to be or not to be

Montagabend kurz nach sechs. Irgendwo in der südlichen Pfalz. Während sich zwei mit dem Leben zufriedene Menschen auf einem Bahnsteig voneinander verabschieden, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Dem letzten. Legt sich auf die Schienen. Stirbt.

Was sind gemessen an der Länge und Tiefe eines Menschenlebens jene Stunden Verspätung, mit denen ich heute Nacht um viertel vor zwei zuhause eintraf?

Zwischen H. und Mannheim ließ ich die vergangenen Tage Revue passieren. Ab Mannheim dann Ausnahmezustand. Bereits da die erste Verspätung. Sechsundzwanzig Minuten. Bauarbeiten. Karlsruhe. Wir stehen bereits eine Viertelstunde, als uns erklärt wird, dass wegen eines Personenschadens der Zug erst in einer halben Stunde fahren würde.

Nach einer Stunde hieß uns die Stimme aus dem Off den Zug verlassen und jenen gegenüber besteigen. Den eine Stunde später eingetroffenen. Es war kurz vor zehn, als ich neben einer sympathisch aussehenden deutschen Frau, die in Zürich lebt, Platz nahm. Schon bald unterhielten wir uns über Gott und die Welt. Und über Pannen. Über das Scheitern auch. Und über Erfolge. Über das Reisen und Ankommen, Umziehen und die Heimat, die nirgends ist. Und überall. Stellten fest, dass wir uns in ähnlichen Kreisen aufhielten. Gemeinsame Bekannte wurden geortet und schließlich packte ich meinen Reiseproviant aus: Zwetschgen aus der Pfalz. Irgendwann fuhr der Zug los. Halb elf oder so. Wir Reisenden jubelten. Feststimmung. Und irgendwann unterwegs wurden wir von einer Schaffnerin darüber ausgeklärt, dass es ab Basel Badischem Bahnhof Taxis gäbe. Darauf hatte ich ab Karlsruhe bereits vertraut. Und darauf, dass ich wohlbehalten zuhause anlangen würde. Irgendwann.

Viertel nach Mitternacht. Badischer Bahnhof. Hundert Menschen drängen sich zum Service Point. Ellbögeln diskret. Ich auch, ich geb es zu. Bin müde. Nach Zürich?, ruft der Typ hinter der Theke. Die Zürcherinnen und Zürcher drängen in den Raum und werden Taxifahrern zugeteilt. Vier pro Fahrer. Viererpakete. Nach Luzern kommt Bern. Artig folgen wir zu viert unserem Chauffeur. Eine zufällige Mischung von Menschen, die sich unter anderen Umständen nie – nie so – getroffen hätten. Ich darf vorne sitzen. Plaudere mit dem türkischen Fahrer, der einen Rosenkranz hat. Und braucht. Scheint müde zu sein, der Mann. Hinter mir zwei Marathonlaufende. Eine Bernerin und ein Zugezogener, wenn ich den Dialekt so höre. Gopf, wieso kommt mir das Gesicht der Läuferin bloß so bekannt vor. Ich spitze die Ohren. Aha, jetzt fällt der Groschen: Gring ache u seckle.

Was alles in Bewegung gesetzt wird, wenn ein Mensch beschließt zu sterben.

Ich dagegen lebe gern. Und gut. Und aktuell sehr genussvoll. Ein Wochenende voller Kunst liegt hinter mir – mit allen ihren Facetten.

Am Samstag die Ausstellung im Restaurant Zett, für die Irgendlink Fotos für S. zu machen versprochen hatte. Danach einkaufen. Später, beim Joggen, stelle ich fest, dass ich meinen Flow wiedergefunden habe. Meine schwedische Ruhe und Gegenwärtigkeit. Während ich dem Grat entlang renne, begreife ich – wie immer mal wieder – , dass Glück immer gegenwärtig ist. Einfach da. Im Sein. Und eigentlich brauche ich dazu nicht etwas – nicht Menschen, nicht Dinge. Einzig meine Sinne. Weit offen. Auf Empfang. Seit ich nicht mehr rauche, kann ich noch besser riechen als zuvor. Wie wunderbar Zitronenmelisse doch duftet. Zum Beispiel.

