Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!
Kategorie: Sofasophien
Nadelöhre
Ja, ich weiß, über Nadelöhre wurde schon viel geschrieben. Auch hier in meinem Blog. Darüber was mit mir geschieht, wenn verschiedene äußere Umstände sich (wie Folien auf dem guten alten Hellraumprojektor – uf bärndütsch Prokischriiber –) auf- und übereinander legen. Gelegt werden. Vom Leben. Umstände, auf die ich keinen Einfluss habe, jedenfalls nicht zeitlich, nicht direkt. Dennoch sind sie logische Konsequenzen davon, dass ich mich irgendwann auf irgendetwas eingelassen habe. Dass ich irgendwann den einen statt den anderen Weg gegangen bin. Dass ich eine Wahl getroffen habe.
Die eine Folie, sie liegt irgendwo in der Mitte, zeigt mich, wie ich dieser Tage an einem Artikel – es ist eine Buchbesprechung – schreibe, den ich am Mittwoch abgeben soll. Dass sie da liegt, hat damit zu tun, dass ich so bin wie ich bin. Anders gesagt, sie liegt da, weil ich vor fünf Jahren ein Beinah-Burnout und deswegen meinen damaligen Job geschmissen hatte. Bei den Recherchen über meine Krankheitssymptome fand ich heraus, dass ich nicht krank sondern einfach ein wenig anders bin. Einfach nur hochsensibel. Und dass es noch andere auf diese Art Anders-Seiende gibt. Und dass darüber zurzeit intensiv geforscht wird. Nachdem ich darüber einen kleinen Artikel verfasst und diesen mit der Bitte aufklärend über dieses „Phänomen“ zu berichten an ein paar Zeitschriften geschickt hatte, erhielt ich von einer tollen Zeitschrift den Auftrag, doch selbst einen ausführlichen Artikel darüber zu schreiben. Seit damals bin ich mit an Bord dieses Teams und genieße es, durch das Schreiben nicht nur das Schreiben selbst zu trainieren, sondern mich, gegen Bezahlung, mit äußerst spannenden Themen auseinandersetzen zu können. Wie aktuell über das neuerscheinende Buch eines amerikanischen Hirnforschers, der einige wirklich bahnbrechende Zusammenhänge erkannt hat.
Eine weitere Folie – sie liegt ganz oben – zeigt mich und Irgendlink, wie wir uns vor über drei Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Wie wir das eine oder andere Projekt realisiert, die eine und andere Ausstellung auf die Beine gestellt und schließlich im letzten Winter das „Ums Meer 2012“-Projekt ausgetüftelt haben. Mein Part war es, die Fäden des steigenden Heißluftballons irgendwie in der Hand zu behalten, so dass dieser zwar hoch steigen, aber nicht davon treiben kann. Lange, sehr lange Fäden – bis zu den Shetlands reichen sie und bis nach Bergen. Nun rolle ich sie langsam wieder auf, damit sie am nächsten Mittwoch, wenn Irgendlink und ich uns endlich wieder sehen werden, ganz eingerollt sind. Fäden halten heißt und hieß, da und dort Türen zu öffnen, ein ziemlich buntes Blog zu pflegen, Bilder hochzuladen, Newsletters und Pressemitteilungen zu verschicken … Ein Job, der nach einer gewissen Einarbeitungszeit zu Alltag geworden ist und täglich zwischen einer halben bis zwei Stunden Zeit erfordert. Ein Job, den ich mit Leib und Seele mache. Ein Job aber auch, der nach viel Herzblut verlangt.
Auf einer ebenfalls ziemlich weit oben liegenden Folie sehe ich mir zu, wie ich an meinen eigenen Schreibprojekten arbeite. Meine vier recht unterschiedlichen Romanmanuskripte, denen eigentlich nur noch der letzte Schliff fehlt. Nein, nicht nur. Vor allem fehlt ihnen mein Mut. Die Verlagssuche zu wagen, ist ein großer Schritt. Noch zu groß. Zumal mir die Frage im Weg steht, wer denn bitteschön tiefgründige Romane über Suizid, Amok, Missbrauch und andere menschliche Abgründe lesen mag. Immer wieder höre ich das Echo eines Satzes von Hansjörg Sch.. In einem Schreibseminar bei diesem Schweizer Bestseller-Autor fiel der Satz: Wenn ihr ein Thema habt, über das ihr schreiben „müsst“, dann tut es. Sich für Themen verbiegen, funktioniert nicht. Fakt ist: Freundinnen und Freunde glauben mehr an meine Texte als ich.
