Erkennen wir das Echte noch?

»Das Echte ist eine Fiktion, eine idealisierte Vorstellung vor dem Hintergrund unseres Weltbildes. Es ist nur individuell erkennbar.« So twitterte Kai gestern als Beitrag zu meiner Frage nach dem Echten.

Meine Frage ausgelöst hatte eine Werbemail, die mit dem Titel Absolut echt aussehen köderte. Außerdem hatte ich am Abend zuvor auf zdf zwei unterschiedliche SOKO-Folgen gesehen, die beide von gefakten Persönlichkeiten handelten.

Erkennen wir das Echte noch und wollen wir es überhaupt?

Was denn das Echte sei, wurde nach meinem obigen Tweet gefragt. Ehrlich gesagt fand ich ja die Frage viel einfacher zu beantworten als es andere Twitternde offenbar empfanden: Echt ist absolut, nicht relativ, hatte ich denn auch irgendwo geschrieben und ja, davon bin ich im Grunde auch überzeugt.

Echt ist doch einfach, was ist, wie es ist, hatte ich zuerst antworten wollen, aber den zu erwartenden endlosen Diskussionen darüber, ob denn das, was sei, wie es sei, wirklich sei, wie es sei, mochte ich mich dann doch nicht aussetzen und den Fragen danach, was denn schon sei, wie es sei. Und ob es das überhaupt noch gebe.

Ist also wirklich, wie Kai schrieb, nur individuell erkennbar was echt ist? Und nur vor dem jeweiligen persönlichen Hintergrund? Ist es also wirklich mit der Echtheit so ähnlich wie mit der Wahrheit, die letztlich relativ ist, individuell, von unserer Wahrnehmung beeinflusst und persönlich?

Während der Begriff Wahrheit für mich eher mit Werten, mit Unmateriellem, mit Richtlinien und Lebensgrundlagen verbunden ist, assoziiere ich beim Begriff Echt eher Diesseitiges, Sichtbares, Materielles, Zwischenmenschliches. Aber natürlich gibt es für mich deutlich Schnittmengen bei diesen Begriffen. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit als menschliche Charakterzüge zum Beispiel.

Der Berg ist echt, keine Frage. Er ist.
Der See ist echt; und der Fluss auch.
Das Waldstück dort drüben auf dem Hügel ist echt.
Aber ist auch der Baum, den der Bauer auf die Wiese gepflanzt hat, echt? Ist er echt, obwohl er nicht von allein gewachsen, sondern bewusst gesetzt, vielleicht sogar gepfropft worden ist?
Macht ein menschlicher Eingriff in die Natur, in das Wesen anderer Wesen Echtes unecht?
Geht es nicht vielmehr um das Wesen an sich, dieses Ur-Echte in allem und gibt es dieses Ur-Echte überhaupt, wo doch alles – selbst ein kleines Kind – schon auf die eine oder andere Weise verbogen und geformt worden ist? (Man denke an die überlieferten Menschenversuche, als beabsichtigt wurde, herauszufinden, welches die Originalsprache der Menschen* sei.)
Aber – andersrum – kann denn nicht auch Geformtes, Kunstvolles, echt sein?
Ungekünstelte Kunst – ja, geht das denn überhaupt?

So gelangen wir zu Wirkung und Motivation. Wirkung zielt nach außen, Motivation kommt aus dem Innern, aus der Quelle. Denn das Innen ist für mich die Quelle der Echtheit.

Ich bin echt, wenn ich nicht darüber nachdenke, wie ich wirke und wenn ich keine Energie in meine Wirkungsabsicht verschwende. Wenn ich nicht wirken will. Wenn ich ohne Goldwaage spreche und schreibe, ohne Absicht und ohne Hintergedanken. Wenn ich einfach nur sein will, nein, noch nicht mal das: Wenn ich einfach bin. Unverstellt.

So gesehen bin ich natürlich nicht immer echt. Manchmal schütze ich mich und sage nicht immer alles und auch nicht immer genau das, was ich auf dem Herzen habe. Ich wäge ab, denn ich weiß, dass viele Menschen mit zu viel Echtheit und Offenheit nicht wirklich gut umgehen können. Darum beschneide ich mich, denke im Voraus über Sätze nach, die ich besser nicht so sagen sollte, wie ich sie denke und fühle. Weil sie missverstanden, weil sie gegen mich verwendet werden könnten.

Und natürlich bin ich auch mir selbst gegenüber nicht immer ganz echt. Ebenfalls um mich zu schützen. Weil manche Selbsterkenntnisse weh tun. Oder weil ich das, was da draußen geschieht, von mir fernhalten muss, weil es zu sehr weh tut, wenn ich mich damit auseinandersetze. Schmerzbegrenzung, Schadensbegrenzung sozusagen.

Manipulation, Irreführung, Absicht und Vorsatz sind für mich einige Synonyme für Unechtes. Gekünstelt, geschraubt, geschwollen, geziert, gezwungen, manieriert, süßlich, theatralisch, trügerisch, unnatürlich schlägt das Woxikon an Synonymen vor, und erfunden, falsch, gefälscht, getürkt, imitiert, künstlich kitschig, kopiert, nachgeahmt, nachgebildet, nachgemacht, synthetisch, unrichtig, unwahr ergänzt Ein-anderes-Wort.

So weit so gut. Hier also das Echte, dort das Unechte. Aber was tun wir nun mit jenen Dingen, die nur so aussehen, die nur so tun und die daher kommen wollen und sollen als seien sie echt, wie es mir ja die erwähnte Werbemail schmackhaft machen wollte?
Und warum bevorzugen manche Menschen eine Rolle statt der Echtheit? Was ist der Reiz des Fakes? (Warum muss ich jetzt bloß an Fasnacht/Karneval/Fasching denken?)