Der Sonntag machte – zumindest vorerst – seinem Namen alle Ehre. Yoga im Garten. Glück dauert länger als drei Minuten. Eindeutig. Sonne kitzelt mich an der Nase, als ich sie begrüße.

Wir beschließen beim späten Frühstück – Nachstück könnte es auch heißen, finde ich –  eine Fahrradtour nach Rosenkopf zu unternehmen. Artur Bozem, seines Zeichens Kunstmaler, hat Tag des Offenen Ateliers. Über Hügel und durch Täler fahren wir. Wald und Wiese. Sonne. Allmählich ziehen Wolken auf.

Während wir Arturs Bilder bestaunen, entlädt sich ein heftiges Gewitter über die Landschaft. Monika, ebenfalls mit eigenen Bildern anwesend, bietet uns an, uns heimzufahren. Wird nicht nötig sein, sagen wir. Es wird aufhören. Tut es dann auch. Doch bis dahin genießen wir das Ambiente, Kaffee und Kuchen und tauschen uns über Kunst aus. Über das Finden im Unabsichtlichen. Artur sagt, dass seine Bilder eine Begegnung von Absicht und Idee sowie jenem nicht machbaren Moment der Inspiration sind. Zufall. Musekuss. Sternstunde. Der Name ist egal. Das Ding, das Kunst von Künstlichkeit unterscheidet.

Arturs Bilder sprechen für sich. Besonders seine Akte und Halbakte sprechen mich an. Und diese Komposition hier, die in meinen Augen zu klingen beginnt, wenn ich davor stehe.

artur bozem_sofasophia_pic by juergen1

© Pic by Mösiö Irgendlink

In der Nacht darauf träume ich, wie ich ein paar von Arturs Bildern in meinem Wohnzimmer aufhänge. Im Reallife schenke ich mir immerhin zwei Miniaturen von Artur und eine von Monika. Irgendlink haben es ebenfalls zwei Bilder aus dieser auch für Sterbliche wie uns erschwinglichen Sammlung angetan. Gut verpackt überstehen die Bilder sogar unsere Heimfahrt bei Luftfeuchtigkeit 90. Nein, regnen tut es nicht mehr. Wie frisch gewaschen tut die Welt. Dunst steigt auf. Atmen lässt sich leicht, trotz der Hügel.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Floskelfloskelblablabla. Vergehen nicht eher wir? Auf der Zeitachse der Illusion vorwärts schreitend? Am Sonntag noch hatte ich geglaubt, auf dem einsamen Gehöft zeitlose Ewigkeit gefunden zu haben. Tricksendes Gehöft. Irgendwie und irgendwann am Montagnachmittag behaupten nämlich die Zeiger auf der Uhr, dass es nun viertel nach fünf sei. Dass ich schon bald im Zug sitzen soll. Packen ist angesagt. Spuren verwischen. Es wird aussehen, als wäre ich nie dagewesen.

Mein Gastgeber erntet Zwetschen, Äpfel und Nüsse für mich, während ich mir ein Sandwich schmiere. Reiseproviant.

Während sich in H. zwei Menschen zum Abschied umarmen, beschließt woanders ein Mensch, dass er genug vom Leben hat. Er – oder sie – macht sich auf den Weg. Den letzten.

