Rollenspiele

Wie schön! Dann werden wir unsere heutige Kollekte also für ein Inland-Projekt sammeln?! Für Schweizerinnen und Schweizer. Gut so. Es gibt ja auch bei uns viele Hilfsbedürftige!, sagt die Frau, der gegenüber ich am zum Frühstück gedeckten Tisch im Gemeindesaal Platz genommen habe.
Öhm, sage ich, es ist zwar schon ein Inland-Projekt, aber … die Nutznießerinnen sind Frauen mit Migrationshintergrund. Ist eben ein Integrationsprojekt.
Wird sie trotzdem spenden? Wird sie unser neues Integrationsprojekt, das ich im Laufe dieses Erntedankfestes mit Powerpoint‘scher Hilfe vorstellen werde, unterstützen?

Hatte ich nicht neulich behauptet, dass ich keine Schauspielerin sein? Heute einen neuen Anlauf genommen. Statt Schauspiel Rollenspiel. Bin ja für meine Arbeitsstelle hier. Obwohl ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Dass ich diesen Job übernommen habe, verdanke ich einer Verkettung von Umständen. Und der Tatsache, dass ich stellvertretende Projektleiterin bin.

Morgens um viertel vor acht ist die Welt noch in Ordnung. Vor allem sonntagmorgens. Fast allein auf der Autobahn. Lockerer Nebel, der die aufgehende Sonne durchblitzen lässt. Alles frisch. Ich fühle mich gut. Singe zur Musik. Brettere Kilometer um Kilometer zürichwärts und finde den Weg zum Gemeindehaus von D. dank Plänen und Wegbeschreibung denn auch auf Anhieb.

Lampenfieber habe ich kaum. Vorträge halten kann ich. Ist ja keine Kunst. Hm. Was für mich selbstverständlich ist, bestaunen andere. Was anderen selbstverständlich ist und ich nicht kann, bestaune ich. Das Licht unter dem Scheffel? Kunst kommt von können, sagt der Volksmund.

Gutbürgerliches Dorf. Gutbürgerliche Gemeindesaal. Gutbürgerliches Frühstück. Der Pfarrer stammt aus der Gegend zwischen Köln und Düsseldorf. Er heißt mich in seinem sympathischen Dialekt herzlich willkommen. Bald widmen wir uns dem Beamer und dessen Kabeln.
Doch,
meine ich, das müsste klappen. Ich setze mich an einen der Tische. Zu irgendwelchen Menschen. Was mir, da ich heute Morgen die Rolle der Hilfswerk-Vertreterin angezogen habe, nicht mal so schwer fällt wie der eher scheuen Sofasophia im ganz normalen Leben. Die Maske drückt nicht, denn hinter dem Job, den ich hier tue. kann ich stehen. Dennoch versuche ich heute etwa Neues. Tue heute so, als sei ich Kirchgängerin. Tue es, um zu sehen, wie sich das anfühlt. Pokerfacemodus ein. Spannend, die Welt aus dieser Perspektive zu sehen. Ein anderes Objektiv. Zoom statt Weitwinkel. Die Kirchgängerin Sofasophia singt bei den Liedern mit. Gospels, die sie aus ihrer eigenen Konf-Zeit kennt. Wie herzig die Konfirmandinnen und Konfirmanden sind. Sie lesen den heutigen Bibeltext vor. Wann ich wohl das letzte Mal in einem Gottesdienst war? Muss Jahre her sein! Später stellen sich die jungen Leute mit Namen und Hobby vor. Und warum sie konfirmiert werden wollen. Mehrfachnennung: Damit ich später kirchlich heiraten kann. Sagen Fünfzehnjährige! Undercover-Spionin Sofasophia beißt sich auf die Zähne. Dream on, Kids. Kirchgängerin Sofasophia boxt sie in die Seite. Sei barmherzig. Sei tolerant!, flüstert sie. Ja, ja, schon gut.

