Hinter der Kamera

Filmen und Fotografieren an sich faszinieren mich, seit ich zurückdenken kann.  Und es ist nicht mal unbedingt der Filminhalt – der aber schon auch, klar –, mehr noch die Technik des Filmens, des Abbildens, der Möglichkeiten, des Schneidens und alles, was damit zu tun hat. Darum bin ich echt dankbar, dass ich am gestrigen Drehnachmittag in Ludwigshafen mit dabei sein konnte.

Das rheinlandpfälzische Regionalfernsehen SWR produziert anlässlich des siebzigjährigen Jubiläums des Bundeslandes eine siebenteilige Reihe über verschiedene spezifische Aspekte des Landes. Henriette von Hellborn, welche die erste Folge zum Themenbereich Heimatgefühle und Grenzen fokussiert, ist bei ihren Recherchen auf Irgendlinks Ums Land-Projekt aufmerksam geworden und hat ihn darum eingeladen, sein Projekt in diesen Film einzubringen und mit seiner Präsenz und Kunst in Text und Bild die unterschiedlichen Regionen des Bundeslandes – einfach dadurch, dass er es umradelt – zu etwas Ganzem zu machen. In dessen ganzer Heterogenität.

Die Begeisterung, die Henriette beim Drehen an den Tag legt, springt auf uns alle über, die wir vor Ort sind. ’Vor Ort’ war das Theater Hemshofschachtel, das in der Tatort-Serie Babbeldasch einen der wichtigsten Drehorte gegeben hat. Was ich bis gestern nicht so richtig begriffen hatte: Die im Film involvierten Theaterleute waren authentisch, drei von ihnen haben wir gestern live beim Dreh erlebt, darunter die wunderbare Frau Mott, die im neuen Film Irgendlink ein Wasser spendiert und mit ihm über Land und Leute, über Sprache und Dialekte fabuliert.

Dass sie uns nach dem Dreh zur gestrigen Abendvorstellung ins Theater eingeladen hat, fand ich total rührend. Nach dem ersten Dreh im Theater – Frau Mott und Irgendlink im Gespräch – sind wir raus auf die Straße, um Irgendlink in Fahrt zu sehen (da habe ich vergessen Fotos zu machen).

Der dritte und vierte Dreh spielen vor dem Eingang des Theaters. Irgendlink, wie er auf den Eingang zuradelt und die Eingangstreppe zum Kellertheater hinuntersteigt, den Helm ausziehend.

Auf Instagram habe ich gestern Abend dazu diesen kleinen Film hochgeladen: Zu Instagram ⇒ hier klicken.

Herr @irgendlink darf die Einstellung „Einparken des Rades und Abstieg zum Theater“ wiederholen. #SWR #Babbeldasch #Ludwigshafen

Ein Beitrag geteilt von Jana D. Murer (@sofasophia_auchich) am 25. Mär 2017 um 15:56 Uhr

Wie oft der Kameramann die Kamera vom Stativ runtergenommen, neu montiert und neu ausgerichtet hat, habe ich nicht gezählt. Viele viele Male. Mal halbhoch, mal am Boden, mal auf einer Schiene, mal auf der Schulter … immer war er auf Achse. Jede Szene wurde mehrmals aufgenommen, damit beim Zusammenschnitt alle Möglichkeiten offen stehen.

Als Schlussszene gibt es ein kleines Interview mit Irgendlink, sein persönliches Fazit als Schlusswort sozusagen.

Ich schaue derweil faziniert zu, mache Fotos und kleine Filmchen, denn es ist eine Freude, dem Fernsehteam bei der Arbeit zuzuschauen. Nur schon diese Ruhe und Konzentration, die der Tonmann mit seinem Fellmikrofon ausstrahlt – einfach klasse. Ein eingespieltes Team, das immer wieder lacht, gemeinsam nach optimalen Lösungen sucht und definitv viel Spaß an der Arbeit hat.

Nach dem köstlichen Abendessen in Alt-Bundeskanzler Helmut Kohls Stammkneipe sind wir durch die Stadt flaniert und haben uns später schließlich unters Theaterpublikum gemischt. Umständehalber sind wir nur bis zur Pause des Theaterstücks ’Ä Schlitzohr zum Vererbe’ geblieben. Auf dem Rückweg haben wir uns mögliche Fortsetzungen und Enden des Stücks ausgedacht. Fortsetzungen zum Beispiel, in denen die Figuren nicht klischeehafte Männer (Machos) und Frauen (relativ dumme, schürzchentragende Kaffeekocherinnen) sondern emanzipierte Menschen gewesen wären. Geworden sind. Aber wer weiß: ob das Publikum dann noch hingehen würde?

Was ich allerdings hunderpro sagen kann: Klasse spielen tun sie! Allen voran Frau Mott mit ihrem Schalk. Applaus und Dankeschön!

#UmsLand mit @irgendlink – Ein Gespräch mit dem Zweibrücker Konzeptkünstler Jürgen Rinck

Eine Grenzerfahrung der ganz besonderen Art hat Jürgen Rinck gestartet. Ums eigene Land, ums eigene Bundesland, radelt er zurzeit. Mit dabei sind natürlich sein Rad und wie immer sein Smartphone. Beide sind essentielle Elemente seiner Livereise-Konzeptkunst. Dank Blog und Twitter sind wir auch diesmal wieder unmittelbar und interaktiv dabei, wenn Rinck unterwegs seine Bilder und Texte kreiert. Auch das von ihm erschaffene Konzept der Kunststraße – alle zehn Kilometer ein Bild in Fahrrichtung aufzunehmen – wird er diesmal wieder umsetzen. Die Kunststraße ist seit über zwei Jahrzehnten seine Hommage an die Straße, an das graue Band, das niemals endet.

