gespiegelt …

Ich denke etwas – oder nein, es ist mehr dass ich etwas fühle. Aber in Worten. In Sätzen. Es ist da. Es hat eine Farbe. So ist es, genau so, und während ich es fühle und denke, weiss ich genau, was es bedeutet und es hilft mir, mich besser zu verstehen. Es ist wie ein Puzzleteil für mich und mein Leben. Doch dann will ich es aufschreiben und schon ist es weg. Oder ich schreibe es sogar auf, doch wenn ich es lese, ist das, was da steht, ungenügend. Auch wenn ich es auf Tonband aufnehme, ist es nichtssagend. 
So erzählt mir heute Abend eine liebe Freundin am Telefon. Sie habe heute in ihren alten Therapietagebüchern gelesen und beschreibt mir nun dieses Gefühl, dass sie damals so oft hatte, als sie jünger war und viel mehr als heute geschrieben hat. Auch heute habe sie es noch oft, dieses Dilemma, keine Worte zu finden, die auszudrücken vermögen, was sie wahrnimmt. Weil Wahrnehmung nicht nur mit Sprache fassbar ist. Weil die zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel nicht genügen. Was sie da sagt, könnten meine Worte sein. Wie gut ich sie verstehe!
Und dann, eines Tages, als ich mich wieder einmal ganz furchtbar einsam fühlte, weil ich mich selbst nicht wirklich verstand, aber doch die einzige war, die mich zumindest annähernd verstehen konnte, sagt sie weiter, begriff ich auf einmal, dass das, was ich jetzt fühle – selbst wenn es mir nie gelingen wird, dafür passende Worte und Sätze zu schaffen – irgendwo anders, vielleicht früher oder später, vielleicht sogar gleichzeitig, ebenfalls genauso gefühlt und gedacht wird. Und dass ich desbalb mit meiner Wahrnehmung nie wirklich allein bin. Weil da irgendwo jemand ist, der das auch kennt. Selbst wenn wir uns nie begegnen werden. Diese Erkenntnis hat mich fast umgehauen – und unglaublich und dauerhaft getröstet.
Ich höre zu und habe das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen. Sie. Sie spiegelt mich und sie ist jetzt diese eine, diese andere, die irgendwo-seiende Person, durch die ich hindurch töne. Per son – per sonare – hindurch tönen (siehe: mein Blog). Und sie in mir. Und durch mich. Weil ich sie verstehe. Weil sie mich versteht.
So ein schönes Telefongespräch habe ich heute – nach meinem wunderschönen sonnesatten Aarespaziergang – gerade noch gebraucht, quasi als Dessert, während ich die gepflückten Wiesenblumen in zwei Vasen verteile. Die Vorspeise war der junge, braun gelockte Jüngling mit Gitarre, der mich lachend gegrüßt hat, als ich auf dem Heimweg achtsam die Wiesen im nahen Park abgegrast habe.

Eines Tages

Ich esse Vollkornbrot vom Großverteiler, aus, so vermute ich, monokulturell angebautem Getreide. Schmeckt gut. Das Ei, das ich mir dazu gebraten habe, sei Bio, steht auf dem Karton. Ob das Huhn, das es gelegt hat, glücklich ist? Ob es ahnt, wie ein Hühnerhof aussieht? Tiergerechte Haltung – was wissen wir schon?
Mmh, köstliches Zitronenjoghurt. Auch Bio. Ich stelle mir glückliche Kühe auf grünen und blumenbunten Magerwiesen vor, mit Margeriten und Hahnenfuß, mit Weiß- und mit Rotklee. Und mehr als nur zwei Grassorten. Glückliche Kühe. Food Facts. Auf den Becher gedruckt. Aufs Gramm genau kann ich schauen, was ich esse. Wie viel Eiweiß die Kuh aus Gras und Blumen generiert hat.
Meine Gedanken schweifen ab.
Gestern schrieb ich in einer Mail an S., dass ich mich zurzeit sehr ausgeschrieben fühle, ausgeleert und ausgewrungen. Und nichts mehr zu sagen habe, sozusagen. Alles gesagt. Und dass ich darum das Bloggen sein lassen werde. Eigentlich stimmt das nicht ganz. Es ist nur ein Teilaspekt, denn das Schreiben und das Denken kann und will ich nicht lassen.
Hier geht es um Energie. Meine Energie, die ich zurzeit als sehr begrenzt erlebe. Der Austausch mit meinen Leserinnen und Lesern ist mir zwar wichtig, doch ich stelle oft fest, dass mich das Antworten nicht befriedigt. Dass mir, um mich zufriedenzustellen, mehr Energie zur Verfügung stehen müsste. Kurze Antworten werden den Kommentaren nicht gerecht und sind auch immer mal wieder missverständlich und lange Antworten sind oft so persönlich,  dass sie im Blog nicht am wirklich passenden Ort sind. Zu öffentlich. Darum habe ich mich nun durchgerungen, die Kommentarfunktion zu deaktivieren. Obwohl ich den Austausch mit euch liebe. Obwohl ich die Kommentare schätze. Obwohl. Ja.
Mit einem Augenzwinkern gesagt, befreit mich und dich das davon, um jeden Preis etwas Schlaues zu meinen Artikeln und den Kommentaren sagen zu müssen. Wer will, darf natürlich gerne per Mail mit mir Kontakt aufnehmen. Die Adresse findet sich auf der Kontaktseite oben. Oder ihr habt sie schon.
Da sitze ich also und esse Vollkornbrot, Bioeier, Biojoghurt und denke über das Bloggen nach. Aber ich denke auch an den Drachenläufer. Gestern geguckt. Eine wunderbar von Marc Forster umgesetzte Geschichte nach dem gleichnamigen Roman.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=fasqP9mcZ34]
 
