bewerte, meist unbewusst. Und ungefähr. Zuweilen aber auch sehr exakt. Zehn Dänische Kronen sind heute genau einen Franken und fünfundsechzig Rappen wert. In Euro irgendetwas anderes. Und in Pfund nochmals anders. Und alle haben sie recht. Heute zumindest. Da ist eine Skala in meinem Kopf. Meine verinnerlichte Wertetabelle. Von Geburt an ist sie mit mir gewachsen.

Natürlich rechnen wir nicht nur Währungen auf, nein, alles – trotz dem Gelabber von Du-sollst-nicht-werten. Ich schaue Menschen an, unterwegs bei der Raststätte. Ich gehe den einen aus dem Weg, während ich andere, die meisten, nur am Rand wahrnehme. Noch anderen schenke ich sogar ein Lächeln. Zurück im Auto wird mir klar, dass der Steinzeitmensch in mir zu glauben meint, wem er trauen kann. Und dabei auch mal ganz schön danebengreifen kann.

Altes Steinzeit-Wissen? Sind es nicht einfach Konditionierungen, die mich die Dinge so und nicht anders bewerten lassen? Ich mache die Probe aufs Exempel: Warum denkst du, frage ich mich, dass Zugfahren am frühen Morgen schlimm ist? Erfahrung, versuche ich eine erste Antwort, doch ich merke sofort, dass sie mir nicht genügt. Der Begriff Erfahrung ist mir zu diffus.

[Gut, eine mühsame Erfahrung kann durch eine angenehme Erfahrung überschrieben, aufgewogen werden, überlege ich. Doch erst wenn objektiv mehr mühsame als gute Erfahrungen gemacht worden sind, dann können wir von Fakten sprechen und das Wort Erfahrung als Antwort dulden. Wiegen jedoch Fakten wirklich mehr als Wahrnehmungen? Wiegt denn nicht das mühsame schwerer als das angenehme? Schon wenig schwarze Farbe kann einen ganzen Eimer weiße Farbe versauen, aber um schwarze Farbe aufzuhellen braucht es ungleich viel mehr weiß. Heißt das nun, dass es viel mehr Gut als Böse braucht, um ein Gleichgewicht hinzubekommen … in mir und dir? Auf der Welt?]

Morgendliche Zugfahrten, die richtig schlimm waren – laut und stinkig – kann ich, ganz ehrlich gesagt, vermutlich an zwei Händen abzählen, während jene, die neutral oder beinahe heiter verliefen, irgendwo in mir drin, im großen Niemandsland, abgebucht worden sind. So what? Und all die andern schlimmen Dinge – Montagmorgen zum Beispiel oder Staustehen – sind, von nahem betrachtet, eigentlich auch nur halb so schlimm.

Wie ich mich langsam der Schweizer Grenze nähere, fasse ich einen Beschluss: Alles was ich in der nächsten Zeit tue, sehe, spüre, höre, will ich prüfen, mich fragen, warum ich so und so und nicht zum Beispiel so und so über dies und das denke. Und mich fragen, wer mich so denken lässt. Woher kommt der Maßstab in meinem Kopf? Nein, ich will nicht das berühmte Kind aus der Badewanne kippen, denn viele meiner inneren Werte sind bewusst gewählt. Ich habe mir über viele Dinge des Lebens bereits und immer wieder Gedanken gemacht, alle andern, die unbewussten, die verinnerlichten, die reflexartigen Werte bedürfen allerdings einer Reform. Ob ich gar eine neue Währung einführen soll – meine?

Am Anfang war die Liste

Und die Liste war bei mir. Und die Liste war ich. Und auf ihr steht alles, was ich tun will. Soll. Muss. Darf. Die Sache mit der Anwendung irgendwelcher Prioritäten vergesse ich immer. Eigentlich zählt für mich, beim Abtragen von Listen, fast nur das eine Kriterium: die Zeit. Obwohl. Wenn ich es mir so überlege. Wieso lasse ich mich eigentlich von Deadlines, diesen Todesgrenzen, so viel Stress machen? Was meinte noch der Liebste heute Morgen am Telefon? Man sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die man tun will. Stimmt ja. Aber. Zwei Herzen in jeder Brust.

Was meinte doch gestern der Stadtführer, den wir für unsern Personalanlass gebucht hatten und der uns höchst Spannendes über die mittelalterlichen Bräuche „unserer“ Stadt erzählte? Erst mit der Einführung von Kutschen seien serpentinenartige Straßen zur Bewältigung der Steigung gebaut wurden. Davor, zu Fuß und zu Pferd, wurden die Steigungen sozusagen auf dem kürzesten und somit steilsten Weg genommen. Was mit dem Aufkommen von Kutschen aber nicht mehr so einfach war, und vor allem sehr unbequem. Was ich sagen will? Unzufriedenheit macht kreativ. Alles, was uns das Leben heute erleichtert, wurde erschaffen, weil jemand über bessere, bequemere Abläufe und Lösungen nachdachte. Nenns Evolution.