Eine weitere Folie zeigt mich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Arbeitsstellen hatte ich schon ziemlich viele. Und ich habe – dank meiner vielseitigen Talente und meiner verschiedenen Ausbildungen – auch schon einiges gesehen und unter dem Strich waren alle Stellen irgendwie super. Aber eben: nach einiger Zeit musste ich weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem Wahren. Hoffend, DEN Job zu finden, der mich bis in alle Ecken meines Seins befriedigt. Okay, den gäbe es ja, das wäre nämlich eine Mischform der bereits erwähnten Folien, allerdings gegen Bares. Mindestens so viel, dass ich davon leben kann. Und nicht jeden Rappen fünfmal drehen muss. Auf dieser Folie sieht man mich, wie ich zurzeit mal sehr optimistisch, mal eher skeptisch Zeitungen und Internet nach passenden Stellen absuche. Manchmal bin ich für eine Stelle über-, dann wieder unterqualifiziert. Oft schreibe ich auch einfach tolle Firmen an, die mich interessieren. Bis jetzt erfolglos.
Auf anderen Folien sehe ich mich mit Freundinnen und Freunden zusammen, sehe wie ich dies und jenes unternehme, sehe wie ich mal zweifle, mal Mut schöpfe, sehe mich gehen und stehen, sehe mich innehalten und neu anfangen, sehe mich straucheln, sehe mich fallen, sehe mich wieder aufstehen.
All diese Folien, dicht auf dicht, liegen auf der gläsernen Scheibe, angestrahlt und auf die weiße Wand projiziert. Mittendrin, irgendwo ein kleines weißes Loch. Das Nadelöhr. Ich schlüpfe hindurch, auf die andere Seite des Haarrisses.
Alles ist schon da.
Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.
Autos, Bücher, Brötchen und Kohle
Ich renne mir hinterher. Mir und meinen ZuTun-Dingen. Und ausgerechnet dann wird es endlich Hochsommer, zumindest für einzwei Tage. Hochsommer, den ich auskosten sollte.
Seit drei Tagen will ich Mails schreiben. Seit drei Tagen will ich über den Sinn des Lebens und so Sachen bloggen. Von Hamburg erzählen. Und seit drei Tagen will ich endlich alle Lieblingsblogs nachlesen.
Doch da ist die ganz materielle Welt, die sich in den Vordergrund drängt. Mein Sternchen* ein weiteres Mal reparieren zu lassen, übersteigt meine Schmerzgrenze – zumal ich nicht weiß, wie lange die nächste auf sich warten lassen würde. Damit herumzufahren ist eine Mutprobe. Ich weiß nicht, wann das nächste Rostrohr bricht – und ob ich das nächste Mal auch wieder das Glück haben würde, vor einer Garage** zu stehen, wenn es passiert. Ach, und zu allem habe ich mich verliebt. In ein günstiges Fiesta-Teilchen, das mir Garagist ** J., Freundin L.s Schwager, zu einem fairen Preis verkaufen würde – seine jüngere Schwester hatten wir im Urlaub gemietet. Doch weil Garagist J. bald Urlaub hat und ich gerne baldmöglichst, aber bis spätestens Ende Monat, wieder mobil wäre, drängt die Zeit. Wenn ich genau hingucke, erkenne ich, dass die Entscheidung längst gefallen ist.
Dennoch – einmal mehr begreife ich, dass ich die Sache mit der Materie weit weniger gut packe als jene mit den Buchstaben. Buchstaben sind mein Ding. Vom fast vierhundert Seiten dicken Sachbuch, dass ich bis 1. August rezensiert haben soll, hab ich zwar gerade mal vierzig Seiten gelesen, habe also auch hier einen gewissen Druck. (Nein, ich jammere nicht. Das ist bezahlte Arbeit. Lieblingsarbeit sogar.)