hier

Gestern, als ob es nichts wichtigeres im Leben gäbe, offline einen Blogtext in den Laptop gehakt. Zwischen Basel und Mannheim. Über das von mir und Kollege P. organisierte Betriebsfest wollte ich schreiben, das unter dem Strich – trotz Murphys Stolpersteinen – für alle zu einem tollen Erlebnis wurde. Über Pannen und vergessene Pfannendeckel habe ich erzählt und über meine unzähligen Verkehrsübertretungen, die eigentlich Zeit hätten sparen sollen. Über das zuhause vergessene Portemonnaie und darüber, dass ich beim Rückweg – mit dem vergessenen Pfannendeckel – bei allen Ampeln (gewohnt an die Farbe Rot) bereits prophylaktisch auf die Bremse ging. Kollege P. lernte schnell und sagte mir die jeweilige Farbe rechtzeitig an. Kommt davon wenn der Scheff eine mit Grappa abfüllt. Tststs. Doch das versifftes Pfadiheim verdient keine Erwähnung. Ich sage nur Murphy. Über die Illusion des Scheiterns wollte ich schreiben. Und über das Potential darin. Dass es sich mit Mut zum Unperfektsein besser leben lässt.

Doch jetzt, zwei Tage nach dem Fest, einen Tag nach dieser achsowichtigen Schreiberei, ist jener Text kalter Kaffee. Obige Kurzfassung muss reichen. Punkt.

Szenenwechsel: Irgendlinks Garten auf dem einsamen Gehöft. Gartenküche-Bar. Am Tresen. Laptop auf dem Lap. Samstagmittag. Monsieur Irgendlink duscht, während Madame S. ein paar Lebensstunden zu ein paar Zeilen verdichtet.

Im Fall! So einsam ist es hier oben gar nicht. Ich habe bereits die Herren S. und T. kennen gelernt – besser bekannt als Journalist resp. Patient F. und Kollege T., den Tacker-Santiagopilger. Auch habe ich die Stadt mit der größten Krebsrate heimgesucht (und ihr zugehört! Ich sag nur Oktoberfest!). Habe ebendort Bilder und Skultpuren verschiedenster Künstler und Künstlerinnen betrachtet. Und später in Irgendlinks Garten ein Feuer entfacht, das ohne ihn verlöscht wäre. Und MinkaMiez gestreichelt. Und so.

soll ich wollen?

1. Sofasophie
Identifikation macht glücklich.

2. Sofasophie
Solange mich meine Faulheit und Ziellosigkeit nicht daran hindern, kreativ zu sein, ist alles okay.

3. Sofasophie
Ich bin mein eigener Zufall.

4. Sofasophie
Meine Faulheit und mangelnde Ziellosigkeit verhindern, dass ich Ambitionen entwickle. Und das ist wohl auch in Ordnung.

5. Sofasophie
Ich bin mein eigenes Schicksal.

So, genug kluggescheissert …
… ab ins National … Ursus & Nadeschkin werfen uns ihre Perlen und Freaks in den Schoss …

Einer dieser Tage I

05:13. Ohne Wecker erwacht. Geweckt von Kreisen, die in meinem Kopf kreisen. Ichen könnten man sozusagen dazu sagen. Sie formieren sich. Kongruenzen bilden sich. Einige berühren sich nur am Rand. Andere gar nicht. Am meisten hat es von jenen, die eine gemeinsame Schnittmenge haben.

Und. Oder. Nicht. – Wahr. Nicht wahr. – Konjunktionen. Disjunktionen. Negationen.
Weiße Kreide. Gänsehaut an den Ellbogen. Schwarze Tafel. Jimmy, der Algebra-Lehrer. R.I.P. Erinnerungen. Echos. Geruch von nassem Wandtafelschwamm.

In der gemeinsamen Kreis-Schnittfläche das Wort Füttern gelesen. Oder Futtern. Nein, Hunger habe ich nicht.

Wir leben nur, wenn uns jemand füttert. – Wahr?
Wir leben nur, weil uns jemand füttert. – Auch wahr? Nicht wahr?
Wir leben, um zu füttern? – Wahrer?
Wir leben, weil wir füttern? – Noch wahrer?
Wir leben, um gefüttert zu werden. – Kaum wahr? Oder doch?
Füttern wir überhaupt? …
Oder habe ich da gar statt leben lieben gemeint? Meine Nachtschrift ist noch schwieriger zu entziffern als die tageslichte.