Jaja, ich weiß: Buisness, Schein vor Sein, Macht, Einfluss, Glitzerwelt, Konsum ankurbeln und Bedürfnisse wecken … oder ist die Antwort gar noch einfacher? → Weil es möglich ist.

Ob nun absolut oder relativ: Ich wünsche mir einfach, dass wir das Echte auch weiterhin erkennen können und vom Falschen unterscheiden. Uns zuliebe.

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* Historische Versuche mit Menschen: Einer Geschichte[2] von Herodot (ca. 490-424 v. Chr.) zufolge, unternahm Pharao Psammetich I. (regierte 664–610 v. Chr.) in Ägypten einen Versuch, die Ursprache der Menschheit zu erfahren.[3] Er gab einem Hirten zwei neugeborene Kinder und befahl, diese so aufzuziehen, dass sie niemals ein gesprochenes Wort vernehmen sollten. Er wollte auf diese Weise herausfinden, in welcher Sprache die Kinder zuerst ein Wort sagen würden. Nach ca. zwei Jahren streckten die Kinder bittend die Hände aus und sagten „Bekos“. Dies hieß in der Sprache der Phryger „Brot“. Der Pharao schloss daraus, dass die Phryger eine noch ältere Rasse als die Ägypter wären. Herodots Geschichte ist allerdings wohl eher dem Reich der Märchen und Sagen zuzuordnen als der Wahrheit.
Das Experiment wurde im 13. Jahrhundert von dem italienischen Chronisten und Franziskaner-Mönch Salimbene von Parma verwendet, um Kaiser Friedrich II. zu verunglimpfen.[4] In dessen Darstellung allerdings starben die Säuglinge frühzeitig mangels Zuwendung.
(Quelle: Wikipedia)

 

Drei Menschen, drei Flüsse, drei Orte

Schon einige Monate ist es her, dass Jürgen aka Buchalov herumgefragt hat, wen er heimsuchen darf, wenn er im August auf seiner nächsten Freunde-Tour den Süden Deutschlands bereist.

Zwar wohne ich ja nicht im Süden Deutschlands, sondern im Norden der Schweiz, dennoch war Buchalov, den Irgendlink und ich bis dahin nur über ein paar Ecken und das runde Internet kannten, als ich auf seine Umfrage hin positiv reagiert hatte, sofort bereit seine Landesgrenzen zu überschreiten.

Vorgestern Nachmittag trudelte er schließlich hier ein. Am Vormittag hatte er gleich noch schnell den Rheinfall aufgetunkt und so brauchte er von der Fahrt erschöpft, dringend eine Erfrischung. Bei Kaffee und Madeleines – natürlich selbst gebacken by Buchalov – führten wir schon bald gemütliche Gespräche und irgendwann fangen wir an Pläne zu schmieden. Der Mittwoch könnte ein Tag der Kunst werden, das hatten wir schon im Voraus angedacht und nun wurden die Ideen immer konkreter. Eine Kunstaktion hoch drei würde es werden und am Wasserschloss würden wir anfangen, dort wo Aare, Reuss und Limmat sich vereinen. Da Buchalov sogar sein Rad mit dabei hatte, stand der Idee, eine kleine Drei-Flüße-Tour per Rad zu machen, nichts im Weg.

Was wir schließlich gestern auch taten. Gegen Mittag radelten wir, bepackt mit Tusche, Stiften, Farben, Pinseln und Papier, los.

Der erste Ort, der Zusammenfluss der Flüsse – hier Reuss und Aare –, inspirierte uns zu vielerlei Texten, Bildern, Wortspielen und Betrachtungen aller Art.

Weil ich Kopfweh hatte, fuhren wir ins nahe Dorf an der Limmat, wo ich Apothekeseidank meine Schmerzen dämmen konnte. Die nahe Brücke, die hölzern und stolz die beiden Limmatufer miteinander verbindet, wurde zum zweiten Ort unserer Kunstbetrachtungen. Wieder malten, schrieben, kritzelten und zeichneten wir, was das Zeug hielt. Diesmal bereits inspiriert von der ersten Runde.

Nach der Brückenüberquerung radelten wir auf der rechten Limmatseite weiter, bis uns eine wunderbare Bucht anhalten ließ. Irgendlink und ich hatten die Badeklamotten dabei und schon bald genoßen wir ein erfrischendes Bad. Letzte Woche, als es auf einmal kühler wurde und es ein paar Tage geregnet hatte, dachte ich schon: Das wars jetzt. Dieses Jahr ist es dir nicht mehr vergönnt, in deinen Lieblingsflüssen zu baden. Nun ja, wegen ’zu kalt’, da ich ein ziemliches Mimöschen bin.

Und nun das! Ich schätze mal, die Limmat hatte dort mindestens 21 Grad, wenn nicht mehr. Kurz gesagt: Perfekt.

Nach dieser erfrischenden Pause radelten wir weiter, immer auf der Suche nach dem dritten Ort für unsere Aktionen. Zuerst über steile und holprige Wanderwege, später wieder auf dem Radweg landeten wir wieder dort, wo unsere Aare-Reuss-Limmat-Tour angefangen hatte: Bei der Spannbandbrücke, die Brugg und Windisch verbindet. Hier setzten wir uns für eine letzte Kunstbetrachtung zusammen, malten, schrieben und tuschten vor uns hin. Schließlich, eine Stunde später, kehrten wir wieder zurück zu mir.

Buchalov nimmt immer eine Mappe mit Bildern auf seine Touren mit. Bilder, die er gerne mit seinen Besuchten tauscht. Nicht einfach war das, bei so vielen tollen Bildern.

Ein toller Tag war das! Wir alle haben es sehr genossen, in der Natur unterwegs zu sein, zu reden, zu schweigen, zu lauschen, gut hinzuschauen und das Wahrgenommene zu verkunsten.

Danke, Jürgen Küster, für deinen Besuch!

Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 4

Schon seit unserem Besuch bei Freunden in Itzehoe geisterte die Idee in unseren Köpfen, dass wir eigentlich auf dem Rückweg aus dem Norden in Kiel ankern und uns Manuel Zints Ausstellung Nawodo anschauen könnten. Die Einladungen dazu hatte er uns bei unserm Treffen anlässlich einer Ausstellung in Itzehoe in die Hand gedrückt.

Dass diese Ausstellung an unsere Erlebnisse auf dem Broager Friedhof anknüpfen würde, ahnte ich natürlich nicht.

Ehrenmal für die gefallenen MännerAuf dem Broager Friedhof in Südjütland haben wir nämlich ein Denkmal der etwas anderen Art gefunden. Dieses Ehrenmal gedenkt der Gräuel und der Opfer des ersten Weltkrieges.  Noch kein sogenanntes Kriegsdenkmal hat mich je so berührt wie dieses.

Auf einem Hügel sind neun? einige Eichen gepflanzt worden. Drum herum, in Gruppen, nach Gemeinden, stehen zig große Steine – je betroffene Familie einer – mit den eingravierten Namen der Gefallenen. Diese Steine haben Jugendliche der Gemeinden 1922 vom Strand geholt, nachdem dieser Landstrich endlich Dänemark angehörte. Wie ich die Steine mit den hundertneunzig Namen abschritt und mir das Leid in den Familien vorstellte, die im Krieg ihre Söhne verloren haben – manche davon zwei, drei, vier, eine oder zwei sogar fünf – konnte ich meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten.

Die Unfähigkeit, adäquat mit Konflikten umzugehen und diese, statt konstruktiv in Lösungen in Gewalt umzuwandeln – diese Unfähigkeit ist Mitursache jeden Krieges, ob klein oder groß. Diese Unfähigkeit hat schon so viele Leben gekostet. Lange noch blieben wir auf der Treppe zum Hügel sitzen und sprachen über die Sinnlosigkeit von Krieg.

Zwei Tage später. In Kiel besuchen wir Manuel Zints Denkmal für den Untergang von Nawodo. Manuel Zint, ein Itzehoer Künstler, verwebt Fiktion und Realität wie kein Zweiter. Auf der Facebuuk-Seite zur Ausstellung steht: »Manuel Zint, Arrangeur nachvollziehbarer Parallelwirklichkeiten, zeigt in dieser Ausstellung das Schicksal der Südseeinsel Nawodo. Während des ersten Weltkriegs zerstörte ein deutsches Expeditionskorps die Stadt Nawodo auf der gleichnamigen Südseeinsel – heute Nauru. Ausgehend von dieser Begebenheit spannt die Ausstellung einen Bogen vom Verlust des Paradieses über die nachfolgende Gedenkkultur bis in die gegenwärtigen (inhumanen) Zustände der Ressourcen- und Flüchtlingspolitik der Industrienationen. In der Ausstellung werden die Phänomene von Deutungshoheit und Inszenierung behandelt; die ausgedachte Geschichte im Sinne einer fiktiven künstlerischen Feldforschung untersucht, interpretiert und angeordnet. Das daraus resultierende System fordert zur Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und Selbstwahrnehmung auf.«

Ein Teil der Ausstellung gilt (fiktiven) Ehren-, Mahn- und Denkmalentwürfen teils fiktiver, teil realer Künstler. Hier kommt Manuel Zints technisch-fachliche und kreative Vielseitigkeit voll zum Tragen. Nicht nur bildnerische Techniken (über Kohle und Aquarell zu Fotografie und Acrylgemälde) werden gezeigt, auch dreidimensionale Werke aus Papier, Kunst- und anderen Werkstoffen wie zum Beispiel Ton kommen zur Anwendung.

All das aber ist letztlich – in seiner ganzen Schönheit, Vielseitigkeit und technischen Finesse – doch nur Mittel zum Zweck. Die Botschaft ist unüberhörbar und passt an diesen nicht zufällig gewählten Ort, an welchem die Ausstellung noch bis Dezember stattfindet. Sie lautet: Krieg ist und bleibt sinnlos und destruktiv.

KriegsspielzeugbehälterDer Flandernbunker, in welchem diese Ausstellung gezeigt wird, ist schon für sich genommen ein Mahnmal – Mahnmal Kilian e. V. – und hat sich zur Aufgabe gemacht, Krieg und seine Gräuel zu thematisieren. In einer Glasbox vor dem Bunker können zum Beispiel Kinder ihr Kriegsspielzeug antikriegsgerecht entsorgen. (Leider ist die Box erst wenig gefüllt … da geht noch mehr!)

Ein Ehrenmal, ein Denkmal erinnert in der Regel an Menschen, die sich geopfert haben. In Kiel haben wir ein U-Boot-Denkmal gesehen, das den deutschen U-Boot-Soldaten, die ums Leben gekommen sind, gewidmet ist. Ich schlucke schwer. Denkmale für Menschen, deren Machthaber den Krieg angezettelt haben, lösen bei mir immer äußerst ambivalente Gefühle aus. Sind nicht auch sie letztllich Opfer und darum würdig geehrt zu werden? Wie viel haben sie gewusst? Hätten sie sich weigern können in den Krieg zu ziehen oder wollten sie es sogar?

Manuel Zint hat einem fiktiven Soldaten, der bei den Gräueln auf Nawodo dabei gewesen ist, eine spätere Kriegszeichner-Karriere angedichtet, da er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kämpfen konnte. Von diesem Soldaten stammt die (fiktive) Zeichnung eines toten Kindes am Strand, das für die spätere Anti-Krieg-Propaganda verwendet wurde (siehe Bilder).

Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen damals und heute verlaufen in dieser Ausstellung fließend. Kolonialismus und die Flucht in eine vermeintlich bessere, sicherere Welt sind heute so aktuell wie damals. Zint verwebt gekonnt und lässt mich betroffen, erschüttert, berührt zurück.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Reiseerinnerungen | #nordwärts im Rückspiegel – Teil 1

Etwas mehr als zwei Wochen lang sind wir nordwärts gefahren. Mit Auto und Zelt haben wir uns über Bundes- und Landstraßen treiben lassen. Sind geblieben, wo es uns gefallen hat; sind weitergezogen, wenn die Möwen uns weiter nordwärts gerufen haben. So fuhren wir aus dem Süden – der Schweiz resp. der Südpfalz – über Bielefeld ins Alte Land Niedersachsen, nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, an die Nordseeküste Schleswig-Holsteins, auf Nordstrand, weiter ins dänische Südjütland (nach Broager um genau zu sein), weiter an der Ostsee bleibend nach Kiel und von da aus schließlich wieder zurück.

Vor zweieinhalb Wochen haben wir im niedersächsischen Stade, das sich als sehr kulturaffine Stadt mit einem richtig schönen Ortsbild entpuppt hat, im dortigen Kunsthaus die Ausstellung von Wolfgang Herrndorf besucht. Sie hängt übrigens noch bis Anfang Okotober und ist echt empfehlenswert. Diese Bilderschau zeigt das bildnerische Schaffen Herrndorfs, der ja vor allem durch seine Romane und sein Blog, in welchem er über seine Tumorerkrankung und deren Auswirkungen auf sein Leben geschrieben hat, bekannt geworden ist. Vor vier Jahren hat er sich entschieden, seinem Zerfall und Leiden mit einem selbstgewählten Tod ein Ende zu setzen. Die gezeigten Bilder stammen aus seinem Nachlass. Sie zeigen seine unglaubliche künstlerische Weite und Vielseitigkeit, die ja auch in seinen Gedanken und Texten sichtbar geworden ist.

Dass er sich als bildnerischer Künstler hauptsächlich mit Auftragsarbeiten – für Satiremagazine ebenso wie für Verlage – über Wasser halten musste, hat ihn, wenn ich seine Texte richtig verstehe, sehr frustriert. Vielleicht darum hat er eines Tages das Malen gelassen und sich dem Schreiben zugewendet. Einen Teil seiner Bilder hat er, so lese ich auf Informationstexten, sogar ein Jahr vor seinem Tod zerstört.

»Es ist Herrndorfs unbestechlicher Blick gewesen, der die Schönheit der Natur, aber auch die Skurrilität des Lebens und die bizarren Facetten der menschlichen Gesellschaft aufdeckte. Er war auch als bildender Künstler ein Beobachter, Gestalter und Erzähler
Quelle: www.museen-stade.de

Wie auch immer: Die Ausstellung zeigt eine Vielseitigkeit, die ich selten so bei einem Künstler gesehen habe. Herrndorf zitiert Klassiker ebenso gekonnt wie er simple Redewendungen in Wortbilder und Comics übersetzt. Von Skizzen zu opulenten Gemälden ist alles da und fast kann ich nicht glauben, dass seine göttliche Komödie ein zeitgenössisches Gemälde ist und kein antikes.

Uns beiden hat es richtig Spaß gemacht, uns in die Bilder einzulesen, ihre Geschichten zu hören, sie zu betrachten.

Die Bilder stammen teils von Irgendlink (leider unabsichtlich mit einer etwas gelbstichigen Fehleinstellung aufgenommen) und teils von mir. Sie werden durch Draufklicken groß [Galerie].

Tipp: Mit der Eintrittskarte zum Kunsthaus können auch das städische Museum und das Freilichtmuseum besucht werden.

„Bist du sicher, Martinus?“ – Theaterstück mit Silvia Bervingas und Matthias Wolf

Die fiktive Tischrede der Katharina Luther, geborene von Bora, aus dem Buch Desdemona – Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen von Christine Brückner wird diesen Sommer zu Ehren des deutschweiten Lutherjahres 2017 von der Schauspielerin Silvia Bervingas Schauspiel und dem Kontrabassisten Matthias Wolf interpretiert. Laaangweilig? Im Gegenteil. Die Rede könnte nicht aktueller sein.

Folgendes schrieben die beiden Kunstschaffenden vorab in der Pressemitteilung zu ihrem Stück:

»Im Lutherjahr 2017 ist der große Reformator und Prediger in aller Munde. Seine Frau Katharina findet dagegen kaum Erwähnung. Dabei war sie maßgeblich für Luthers Erfolg und den Wohlstand der Familie verantwortlich. Aus bescheidensten Anfängen entwickelte die „entlaufene Nonne“ Katharina von Bora und spätere „Lutherin“ eine Art mittelständischen Betrieb in Wittenberg. Sie versorgte ihre fünf Kinder, Gäste, Studenten und Dienstboten. Sie betrieb ein Brau- und ein Waschhaus, eine Art Studentenwohnheim sowie eine große Landwirtschaft. Kurz: Katharina Luther war die auch heute noch aktuelle, unsichtbare, schweigende Frau hinter ihrem erfolgreichen Mann.

In ihrer fiktiven ungehaltenen Rede lässt Christine Brückner (1921-1996) die Frau des weltberühmten Predigers auch einmal zu Wort kommen. Unverblümt, aber immer getragen von großer Zuneigung, äußert sie sich hier zu ihrer Position, ihren Wünschen, Sorgen und Ansichten über Luther und die Zeit, in der sie lebt.«

[Bilder: Draufklick für groß]

 

Wir haben uns gestern Abend in Hornbach unters Publikum gemischt und sind begeistert. Nicht nur Silvias Interpretation der Katharina hat mich überzeugt, auch Matthias’ Neu-Interpretation einiger Kirchenlieder, die aus Luthers Feder stammen, trug dazu bei, dass diese Stunde in der kühlen Kirche zu einem nachhaltigen Erlebnis wurde.

