Biertreffen

Einfach wunderbar, meine Schreibgruppe. Diese Menschen! Nicht nur, was das Schreiben betrifft. Beim Indisch essen haben wir meine gestrigen Cluster-Erkenntnisse (siehe hier) ausgeweidet. Geteilte Skepsis ist halbe Skepsis? Oder doppelte? Na ja, immerhin den Ratschlag der Therapeutin, mehr zu trinken, habe ich ernst genommen.

Ob sie wirklich Bier gemeint hat?, fragt M. beim Prosten. Er zweifelt, meint, alles sei eh eine Frage des Glaubens. Ist es, ja, glaube ich jedenfalls, und auch Gretchen zwinkert mir von der Bar her zu.

Dass im Blut Informationen über den ganzen Menschen stecken, kann ich mir zwar gut vorstellen, sagt H., aber …

Ja, der ganze Rest ist nicht nur ihr suspekt. Zum Beispiel diese ganz bestimmte Übersetzung – oder Dechiffrierung besser gesagt – des jeweiligen Blutbildes in jene sehr differenzierte Details der Auswertung. Schützt Ignoranz vor Krankheit? Nun ja, dass ich mehr trinken soll, finde ich umsetzbar, doch der ganze Rest? Proscht …

Vorwärtszapp.

Ich habe gestern Abend meine Geschichte für jenen verflixten literarischen Gottesdienst im Oktober vorgestellt. (Warum bloß habe ich diese Einladung angenommen! *grmpf*) Geschichten sollen doch von selber kommen dürfen! Diese jedoch ist an den Haaren herbeigezogen. Keine Frage.

Na ja, das Konzept ist okay. Fanden auch die andern. Und sogar ein paar Stellen. Doch als Ganzes ist sie fad, nett und leblos. Vom vorgestellten Publikum ausgehend habe ich mit wenig Inspiration geschrieben. Mich ständig zensurierend. Hilfe, was soll ich in einer Kirche? Welcher Teufel hat mich da bloß geritten?

Vorwärtszapp.

Ich werde mutiger schreiben, denke ich auf dem Heimweg. Auch das Gespräch mit M. – nach den Abschiedsküssen bereits – über Leben, Liebe und die Frauen, klingt nach. Leben hat scharfe Kanten. Tut weh manchmal. Pragmatismus als Weg. Nicht der Schlechteste. Und Realismus auch. In den Nischen dazwischen Platz für Träume.

Und für neue Geschichten. Über Barkeeper, die charmant lächelnd, Schlaftabletten ins Bier kippen zum Beispiel. Doch das wäre nun wirklich eine gaaanz andere Geschichte. Und ob Pfarrer H. an dieser Freude hätte, bezweifle ich.

Cluster-Blues (oder Clustern II)

Klappe – die erste …

Was wäre, wenn … ? Zum Beispiel, wenn wir alle gesund und glücklich wären … Alle. Ausnahmslos. Allen voran die Gilde der Schreiberlinge. Zeitungsfritzen ebenso wie Schriftstellerinnen von Büchern und Autoren von Blogs. Wir alle würden der Welt von unserem Glück erzählen, von unseren gesundheitstrotzenden Körpern, von all den schönen Erlebnissen und Erfahrungen, die wir neuerdings sammeln … Doch, weil unsere Leserinnen und Leser selber vor Glück strotzten, wäre das einzige, real existierende Problem dies: Solche Berichte würden nicht mehr gelesen, denn kein Schwein würde sich dafür interessieren, wie oft ich heute oder vorgestern die ganze Welt umarmt habe. Gähnen würdet ihr. Einfach nicht mehr lesen. Mein Blog würde verwaisen.

Ich würde zu schreiben aufhören. Alle Schreiberlinge würden zu schreiben aufhören. Womöglich hätten wir eh keine Lust mehr dazu. Alles wäre wunderbar. Was wollen wir darüber schon schreiben? Es wäre müßig, das eine nacherzählte Paradies mit dem anderen erlebten oder nacherzählten Paradies zu vergleichen. Auch Neid gäbe es in dieser Welt keinen mehr. Denn wozu vergleichen, wo wir doch alle gleichermaßen heil, glücklich, gesund und zufrieden sind? Sollen wir da noch schreiben? Wollen wir da noch schreiben?

