Uskavigården – Camperinnenträume werden wahr

Uskavigården – ein Ort am Ende der Welt. Kein Ort eigentlich, nur ein paar Häuser in der Pampa. Seeanstoß. Rasen. Ein paar Wege. Vielleicht 40 Caravan-Stellplätze und ein großer Platz für die Zelte. Leer bis auf einen Wohnwagen, der sich hierher verirrt hat. 

See- oder Meeranstoß: Das ist das Bild, aus dem meine Skandinavienträume schon immer waren. 

Es ist kurz vor halb vier als ich ankomme. Die zwei Busse, einer bis Nora, ein zweiter ab dort, haben mich durch eine stetig wilder und ländlich werdende, unbewohnte Landschaft hierher gebracht. Eine Minute, bevor ich aussteigen darf, setzt ein Platzregen ein. Die Sonne versteckt sich nicht, lacht über den Regen und verzaubert die Szene mit einem surrealistischen Glitzern in etwas Hollywoodeskes und so verlässt die Heldin mit geschultertem Rucksack den Bus, steht vor dem glitzerden Märchenschloss und bittet um Einlass. 

Für lumpige 120 Kronen gehört das alles ihr. Ähm, mir. Ich meine: Uns. Für eine Nacht. Doch wir dürfen gerne länger bleiben, sagt die Rezeptionistin.

Ich ziehe mir die schweren Schuhe aus, zippe die Hosenbeine auf Halbmast und wate durch den See. Kühl. 19 Grad schätz ich mal. Nicht so warm wie die Dschungelwelt „Lost City“, das Erlebnisbad mit den sechs gefährlichen Kreisch-Rutschen, das wir heute Morgen heimgesucht haben, weil es zum Eintritt des Örebroer Campings gehört.

Krasser Kontrast das! Örebro: Mondän, modern, animiert. 

Uskavigården: Natürlich, ruhig, überschaubar.

Beide haben Spielplatz und Minigolf, okay, sonst aber kaum Ähnlichkeiten. Den hier ich mag ich irgendwie lieber. Der Stille wegen. Kein Auto-Dauerrauschen. Wenn mal jemand vorbeifährt, hörst du es.

Ich mag beide Plätze (so ähnlich wie ich beide Lebensmöglichkeiten mag), aber der hier ist – nun ja – eher mein Ding. 

Gleich kommt Irgendlink. Er ist die 60 km hierher geradelt, während ich gemütlich im Bus und am See saß, später ein wenig gelesen und nun ein diese Zeilen hier getippselt habe.

Die Sonne hat die Gewitterwolken durchbrochen. Wunderbar das!

Später. Halb neun. Irgendlink ist um halb sieben rum hier gelandet. Frisch eingekauft hat er auch gleich noch: Gemüse, Goodies, Früchte, Joghurtdrink und Co.

Wir erzählen, packen aus, bauen das Zelt auf und kochen. Herrlich, diese Ferienroutine, dieses Vertraute, wo und wann immer wir zusammen unterwegs sind.

Nun sind wir vom Regenschauer ins Zelt geflüchtet. Platzregen aus blau-grauem Himmel. Gemütlichkeit ist in der kleinsten Hütte, heißt’s doch so schön.

  

Toller Tag das!

Zwei Pläneschmiede

Da ich immer mal wieder in Mails gefragt werde, wann wir denn nun unser Häuschen in Falun beziehen würden, ein paar Fakten zu Beginn: Weil ich das Häuschen in Falun ja bereits im Frühling gebucht hatte, konnte ich noch nicht wissen, wann Irgendlink wo sein würde. Auch hatte ich damals noch keine Ahnung gehabt, wie lange ich im Sommer Ferien nehmen können würde. Sicher zwei Wochen, eher zweite Julihälfte, aber das wars auch schon.

Lauter Eventualitäten also – bei mir ebenso wie bei Irgendlink. 

Und nun das hier: Örebro Mitte Juli. Allen Wetterprognosen zum Trotz hat es heute kaum geregnet. Morgens kurz, am Mittag kurz und nachher einmal fünf Minuten getröpfelt. Dann nicht mehr. Gegen Abend fernes Donnerrollen, Gewitterwolken, die vorüberziehen. 