Fünf grauhaarige Damen spielen auf der Zither nette Stücke. Alles besser als Orgel. Die Ladies spielen sehr konzentriert und sehen alles andere als verkalkt aus. Abgesehen von den Konfirmandinnen ist das Durchschnittsalter im Saal um die sechzig. Ich senke den Durchschnitt ein klein bisschen, höchstens um ein halbes Jahr. Bob Dylan wird gezithert. Dass nur der Wind die Antwort kenne.

Von der Predigt bin ich positiv überrascht. Eher philosophisch das Ganze. Um das Sich-Wundern geht es. Sich wundern über Schönheit. Schönheit sei ein Wunder Gottes, sagt der Kirchenmann. Der Göttinnen, ergänze ich für mich, wenn schon. Kann Schönheit absichtlich sein?, überlege ich. Gibt es zufällige Schönheit? Und wenn ja, wer shufflet sie?

Bei meinem Vortrag sehe ich in lauter interessierte Gesichter. Macht Spaß irgendwie. Doch sobald es sich mit den Gepflogenheiten der Höflichkeit vereinbaren lässt, verabschiede ich mich. Sehe, dass im Kollekte-Korb schon ein paar fette Geldscheine liegen und hoffe, dass die geputzten Klinken eine Weile weiterglitzern.

Im Auto Schönschuhe aus- und Alltagsschuhe anziehen. Spionin und Kirchgängerin lasse ich nicht einsteigen.

Zu M. fahren, die in der Nähe, auf der anderen Seite der Limmat, wohnt. Spontanbesuch, erst gestern beschlossen. Obwohl ihre sechsundneunzigjährige Mutter zu Besuch ist, die ich fast ebenso lange kenne wie meine Freundin M..

Jedes Mal, wenn ich die alte Frau sehe, glaube ich ein bisschen, dass alt werden schön ist. Die letzten paar Jahre waren die schönsten meines Lebens, sagt sie. Ich habe immer gemacht, worauf ich Lust hatte. Wandern zum Beispiel. Jedenfalls bis zum Unfall an Pfingsten, von dem sie sich nur allmählich erholt. Ihr Temperament lässt sich kaum bändigen und geduldig zu sein fällt ihr schwer. Die Zeit läuft ihr davon, dünkt es mich. Und bei der Abschiedsumarmung orakelt sie, ob es wohl das letzte Mal sei …

Beim Essen hat sie von ihrem früheren Beruf als Telefonistin erzählt. Obwohl sie doch viel lieber Turnlehrerin geworden wäre. Ich sehe das Kabelgewirr vor mir, während sie redet. Sehe, wie sie Leitung A mit Leitung B verbindet. Irgendwo im Hintergrund eine Kontrollinstanz, die ihre Arbeit überwacht hat.

Später spazieren wir an die Limmat, lassen die alte Dame auf einer sonnigen Bank Platz nehmen und drehen eine Runde von Brücke zu Brücke. M. hat viel erlebt, seit wir zum letzten Mal ausgetauscht haben. Ich auch. Freundinnen sind einfach eine geniale Erfindung. Im Gegensatz zur Zeit, die auch uns davon fließt. Wie die im Sonnenlicht glitzernde Limmat.

Bekenntnisse

Zuerst das Zweite. Ein Coming-Out: Ich bin temporäre Soziophobikerin. Ah. Jetzt ist’s raus. Tut gut. Nein, verstehen muss das niemand. Ich tu‘s ja selber nicht. Die Schübe überfallen mich vor allem in großen Menschenmassen. Können aber auch kleine sein. Oft vermeide ich sie natürlich und sie treffen eben auch nicht immer ein, will heißen, nicht in allen Menschenaufläufen drin. Also sind wohl noch andere Voraussetzungen nötig. PMS zum Beispiel. Oder lunare Launenhaftigkeit. Und anders geartete Dünnhäutigkeiten, verursacht durch Leistungsdruck oder Überforderung. Und natürlich das Wichtigste: zu wenig Zeit und Ruhe. Zu wenig Rückzug. Zu wenig Schlaf.