Seit der Konzeptkünstler Jürgen Rinck vor bald fünf Jahren das erste Mal Werke der damals noch sehr neuen Kunstbewegung Appspressionismus ausgestellt hat, ist viel geschehen. Rinck nennt diese von ihm mitbegründete Kunstbewegung auch iDogma und meint damit jegliche Kunst, die von A-Z auf einem Smartphone gestaltet wurde. Text oder Bild ist dabei einerlei. Ein Kunstgenre, das er seither stetig weiterentwickelt hat. Kontinuierlich hat sich in den letzten Jahren auch die Software weiterentwickelt – smarte Foto- und Bildbearbeitungstechniken ebenso wie diverse Publikationsmöglichkeiten über soziale Netzwerke. Rinck nutzt einige dieser Plattformen, um sich während seiner Kunstreisen als eine Art gläserner Mensch oder radelnder Avatar zu performen. Über Twitter und Blog können Interessierte so seinen Reisen und seinen Gedanken zum Unterwegssein fast in Echtzeit folgen.

Ich habe ihm zu seiner aktuellen Reise, die er am 9. März 2017 gestartet hat, einige Fragen gestellt.

Was hat sich verändert, seit du vor fünf Jahren zu deiner ersten großen Livereise aufgebrochen bist, um während vier Monaten die Nordsee zu umradeln?

Außenrum hat sich sehr viel verändert, rein weltgeschichtlich. Auch ich selbst habe viel erlebt in den letzten Jahren. Außer ums die Nordsee bin ich unter anderem ans Nordkap und nach Gibraltar geradelt. Die aktuelle Tour dreht sich buchstäblich um das Land Rheinland-Pfalz.

Bei der Nordsee war die Strecke vom Meer vorgegeben, beim Nordkap und bei Gibraltar waren die Ziele ebenfalls klar vorgegeben. Was unterscheidet dein nächstes, geografisch nahes Projekt von den fernen Radreisen?

Das nächste, nahe Projekt gleicht insofern den anderen Projekten als dass ich wieder mein Livereise-Konzept umsetze – das heißt ich schreibe im Blog und auf Twitter und zeige dort auch Bilder von der Reise. Diesmal erkunde ich nur im Kleinen Neuland, nachdem ich das zuvor im Großen gemacht habe. Der große Unterschied liegt darin, dass die Strecke diesmal kürzer ist – allerdings mit um die tausend Kilometern nicht ganz kurz –, aber kürzer als die großen, fernen Europaziele. Und es gibt diesmal keine Grenzen, die ich überschreiten werde, zumindest keine politischen. Bei den anderen Reisen habe ich jeweils nationale Grenzen überschritten, diesmal streiche ich der rheinlandpfälzischen Landesgrenze entlang, auf dem Rheinland-Pfalz-Radweg.

Das Stichwort Grenze drängt sich mir da dennoch auf. Wird das in irgendeiner Form in deinen geplanten Blog- und Twitterberichten thematisiert?

Ja, das ist vorgesehen. Einerseits weil ich selbst sehr nahe an der Grenze lebe, andererseits will ich den Fragen nachgehen: Wie kommt es überhaupt zu Grenzen? Oder: Wie muss man denken, dass man Grenzen wahrnimmt? Es gibt hier ja ganz unterschiedliche Grenzen: Die Stadtgrenze, die regionale pfälzische Grenze, doch Rheinland-Pfalz ist größer. Da gibt es Rheinhessen, Hunsrück, Eifel, Mittelrhein, Westerwald, Saarpfalz und die Pfalz … und je nachdem, wo ich bin, kann ich die Grenze so oder eben anders wahrnehmen. Grenze ist wahrscheinlich auch ein Element, das man nur wahrnimmt, wenn man seinen Standort als solchen wahrnimmt und sich verteidigen will oder von den andern abgrenzen.

Das klingt für mich politisch. Hat Grenze für dich mit Perspektive zu tun?

Ja, auf jeden Fall. Eigentlich sehe ich mich selbst ja als unpolitisch und würde es am liebsten vermeiden, Stellung beziehen zu müssen, doch in letzter Zeit hat sich ja so viel verändert, zum Beispiel in der weltweiten Migration und damit kommt die Frage immer wieder, ob es gut ist Grenzen auf- oder wieder zuzumachen, so dass ich mich diesem Thema nicht mehr entziehen kann. Man wird da quasi eingesaugt in das Politisch-Sein-Müssen.

Das heißt, wir dürfen bei deinem zukünftigen Blogartikeln auch hin und wieder ein politisches Statement erwarten?

Es ist nicht auszuschließen. Ich will nicht groß politisch werden, doch es ist kaum möglich, neutral und unpolitisch zu sein.

Kunst ist für dich also sowohl politisch als auch bewusst nicht politisch? Wie würdest du in diesem Kontext deine Vision von Kunst, von deiner Kunst, denn beschreiben?

Meine Vision ist, dass meine Kunst entsteht, während andere darüber nachdenken (lacht). Ich mache einfach, was ich mache. Ohne den Anspruch zu erheben, dass es gut ist oder dass es überhaupt irgendwie ist. Am liebsten würde ich einfach nur an meinen Projekten arbeiten ohne mich um Ergebnisse kümmern zu müssen, oder um Zeitpläne und um Wertungen. Das sollen andere machen.