Wegen eines ethnischen Makels – ja, unsere Herkunft stempelt uns fürs Leben! – geht eine Bubenfreundschaft unwiederbringlich kaputt. Und vor allem wegen Feigheit, fehlendem Mut. Auch beim Geschichtenerzähler, dem Buch von Mario Vargas Llosa, das ich gerade lese, geht es um Ethnien. Um Akkulturierung. Um den Verlust der Wurzeln und um Kolonialisierung, Verwestlichung, Domestizierung, Anpassung und Unterdrückung. Wenn ich es mir so recht überlege, ist das Dschungelbuch – die uralte Filmversion aus den Vierzigern (!), die ich neulich geguckt habe – eigentlich ein Film voller Übergriffe und Falschinterpretationen uns unbekannter Kulturen und Lebensweisen. In Bezug auf das „exotische“ (indische) Volk ebenso wie auf die den Urwaldtieren angedichtete Charaktere. (Das Buch habe ich – ja wirklich! – nie gelesen. Andere Verfilmungen kenne ich nicht. Ich mache hier nur eine Aussage über diesen einen Film).
Fazit: Wir domestizieren. Wir beherrschen. Wir unterdrücken. Wir manipulieren. (Falls du nicht und nie auch nur ein bisschen, dann Glückwunsch. Lies einfach weiter – oder lass es bleiben.)
Aber wir passen uns auch an. Wir lassen uns die Flügel stutzen. Wir hören uns an, wie wir zu sein hätten. Wir lassen uns vorschreiben, was richtig ist. Zutiefst menschliches Verhalten in wohl fast allen gewesenen und lebenden Kulturen der Welt, wie ich vermute.
Betrachte ich das Blatt Papier vor mir (dass ich von Hand mit den obigen Sätzen beschrieben habe, während ich frühstücke), betrachte ich meine Schrift, betrachte ich die aufgedruckten feinen horizontalen und vertikalen Linien meines Schreibblocks, stelle ich fest: Meine Lehrpersonen waren erfolglos damit, mir meine wilde Schrift ab- und mir dafür eine andere gesellschaftskompatible, lesbare, nichtmeine Schrift anzugewöhnen. Nicht, dass ich nicht auch (relativ) lesbar schreiben könnte. Wenn ich muss und wenn ich will. Aber wenn nicht, dann nicht. Selten treffe ich Zeilen oder Linien. Die a, die e, die z, die s, die g, die undsoweiter sehen bei mir nie gleich aus. Jede Graphologin würde sich die Haare raufen. Mein Vorteil: Ich kann die meisten Handschriften auf Anhieb lesen. Aber ich schweife ab.
Wie wären wir wirklich? Wie wäre ich wirklich? Wenn? Wenn ich nicht? Wenn was? Ohne die Zivilisation? Ja, wie wäre ich – heute und hier – ohne unsere jahrtausendelange Wegführung von der Verbundenheit, die der Mensch eins zur Natur hatte. Zu den Tieren. Zu Pflanzen und Elementen. (Natürlich sind all diese Fragen müßig, aber ich denke sie trotzdem. Und gerne.)
Diese tiefe Sehnsucht nach Wildheit und Eingebundensein in die ursprünglichen Zusammenhänge hatte ich schon immer. Spontane Naturrituale machte ich schon als Kind. Beim Toter-Vogel-bestatten ebenso wie Beim durch-den-Wald-streifen. Und beim Steinesammeln ebenfalls. Meine Intuition erscheint mir heute, als Erwachsene, zuweilen wie ein Relikt aus uralten Zeiten, die mich in dieser überzivilisierten Welt – wie eine Kompassnadel, die von zu vielen Geräten irregeführt wird und wild im Kreis tanzt – oft in die falsche Richtung weist. Richtig schon, aber nicht umsetzbar, denn würde ich ihr immer gehorchen, könnte ich schon bald nicht mehr in dieser Gesellschaft leben. Zum Beispiel empfiehlt mir meine Intuition in einer Stresssituation Rückzug und Ruhe, doch die Umsetzung ist meist nur schwer möglich. Oder falls ich es tue, manövriere ich mich ins Abseits.
Back to topic. Born to be wild? Thrill um jeden Preis. Highheels statt barfuß. Weil es kaum mehr Orte gibt, wo wir Wildheit und Urtümlichkeit spüren, leben, riechen, berühren können und erfahren (falls wir es denn noch wollen, noch spüren, noch ersehen), schaffen wir uns diese Orte selbst. Wir springen an Seilen von Brücken, ohne Seil dafür mit Stoff über dem Kopf aus Flugzeugen und besteigen die höchsten Berge und Türme.
Nein, ich darf nicht verallgemeinern. Das sind ja eh immer alles nur die anderen. Und außerdem haben wir alle grundverschiedene Bedürfnisse. Haben wir das? Ist da nicht der Wunsch in uns allen, uns lebendig zu fühlen? Lebendig und in Verbindung mit uns und dem Leben?
Schnitt. Zoom. Ich. Wie gehe ich mit dieser Zerrissenheit um? Ich lebe hier in meiner zivilsierten Welt mit Warmwasser und Kühlschrank, mit Laptop, iPhone, DVDs und Büchern, mit Internet und Telefon. Ich liebe diese Dinge. Ja, und ich liebe die Natur. Die Aare. Wasser und Feuer. Wind. Erde an den Händen.
Entweder-oder geht hier nicht mehr. Sowohl-als auch ist der Weg, für den ich plädiere. Integration. Zurück in die Steinzeit kann ich nicht. Und will ich auch nicht. Dennoch frage ich mich, wie es wäre, wenn … Und auch, wenn es anders gewesen wäre. Wenn die Zivilisation organischer vorangegangen wäre. Weiblicher, matriarchaler. Ob die Atombombe erfunden worden wäre? Sexismus und Rassismus wäre vielleicht Wörter ohne Inhalt. Und darum inexistent.
Integration – was genau ist das überhaupt? Ist es das Zauberwort, um mich aus meiner Zerrissenheit und dem schmerzhaften Spaghat zwischen uralt-innerem Wissen und dem pseudouniversellen Wissen des weltweiten Netzes zu befreien?
Wie das Biohuhn, das mein Ei gelegt hat, wohl wenig Ahnung von einem richtig tollen Hühnerhof hat und schon gar nicht, wie es in der Wildnis aussieht, die es für Hühner bestimmt auch einmal gegeben hat, wie das Biohuhn also, bin ich eine Mischung aus alle dem, was ist und war. Verbunden durch meine EUrinnerungen, durch alle Zeiten mit allen Zeiten und mit allem, was lebt.