Migros Köniz nach Feierabend. Na ja. Ich wüsste es eigentlich. Meiden! Jedenfalls an Tagen wie heute. Doch wo ich schon mal vorbei fuhr, an diesem Konsumtempel … Natürlich weiß ich inzwischen, wie ich diese Schübe bannen kann. Musik in den Ohren ist eines der probatesten Schutzmittel. Mir mittelfristige Ziele versprechen, ein anderes. Will heißen, mich auf später vertrösten, auf die Zeit nach dem Stress. Immerhin hat sich der Migros-Besuch wegen der Bilderrahmen gelohnt. Dennoch: Herzklopfen, Cortisolüberproduktion, Adrenalinschub. Panik. Mikro-Paranoia. Kommt mir alle bloß nicht zu nahe, ihr anderen. Drängelt doch nicht so. Wieso geht’s denn nicht vorwärts? Und wieso ist ausgerechnet mein neues Fahrrad-Gummispannset mit einem Code angeschrieben, den die Kasse nicht lesen kann? Wie lange dauert das denn noch?

Rückblende. Oder erstens. Noch ein Coming-Out: Ich tauge definitiv nicht zur Entertainerin und Schauspielerin. War heute zur Textleseprobe bei Pfarrer H. in der Kirche. Stammlesende ahnen, worum es geht.

Schei…schei…schei… hätte ich doch damals bloß nicht zugesagt, anlässlich dieses Erntedankgottesdienstes einige meiner Texte vorzulesen. Ihr müsst wissen, dass ich mit der Kirche nichts am Hut habe. Und dass ich Orgelnmusik hasse. Alles zieht sich in mir zusammen, wenn so ein Teil zu lärmen beginnt. Der Bauch verkrampft sich. Warum muss der Organist auch ausgerechnet heute proben, wo H. und ich doch die Akustik der Kirche testen wollten? Ooops, mit Funk-Mikrophon? Wo ist denn hier der Notausgang?

Ja, ich habe zugesagt, murmle ich, und: Nein, ich werde nicht aussteigen! Schließlich wurden Flyer gedruckt. Mit meinem Konterfei. *grmpf* Der Raum ist schrecklich hoch. Das Echo macht, dass ich langsamer als langsam lesen muss. Meine Geschichten entgleiten mir, resonieren nicht mehr in mir drin. Leer und hohl wirken sie, denn H. unterbricht mich bei jedem nicht verstandenen Wort. Meine Nerven sehe ich bald schon wie blankgeschälte Kupferkabel vor mir. Ich sage H., dass ich am liebsten alles abblasen möchte. Wir zoffen. Auch Pfarrer sagen so Sachen wie: Es schei…t  mich langsam an. Irgendwie tröstlich.

Meine zweite Kurzgeschichte versteht er in ihrer Aussage und Absicht nicht. Den Bogen nicht, die Stilmittel sowieso nicht und die Pointe ist beim ihm hundertachtzig Grad verkehrt angekommen. Kein Empfang für subtile Ironie. Ich mag diese Geschichte, will sie nicht mit ihm analysieren und werde sie deshalb nicht vorlesen. Dennoch zweifle ich an mir. Und ich trotze. Verhalte mich rebellisch. Motze. Zicke. Diva-Allüren?

Nein, ich bin nicht geschaffen für so was. Bin nicht gesellschaftstauglich. Nicht an Tagen wie heute. Lautes Nein! Ich will im stillen Kämmerchen schreiben. Ich will nicht auftreten. Ich will für Lesende schreiben, nicht für Hörende.

Na ja. Immerhin habe ich etwas gelernt: So was nie mehr. Ist doch auch was.

Ge(steins)schichten

Erst kurz nach halb zehn. Freitag – Freier Tag. Habe wenig geschlafen und bin, wie so oft, wenn ich nicht zur Arbeit muss, voller Ideen erwacht. Kippte Wörter aus Kopf und Bauch auf Papier.