Vorgestern, im Büro, habe ich die Batterie unserer Wanduhr gewechselt, weil mich der Blick auf die Uhr jedes Mal irritierte (und ich erschrocken feststellte, wie oft ich auf die Uhr schaue). Stehengeblieben zeigte sie immer Viertel nach drei. Zwar hatte sie eine Minute pro Tag recht (und eine des Nachts), doch das genügte mir nicht. Kaum hatte ich auf der Rückseite der Uhr die neue Batterie eingelegt, suchte ich nach dem berühmten Zahnrädchen, um sie zu richten (nein, nicht ver- und auch nicht beurteilen wollte ich sie, auch nicht hinrichten, einfach nur die richtige Zeit – was immer sie ist – einstellen). Vergeblich suchte ich die ganze Uhr ab, als ich auf einmal feststellte, dass der Sekundenzeiger, schneller als ihm von den ErfinderInnen der Zeit, zugedacht war, losrannte. Auch Minuten- und Stundenzeiger gaben alles und nach drei Tagen ungefähr (so lange hat die Uhr wohl geruht) hatten sie genug und zeigten endlich jene Zeit an, die iPhone und Rechner als die Richtige definierten – während im richtigen Leben nur ein paar Minuten vergangen waren. Könnte ich das doch auch, vor allem, wenn ich zu viel um die Ohren habe: einfach vorwärtsspulen. Die Dinge würden natürlich schon erledigt, keine Angst, doch sie wären viel schneller Vergangenheit. Alles Unangenehme könnte – schwupps – vorwärtsgetimt werden.

Wie wir gestern Nacht, noch zu acht, nach dem Personalanlass auf der Treppe vor dem Pfadiheim stehend Grappa und Tabak zusprechen – so viele Nichtmehrrauchende, die hin und wieder rauchen, wie gestern habe ich schon lange nicht mehr erlebt –, begreife ich: Es sind die Ausnahmen, die in aller Regel die Regeln des Lebens aufmischen. Die angenehmen vor allem.

Viel später, im Bett, überlege ich, ob ich noch ein Kapitel Buch lesen mag. Will. Soll. Ich entscheide mich dagegen. Denke, schon fast eingeschlafen, dass ich hoffentlich eines Tages zwischen zwei Büchern sterben werde. Oder zumindest am Ende eines Kapitels. Bloß nicht mitten im Wort. Und bitte erst, wenn die Liste …

Seltsame Träume. Was sagte Kollegin A. neulich über Büroklammern, als wir über die Wohlstandsgesellschaft philosophierten? Dass alle sich im Umlauf befindlichen Büroklammern auf der ganzen Welt für alle reichen würden. Für immer und ewig. Eigentlich. Nur sind sie nicht immer am richtigen Ort und darum werden stets neue produziert.
Gute Nachricht an alle BüroklammerfabrikantInnen dieser Welt – oder schlechte: es braucht euch nicht mehr! Träume ich. Wars der Grappa?

Vom Mittelalter, das unsere Stadtführung dominiert hat, purzeln meine Gedanken auf einmal ins letzte Jahrhundert. Und geografisch nordwärts. Ich liege eine Weile wach. Bilder tauchen auf, die wir am letzten Sonntag im Petrihaus Zweibrücken, dem heutigen Stadtmuseum und früheren Wohnhaus, gesehen haben. Noch so eine spannende Führung, die wir da erleben durften. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Erzählungen über der Himmelbergsstollen. Ein vergessener Stollen (eine geheime Stadt unter der Stadt), der im zweiten Weltkrieg, als fast ganz Zweibrücken einer Bombardierung zum Opfer gefallen und großflächig zerstört worden war, einen großen Teil der nicht evakuierten Bevölkerung gerettet hatte.
Wo waren dein Papa und deine Großeltern damals?, raunte ich dem Liebsten zu. Dass sein Papa aufs Land gebracht worden war, flüsterte er zurück, über die Großeltern wisse er nichts Genaues. Was wäre, wenn?

Ob ich angesichts des Todes auch noch Listen schreiben würde. Um nichts für drüben zu vergessen. Und ob ein Leben hier und jetzt ohne Listen einfacher wäre?

(Jetzt muss ich aber in die Bibliothek, das Buch zurückbringen, sonst …)

Lass den Montagmorgen nicht ins Haus

Zugegeben, so richtig wach bin ich noch nicht. Sonntagmorgen. Noch im Bett. Erwacht mit Songs im Kopf. Das Konzert in den Füßen, den zertanzten, die ein wenig schmerzen. Und die Frage wieder, die schon auftauchte, als ich nachts mit dem Auto auf der A1 von Bern nach Hause fuhr: Wieso erträgst du, die doch sonst Menschenmassen meidet und Lärm und lauten Geräuschen aus dem Weg geht, immer wieder – und mit größtem Genuss! – Patent Ochsner-Konzerte?