Étagère

Das wird eine Étagère, sagt die Frau vor mir. Sie deutet auf einen großen, einen mittelgroßen und einen kleinen Teller, aufeinandergeschichtet auf dem Rollband. Designergeschirr beim orangen Riesen. Mir gefällt‘s auch. Ah, eine Étagère, denk ich, gute Idee, doch die Verkäuferin versteht Bahnhof.
Eine was?, fragt sie die Kundin. Die beiden duzen sich. Kennen sich. Lachen zusammen.
Eine Étagère, sagt die Kundin nochmals. Die Verkäuferin fragt die Kassiererin an der Kasse nebenan, ob sie wisse. Es hat nicht viele Leute. Alle hören mit. Mit ist es ein bisschen peinlich, wie dumm die Verkäuferin ist. Oder vielleicht, dass sie sich ihrer Dummheit nicht schämt. Hm. Ich schäme mich mal wieder fremd, sozusagen. Dass es die zweite auch nicht weiß, macht das Ganze wohl ein bisschen weniger peinlich. Ich nicke der Kundin wissend zu, die auf ihrem iPhone nach Étagèren sucht, um der Verkäuferin ein Bild zu zeigen. Oder auch nur das geschriebene Wort. Étagère kommt von Étage, hört man doch. Weiß man doch. Von Stock. Von Brett. Von Absatz. Von Stufe. Von was auch immer. Dinge übereinander halt. Sie schwatzen und lachen noch immer. Zwei Nichtwissende sind weniger schlimm als eine. Und wenn mehr Menschen etwas nicht wissen als wissen, gilt es schon als normal.
Was ist normal?, fragte ich Freundin T., mit der und ihrem Mann P. ich essen war.
Alle meinen, nur die anderen sind es. Niemand fühlt sich wirklich normal oder zugehörig, sagt T..
Alles eine Frage der Deutung, grüble ich auf dem Rückweg. An Deutung und Bedeutung, deute ich rum, schon wieder, seit gestern schon, oder immer vielleicht. Weil Peter Stamm da was geschrieben hat in seinem relativ neuen Buch, Seerücken heißt es, das ich lese. Wie da eine junge Frau in einer der Geschichten im Wald lebt, erzählt er. Drei Jahre lang lebt sie da. Sommers wie winters. Wie sie über das Wesen des Waldes nachdenkt und über die Welt, erzählt Stamm. Und wie alles miteinander zusammenhängt. Oder eben nicht. Wie sie sich Fragen stellt über das Dasein. Fragen, wie ich sie gedacht habe. Immer schon. Als Kind im Bett vor dem Schlafen. Nach dem Gutnachtgebet mit meiner Mutter. Ein Sprüchlein nur, ein nettes, wo es um den lieben Gott ging, und ich mich hinterher, solange bis der Schlaf mich einholte, fragte: Wer hat eigentlich Gott gemacht? Was war vorher und dahinter, darunter und darin, in Gott. Und wieso Gott. Wer hat dieses Wort gemacht? War es vor Gott da? Und wer ist Gott überhaupt? Die Sache mit Rauschebart und Wolke war mir schon als Kind suspekt.
Wie schon beinahe immer schickte mir Irgendlink auch heute Morgen seinen Blogtext, damit ich ihn redigieren und auf sein Blog hochladen kann. Über den Urknall schrieb er. Und über das Schaf. Ein Text, der mich anrührte. Nicht, dass wir ähnliches nicht auch schon diskutiert hätten, früher, nicht gestern oder jüngst, aber oft. Doch wenn etwas geschrieben ist, ist es anders. Es ist bedeutungsvoller. Als wäre etwas, das geschrieben ist, wirklicher und wichtiger.
Ist es nicht letztlich das, was wir alle wollen? Etwas bedeutungsvolles tun. Ist nicht fast jedes menschliche Streben von der Idee motiviert, eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen? Eine bedeutungsvolle Spur im Sand des großen Nichts. Oder nennen wir es das große Etwas, das aus dem großen Nichts geworden ist. Worüber, wie gesagt, Irgendlink, heute gebloggt hat. Bedeutungsvoll. Was für ein Wort! Doch, so frage ich mich, wer macht, wer sagt, wer ist es, der sagt, was bedeutungsvoll ist? Dieser Liebegottmitrauschebart mit Sicherheit nicht. Doch wenn es nur – nur! – wir selbst sind, die die Bedeutung von bedeutungsvoll definieren, ist es dann nicht egal, was das Wort bedeutet? Ich meine, so – von uns allen gefüllt – ist es beliebig geworden. Wertlos und bedeutungslos. (Ist das nicht wie Kunst ohne jegliche Qualitätseinschränkung? Ein Thema, worüber ich längst bloggen wollte.)