Ein kleines Schlusswort: Was ist dein roter Faden in deiner Kunst/Nicht-Kunst?

(lacht wieder) Mein roter Faden ist es, das Alltagsgeschehen zu dokumentieren. Was zählt, ist die Gegenwart.

Ich bedanke mich herzlich für dieses anregende Gespräch.


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Ausgelesen #12 – Sterbenskalt von Tana French

Ich lese seit ein paar Tagen ein weiteres Buch von Tana French. Sterbenskalt heißt es. Ein Thriller. Irish noir. Der Protagonist und Ich-Erzähler Francis Mackey, Undercoverbulle, ist in einem der heruntergekommensten Familien in einem der heruntergekommensten Quartiere Dublins aufgewachsen. Gewalt und Alkohol beim Vater, Gehässigkeiten vom Morgen bis zum Abend von der Mutter. Mit neunzehn abgehauen, untergetaucht, hat er sich gerappelt und ist Polizist geworden.

Dinge sind geschehen – vor fünfzig Jahren, vor zweiundzwanzig Jahren –, die im Laufe der Geschichte nach und nach erkannt und vor meinen Augen zusammengesetzt werden. Dinge, die anders gelaufen wären, wenn damals andere Dinge, frühere Dinge, anders gelaufen wären. Wenn doch bloß damals. (Und ja, hier geht es unter anderem um die Folgen einer katholischen Doppelmoral.)

Nun muss Francis also zurück an den dunklen Ort seiner Kindheit, an den Faithful Place, um den Tod seiner früheren Freundin Rosie, von der er glaubte, dass sie damals ohne ihn weggelaufen ist, aufzuklären. Als Tage später sein kleiner Bruder Kevin unter unklaren Umständen stirbt, geraten Dinge in Bewegung, mit denen niemand gerechnet hat.

Ich gestehe es nur ungern, aber obwohl er ein ziemliches Arschloch ist, mag ich diesen Francis irgendwie, den das Leben so gebeutelt und ihm seine Liebste genommen hat. Wobei ich im Laufe der Geschichte einige Schritte von meiner spontanen Sympathie wegrücke. Damals hätte vieles anders, besser laufen können. Auch was jetzt getan wird, hat Auswirkungen auf alles, was später sein wird, doch Francis ist nicht in der Lage, jene Dinge, die damals falsch gelaufen sind, mit einem empathischen, verzeihenden Blick zu betrachten – nicht die Verfehlungen seiner Eltern, nich die Schwächen seiner Geschwister, um den Schalter gleichsam umzulegen. Ohne es zu merken, wird er seinen Eltern, die er zutiefst verabscheut, in ihrer Gewaltbereitschaft immer ähnlicher. Wenn auch reflektierter. Er schaut sich selbst dabei zu, wie er auf den Abgrund zusteuert. Unaufhaltsam.

Was hindert ihn daran, auszusteigen, die Dinge gut sein zu lassen und das Ganze aus einer übergeordneten Warte zu betrachten? Ist es sein Ruf nach Gerechtigkeit? Persönliche Rache?

Über all den die Mordermittlung betreffenden Passagen, beschäftigt sich Francis mit dem Wohlergehen seiner neun Jahre alten Tochter Holly, die er über alles liebt und die seit der Scheidung vor zwei Jahren bei ihrer Mutter Olivia lebt. Nur die Wochenenden verbringt sie mit ihrem Vater Francis. Dieser versucht seiner Tochter die Realität in gut verdaulichen Häppchen zu präsentieren und bewahrt sie in einer Heile-Welt-Blase. Zweiundzwanzig Jahre lang hat er sein Elternhaus gemieden und auch seiner Tochter kaum etwas von seiner Familie erzählt, um ihr den als Kind und Jugendlicher erlebten Wahnsinn zu ersparen. Nur mit der jüngsten seiner Geschwister, seiner Schwester Jackie, hatte Francis wieder Kontakt aufgenommen. Als er im Laufe der Geschichte erfährt, dass seine Exfrau und seine jüngste Schwester seine Tochter bereits seit einem Jahr – auf deren ausdrücklichen Wunsch hin – mit den Großeltern bekannt gemacht haben und regelmäßig besuchen, wird er unglaublich wütend. Alles, was er vermeiden wollte, ist eingetroffen. Und es wird immer schlimmer, als die kleine Holly, die sich mit den aufgeschnappten Häppchen über den Mord an Rosie nicht zufrieden geben will und nach Zusammenhängen fragt; anfängt, heikle Fragen zu stellen und Geheimnisse zu bewahren.

Ein Buch über die Macht der Manipulation, über Moral und ihre Grenzen, über Doppelmoral, Übergriffigkeiten und seien sie noch so subtil und über die Sehnsucht nach dem ganz persönlichen Glück.

Ein weiteres genial geschriebenes Buch von Tana French, meiner Meisterin der Milieustudien. Der irischen Mentalität. Des Irish noir.

Ausgelesen #11 – Schattenstill von Tana French

Manche Geschichten hallen über die letzten Seiten eines Buches hinaus nach. Mit Schattenstill von Tana French geht es mir so.