Warum? Weil sie mich glücklich machen! Und weil ich ein paar Freundinnen und Freunde habe, die diese Konzerte ebenfalls lieben. Mit zweien von ihnen treffe ich mich schon zwei Stunden vor Konzertbeginn im Bierhübeli. Austausch. Später spazieren wir zur Reitschule runter und essen etwas kleines. Was für ein süßer Kellner, der uns drei „Damen mittleren Alters“ da verwöhnt!

Und was für ein Publikum! Wir finden vorne rechts neben der Bühne eine Nische, die uns dreien entspricht. Freundin M. möchte nicht mit an den Bühnenrand, hat von dort aus aber trotzdem einen guten Blick. Freundin B. und ich stehen am rechten Bühnenrand vorne. Der Raum, der schon ziemlich voll ist, als wir ihn um Viertel nach acht betreten, füllt sich allmählich bis zum Rand. (Das Konzert war ja innert vierundzwanzig Stunden ausverkauft gewesen.)

Mit einer Viertelstunde Verspätung starten die Ochsen. Das passt gut, weil ich nämlich am Tresen Schlange stehe und – das nur nebenbei gesagt – eine mir neue Biersorte entdecke (Notiz an mich: Einsiedler Spezialbier dunkel), die mich begeistert.

Tschuldigung, Sorry, äxgüse … merci … Ich schlängle mich durch die Masse zurück zum Stehplatz und schon gehts los. Das Intro – ein Musikstück, das zwischen Folk und Rock balanciert, zwischen Weit-weg und ganz-nah –, fährt schon voll ein und lässt mich fliegen. Musik ist eine Droge, der ich mich gerne hingebe. Was für ein Publikum, das schon beim ersten Song mitsingt.

Büne begrüsst das Publikum so heiter, dass ich ihm abnehme, wenn er sagt:
Das hie isch es Familiefescht … so fühlt es sich auch an. Obwohl sich auf dem Dachstock der Reitschule, dem autonomen Zentrum von Bern, sicher über zweihundert Menschen tummeln, fühlt es sich an wie „unter uns“. Und wie das rockt! Schnell ein paar Schlucke Bier trinken, damit die Flasche beim Tanzen nicht überläuft.

Büne erzählt zwischen den Songs immer mal wieder Geschichten über das Leben. So auch über die Figur Eberhard, die schon vor langer Zeit Gegenstand eines Songs geworden ist. Nun setzen die ersten Instrumente ein und Büne öffnet den Mund.

Nei, nei, stopp halt … no einisch vo vore …, stammelt Büne. Show oder Texthänger? Zweiteres. Kein Problem. Das darf sein auch bei einem Profi … Jetzt seht ihr, dass alles, was wir machen live ist, lacht er, sortiert sich neu und fängt noch einmal an.

Live ist diese Band noch besser als auf Konserve. So viel Authentizität. So viel Lachen, Humor, Lebensfreude. Charisma, Leidenschaft – Freundin B. und ich rätseln, was es alles ist, dass diese Band so unvergleichlich macht. Musik für den Körper, fürs Herz und für den Kopf. Das soll ihnen mal einer nachmachen! Ja, ich gestehe es: ich habe alle Tonträger und ich kenne alle Lieder. Ich erkenne alle Lieder, wenn die ersten Takte erklingen. Lieder, die meine Medizin sind mit ihrer Lebensfreude und mit ihrer Melancholie. Ehrliche Songs. Den grössten Teil meines Erwachsenenlebens sind die Ochsen da gewesen, sind mit mir älter geworden. Vieles hat sich in meinem Leben geändert (und ich höre natürlich auch andere Musik, klar!), aber die Ochsen sind geblieben (und haben sich natürlich auch weiterentwickelt).
Miner Heude!, sagte ich zu Freundin B. in schönstem Berndeutsch, das ich so ja eigentlich gar nicht spreche, als die Jungs und Mädels auf die Bühne traten. Meine Helden.

Du chasch cho, du chasch ga, du chasch alles vo mir ha … so singt Büne auf einmal acapella ins Mic. Freundin B. schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Was ist denn das jetzt? Da trägt er aber dick auf!, meint sie grinsend.
Das gibts aber schon!, sage ich, weil ich die Zeilen, wenn auch mit anderer Melodie, als Refrain des Songs Trybguet erkenne. Und mit mir ein großer Teil des Publikums, der die neue Melodie aufgreift und mitsingt. Büne freut sich, kommt ganz nahe an den Bühnenrand. Und schliesslich fängt die Band mit dem Song an, wie wir ihn kennen und lieben. Schon fast heiser und beinahe so nassgeschwitzt wie die Band da oben, singe ich den Refrain des Liedes von der ewigen Liebe mit. Die einen Tag länger als für immer dauern wird. Wenn es denn gelingt, den Montagmorgen nicht ins Haus zu lassen. Wenn.