Womit wir bei der Deutung wären, jener Vieldeutigen, Undeutbaren, großen Unbekannten, die alles entscheidend ist, denn sie sagt uns, was ist und was wird. Mein Zustand, von mir gedeutet, wenn ich am Morgen das Bett verlasse, entscheidet über den Verlauf des Tages, zumindest der ersten Stunden. Ich deute, also bin ich. Ich deute alles. Das Wetter ebenso wie die Zeilen einer Mail und erst recht das, was zwischen ihnen hängt. Alles. Deuten ist filtern ist bewerten. Doch eigentlich will ich mich jetzt als Deutende mit dir als Deutendem auf die gleiche Stufe stellen. Unsere Deutungen sind sich gleichwertig. Gleichwertigkeit ist eine schöne Theorie, die aber nur geht, wenn wir zwei die gleichen Kompetenzen haben.
Absolut gesehen geht so was nicht, denn absolut gibt es nicht. Nicht mal in der Mathe. Relation, sag ich da nur, und: denk an Einstein. Alle sogenannten Beweise sind immer nur relativ.
Immer.
Gemessen an.
Im Vergleich zu.
Auf der Annahme beruhend, dass.
Weil eben alles immer von irgendwo an- und ausgedacht werden muss. Dieser Punkt ist der große Schwachpunkt. Vielleicht der Urpunkt. Und hier kommen nun der Mensch und sein Selbstbild ins Spiel. Der Mensch, der tut als sei er das Maß aller Dinge. Im (genialen) Schafskrimi Glennkill, den ich letzte Woche gelesen habe, diskutieren die Schafe über die Seele des Menschen.
Nein, der Mensch kann keine Seele haben, sagen sie, die schlauen Schafe, die gemeinsam auf der Suche nach dem Mörder oder der Mörderin ihres Hirten sind.
So schlecht wie der Mensch riecht und seine Umgebung wahrnimmt, nein, da kann er keine Seele haben. Außer, vielleicht, eine ganz ganz kleine.
Was wissen wir schon über all die anderen Dimensionen, die noch unerforschten? Nur drei sind uns halbwegs vertraut. Halbwegs. Und auch über uns selbst wissen wir nur verdammt wenig. Wissen? Nein, ich strebe nicht nach Wissen, wenn ich mich nach mehr Lebensfülle sehne, auch nicht nach Trost, wenn ich nicht mehr weiter weiß, nicht einmal danach verstanden zu werden, wenn meine Gedanken mal wieder Loopings tanzen, denen niemand folgen kann. Nein, ich sehne mich einfach nur nach Erkenntnis. Danach, die ganz großen Zusammenhänge zu verstehen. Den Sinn dahinter. Den wirklichen. Nichts weniger als das, bitte schön, und dann geb ich endlich Ruhe. Ja, ich leide am Nichtverstehen.
Ständig zerreißt mich das Leben, das ich lebe, entzweit mich immer wieder mit mir selbst. Die eine Hälfte sagt: Egal, wie alles zusammenhängt, Hauptsache mir geht’s gut und ich lebe glücklich vor mich hin. Doch die zweite Hälfte sagt: Ich will verstehen, warum dieser Mensch so und so ist und ich will wissen, warum dies und das dazu geführt hat, dass jetzt dies und das heute so und nicht anders ist. Ist es überhaupt so, oder meine ich das nur? Oh, und schließlich ist noch jene Hälfte zu erwähnen, die – ach, nein, das wollt ihr gar nicht wirklich wissen.
Warum brauchen andere keine Antworten?, frage ich mich. Weshalb könne andere ohne Erkenntnisse leben? Wieso gelingt es andere, ohne dass sie die Zusammenhänge verstehen ihren Alltag zu meistern? Falsche Fragen allesamt. Müßige auf jeden Fall. Was muss es mich denn schon interessieren, wie andere leben, leben können? Warum erliege ich ständig und schon wieder der Versuchung, mich zu messen, mich zu vergleichen? Selig sind die, die solche Probleme nicht kennen, ihnen gehört – ja was? Der Himmel? Heißt es im Buch der Christlichkeit.
Schnitt.
Selig, glückselig zu sein – ist es denn nicht das, was wir uns alle wünschen? Für uns, für alle. Ohne diese rosarote Langeweile allerdings, die wir üblicherweise mit dem Himmel assoziieren. Schöne, friedliche, spannende, lustige, lebendige Glückseligkeit. Zufriedenheit. Ganzheit.
Deute diese Worte für dich. Kannst du alles haben. Jetzt.
____________________________________________________________________________________________
EDIT:
Anmerkungen:
– Das Wort Étagère ist in Deutschland praktisch unbekannt, anders in der Schweiz, wo es recht verbreitet ist (zumal ja hier (fast) alle französisch lernen).
– Dieser Text, vor allem der Anfang, spaziert ein wenig durch satirische Gebiete.