Doch jetzt ruf ich aber erst mal Freundin T. an, denn Beziehungen sind wichtiger als Autos, Bücher, Brötchen und Kohle.
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*Mein japanisches Auto mit seinem englischen Namen, wie Stammlesenden wissen, ist so langsam in die Jahre gekommen.
** auf deutsch-deutsch heißt dieser Beruf wohl Autowerkstattbetreiber oder so, aber sagt selbst: das schweizerische Garagist ist doch einfach schöner. Und Garage für Autowerkstatt kann ich mir auch nicht abgewöhnen. Dafür sage ich noch immer parken statt parkieren, seit ich zurück in der Schweiz bin und ernte dafür amüsierte Schweizer Blicke …
Auf kleinen Rädern
Aus dem Haus bin ich bei Spätsommerwetter. Kaum bei der nahen Post angekommen ist es auf einmal wieder Hochsommer. Sobald die Wolken der Sonne Platz machen, wird es schwül. Nach einem Letzte Dinge-Einkauf vor dem morgigen Flug nach Hamburg hänge ich nun Leckeis essend auf einer Parkbank unweit meiner Wohnung. Halbschatten. Das neue Buch, für die Reise gekauft, lockt.
Eben rollen zwei Jungs, fünf und sechs schätz ich mal, um die Ecke. Der kleinere auf Rollerblades, der größere auf einem Skateboard. Rollen? Na ja, so richtig rollt es noch nicht und schon landet der Kleine auf dem Po. Da nutzen die besten Handschoner nix. Schon will er weinen, besinnt sich aber schnell, dass er ja nicht mit der Mama unterwegs ist, sondern mit einem Kumpel oder großen Bruder. Weinen ist eh nur was für Bubis, das weiß doch jeder. Er dreht sich um und steht auf. Stapft zum nahen Zaun wie unsereins in Skischuhen. Der Große überholt ihn und schon rollen, stapfen und verschwinden sie wieder aus meinem Blickfeld.
Hinfallen, aufstehen. Fehler machen. Dürfen. Weitergehen. Kinder machen es uns vor. Gut, ab und zu eine Träne darf sein, wenn’s denn wirklich irgendwo weh tut und nicht nur um Mitleidfischen geht.
Schon drehen sie ihre zweite Runde um den Häuserblock. Diesmal rollt der Kleine an mir vorbei. Ja, jetzt rollt er bereits. Zwar ringt er noch um Gleichgewicht, balanciert aus, doch nur so findet er heraus, wo seine Mitte ist und lernt, ohne darüber nachzudenken, etwas wichtiges fürs Leben.
Schnitt.
Es ist Abend. Ich backupe Daten, Bilder- und Textordner, vom Rechner auf die externe Festplatte, wie ich es von Zeit zu Zeit mache. Vor dem Urlaub immer. Zur Sicherheit. Damit mein Rechner auch ein paar entspannte Urlaubstage genießen kann.
So sortiert wie heute Abend habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ist sicher auch die Vorfreude auf das morgige Wiedersehen mit dem Liebsten. Nach über vierzehn Wochen hat sogar das Packen, das ich sonst nicht wirklich mag, Spaß gemacht. An die kleinen Jungs auf den kleinen Rädern musste ich dabei denken und wie wir Dinge fürs Leben lernen. Und was wirklich zählt. Auch dass es nicht schlimm ist, wenn ich etwas nicht dabei haben sollte – solange es nicht der Akku und das Ladekabel sind, die ich vergessen würde, natürlich nur.
Wie lernen wir, wie finden wir heraus, was wir wollen und was wirklich zählt? Ist es Erfahrung, Konditionierung, Programmierung gar? Glaubenssätze lernen wir durch Wiederholung sagen die PsychologInnen und Verhaltensforschenden. So wie alles. Problematische Glaubenssätze – sagt Hirschhausen (siehe letzter Blogartikel) – lassen sich am besten durch unsern neuen Erkenntnissen entsprechende Glaubenssätze überschreiben. Denn nicht alles, was wir glauben, tut gut. Nicht alles, was wir glauben, ist wahr – obwohl es wirkt. Und nicht alles, was wir glauben, müssen wir bis ans Ende unseres Lebens glauben. Die noch recht neue Wissenschaft der Positiven Psychologie setzt genau da an: es gilt neue Wege des Denkens und im Verhalten zu entdecken.