Einziger Wermutstropfen dieses wunderbaren Abends sind die Tratschjungs- und vor allem -mädels, die schon leicht angesäuselt hinter uns stehen. Meistens kann ich sie ausblenden, doch nicht mal beim Song Git’s über üs e Himu, der sehr leise gespielt und gesungen wird und der die Verzweiflung nach dem Tod eines geliebten Meschen hörbar macht, hören sie nicht mit Kichern auf. Ich bin nicht die Einzige, die die kleine Gruppe um Ruhe bittet. Das Lied treibt mir – wie immer – Tränen in die Augen und Schwermut ins Herz.

Später singt Büne den Song vom sinkenden Schiff, der in sich die Hoffnung trägt, dass es irgendwo einen neuen Hafen gibt. Geben muss. Dass es einen Weg gibt. Dass es weitergeht.

Ich liebe es, wenn Liedinhalte und Musik wie aus einem Guss sind. Bei den Ochsen mit ihren tausenden Instrumenten und definitiv nicht nur rockigen Songs immer wieder ein großer Genuss.

Nach unzähligen gehörten, erlebten Konzerten können sie mich noch immer begeistern als wäre jedes Mal das erste Mal. Dass sie nach der zweiten Zugabe nochmals rauskommen, nach dem Abschied, nach dem letzten Winken, habe ich aber nun doch noch nie erlebt in den ganzen Jahren. Einträchtig stellen sie sich ganz zuvorderst an den Bühnenrand. Schalk in den Augen jedes einzelnen. Dicht an dicht stellen sie sich.

Freundin B. zieht mich in die Mitte vor die Bühne und nun singt die Band acapella ihr uraltes Lumpenlied vom ewigen Sommer, der immer und überall stattfindet. Wo? Unter ihren Armen natürlich, wo sonst?

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Hier gehts zu Patent Ochsner auf Youtube:
Übersicht
Scharlachrot

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Bilder:
Appspressionismen (iPhoneArt)

Ausgelesen II. #3 – und warum ich Krimis mag

Vom Versuch, ein guter Mensch zu sein, las ich dieser Tage im Krimi Der bessere Mensch von Georg Haderer. Der österreichische Polizeimajor Johannes Schäfer ist nach einem Burn-Out wieder in Dienst, quält sich nun dort aber mit der optimalen Dosierung seiner Antidepressiva herum – mal ist er unerträglich dünnhäutig und rührselig, gerade zu menschlich, dann wieder beherrscht von einer affektiven und impulsiven Aggression, die er an sich nur schwer aushält. Er reflektiert sein Verhalten immer wieder, während er mit seinem Team einen Doppelmörder jagt, und sehnt sich dabei zutieft nach einer besseren, nach einer guten Welt. Aktuell erträgt er das Böse schwerer als auch schon und leidet zudem an seiner eigenen Aggressivität. Nachdem sich am Anfang des Buches alles Spuren nach dem Mörder im Nichts verlaufen, sieht es auf einmal so aus, als stecke ein tot geglaubter Serienmörder hinter den neuen Morden und einem Überfall.

Von Wien nach Salzburg temporär (straf)versetzt, stößt Schäfer auf Spuren, die ihn beinahe das Leben kosten. Kann es sein, dass eine kleine Gruppe Psychiater in ihrer Erforschung des Bösen alle ethischen Grenzen überschritten haben? Ist es möglich, dass die Ärzte damals den Serienmörder retteten, um ihn in einen besseren Menschen zu verwandeln?

Haderers Schreibstil ist zwar gewöhnungsbedürftig, doch ich mag seine streckenweise assoziative Sprache, sprunghaft, intelligent, ohne zu viel zu sagen. Haderer ist nah an seinen Figuren dran und setzt sie in glaubwürdige Kontexte. Auf das Buch bin ich übrigens in meiner online-eBook-Bibliothek onleihe eher zufällig gestoßen. Ich schätze solche Zufälle und hoffe, dass ich dort auch bald Band 1 und 2 der Schäfer-Serie begegne.

Warum ich Krimis mag? Eine berechtigte Frage. Und gleich vorweg: Ich mag nicht einfach alle Krimis. Ich bin wohl eine ziemlich anspruchsvolle Krimi-Konsumentin und kann locker Bücher zuklappen und Filme ausschalten, wenn mich Geschichten nicht überzeugen. Auch die Figuren müssen mich ansprechen. Entweder als Identifikationsfiguren oder aber um mir das Böse zu erklären.
Ich bin dem Bösen auf der Spur!, sagte ich neulich zum Liebsten, als wir über den vorhin erwähnten Krimi sprachen.