Sein (Gerundium)

Man muss etwas machen. Man kann nicht nur da sitzen. Er sagt es mit dem vielzitierten Brustton der Überzeugung. Sitzt da. Sitzt einfach nur da und sagt es. Obwohl er klein gewachsen ist und in sich zusammengesunken im Stuhl kauert, wirkt er jetzt groß. Weil er weiss, was zu tun ist. Vielleicht.
Man muss etwas machen. Alles andere ist Zeitvergeudung. Man kann nicht nur schlafen, essen, trinken und Zeitung lesen – oder Bücher. Mit dem Kinn deutet er auf ihre Bücher auf dem Tisch, die für die Bücherei bestimmt sind. Seine Hand fegt durch die Luft. Radiert alles aus, was ihn stört.
Man muss etwas machen, etwas richtiges. Spazieren gehen reicht nicht. Grübeln ist Zeitverschwendung. Man muss hingehen und etwas MACHEN, sag ich. Sitzt noch immer da. Nimmt einen Schluck kalten Kaffee aus der großen Tasse mit dem halb abgesprungenen Henkel. Schüttelt den Kopf.
Man muss etwas tun. Mit den Händen. Arbeiten. Etwas tun, damit die Welt sich weiterdreht. Sein rechter Zeigefinger zeichnet einen Kreis, ohne dass die Hand sich mit dreht. Die Welt bleibt stehen, wenn wir nichts tun. Wir müssen sie bewegen, hörst du.
Sie sitzt da und hört zu. Denkt, dass die Welt alle braucht (gebraucht werden – ha! Will sie das?). Alle. Ich aber, denkt sie, ich sitze nur. Sie wendet ihren Rollstuhl und fährt durch den Flur in ihr Zimmer. Bin ich daseinsberechtigt?, fragt sie sich und schaut zum Spielplatz gegenüber. Mütter und Kinder, die etwas tun. Nicht zum ersten Mal denkt sie darüber nach. Schon vor dem Unfall fragte sie sich oft, wozu sie überhaupt hier sei. Schon früher war sie anders gewesen. Nicht so belastbar wie die anderen. Konzentrieren ging auch früher nicht lange. Und heute?
Sogar Alf ist besser dran, denkt sie. Auch er konnte zwar nicht mehr laufen. Arbeiten schon gar nicht mehr. Seinen Rücken hat er sich in der Fabrik kaputtgeschuftet, doch immerhin war er nicht depressiv. Immerhin konnte er noch sagen, was er dachte. Und er wusste, was er wollte. Immer noch. Die Welt verändern.
Sie starrt aus dem Fenster. Was macht mich glücklich?, fragt sie sich. Nicht: was muss ich machen. Die richtige Frage lautet: Wann bin ich zufrieden und wieso? Und findet mich das Glück auch, wenn ich nie mehr etwas anderes machen kann als …
Ihre Gedanken stocken. Machen? Tun? Ich aber, ich bin nur. Reicht das denn nicht?