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Silvia Bervingas begann mit Straßentheater, hat ihr Handwerk also von der Pike auf gelernt, und ist seit gut drei Jahrzehnten tätig in den Bereichen Schauspiel (TV und Bühne), Regie, Workshops, Dramaturgie, Lesungen u.v.m. (www.silviabervingas.de)

Matthias Wolf wandte sich nach einem klassisch ausgerichteten Studium an der Musikhochschule des Saarlandes dem Jazz zu und wurde zu einem gefragten Kontrabassisten in der Region und darüber hinaus. In der Zusammenarbeit mit Silvia Bervingas (bisher drei Produktionen) nutzt er die vielfältigen Klangmöglichkeiten des Kontrabasses und führt musikalische Einflüsse von Gregorianik bis Bach, von Jazz bis Minimal Music zusammen.

Weitere bisher feststehende Termine
23. Juni 2017 in der Christuskirche Zweibrücken-Ernstweiler
28. Juni in der Versöhnungskirche Zweibrücken
30. Juni in der Zwinglikirche Zweibrücken-Niederauerbach
17. August in der Stephanuskirche Böckweiler

Beginn jeweils um 19:00 Uhr, Eintritt jeweils 10 €

Flyer zur Veranstaltung mit Bild, Text und Daten

Herzlichen Dank, liebe Silvia und lieber Matthias, für dieses tolle Stück.  Und für das gemütliche Zusammensein danach im Waldhaus.

Viele interessierte Besucherinnen und Besucher wünsche ich euch beiden von Herzen für alle weiteren Aufführungen!

Ausgelesen #14 – Manitoba von Linus Reichlin

Endlich habe ich Reichlins neuestes Buch, Manitoba, gelesen.

Das Buch löst Sehnsucht aus, Sehnsucht nach Wurzeln und nach Ursprüngen einerseits, andererseits aber vor allem nach Ursprünglichkeit, nach mehr Natürlichkeit und mehr Zusammenhang.

Einer sehr gute Buchbesprechung – inkl. Plot/Spoiler – findet sich hier (KLICK). Trotz des Spoilers lohnt es sich auf jeden Fall, Manitoba selbst zu lesen.

Reichlin wechselt fließend die Ebenen legt Ge-Schichten auf Ge-Schichten, die mehr sind und tiefer reichen als der erste Blick offenbart. Was vordergründig wie ein Roadmovie anmutet – alternder, mittelmäßiger Autor auf der Suche nach seinen indigenen Wurzeln im den Weiten der USA – wird nach und nach zu einer ernüchternden Bilanz. Heimat und Heimatlosigkeit liegen näher beeinander als wir denken, schlussfolgere ich mehr als einmal. Rückblicke rücken auf einmal in ein anderes Licht und auch die Wahrheit ist – oder spielt – ver-rückt.

Je mehr sich Max, der Protagonist, in die Geschichten aus dem Tagebuch seiner Urgroßmutter vertieft und mit seinen eigenen Recherchen über das Leben der amerikanischen Urbevölkerung Ende des neunzehnten Jahrhunderts verwebt, desto mehr identifiziert er sich mit seinem Urgroßvater, einem Krieger aus dem Volk der Arapahoe. Er denkt über die Folgen von Einwanderung und Kolonialisierung nach. Über Bräuche, über Kulturen und darüber, ob es sich denn wirklich gelohnt hat, damals, die Indianer zu vertreiben. Wo diese früher in ihren Tipis gelebt haben, steht jetzt ein Burger King und die Menschen hier langweilen zu Tode. Wozu?

Was heute ist, wird in ein paar hundert Jahren, in ein paar tausend Jahren nicht existiert haben. Reichlins existenzphilosophischen Gedanken, die er Max denken lässt, gehen unter die Haut und letztlich bleibt die Frage, was wir alle hier eigentlich verloren haben.

Dazu passt jener kleine Filmausschnitt, den ich gestern irgendwo im Netz gesehen habe, auch aus den USA. Der letzte Schrei: Freiluftyoga mit jungen Ziegen, die zum Beispiel den Yogini über den Rücken laufen – damit die Menschen wieder einmal berührt werden, wieder mit Natur in Berührung kommen, wenigstens in Form von Tieren. So sehr ich Ziegen mag, und Tiere eh, so sehr missfällt mir, dass Tiere zu Dingen, zu Spielzeugen degradiert werden (wobei ich zum Beispiel die Aufgabe von Therapie- oder auch Blindenhunde sehr sinnvoll finde). Aber die Aussage ist unüberhörbar: Der Mensch ist Natur und will sich mit ihr verbinden. Der Dauerstress ist unmenschlich, wir brauchen Entspannung, wir brauchen Natur, wir brauchen Zusammenhänge.

Aber wir haben uns von klein auf daran gewöhnt, in einer immer künstlicheren Welt zu leben, die uns vor den Unbilden der Natur schützt. In der Wildnis, in welche sich Max für eine kurze Zeit zurückzieht, könnten die wenigsten von uns länger als ein paar Tage überleben.

Mit Reichlin frage ich mich, ob diese Entfernung von unseren Wurzeln wirklich das Ziel von Evolution sein kann. Und nein, ich glaube nicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung ist.

Dazu dieses kleine Schlusspünktchen hier:

»Das ist natürlich Ironie und Sarkasmus, aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger dann doch nicht. Wie viele hunderttausende, millionen Jahre Evolution, Kultur und Zivilisation waren eigentlich notwendig, um bei einem so abstrakten Konzept wie Postleitzahlen anzukommen und wie konnte das nur alles so geschehen? Ist das purer Zufall oder lief notwendigerweise alles auf Postleitzahlen hinaus? Wenn wir die Geschichte hunderttausend Jahre zurückdrehen und neu ablaufen lassen würden, würde die Menschheit wieder bei Postleitzahlen landen? Bei Post überhaupt? Oder würde irgendwas komplett anderes passieren?«

Quelle: Schöne Tweets, die man lesen sollte (I) von @noemata auf Der Lampiongarten

Fast wie Ferien

Was für wunderbare Tage mit dem Liebsten! Ich bin so dankbar.