Ausgelöst durch das aktuell so intensive Eintauchen in die Lebensgeschichten anderer und einem Gespräch neulich über das Leben früher – vor sieben Jahren zum Beispiel –, zog ich mein damals säuberlich ausgedrucktes Tagebuch aus der schweren Schachtel voller Alltagserlebnisse. Hätte ich besser bleiben lassen, denke ich nach fünf Minuten Blättern im Bett. Heavy Stuff. Nein. Schon gut so. Veränderungen zu sehen tut gut.

Bin das ich, die das schrieb? Die das erlebt hat?

Oktober 2002: Massive Depression. Sinnsuche. Leere. Sehnsucht nach dem Tod. Nach Erlösung zumindest. Suche auf allen Kanälen. Nach Antworten. Spirituellen vor allem. Suche außen draußen irgendwo. Selbstzweifel. Kraftlosigkeit. Lebenskrise. Freundinnen und Freunde werden erwähnt, die mir zur Seite stehen. Kaum mehr Träume. Täglicher Kampf, zu tun, was zu tun war. Die Beziehung zu A. stand kurz vor dem Kollaps. Der Countdown lief bereits. Lars noch am Leben. Blonde Engelslocken. Süße zweieinhalb Jahre alt. Das einzige wohl, was mich am Leben hielt – damals.

War das ich – echt? Und wenn ja welches Ich? Wohin war all die Kraft versickert, die ich heute wieder in mir wahrnehme?

Gut zu wissen, dass aus dem Chaos Neues entsteht. Entstehen kann. Konjunktiv. Es tut sich nicht allein. Trümmer können gesichtet werden. Bücher können geschlossen werden. Und neue geschrieben. Und Seiten gewendet.

Oder sind solche Aussagen wie jene im letzten Abschnitt bloße Augenwischerei? Lebenslügen? Überlebensstrategien? Selbstvera…ung?

Ich spiegle mich in mir selber. Ich jenem alten Alter Ego. Was ich dabei empfinde, wenn ich IHRE Geschichte lese? Mitgefühl. SIE tut mir verd… leid diese Frau! Wie gefangen SIE ist. In sich selber. In den überhöhten Ansprüchen, wie Leben zu sein hätte.

Nein, ganz frei bin ich immer noch nicht von verinnerlichten Mustern und gesellschaftlichen Vorgaben. Doch ich kämpfe nicht mehr. Heute lasse ich zu. Klopfe mir hin und wieder auf die Schulter. Jener Frau, die ich damals war. SIE ist weitergegangen. Irgendwo hat SIE Mut gefunden.

Zwischen Yoga und Dusche noch mehr Papier bekritzelt. Nun Zwetschgenfrühstück am Laptop. Den Schreibtisch voller Zettel.

Sichten. Umschichten. Verdichten.

Schichten I

… dass jeder Mensch das Recht hat, seine Lebensgeschichte zu erzählen, dass es aber nicht jedem Menschen vergönnt ist, es zu tun. Sowie diverse Tricks, wie man es dennoch schaffen könnte, jemandem seine Lebensgeschichte zu erzählen. Indem man zum Beispiel ein Teil seines Lebens dem Postboten erzählt und einen anderen dem Pflegepersonal im Krankenhaus … (Irgendlink am 23.9.09)

Wieso erzählen mir aktuell (siehe auch gestern) alle Menschen ihre Geschichten? F., mein Berliner Nachbar, zum Glück auf höchst unterhaltsame Weise. Von der DDR – nicht zum ersten Mal. Und von den Nonnen, die er im Altersheim gepflegt hat. Anekdoten, bei denen ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll.

Bin weder Pflegepersonal noch Postbotin, doch ganz Ohr. Und womöglich ist es ja meine Aufgabe, aus alledem was zu machen? (Ums Himmelswillen: WAS machen?) Steckt bei jenen, die mir ihre Geschichten erzählen, wohl das gleiche banale Bedürfnis dahinter, das mich Blogtexte weben lässt?

Gestern Nacht notiert:
Für wen schaffen wir Kunst?
Für wen denken wir, was wir denken und aufschreiben?
Für wen schreiben wir?

Und wozu?