Ich will, ahne ich, das Böse einkreisen, definieren, verstehen. Um es auszuhungern vielleicht. Zumindest das Böse in mir. Kampf gegen Windmühlen? Meine Sehnsucht nach einer besseren Welt, die ich mit Polizeimajor Johannes Schäfer teile, kann nicht funktionieren. Weil ich da bin. Und du. Wären wir nur gut, wären wir nicht die, die wir sind. Nicht so. Ich bin alles. Gutes und Böses habe ich in meinem Lebensrucksack drin, seit ich lebe. Das ist der Mensch. Das ist die freie Wahl. Und auch nichts neues. Bin ich dann ein guter Mensch, kritzelte ich neulich auf die Innenseite eines Schokoladenpapiers (schwarze Fairtrade-Bioschokolade immerhin), bin ich dann ein guter Mensch, wenn ich die bösen Anteil in mir akzeptiere und unter Kontrolle halte? Doch was genau heißt es, meine hässlichen Seiten unter Kontrolle zu halten – in einer Welt, wo schon beinahe alles geht?

Im Krimi ist der Tod omnipräsent und die Guten versuchen die Bösen, die Mörder nämlich und das Böse, zu fassen zu bekommen und sie zu bestrafen. Vielleicht mag ich Krimis auch, weil darin diese Sehnsucht nach einer wie auch immer gearteten Gerechtigkeit gelebt und ihr oft auch Genüge getan wird.

Und doch ist Leben und Sterben, Überleben und Tod komplexer als der faszinierendste Roman. Jedes einzelne Leben ist eine Geschichte, die nicht zu fassen ist.

Seit Monaten, seit Jahren sogar, habe ich Wolfgang Herrndorfs Blog gelesen und ihm beim Sterben zugehört und zugesehen. Nein, nicht in voyeuristischer Weise, sondern tief betroffen. Ich habe einem Menschen zugehört, der den Mut hatte, über den Zerfall, den eine unheilbare Krankheit in seinem Körper anrichtet, zu schreiben, schreibend zu schweigen auch, und allmählich zu verstummen. Ungeschönte Texte. Authentisch bis zum letzten Punkt. Sehr oft hätte ich gerne mit ihm über das, was er geschrieben hat, gesprochen. Mit äußerster Konsequenz hat er sich bis zuletzt die Würde bewahrt, seinen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Am letzten Montagabend hat er schließlich selbst den Schlusspunkt unter sein Leben gesetzt.

Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft den Tod neu begreift. Die Würde der Selbstbestimmung, die oft zitiert wird, wenn es um das Leben selbst geht, soll auch für den Tod gelten.

Leben ist zerbrechlich. Wie Glas. Leben ist nicht Panzerglas.

Das Leben selbst bestimmen. Ich bin mir bewusst, dass meine politisch geregelte Freiheit der Selbstbestimmung über mein Leben, Menschen vor mir verdanke, die genau dafür gekämpft haben, doch warum mir genau jetzt mein Spültrogabfluss einfällt, den ich heute Morgen entstopft habe, weiß ich auch nicht. Oder doch Geht es im Leben nicht um Weiterentwicklung? Darum, das Leben als Fluss zu begreifen? Seit Wochen schon floss mein Abwassefluss jedoch immer träger. Mit allen mir bekannten Tricks war der Verstopfung heute nicht mehr beizukommen und ich fragte mich, ob ich zu chemischen Hilfsmitteln würde greifen müssen.

Wie löst man Probleme eigentlich am besten? Anfangen müssen wir immer damit genau hinzuschauen. Das heißt, ich muss die Rohre unter dem Trog aufschrauben. Gedacht, getan. Krass: trotz Sieb im Abfluss hatte sich im Knie des Rohrs seit Monaten das eine oder andere angesammelt. Nicht, dass ich es sonderlich appetitlich gefunden habe, doch fasziniert hat mich dieses Sammelsurium schon und vor allem die Erkenntnis, dass je mehr eine Leitung verstopft ist, desto mehr hängenbleibt. Wie auf der Straße: Je mehr Müll irgendwo schon herumliegt, desto kleiner ist unsere Hemmung, etwas, statt in einen Mülleimer, auf den Boden zu werfen.

Ach, die Verantwortung! Über den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen haben wir dieser Tage im Büro oft diskutiert und prompt ist gestern in der Kleinstadt, wo ich arbeite, am Vormittag eine halbe Stunde lang der Strom ausgefallen. Eine willkommenen Pause, keine Frage, und nachdem wir festgestellt hatten, dass der Ausfall nicht nur unser Gebäude betraf, sondern das Quartier oder gar den Ort, wussten wir, dass wir bald wieder am Netz sein würden. Die eine Kollegin war beim Ausfall mitten in einem Telefongespräch gewesen, eine andere hatte soeben eine Mail geschrieben, ich selbst brütete über einem Dokument, das die Erfassung unserer zukünftigen Statistiken vereinfachen sollte, und auf einmal ging nichts mehr. Noch nicht mal Kaffee und Tee kochen. Wie abhängig wir doch vom Stromnetz sind!

Auch das Patent Ochsner-Tourneeschluss-Konzert übermorgen ist nur dank Strom möglich. Ohne Verstärker und Mischpult wären die Jungs und Mädels der Band aufgeschmissen. Und wir Zuhörenden erst recht. Auch die Kunstzwerge auf dem Zweibrücker Rinckenhof, die dieses Wochenende beim Liebsten zu Gast sind, könnten ihre Sounds und Perfomances nur halb so gut in Szene setzen ohne Strom.

