Im Klangbad

Ich bade in Musik.
Ich tauche ein in die Klänge, die von da unten auf der Bühne zu uns hinauffließen. Zu uns, die wir im zweiten Stock einen gemütlichen Platz gefunden haben.

Für einmal sind wir ganz oben, denn unten ist es schon ziemlich voll. Wir sind ein bisschen spät in der Mühle Hunziken angekommen, um dem italienischen Cantautore Mimmo Locasciulli* und dem Berner Rockmusiker Büne Huber zu lauschen. Ein bisschen spät sind wir schon in Bern losgefahren, wo wir uns mit den lieben Leuten der früheren Schreibgruppe getroffen haben.

Spät, aber nicht zu spät. Und dieser Blick von ganz oben hat echt was. Der Klang ist womöglich noch einen Tick ausgewogener als da unten. Übersichtlicher. Außerdem kann man sich hier oben freier bewegen als im Getümmel da unten. Altersweisheit. Und wir können uns hinsetzen und aufstehen ganz wie es uns beliebt. Selten habe ich ein Konzert so entspannt genießen können.

Ich schließe schon bald die Augen und lasse die Musik ein.

Sie setzt sich über die Haut, über meine Schranken aus Fleisch und Blut, hinweg, ergießt sich in meine Innenräume und tränkt mein Herz.
Sie überflutet den Tinnitus und durchdringt sogar die Denkschranken.

Ich bin
ich bin Musik
ich löse mich auf
in Farben
in Klänge
in Schwingungen
jeder Akkord entsteht genau jetzt
löst sich auf und
verbindet sich jetzt
und jetzt
verbinden sich Töne
verbünden sich Klänge
verschiedene Tonhöhen
Klänge aus verschieden Instrumenten
verschiedenen Farbschichten gleich
legen sich übereinander
mal Harmonie
mal Disharmonie
immer Gleichgewicht
fragil zwar
aber da
freundschaftliches Lachen zwischen den Menschen an den
Tasten
Saiten
Fellen
ich bin ein Teil dieses Resonanzkörpers
ich bin da
ich bin ganz
ich bin ganz da

Mimmo Locasciulli am Flügel, die Band in Action.


Notizen am Rande #1

Wir puzzeln uns mit unseren Beobachtungen und Nachfragen, gesammelten Informationen und angestellten Vergleichen ein Bild zusammen – von der Welt, vom Leben, den anderen. Haben wir es vermeintlich fertig zusammengestellt, merken wir – manchmal auch nicht –, dass das gemachte Bild nur ein Ausschnitt ist.

Manchen ist das genug.

Andere wie ich können nur immer weiterpuzzeln. Oben, unten. links, rechts. Immer neue Ausschnitte. Darob vergessen, was wir bereits fertig zusammengesetzt haben. Oder feststellen, dass die vermeintlich richtig platzierten Teile, in Wirklichkeit ganz woanders hingehören.

Welche Wirklichkeit?

Hoffentlich hören wir nie damit auf, den einzelnen Teilen die Möglichkeit eines immer wieder anderen Kontextes zuzugestehen.

+++

Fast könnte ich schlafen, zumindest ein wenig dösen. Ich wage es nicht, denn es könnte auf einmal weitergehen und auf einmal wäre die Straße vor mir wieder frei.

Irgendwann ist der Stau immer vorbei. Jeder Stau, in dem ich je gesteckt habe, hat sich immer irgendwann aufgelöst.

Alle paar Sekunden schaue ich vom Handy auf, in welches ich diese Buchstaben tippe. Perlen auf einer Schnur. Wie die Autos hier, die dicht an dicht hintereinander gereiht auf der Straße im Irgendwo stehen.

Wir stehen nun schon fast eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde Lebenszeit. Jemandes Todestag vielleicht. Heute ist – mutmaße ich – der Tag, der zum Tag werden wird, an welchem Xy tödlich verunfallte, in der Nähe von Blablub, auf der Autobahn.

Ich schaue immer seltener vom Handy auf. Fast ist dieses Warten auf die Weiterfahrt, dieses staustehende Lebensprovisorium, zu einem Normalzustand geworden. Über die Lautsprecher höre ich Hjatalin. Beinahe löse ich mich auf in der Melodie.

Der Fahrer im Auto hinter mir spielt – passend zu meiner Musik – ein Trommelsolo auf seinem Armaturenbrett. Auf dem Pannenstreifen fahren zivile Fahrzeuge mit Blaulicht.

All die Menschen, die mit mir im Stau stehen.
All die Menschen und ihre Geschichten.

+++

Wenn ich sehr reich wäre – und/oder sehr innovativ-kommunikativ und geschäftstüchtig – , ich würde eine Stiftung gründen.

Meine Stiftung hieße ’Bedingungslos’ und würde Menschen, die kein lebenswürdiges, wertschätzendes Einkommen erhalten, weil sie – wegen psychischer oder psychosomatischer Krankheit, sonstiger Inkompatibilität mit den Leistungsanforderungen der Gesellschaft oder aus ähnlichen Gründen – aus dem Hamsterrad gefallen sind, ein Grundeinkommen zahlen.

Ein paar Kandidat*innen wüsste ich bereits.

Was Selbstoptimierung, Norm und Natur miteinander zu tun haben

Wann haben wir eigentlich aufgehört, zu wissen und zu spüren, was wir brauchen? Und wann haben wir aufgehört, uns selbst zu vertrauen, uns selbst zuzutrauen, dass wir wissen und spüren, was wir brauchen? (Im Kollektiv ebenso wie als einzelne.)

Ach, und wenn wir schon dabei sind: wann hat Natürlichkeit eigentlich aufgehört normal zu sein? Und seit wann sind natürlich und normal eigentlich keine Synonyme mehr? Wann ist die Norm zur Fiktion geworden, ideell, über(ge)zogen und je länger je unerreichbarer? Normieren als das Herumradieren an unscharfen und krummen Menschenlebenrändern und -kanten, mit dem Ziel einen erstrebenswerten, aber unerreichbaren Standard vom richtigen Menschsein zu schaffen (vom idealen Menschen ist es nicht weit zur idealen Rasse). Stichwort Selbstoptimierung. Stichwort Unzufriedenheit.

Unzufriedene Menschen sind leichter handzuhaben.

Dabei war am Anfang alles Natur. Sogar der Mensch. Alles war natürlich, hing zusammen, war voneinander abhängig. DAS war normal. DAS war natürlich.

Ich behaupte, dass das noch immer so ist mit dem Natürlichsein. Wir alle sehnen uns – wenn auch oft in einem winzigen verborgenen Winkel in uns drin – nach Natur. Natürlich sollte diese Natur aber möglichst überschaubar sein, zahm, schön und vor allem ungefährlich und kontrollierbar. Ja, wir wollen sie, aber dann doch nicht bedingungslos; wir wollen sie ohne dafür Abstriche machen und auf den gewohnten Luxus verzichten zu müssen.