Urbedürfnis danach, sich im anderen gespiegelt zu sehen.
Verstanden werden wollen.
Verstehen.
Es versuchen zumindest.

Abfluss

Bin Abfluss heute, der tiefste Punkt der Badewanne.
Anrufe könnte ich heute jederzeit so entgegen nehmen:
Kummerkasten Bern, Sofasophia. Sie wünschen?
Hier XYZ, jammerjammerjammer, können Sie vielleicht …?
*Zuhör. Mitfühl. Ratgeb. Nettsei*. Auf Wiederhören, alles Gute!
Wohin damit …?

Nicht auf meine Schultern laden jedenfalls. Sorgfältig zu anderen sein. Sorgfältig zu mir sein. Echt mitfühlen.
Meine Bürokollegin weint am Morgen vor purer Erschöpfung und Überforderung. Burnout in Sicht.

Und ständig klingelt das Telefon. Noch eine Tragödie. Menschliche Not. Bitte helfen Sie mir!
Wohin damit …?

Pausengespräch. Die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft keine wirklichen Lösungen für menschliche Not hat, beschäftigt uns.
Wohin damit …?

Auch der Abfluss ist nur Durchlass.
Pforte zwischen Sicht- und Unsichtbarem … 

Zum Glück kann ich noch immer an die Wandlung glauben.

hier

Gestern, als ob es nichts wichtigeres im Leben gäbe, offline einen Blogtext in den Laptop gehakt. Zwischen Basel und Mannheim. Über das von mir und Kollege P. organisierte Betriebsfest wollte ich schreiben, das unter dem Strich – trotz Murphys Stolpersteinen – für alle zu einem tollen Erlebnis wurde. Über Pannen und vergessene Pfannendeckel habe ich erzählt und über meine unzähligen Verkehrsübertretungen, die eigentlich Zeit hätten sparen sollen. Über das zuhause vergessene Portemonnaie und darüber, dass ich beim Rückweg – mit dem vergessenen Pfannendeckel – bei allen Ampeln (gewohnt an die Farbe Rot) bereits prophylaktisch auf die Bremse ging. Kollege P. lernte schnell und sagte mir die jeweilige Farbe rechtzeitig an. Kommt davon wenn der Scheff eine mit Grappa abfüllt. Tststs. Doch das versifftes Pfadiheim verdient keine Erwähnung. Ich sage nur Murphy. Über die Illusion des Scheiterns wollte ich schreiben. Und über das Potential darin. Dass es sich mit Mut zum Unperfektsein besser leben lässt.

Doch jetzt, zwei Tage nach dem Fest, einen Tag nach dieser achsowichtigen Schreiberei, ist jener Text kalter Kaffee. Obige Kurzfassung muss reichen. Punkt.

Szenenwechsel: Irgendlinks Garten auf dem einsamen Gehöft. Gartenküche-Bar. Am Tresen. Laptop auf dem Lap. Samstagmittag. Monsieur Irgendlink duscht, während Madame S. ein paar Lebensstunden zu ein paar Zeilen verdichtet.

Im Fall! So einsam ist es hier oben gar nicht. Ich habe bereits die Herren S. und T. kennen gelernt – besser bekannt als Journalist resp. Patient F. und Kollege T., den Tacker-Santiagopilger. Auch habe ich die Stadt mit der größten Krebsrate heimgesucht (und ihr zugehört! Ich sag nur Oktoberfest!). Habe ebendort Bilder und Skultpuren verschiedenster Künstler und Künstlerinnen betrachtet. Und später in Irgendlinks Garten ein Feuer entfacht, das ohne ihn verlöscht wäre. Und MinkaMiez gestreichelt. Und so.

Echt bio

Ich mag sie! Ehrlich! Doch langsam wird es mir zu eng. Na ja, vorläufig geht es noch. Denn immerhin habe ich sie willkommen geheißen, damals, und ihr Platz gemacht. Habe sie sogar wiederholt um Verzeihung gebeten, wenn ich ihren Raum aus Unachtsamkeit und Gedankenlosigkeit missachtet habe. Sogar umgestellt habe ich für sie.