Ach, der Versuch ein guter Mensch zu sein – ist er hoffnungslos, weil ich ja doch immer Kompromisse eingehe, eingehen muss? Ich glaube, für mich gut gut genug. Besser und am besten können von mir aus andere versuchen.

mich einholen

Eine Art Spurensuche ist es. Nein, falsch eher eine Selbstsynchronisation – das trifft es besser. Oder vielleicht ein Update? Ich weiß es nicht so genau.

Ich rannte mir hinterher – schon eine ganze Weile. Ich habe aufgeräumt. Ich habe endlich mal wieder Mails geschrieben. Ich habe endlich mal wieder Blogs gelesen und ich habe alle Notizzettel auf dem Schreibtisch ins Tagebuch abgeschrieben. Ich habe sogar mal wieder Tagebuch geschrieben.

Und nun habe ich mich eingeholt. Endlich. Und jetzt könnte ich eigentlich endlich das tun, was ich am besten tun kann, wenn alle Pflichten erfüllt sind und der Rücken frei: mein Loch im Eis-Manuskript öffnen und weiterschreiben. Endlich. Doof nur, dass ich jetzt eine Pause brauche. Dass ich vermutlich nun zu müde bin. Dass ich morgen wieder arbeiten gehen muss. Und übermorgen auch. Ebenso am Mittwoch.

Wie es andere bloß schaffen – oder schaffen es auch andere nicht, ständig auf gleicher Linie mit sich selbst zu sein?

Über meine Filter nachgedacht habe ich heute auch. Über mich als HSP. Und dass ich, als die hochsensible Person, die ich bin, für alles sozusagen länger brauche, denn ich muss mehr ausmisten. Meine Filter haben größere Löcher, als die der meisten Menschen, und lassen darum mehr Zöix rein. Gutes ebenso wie Mist. Ich brauche – ich bräuchte – mehr Zeit zum Leben. Zeit, die ich mir immer anderswo abzweigen muss. Und so gibt es immer wieder neue Lecks, die ich hinterher wieder mit Hinter mir her-Rennerei  stopfen muss.

Brauchen?! Müssen?!

Lasst mich doch einfach sein!, sagte ich als Kind, wenn meine Eltern zu viel von mir wollten.

Lass dich doch einfach sein!, sage ich zu mir. Jetzt.

viel oder wenig

Man sollte immer nur so viel Gepäck dabeihaben, wie man selber tragen kann. Gedacht heute Morgen, als ich einer Familie beim Zugausstieg zugeschaut habe. Und dabei festgestellt, dass ich keine Ahnung von den wahren Bedürfnissen dieser Familie habe. Von den vermeintlichen auch nicht wirklich. Gemerkt auch, dass ich mal wieder in Vorurteilen zapple, dass ich andere verurteile und, vor allem, dass ich im Grunde keine Ahnung habe.

Womit wir mitten im Thema Was-denken-die-andern? wären, bei den Konventionen und Konditionen, die unser Leben prägen. Ich weiß, ich weiß, über Freiheit und Unfreiheit wurde schon viel geredet und geschrieben – auch hier in diesem Theater Blog.

Zwar hat mich das Darüberschreiben nicht freier gemacht, doch verändern sich meine Perspektiven zu diesen Zusammenhängen immer wieder ein wenig.

Von allem (und damit auch von allen) frei zu sein ist mein Bestreben nicht. Freiheit kann für mich immer nur eine differenzierte, spezifische sein. Anders gesagt: Die Freiheit, die ich anstrebe, ist, selbst zu definieren, wo ich von andern Dingen und Menschen wie sehr abhängig sein will (und davon bin ich noch meilenweit entfernt). Ja, meinen Kontext größtmöglich selbst zu definieren, strebe ich an.

Ich verstehe mich immer als Teil eines Ganzen, eines Gesamtzusammenhanges – sowohl im ganz irdischen Sinn (Teil der irdischen Gemeinschaft) als auch im metaphysischen Kontext, auch wenn sich zweites nur vage benennen lässt.