Was ist heute denn noch normal und wie können wir leben? Wann haben wir aufgehört, uns selbst zu vertrauen, uns selbst zuzutrauen, dass wir wissen und spüren, was wir brauchen? Stattdessen fragen wir andere. Wir fragen die Influencer*innen, Gurus, Coaches, Medien, Gött*innen und die Werbung, wie wir leben sollen. Viele Antworten. Viel Verwirrung. Kopfverschmutzung. Umweltverschmutzung*. Von allem zu viel.

Außer von Klarheit und anderen wichtigen Dingen wie Selbstvertrauen und so weiter.

Mich nervt es zunehmend, dass alles, was der Mensch tut und denkt oder auch nicht tut und nicht denkt, einer Performance, einer Inszenierung zu bedürfen scheint. Außer jene wichtigen Dinge wie Klarheit und Konsorten, die verstecken sich. (So allerdings nähren sie unterschwellig unsere Sehnsucht.)

Nun gut, wahrscheinlich dienten die sozialen Netzwerke von Anfang an schon der Selbstdarstellung, und wahrscheinlich war das sogar von Anbeginn der Menschheit an so mit der Selbstdarstellung und vielleicht – wahrscheinlich sogar – steht hier irgendwo die Wiege der Kunst, die ja unter andrem Ausdruck von Suche ist, Gussform für Sehnsucht, Gefäss für Lebenshunger. Doch heute sind wir so viele und heute haben wir so viele Möglichkeiten und Werkzeuge, unsere Inszenierungen – immer noch perfekter – zu performen. Und heute haben wir dieses unendlich große Internet.

Ja, ich finde es – ohne Frage – gut, eigene Geschichten und eigene Erfahrungen zu teilen. Und ich bin froh um die Möglichkeiten. Sehr sogar. Aber mich befremdet und verstört es, wie zunehmend um alles herum eine Inszenierung geschaffen wird. Die Selbstdarstellungsmöglichkeiten werden, wie gesagt, immer professioneller, der Druck steigt, der Vergleich ebenfalls. Angefangen beim Selfie durchdringt die Selbstinszenierung inzwischen alle Lebensbereiche:
Da werden erlebte Erfolge perfekt performt, der perfekte Körper/die perfekte Figur zelebriert, die perfekten Ferien in Szene gesetzt. Und ja, zuweilen werden auch Krankheiten performt, das Scheitern, eine Lebenskrise …

Und hier komme ich zum kleinen feinen Unterschied, diesem Unterschied zwischen natürlichem Erzählen und Teilen von tollen oder tragischen Erfahrungen und eben der Inszenierung eines Erlebnisses, Ereignisses, Momentes. So sehr ich natürliches Teilen von Erlebnissen mag, so sehr gruselt mir vor all den Inszenierungen, von denen wir virtuell überschwemmt werden.

Inszenierung ist für mich eine Art Überzeichnung von Erlebnissen, ein Aufblähen von Emotionen mit der Botschaft ’Seht her, was ich für tolle (oder für tragische) Gefühle habe!’ und ’Seht her, wie toll ich bin!’. Und es heißt für mich auch, sich und das, was man zeigen will, nicht einfach so, wie es ist, zu zeigen, sondern es eben in Szene zu setzen, es und sich selbst richtig auszuleuchten, ins richtige Licht zu stellen, die richtige Pose einzunehmen, die richtigen Ausschnitte zu wählen und –besonders wichtig! –, das, was stört, auszublenden.

So liefern wir uns selbst und unserm Publikum unsere ganz persönliche Scheinwelt. Wir füttern Illusionen, wie es bis dahin das Privileg der Film- und Literaturwelt gewesen war. Wir verarschen uns selbst und die andern gleich mit, denn Inszenierung ist eine Form von Selbstzensur.** Oder was ist es anderes als Selbstzensur und Selbstbeschneidung, wenn wir uns immer nur von unseren besten Seiten zeigen dürfen, zeigen zu müssen meinen? Na ja, immerhin bekommen wir viele viele Likes für unsere Mühe. Für unsern selbstgestrickten Selbstoptimierungswahnsinn. Und das ist doch die Mühe wert, oder?

Obwohl dahinter, so vermute ich, die tiefe und sehr menschliche Sehnsucht, umfassend gesehen und umfassend geliebt zu werden, steht, kann doch genau das auf diesem Weg nicht passieren. Wir beschneiden uns als Ganzes. All das andere an uns und in uns, was auch gesehen und geliebt werden will, haben wir schließlich ausgeblendet.

So zementieren wir das Bild eines perfekten, jederzeit verfügbaren, fitten und flexiblen Menschen, der jederzeit alles schaffen kann (wenn er nur genug will) und so geben wir, weil wir bei diesem Theater mitmachen, der (Selbst-)Ausbeutung Vorschub. Damit dient Selbstoptimierung schlussendlich weniger uns selbst als unseren Arbeitsgeber*innen.

Aber vielleicht ist es ja doch noch nicht zu spät, wieder zu lernen, uns und unserer Natur zu vertrauen und uns zuzutrauen, zu wissen und zu spüren, was wir wirklich brauchen.


*Ist es eigentlich ein Zeichen von Selbsthass oder eher von hochmütiger Egozentrik, die Natur und andere Mitmenschen zu zerstören und zu hassen?

**Mit den Buchstaben des Wortes Inszenierung lässt sich übrigens Zensur schreiben: NEIG IN ZENSUR. Alles klar?!

Ich suche (das Glück), also bin ich

Am Anfang war und ist die Suche. Nein, Stopp, falsch. Ganz am Anfang war und ist alles gut. Ganz und gut und gesund. Intakt. Unkaputt. Wir sind in uns selbst Ruhende. In engstem Bezug zu uns und zu allem, was in und um uns ist. Seiende.

Bis etwas dieses Ganz kaputt macht. Vielleicht nur ein bisschen. Oder aber sehr. Dennoch währte das Ganz am Anfang lang genug, damit wir uns ein Leben lang daran erinnern, uns nach ihm sehnen. Mal ist unsere Sehnsucht nach diesem Ganz eher ein Hintergrundrauschen, mal eine handfeste Suchaktion. Wir (ver)suchen, uns ihm auf alle möglichen Arten wieder anzunähern. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben. Beziehen wir uns nicht letztlich immer irgendwie auf dieses Ganz, das ganz am Anfang war? Wir beziehen uns aber auch auf jene Dinge, die sich uns in den Weg stellen. Auf die Herausforderungen. Auf Ereignisse, auf die Umgebung, auf Menschen, auf Geschichten oder auf die Geschichte der Menschheit. Es gibt nichts, auf das wir uns auf unserer Suche nicht beziehen könnten, denn – wie gesagt – ohne Bezug zu nehmen können wir nicht leben.