Ob ich mal wieder Rollerblades fahren sollte?
In den falschen Schuhen
Wieso nur habe ich nicht die Sandalen angezogen? Kaum saß ich im Zug, wäre ich am liebsten wieder ausgestiegen und nochmals nach Hause geradelt um die Turnschuhe umzutauschen. Schon auf dem Rad zum Bahnhof hatte ich begriffen, dass der Tag heißer als angesagt werden würde. Und ich, der Wetterprognose blind vertrauend, würde dahin schmelzen. Die Jeans konnte ich zum Glück hochkrempeln, doch barfuß gehen war hier keine wirkliche Alternative. Ich war mit den falschen Schuhen unterwegs.
Mit Freundin R. durch die Aarauer Altstadt bummelnd und uns in den Aareauen tummelnd, nutzte ich jede noch so kleine Wanderpause, um meine neuen Turnschuhe, die eigentlich bequem sind, kurz auszuziehen und die heißen Füße zu lüften. Im Gegensatz zu den alten, sind die neuen aus synthetischem Material. Atmungsaktiv angeblich. Tja. In den alten, ledernen Tretern, die ich schon ein paar Mal beinahe entsorgt habe, hatte ich nie gelitten. Na ja, fast nie. Einmal, bei Regen in Nordnorwegen schon, denn wasserdicht sind sie nicht hundertprozentig. Das Feuer ist schuld, dass mein rechter Lieblingsschuh an meinem letzten Abend mit Irgendlink auf dem einsamen Gehöft, vor dreizehn Wochen war es, kaputt gegangen ist. Und die kalten Füße. Mit der halb abgelösten Sohle ist laufen und gehen nicht mehr möglich.
Schnitt.
Nachmittag. Gewitterwolken am Himmel. Erste schwere Regentropfen platzen auf dem heißen Teer. Riechen nach Kindheit. Ich betrete diesen klitzekleinen Laden, an dem ich immer, wenn ich in die Stadt fahre, vorbeikomme. So klein ist er, dass vor dem Ladentisch höchstens zwei Personen bequem Platz finden. Hinter dem Ladentisch knapp eine. Rechts ein kleines Kabäuschen. Ein laufender PC. Grüner Hintergrund auf dem Bildschirm. Darauf ein paar digitale Kartenstapel. Patience? Ein Mann sitzt auf einem Stuhl davor. Er bemerkt mich erst, als ich laut Hallo sage, denn die Ladentüre stand offen. Mühsam schält er sich aus der Nische, wischt den Klimbim-Antifliegenvorhang beiseite und betritt den Ladenraum. Ob es für meinen Turnschuh noch Hoffnung gebe, frage ich. Der kleine Mann betrachtet den Schuh fachmännisch. Ja, kann man leimen!, sagt er. Sein italienischer Akzent zaubert mich weit weg und ich bin versucht, italienisch zu antworten, tue es doch nicht, frage nach dem Zeitrahmen und dem Preis. Morgen, sagt er, fünf Franken. Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. So wenig? Nein, das sage ich natürlich nicht. Morgen. Super. Während er den Schuh in eine Art Ofen stellt, verabschiede ich mich glücklich. Ob es auch für mein altes Auto Hoffnung gibt? Vielleicht lässt sich der kaputte Auspuff ja auch irgendwie leimen?, fabuliere ich auf dem Weg zur Post. Ganz billig und ganz gut. Und ich bin überzeugt, dass der kleine Mann meinem Schuh neues Leben einhauchen wird. Ein Schuh, der einfach passt.
Schnitt.