Und nund liegt ein voller, reicher Tag hinter uns. Ich bin angekommen. Hier, bei Irgendlich, bei mir. 

Kurz vor halb zehn. Wir sitzen auf Jürgens Schlafmatte draußen vor dem Zelt. Über uns ein noch immer blauer Himmel mit ein paar Wolkenschlieren. Knapp 20 Grad. Die Sonne, die sich bereits in der Nähe des Horizonts aufhält, aber nicht wirklich daran denkt, ganz zu verschwinden. Bestensfalls nur kurz. 

Ja, ich mag diese hellen skandinavischen Nächte, gehöre zum Glück zu jenen Menschen, die auch bei Tageslicht schlafen können, wenn ich müde bin.

Am Himmel Wildgänse oder -schwäne, die in Schwärmen den Himmel durchstreifen, das Gurren von Nachtvögeln, das Rauschen des Durchgangsverkehrs mischt ebenfalls mit, von der Pferdekoppel jenseits des Campingplatzes hin und wieder ein Wiehern. Die Nachbarn sind zum Glück ziemlich ruhig.

Wir haben den Tag mit Ausschlafen, Brunchen, Ausruhen und einem Urban ArtWalk durch Österbro verbracht. Eine klasse Stadt übrigens. Ray hat um 10 nach vier den Bus via Oslo nach Kopenhagen bestiegen und nun sind wir allein zu zweit.

Wie es wohl sein wird, frage ich den Liebsten, wenn du ganz allein unterwegs sein wirst? Durch Deutschland warst du noch beinahe zuhause und hast Leute getroffen, deine erste Schwedenzeit warst du mit Ray und jetzt mit mir unterwegs, aber dann, später?

Auf die Frage bin ich gekommen, weil Irgendlink, nachdem Ray losgefahren war, geseufzt hat. 

Jetzt fehlt mir ein Stück meines Rudels, meinte er. Nun werde ich bis ans Kap alleine unterwegs sein. 

Schon morgen werden wir weiter nach Norden ziehen. Er mit dem Rad, ich mit dem Bus. Nora oder Uskarigarden peilen wir an. Auf dem Camping dort bleiben wir, solange es uns gefällt. Und wenn es uns weiterzieht, ziehen wir einfach weiter. Ziemlich einfach. 

So werden wir am 22. Juli in Falun ankommen, das Häuschen acht Tage bewohnen und uns danach ein weiteres Mal voneinander verabschieden. Diesmal für länger. 

Doch bis dahin ist es noch ewig weit hin, denn bereits erlebe ich, wie die Zeit sich dehnt. Wie immer – oder meistens – wenn wir zusammen sind. Ins Unendliche wachsen die Tage in die Tiefe und Weite. Wie das Land hier. Ob ich es darum so mag?

Ich gestehe, dass ich es als Einstieg zwischen Alltasgszivilisation und Outback geschätzt habe, auf diesem großen, sehr gut ausgestatteten Camping anzukommen. Aber ich gestehe ebenfalls, dass ich mich freue auf das „nur die Natur und wir“. Auf Wanderungen durch Wälder. Auf Zeltnächte in der Pampa – es lebe das skandinavische Jedermannsrecht, das Campen überall erlaubt. 

Ich hoffe, dass uns die WettergöttInnen wohlgesinnt sein mögen, denn alles steht und fällt mit dem Wetter, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat.  Und ich lasse mich gerne, wie heute, eines besseren belehren, nämlich dass die Prognose oft falsch sind, und genieße es sehr, dass die Sonne noch immer scheint. Für alle. Irgendwann. Irgendwo. 

  

Örebro oder Travelling is a dirty job

Nun denn, da bin ich also. Nach einer guten Reise – zwei Flügen, einer Zug-, einer Bus- und einer weiteren Zugfahrt – bin ich in Örebro gelandet, das größer ist, als ich dachte. Und schöner.

Nachdem ich gestern hier aus dem Zug in Irgendlinks Armen gelandet bin, wanderten wir zusammen quer durch die Stadt. Eine Stadt voller eigenwilliger Kunstaktionen, die mir allesamt gut gefallen. Ganz besonders das mit zig Frauenstrumpfhosen eingehüllte Ratshaus.