Ich glaube – im Gegensatz zu den Aussagen der Bibel – nicht, dass es unsere (eigene) Sünde war, die uns aus unserm Ganz herausfallen lassen hat. (Dazu müssten wir eh erst einmal das Wort Sünde frei von jeglichem klerikalen Kontext definieren). Ich ahne, dass es eher eine Ur-Wunde ist, die uns aus der Geborgenheit im Ganz herausfallen ließ, ein Ur-Übergriff, ein Ur-Überfall.

Genau dort hat unser Suchen angefangen, unser Sehnen, unser Verlangen, die Verzweiflung auch, weil wir ab genau dort nicht mehr eins sind, sondern Getrennte, Un-Ganze, von uns selbst Losgelöste (Un-Erlöste). So machten wir uns auf den Weg. Und weil wir sind, wie wir sind, gehen wir auf dem Weg zurück zu uns, Umwege. Vielleicht, weil wir unterwegs den Rückweg vergessen haben. Vielleicht, weil wir vermuten, dass es da noch andere – womöglich sogar bessere – Wege geben könnte. Vielleicht aber auch, weil wir inzwischen vergessen haben, wonach genau wir eigentlich gesucht haben, als wir aufbrachen und wonach genau wir uns eigentlich sehnen. (Wann haben wir eigentlich verlernt zu wissen, was wir wirklich brauchen und seit wann leben wir eigentlich im Konjunktiv?)

Zu allen Zeiten haben wir Menschen uns auf die Suche nach Antworten gemacht. Nach Aufgaben. Unsere Seele und unser Verstand wollen begreifen. Wir wollen – wir müssen sogar! – verstehen, um uns als Teil des großen Ganzen fühlen zu können, wir müssen uns rückversichern, wir müssen uns in einen Bezug bringen – historisch ebenso wie gesellschaftlich –, um uns lebendig, dem Leben zugehörig, fühlen zu können. Denn wir wollen Bezug nehmen; wir nehmen immer Bezug. Denn ohne Bezug zu nehmen, können wir gar nicht leben, wie gesagt.

In den letzten vielleicht hundert oder hundertfünfzig Jahren kam zur Suche nach Antworten immer mehr auch auf die Suche nach dem kollektiven und persönlichen Glück dazu. In den Nachkriegsjahren sogar immer mehr mit dem Subtext eines berechtigten Anspruchs darauf. »Glück als moralischer Imperativ«, titelt die Autorin Katharina Herrmann einen Abschnitt ihres lesenswerten Essays¹ über zwei sehr unterschiedliche Bücher.

Das eine – The Happiness Fantasy von Carl Cederström – ist leider erst auf Englisch erhältlich. (Bis es auf Deutsch übersetzt ist, lese ich mich durch seine anderen Bücher, die sich der Selbstoptimierungssucht und dem Wellnesszwang widmen.) Das zweite Buch, das Herrmann auf 54books.de bespricht, heißt Hippie und ist von Paulo Coelho. Ein Buch übrigens, das vor der Autorin wenig Gnade findet. Was ich heute nachvollziehen kann. Früher, als ich jünger, unkritischer und leichtgläubiger als heute war, mochte ich Coelho. Seinen Alchimisten habe ich vor zweiundzwanzig Jahren geradezu verschlungen, doch beim näheren Hinsehen ist in seinen Büchern doch vieles, »holprig aneinandergeklatscht worden […] und – wenig überraschend – der esoterische Kitsch (ist) mit Händen zu greifen.«¹ Frau Herrmann hat es für mich auf den Punkt gebracht. (Und nein, ich werde Hippie nicht lesen.)

Es geht mir hier eh weniger um die Bücher als um das Thema. Um diese verflixte Suche nach dem persönlichen Glück. Oder vielleicht eher noch um die Suche nach Antworten auf die Fragen nach den Ursachen, nach den Zusammenhängen. Nach unserem Platz im großen Ganzen.

»Der Bergarbeiter bekommt eine kranke schwarze Lunge, sein Sohn bekommt es auch und dann dessen Sohn. Die meisten Leute haben nicht die Vorstellungskraft – oder was auch immer –, um die Minen zu verlassen. Sie haben ’es’ nicht.« So zitiert Cederström eine Selbstbeschreibung des aktuellen US-Präsidenten aus dem Jahr 1990. Dieser inszeniert sich ja selbst gerne als Selfmade-Mann und verschweige dabei die geerbten Millionen.

In den späten 1960er Jahren war die Rede immer mehr darauf gekommen, dass der Mensch einfach nur sich selbst finden und sein Potential entfalten müsse, um glücklich zu werden. »Glück ist hier zu einem moralischen Imperativ geworden: Gelungenes Leben ist glückliches, authentisches Leben in individueller Freiheit. Nach Glück hat jeder zu streben. […] Schon früh waren dabei auch Ratgeber der 1930er wie „Think and Grow Rich“ von Napoleon Hill oder „How to Win Friends and Influence People“ von Dale Carnegie von Bedeutung, schon in der Entwicklung von diesen Trainingsprogrammen war also die Verbindung von Idealen und kapitalistischen Motiven angelegt¹«, schreibt Herrmann (Hervorhebung durch mich). Muss man wirklich einfach nur genug erfolgreich oder wahlweise glücklich sein wollen, genug an sich selbst glauben – oder wahlweise an Gott –, um beispielsweise US-Präsident werden zu können? Oder zumindest um glücklich zu werden? Wurde uns das nicht sogar auf allen möglichen Kanälen so ähnlich eingetrichtert? In den Schulen, in den Kirchen, in den Selbsthilfebüchern?

Coelho schlägt in Hippie in die gleiche Kerbe: »Auch hier ist es also das einzelne Ich mit seinem Willen, das die Realität bestimmt: So deutet Paulo seine Entführung durch die brasilianische Polizei bereitwillig als „Strafe der Götter“, „[w]egen all der Traurigkeit, die er hervorgerufen hatte, musste er nackt auf dem Boden einer Zelle mit drei Einschusslöchern in der Wand sitzen.“ (Hippie, S. 50) Er hat sein Schicksal also selbst über sich gebracht – aber kein Problem, denn dann kann er es auch weiterhin steuern: So bemüht er sich während des Verhörs durch die Polizei um Selbstbeherrschung, denn „[n]egative Schwingungen ziehen negative Schwingungen an“ (Hippie, S. 59), und wenn man nur positiv genug herumschwingt, dann wird noch der größte Folterknecht handzahm.« (Katharina Herrmann, Zitat Ende¹; Hervorhebung durch mich)

Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher vulgär-psychoanalytischer und schlicht psycho-manipulativer Techniken habe diese Idee schnell zur Herausbildung von Trainingszentren wie „est“ geführt, in deren natürlich kostenpflichtigen Kursen die Teilnehmer zuverlässig bis zum Nervenzusammenbruch zur psychischen Selbstentblößung gezwungen wurden – um ihre Angst zu überwinden, um frei zu sein, um ihr wahres Selbst zu finden und ihr ganzes Potential entfalten zu können. So fasst es Cederström – von Herrmann zitiert – sinngemäß zusammen. Ein zentraler Aspekt der Gegenkultur der 1960er sei es gewesen, dass Realität nicht außerhalb des Willens des Einzelnen existiere. Cederström zitiert eine Teilnehmerin im Zentrum „est“, die in ihrem Kurs gelernt habe, dass der Wille des Einzelnen allmächtig und das Schicksal völlig vorherbestimmt sei. Sie fühle sich weder schuldig noch schäme sie sich für das Schicksal anderer Menschen; die Armen und Hungrigen müssen sich das alles selbst gewünscht haben (sinngemäß zusammengefasst, siehe¹).