Wo solche Träume, wo solche Sätze wohl waren, bevor sie sich in meinen Kopfkreisen eingenistet und wieder ausgesponnen haben? Einem Wespennest gleich stelle ich mir das Buchstabenreservoir in meinem Innern vor. Ein Gewusel. Ein Gerangel. Machtkämpfe vielleicht.

Einige schlummern. Wie jene dürren Wüstenrosendinger, die wir als Kinder so liebten. Leg sie ins Wasser und sie beginnen zu blühen. Ja, auch solche Buchstabenknäuel hab ich in mir drin. Bestimmt! Leise sind sie. Geduldig. Ausdauernd auch. Und auf einmal, wenn ich es regnen lasse, sind sie hellwach. Wunderschön. Klar. Da. Und nur sichtbar, weil ich hinsehe.

Füttern oder futtern? –Nicht wahr? Beides wahr?
Leben oder lieben? – Wahr?

Womöglich ist nur die Schnittmenge wahr. So es WAHR denn gibt. Die Schnittmenge aller Kreise. Aller Kopfkreise. Aus allen Köpfen. Aus allen Ländern. Winzige, riesige Schnittmenge. Nur eine. Für alle.

Später, unter der Dusche, gedacht: Ist es wahr, dass sich Kalk da besser ablagert, wo es bereits Kalk hat? Oder nur bedingt? Und, wenn nur bedingt, wie sehen diese Bedingungen aus? Sind sie thermischer Natur? Rein physikalisch erklärbar oder rein chemisch? Wobei das rein bereits wieder nach neuen Bedingungen schreit … Und mehrdeutig ist. Und dass diese Frage komplexer ist, als sie scheint. Und dass ich keine Antwort habe. Und dass es mir egal ist, wie die Antwort lautet, weil sie eh relativ ist.

Während ich meinen Saft trinke, frage ich mich, ob mein Bewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion meine Authentizität und Unmittelbarkeit stören. Zerstören gar? Läuft Bewusstsein der Natürlichkeit zuwider? Wer wäre ich ohne meine Selbstwahrnehmung? Zum Beispiel im Straßenverkehr?

„Bildung ist wichtig, vor allem wenn es gilt, Vorurteile abzubauen. Wenn man schon ein Gefangener seines eigenen Geistes ist, kann man wenigstens dafür sorgen, dass die Zelle anständig möbliert ist.“
Peter Ustinov, 1921-2004

Gedruckt auf eine Werbe-Postkarte. In der Büro-Post gefunden. Zur Verschönerung meiner Bürohälfte an die Pinnwand gehängt. Und mich gefragt, ob Ustinov wahrsagt.

Und dann? Dann habe ich gearbeitet.

ungeplant

… um viertel nach fünf unter dem fetten Stapel meiner unerledigten Pendenzen meinen heutigen (ungeöffneten) Postberg entdeckt. Stimmt. Untergegangen. Abgetaucht. Liegengeblieben.
Na ja. Ob die Idee wirklich gut war, den anderen zu sagen, dass ich nicht voll ausgelastet bin?
Und ausgerechnet jetzt sind meine üblichen Tagesgeschäfte gewachsen. Terminlich bedingt, wie es so schön heißt.
Immerhin vergeht so die Zeit wie im Flug.
Saumüde bin ich trotzdem.
Mein Kopf dröhnt.

+++++++++++

Pause
Ruhe
Wald
Den Kopf leeren
Die Lungen füllen
Mit M. plaudern
Das Herz füttern

+++++++++++

Ich glaube nächstens muss ich meine vielen Ms durchnummerieren. Vielleicht im gleichen Aufwisch in männliche und weibliche M aufteilen.

Diese M hier? Die ist weiblich und darum weder Patensohn, noch Schreib-Compañero noch Ex-Liebster …
Liebe Freundin ist sie, wilde Frau, Traum-Tänzerin. Wohnt im Nachbarquartier. Banales mischt sich im Beschreibenwollen mit unfassbarem … Wörter um Menschen zu beschreiben – sie genügen nicht. Nie!