Schon der Klappentext ging mir unter die Haut: »Broken Harbour, eine windgepeitschte Geisterstadt voller Bauruinen nördlich von Dublin: In einem der wenigen bewohnten Häuser wird eine junge Familie tot aufgefunden. In den Wänden ihres hübsch eingerichteten Häuschens klaffen rätselhafte Löcher. Detective Mike Kennedy ist überzeugt, dass er den Fall lösen wird, schließlich arbeitet niemand in der Mordkommission so effektiv wie er. Doch Broken Harbour entpuppt sich als erbarmungsloser Abgrund, der auch ihn zu verschlingen droht.«
Quelle: krimicouch

Geht es hier um erweiterten Suizid, fragte ich mich mit Mike Kennedy, dem Dubliner Ermittler, als er das erste Mal den Tatort betritt. Oder ist alles ganz anders, da keine Waffe gefunden wird.

Jennys Sehnsucht nach der perfekten heilen kleinen Welt am Arsch der Welt, Pats Anspruch an sich selbst, seine kleine Familie ernähren zu können und die Rezession, die sowohl Karriere- als auch Lebensträume auffrisst. Familienwahnsinn vom Feinsten. coverfrenchUnd wie passt Conor da hinein, der mehr und mehr sein eigenes Leben verpasst und sich stattdessen ein anderes übergezogen hat? Und Fiona, Jennys Schwester, wie viel weiß sie wirklich?

Wie Wahnsinn entsteht? Hier können wir ihm zuschauen. In den Ritzen des Alltags, aus einem winzigen Sprung, einem Leck, unerwartet. Leise zuerst, allmählich fordernder. Und doch so verdammt alltäglich.

Die ganze Geschichte dreht sich um fast nichts anderes als um die vielen Farben des Sterbens und ist eine der heftigsten, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Zwischen den Zeilen die drängende Sehnsucht danach, anders zu leben. Und nicht mehr zu leben auch. Jedenfalls nicht mehr so. Auch die Sehnsucht nach Dazugehörigkeit trieft aus jeder Zeile.

Die Autorin wechselt virtuos die Erzählebenen, schwenkt von der Gegenwart zurück in Mikes Kindheit, von der Ermittlungsarbeit zur privaten Ebene, in welcher sich Mikes Sorgen vor allem um seine schon als Kind verrückt gewordene geliebte, kleine Schwester Dina dreht, die den erweiterten Suizid der Mutter aus bis heute unerfindlichen Gründen als kleines Mädchen überlebt hat.

Und schließlich ist da noch der junge Detective, Mikes neuer Partner, der die Gerechtigkeit neu erfinden will.

Fragen nach den Grundwerten, nach dem Warum und dem Zufall, nach Gewissen und Wahrhaftigkeit tauchen auf. Wo fängt Korruption an und was kann man ihr entgegenhalten, wenn es ans Eingemachte geht?

Niemals moralisiert Tana French, sie lässt aber ihren Figuren Raum, ihre eigene Sicht der Dinge fühlbar, sichtbar, erkennbar zu machen. Sie zeichnet komplexe Charaktere, eine dichte und dennoch nachvollziehbare, lebendig geschilderte Handlung. Mit ihrer beinahe lyrischen Sprache schafft sie eine dichte Atmosphäre, die diesen Kriminalroman zu einem Erlebnis macht, das nachhaltig berührt.

Am Schluss bleibt Respekt. Am Schluss bleiben auch Enttäuschung, Traurigkeit und eine leise Verzweiflung drüber, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Die Unvermeidlichkeit der Dinge.

Trotz allem fühle ich mich nicht nur aufgewühlt, erschöpft und traurig trotz der schweren Kost. Ich fühle mich auch irgendwie ein bisschen besser verstanden in meiner eigenen Geschichte, die auf einigen Ebenen mit dieser hier resoniert. Verständnis, ja. Schmerzliche Erleichterung, sozusagen.

Ausgelesen #10 – Hannes von Rita Falk

Nun ja, mit den Dampfnudel-Krimis von Rita Falk bin ich ja nie warm geworden, obwohl Freundin L. mir immer vorgeschwärmt hat, wie viel Spaß sie ihr machen. hannesAls Hörbücher. Mag ja sein.

Aber ich bin nun mal einfach keine Hörbuchhörerin, keine Radiohörerin. Keine Ahnung, warum mir dieses Medium nicht behagt. Und als Leserin war mir jedenfalls dieses bayrisch anmutende groteske Geschwurbel nicht geheuer. Zu unliterarisch. Und ich habe es wirklich versucht. Eine Seite lang.

Hannes sei aber gaaanz anders, sagte Freundin L. so lieb und voller Überzeugungskraft, dass ich das Buch annahm und zu lesen versprach.

Letzten Sonntag habe ich es schließlich verschlungen. Nun ja, literarisch anspruchsvoll ist es zwar nicht, aber es ist reiche, reichmachende, tief berührende Herzliteratur. Nicht auf die zuckersüße, herzrosafarbene, rosamundehafte und romantische Weise, sondern … hm, anders.

Uli, ein fast zweiundzwanzigjähriger Zivi, wird eines schönen Februartages auf Motorrad-Tour mit Freund Hannes Zeuge des schweren Unfalls, den sein Freund trifft. Hannes liegt viele Monate im Koma. Uli schreibt ihm Briefe, damit Hannes, wenn er wieder ins Bewusstsein zurückkehrt, nichts verpasst hat, sondern sich lesend schlau machen kann.

Ulis Briefe sind so echt, so warm, so hoffnungsvoll, so liebenswert, so liebevoll, dass mich immer mal wieder schauderte. Uli erzählt aus seinem Zivi-Alltag in einer privaten Klapse, die er Vogelnest nennt, erzählt aus dem Leben seiner Zöglinge, erzählt von den gemeinsamen Freunden und von Nele, Hannes’ Freundin , die schwanger ist. Vielleicht von Hannes, vielleicht von Kalle, der sie seit des Unfalls hingebungsvoll tröstet. Was Uli empört. Wie können die beiden!?