Wäre dieses Manifestieren von Erfolg und Glück wirklich so einfach wie die Gurus und Erfolgreichen auf der ganzen Welt behaupten, wäre die Welt heute eine andere. Dass im Umkehrschluss Unglück, Armut und Hunger ebenso selbstgestrickt seien wie Erfolg und Glück, ist geradezu zynisch. Wären gewonnene Erkenntnisse, wäre die Rückverbindung, die Bezugnahme zu uns, zu unserer Mitte, zu unserm Anfang, wo alles ganz und gut und gesund war, wirklich so einfach umzusetzen, wie es uns der eine oder andere sogenannt erfolgreiche Mensch vorgaukelt, würden wir doch nicht hier sitzen und uns mit Problemen wie Rassismus, Sexismus, Krieg und Flucht herumschlagen müssen. Ja, klar haben wir Macht, aber nicht im Sinn von Allmacht, und auch nicht so, als ob wir die Geschicke der ganzen Welt beeinflussen könnten. Ja, wir sind mächtig, eigenmächtig, und ja, wir tragen Verantwortung. Und das nicht nur ausschließlich für uns und für unsere persönliche Selbstverwirklichung und unser persönliches Glück. Auch die anderen Menschen gehen uns etwas an. Eine menschliche Gesellschaft funktioniert nur als Solidargemeinschaft.

Menschliches Verhalten, das auf verinnerlichten Glaubenssätzen – meist aus der frühen Kindheit – und auf epigenetisch vererbten Traumata fußt, lässt sich nicht einfach per Knopfdruck, umwälzender Erkenntnis, Erweckungserlebnis oder Gehirnwäsche ändern, überschreiben oder gar ausschalten. Auch nach derartigen Erfahrungen dreht sich die Erde weiter. Und wir … wir leben weiter mit unseren Fragen und suchen weiter nach Antworten, denn wir wollen die Auswirkungen unseres Tun begreifen, unsere Selbstwirksamkeit erfahren und letztlich Verbundenheit finden.

Womit wir bei Milena Mosers neuem Roman wären. In Land der Söhne erzählt die vor einigen Jahren nach New Mexico ausgewanderte Schweizer Autorin vom jungen Luigi, der mit seiner Mutter im zweiten Weltkrieg aus der Schweiz ohne den verschollenen Vater nach Amerika flüchtete und seine Oberstufenjahre in einem Outdoor-Internat in der Nähe von Santa Fe verbrachte. Moser erzählt auch die Geschichte seines Sohnes Giovannis – Gio genannt –, der mit seiner Mutter vor dem jähzornigen Vater Luigi, inzwischen The Big Lou genannt, in eine Hippiekommune in der Nähe von Santa Fe geflüchtet ist. Die dritte Protagonistin ist Sofia, Giovannis Tochter. Sofia, die Tochter zweier Väter, ist in der Schule ein Opfer von Cybermobbing. Und letztlich trägt auch ihr Cousin Nestor Narben. Alle verbindet die Tatsache, dass sie von übergriffigen Menschen teils böswillig und vorsätzlich, teils aus purer Dummheit schwer verletzt wurden. Auch sexueller Missbrauch kommt dabei zur Sprache, für einmal an Buben begangen, nicht an Mädchen oder Frauen.

In Mosers Roman sehen wir Menschen wie du und ich, Menschen mit Wunden. Milena Moser gelingt es durchgängig Menschen- und Geschlechterbilder zu zeichnen, die keine herkömmlichen Klischees bedienen. Im Gegensatz zu Coelho, der – gemäß Katharina Herrmann – sein Hippie-, Menschen- und Weltbild unverkennbar männlich-patriarchal zeichnet. Was sie in ihrer Rezension sehr pointiert titelt: »Männer finden sich selbst, Frauen finden einen Mann.« (Zitat Ende, siehe¹)

In Mosers Land der Söhne hat sich Gio nach dem Tod seines Vaters zusammen mit seiner Tochter auf die Suche nach seiner verschollen geglaubten Mutter gemacht, deren Adresse er erst kürzlich erfahren hat. Inzwischen leitet diese unter neuem Namen eine esoterische, exklusive und elitäre Frauenoase in New Mexico. Als Gio sie auf das Geld, das sie ihm seit seiner Kindheit schuldet, anspricht, fällt ihre Maskerade und sie beschimpft ihren Sohn, den sie vor vielen Jahren auf der Suche nach sich selbst verlassen hat. Von ihrer nach außen hin glänzenden Fassade bleibt nichts mehr übrig. Trotz der »… Sinnsprüche, die in Schönschrift an die Wände gemalt waren.
Erfolg wird in Strahlen gemessen.
Wohlstand ist eine Frage der Einstellung.
Weil ich es wert bin.« (Zitat Ende, siehe²)

Nein, Veränderung wird wirklich nicht durch Schönschriftglaubenssätze manifestiert. Veränderung und Heilung geschehen still und leise. Dort nämlich, wo wir zulassen, wo wir integrieren, wo wir akzeptieren, was ist, wie es ist. Dort, wo ich mir erlaube, eine Suchende zu sein. Quaero ergo sum | Ich suche, also bin ich. Eine Unfertige. Auf dem Weg zurück in mein Ganz, das mir eine Richtung gibt.

Am Ende von Land der Söhne sagt Gio zu seiner Tochter, zu seinem Neffen Nestor und letztlich auch zu sich selbst: »Das ist schlimm, keine Frage. Aber es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nicht euer Problem. Stellt euch vor, ihr fahrt im Bus die Mission Street entlang und ein Betrunkener übergibt sich plötzlich. Ihr könnt nicht ausweichen, das Erbrochene trifft euch. Das ist widerlich, zweifellos, aber ihr denkt nicht darüber nach, ob ihr etwas falsch gemacht habt, ob es an euch liegt, ob etwas nicht stimmt mit euch. Nein, das ist allein das Problem des Betrunkenen. Und das, was euch passiert ist […], das, was uns passiert ist, ist genau dasselbe. Es hat nicht mit uns zu tun.« (Zitat Ende, siehe ²) Für mich die Schlüsselszene. Und nein, das widerspricht nicht meiner Überzeugung, dass alles mit allem zusammenhängt. Dieser Ansatz – dieses Es-hat-nicht-mit-uns-zu-tun – nimmt uns jedoch den Druck, dass wir uns angeblich kraft unseres Willens und unserer Gedanken alles, was uns geschieht und geschehen ist, selbst aufgeladen haben sollen. Und den Druck auch, dass alles, aber auch wirklich alles – sogar Schmerz und Wunden, die uns andere zugefügt haben –, einen Sinn haben und mir und/oder meinem Körper etwas sagen wollen. Denn unglücklich und un-ganz zu sein gehört eben auch zum Leben.