Zwischenräume

Bestimmt fängt er nächstes zu knurren an. Vielleicht wird er mich sogar beißen. Keine Ahnung, auf was für Ideen Notizzettel kommen, wenn wir sie ignorieren. Ich habe ihm versucht klar zu machen, dass er so wichtig nun auch wieder nicht sei. Er sei einfach nur ein mit ein paar meiner Ideen vollgekritzelter Zettel. Mehr nicht.
Immerhin hast du Irgendlink von mir erzählt, kontert er.
Von dir? Täusch dich da mal nicht, lieber Zettel, sage ich. Nicht von dir, nur von den Worten auf dir.
Ist doch egal. Ist eh fast das gleiche, sagt er. Nun knurre ich zurück. Also gut. Schließlich habe ich es J. versprochen.
Was haben wir gelacht heute Morgen. Am Telefon hatte ich ihm erzählt, dass ich einen Blogartikel mit dem Titel „Zeig mir deinen Zaun und ich sage dir, wer du bist!“ schreiben wolle. Vielleicht. Lachen mussten wir deshalb, weil er unmittelbar vor dem Anruf einen Artikel geschrieben hat, worin ebenfalls Zäune vorkommen. Einen Artikel, den er mir eine Viertelstunde nach unserem Gespräch zumailt, damit ich ihn, – bitteschön, liebe Homebase –, an seiner Stelle, redigiere und in sein Blog hoch lade. Um Akku zu sparen.
Also gut, Zettel, komm her und lass dich anschauen. Meinst du wirklich, ich kann dieses Gekritzel auf dir lesen?, sage ich.
Kann ich doch nichts dafür. Ist ja nicht meine Schrift, sagt er. Recht hat er.
Ist ja gut, ich versuche es. Halt doch endlich still.
Du kitzelst.
Krieg dich ein, so wird das nichts. Siehst du, es geht ja.
Bevor ich gestern aareaufwärts durch die wunderbar-wilde, renaturierte Auenlandschaft beim Wasserschloss radeln kann, führt mich der Weg durch Wohnquartiere und an Familiengärten vorbei.
Die Schweiz – das Land der Gartenzäune, denke ich. Halt! Stimmt nicht, korrigiere ich mich. Gartenzäune hat es nicht nur hier. Zäune gibt es auch in Deutschland. Und denk an Schweden und Dänemark! Und was ist mit England? Dort hat es überall welche und die Leute stellen noch Schilder auf, die vor der Bürgerwehr warnen. So hat es Irgendlink jedenfalls geschrieben.
Zeig mir deinen Zaun und ich sage dir, wer du bist!,
murmle ich vor mich hin.
Hecken als Zäune, wie der da drüben, beim Familiengarten, das geht ja noch. Ist immerhin ein Biotop für Tiere. Aber einfach so Zäune bauen – aus Holz, Stein oder Beton?
Wozu?
Was sperren wir ein? Uns selbst?
Was sperren wir aus? Die anderen?
Wie viel Raum brauchen wir? Was schützen wir? Was mauern wir ein?
Sichtschutz – ja, gut, Intimsphäre brauchen wir alle.
Und ja, auch Viehzäune haben durchaus ihre Berechtigung, sie schützen Menschen und Tiere voreinander.
Aber all die anderen Zäune?
Zäune markieren. Sagen: Das hier ist Besitz. Mein Besitz. Dieses Stück Land ist meins. Geh weg!
Zum Glück gehört wenigstens die Aare uns allen.

So, Zettel, zufrieden? Guck, da ist der Papierkorb. Gute Nacht. Und danke auch.
__________________________________________________________________
Bild: iDogma –
Fotografiert mit der iPhoneApp AutoStich (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Die Sache mit den Blickwinkeln

Eigentlich wüsste ich es ja längst. Der Blickwinkel macht’s. Oder iPhonisch gesprochen ist es der Filter, oder die App, die es macht. Wie gerne würde ich an Bluestagen wie heute einfach einen anderen Filter auf meine Seele legen. Andererseits ist es wohl auch ganz gut so, wie es ist. Und besser zu viel wahrnehmen als gar nichts.
Mit dem Rad an der Aare unterwegs und innehaltend – ein wunderbarer Frühlingstag hat mich aus der Wohnung gelockt – habe ich heute einfach nur dem Rauschen gelauscht. Das Buch blieb im Rucksack.
Drei verschiedene Ausschnitte mit zwei bis drei verschiedenen Linsen. Welches zeigt nun wirklich die Wirklichkeit? Und sind die anderen falsch?