Wir alle sind so viel mehr. Du. Ich. Bin ich überhaupt? Oder nur grad jetzt, wo ich denke, wo ich schreibe, wo ich sichtbar werde und den Kopf ein klein wenig und mühsam aus der Blase zähflüssiger Alltäglichkeit heraushebe?

Bin (n)ich(t) das, was du siehst. Ohne Fragezeichen. Bist du das, was ich sehe?
Bin ich, weil du mich siehst – Wirkung deines Sehens? –  und du ebenso? Solange nur.

Ist, was wirkt?
Wirkt, was ist?
Was ist?
Ist was?

Peter Stamms „Die Planung des Plans“, die ich gestern gelesen verschlungen habe, klingt nach.

Er geht durch Zürich. Seine Gedanken kreisen – es geht um die Planung des Plans, oder auch deren Unmöglichkeit. Der Plan – soviel ist sicher – ist von größter Bedeutung.
„Am Anfang war der Plan. Jahrelang habe ich an diesem Plan … nein, immer. Immer. Seit … es ist mein Plan. Ohne den Plan bin ich niemand mehr. Nichts mehr. Es geht nicht um mich. Ich habe eine Aufgabe. Es geht nur um die Aufgabe. Ohne die Aufgabe wäre ich ja … Aber es kann nicht sein. Der Plan kann nicht nicht sein. Er ist ja da. Die Frauen. Man kann sie sehen. Alles. Der Plan … er macht mich groß. Es ist ein großer Plan. Ein umfassender Plan. Uferlos. Es gibt viele Pläne, kleine Pläne, Details. Aber kein Plan ist wie dieser. Er enthält alles. Alle anderen Pläne und alles sonst. Nichts wurde vergessen. Ich habe nichts … Ich habe keine Mühe gescheut. Alles … an alles muss gedacht werden. Nicht gedacht. Man muss eins werden mit dem Plan. Sich einfühlen in alles. Eine Eigenschaft werden. Ein Plan von einer so … ein so komplexer Plan kann nur funktionieren, wenn alles eins ist, wenn alles sich bewegt wie ein Körper. Eine Bewegung. Die Einheit … der Zeitpunkt, die Personen, die Frauen, die Bewegungsabläufe. Sehr genau.“
Ein Monolog voll beißender Ironie, intelligentem Witz und böser Hintergründigkeit.

Ooops. Jetzt hab ich doch gebloggt. Dabei wollte ich doch bloß schreiben, dass ich heute nicht schreibe.

Cluster-Blues (oder Clustern II)

Klappe – die erste …

Was wäre, wenn … ? Zum Beispiel, wenn wir alle gesund und glücklich wären … Alle. Ausnahmslos. Allen voran die Gilde der Schreiberlinge. Zeitungsfritzen ebenso wie Schriftstellerinnen von Büchern und Autoren von Blogs. Wir alle würden der Welt von unserem Glück erzählen, von unseren gesundheitstrotzenden Körpern, von all den schönen Erlebnissen und Erfahrungen, die wir neuerdings sammeln … Doch, weil unsere Leserinnen und Leser selber vor Glück strotzten, wäre das einzige, real existierende Problem dies: Solche Berichte würden nicht mehr gelesen, denn kein Schwein würde sich dafür interessieren, wie oft ich heute oder vorgestern die ganze Welt umarmt habe. Gähnen würdet ihr. Einfach nicht mehr lesen. Mein Blog würde verwaisen.

Ich würde zu schreiben aufhören. Alle Schreiberlinge würden zu schreiben aufhören. Womöglich hätten wir eh keine Lust mehr dazu. Alles wäre wunderbar. Was wollen wir darüber schon schreiben? Es wäre müßig, das eine nacherzählte Paradies mit dem anderen erlebten oder nacherzählten Paradies zu vergleichen. Auch Neid gäbe es in dieser Welt keinen mehr. Denn wozu vergleichen, wo wir doch alle gleichermaßen heil, glücklich, gesund und zufrieden sind? Sollen wir da noch schreiben? Wollen wir da noch schreiben?