Klappe – die zweite …

Glück hat kaum Unterhaltungswert. Quod erat demonstranum, wie mein Mathelehrer sagte. (Und der Lateinlehrer auch manchmal.)  Beweisen muss ich nichts. Ich hoffe, ihr glaubt mir auch so. Da ich nicht aufs Schreiben verzichtenmag, behalte ich wohl besser meine zwei-drei Neuröschen bei. Hege sie. Pflege sie. Gieße sie. Ein bisschen Herbstblues wird ihnen sicher gut tun. Ein paar kalte Windstöße und ein paar Regentropfen lassen sie aufleben, erblühen. Ich klicke mich durch Wörldweidweb und finde dort andere, die zum Glück auch noch nicht ganz heil sind und darum – oder warum auch immer – ein paar neue Sätze geschrieben haben. Bloggende zum Beispiel. Schön, dass ihr da seid. Noch. Und dass ihr eure Kanten, Ecken und Narben mit mir teilt. Und mit der Welt. Danke!

Klappe – die dritte …

Bin heute wieder ins Hinterland gefahren. Ihr erinnert euch. Für einen Artikel recherchiere ich die Cluster-Methode. Das heute war allerdings eine persönliche Zugabe. Ich ließ mir nämlich zusätzlich zur psychologischen Auswertung, die für die Aufstellung nötig ist, auch eine meinen Körper und dessen Gebresten betreffende Analyse ausdrucken. Ooops. Hätte ich wohl besser bleiben lassen. Heute morgen war ich topfit, doch jetzt fühle ich mich schwerkrank.

Die gute Nachricht zuerst: Krebs hab ich nicht. Auch sonst keine tödlichen Krankheiten. Außer der alten Erkenntnis, dass das Leben lebensgefährlich ist. Anti-Hypochonderin, die ich bin, kann ich nun entweder so tun, als hätte ich nicht hingehört. Als hätte ich nicht gehört, dass meine Maschine da und dort ein paar Schwachstellen hat. Lunge, Magen und so weiter. Oder ich könnte … ein paar neue Therapien ausprobieren. Zum Beispiel.

Wie es wohl wäre, wenn ich glücklich und gesund … Auch nur so zum Beispiel.

Freier Nachmittag

Bin über den Zaun geklettert und durch das Loch in der Zeit gefallen. Drüben gelandet. Am Ufer der Insel Gleichgültigkeit. Wo alles gleich ist. Und gültig. Wertfrei. Ohne Bedeutung und ohne Gewicht. Hier hört sogar das Klopfen hinter meinen Schläfen, gegen das ich eine Tablette genommen habe, auf, zu sein. Vergessen sind auch die beiden sehr vertraulichen Gespräche mit X. (gestern) und Y. (heute). Aus den mir ausgeschütteten Herzen sind scheinbar unlösbare Probleme gepurzelt. Mir tut es so weh, die beiden leiden zu sehen. Kann dennoch nicht wirklich helfen.

Ich schaue zurzeit sehr gut zu mir, gehe sorgfältig mit meinen Kräften um und wünschte den beiden etwas davon, doch kann ich nicht ihren Rucksack anziehen. Was jedoch tue ich mit dem Rest der Welt? Wie steht es mit meiner Mitverantwortung für die andern? Nicht jener anderen, die weit weg sind, sondern jener anderen, die mir nahe sind. Y. meinte zwar, ich müsse gar nichts tun. Es habe ihr einfach gut getan, ihr Herz auszuschütten. Ja, das kenne ich auch. Na, wenn sie meint …?

Bin mit diesen Bürden am Ufer der Insel Gleichgültigkeit entlang spaziert. Träumend ein bisschen. Vergessend. Loslassend.

Später zurückgekehrt. Erwacht. Habe mich neu zusammengesetzt und festgestellt, dass der Kopf noch immer dröhnt. Gewitterwolken ziehen auf. Die Wäsche flattert im Wind und von der Baustelle draußen dröhnt es in meine Wohnung.

Eine Welt voll ungelöster Probleme. Und außerdem  fällt mir kein kluger Schlusssatz ein.
Auch das noch!

Guten Morgen Gretchen

Wichtiger als was wir glauben, ist, glaub ich jedenfalls, dass wir etwas glauben. Ans lautere Nichts oder an göttliche Arrangements ist da einerlei.

An etwas zu glauben, bewahrt uns davor, die Sinnlosigkeit des Lebens in seinem ganzen Umfang wahrzunehmen. Doch alles, was wir glauben, ist – vom Subjekt aus gesehen – Stückwerk. Ist Krücke. Ist Übersetzungshilfe. Ist Überlebensstrategie.

Ob es objektiv gesehen etwas gibt, woran es sich zu glauben lohnt, ist ein anderes Kapitel. Und ich behaupte hier auch nicht, dass ich nicht an solche Objekte glaube, sie für wahrhalte. Denn das tue ich. Irgendwie. Ganz besonders glaube ich an unsichtbare Netze und den lebendigen Geist in allem. An Verbindungen glaube ich. An Synapsen. An Schaltstellen und  an das unsichtbare, göttliche Internet sozusagen. Meine Festplatte ist so konstruiert, dass sich darauf solcherlei Software installieren lässt. Mein Betriebssystem tickt deutlich westlich, was heißt, dass ich gewisse „fremde“ Dinge nicht nachvollziehen kann. Nicht, weil ich es grundsätzlich nicht will. Mir fehlt schlicht die Relevanz.