Wunderschön ist, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Der Campingplatz ist riesig. Und hat Wlan – theoretisch. Wenn es denn zum Bloggen reichen würde. Vermutlich werde ich Irgendlinks Handy hotspotten – wie gestern, als ich nach dem essen einige Here we are-Bilder getweetet habe.

Ray wiederzusehen, ist eine Freude. Sein Zelt ist etwa einen Steinwurf von „unserm“ entfernt, das ich schon von Weitem erkennen kann. My home is where my castle is, grinse ich in Richtung Zelt deutend. Zeltchen eigentlich. 

Jürgen nimmt seine Matte heraus und setzt sich auf den Boden. Er kennt mich – weiß, dass ich jetzt zuallererst um ankommen zu können, mein Nestchen machen will.

Man muss der Verwahrlosung Zeit geben, sage ich, den Rucksack öffnend und wohlsortiertes Ding um Ding herausziehe. Matte aufpumpen. Schlafsack drauf. Dies und das.

Wir essen im Restaurant, lassen uns von einer Cover-Band die Ohren voll dudeln, trinken das beste Bier ever (Eriksirgendwas – 5,3 Promille) und genießen lecker Eis.

Ich schlafe herrlich im kleinen Zelt und alles ist gut. Der kleine Regen heute morgen geht wieder vorüber und wir schmieden Plänchen.

Mal schauen.

Im Flugmodus

Zweieinhalb Tage sind vergangen, sagt der Kalender. Ich muss nachzählen. Manche Tage dehnen sich aus. Zeitlöcher.

Luftlöchern ähnlich, die ich allerdings weit weniger mag. Dieses leise Fallen, einem Schweben gleich, etwas unfassbares, etwas ungefähres. Auflösung in etwas, das mein Verstand zu definieren sich weigert. Fallen aus etwas konkretem, das wir gemeinhin Alltag nennen.

Fallen in etwas Weiches. Etwas wie eine Blase. Etwas wie Zuckerwatte ohne Zucker. Nicht klebrig, nein.
Ach, so komme ich nicht weiter.
Nicht so jedenfalls wie das Flugzeug, in dem ich sitze. In dem ich vielleicht genau jetzt über Halle an der Saale hingefliege (winke, winke Emil!).

Zielgerichtet waren die zweieinhalb Tage im luftleeren Raum jedenfalls nicht. Oder bestenfalls so: Das einzige Ziel, das ich hatte, war es, mich dem Moment hinzugeben.

In fünfzig Minuten ungefähr werden wir landen. Ein volles Flugzeug. Auf den letzten Platz besetzt. So voll, dass der Chef de Cabine um Rücksicht bat. Schnelles Verlassen des Ganges. Rücksicht. Dafür liebe ich mein Land: Nehmen Sie Rücksicht aufeinander.
Dieses Gefühl, dieses Lebensgefühl brauche ich um mich wohlzufühlen.

Wie wir drei Frauen heute Nachmittag zum Bahnhof Stendal fuhren und der Abschied nahte, resümmierten wir. Einzigartig diese Erfahrung dreier bis dato erst virtuell mehr oder weniger vertrauter Frauen, sich über alle möglichen Themen so lange, so ausgewogen, so gleichberechtigt, so aufrichtig und wahrhaftig miteinander zu sprechen. Ohne sich profilieren zu müssen. Ohne Schönen.

So etwas wünsche ich mir für unsere Politiker, fasste es die Mützenfalterin zusammen.

Mit Zug, U-Bahn und Flughafen-Shuttle näherte ich mich Berlin-Tegel.

Auf einmal ging gar nichts mehr. Stau auf der Kreuzung fünfhundert Meter vor dem Flughafen. Abwarten. Langsam aufkeimende Nervosität hinter mir. Die Busfahrerin sagt, dass sie die Türen nicht öffnen kann so mitten auf der Kreuzung. Zu gefährlich. Ich mache ein Bild aus dem stehenden Bus. Langsam kann die Fahrerin ein paar Meter aufschließen und neben einer gestrichelten Fläche halten. Sie lässt die, die wollen, aussteigen.

Ich beschließe, rauszugehen. Einfach weil ich Teil dieser Gruppe sein will, die zu Fuß zum Flughafen geht.

Mitten auf der Kreuzung stehen zwei Rettungsfahrzeuge. Wahllos darum gruppiert unzählige Taxis, Shuttlebusse von Hotels und Privatfahrzeuge. Die Ampel zeigt grün. Der Menschenstrom quillt über die Straße auf den Gehweg und strömt zum Flughafen.