Doch so klein und bescheiden sie sich am Anfang zeigte, so groß und einnehmend verhält sie sich heute. Es liegt in ihrer Natur. Sie kann nichts dafür. Und ich kann nichts tun. Will nichts tun. Weil sie so schön ist.

Doch was, wenn sie noch grösser wird und noch mehr Raum einnimmt? Was, wenn sie mich weiter zurückdrängt? Was, wenn das Netz, das sie spinnt, sich vom Balkon allmählich in meine Küche ausdehnt? In meine ganze Wohnung! In mein Schlafzimmer! Wunderschön zwar, doch so, dass ich mich nicht mehr frei bewegen kann.

Will ich die zarten Kunstwerke nicht zerstören, kann ich nicht mehr so leben, nicht mehr so sein, wie ich bin.

Doch sagt mal ehrlich: Ist sie nicht wunderschön??? Wer könnte ihr schon widerstehen!

SIE_1

Amnesie und Alchemie

Kurz nach dem Aufstehen. Aus dem Spiegel blickt mir eine Unbekannte entgegen. Eine uralte Schwester. So werde ich also später mal aussehen, denke ich kurz. Na ja, schlafen tu ich zurzeit einfach zu wenig. Und ich sehne mich jeden Morgen von neuem nach einer Welt ohne Wecker. Und ohne Uhren, wenn ich schon am Wünschen bin.

Gopf, war das peinlich gestern Abend. Ich saß gemütlich an meinem Tisch und las Zeitung. Viertel nach sieben oder so. Ich war eben aus dem Wald zurückgekehrt, löffelte ein Joghurt und freute mich auf einen Leseabend, als mein Handy bimmelte. Auf dem Display steht „S.“
Ist heute Dienstag?, denke ich. Siedendheiße Erinnerung an einen Eintrag in meiner Agenda.
Na? Kommst du? Ich habe langsam Hunger!,
sagt sie. Na ja. Um sechs Uhr hatten wir abgemacht. Eigentlich. Bei ihr. Zum Abendessen. Und ich hatte mich, riesiges Ehrenwort!, total gefreut. Denn ich mag meine Freundin S. sehr.
Aber ja doch!,
sagte ich. Verzeih. Hab’s vergessen. Minuten später saß ich auf dem Fahrrad und flitzte nach Bümpliz. Und eine Viertelstunde später konnte ich mit S. bereits über mein Versäumnis lachen … Und auf das Leben und unsere Freundschaft anstoßen. Wir genossen den milden Abend bei Kerzenlicht auf der windgeschützten Veranda und freuten uns darüber, dass es uns beide und diesen Abend gab. Einfach weil wir da waren und nicht an Morgen dachten. Der würde eh kommen. Früh genug. Er kommt immer.

Freundinnen und Freunde sind wahrhaftig die beste Erfindung seit es Menschen gibt. Menschen, die mich selbst dann noch umarmen, wenn ich sie vergessen habe und anderthalb Stunden zu spät komme. Und darüber lachen können. Wie S. Oder sie sagen Sachen wie: Mit dir kann frau einfach über alles reden! Wie meine Freundin C., ihres Zeichens Hof-Frisöse, gestern Nachmittag. Oder sie lesen mir die Leviten: Bist du verrückt, Sofasophia? (Worauf ich eifrig nicke. Natürlich. Aber ich nehme ihre Levitenlesung trotzdem ernst.) Manchmal klagen sie mir auch ihr Leid, meine Freundinnen. Freunde mitgemeint. Oder ich ihnen meins.

Gleicher Tag. Stunden später. Nachmittag. Sofasophia im Büro. Noch immer müde. Chaos – will heißen zehn handgekritzeltes Protokollseiten mit Pfeilen und Fußnoten (und Fußnoten von Fußnoten) und dergleichen mehr – auf dem Schreibtisch. Das Telefon irgendwo darunter. Die Sonne stößt sich den Kopf an den Scheiben meines Terrariums. Unbarmherzig ist sie – für alle da. Aus der Büroküche nebenan der Geruch von Kaffee.