Klappe – die zweite …

Glück hat kaum Unterhaltungswert. Quod erat demonstranum, wie mein Mathelehrer sagte. (Und der Lateinlehrer auch manchmal.)  Beweisen muss ich nichts. Ich hoffe, ihr glaubt mir auch so. Da ich nicht aufs Schreiben verzichtenmag, behalte ich wohl besser meine zwei-drei Neuröschen bei. Hege sie. Pflege sie. Gieße sie. Ein bisschen Herbstblues wird ihnen sicher gut tun. Ein paar kalte Windstöße und ein paar Regentropfen lassen sie aufleben, erblühen. Ich klicke mich durch Wörldweidweb und finde dort andere, die zum Glück auch noch nicht ganz heil sind und darum – oder warum auch immer – ein paar neue Sätze geschrieben haben. Bloggende zum Beispiel. Schön, dass ihr da seid. Noch. Und dass ihr eure Kanten, Ecken und Narben mit mir teilt. Und mit der Welt. Danke!

Klappe – die dritte …

Bin heute wieder ins Hinterland gefahren. Ihr erinnert euch. Für einen Artikel recherchiere ich die Cluster-Methode. Das heute war allerdings eine persönliche Zugabe. Ich ließ mir nämlich zusätzlich zur psychologischen Auswertung, die für die Aufstellung nötig ist, auch eine meinen Körper und dessen Gebresten betreffende Analyse ausdrucken. Ooops. Hätte ich wohl besser bleiben lassen. Heute morgen war ich topfit, doch jetzt fühle ich mich schwerkrank.

Die gute Nachricht zuerst: Krebs hab ich nicht. Auch sonst keine tödlichen Krankheiten. Außer der alten Erkenntnis, dass das Leben lebensgefährlich ist. Anti-Hypochonderin, die ich bin, kann ich nun entweder so tun, als hätte ich nicht hingehört. Als hätte ich nicht gehört, dass meine Maschine da und dort ein paar Schwachstellen hat. Lunge, Magen und so weiter. Oder ich könnte … ein paar neue Therapien ausprobieren. Zum Beispiel.

Wie es wohl wäre, wenn ich glücklich und gesund … Auch nur so zum Beispiel.

undichtbar

Geschmeidig sei mein Schreibstil, hörte ich neulich. Na ja. Ist ja fast so schmeichelhaft wie zu hören, dass ich nett sei.

Glatt und nett und ohne Widerhaken.

Wie viele Kanten brauche ich, damit du hängenbleibst? Genügen meine Webkanten? Wie eckig muss ich sein, um gelesen und gesehen zu werden? So ich das will (natürlich will ich das …). Doch von wem? Von jenen großen Tieren, die den exklusiven literarischen Tee aufbrühen?

Womöglich blogge ich, weil ich meinen literarischen Tee am liebsten aus meiner eigene großen Tasse trinke. Weil ich die Absichtslosigkeit und Vergänglichkeit des Bloggens mag …

Ich schreibe für das große schwarze Loch.
Für den Augenblick.
Für das Vergessen.
Für mich.
Für dich.
Für jetzt.

Schwupps. Und schon vorbei.

Die Dichte der Dichtung
an der Webkante meiner Gewebe gebrochen
scheißt Buchstaben
die wir verschlingen
noch und noch
und noch
ohne Punkt
und
ohne Komma
ohneLeerschlagsogar
Schnell
schneller
noch schneller
verdauen wir
kaum noch
all die
Buchstabenbilder
Buchstabengebilde
Buchstabengewebe
schlucken sie runter
würgen manchmal
weil sie
uns
im Hals stecken
bleiben
und uns
danach
schwer im Magen liegen…

Sorry, dieses undichte Gedichte muss hier fertig sein,
denn ich muss mal …

Ausschnitte

Jippie! Meine Fotos von Schweden sind da. Wie anders sich Papierbilder doch anfühlen … Hochglanz statt Bildschirm. Zwar klein. Doch fein.