Rollkoffergeschepper und Zielstrebigkeit. Ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft ist es, das mich immer wieder grinsen lässt.

Ich gebe meine Reisetasche auf und setze mich in ein Café. Freies Wlan, juhu!

Handys sind feine Reisegefährtinnen irgendwie. So vergeht die Zeit wie im Flug. Ähm, ja. Wie im Flug stimmt genau. Schreibend fliege ich jetzt durch die Nacht. Unter uns Bayern, rechts der Schwarzwald.

Und nun döse ich. Das kleine handgemachte Schweizer Sandwich hat köstlich geschmeckt, das Schweizer Schokolade-Stück werde ich dem Liebsten aufs Kopfkissen legen.

Sinkflug. Zwanzig Minuten bis Zürich.

Ich sag es ja, dir Zeit vergeht manchmal wie im Flug.

Zürich-Flughafen. Freundlich werde ich von der Bordcrew schweizerdeutsch verabschiedet. Wohltuende Laute. Heimatgefühle.

Der Zug kommt gleich und nun fahre ich auch schon heimwärts durch die Nacht.

Sein

Über Menschen und ihre Geschichten Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen, Dinge zu verstehen, Zusammenhänge endlich zu sehen, ist mir die liebste Art des Lernens.

Mit Frauen am Tisch zu sitzen, zuzuhören, selbst zu erzählen, zu essen, das nahe Kloster und den wunderbaren Klosterkräuter- und Gemüsegarten zu genießen, gemeinsam durch eine Kleinstadt namens Tangermünde und an der Elbe entlang zu spazieren, ist eins. Dies mit Frauen zu tun, die ich bisher nur von ihren Blogs und aus unzähligen Mails kannte, ist etwas anders. Irgendwie surreal. Irgendwie verrückt. Die virutelle Welt ist auf einmal ganz real geworten.

Wir – die Mützenfalterin, Kerstin und ich – sitzen in Kerstins Wohnzimmer, das Kaminfeuer brennt, und trinken ein Glas Rotwein.


Ich bin ganz da. Ich höre. Ich fühle. Ich rieche. Ich spüre. Ich teile. Ich bin ganz offen. Auf einmal sehe ich uns von außen zu. Sehe dieses Wunder der Gemeinschaft. Staune. Bin einfach nur dankbar, hier so ganz und gar ich sein können zu können und zu dürfen. Als würden wir uns schon ewig kennen, kommt es mir zuweilen vor.

Nach einer Kopfwehnacht mit einer Migräneattacke am Samstagmorgen hatte ich kurz mit dem Liebsten telefoniert. Er meinte mit weisem Augenzwinkern, das ich vor mir sah ohne es zu sehen, dass mein Kopfweh um 10 Uhr vorüber sei.

Sich selbsterfüllende Prophezeiung? Voraussicht? Orakel oder Wahrsagung? Egal. Es hat gewirkt. Im Laufe des Tages haben sich schließlich auch die letzten Reste des tagelangen, wetterwechsel-hormon-aufregungsvorfreude- und vollmondbedingten Kopfwehs gänzlich verkrümmelt.

Wunderbar tief habe ich heute Nacht geschlafen, geborgen und wohlig in Kerstins Bett. Wir haben, da wir nur zu dritt waren, gestern schon das Kloster verlassen, das zwar sehr gemütlich war, für Kerstin aber natürlich ein Hin und Her zwischen Zuhause und uns bedeutet hatte. Ihr Partner hatte uns das Feld geräumt. Alles hat gepasst. Im Nachhinein muss ich sogar den gemeinsam erlittenen Kopf- und Zahnschmerzen etwas positives abgewinnen. Gemeinsames Leiden schafft eine neue Ebene des Verstehens. Nein, Schmerz adelt nicht, Leid noch weniger – so meine ich es nicht. (Ach, ihr wisst schon.)

Nur zu dritt? Das „nur“ bezieht sich auf Ulli, die mit Grippe im Bett liegt und leider nicht hierher fahren konnte. Sie war dennoch in unserer Mitte, wie es auch viele andere Menschen, unsere Partner und auch mal andere Bloggende waren.