Am Freitag Zürich. Zuerst ein kleiner Schlenker über Höngg, meinem alten Stadtteil (lange her, aber noch immer fühlt es sich ein wenig wie Heimkommen an). Von dort aus mit dem 13er-Tram an den Bahnhof. Ins Landesmuseum. Die Bilder-Ausstellung von Büne Huber, dem Patent Ochsner-Bandleader, die noch bis Ende Woche zu sehen ist, lohnt sich. Sehr!

Danach mit dem Touri-Linienboot ans Zürichhorn. Im Park spazieren und abhängen. Den Booten zuschauen. Beim Chinesen fastfooden.

Am Abend genoßen wir eins der einzigen vier Konzerte die Patent Ochsner dieses Jahr spielen. Aber was für eins! (Von den beiden besoffenen Tratschtussen ein paar Reihen hinter uns einmal abgesehen.) Unique Moments – der Titel passt zur Tournee. Das Sahnehäubchen war ein Gespräch mit der Band-Bassistin Monique, die gleichzeitig wie wir die Ausstellung besucht hat. Ein tolles kleines Gespräch über die Wirkung von Songtexten, Bildern, Metaphern und was berührt und warum. (Und ihre Warnung vor Zeckenbissen am Hallwylersee, den wir beide mögen, werde ich mir zu Herzen nehmen).

Am Samstag der Sonnenberg. Ein tolles Ziel für den Beginn eines neuen Lebensjahres. Eine wunderschöne Wanderung in die Weite, in die Höhe, durch halbwegs kühlen Wald, steil bergan.

Am Abend schließlich ein bierseliges Pizzapicknick am Rheinufer. Mit der lieben Frau Rebis, die auf ihrer Radtour durch die Nordschweiz unsere Wege kreuzte. Das erste kurze Rheinbad des Jahres. Dazu Amberbier vom Kloster Ittingen. Herz, was willst du mehr?

Die Lägern ersteigen vielleicht? Am Sonntag aber erst, weil wir am Samstag dazu zu schlapp gewesen sind. Ein erstes Lägernstück jedenfalls – zugleich unsere erste Jurahöhenweg-Etappe. Fünf Kilometer bergauf, fünf bergab, je dreihundert Höhenmeter rauf und runter – eine Rundwanderung vom feinsten. So langsam bin ich bereit für die nächste Fernwanderung!

Wenig Internet, viel Natur, viel blauer Himmel, viel Luft, viel Liebe … Tut das gut! So kann ich mich einfach am besten erholen.

Toter Winkel – Filmbesprechung

Gerne empfehle ich den Film Toter Winkel aus der ARD-Mediathek weiter. (Klick) Sowohl die Geschichte selbst als auch die schauspielerische Umsetzung aller Beteiligten haben mich überzeugt.

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KLick aufs Bild = Direkt in die Mediathek

»Karl Holzer sucht nach der Wahrheit über seinen Sohn Thomas, der offenbar unbemerkt zum rechten Terroristen geworden ist. Auf der Suche nach der Wahrheit hinterfragt er auch eigenes Handeln. Die Erkenntnis am Ende bleibt vielschichtig.« So beschreibt der Sender diesen subtil aufgebauten Film.

Es waren nicht einmal in erster Linie die intelligenten, natürlichen, glaubwürdigen Dialoge, die mich überzeugten, mehr noch war es all das Unausgesprochene, die Mimik, der Subtext. Visuelle Aussagen, die hinkommen, wo Worte es nicht hinschaffen. Stille Aufnahmen, ohne Worte. Bewegungen, Handlungen, die für sich sprechen.

Eben singt Opa Holzer, Dorffrisör, noch mit seiner Enkelin, während er ihre Haare schneidet, als auf einmal sie Lieder anstimmt, die ihm die Haare zu Berge stehen lassen. Bei der Auswahl des Kaninchens für den Sonntagsbraten erkennt Papa Holzer, dass sein Sohn die rassenbedingten Selektionsmerkmale, mit welchen er wettbewerbstaugliche von -untauglichen Kaninchen unterscheidet, offenbar auch auf Menschen zu übertragen begonnen hat. Holzers Ambivalenz wird körperlich fühlbar.

Die Handlung, die meistens sehr ruhig daher fließt, wirft Fragen auf. Zum Beispiel: Wer ist mein Sohn wirklich?

Längst bin ich Holzers Kopf geschlüpft und suche mit ihm nach dem bimmelnden Handy in der Werkstatt des Sohnes, das ihn schließlich auf eine Spur bringt, die sein Leben auf den Kopf stellen wird.

»Aber das Wichtigste ist doch die Familie!«, sagt seine Frau, als er vor der Wahl steht hin- oder wegzuschauen.

Ihr aber schaut hin! Aber seid gewarnt, manchmal tut es weh.

Das Schönheit-Ding

Dieser Moment, auf den man so lange hingelitten hat, dieser Moment des Todes, muss nun nicht mehr gefürchtet werden. Er ist gekommen und er schuf eine neue Wirklichkeit, eine neue Lücke, mit der wir nun leben lernen. »Der Wind weht weiter«, hat Irgendlink heute getwittert. Das trifft es gut. Weiter ist ja nicht nur ein Synonym für weiterhin, sondern auch ein Komperativ von weit. Und ja, Weite tut unseren Herzen gut. Besonders dann, wenn jemand stirbt. Der Tod liegt im Wesen und in der Natur alles Lebendigen.

Über den Tod und die Möglichkeiten, ihm mit künsterlichen Mitteln zu begegnen, denke ich schon lange immer mal wieder nach. Und über Schönheit und Kunst. Über Vergänglichkeit und Zerfall.