Item. Wir brauchen also, wie gesagt, etwas, woran wir glauben und uns festhalten können, um besagte Sinnlosigkeit zu ertragen. Ob diese Sinnlosigkeit wirklich ist, weiß ich nicht. Sie ist auf alle Fälle relativ. Glaub ich jedenfalls. Relativ sinnlos eben. Doch mitten in der gelebten Sinnlosigkeit erlebe ich das Leben manchmal ausgesprochen sinnlich. Was dem Ganzen wieder Sinn verleiht. Ooops. Und so weiter und so fort.

Wir alle glauben. Etwas. Vieles. Bewusste und unbewusste Glaubenssätze steuern jede unserer Handlungen. Zum Beispiel: „Wenn ich krank bin, werde ich wieder gesund!“ Das weiß ich, weil es immer so war. Bis jetzt. Und hoffentlich auch zukünftig.

Meine Vorstellungen vom Leben und diese Glaubenssätze, die schon ganz früh gesät wurden – pränatal womöglich? – sind von einander abhängig. Da haben wir es: Alles verbunden.

Doch jetzt putz ich erst einmal meine Wohnung.

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Eben in meiner Fadenkiste gefunden. Ein weiterer Voller EinSatz.

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Ein kleines Credo

Ich glaube an die Wirkung, denn da etwas wirkt, IST es, ob ich es nun sehe oder nicht und deshalb glaube ich an den Wind und an die Steine im Flussbett, an die Orange in der Schale und an den Orgasmus, an den Kater nach einer zu kurzen Nacht und an die Lebensfreude, an die Tränen ebenso wie an den Tod, auch glaube ich an die Macht des Kugelschreibers als Zauberstab und ich glaube an die Macht der Worte.

nix – niente – rien

Bin heute Morgen mit Fieber erwacht. Nicht so hoch, dass ich an Schweinegrippe denken müsste, doch hoch genug, mir das Gefühl von Kranksein zu geben. Nein, so konnte ich nicht zur Arbeit gehen. Dabei sollte ich doch …

Nein, heute muss ich nicht. Es wird ohne mich gehen. Von meinen Kolleginnen bekam ich eben eine Gute-Besserung-SMS. Goldig.

Und ja … Ich muss heute gar nichts. Auch keine neuen Texte weben. In meiner Fadenkiste hat es genug … 🙂

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Nichts

Filmriss. Entschleunigen. Anhalten. Die Bremse arretieren. Die lineare Chronologie, durch die ich mich, ob ich an sie glaube oder nicht, tagtäglich bewege, unterbrechen. Kugelschreiber zur Seite legen. Durchatmen. Punkt. Schlusszeichen.

Sei willkommen, klitzekleines Nichts, Pause. Denn ich werde jetzt einfach NICHTS tun, hängen bleiben, wie die Welle, bevor sie bricht.

Nicht Zeit absitzen und mit dem Blick auf den Zeiger Stunden abhaken. Nicht warten. Nicht malen. Nicht lesen. Nicht schreiben. Nicht telefonieren. Nicht sprechen. Mich nicht austauschen. Keine Kontakte knüpfen und keine Löcher stopfen. Weder essen noch trinken. Weder kreieren noch tanzen. Nichts hinein und nichts hinaus lassen. Nichts entscheiden. Mich nicht ablenken lassen. Nicht werten und nicht planen. Keine Konzepte wälzen. Nicht denken, ja!, vor allem NICHT denken! Und auch nicht abwarten und Tee trinken. Weder mich konzentrieren noch meditieren. Und schon gar nicht der Regeneration nachrennen. Auch nicht nach vorne schauen und mich fragen, was ich nach dem Nichtstun tun werde.

Ich starre Löcher in die Decke, bis der Putz sich löst. Dann schließe ich die Augen. Will nur noch Seiende sein. Hier auf dem Sofa dösen. Und träumen. Schlafen, ich gebe es zu, ist eine ziemlich gute Form des Nichtstuns.

Der Schreibblock liegt neben mir. Und schreibend tue ich nun doch etwas. Kleide das Nichtstun in Worte, forme, gestalte gewichte es, gebe ihm womöglich sogar Sinn. Oder nehme ihn ihm weg.

Sinnloses sein und tun ist gar nicht so einfach. Ist untätig und ohne Beschäftigung zu sein, wirklich schon Nichtstun oder gar sinnlos?