Konkurrenzlose, liebevolle Verbundenheit.

Immer wieder sprechen wir über unsere Ideale, darüber wie die Welt sein sollte, könnte. Wie es sich besser leben ließe. Wir venetzen Vergangenes mit Gegenwärtigem, Erlebtes, Erfahrenes verorten wir in der Zeitachse und erkennen Parallelen.

Spannend ist dieses Treffen auch aus kultureller Hinsicht: Eine Ossi, eine Wessi und eine Schweizerin, alle praktisch gleich alt. Alle drei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten groß geworden. Vieles, was ich nicht verstehen kann und es dennoch verstehe. Zumindest annähernd.

Ich freue mich nun auf einen sonnigen Sonntag und auf all das, was wir gemeinsam noch erleben werden.

Wie es wohl dann sein wird, heute Abend, wenn ich mich in mein Schweizer Bett fallen lassen werde? Das ist aber noch gaaanz weit weg. Die Zeit dehnt sich aus und fast ist es mir, als wäre ich schon ganz lange hier.

Ich wünsche uns allen hier und dort und euch allen, die das hier lesen, einen wunderbaren Sonntag, allein und/oder mit andern.

Auf das Leben!

 

Die Reise

Ich sitze auf Platz B. Nicht Fenster, nicht Gang. Am Fenster eine deutsche Frau, die die Bunte liest und die Armstütze annektiert hat.

+++ Wir rollen aufs Flugfeld. Stehen nun da. Bereit.

+++ Rechts von mir, am Gang, eine junge Frau, Schweizerin, die ein Gesundheitsheft studiert. Schlanke Frauen, Rezepte, Diäten.

+++ Nun fliegen wir. I love it

+++ Pinkeln. Lesen. Essen. Dösen.

+++ Landeflug. Es geht abwärts. Kaugummi hilft immer. Das Land kommt näher.

+++ Unten. Immer wieder neu ein kleines Wunder, wie sanft so ein schweres Metallteil auf der Erde aufsetzen kann. Das Liftfahrgefühl hat ein Ende, das ich am Landeflug so mag. Wir rollen zur Landebahn.

+++ Die im Glashaus sitzt. Nach dem ich die Überfliegerin war, vorhin, sitze ich nun am Ende von Gleise vier. Im geheizten Wartehäuschen, das zwar auch schon bessere Tage gesehen hat, aber bezaubert mit Rundumverglasung und Wärme. Hier ist es nicht so schön wie daheim. Es hat sogar ein wenig geregnet, als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind. Grauverhangen der Himmel. Aber morgen! Morgen wird’s auch hier schön. Hier und bei Kerstin.

+++ Herrliche Szene vorhin am Billettautomaten, ähm, sorry, Fahrkartenautomaten natürlich. Alle meine MitüberfliegerInnen wollten offenbar mit dem Zug in die Stadt. Gruppenweise standen sie an, diskutierten über die Knöpfe, die zu drücken seien, über Tarife, über dies über das. Köstlich. Und gänzlich stressfrei.

+++ Ich habe nach Brandenburg gelöst und werde kurz nach halb drei dort sein. Viertel vor acht bis viertel vor drei: sieben Stunden Reisezeit. Nun ja, das ist es mir wert.

+++ Ich bin müde und entspannt. Vorfreudig auch, ja, aber die Nervosität ist von mir abgefallen. Ich bin hier bei mir. Und dieses Häuschen hier kommt mir gerade recht.

+++ Bald kommt der Zug. Vorher will ich noch bloggen. Tagespass und deutsche SIM-Karte-sei-Dank ist das kein Problem.

Wenn eine eine Reise tut

Wie lange bin ich nicht mehr so früh aufgestanden? Und wie lange bin ich schon nicht mehr so früh morgens Zug gefahren? Und wie anders ist es, wenn man frühmorgens um acht nach Basel-Flughafen fährt, als wenn man perversfrühmorgens um halb acht ins Büro fährt und dazu anderthalb Stunden Weg hin und am Abend wieder anderthalb Stunden zurück hat.

Bin ich froh, dass das vorbei ist.

Basel. Nordwärts fahre ich.