Um zu den Konventionen zurückzukommen: Dem Kontext, in den ich hinein geboren bin, verdanke ich eine so und so geartete Lebensweise, die funktioniert, wenn ich mich daran halte. Wenn ich … (Merke: Funktionalität ist nicht bedingungslos). Damit eine Gesellschaft funktionieren kann, hat jede menschliche Kommune Verhaltensregeln geschaffen (samt Göttern und Schuld, Gesetzen und Sanktionen). Irgendwie muss man sich ja auf etwas einigen …

Wer hat wohl das erste Mal Danke gesagt und wer bitteschön Bitte? Müssen wir, sollen wir, immer brav Dankeschön sagen, auch dann, wenn wir keine Dankbarkeit empfinden und um etwas bitten, auch wenn wir keinen Bedarf haben? Sind Danke- und Bitte-Sätze sowie andere ähnliche Formeln mehr als Dressur ohne Sinn oder gehören sie abgeschafft? [Ich denke laut – sprich schreibend – vor mich hin, während der Zug mich nach Olten fährt, wo ich umsteigen muss, wozu mich die höfliche Stimme per Lautsprecher auffordert.] Ach, die Höflichkeit! Sie ist eine der Konventionen, die ich immer wieder sehr ambivalent betrachte. Zum einen angenehm, zum andern oft sehr künstlich, so dass ich mich frage: wie authentisch kommunizieren wir? Vor allem dann, wenn uns etwas nahe geht? Sagen wir Aua, wenn uns jemand verbal – ob unbeabsichtigt oder vorsätzlich – auf die Zehen oder den Schlips tritt?

Was bestimmt unsere Art, zu kommunizieren? Scham und Angst, wie ich das immer wieder zu beobachten glaube? Oder sind es Mut und Offenheit? Wenn ja, wann und wie?

Über eine weitere Konvention in unsern Breitengraden denke ich auch wieder mehr nach, seit ich wieder angestellt bin: über die Sache mit dem Geld und seinem Erwerb. Ich arbeite für eine Institution, die Stellensuchenden temporäre Arbeitsplätze und Unterstützung bei der Stellensuche anbietet und bin darum sehr nahe an dem Thema Geld und Identität dran. Aus Fallakten und Gesprächen schließe ich, dass den meisten Menschen, die nicht im Arbeitsmarkt sind, ein paar Sachen – vom Geld mal abgesehen – fehlen: Sie fühlen sich aus der Gesellschaft herauskatapultiert und als Außenseiter, ihnen fehlt eine sinnvolle Tagesstruktur und sie fühlen sich vom Leben unterfordert oder ausgestoßen. Auch hier wieder: Scham, dazu Angst vor einem Leben außerhalb der Gesellschaft.

Zu wenig gut zu sein oder zumindest von einem grundsätzlichen oder punktuellen Mangel auszugehen, scheint mir ein weitverbreitetes Lebensgefühl zu sein und mir ebenfalls bestens bekannt. Bekannter als das Leben in Fülle.

Meist ist es nicht die fehlende oder vorhanden Materie, die über Mangel- und Fülle-Wahrnehmung entscheidet. Das Problem sitzt tiefer. Meistens ist es die grundsätzliche Wertschätzung uns selbst gegenüber, die uns fehlt. Ach, und das ist ja nur die Spitze des Eisberges …

… eigentlich ganz schön verrückt: Unsere ganze westliche Gesellschaft ist so „reich“ und wird doch von einem ganz tiefliegenden Mangeldenken und -fühlen dominiert.

Ob die Familie von vorhin, die mit acht Koffern und Taschen vorhin den Zug verlassen hat, darum so viel mitgenommen hat?

[Heute Morgen unterwegs im Zug zur Arbeit geschrieben]

Schritt für Schritt

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf … So fing unser cooles Hörspiel an, das ich mit drei Klassenkameradinnen als Schulaufgabe in der zweiten oder dritten Bez. ausgetüftelt hatte. Den Countdown haben wir bei irgendeiner Sciencefiction-Sendung im Fernsehen mit einem Kassettenrecorder aufgenommen, den Rest des selbst erfundenen Hörspieltextes ebenso. Den habe ich jedoch längst vergessen. Nur die Erinnerung an ein paar witzige Stunden ist geblieben. Neue Projekte machen meistens Spaß. Und viel Arbeit auch, Arbeit jedoch, die Freude bereitet.

Ein bisschen wie vor und nach dem Countdown ist es mir auch jetzt zumute. Seit heute kann man nämlich das erste Text-eBook von Irgendlink – Schon wieder ein Jakobsweg – käuflich erwerben. Und zwar, wenn man hier draufklickt.

Einen Monat lang pilgerte der Liebste nämlich vor zweieinhalb Jahren von den Pyrenäen nach Santiago, um nicht nur das Leben als Pilgrim am eigenen Leib zu erfahren, sondern auch seine langjährig gebrütete Vision vom Livebloggen weiterzuentwickeln. Das Buch ist die Zusammenfassung der damals geschriebenen Artikel – ohne die redaktionellen Beiträge meinerseits und auch ohne die Kommentare all der tollen Mitreisenden zuhause am PC. Ergänzt dafür mit ein paar unveröffentlichten Artikeln, die in den Tiefen des iPhones geruht haben. So ist ein zusammenhängender Bericht, ein Buch mitten aus dem Pilgeralltag heraus, entstanden, der mich beim erneuten Lesen wieder voll gepackt hat. Das Buch ist rechtzeitig als Auftakt zur nächsten Reise, die morgen losgeht, erschienen. Über das neue Projekt Bilder für die Ewigkeit gibt es genau hier mehr Infos: Draufklick.