Absichtslose Anwesenheit meiner mindestens sieben Sinne. So ganz ohne Beschäftigung sind sie jetzt. Ruhende. Fast pausenlos sind sie sonst auf Empfang, filtern und nehmen wahr. Sehen, hören, riechen, fühlen, verbinden. Sie bieten mir alles, was es zum Lieben braucht, jenem bedeutsamsten Ausdruck des Seins, dem ich nie entfliehen will.

Während sich meine Batterien aufladen, nichts tuend außer zu sein, weiß ich auf einmal, was ich nachher tun will. Denn jedes Nichtstun ist endlich. Solange ich Mensch bin zumindest. Es dauert höchstens so lange, bis ich pinkeln muss.

Was ich nach dem Nichtstun tun werde, fragt ich euch? Ich werde mir ein Bier holen!

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Diesen Text habe ich vor einem Jahr, anlässlich eines Kulturevents zum Thema Zeitverschwendung vorgelesen. Danke, dass ich, während du ihn gelesen hast, ein bisschen von deiner Zeit verschwenden durfte.

Ach ja, noch was … Heute bleibe ich bei Wasser und Tee.

Globetrott und Alltagstrott

Mir vorzustellen, morgen um diese Zeit im Büro zu sitzen, –  na ja – ist nicht wirklich das, woran ich jetzt denken mag.

Gestern um diese Zeit noch am Flughafen Göteborg. Stunden später zuhause. Geht mir alles bisschen zu schnell …

Kaum hatte ich Genfschen Boden betreten, platzten meine LangsamReisen&Flowen-Blase und mein Weltenbummlerin-Feeling in sich zusammen. Wieder ganz Schweizerin, verfiel ich in ein Tempo, das ich fast zwei Wochen nicht gespürt habe. Die vielen Leuten in der Gepäck-Halle überforderten mich. Ein Bienenhaus. Vor der Scheibe noch mehr Menschen, die winken und Tafeln mit Namen schwenken. Auf mich wartet niemand. Eine Sekunde Schmerz, doch dann sehe ich bereits meinen Backpack und lobe die schweizerische Zuverlässigkeit. Bravo, alter Junge, gut gemacht. Ich schultere das Teil und lasse den Flugplatz und den Rummel hinter mir. Zum Bahnhof ist es nicht weit und schon nach einer Viertelstunde sitze ich im Zug nach Bern. Die tolerante Weltenbürgerin, die ich gerne wäre, nervt sich über den Lärm im Zug.

Na ja. Ich habe die letzten Nächte nicht gut geschlafen. Bin aufgekratzt. Die Seele noch unterwegs. Im Zug erste SMS, die mein Handy bimmeln lassen. Freund K. möchte einen Rat von mir. Freundin L. heisst mich herzlich willkommen und will bald mal telefonieren, austauschen … Nachbar F. hat die reifen Tomaten auf meinem Balkon genossen. Und gegossen. Alles paletti. Eigentlich. Doch im Kopf erstelle ich bereits wieder Listen, was ich alles tun muss. Erinnere mich an meine Agenda und die Pflichten dieser Woche. Schei… Hilfe … Ich will aussteigen. Nur schlafen … Tja, diese Rolle da, in die ich nun wieder schlüpfen muss/darf/soll werde, habe ich selbstgestrickt, ich weiß. Doch ist es mir nun, als müsste ich meine Flügel wieder einrollen. Einklappen, was da an Erkenntnis über mich und meine Möglichkeiten sichtbar geworden ist.

Es lässt sich kaum in Worte fassen, was ich – hinter all den äußeren Erlebnissen der letzten zehn Tage, die sich – wenn auch unzureichend – in Worte fassen lassen – erlebt, erkannt habe. Auch die Bilder, die ich heute Nacht noch auf die Festplatte geladen habe, sind unzureichend. Krücken allesamt. Erinnerungen. Annäherungen.

Leben ist nicht ideal. Doch dem Idealen und Schönen und Heilsamen möglichst nahe zu sein, ist eben ein großer Wunsch von mir. Auch im Alltag. Dagegen die Vorstellung von meinem vollen Schreibtisch tut fast weh … diesmal nicht vor Schönheit …

Ob es schon bald Bilder hier gibt? Kann sein … habe es ja versprochen … 🙂

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Chrüsimüsi zu und aus meinem Notizbuch