Nein, weiter erzähle ich nicht. Die Geschichte nimmt auf eine Weise ihren Lauf, die für mich sehr glaubwürdig ist. Und die, so ahne ich, kaum jemanden kalt lässt.

Kurz: Eine Hommage auf eine Männerfreundschaft, die selbst der Arzt im Krankenhaus ganz außerordentlich toll findet.

Depression zwischen Buchdeckeln #2 – Depression abzugeben von Uwe Hauck

Vor etwas über drei Jahren habe ich meine erste Buchrezension über ein Buch zum Thema Depressionen gebloggt. Kathrin Weßling hat mich damals mit ihrem biografisch eingefärbten Roman Drüberleben mehr als nur tief berührt. Auf hohem literarischem Niveau erzählt sie in Romanform über eigene Erfahrungen. Doch es muss kein Roman sein, denn über erlebtes Leid zu schreiben, über  Depression zu schreiben, wirkt zum einen selbsttherapeutisch zum andern ziehen auch andere Menschen – Betroffene ebenso wie Interessierte – heilsamen Nutzen aus solchen Büchern.

Depression ist noch immer eine Krankheit, die nur bedingt heilbar ist und oft freitödlich endet, obwohl die Möglichkeiten, Depressionen zu therapieren, gewachsen sind. Depression ist eine Art Krebsgeschwür, das in der Seele wuchert – oft heilbar, manchmal auch nicht – und darum ist es wichtig, darüber zu sprechen, zu schreiben, zu lesen. Für Betroffene, um ernst genommen zu werden und mehr Lebensqualität zu finden; für Nichtbetroffene, um besser zu verstehen.

Auch die Möglichkeiten, sich über Depression auszutauschen, sind dank sozialer Medien gewachsen. Zum Beispiel auf Twitter. Mit Hashtags, also Schlagwörtern, wie #notjustsad oder #ausderklapse.

Cover Buch von Uwe HauckDen zweiten dieser beiden Hashtags hat Uwe Hauck kreiert, als er sich nach seinem Suizidversuch vor bald zwei Jahren entschied, mit Hilfe von Klinikaufenthalten den Weg zurück ins Leben zu wagen. Zu twittern, so schreibt er wiederholt, sei Teil seiner Therapie gewesen.

Gleich zu Anfang seines sehr persönlichen Erfahrungsberichtes stellt er seinen erfolglosen Versuch, sich das Leben zu nehmen. In Rückblenden zeigt er uns, wie es soweit kommen konnte. Dabei taucht er mit uns Lesenden sowohl in seine Kindheit als auch in sein berufliches Umfeld ein.

Als ebenfalls von der Krankheit Betroffene beeindruckt es mich, ihm bei seinem rasanten Wechsel der Perspektiven zuzuschauen. Damit meine ich weniger seine Sprünge auf der Zeitachse als die Erzählperspektiven, die er fliegend wechselt. Eben noch der rational denkende Mensch, der sich selbst analysiert, versteht, auswertet, taucht er unvermittelt in Grauzonen ein, in diesen Raum zwischen rationaler Auswertung einer Situation und emotionaler Bewertung und Beurteilung derselben. Oft genug Verurteilung. Blitzartig wachsen aus Selbstverurteilung düstere Wahrnehmungen, Interpretationen, Misstrauen, die in von Schmerz gesteuerte Gedanken, Worte und Handlungen münden. Hoffnungslosigkeit und Hoffnung auf der gleichen Schaukel, mal die eine oben, mal die andere.

Wir erleben an seiner Seite mit, wie er zuerst in der geschlossenen, später in der offenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik den Weg zurück in einen lebbaren Alltag angeht, unterstützt von seiner Frau und seinen drei Kindern. Auf diesem Weg macht er auch in einer Tagesklinik an seinem Wohnort Station und erlebt eine Rehaklinik von innen. Sein Erzählton wechselt von persönlich, herzlich und betroffen fließend zu ironisch und augenzwinkernd, bitterböse. Eben noch hat er sich mit Floskeln selbst Mut gemacht als ihn auch schon eine neue Panikwelle überflutet. Galgenhumor wechselt sich ab mit kostbaren Erkenntnissen, die er in seinem Tagebuch festgehalten hat. Diese ganze Palette eben von Angst und Unsicherheit, gepaart mit Hoffnung und dem Mut des Verzweifelten.

Zwar ging er die Sache mit dem Aufenthalt in pychiatrischen Einrichtungen sehr unbedarft an, dennoch kleben am Anfang viele Vorurteile an ihm, die er sich mit seinen persönlichen Erfahrungen teils bestätigt, teils aufhebt. Mich berührt, wie er die Kollegialität unter den Patientinnen und Patienten und ihre Natürlichkeit im Umgang miteinander und mit den eigenen Krankheiten  seiner Abteilung erlebt.

Kritik am Ärzteapparat, an der Ressourcenknappheit, an Maßnahmen und Therapien und an der Betreuungsstrategie an sich kommt in eher leisen Tönen daher, teils pauschal, teils differenziert. Doch Hauck benennt auch die erfreulichen Seiten, insbesondere das Engagement der Betreuenden.

Alles in allem macht Uwe Hauck (Twitter: @bicyclist) Mut, sich selbst nicht aufzugeben. Ich schließe darum mit einer herzlichen Leseempfehlung und einigen Zitaten aus dem Buch.