Schönheit kann kein Ziel sein, titelte Klaus Harth neulich eins seiner Bilder. Auch im Buch So geht Kunst! von Grayson Perry geht es um Ähnliches. Auch um den Unterschied von Schönheit und Ästhetik und warum Kunst nicht schön sein muss, Schönheit ihr eher sogar zuwiderläuft. Es geht Perry auch darum, zu zeigen, was Schönheit überhaupt ist, warum wir etwas als schön definieren und wo die Schnittstellen zwischen guter und dekorativer Kunst sind.

Und das alles inmitten einer Gesellschaft, in welcher Schönheit, Schönsein und schöner Schein viel zu wichtig geworden sind.

Bei einem Gespräch letzte Woche, am Lagerfeuer, ging es unter anderem um die Rollen von Schauspielerinnen und Schauspielern und dass letztlich nicht Schönheit über Qualität entscheidet, sondern Ausdruck; diese ganz besondere Fähigkeit, auszudrücken, was in der Rolle drin ist und von innen nach außen transportiert werden will und soll.

Ähnliches diskutierte ich am Sonntagnachmittag mit einer anderen Freundin. Perfektionismus ist ja eine meiner (Un-)Tugenden und nicht nur für mich eher negativ konnotiert. Wer nicht an Perfektionismus leidet, kann ihn nämlich nicht wirklich verstehen. nicht seinen Sinn, bestenfalls seinen Unsinn. Dieser innere Zensor, der mit nichts zufrieden ist, ist sehr mächtig und macht auch mächtig Druck. Erst in diesem sonntäglichen Gespräch wurde mir klar, dass mein Perfektionismus dem vollkommenen Ausdruck, nachdem ich mich sehr sehne und für den ich bis vor kurzem keinen Namen hatte, zuwiderläuft.

Vollkommener Ausdruck nenne ich also ab sofort, wenn es möglichst exakt gelingt, das Innen möglichst ungefiltert, ohne Widerstände, ohne Verfremdungen, nach außen zu bringen, nun ja, eben vollkommen auszudrücken. Ohne Abstriche und ohne nette Opfer zu bringen für KritikerInnen und für all jene, die es lieber nett & dekorativ mögen. Eigentlich ist es ja wie bei der oben erwähnten Schauspielerei: Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, ein vollkommenes Medium der Rolle, der Botschaft, zu sein, die von innen nach außen will. Vollkommener Ausdruck ist, wenn es gelingt, das Innending authentisch zu materialisieren. Egal, ob es schön oder gefällig ist.

Nun ja, ich stolpere noch viel zu oft über die Filter schön und gefällig. Noch verfälschen sie immer mal wieder meinen Von-innen-nach-außen-Transport. Dennoch will ich mich lieber weiterhin diesem Versuch des vollkommenen Ausdrucks widmen als die nie und nimmer erreichbare Perfektion erreichen zu wollen.

Vollkommenheit ist doch auch eine Form von Perfektion, denkst du jetzt womöglich, und fragst dich, wo da der Unterschied sei. Vollkommen ist für mich viel weniger negativ gefärbt als perfekt, es ist für mich der natürliche Zustand von etwas, vollkommen ist für mich eher ein Synonym von natürlich, also nicht aufgepimpt, aufgebretzelt, zurechtgeschliffen, zurechtgepfriemelt, sondern genauso gewachsen. Geworden. Von innen nach außen geholt. In sich vollendet.

Wortklauberei vermutlich. Egal, auch Wörter sind ja letztlich vergänglich.

Die Natur des Menschen und der ganz normale Wahnsinn zwischen Buchdeckeln

Nach vier Büchern von Tana French – ein Hoch auf meine Stadtbibliothek! – brauchte ich gestern dringend Abstand von dieser Schriftstellerin. (Sprich: Ich brauchte ein ganz und gar anderes Buch. Kein Buch wäre natürlich auch eine Alternative gewesen, aber ohne Buch kann ich kaum einen Tag sein.) Ich glaube, ich kenne keine andere Autorin, die die ganze menschliche Ambivalenz, das ganze Gut und Böse im selben Menschen drin, so intensiv fühlbar, so schmerzhaft nachvollziehbar zeichnen kann wie Tana French. Lese ich ihre Bücher, werde ich von der ersten Seite an selbst Teil der Geschichte, ich werde eingesaugt, ich werde verschlungen, geschüttelt, erschüttert, berührt.

Normalerweise bin ich es ja, die die Bücher verschlingt, doch bei Tana French ist es genau umgekehrt. Ich lese und ich leide. Ich lebe mich ins Buch hinein und finde mich wieder. In fast allen Figuren, denn das klassische Antagonist-Protagonist-Muster greift bei French nicht. Selbst die Mörder sind Menschen, Menschen wie ich, wie du. Und eigentlich geht es bei ihr nicht um die Morde an sich, auch wenn diese natürlich die Aufhänger sind, es geht hier um Menschen. Um Wege, um Irrwege, um den ganz normalen Wahnsinn.

Dass ich also nach vier derart intensiven und außerdem sehr dicken Büchern, die ich während der letzten Wochen gelesen habe, ein wenig Abstand brauche, bevor ich die nächsten zwei (die letzten) von French lesen werde, ist nachvollziehbar. Ja, es leuchtet sogar mir ein, trotz des Suchtfaktors.

Außerdem hatte ich schon lange geplant, meine Bücherregale auszumisten. Zwar nicht weil ich umziehe wie Ulli, die gestern den gleichen Plan umgesetzt hat, aber weil ich nur begrenzt Platz und dazu sehr viele Bücher habe, die ich kein zweites Mal lesen werde. Und auch wenn es nicht so aussieht, habe ich System in meinen Bücherregalen (einmal Buchhändlerin, immer Buchhändlerin): Lieblingsbücher, die ich behalten will, stehen im großen Hauptregal, im Ex-Terrarium oder liegen auf dem Hängebord.