  • Können wir schreiben, ohne auf Wirkung bedacht zu sein? Und: Können wir leben, ohne gänzlich an Wirkung zu denken?
  • Ich ahne: Wäre ich länger geblieben, hätte ich mich mehr auf die Leute eingelassen. Das Bedürfnis nach Kontakten kam erst allmählich. Habe am letzten Abend im Dampfbad, mit einer Schwedin angeregt über Leben, Land und Leute diskutiert. War schön. Doch auch das Allein(sam)sein hat gut getan.
  • Während des Lesens meiner Notizen, auf dem Rückflug, notiert: Ich bin am Anfang von etwas Neuem immer sehr-sehr offen. Als sei da ein Filter mit riesigen Löchern, der all die Eindrücke aufnimmt und sie mir serviert. Bin offen für das, was geschieht – egal, ob neue Arbeitsstelle, neue Menschen, neue Erfahrungen … Nach und nach – denn dieses Offensein ist sehr anstrengend – dimme ich die Löcher des Filters herunter, ansonsten ich mich verlieren würde, mich auflösen im Neuen. Ich verliebe mich immer wieder neu ins Leben!, hat mal eine Freundin gesagt. Geht mir ähnlich. Ist aber anstrengend. Intensiv. Macht müde. Und doch: das bin ich. Auch. Und ich möchte nicht weniger lebendig leben, nicht weniger intensiv … So what?
  • Machen wir uns auf die Reise, um andere, um anders zu werden? Um andere Seiten in uns zu entdecken und zu leben? Ich mache mich auf die Reise um ganzer zu werden. Auch im Alltag. Auch der Alltag und das Arbeitsumfeld sind Reisen, herausfordernder sogar als jene, die wir freiwillig unternehmen.
  • Reisen ist ein Mini-Leben. Alles da: Abheben. Landen. Aussteigen. Einsteigen. Sich orientieren. Müde sein. Mutlos sein. Neue Kraft schöpfen. Weitergehen. Wind. Sonne. Regen. Schlafen. Essen … Verdauen und so …
  • Ich gehöre nicht mehr zu jenen, die glauben, die Aussicht auf der anderen Gangseite sei besser!

Göteborg oder den Kreis schliessen

Na, wie war es denn in Schweden? Ich höre sie schon fragen, meine Leute. Scheff und so.
Danke, gut. Es war wunderschön!, werde ich vermutlich sagen. Vielleicht. Wie ungenügend doch Wörter sind. Wie kann ich beschreiben, was Schweden, was diese Reise wirklich für mich war? Obwohl … nothing is real – ich weiß.

Warum Schweden? Warum diese Gegend? Warum nicht? Ich bin überall das gleiche kleine Pünktchen. Wollte mich in der riesigen Landschaft verlieren – und habe ich auch. Und mich wieder gefunden. Mich selbst und ein paar Dinge auseinandergenommen und neu zusammengerückt. Mich besser kennengelernt. Schöne Eindrücke und Erfahrungen gesammelt. Und Gegensätze. Gestern ganz besonders.

Um an einen der schönsten Plätze der Insel zu kommen, war mir gestern kein Weg zu weit. Durch Wiesen, Wälder und durch Wohn- und Industriegebiete wanderte ich an einen Platz, der sich tief in meine Erinnerungen graben wird. Zielstrebig, wie eine Orientierungsläuferin, mit Karte und ohne Kompass, fand ich ein kleines Paradies. Am Vänernsee. Felsiges Ufer. Einsinken in diese Energie von Sein. Nichts tun. Einer Eidechse gleich die Sonne genießen. Wärme. Den wolkenlosen Himmel. Das Rauschen des Sees. Den für einmal sanften Wind. So schön, dass es schon fast wehtut.

Picknicken, lesen, genießen. Bilder aufnehmen. Digitale. Innere. Als die Sonne hinter dem Wäldchen verschwindet, suche ich einen anderen Weg, um eine weitere sonnige Bucht weiter südöstlich zu finden. Doch der Wald lässt mich nicht eintreten. Ich respektiere es, gehe stattdessen dem Ufer entlang ins Städtchen zurück. Den kurzen, direkten Weg. Wie selten. Und ich weiß nun auch warum. Schön war er nicht. Nach der tief empfundenen Ästhetik von vorhin ein kaum zu übertreffender Gegensatz. Mein Weg führte mich vorbei an noch mehr Industrie. An der Kehrichtverbrennung. Lärm. Gestank. Hitze. Nirgends Schatten. Staub. Ich wähne mich in Südspanien irgendwo. Beim Uferdamm dann das Treffen mit dem Biber … Oder war es eine Ratte? Endlich verlasse ich diese Gegend und lasse mich in einem der vielen Parks auf den Rasen sinken. Ich brauche eine Weile um meine Mitte wiederzufinden. Ideal ist das Leben nicht, nein, das alles gehört dazu. Jaja, das weiß ich doch. Auch ich nutznieße doch die Kehrichtverbrennung. Na also!