Über die Depression:

Was immer man erlebt, wird erst durch einen Filter gejagt, das Positive entfernt, und was dann im Verstand ankommt, ist eine grauschwarze Melange von Trostlosigkeit und Katastrophenvorahnungen. Dazu noch diese Angst, dass eine der Katastrophen eintrifft, die man sich in aller Konsequenz ausmalt.

Man will ja nicht tot sein. Man möchte nur das Leben nicht mehr, das man zu dem Zeitpunkt führt.

Die Gedanken werden wieder zu Selbstläufern.

»Aber ich fühle mich gar nicht krank. Traurig, ja, aber so richtig krank nicht wirklich«, erwidere ich.
»Bist du aber, sehr schwer, fast todkrank.« Sie blickt mich an und nickt.
»Schon, aber wenn ich mir ansehe, was hier sonst zum Teil für Schicksale behandelt werden, dann geht es mir doch verdammt gut.«

@bicyclist Depression ist wie ein Gefängnis für gute Gedanken. Nur sind die guten Gedanken ausgesperrt. #notjustsad #ausderklapse

In mir rumort es, ich spüre, wie sich mein Magen verkrampft und meine Glieder kribbeln, als wollten sie einen Marathonlauf zurücklegen. Dieses Gefühl hasse ich, weil ich es nicht kontrollieren kann. Und weil ich dann nicht für meine Reaktionen garantieren kann. Erst als ich mit meinen Medikamenten befüllt im Bett liege, komme ich langsam runter und zu mir.

Über das Leben in der Klinik:

Überhaupt, das wirst du bald merken, sitzen hier keine Dummköpfe, die nix im Kopf haben, sondern lauter Leute, die eher zu viel im Kopf haben, zu viele Gedanken, Ängste, Sorgen, Traurigkeiten(, sagt ein Mitpatient.)

»Aber es gibt da draußen doch auch sogenannte normale Menschen, die keinen Dachschaden wie wir haben. Wie haben die das hinbekommen?«, fragt Laura.
»Na, die hatten zum Beispiel keine Scheißkindheit. Die haben nicht allen möglichen Mist ertragen müssen.« Zum ersten Mal merkt man Elke die versteckte Wut an.

Zusammenfassend sei gesagt …

»Kauen Sie auf einer scharfen Peperoni«, rät sie mir. Funktioniert, stelle ich mir aber mitten in einem Meeting im Büro durchaus lustig vor, genauso wie den Druck auf einen Schmerzpunkt an der Hand: Das daraus resultierende schmerzverzerrte Gesicht könnte falsch gedeutet werden.

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: Wenn ihr schwarze Gedanken habt, am Sinn eures Lebens zweifelt oder Panik und Angst euch immer wieder lähmt, sucht euch Hilfe. Ihr seid nicht schwach, wenn ihr euch Hilfe holt. Ihr seid klug und so mutig, eure Dämonen zu bekämpfen. Das ist ein Zeichen sehr großer Stärke.
Das alles wird mir nie wieder passieren, ganz sicher …
Hör auf, du lügst ja schon wieder.
@bicyclist Dein Leben ist ein Roman, für dessen Happy End du selbst verantwortlich bist.

Ausgelesen #9 – Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Buchcover PicoultIn Jodi Picoults Buch Bis ans Ende der Geschichte (Original: The Storyteller) kommt das Wort Geschichte in seiner ganzen Mehrdeutigkeit zum Zug. Anders als die beiden englischen Wörter Story und History, die zum einen auf die reale, historische, zum anderen auf die fiktive Möglichkeit einer Geschichte hinweisen, können wir unser Wort Geschichte hier gerne als ein Wort mit Vorsilbe interpretieren. Ein Geschiebe, ein Gespinst, ein Geschichte, ein Aufeinandergeschichte, ein Nebeneinandergeschichte von Dingen, von Menschen, von Erfahrungen, von Erzählungen – das erfahren wir in diesem Buch hautnah. Nicht nur erzählt Picoult meisterhaft – wie schon im von mir hochgelobten Buch Die Spuren meiner Mutter –  parallalel mehrere Geschichten, hier jene der Hauptfiguren Sage, Josef, Leo und Minka, auch erzählt sie als weiteren Strang die abenteuerliche Gruselgeschichte nach, welche Minka vor siebzig Jahren im KZ buchstäblich das Leben gerettet hat.

Die fünfundzwanzigjährige Sage ist Bäckerin aus Leidenschaft. Seit einem Autounfall, an deren Folgen ihre Mutter gestorben ist, fühlt sie sich schuldig, weil sie den Wagen gelenkt hat. Als eine Art Selbstbestrafung besucht sie nun schon set drei Jahren eine Trauergruppe, wo sie den über neunzigjährigen Josef Weber kennenlernt. Trotz des großen Altersunterschieds spüren die beiden die geheimen Wunden des jeweils andern und werden schließlich Freunde. Josef erzählt Sage eines Tages seine schreckliche Geschichte und bittet sie um einen höchst ungewöhnlichen Freundschaftsdienst. Doch das Geheimnis ist für Sage zu groß und sie holt sich Hilfe beim Anwalt Leo, dem sie sich – obwohl sie eine Eigenbrötlerin ist – nach und nach öffnen kann. Mit Leos Unterstützung gelingt es Sage endlich, ihre Großmutter, eine KZ-Überlebende, dazuzubringen, ihnen ihre Geschichte zu erzählen.