Apropos Countdown, ist nicht jeder Tag einer für den nächsten, der Morgen für den Abend, der Winter für den Sommer? Und war nicht meine heutige Zugfahrt ein Countdown für den Arbeitstag im Büro? Die letzte Viertelstunde meiner Reise teile ich mein Viererabteil mit einem bierdosenbestückten Mann, der zu einer Gruppe anderer hinter mir sitzender BierdosenhalterInnen gehört. Zum Glück lässt er mich in Ruhe. (Was er wohl über diese komische Frau denkt – falls er denn etwas über sie denkt – die da auf ihrem Telefon einen Thriller liest?) Ich gebe zu, dass mich die kollektive Alkohlfahne der Gruppenmitglieder abstößt. Ich ringe mit mir, ob ich einfach aufstehen und mich woanders hinsetzen soll, doch da mir niemand etwas zuleide tut, einzig meine Nase überfordert ist, lasse ich es bleiben und verhalte mich unauffällig und politisch korrekt.

Eine der beiden zur Gruppe gehörenden Frauen, die im Abteil unmittelbar hinter mir sitzt, hat ein kleines Hundchen dabei, das artig auf einer Zeitung liegt. Auf einmal fängt sie mit der andern Frau im Nachbarbteil einen lautstarken Streit an. In schönstem Berndeutsch. In keinem Dialekt gibt es so herrlich derbe Schimpfwörter! Du bisch e Logimoore (du bist ein Lügenschwein). Immer schon. Das wusste ich schon die ganze Zeit. Mir kannst du nichts vormachen. Ich würde dir am liebsten die Fresse polieren. Und so weiter, und so fort …

Als die andere mit schwachen Rechtfertigungen antwortet, holt die Hundehalterin nur umso kräftiger aus und wiederholt ihre Wahrnehmungen in immer neuen Schimpftiraden. Es fehlt nur noch, dass sie aufsteht, den Gang zwischen ihr und der Kontrahentin überschreitet und ihre Drohungen wahr macht. Ich überlege Notfallszenarien. Wie würde ich reagieren, wenn sie sich anfangen sollten zu prügeln und wieso sagt keiner der Männer, die mit im Abteil sitzen, etwas?

Es ist mucksmäuschenstill. Außer mir sitzen ja auch nur noch etwa vier oder fünf Unbeteiligte mit im Wagen. Allmählich schwillt die laute Stimme der Hundehalterin ab und wird wieder normal. Da und dort setzen wieder Gespräche ein und alle verhalten sich so, als wäre nichts gewesen. War da überhaupt etwas oder war das eben nur ein täglich sich wiederholendes Ritual, eine Art Reinigungsritual gar?

Heute ist nicht viel los im Büro. In der Pause tauschen wir über Menschen und ihre Schicksale aus und ich lese in der Zeitung von einer Bluttat mitten in Bern, genau in der Straße, in der ein früherer Partner gewohnt hat. Und zwar an der Bushaltestelle, wo ich jeweils den Bus verlassen habe. Und das ganz in echt. Verrückte Welt! Auf einmal fällt mir jene Stelle aus dem Buch Die Welt auf dem Kopf ein, wo die Autorin Milena Agus den Protagonisten Jackson junior sinngemäß sagen lässt, dass die Welt nicht wirklich schlecht sein kann. Wäre sie es nämlich, würden in den Zeitungen nicht die schlimmen, sondern die guten Dinge stehen, erklärt er. In den Zeitungen stehen nämlich immer die nichtalltäglichen Sachen. Hat was.

Ich kann am Nachmittag ein paar Fleißarbeiten für die Statistik erledigen und tauche dazu tief in einige Fallgeschichten ein. Geschichten von Menschen, die durchs Netz gefallen sind und sich ihr Leben irgendwann ganz anders vorgestellt haben. Im Zug nach Hause sitzt im Abteil vis-à-vis eine junge Großmutter mit ihrem vielleicht anderthalb Jahre alten Enkel, der ihr die Welt erklärt und mit ihr Zeitung liest. Wissensdurstig wiederholt er alles, was im die Frau sagt und hängt überall Fragezeichen an seine Sätze. Er will es wissen! Er hat das Leben noch vor sich. Hat noch keine Ahnung von vielem, der Glückliche, weder von Bierdosen noch von Netzen, durch die man fallen kann. Weder von Herzschmerz noch von Not. Möge auch in der Welt, in die er hineinwächst, die bösen Dinge in der Zeitung stehen, weil sie nichtalltäglich sind.

10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – badouuuuf …

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EDIT: Wer weder eReader noch Smartphone noch Tablet hat, kann auch auf dem Browser eBooks lesen. Unter den browserbasierten Epub-Readern für Firefox empfehle ich den EPUBReader und Lucifox. Die kostenlosen Addons lassen sich einfach installieren und die epubs mit ein paar Klicks auf dem Bildschirm öffnen. Viel Spass!