Luisa Francia schreibt in einem ihrer vielen wunderbaren Bücher, die ich fast alle gelesen und in meinem Büchergestell stehen habe, dass wir nicht wirklich leben können, wenn wir den Weg durch die Müllhalden scheuen. Recht hat sie.

Ich liebe Schönes, darum genieße ich, hedonistisch wie ich zuweilen sein kann, die Sonne, setze mich am Kanal an die Sonne. Gehe joggen, später, und mache auf dem Rasen neben dem Hotel Yoga. Nein, nicht die Sieben Hengste. Dafür ein paar Sonnenuntergangsgrüsse. Tut gut.

In der Nacht geträumt von einem spirituellen Retreat. Ich, die ich seit Jahren nicht mehr solcherlei besucht habe. Mein Lehrer im Traum riet mir, nicht in einer Konsumhaltung zu leben und meine Übungen zu MACHEN, sondern die Übungen zu SEIN. So wird es gelingen.

Ooops. Gelingen, Erfolg – meine zwei Lieblingsreizwörter. Ambivalente Dinger alle beide. Doch recht hat er schon, der Traumguru. Nicht Yoga machen, Yoga sein! Nicht den Flow machen, im Flow sein. Nicht das Ich aufbauen, ICHen. (Nennt Irgendlink das. Sorry, Mann, ich bringe das Wort nicht mehr raus … hat sich in mir festgeklammert). Nicht reisen – Reise sein …

So bin ich heute Morgen – es hat nachts geregnet und ein paar Grad abgekühlt – in Linköping auf den Zug Richtung Göteborg. Bin nun wieder im Hotel Panorama, wo ich meine ersten zwei Nächte logiert habe. Da ich die letzten Tage günstig gelebt hatte, reicht das Geld, mir nochmals diesen Luxus hier zu gönnen. Sauna und Whirlpool … und tausenderlei Knäckebrot – ihr wisst schon …

Im Tram einem netten Schweden begegnet, der mir ein paar Sachen über Schwedens öffentlichen Verkehr beibrachte. Und mir zeigte, wo ich aussteigen muss. I will guard you! Wow, einen Bodyguard zu haben, wenn auch bloß für eine Viertelstunde, war toll irgendwie. Und sympa war er erst noch.

Nach einer ausgiebigen Siesta – und aus Sehnsucht nach Natur – suchte ich später den botanischen Garten auf. Ich nahm den Hintereingang beim Krankenhaus, wo mir eine nette Dame die Eintrittspforte zeigte.

Wow … Die perfekte Illusion! Mitten in der Stadt eine unglaublich große Fläche Wald und Park, Felsen und Berge … Pflanzen aus aller Welt und zeitweilig – ohne Witz – ein Feeling wie im Berner Oberland! Zwei Stunden oder eine halbe Ewigkeit später verließ ich die Pforte wieder und sah dort eine Suchmeldung für eine braun getigerte Katze hängen. War mir beim Eintreten nicht aufgefallen. Doch da ich die Katze inzwischen beim Restaurang persönlich kennen gelernt hatte, war ich ein bisschen verunsichert. Sollte ich etwas unternehmen? Wenn ja, was? Die nette Dame, die mir den Eingang gezeigt hatte, saß noch immer mit ihrer Freundin auf der gleichen Bank und fragte, wie es mir gefallen habe. Ich dankte ihr begeistert und nutzte die Gelegenheit, ihr von der Katze zu erzählen. Sie kannte die Geschichte und versprach, meine Info weiterzuleiten. Hach, wie schön, damit kann ich diese Story loslassen. Und in die Sauna gehen.

Morgen der Rückflug. Ich freue mich auf meine Höhle. Obwohl ich das Hiersein aktuell total genieße.

Am Sonntag will ich ein paar Bilder einstellen. See you soon?!

Lidköping oder nothing is real

Gerne würde ich jetzt hier ein Bild posten, dass es in Pixels so gar nicht gibt. Hübsche junge Frau. Gut gebaut, würde mann sagen. Ziemlich 25 also. 😉 Schwarzes T-Shirt. Silberner Textbalken quer über die Brüste. Nothing is real. Da muss frau sogar hingucken. Kaum zu glauben. Seither laufen mir die Beatles nach. Strawberry fields forever?

Ich weiß es nicht genau. Ist ja auch egal, da ja eh nix real ist.