Im Zeitlupentempo vergehen die Tage. Und doch viel zu schnell, gemessen an der Liste, die ich bis zum Urlaubsbeginn noch abtragen will. Die Vorfreude auf mein Wiedersehen mit dem Liebsten ist riesig. Und auch auf den Flug nach Hamburg. Weil ich doch so gerne fliege. Allerdings nicht oft. Das Wiedersehen! Endlich, endlich. Er werde mich auf dem Flughafen abholen, schrieb er mir heute. Mit einem Mietauto, das er heute gebucht habe. Ein sehr günstiges Angebot. Wir werden beide blank sein nach diesem Urlaub – er nach seiner Reise sowieso. Aber das ist es wert. Und irgendwie geht es immer weiter. Katzen landen immer auf den Füßen. Wir auch. Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Wer hat das gleich gefragt? War das in einem Buch, in einem Zeitungsartikel, in einem Gespräch? Für Bücher, hatte ich ohne zu zögern geantwortet, und fürs Reisen. Ab in andere Welten, sozusagen.
Ich sitze draußen, lese Zeitung, genieße den Regen, die Abkühlung und den Feierabend. Meine kleine Welt. Ein Schuh, der passt. Genau jetzt will ich genau hier sein.
Johnny und ich
Wie oft ich die neue CD nun schon gehört haben mag? Zehnmal? Könnte hinkommen. Ein paar Lieder bestimmt öfter. Obwohl ich bei der neuen Patent Ochsner-Platte „Johnny“ kein einziges Stück nicht mag – bei früheren Platten gab es immer mal wieder solche, die ich hin und wieder übersprang –, gibt es doch Stücke, die mich noch mehr berühren als andere.

„Sunnedeck“, das so tut als sei es ein Gute-Laune-Lied, was es ohne Zweifel auch ist, hat – wie die meisten Ochnser-Songs – einen doppelten Boden. Ursprünglich sei das Lied als Intermezzo gedacht gewesen, sagt Büne in seinem Interview mit Hitparade.ch. Er nennt es das Gebet eines Menschen, der nicht religiös ist, an einen Menschen, den er sehr lieb hat, nämlich an seine Tochter. Im Lied geht es darum, dass er zu ihr steht, sie festhält, wenn sie fällt, aber auch loslässt, wenn sie Boden unter den Füssen hat. Trivial? Nur auf den ersten Blick. Das Fazit dieses Songs wird sowohl musikalisch als auch in Worten vermittelt: Das andere und das eine, sind oft gar nicht so anders als man meint. Zwischen den beiden Liedstrophen verlassen wir den ursprünglichen Sound und tanzen um die Welt, nach Afrika, durch den Bosporus und via Balkan in die Schweiz zurück. Ein Lied über die Unterschiede, die – wenn wir genau hinschauen – gar nicht mal soo groß sind. Eben: viel, viel kleiner als man meint.
„Wir haben alle unser eigenes Leben und sind unterschiedlich beeinflusst, aber wir haben miteinander zu tun. (…) Wir sollten versuchen, im gemeinsamen Umgang wieder etwas sorgfältiger zu werden“, sagt Büne im bereits erwähnten Interview.
Quelle: Hitparade.ch.
Jedes der Lieder entfaltet seine einzigartige Aussage erst beim wiederholten Hören. Voller Staunen denke ich, dass es alle diese Lieder vor zwei oder drei Jahren noch nicht gab, nicht mal im Kopf von Büne. Und jetzt sind sie da. Melodien und Texte, die sich verbunden haben und nun eine große Fangemeinde begeistern.
Natürlich klicke ich mich durch Zeitungsinterviews, denn – ich bekenne – ich bin Ochsner-Fan der mindestens zweiten oder anderthalbten Stunde. (Ich fane sonst nicht so schnell und vor allem nicht so ausdauernd für etwas oder für jemanden. Da muss mehr dahinter sein als nur netter Sound.)
Und genau das ist es eben bei den Ochsen, wie die Band liebevoll von ihren Fans genannt wird, das mich begeistert. Das sind Menschen, Profis, Musiker und Musikerinnen, die ihre Musik mit Leidenschaft, Emotion, Herzblut spielen. Patent Ochsner sind einfach authentisch. Sie sind begeistert, sie sind emotional und sie sind uncool. Am alleruncoolsten ist Büne.