Ob es jenseits von Zeitgeistströmungen und deren Methoden überhaupt ein dauerhaftes Glück im Gefundenhaben und im Angekommensein, ein anhaltendes Zurück-ins-Ganz geben kann?


¹Quelle: Katharina Herrmann auf 54books.de
²Quelle: Milena Moser in Land der Söhne

Die erwähnten Bücher:

The Happiness Fantasy, Carl Cederström
ISBN: 978-1-509-52380-1
200 Seiten (englische Ausgabe)
erschienen im September 2018

Hippie, Paulo Coelho
ISBN: 978-3-257-07049-1
Hardcover Leinen
304 Seiten
erschienen am 26. September 2018

Land der Söhne, Milena Moser
ISBN: 978-3-312-01093-6
gebundene Ausgabe
420 Seiten
erschienen am 20. August 2018

#wirsindmehr | Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz

Wenn ich unter #wirsindmehr innerhalb meines Blogs alles einschließe, was für eine widerständige Haltung gegen Rechts, gegen Rassismus und gegen Krieg steht, gehört das Buch Wie kommt der Krieg ins Kind von Susanne Fritz unbedingt hierher, bietet es doch eine Grundlage für den Dialog über Krieg aus rassistischen Gründen und über dessen Folgen und Auswirkungen auf die folgenden Generationen.

Das Buch fängt mit einem Fingerabdruck der fünfzehnjährigen Ingrid an und hört mit einem Passbild der neunjährigen Ingrid auf. Dieses junge Mädchen, das später die Mutter der Autorin werden wird, hat 1945 im polnischen zentralen Arbeitslager Potulice ihre Fingerabdrücke hinterlassen und danach drei Jahre ihres jungen Lebens als Gefangene gearbeitet. Was sie dabei alles erlebt hat, war prägend. Für sie selbst ebenso wie für ihre Verwandten und Nachkommen. Manches blieb für immer ungesagt, während anderes codiert in Worte und in Briefe verpackt wurde.

Gefunden hat die Autorin die Fingerabdrücke und das Bild ihrer Mutter auf ihrer Spurensuche in polnischen Archiven. Die Fotografie war dem Antrag zur Aufnahme auf die Deutschen Volksliste angeheftet, den die Familie im Jahr 1939 gestellt hatte. Als Deutschstämmige waren Ingrid und ihre Familie in Swarzędz/Polen zwar eine Minderheit, doch mit der östlichen Ausdehnung der deutschen Grenzen, war es für sie vorteilhafter, Reichsbürger und Reichsbürgerinnen zu werden und die arische Abstammung der ganzen Familie auf der Deutschen Volksliste beglaubigt zu wissen.

Einer zentralen These der Epigenetik zufolge schreiben sich traumatische Erfahrungen ins menschliche Genmaterial ein und übertragen sich so – möglicherweise – auf die nächste Generation. In Susanne Fritz’ Buch begegnen wir den Übertragungen von Traumata auf die nachfolgenden Generationen hautnah. Obdas über die Gene oder über das  Familiengedächtnis geschieht, bleibt dahingestellt; Fakt aber ist, dass die traumatischen Erlebnisse der jungen Ingrid im Internierungslager tiefe Spuren auch im Leben ihrer Kinder hinterlassen haben. Einem Fingerabdruck nicht unähnlich.

Jener erwähnte Fingerabdruck, gefunden auf einem über siebzig Jahre alten Dokument, war es schließlich, der die Spurensuche der Autorin angestoßen hatte. Im April 1945 war die vierzehnjährige Ingrid, die mit ihrer Familie auf der Flucht vor der Roten Armee war, von ihrer Familie getrennt und von der sowjetischen Geheimpolizei festgenommen worden. Zum Verhängnis geworden waren ihr zum einen ihre deutschen Wurzeln, zum anderen eben, dass sie sich mit ihrer Familie als neunjährige polnische Staatsbürgerin auf die Deutsche Volksliste hatte aufnehmen lassen. Damit war sie nach dem Krieg für die Polen eine Volksverräterin. Ihr Vater Georg, NSDAP-Mitglied und phasenweise Schutzpolizist, war kurz vor ihrer Gefangennahme auf dem Feld gefallen, die Mutter Elisabeth und die beiden Geschwister unterwegs auf der Flucht nach Deutschland. Nun wurde das halbwüchsige Mädchen also für die Gesinnung ihrer Eltern gebüßt. Vom Arbeitslager Potulice aus leistete sie drei Jahre Zwangsarbeit auf einem polnischen Staatsgut, bevor sie 1948 endlich entlassen wurde und ihre Familie wiedersehen durfte. Ihre Mutter Elisabeth, die Großmutter der Autorin, war schon vor der Flucht pflegebedürfig gewesen und die beiden Töchter und der Sohn waren nun, wieder vereint, auf vielerlei Hilfen angewiesen, um in der neuen fremden Heimat Fuß fassen zu können.

In ihrem sehr persönlichen Buch erzählt Susanne Fritz nicht nur vom Schicksal einer jungen Frau, ihrer späteren Mutter, und der eigenen Familie, das Buch spricht auch von einer intensiven Spurensuche in der Geschichtsschreibung zweier Nationen. Immer wieder zitiert sie historische Dokumente und beleuchtet damit nicht nur die eigene Familiengeschichte, sondern hinterfragt das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg. Ihr Buch ist sowohl eine biografische Erzählung als auch ein Geschichtsbuch – was es meiner Meinung nach zu einer geeigneten Lektüre für OberstufenschülerInnen prädestiniert.

Susanne Fritz gelingt es, ohne Schuldzuweisungen über die Geschicke ihrer Mutter und der ganzen Familie zu schreiben. Ihre eigene Betroffenheit und ihr immerwährendes Reflektieren geben ihrer Erzählung Tiefe. Fritz sucht nach Menschlichkeit und tastet sich gratwandernd an unterschiedliche Formen des Verrats heran. Ich spüre immer wieder ihr Ringen, und ihre Suche nach der eigenen Rolle und Identität inmitten ihres Erbes. Sie lotet als Beobachterin und Involvierte mit ihrem Talent für den sprachlichen Ausdruck aus, was an Ungesagtem und Unaussprechlichem zwischen den Zeilen alter Briefe und welche Geschichten hinter einer Fotografie stecken könnten. Dazu wechselt sie immer wieder den Blickwinkel und schlägt so Brücken zwischen damals und heute.