Here I am. Lidköping ist grösser als Karlsborg. Ist mondäner. Hat mehr Touris. Und einen Singleroom hatte es in der Jugi keinen einzigen mehr. So bekam ich – allerdings nur für eine Nacht – das letzte Zweibettzimmer – für mich ganz allein. Echt verwöhnt, diese Frau. Nothing is real. Außer meinem Bedürfnis nach Ruhe und gut schlafen. Und meiner Privatsphäre. Ha! Werd ich nun auch noch sozialphobisch? Oder ist das bloß jenes Bedürfnis nach Alleinsamkeit? Ich bin ja – außer da und dort smallzutalken – immer allein. Weshalb also soll ich nachts meinen Raum mit Kreti & Pleti zu teilen … nun ja …

Ansonsten habe ich, wie ich erleichtert feststellen konnte, meine alte, verloren geglaubte Unkompliziertheit zurückgefunden.  So ziemlich jedenfalls. Na ja. Die Lidköpinger Jugi ist dennoch ein Fall für sich. Überaltert das Haus. Die Gäste ebenso. Beim Frühstück unter den Augen alter Damen Müesli löffeln – na ja – macht nicht wirklich Spaß. Irgendwie war ich deshalb froh, dass die keinen Platz mehr hatten. Außer in Vierbettzimmern.  So wechselte ich ins Hotel Ciel. Und da ist es wirklich ziemlich himmlisch. Habe doch glatt eine Stunde geschlafen, nachdem ich mich heute morgen dort eingescheckt habe. Winzig das Zimmer, doch ruhig. Eigenes Bad. Verwöhnte Frau aber auch.

Gestern herrliches Wetter. Die Reise im Bus war auch sehr schön. Lidköping ist ein angenehmer Ort, wie gesagt, überschaubar. Schöne Plätze und Gebäude. Einkaufsmöglichkeiten auf internationalem Niveau. Zwei Tage werde ich noch hier sein, am Freitag dann nach Göteborg zurück gehen. Am Samstag der Rückflug. Zwei Tage … Hier in der Nähe locken Naturreservate. Eine Kunsthalle hat es auch. Ein Velo könnte ich mieten. Viele Möglichkeiten also, meine Zeit totzuschlagen zu verbringen. Vielleicht werde ich einfach ein bisschen rum-ICH-en. Ich will den Rest meiner Ferien ohne Ambition verbringen, ohne Absicht, möglichst viel noch sehen zu müssen. Einfach sein.

Inzwischen gleicht sich alles irgendwie. Alles scheint austauschbar zu sein. Die Menschen ebenso wie die Gebäude, Straßen, Geschäfte, die Natur sogar. Irgendwie geht es mir trotzdem gut. Habe den Flow wiedergefunden. Und wenn ich mich einklinke in dieses Nothing-is-real-Feeling kann ich mir von außen zuschauen und über mich selber lachen.

Wirklich wahr: Nothing is real – nichts ist real, das Nichts ist real. Die Illusion auch. „Wahrheit kann der Wahrheit nicht widersprechen!”, las ich gestern im  historischen Roman Im Schatten des Granatapfelbaums (Granada, 15. Jahrhundert).

What else? Wirklich wahr! Ehrlich!

Karlsborg II

Den gestrigen Abend habe ich im Bett verbracht, eingekuschelt in die Bettdecke. Das heraufziehende Schluckweh mit Norrland Guld (Skål!) herunter gespült – lecker! -, endlich den Thriller fertiggelesen und dem Regen gelauscht. Wunderbar geschlafen. Geträumt.

Leben ist zurzeit so intensiv, dass es mir manchmal fast zu viel ist.
Der Vorteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.
Der Nachteil der Fähigkeit, so intensiv erleben zu können: Ich koste aus. Ich genieße. Ich lasse mich ein. Es braucht viel Energie.

Ich suche das Schöne. Ich meide das Hässliche. Finde, ohne zu suchen, Wege durch den Wald, die mich bezaubern. Ich genieße die Langsamkeit, die mich, seit ich Karlsborg betreten habe, befallen hat. Ich schätze meine Gesellschaft. Nichts tun zu müssen. Insh`allah – es ist, wie es ist.

Wieder stehe ich im Touri-Shop mit dem Gratisinternet. Es ist bald Mittag. Ich erfuhr von Hanna, meiner B&B-Wirtin, dass ich so lange in ihrem B&B bleiben könne, wie ich wolle. Jaaa! Ich habe für eine weitere Nacht bezahlt. Frukost gibts in der Jugi in der Nähe – und was für eins. Geeemütlich. Dort hat mir auch die nette Rezeptionistin meine Zecke (fästinge oder so ähnlich heisst das Ding auf schwedisch) beim Bauchnabel rausgepult. Und mir ein Velo für heute vermietet. Ich werde wohl mal so richtig Forsvik fahren. An einen kleinen See. Vielleicht auch weiter nach Beateberg. Vorausgesetzt das Wetter hält. Es ist windig und am Himmel ballen sich Regenwolken.