Der Donnerstag (unser Synonym für Wochenende) kommt bald!, sagt Kollegin K. zu mir.
Er kommt immer. Sage ich. Und ich glaube daran. Aus langjähriger Erfahrung. Und merke, dass ich mich wiederhole. Endlosschlaufe. Warteschlaufe. Worauf?

Papierkram. Tastatur. Ich kaue an Reizwörtern wie Strategie. Deadline und Event. Und an einem Projekt, das wir gut verkaufen sollen. Würge an Arbeits- und Zielgruppen. Nage an Floskeln wie generieren, akquirieren und aufgleisen. Stelle fest, dass ich bei der frühmorgendlichen Sitzung auf Autopilotin protokolliert habe. Hieroglyphen.

Ich frage mich, was ich hier mache und wieso ich immer so schnell – meistens nach einem Jahr – die Freude an der Herausforderung einer neuen Arbeitsstelle verliere. Obwohl es mir ja ausgesprochen wohl hier ist. Paradox. Meine bisher längste Anstellung dauerte bloß zweieinviertel Jahre. Nein, gekündigt wurde mir noch nie. Von jener pauschalen Team-Kündigung wegen der Schliessung eines Flüchtlingszentrums mal abgesehen.

Leide ich, wie meine Freundin und Leidensgenossin Cs. und ich vor einer Weile analysiert und diagnostiziert haben, an einer Art Arbeitsinsuffizienz? Denn arbeite ich erst eine Weile am selben Ort, fangen jene uralten Sinnfragen von vorne an: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun?

Ich erinnere mich an sterbenslangweilige Französisch-Stunden. Aus dem Fenster blickend, bekam ich nichts mit. Außer dem Wechsel der Jahreszeiten in den Bäumen vor dem Schulhaus. Schluckte dabei schwer an der alles entscheidenden Frage: Was tue ich hier? Was hat das alles mit mir zu tun? Und so weiter. In jedem Job.

Mein Refrain?

Obwohl ich doch schon jahrelang behaupte, dass es nicht auf den Inhalt meines Tuns ankomme, sondern auf Haltung und Hingabe gegenüber diesem Tun! Will heißen, ich könnte als glückliche Putze gehen, würde meine innere Haltung stimmen. Bin wohl dazu einfach nicht erleuchtet genug. Na ja, ich will einfach nicht bloß für Kohle arbeiten, sondern ich will mich mit meinem Tun identifizieren. Siehe „Das Wesen der KünstlerInnenseele“.

Dabei gehört alles, was ich tue, zu mir. Hat mit mir zu tun. Die französische Sprache ebenso wie das Bearbeiten der Materie, die sich über meinen Bürotisch schiebt. Hauptthema und roter Faden meiner beruflichen Tätigkeit: Integration. Immer wieder. Und eigentlich eine gute Sache. Woher also der Widerstand? Sind es das Involviertsein in Dinge, das Nachdenken über Vorgänge, das Grübeln über Prozesse,  kurz gesagt: die Abstrahierung des Lebens auf Abläufe, die mir zuwider laufen? Müsste ich wieder zurückkehren in den sozialen Kuchen, zurück an die Basis, zurück zu den Menschen? Denn natürlich sind es die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Menschen und Buchstaben. Metaphern. Analogien. Gegenteile. Geschichten. Wie ich es doch liebe, tagzuträumen. Zu denken und zu spinnen. Und zu schreiben.

Später. Noch immer im Büro. Noch eine Stunde bis Feierabend. Vorsatz: Will heute früh ins Bett. Mit Fledermausmann. Jo Nesbøs Erstling.

Doch nun zapp ich mich ins Protokoll zurück.

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Später. Zuhause. Ich gestehe, dass mir das Protokollieren gegen Feierabend plötzlich wieder Spass gemacht hat.
Vielleicht, weil ich zwischendrin diesen Text gewoben habe?