__________________________________________________________________
Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Die Parabel von der Murmelbahn

Ich habe heute Morgen, gleich vor dem Aufwachen, von einer riesigen Murmelbahn geträumt. Einer großen, kompakten, quadratisch aus Cuboro-Elementen* gebauten 3D-Bahn, und sofort war mir klar, dass dieser Traum sowohl mit Irgendlinks Ums Meer-Kunstreise zu tun hat als auch mit dem neulich von ihm verfassten, sehr philosophischen Artikel, zu dem ihn ein Perpetuum mobile inspiriert hatte, das er im Museum in Sunderland betrachtet und fotografiert hat.
Meine geträumte Murmelbahn war jedenfalls ebenfalls ein Perpetuum mobile. Escheresk rollten die Kugeln irgendwie in einem mir nicht ersichtlichen Kreislauf immer weiter und weiter. Unzählige Kugeln. Alle gleichzeitig. Dass das Bild auch für die Reise Irgendlinks steht, war mir sofort klar.
Wow, das ist pure Kunst!, sagte ich im Traum zu dem Menschen, der die Bahn gebaut hatte und neben dem ich jetzt stand. Sofort ging die Diskussion los, ob das nun wirklich „richtige“ Kunst sei oder nicht. Kunst kommt von Können, wie wir alle wissen, sagte mein Gegenüber. Aber das hier konnte ich vorher nicht. Ich habe einfach ausprobiert. Ich habe es einfach gemacht.
Darf es denn nicht trotzdem Kunst sein, obwohl es ganz ohne zielgerichtete Absicht und vorherige Kenntnisse geschaffen wurde? Einzig aus dem inneren Bedürfnis heraus nach Kreieren, Schönheit und Harmonie. Aus purer Lust.
So ähnlich wie es der Künstler Fernando Botero gesagt hat, den die Mützenfalterin wie folgt in ihrem Blog zitierte:

Bei Kunst geht es ja eigentlich um Schönheit und Vergnügen. Das ist die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers. Schauen Sie sich die Expressionisten an: Da sieht man keine traurigen oder schäbige Bilder. Wenn man sich die ganzen großen Künstler der Geschichte ansieht, wird das bestätigt. Die Intention von Kunst ist, Vergnügen zu bereiten, nicht nur durch die Schönheit der Dinge sondern auch im Falle erbärmlicher Inhalte. Es ist ja nichts verkehrt daran, etwas Schäbiges auf schöne Weise darzustellen.

Womit wir wieder bei der Kunstreise-Blogkunst von Irgendlink sind. Wie oft fotografiert er Schäbiges? Ich erinnere an jene Collage aus Bildern, die eine Mauer mit abblätternder Farbe zeigen, an rostige Schlösser, an Unterführungen. Die Intention von Kunst sei es, Vergnügen zu bereiten, sagt Botero. Ich für mich ersetze den bestimmten durch einen unbestimmten Artikel. Kunst hat noch mehr Intentionen, doch die hier erwähnte ist nicht zu unterschätzen.
Vergnügen den Kunstschaffenden, doch auch Vergnügen den Betrachtenden. Und umgekehrt. Wieder ein Perpetuum mobile. Genannt Vergnügen. Liebe ist auch eins, wie ich früher mal bloggte.
Jede Kugel, die die Murmelbahn durchläuft, schliesst laufend Kreise. Wo sie einst ihre Reise angefangen hat, hat sie längst vergessen. Sie rollt weiter, immer weiter. Wer sie in die Bahn geworfen hat, weiß sie nicht mehr. Wie es war, als es sie noch nicht gab, die Bahn auch nicht und den Erbauer dieser Bahn erst recht nicht, kann sie nicht wissen. Wie das alles einmal enden wird – und ob?
______________________________________________
*Nein, kein Werbespot für Murmelbahnen, nur damit ihr wisst, was ich meine: http://www.murmelwelt.de/cuboro1.html

Von Erde und dem Geheimnis des Bloggens

Heute blogg ich mal über den Exhibitionismus von uns Bloggenden, sage ich am Morgen zu Irgendlink. Und über den Voyeurismus in uns auch gleich. Und wenn ich schon dabei bin, das alles auf den Tisch zu legen, könnte ich auch gleich die Sucht nach den Statistiken miteinweben. Und die Sache mit den Kommentaren. Du weißt schon.