Streckenweise liest sich Wie kommt der Krieg ins Kind wie ein Dialog, den Susanne Fritz mit ihrer eigenen Vergangenheit führt. Es ist für mich auch ein Ringen um Verständnis für ihre Großeltern und ihre Mutter. Als wolle sie ergründen, wie sich all die Geschehnisse auf ihr eigenes Leben auswirken – und allenfalls auch, wie sich damit leben lässt ohne die geerbten Traumata weiterzureichen. Wie verhält es sich zum Beispiel mit dem Schweigegebot von damals? Was nicht ausgesprochen wird, hat keine Macht, dachte man damals. Und konzentrierte sich auf Vergessen und Verdrängen. Wird aber Unausgesprochenes, Unaussprechliches und Grausames nicht gerade weil es nie benannt wurde, übermächtig?

»Wo liegt die Trennlinie zwischen dem Erzählbaren und dem Unsagbaren, der unterhaltsamen, makaber-witzigen Anekdote und dem Erzähltabu, dessen Nichteinhaltung Panik zur Folge hatte?« Ja, auch die Autorin erlebt es: »Ich will etwas erzählen und darf es nicht.« Ihrer Mutter zuliebe hat sie lange geschwiegen.

Ich bin froh, dass sie nun – nach deren Tod – doch darüber geschrieben hat. Ihr Buch stimmt nachdenklich. Und versöhnlich. Trotz allem Schrecken.


Susanne Fritz
Wie kommt der Krieg ins Kind
Wallstein Verlag
€ 20,00 (D) | € 20,60 (A)
268 S., geb., Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8353-3244-7 (2018)
eBook: 978-3-8353-4244-6 (2018)

Sehen und sehen lassen – 3. Teil | #blindleben #barrierefreiheit #teilhabe

Heute folgt der dritte Teil meiner kleinen Informationsreihe mit Beiträgen über Teilhabe und Barrierefreiheit. Diesmal mit Neuigkeiten zu WordPress.

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass ein Bild, das zwecks Vergrößung zu seiner eigenen Mediendatei oder Anhangseite verlinkt, eben nicht die Bildbeschreibung vorliest, sondern sagt, dass das Bild kein Bild, sondern ein Link sei, quasi ein Schalter.

Das ist aber nicht wirklich das, was wir wollen, nicht wahr? Darum verlinke Konkret sieht das dann so aus (klicken zum Vergrößern):ich also Bilder ab sofort nicht mehr, sondern lade Bilder ab sofort mit Bildbeschreibung unter Alternativtext, aber ohne Weiterleitung zu Bilddatei oder Anhangseite hoch. Überraschung!

Wenn ich Bilder im Galerie-Modus poste, können ihn auch Sehende sehen, sprich durch Draufklick vergrößern, auch wenn der Mouse kein Link angezeigt und im Reader kein Link vorgelesen wird.

Ich habe euch nämlich bereits fragen gehört, wie es denn nun mit Galerien sei, und überhaupt: Bilder müssen doch vergrößert werden können … Ganz meine Meinung!

Wie gesagt: es geht! Ich werde ab sofort alle Bilder – ob einzeln oder in Gruppen – im Galeriemodus posten. Ja, das geht, wie oben bewiesen, auch mit Einzelbildern. So können meine Bilder weiterhin – obwohl sie keine Links mehr zu Anhangseite und Mediendatei haben – auch von Sehenden durch Anklick vergrößert, respektive bei mehreren Bildern, als Galerie angezeigt werden. (Guckt zum Beispiel ⇒ hier)

Mit den optimalen Galerieeinstellungen werde ich noch ein wenig experimentieren, aber diese Einstellungen hier sind doch eigentlich ganz okay, oder?

Hier ⇒ habe ich es umgesetzt: Link zu einem alten Blogartikel.


Hier nun noch etwas ausführlichere Infos zur Umsetzung von Teilhabe und Barrierefreiheit auf den unterschiedlichen Social-Media-Kanälen:

Diese Liste stammt aus folgender Quelle und ist zur Weiterverbreitung vorgesehen: Leitfaden zur digitalen Barrierefreiheit von Johannes Nehlsen und Wolfgang Wiese; zum Download des PDF⇒ hier klicken.


  1. Teil: Teilhabe in den sozialen Medien: hier klicken
  2. Teil: Teilhabe auf Facebook: hier klicken
  3. Teil: in diesem Artikel

Noch mehr sehen und sehen lassen | #blindleben #barrierefreiheit

Vor einigen Tagen schrieb ich über die Wichtigkeit von Bildbeschreibungen für Sehbeeinträchtigte und Blinde. Es geht mir dabei um Barrierefreiheit und Teilhabe.

Über FACEBOOK schrieb ich, dass es meines Wissens keine Tools für Bildbeschreibungen gebe, doch inzwischen wurde mir zugetragen, dass es auch dort eine gute Möglichkeit gebe, Bilder mit einem alternativen Text zu ergänzen. Eine sehr einfache sogar!

Klickt nach dem Hochladen eures Bildes auf den Stift zum Bearbeiten desselben, klickt dann das zweitunterste Menü Alternativtext und füllt das Fenster mit eurer Bildbeschreibung, die durchaus auch länger als die üblichen 100 Zeichen sein darf.

Screenshot Einstellungen bei Twitter
Screenshot Einstellungen bei Twitter

Bitte helft mit, dass Menschen ohne Augenlicht an Bildern ein bisschen mehr teilhaben können.


  1. Teil: Teilhabe in den sozialen Medien: hier klicken
  2. Teil: in diesem Artikel
  3. Teil: Teilhabe auf WordPress: hier klicken

Sehen und sehen lassen | #blindleben #barrierefreiheit

Schon über zwei Jahre ist es her, dass Irgendlink und ich in Hessen waren und dort unsere blinde Twitter- und Blogfreundin Frau Traumspruch und ihren Liebsten besucht haben. Ich habe damals darüber geschrieben. Höchste Zeit, die gewonnenen Erkenntnisse wieder einmal neu aufzubereiten.

Immer wieder mache ich mir Gedanken darüber, wie wir alle Barrierefreiheit und Teilhabe konkret in unserem virtuellen Alltag umsetzen können.

Für Sehbeeinträchtige können wir beispielsweise mittels einfacher Beschreibungen ein geteiltes Bild mit Worten skizzieren, damit dieses auch für Menschen ohne sehende Augen sichtbar werden kann. Längst gibt es diverse einfache Werkzeuge, Sehbehinderten und Blinden, die sich oft nur in einem beschränkten Umfeld in der Öffentlichkeit bewegen können, die Welt via Internet weiter zu machen.