Wie ich mich so durch Plattenkritiken klicke, treffe ich immer wieder so Statements wie: Früher waren die Ochsen besser. Früher war es so und so und so. Heute – das ist ja nur …
Natürlich sehe ich daneben schon auch, dass die meisten Stimmen, die sich äussern, die neue Platte toll finden, doch ich gewichte in solchen Momenten die kritischen Stimmen schwerer.
Was für Banausen!, murmle ich, die sehen gar nicht, worum es wirklich geht. Die sehen die Tiefe nicht, nur das oberflächlich Sichtbare. Und sie haben nicht begriffen, dass sich die Band weiterentwickelt hat. Die verstehen nicht, dass – bei ähnlich gebliebener Bild-, Sound- und Songsprache – die Essenz tiefer geworden ist.
Zuweilen wird Büne seine Uncoolness unter die Nase gerieben. Seine Songs seien banale Herzschmerz-Lieder und er strippe seine Seele. Er sei sentimental, altmodisch, kitschig.
Sentiment? – ja, das stimmt. Mann zeigt Gefühl. Mutig, mutig.
Zum Cool-Sein braucht es keinen Mut und für Zynismus erst recht nicht. Auf den Werken anderer herum trampeln kan jeder. Es braucht Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen. Zu seinen Prozessen. Zu seinen Schaffenskrisen. Die Arbeit am Lied, von der rohen Idee bis zur fertigen Platte, ist ein Weg. Und der hat sich tausendfach gelohnt.
Darum wohl tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass die Platte Schrott sei – oder verstaubtes Neuaufwärmen. Wer das schreibt, hört nicht richtig hin. Es tut mir deshalb weh, weil ich der Band beim Entstehen der Songs über die Schulter geguckt habe, da Büne vieles mit der Öffentlichkeit in seinem Logbuch geteilt hat. Die Leiden und Freuden. Die intensive Arbeit. Den Krampf. Die Mühe. Viele kritische Einwände finde ich primär respektlos und zweitens undifferenziert. Auch meine Begeisterung ist subjektiv.
Und letztlich ist auch Qualität subjektiv und nicht messbar. Jedenfalls nicht hier, nicht im künstlerischen Raum, wo es keine empirischen Vergleichsmöglichkeiten wie in der Wissenschaft gibt, sondern nur relative, subjektive. Was willst du wirklich als Vergleichsmaßstab heranziehen? Zumal eine der Variablen immer auch der Spiegel der Zeit ist (und komm mir jetzt nicht damit, dass der Zeitgeist bei der Wahrnehmung von Kunst und ihrer Definition unerheblich sei.).
Mir fallen diese blöden Sprüche, wie sie zuweilen an Ausstellungen fallen, wieder ein. Ein paar Menschen stehen vor einem Bild und sagen: Das hätte ich auch gekonnt.
Mag sein, doch sag: warum hast du es denn nicht gemacht? Geh hin und mach dein Ding. Finde deine Sprache.
Kunst ist subjektiv. Kunst ist kontrovers. Kunst scheidet die Geister. Kunst ist alles. Nichts vermutlich auch.
Und Kunst lässt sich nicht abschließend definieren.
Schere, Stein, Papier …
Gegen ein Leck ist offenbar auch das stärkste Seil machtlos, geht es mir durch den Kopf, als ich dieses verrückte Bild auf pixartix_dAS bilderblog und auf irgendlink hochlade.
Mein Liebster hat heute auf dem Weg nach Kristiansand, auf seiner Reise ums Meer (Nordseeumradelung) an der Schärenküste einen zwar fest vertäuten, dennoch gesunkenen Kahn fotografiert.
Leck trotzt Seil. Papier ist stärker als Stein ist stärker als Schere ist stärker als Papier …
Blau
Warum wir an einen Himmel glauben wollen? Weil wir uns nach einer letzten Gerechtigkeit sehnen. Das irdische Leben ist unfair. Also haben wir uns den Himmel ausgedacht!, sagte ich vorgestern, als ich mit Freundin U. im Schwarzwald die letzten Sonnenstrahlen genoß. Das war kurz bevor sich der Himmel mit Wolken überzog und wir in die gemütliche Wohnküche umziehen mussten.