Auf dem kleinen Regal hingegen sammelt sich Treibgut. Es ist ein Wörterumschlagplatz. Dort landen Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Bücher, die ich aus Tauschkisten, aus Ramschkisten gefischt, gekauft, getauscht habe. Und Bücher, die ich schon gelesen habe, die aber nun weiterziehen dürfen. Etwa einmal im Jahr miste ich dieses Regal aus. Gestern war der richtige Zeitpunkt gekommen. Weil ich etwas eher Kurzweiliges, etwas moderat Anspruchsvolles suchte. Etwas nicht zu Dickes, etwas nicht zu Emotionales. Womit die beiden privaten Leihgaben ausgeschlossen waren.

Auf der Suche nach einer Perle fing ich an, den gut ausgewogenen Bücherturm, der im Laufe der letzten Monate stetig gewachsen war, auseinanderzurupfen. Ganz nebenbei sortierte ich jene Bücher aus, die ich weiterreisen dürfen, weil ich sie kein zweites Mal lesen werde. Krimis vor allem, respektive Psychothriller. Und ein paar Romane. (Bei Interesse bitte mailen, dann schicke ich eine Liste oder Fotos mit den Büchern …).

Gefunden und zum Lesen für gut befunden habe ich schließlich Sándor Márais Schule der Armen, sinnigerweise ein Mängelexpemplar, das ich vor Jahren aus einer Bücherkiste gezogen habe. Márai, zeitlebens ein einfach lebender Mann mit einem klarem Blick für die Zustände der Menschheit und für die Welt, war einer der bedeutendsten ungarischen Lyriker und Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe schon einige Bücher von ihm gelesen; Die Glut und Ein Hund mit Charakter zum Beispiel. Márai grübelte offenbar ähnlich über Dinge nach wie ich es tue, dachte ich schon auf den ersten Seiten seines Vorworts. Mit der Schule der Armen legt er eine Sammlung von Essays vor, in denen er über Arm und Reich nachdenkt. Gewohnt ironisch, gewohnt intelligent, provokativ, wortgewandt, augenzwinkernd, nachdenklich machend.

Ja, was ist Armut denn überhaupt? Und was macht den Reichen aus? Ist es außen oder innen, dieses Arm- oder Reichsein?

Wie er da darüber sinniert, dass der Reiche hortet, während der Arme die Fata Morganas, die über Reichtum erzählt werden, oft viel zu leichtgläubig übernimmt, möchte ich am liebsten mit dem Autor Tee trinken und diskutieren. Möchte zurückfragen. Möchte besser verstehen.

Der natürliche Zustand des Menschen sei Armut, sagt er etwa, und fügt auch gleich an, dass Tiere von Natur aus arm sind. Wenn arm denn – wie er es davor erläutert – bedeutet, kein angehäuftes, gehortetes Vermögen zu haben, dann ist wohl jedes Tier tatsächlich arm. Aber.

Hier verliert Armut bereits seine herkömmliche Bedeutung. Es bekommt einen anderen, einen neuen Inhalt. Und nein, Márai idealisiert weder Armut noch Reichtum, obwohl er beides immer wieder ins Absurde führt.

Doch diese Art Armut, wie wir sie nach Márai natürlicherweise haben und wie sie Tieren eigen ist, dieser natürliche Zustand von Sein statt Haben, ist für mich keine wirkliche Armut. Sie ist für mich Natur. Warum Tiere nicht horten, von Fressvorräten einmal abgesehen, liegt für mich auf der Hand: Sie vertrauen in die Natur. Vertrauen darauf, dass es jederzeit genug hat. Oder dass die nächste Jagd erfolgreich sein wird. Nein, vielleicht noch nicht mal Vertrauen, eher wohl Instinkt.

Und da unterscheiden wir uns vom Tier. Ob besser oder schlechter ist, wie wir funktionieren, ist dabei nicht relevant. Unsere Fähigkeit, uns Sorgen machen zu können, trübt vermutlich unsere Instinkte und drängt sie ins Unbewusste ab.

Dennoch: Tiere haben von Natur aus ein Gespür für Fülle. Und wir? Welches Gespür haben wir von Natur aus? Was macht die Tatsache mit uns, dass es weltweit viel viel mehr Arme als Reiche gibt? Macht sie uns solidarisch? Macht sie, dass wir um jeden Preis auf die Seite der Reichen gehören wollen? Sind sich Durchschnittswohlhabende ihres Reichtums bewusst oder sind sie bereits, wie es Márai sehr gut beschreibt, von diesem Virus befallen, der nach immer mehr strebt, egal ob er oder sie es brauchen oder nicht?

Der gute und der böse Reiche, ja, auch über ihn schreibt Márai. Und noch über vieles mehr. Ich bin erst auf Seite 25 und gespannt auf die Fortsetzung.

Beim Lesen muss ich an die Katzen, die hier ums Haus streichen, denken. Fast täglich bekomme ich Besuch auf meiner Terrasse. Manche trinken Wasser aus den Blumenuntertellern, andere schnüffeln rum, eine setzt sich sogar manchmal auf meinen Korbstuhl. Sie kennen diese menschlichen Grenzen von Mein und Dein, die wir in unseren Köpfen ziehen, schlicht nicht. Natürlich haben sie – jedenfalls hierzulande – in der Regel jemanden, der ihnen Futter hinstellt, dennoch sind sie von Natur aus mit dem Bewusstsein unterwegs, dass Natur Fülle ist*. Alles für alle.

Manchmal denke ich über diese kollektive Wunde des Misstrauens nach, die uns Menschen gemein ist. Und wie wir sie heilen könnten. Und was Márai darüber wohl schreiben würde.

Das hier ist keins der Bücher, die ich verschlingen, es ist eins der Bücher, die ich in kleinen Happen kauen werde. Auch wenn es darin einmal mehr über den ganz normalen menschlichen Wahnsinn geht.


* Jedenfalls wenn sie unter tiergerechten Umständen aufgewachsen und gehalten worden sind.