Eine gute Bildbeschreibung beschränkt sich auf die Bildinhalte, Gegenstände, Menschen, Formen und Farben auf dem Bild, allenfalls auch die Bildebenen wie Hinter- und Vordergrund. Bitte vermeidet Bevormundungen durch Interpretation und Intention; erzählt also keine Geschichten, es geht einfach nur um die Bildinhalte.

Bei künstlerisch erstellten Bildern oder Collagen, fotografierten Kunstwerken etc. braucht es keine detaillierte künstlerische Aufarbeitung des Werkes, doch ist es hilfreich, wenn die Sehbeeinträchtigen ungefähr wissen, was auf dem Bild gezeigt wird und welche künstlerischen Techniken angewendet wurden.

Es liegt an uns allen, die folgenden einfachen Werkzeuge im Alltag anzuwenden.

Mit diesen werden eure Bildbeschreibungen bei WordPress, Twitter und Konsorten im Quelltext des Bildes, will heißen als unsichtbare Bildinformation, mit dem Bild verknüpft und seheingeschränkten Menschen von Bildschirmleseprogrammen vorgelesen, wenn sie auf dem Rechner oder Handy im Web surfen. Für manche Blinde sind diese sozialen Medien manchmal die einzigen Fenster in die Welt, da durch das fehlende Sehen oftmals auch die Mobilität eingeschränkt ist.

Kleiner Aufwand, große Wirkung!

WORDPRESS: Eingefügte Bilder werden im Bearbeitungsmodus des Bildes nach dem Upload ganz einfach kurz beschrieben − das funktioniert in den Apps ebenso wie am Rechner und ist wirklich ist ganz einfach:
Wir klicken uns dazu in die Alternativer-Text-Zeile und beschreiben, was das Bild zeigt.

Screenshot eines beschriebenen Bildes in WordPress
Screenshot eines beschriebenen Bildes in WordPress

Weiterführende Infos zu WordPress gibt es in einem Folgeartikel (hier klicken).

TWITTER: In den Einstellungen gibt es den Bereich Barrierefreiheit ⇒ https://twitter.com/settings/accessibility. Klickt dort einfach das Häckchen vor ’Bildbeschreibungen verfassen’. Ab sofort könnt ihr jedes Bild, das ihr am Rechner oder per App hochladet, auf einer zusätzlich eingeblendeten Zeile kurz beschreiben. Dazu stehen euch deutlich mehr als die üblichen 280 Twitter-Zeichen zur Verfügung.

Der Hashtag #Bibesch wird verwendet, wenn man ein Bild nachträglich in einem Folgetweet beschreibt. #NoBibesch ruft Freiwillige auf den Plan, die das Bild nachträglich für Sehbeeinträchtigte beschreiben.

Screenshot Einstellungen bei Twitter
Screenshot Einstellungen bei Twitter

MASTODON: Bei Mastodon ist das Bildbeschreibungstool standardmäßig freigeschaltet. Beim Hochladen des Bildes erscheint automatisch eine Zeile, die mit der Bildbeschreibung befüllt werden kann.

Damit sehende Menschen übrigens wissen, dass ein Bild mit den erwähnten Tools bereits beschrieben wurde – was mir persönlich das Teilen leichter macht –, ergänzt euren Tweet oder Toot doch bitte mit einem !B vor dem Bild.

ELLO: Meines Wissens gibt es hier noch keine Tools. (Da ich dort nie Bilder poste, weiß ich es leider nicht wirklich.) Bitte nutzt hier die Möglichkeit, das Bild über den geposteten Text zu beschreiben.

INSTAGRAM: Dieses Medium hat meines Wissens auch keine Tools, doch auch hier können wir Bildbeschreibungen über Bildkommentare vor dem Publizieren des Bildes einfügen, was besonders sinnvoll ist, wenn das Bild zu Twitter oder Facebook weitergeleitet wird.

FACEBOOK: Meines Wissens gibt es hier leider auch keine Tools. Bitte nutzt hier darum ebenfalls die Möglichkeit, geteilte Bilder im geposteten Text zu beschreiben. Nachtrag siehe im Folgeartikel ⇒ hier klicken.

Für weiterführende Informationen gibt es inzwischen das WP-Blog Blindleben.

Ich wünsche euch allen viel Spaß beim Bildbeschreiben. Und bitte erzählt weiter, wie einfach es ist, blinden und sebeeinträchtigten Menschen ein bisschen mehr Einblick in die Welt der Bilder zu ermöglichen.


  1. Teil: in diesem Artikel
  2. Teilhabe auf Facebook: hier klicken
  3. Teil: Teilhabe auf WordPress: hier klicken

Depression zwischen Buchdeckeln #7 – Die Therapeutin | Das Trauma von Camilla Grebe und Åsa Träff

Ja, es gibt sie, die Krimis und Psychothriller, die das Leben depressiver, psychisch kranker Menschen zeigen, wie es wirklich ist. Weder klischeehaft überzeichnet noch lächerlich gemacht. Echt, nachvollziehbar, glaubwürdig.

Aber darf man über Krankheiten wie Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen denn überhaupt Psychothriller schreiben? Ja, unbedingt! Besonders dann, wenn eine der beiden Autorinnen sozusagen aus der Schule plaudert.

Buchcover zeigt ein rot eingefärbtes Landschaftbild. Oben wolkiger Himmel, darunter Meer und in der Mitte ein hügliger Strand. Über dem Himmel auf einem rötlichweißen Balken stehen die Autorinnennamen und der Buchtitel.
Buchcover | Die Therapeutin

Åsa Träff, die eine der beiden Autorinnen von Die Therapeutin und Das Trauma, ist Psychotherapeutin wie Siri, die Hauptfigur der bisher fünfteiligen Romanserie der beiden schreibenden Schwestern.

Siri Bergmann wohnt allein in einem kleinen Haus in den Schären und pendelt täglich nach Stockholm, wo sie mit ihrer Freundin Aina sowie Sven, einem älteren gemeinsamen Freund, eine kleine Gemeinschaftspraxis betreibt.

Neben dem Blick hinter die Kulissen, mitten hinein in den Praxisalltag, sehen wir Siri, die seit dem Verlust ihres ungeborenen, behinderten Kindes und dem Tod ihres Mannes selbst unter einer Angststörung leidet und dem Alkohol ein bisschen mehr zuspricht als ihr gut tut.