Der Rätsels Lösung?
Alchemie: Auf die richtige Mischung kommt es an.

aus alt wird neu

Da! Schau! Fledermäuse! Er räkelt sich neben mir auf der Decke. Zeigt himmelwärts. Ich bin zu spät. Da, wieder eine!

Dafür sehe ich Venus zuerst. Heller Abendstern. Die Dämmerung hat sie enthüllt. Das Plätschern der Aare macht mich schläfrig und ich fühle mich pudelwohl. Ob er sich mir auch so nahe fühlt, wie ich mich ihm?

Wie sehr er sich verändert hat! Innerhalb eines Jahres ist er fast zwanzig Zentimeter gewaschen, hat ungefähr fünfzehn Kilos zugelegt und seine Stimme ist eine Oktave gesunken. Mindestens. Beim Armdrücken habe ich nicht mehr die kleinste Chance. Wie sich das alles zusammen genommen wohl anfühlt? Die kindlichen Züge verlieren sich zusehends. Als häute er sich. Vierzehn Jahre alt sein. Sich selbst dabei zusehen, wie das Kind und der junge Mann um ihre neuen Plätze rangeln.

Welten könnten uns trennen, zumal unser Kontakt aktuell weniger intensiv ist als noch vor ein-zwei Jahren. Doch heute ist die Brücke weit offen. Wie der Himmel. Da! Wieder eine. Diesmal habe sogar ich sie gesehen. Ob Fledermäuse ebenso Glück bringt wie Sternschnuppen?

Als wir zu frösteln beginnen, gehen wir zurück zum Auto. M. an Krücken. Beim Pausenhofgerangel hat er sich den einen Fuß gequetscht. Einer seiner vielen heldenhaften Unfälle mal wieder.

Kaum war ich am späteren Nachmittag eingefahren, stiegen wir in den Keller, wo sich seine Volière befindet. Darin leben unter anderem seine vor drei Wochen geschlüpften Wellensittiche. Sein erster Zuchterfolg! Stolzer Vogelvater, der er ist, stellt er mir zärtlich die flaumigen Küken vor. Entwicklungsbedingt können sie noch nicht fliegen. Aber bald. Einfach so. Doch jetzt wissen sie noch nichts von den Gefahren der Welt und krabbeln mir über Bauch und Rücken, in die Ärmel und reiben ihren Schnabel an meiner Nase. Auf einmal verstehe ich, warum er diese Tiere so mag, mein Patensohn.

Beim Gemüse-Kichererbsen-Pasta-Eintopf, den ich gezaubert habe, schlägt er zu. Und vor, an die Aare zu gehen. Erzählt. Dies und das. Vertrauensvoll wie immer.

Irgendwann später, zur Schlafenszeit, frage ich ihn, ob ich ihm vorlesen soll. Er hat mir von seinem aktuellen Buch erzählt. Wir machen es uns in seinem Zimmer gemütlich und wie früher, in guten alten Zeiten, lese ich vor. Zuerst simultan, hochdeutsch-mundart, doch das Buch ist zu komplex für spontane Übersetzung. Vogelherz. Von Clive Woodall. Eine politische Metapher auf diktatorischen Machtmissbrauch. Ein Heldenepos. Ein Buch wie für M. und für diese Lebensphase geschrieben, will mir scheinen, während ich Seite um Seite lese und mich dem Bann der Geschichte ebenfalls nicht entziehen kann.

Alte Zeit? Neue Zeit? Egal, Hauptsache, dass ich meinen Patenjungen lieb habe. Ich seufze vor Wohlbefinden. Lautlos natürlich. Will ja nicht unkuhl sein, wo er es doch grad mal wieder sein kann.

So findet uns Papa M. vor, vom Ausgang zurück. Er staunt. So was geht bei ihm nicht mehr, sagt er später. Neue Zeiten eben.

Alten Zeiten entsprechend bleiben wir noch lange sitzen. Und ich freue mich – wie so oft – darüber, dass aus Exen Freunde werden können. Neue Zeiten eben.