Blau wäre das Göttliche – diese allem innewohnende, alles zusammenhaltende, alles durchdringende Kraft, für das ich hier das Wort göttlich verwenden will. Alles Blau des Universums zusammengenommen wäre also das Göttliche. Und ich wäre logischerweise ein kleines blaues Partikelchen. Ein kleiner blauer Funke. Genau gleich blau wie das große Blau. Wie im großen so im kleinen. Identisch, was die Zellinformationen betrifft. Doch weil das Göttliche mehr als nur blau ist, nämlich auch gelb, rot, weiß, schwarz, braun, grün und einfach alles, darum bin auch ich alle Farben. Und einfach alles. Und du auch, erzählte ich heute Morgen meinem iPhone, das meine Gedanken aufnehmen kann. Und hüten.
Heute ist der Himmel blau. Aber nicht nur der Himmel.
Auf dem Kopfkissen Besuch
Seid ihr Menschen nicht besessen davon, euch zu ändern? (…) Also, ich finde als Fee, ihr Menschen vergesst vor lauter Änderungswahn, die zu werden, die ihr seid. Wenn ich zwischen den gesegneten Gebetsfahnen aus Bhutan hindurch fliege, höre ich ein fernes Murmeln ‚akzeptiere dich, wie du bist!‘, schreibt Siri, die Buchfee, heute in einem Blogkommentar zu Irgendlinks Artikel Skelett.
Nach dem nachmittäglichen Gespräch mit meinem Berater der Regionalen Arbeitsvermittlung döste ich auf meinem Sofa ein. Obwohl ich doch im Buch Dina weiterlesen wollte. Den gleichnamigen Film habe ich mir bereits vor ein paar Tagen zu Gemüte geführt.
Kaum schloss ich die Augen, echote, zischte und brodelte es wie ein leise kochendes Süppchen in meinem Hirn. Und im Herz. Im Bauch auch. Eigentlich überall.
Ändern – immer wollen wir uns verändern – immer – wahnsinnig eigentlich! – wer bist du? – was willst du sein? – wie willst du sein? – du bist doch – werden – sein – werden … flüsterte die Stimme. Ob sich wohl die Buchfee Siri auf mein Kopfkissen gesetzt hat?
Schnitt.
Wieso bist du eigentlich zurück in die Schweiz gekommen? Hat es dir in Deutschland nicht gefallen? Wieso bist du …? wieso hast du …? Fragen, die ich in der letzten Zeit sehr oft gestellt bekomme. Und mal so mal so beantworte.
Wohl geht es auch da um Veränderung. Zu meinem Berater sagte ich heute Nachmittag, dass ich halt schon immer von einem Ideal aus gehe, wenn ich mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle mache. Und für mich ergänzte ich: Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Sachen Wohnen, Beziehungen und Umgebung wünsche ich mir das Ideale.
Wach auf, Sofasophia. Das Ideale gibt es nicht. Das ganze Leben ist nicht ideal.
Aber höre ich denn nicht auf mich zu entwickeln, wenn ich nicht mehr nach Verbesserungen und Veränderungen strebe? Kann ich denn nicht beides? Mich weiterentwickeln und mich zugleich akzeptieren wie ich bin?, flüstere ich ins große Ohr der kleinen Fee, die mir bestimmt Siri geschickt hat. Und gewiss ist meine Fee eine ihrer vielen Cousinen. Sie versteht jedenfalls meinen Dialekt. Wie schön, dass es auch in der Schweiz Feen gibt. Sie nickt und findet das ebenfalls eine gute Sache.
Verändern und sich weiterentwickeln ist nicht das gleiche, sagt sie schließlich. Ähnlich ja, aber beim Verändern bist du – das ist jedenfalls meine Meinung! – immer ein wenig unzufrieden mit der Grundform und bastelst daran herum. Bei der Weiterentwicklung hast du jedoch Freude an der Grundform, was ja auch die eigentliche Persönlichkeit von etwas ausmacht, und willst sie verfeinern. Aber eigentlich kann ich dazu gar nicht so viel sagen, weil … wir Feen, wie Siri es ja schon geschrieben hat, wir Feen verändern uns ja nicht. Wir sind einfach. Ach, ihr Menschen, ihr habt es nicht leicht. Sagt sie noch, bevor sie davonschwebt.