Mit unglaublicher und brutal schmerzhafter Detailtreue und Glaubwürdigkeit bringt Jodi Picoult uns vier so unterschiedliche Lebenswege nahe. Aus unterschiedlichen Perspektiven sehen wir die Wirkungen dieser Menschen aufeinander. Umrahmt wird alles von Auszügen aus Minkas Gruselgeschichte, die sie in den ersten Jahren des Krieges, damals noch in vermeintlicher Sicherheit, zu schreiben begonnen hat. Selbst im KZ hat sie, auf die Rückseiten von Fotos, weitergeschrieben und erzählt.

Am Ende der Geschichte und am Ende aller Geschichten ist alles anders. Und wir wissen nicht, wie die Geschichten zu Ende gehen; weder die aus Minkas Notizbuch, die sie nach dem Krieg erneut aufgeschrieben hat, noch jene, die im Buch stehen, das ich eben gelesen habe.

Eine Gesichte gekonnt in einer Geschichte zu verpacken ist eine große Kunst, doch hier gleich liegen fünf Schichten – was sage ich da? zig Schichten! – nebeneinander, weitesgehend kunstvoll verwoben und dennoch auch ein bisschen so chaotisch wie all die Leichen, die Minka in den KZ  gesehen hat. Und über die sie siebzig Jahre zu reden verweigert hat.

Ein Buch über Schuld und die Idee des Verzeihens, über Freundschaft, Familie und Liebe und auch ein Buch über die Sehnsucht nach all jenen Menschen, die nicht mehr da sind.

Postfaktische Alternativen

Wirklichkeit – was spinnst du?
Fakt – was richtest du an?
Wahrheit – was weißt du?

Alternative Wirklichkeit_en.
Alternative Fakt_en.
Alternative Wahrheit_en.

Brauchen wir euch?

Grenzen fließen
und was einst war, ist jetzt, ist morgen, ist immer, ist nie.

Wörter nur?
Mehr als Wörter?
Sprache ist magisch.
Sprache skizziert den Unterschied.
Sprache zerstört.
Sprache heilt.
Sprache wandelt.
Sprache wandelt sich.

Sprache spricht.
Spricht Sprache wahr?
Spricht Sprache unwahr?

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Dazu teile ich heute hier drei sehr unterschiedliche Beiträge, die mich in den letzten Tagen sehr angesprochen haben.

Zuerst überlasse ich herzlich dankbar Luisa Francia das Wort:

luisa in one mysterious world – 23.01.2017 um 06:35:51

Es gibt eben nicht eine wirklichkeit, eine erklärung für alles, eine wahrheit und wir müssen mit dieser sehr komplexen situation fertig werden, dass sich ständig schichten von wirklichkeitsebenen reiben, ineinanderschieben, einander aufbrechen, auflösen.

Obwohl sie diesen prozess dauernd erleben, wollen die meisten menschen das nicht akzeptieren. Sie sehnen sich nach einer fixierten wirklichkeit, die von einem „starken mann“ z.b. geregelt und verantwortet wird. Illusion ist eben auch eine wirklichkeitsebene,.Illusion, die feige version der vision, die im kreativen prozess erstarrt und steckenbleibt, unfähig wild und ungezähmt den faden der vision in die neue wirklichkeit zu spinnen.

In der sibirischen schamanischen kultur gibt es keine vergangenheit und keine zukunft. Alles ist jetzt und die möglichkeiten des jetzt liegen übereinander, aufeinander, während ich erzähle, erschafft sich diese struktur zu einer ebene die jetzt passiert. Jetzt.

Mit acht jahren bekam ich zu weihnachten ein märchenbuch „die güldene kette“, darin wirklichkeitsentwürfe aus aller welt und vielen zeiten, die weisheit, dass man helferwesen aus vielen schichten der wirklichkeit braucht um das aufeinanderprallen von welten und wirklichkeiten zu überstehen, die erkenntnis dass niederlagen der beginn einer grossen schöpferischen energie, dass ruhm, reichtum und sichtbarkeit der beginn einer zerstörung sein können, dass ohne das eintauchen in die magische wirklichkeitsebene das leben ziemlich anstrengend und langweilig sein kann. Bis heute nähren und lehren mich diese geschichten, weil es eben keine zeit, keine vergangenheit, kein vergehen gibt. Alles entsteht jetzt. Es geht darum das jetzt zu erschaffen, mit der weisheit und dem reichtum von allem.

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Den zweiten Beitrag leihe ich mir dankend von LARA PALARAs Ort der vorläufigen Wahrheiten aus:

Neusprech und Neuseh

Bildergebnis für Capitol

Ist mir die Wirklichkeit nicht zugeneigt, muss ich sie eben erst noch erschaffen, wird sich Donald Trump gedacht haben, als er seine Sprecherin von alternativen Fakten über die Besucherzahlen bei der Inauguration verkünden ließ. Was zur Hölle sind alternative Fakten? Ist das nicht Neusprech?

Aber, Trump betreibt nicht nur Neusprech, sondern auch Neuseh! In einer von Bildern regierten Welt ist das nur konsequent. Dies sei das grösste Publikum gewesen, das je bei einer Vereidigung dabei war, ließ Trump verkünden, obwohl die Luftaufnahmen eindeutig das Gegenteil beweisen, nämlich, dass der Menschenauflauf im Vergleich zu Obama ziemlich dürftig war. Aber, da die Medien bekanntlich Krieg gegen Trump führen und ihm mit Wonne jederzeit eins ans Bein flicken wollen, könnte Trump einfach behaupten, die Bilder seien manipuliert. Da muss eine Verschwörung im Gange sein, werden sich seine Anhänger in ihren heruntergekommenen Mobilehomes denken, irgendwo im Nichts, aber stolz darauf Bürger zu sein, genau so wie Donald Trump es war. Da wo es nichts gibt und so schnell auch nichts mehr werden wird ist so eine Verschwörung schon was Feines.