Noch nordwärtser fliege ich danach. Berlin-Schönefeld ist mein erstes Ziel. Mit dem Zug nach Brandenburg oder was anderes in der Richtung. Von dort schließlich mit dem Privattaxi called Kerstin the Eckisoap ins Kloster. Oder so.

Am Abend kommt Frau Mützenfalterin dazu und morgen die Vierte im Bunde, Ulli vom blauen Café Weltenall.

Das kann ja heiter werden. Lustig und ernst. Ich hoffe auf feine Gespräche, gemeinsames Lachen, Kichern, Tratschen und Schweigen. Und auf tiefes Verstehen. Ja. Das ist so ene Ahnung und Hoffnung, die ich habe. Und es ist auch das, was mich bereits jetzt mit diesen drei Frauen, von denen ich erst Ulli persönlich kenne, verbindet. Viele Mails haben wir alle schon getauscht, viele Herzgedanken, wie das nur Frauen können, die schon vieles erlebt, erlitten und erkannt haben.

Frauenpower ist etwas Wunderbares. Etwas Nährendes.

Na ja, Frauen können leider auch anders. Können sich gegenseitig mit Zickenkriegen und dergleichen mehr, mit Vergleichen, mit Eifersüchteleien bis aufs Blut zerstören. Nicht nur Frauen, nein, aber zuweilen haben Frauen diese ganz fiese Art drauf, die ich bei Männern so noch nie gesehen und erlebt habe. Darin unterscheiden sich die Geschlechter auch, finde ich. Und ja,  natürlich machen sich auch Männer gegenseitig fertig, wenn es sein muss.

Warum eigentlich?

Nein, darauf suche ich keine Antwort. Nicht jetzt jedenfalls.

Jetzt will ich einfach nur genießen. Die Reise, so gut es mit meiner ganzen Nervosität überhaupt geht, die ich in mir habe. Genießen auch mit all der Vorfreude. Wie es wohl sein wird? Meine erste Bloggerlive-Begegnung – die mit Mösiö Irgendlink vor bald sechs Jahren – war jedenfalls sehr nachhaltig. 🙂

Gleich Rheinfelden. Bald Basel. Umsteigen.

Kurz nach zwölf lande ich in Berlin. Drückt mir die Daumen, dass alles klappt. Hach, ich Landei …

Winke-winke!

In den Pyrenäen #10 – Gestern und heute

Wenn dieser Artikel erscheint, sind Irgendlink und ich am Räumen, Packen und Putzen. Und bald schon auf dem Weg nordostwärts. Nach Hause. Unterwegs. Neue Schritte gehend. Neue Spuren legend.

Schneekind
Schneekind, getroffen am 2. Januar in der Nähe des Thermalbades von St. Thomas

Die Schritte, die ich bis hierher gegangen bin, kann mir niemand nehmen. Was ich erlebt, gesehen, gehört, gespürt habe, hinterlässt Spuren in mir. Das Gestern formt mein Heute mit und jeden Tag, der kommt.

Und der Schnee von gestern wird zum Schneekind. Die Sonne von heute bleibt auch irgendwo in meinen Zellen hängen und dieses Blog ist je länger je mehr zu einem ausgelagerten Gedächtnisbackup geworden. Wenn auch nur als Teil des ganzen. Wie alles immer nur ein Teil von allem ist (was immer alles überhaupt ist). Doch heute – wie Irgendlink und ich nach St. Thomas gefahren sind, um den letzten Nachmittag in den Pyrenäen im dortigen Thermalbad zu genießen – redeten wir darüber, wie lange uns diese Tage hier vorgekommen sind.

Wir erinnerten uns an die erste Wanderung dieser Ferientage so, als ob sie schon Jahre oder zumindest Wochen her sei. Die Tour zu den Wasserfällen, als es regnete? Fand in einem andern Leben statt … Die Wahrnehmung von Zeit verblüfft mich immer wieder neu – Ausdehung, Verdichtung … Die Zeit ist omnipotenter als wir ahnen.

Sie ist die kleine Schneekugel, in der alles drin ist und die im Verbund mit einer zweiten zu einem veritablen Schneekind wird.

Nun aber genug sofasophiert. Gute Reise, wohin immer ihr unterwegs seid, echtes Gewahrsein, wahrhafiges Hinhören, aufmerksames Unterwegssein, intensives Stillwerden – immer und immer wieder.

Bis bald in diesem Theater.