All die Werkzeuge, die sie kennt und die sie ihren Klientinnen und Klienten beibringt, greifen bei ihr nur bedingt, und die Einsicht, dass sie selbst Hilfe bräuchte, dringt erst allmählich in ihr Bewusstsein. Als im ersten Band der Serie eine ihrer Klientinnen tot in der Bucht in der Nähe ihres Hauses aufgefunden wird, macht sie sich Vorwürfe, da sie von einem Suizid ausgeht. Doch bald stellt sich heraus, dass es Mord war und sie das Ziel von Attacken, die sich im Laufe der Zeit mehren und je länger je bedrohlicher werden. Hatte Siri am Anfang noch gedacht, dass sie sich alles nur einbilde, merkt sie bald, dass es um mehr geht, um sie, um ihr Leben. Traumatisierende Erlebnisse führen dazu, dass sie sich selbst therapeutische Hilfe holt und im zweiten Band bereit ist, zusammen mit ihrer Freundin Aina eine Selbsthilfegruppe für gewaltbetroffene Frauen zu leiten.

Immer wieder geht es – wie im richtigen Leben – um Schuld. Siri quält sich mit alten Schuldgefühlen und fragt sich, wer Schuld trägt, wenn sich jemand, den sie therapeutisch begleitet, das Leben nimmt. Und wer trägt die Schuld, wenn eine Klientin erschossen wird, die Siri therapiert?

Die beiden Romane, die ich bisher von diesem Autorinnenduo gelesen habe, sind keine klassischen Kriminalromane, eher noch sind es psychologische Gesellschaftsstudien. Bei beiden Romanen geht es in erster Linie um Gewalt an Frauen, die Folgen derselben und um mögliche Heilungsansätze. Glaubwürdige Dialoge und spannende Plots, die, obwohl sie aufgehen, keine einfachen Lösungen servieren, sondern nachhallen, machen diese Geschichten zu mehr als einfach nur Unterhaltung, die man nach dem Lesen wieder auf die Seite legt. Gerade weil die Figuren sehr komplex sind und ich als Leserin in ihre Abgründe sehen kann, machen diese Bücher etwas mit mir.

Heute Morgen habe ich Bevor du stirbst, das dritte Buch des Autorinnenduos, zu lesen angefangen. Vielversprechend – so viel kann ich bereits sagen.

Camilla Grebe, Åsa Träff:
Die Therapeutin
Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (1)
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
Taschenbuch, Klappenbroschur, 432 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-74183-0
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (*empfohlener Verkaufspreis)

Das Trauma
Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (2)
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 448 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-74489-3
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (*empfohlener Verkaufspreis)

Bevor du stirbst
Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (3)
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Taschenbuch, Broschur, 496 Seiten, 11,8 x 18,7 cm
ISBN: 978-3-442-74767-2
€ 9,99 [D] | € 10,30 [A] | CHF 14,50* (*empfohlener Verkaufspreis)

(Mann ohne Herz,  Psychothriller, Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (4);
Durch Feuer und Wasser, Psychothriller, Psychotherapeutin Siri Bergmann ermittelt (5): erscheint demnächst)

Verlag: btb

#wirsindmehr | Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Juna Grossmanns Buch über das Ende der Schonzeit ist leider hochaktuell. Er hat nur geschlummert, der (deutsche) Antisemitismus, weg war er nie. Wie andere Auswüchse von Fremdenhass und Rassismus ist auch der Antisemitimus, diese Feindlichkeit allem Jüdischen gegenüber, in den letzten Jahren wieder deutlich fühlbarer und sichtbarer geworden.

Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann, mit Untertitel: Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Grundfarbe weiß, in der Mitte, über dem Titel, zwei breite gelbe Balken quer ums Buch herum.
Buchcover Schonzeit vorbei von Juna Grossmann

Aufgewachsen in Berlins Osten hatte sich Juna Grossmann nach dem Mauerfall entschieden, ihre jüdischen Wurzeln ernstzunehmen und herauszufinden, wie es sich in der heutigen Gesellschaft als Jüdin lebt. »Erst als junge Erwachsene, wenn man so auf Spurensuche geht, da habe ich meine jüdischen Wurzeln gefühlt«, erinnert sie sich. »Damals war dieser inzwischen alltägliche Antisemitismus gar kein Thema, ich führte ein hoffnungsvolles jüdisches Leben in einer entspannten Zeit. Heute sehe ich das ganz anders. Über die Jahre ist es immer mehr geworden, dabei gab es gewisse Zäsuren«*

Bereits seit zehn Jahren schreibt Grossmann in ihrem Blog ’irgendwie jüdisch’ über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. In ihrem Artikel Auf Papier erzählt sie, wie es zu ihrem Buch gekommen ist. In Schonzeit vorbei schreibt sie zum einen über ihre ganz persönlichen Erfahrungen zum anderen über die Erlebnisse und Erfahrungen anderer Juden und Jüdinnen, die im heutigen Deutschland leben.

Es könnte aktueller nicht sein, was sie schreibt. Obwohl ich recht sensibel  gegenüber jeglicher Form von Rassismus bin, erschrak ich doch darüber, wie weitverbreitet Antisemitismus ist. Und wie viele Vorurteile es über das Judentum gibt. (Ob es in der Schweiz ebenso aussieht, kann ich nicht sagen, aber ich ahne, dass es ähnlich ist.) Fakt ist, dass wir alle das eine oder andere Vorurteil haben. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir können Vorurteile unhinterfragt glauben und auf ihnen unser Menschen- und Weltbild aufbauen oder aber wir können versuchen, ihnen auf den Grund zu gehen, herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hat und woher sie kommen – zum Beispiel indem wir Fragen stellen, uns informieren.

Einige Jahre lang hat Grossmann im Jüdischen Museum Berlin unzählige Fragen beantwortet. In ihrem Buch schreibt sie  über Begegnungen, die sie als Mitarbeiterin dieses Museums hatte, haarsträubende und berührende. Sie schreibt über Anfeindungen und Bedrohungen und sie schreibt über jene eine Ausstellung, die sich dem Thema Hass- und Drohbriefe gewidmet hatte. Grossmann beobachtet die politische Entwicklungen schon länger und vergleicht Fakten mit dem, was die Gesellschaft zu sehen bekommt. Immer wieder zeigt sie auf, was Anfeindungen aller Art mit einzelnen Menschen machen. Und mit einer Gesellschaft. Wie Hass Menschen kaputt macht – hassende ebenso wie gehasste.

Warum nur fällt es vielen Menschen so schwer, anderen das Recht zuzugestehen, auf ihre Art und Weise zu denken, zu fühlen, zu leben und zu glauben, solange dabei niemand zu schaden kommt? Und woher kommt dieser ganze Hass? (Ist es womöglich, wie Die Ärzte singen, ein Schrei nach Liebe?)

Wie auch immer. Aufklärung tut Not. Mit ihrem Buch leistet Juna Grossmann einen wichtigen Beitrag dazu und ich wünsche ihr und ihrem Buch viele aufmerksame Leserinnen und Leser.


*Juna Grossmann im info-Radio.de.

Schonzeit vorbei, Juna Grossmann:
Klappenbroschur, Droemer HC
ISBN: 978-3-426-27775-1; € 14,99
E-Book, Droemer eBook
ISBN: 978-3-426-45415-2; € 12,99
160 S.