Betrachtend fühle ich die Stimmungen nach. Erinnere mich. Genieße erneut. Schöne ein wenig.

Ich betrachte den gewählten Ausschnitt. Frage mich, warum so? Warum nicht anders?

Ich wähle immer einen Ausschnitt. Das Ganze geht nicht.
Ich wähle, was ich fotografieren will.
Ich wähle, was ich erzählen will.

Stückwerk. Patchwork. Ausschnitt. Immer schneide ich ab, immer verwerfe ich das, was nicht auf das Bild und in die Geschichte soll. Ohne die Abschnitte wirklich betrachtet zu haben.

Doch wenn der von mir gewählte Ausschnitt andere ebenfalls anspricht, freue ich mich.
Und wenn meine Auswahl andere berührt, rührt es mich.

Obwohl doch schon alles bereits
gesagt
abgebildet
erzählt
gemalt
gebaut
gemacht
worden ist.

to do

Bin unzufrieden irgendwie. Lebe ich so, wie ich will? Wenn nein, was müsste ich verändern? Wäre das Problem gelöst, wenn ich ein paar Äußerlichkeiten ändern würde und wenn ja, welche? Dabei postuliere ich ständig, die Form sei unwesentlich. Auf die Einstellung komme es an. Verkehrte Welt, in der ich mich mal wieder tummle. Wie im Kinderspiel, wo das Gegenteil gilt von dem, was gesagt wird.

Paradoxien, Spiegelbilder, Gegensätze. Und immer wieder inspirieren sie mich …

Die leise Unzufriedenheit tuschelt mir die Ohren voll. Sie nervt mich.  Oder besser: ich nerve mich. Besonders darüber, dass ich meine Langsamkeit bereits wieder verloren habe. Dass ich bereits wieder am Listen abtragen bin. Notiert habe ich nicht nur, was ich tun sollte, nein, auch was ich tun will … Auf einer der Listen stehen Namen drauf. Menschen, die ich mag. Vernachlässigte Beziehungen, die ich beleben will. „Ich melde mich bald!“-Versprechen, die einzulösen sind.

Dabei will ich doch bloß meine innere Ruhe – ob alleine oder mit anderen ist da einerlei. Das Gegenteil dieses aktuellen Getrieben-Seins. Frei sein.

Da! Schon wieder ein Gegenteil. Im Gegenteil ist immer das Gegenteil mit eingepackt. Logisch.

——-

Während ich heute Nacht im Bett diesen Gedanken lauschte, schichtete ich sie bereits in blogtaugliche Sätze um.

Bin gefangen von diesem Ding, diesem Blog, diesem Ort der relativ anonymen Selbstdarstellung. Diesem Ort des lauten, schriftlichen Denkens. Bin gefangen von der Leichtigkeit, mir der es mir gelingt, schreibend Ordnung in meine oft genug Wirren Gedanken zu bringen. Bin – jawohl, das auch! – gefangen vom unsichtbaren Publikum. Von den Statistik-Zahlen.

Gefangen im Geltungsdrang? In der Egomanie? Gefangen in der Freiwilligkeit!

***********************************************************************

Mal wieder ein „Voller EinSatz“ aus meiner Fadenkiste. Passt irgendwie.

ZeitGeist

Um deinen dunkelgrauen ZeitGeist bei Laune zu halten, brauchst du ihn bloss wie eine Parkuhr – mit deinem Zeitmangel – zu füttern, doch egal, ob du nun mit Zeit handelst, nie Zeit hast, Zeit abarbeitest, andern Zeit stiehlst, Zeit absitzest, Zeit vorarbeitest, um freie Zeit zu schaffen oder ob du gar Zeit vertrödelst oder totschlägst, eins darfst du auf gar keinen Fall tun, denn sonst wird er sauer: Zeit haben.