In seinem Buch The Myth oft the State geht Ernst Cassirer der Frage nach, wie es zu etwas so Absurdem wie dem Hitlerregime eigentlich hat kommen können. Er ist dabei zum Schluss gekommen, dass man einen Mythos wie zum Beispiel: Alle Juden sind Schweine und nur Arier sind die richtigen Menschen, jederzeit herstellen kann, wenn man nur über die richtige Technik verfügt. Die richtige Technik wäre Cassirer zufolge der geschickte Gebrauch der Sprache, die intensive Verbreitung einer Botschaft, die Kontrolle über die Funktion der Sprache, die Beherrschung der Worte in Bedeutung und Inhalt. Das Hitlerregime hat sich damals als allererstes die Sprache angeeignet.

Cassirer warnte davor, dass rationale Kräfte schwächeln, sobald die Gesellschaft instabil wird. Verliere die Gesellschaft das Gleichgewicht, sei die Zeit für den Mythos gekommen. Mythen können Aussagen sein, wie alle Muslime sind Terroristen oder, alle Journalisten sind Lügner. Lügenpresse, ganz klar Neusprech. Wenn man all die, die versuchen, seriös über das Geschehen in der Welt zu berichten, als Lügner verurteilt, hat man quasi freie Bahn. Der Boden der Tatsachen ist dann zu etwas Glitschigem verkommen, etwas Morschem, etwas, das so sein kann aber auch so.

Mythen verhindern, dass wir selber denken. Lässt die Vernunft uns im Stich, bleibt noch immer das Mysteriöse, würde Cassirer sagen. Denn auch das gehört zum Mythos. Einen Rest, den man nicht verstehen kann.

Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen. - George Orwell.

Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.
– George Orwell.

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Und hier, als Sahnehäubchen, noch ein Lesetipp obendrauf:
Danke, Heikeland, für deine Gedanken zu Alternativen Fakten.

Depressionen – zwei Tipps #notjustsad

Heute Abend seid ihr herzlich eingeladen – so ihr in Hamburg oder der Umgebung wohnt oder hinfahren könnt oder wollt –, einer Lesung über das Leben mit Depressionen beizuwohnen. Markus Bock, der in seinem Blog, auf Twitter und in seinem Buch (Link folgt) über sein Leben als von Depressionen betroffener Mensch erzählt, wird persönliche Erfahrungen teilen. verbockt - Buchcover In „Die Depression hat mich bestimmt. Jetzt bin ich dran. Vielleicht …“ erzählt Markus ungeschönt von der Gefühlswelt in depressiven Lebensabschnitten. Das Buch ist kein Ratgeber, sondern ein verständnisvoller Tatsachenbericht: Ob der Suizid der vermeintlich letzte Ausweg ist und warum suizidale Menschen nicht egoistisch sind, auch diese Frage versucht er zu beantworten.

Wo? Im Hörsaal in Hamburg, um 18.30 Uhr  > hoersaal-hamburg.de

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Nächsten Freitag, also heute in einer Woche, erscheint Uwe HaCover Buch von Uwe Hauckucks erstes Buch Depressionen abzugeben. Uwe schreibt darin über seine Erfahrungen mit der Klapse, nachdem er seinen Suizidversuch im letzten Moment abgebrochen. Mühsam hat er den Weg zurück ins Leben gefunden. Mit seinem Buch will er aktiv dazubeitragen, das Tabu, das Stigma, das Depressionen anhaftet, aufzulösen. Auch Uwe Hauck bloggt und twittert.

Ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten und werde hier bald über das Buch berichten. Die ersten Seiten haben mich bereits sehr berührt.

Vorbestellen könnt ihr das Buch als Print- und als eBook bereits jetzt in eurer Buchhandlung.

Flussnoten goes Buch

Endlich geht es mit dem Bau des Flussnoten-Buches voran. Wir haben die fürs Buch relevanten Kapitel aus allen im Laufe der Reise entstandenen Blogartikeln ausgewählt und nun redigieren wir die einzelnen Texte sanft. Gruslig, wie viele Tippfehler sich da über die Handytastatur in unsere täglichen Erfahrungsberichte geschlichen haben! Zuweilen schönen wir zwar die Satzstellung ein klein bisschen, was damals, am kleinen Handybildschirm, nicht so elegant ging wie jetzt, am großen Laptop-Bildschirm, doch am Text selbst wird nicht groß gefeilt, die Wander-Authentizität soll ja erhalten bleiben.

Was soll ich sagen? Es macht Spaß! Es ist schön, nochmals in unsere Reise dem Rhein entlang einzutauchen, mich zu erinnern, mich zu freuen darüber, was wir da alles erlebt, gesehen, erlitten haben, was uns gefreut und begeistert hat.

Das Buch wird sowohl als eBook erscheinen als auch als Printbuch mit einem Bildanhang (Selbstverlag, bei epubli erhältlich). Vorbestellen könnt ihr es schon jetzt bei Irgendlink. Erscheinen wird es im Frühling dieses Jahres und ungefähr Fr. 17.-, resp. € 16.- (plus Versandspesen) kosten. Als epub um die Fr. 11.-/€ 10.-.

PS: Das Poster mit 96 Bildern unserer Reise ist noch immer zum Vorzugspreis von Fr. 43.–, resp. € 40.– erhältlich.