Reisen heißt Zulassen. Heißt Langsamkeit. Sehen. Meditation. Bin heute Morgen mit dem Velo am Südzipfel der Bucht entlang gefahren. Totale Pampa. Wieder dieses unendliche Meergefühl. Kein Ufer in Sicht. Dafür ein Krebs auf einem Stein. Ihm fehlt das linke Vorderbein. Tapfer kriecht er trotz des Handicaps vorwärts. Sonnt sich auf den Steinen. Setzt sich, wie ich, dem Wind aus.

Später, auf dem Velo stelle ich fest, dass ich ganz bei mir bin. Und doch zugleich irgendwie „außer mir”. Wenn ich fahre, fahre ich. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich schreibe, schreibe ich. Ich fließe, gleite durch die Tage und frage mich zum millionsten Mal, wieso es mir im Alltag bis jetzt noch nie am Stück gelungen ist, diese Haltung beizubehalten. Jaja, das fragen wir uns alle.

Natürlich, ich kann auch hier auf die mühsame Spur einklinken … Ich habe, wie beinahe immer, die Wahl. Hier fällt es mir wohl einfach leichter?

Ob ich weiterziehe oder hierbleibe, entscheide ich morgen. Regentag. Dienstags dann wieder schön. Vielleicht reise ich weiter an den Südzipfel des Vänernsees?

Ich winke mal wieder … Grüße herzlich … bis irgendwann von irgendwo! Hej!

Karlsborg

Hej! Danke für die lieben Kommentare! Mit müden Füssen, doch glücklich, dass ich hier einen freien Internetzugang gefunden habe, will ich doch mal wieder ein kleines Blogtextchen weben.

Karlsborg. Ein kleines Dorf am großen See. Es gefällt mir auf Anhieb. In Jönköping, wo ich zwei Tage verbracht habe, gefiel es mir auch, doch irgendwie sehnte ich mich eben nach noch mehr Natur, noch mehr Weite, noch mehr Grün und noch mehr See. In Jönköping habe ich nach einer ersten Krise eine intensive Grenzerfahrung machen dürfen. Mein (Plastik-)Hotel – ich sage nur Accor! – lag zwar am Rande eines Industriegebietes. Doch gleich in der Nähe befindet sich ein geniales Naturschutzgebiet. Nachdem ich also mein Plastikzimmer bezogen hatte, musste ich unbedingt joggen gehen. Mich erden. Obwohl es dicke Regenwolken hatte. Ich fand auf Anhieb den kleinen Strand und joggte von da aus weiter und weiter. Wie weit es war, sah ich erst gestern, als ich den Weg nochmals – spazierend – zurücklegte. Die Aussicht auf den See, die fetten Gewitterwolken, die Felswand – absolut magisch. Hell direkt über dem See, darüber gruselig schwarz. Wie in Mankells Krimis erwartete ich demnächst über eine Leiche zu stolpern. Tat ich zum Glück nicht. Doch dafür öffnete sich der Himmel und leerte sich aus. Ich joggte weiter und weiter. Klitschnass. Kilometer um Kilometer. Völlig berauscht. Später, im Zimmer, war es mir wie nach einer Sauna. Und noch später, als ich nochmals spazieren ging, war die Luft in mir drin und auch außerhalb wieder klar. Ein Regenbogen grüßte mich.

Gestern Nachmittag mit einem gemieteten Velo die Stadt erkunden … Rauf und runter. Der Strandpromenade entlang. Am Morgen war ich vom Hotel dem See entlang in die Stadt spaziert (ca. 4-5 km), abends dann wieder alles zurück. Genial war es und müde war ich.

Heute mit Zug und Bus nordwärts. Als ich um eins den Bus verließ, wähnte ich mich zuerst am A… der Welt. Ist zwar so, aber positiv. In einer syrischen Pizzeria stärkte ich mich erst mal. Wir konnten uns zwar kaum verständigen, aber der Koch war trotzdem herzig. Ich fand gleich um die Ecke ein herziges B&B, zwar wegen Saisonende nur für eine Nacht, doch das ist okay. Zahlbar und sehr angenehm. Morgen werde ich in die Jugi ziehen, wo ich ein Velo mieten kann. Ich denke, dass ich vorerst hier bleibe.

Bald ist die Mitte der Reise erreicht. Mitte. Noch bin ich auf dem Hinweg. Ich bin müde von den vielen Eindrücken, doch es geht mir gut. Ich fühle mich wohl. Und doch … Reisen ist anstrengend. Die vielen Reize. Die vielen Bilder. Die vielen Geräusche und Sätze und Wörter. Innen und außen. Ich grüße euch herzlich vom Vätternsee!