Clustern I

Trotz Fieber habe ich mich heute Morgen ins Sternchen gesetzt und die Stadt verlassen. Nicht ganz freiwillig und doch ganz und gar, weil ich es will, fuhr ich aufs Land und traf eine Naturheiltherapeutin. Ich recherchiere für einen Artikel, der im Dezember erscheinen wird, und traf deshalb jene Heilpraktikerin, über die und deren Arbeit ich berichten soll.

Ich gebe zu, dass mich ihre Methode fasziniert. Trotz meiner Skepsis. Die Ausgangslage für die verschiedenen Therapieformen, die sie anwendet, ist das Blut. Es wird nach einem ganz bestimmten Verfahren getrocknet und kristallisiert. Das Muster des hoch vergrößerten Blutbildes liefert Hinweise über unseren ganzheitlichen Zustand. Die darin enthaltenen Codes wurden im Laufe der Forschungen immer feiner entschlüsselt und können, je nach Bedarf, für eine medizinische Diagnose oder für psychologische Befunde gelesen werden. Oder lassen sich für Methoden wie Systemstellungen (inspiriert von Hellinger) einsetzen. An einer solchen Aufstellung werde ich – für meinen Schreibauftrag –  in zwei Wochen teilnehmen.

Heute habe ich erstmal meine Blutprobe abgeliefert und mich mit ersten Infos eingedeckt. Die Auswertungsbögen der Muster anderer Blutbilder, welche mir die Therapeutin gezeigt hat, waren in meinen Augen sehr aufschlussreich. Da kann doch tatsächlich auf Grund des Blutkristallbildes auf familiäre Zusammenhänge, Themen, Problemstellungen, Blockaden geschlossen werden, wenn ich das Ganze glauben soll. Oder vielleicht auch ohne, dass ich daran glaube?

Eine künstliche, doch sehr fundierte Art des Hellsehens sei es, meinte Frau. K. Vieles ist wissenschaftlich nachvollziehbar, doch die Interpretation der Muster hat für mich schon etwas magisches an sich. Entweder Hokuspokus oder Inspiration! Ich will es ausprobieren. Freiwillig. Und werde erst noch dafür bezahlt!  🙂

Die Heinz-Cluster-Medizin ist ein Analyse- und Therapieverfahren, das moderne Forschung mit traditionellem Wissen vereinigt. Ihre Wurzeln liegen in der Paracelsus-Spagyrik, der Kristallographie und der Quantenmechanik.

Sie wurde von Ulrich-Jürgen Heinz anlässlich eines schweren Krankheitsfalles in der Familie entwickelt. Er begann sich für die Blutkristallanalyse, Destillationsverfahren und Pflanzenheilkunde zu interessieren und entwickelte daraus eine eigene Heilmethode. Diese sehr umfassende und vielseitige Therapie integriert all sein Wissen als Kunsttherapeut, Akustiker, Pädagoge, Philosoph und Pflanzenheilkundiger.

Neben den körperlichen und funktionellen Stoffwechselabläufen werden auch psychosoziale Aspekte mit ihren weitreichenden Wirkungen und Beeinträchtigungen sensibel herausgearbeitet. Die Auswertungen zeigen nicht nur das, wonach gesucht worden ist, sie liefern ein Gesamtbild des Menschen und zeigen auch Störungen auf, wonach nicht gesucht worden ist.

Aus reiner Neugier habe ich Frau K. gebeten, mir nicht nur die für die Aufstellung notwendige psychologische Auswertung zu besorgen, sondern auch eine, die mehr über meine körperliche Befindlichkeit aussagt. Nicht, dass ich hypochondrisch veranlagt wäre, nein, eher im Gegenteil … mal gucken …

Ach, übrigens, ich habe noch immer Fieber … Die Erkältung ist inzwischen erträglich, doch das Fieber – immer um 37.5 herum – nervt. Diese Wattescheibe. Alles Zeitlupe. Jetzt, wo ich eh frei hätte, wäre ich lieber gesund.

Aber, he nu … was wottsch mache …? Ich übe mich in Geduld …