Ja, er weiß. Denn Irgendlink hat technische Probleme mit seiner BlogApp. Er kann vorläufig die Kommentare nur über den Browser, also über das normale Blogformat, wie wir alle es auf dem Bildschirm sehen, lesen. Dass das auf dem kleinen Bildschirmchen mühsam ist, könnt ihr mir glauben. Auf der WordPress-App, die er normalerweise sehr gerne benutzt, zickt diese praktische Funktion zurzeit. Während er mir das Problem schildert, wird mir bewusst, wie abhängig wir a.) von funktionierenden Programmen sind und b.) wie eminent wichtig ihm (mir auch) der Austausch mit den Lesenden seines Blogs ist. Die Grenze zwischen es-wichtig-finden und abhängig-davon-sein ist dabei fließend.
Ich schweife ab. Ich wollte doch heute über die Sache mit dem Bloggen bloggen. Doch jetzt, wo ich am Rechner sitze, habe ich eigentlich eher Lust auf einen guten Film und eine Flasche Bier als blogzuschreiben. Ich ignoriere, dass ich noch eine Buchbesprechung fertigstellen sollte. Und die Recherchen für einen Artikel aufgleisen.
Ich bin währschaft müde, wie wir hierzulande sagen. Nicht nur habe ich die ganze Wohnung geputzt und das Bett frisch bezogen, auch habe ich mich – mit einer Trillion anderer Frühlingsgeiler – bei hochsommerlichen Temperaturen in der Landi mit Gartenzöix eingedeckt. Da ich vor einem Jahr, beim Umzug nach Deutschland, alle Tontöpfe meines Balkongartens verschenkt und die Erde in den Wald gebracht hatte, musste ich heute sozusagen bei null anfangen. Oder sagen wir mal bei fünf, denn die drei Balkonkisten samt Erde hatte ich von dort nach da und von da nach hier mit umgezogen. So lud ich also Töpfe, Setzlinge, Erde und Bambusstecken auf den großen Einkaufswagen und zirkelte an all den anderen Kauflustigen vorbei zur Kasse. Treibhauseffekt im wahrsten Wortsinn. Der Schweiß lief mir aus allen Poren, als ich später die Sachen ins Auto lud.
Von dieser Wärme tät ich dir gerne was abgeben!,
hatte ich zu Irgendlink gesagt, der mich, als ich vor der Wahl stand, welche Erde ich kaufen soll, kurz angeskypet hatte. Er sei in Middlesbrough und das sei ganz schön stressig. Er sei froh, wenn er die Stadt bald hinter sich habe. Was ich gut verstehen kann. Von vielen Leuten umgeben zu sein, ist weder sein noch mein Ding. Lieber Natur. Womit wir wieder bei der Erde wären. Nein, Erde kauf ich sonst nie im Laden, doch um Erde im Wald zu holen, hätte ich den kleinen Radanhänger gebraucht und der steht noch irgendwo auf dem einsamen Gehöft herum. Mit dem Auto in den Wald gehen und Erde holen, geht gar nicht. Dann doch lieber kaufen. Vierzig Liter Bio-Erde lade ich auf. Bio-Erde? Hm. Gibt es denn Nicht-Bio-Erde?
Den Parkplatz hat mir ein netter älterer Herrn vererbt. Bevor er sein Auto ausparkte, gab er mir mit Handzeichen zu verstehen, dass er gleich herausfahren werde. Natürlich musste ich an mein unglückseliges Erlebnis vor ein paar Monaten – noch in Deutschland – denken. Wo ein ähnlich alter Herr mir meine sauer erkämpfte Parklücke vor der Nase weggeschnappt hatte. Nein, ich will nicht Deutschland gegen die Schweiz ausspielen und umgekehrt. Vergleichen ist doof. Es gibt hüben wie drüben doofe A…löcher. Und der hier war halt einfach ein netter Mensch.
Wie ich später meinen Gartensitzplatz mit den frisch bepflanzten Töpfen gestalte, begreife ich, dass es hier nicht um die Tomaten geht, die da bald mal wachsen werden, und nicht um Blumen und Kräuter, sondern dass es darum geht, wieder hier, in meiner alten Heimat anzukommen. Wieder Wurzeln zu schlagen und anzuwachsen. Und darum, mit den Händen in der feuchten Erde zu wühlen.
Ach, und die Sache mit uns ExhibitionistInnen erzähl ich vielleicht ein andermal.

nur klitzeklein

Heute mit der Frage erwacht, wie sich eine Trapezkünstlerin, wie ich sie zum Beispiel letzten Samstag im Zirkus gesehen habe, wohl in genau jenem Moment fühlt, wo sie die sicheren Hände des Partners loslässt, sich in der Luft um sich selbst dreht, um nachher wieder die vertrauten Hände zu fallen. Wie sie diesen klitzekleinen Moment empfinden mag, wo die Welle bricht, wie ich das nenne. Wo die Zeit scheinbar stehen bleibt, wo sich nichts und alles bewegt.
Vielleicht ist da nur Vertrauen. Und Körperwissen. Vertrauen in das eigene Können ebenso wie in jenes ihres Partners. Ich glaube, im Zirkus mag ich genau deshalb genau jene Nummern am liebsten, wo die Choreographie vorgibt, dass sich zwei oder mehr Menschen scheinbar mühelos zu einem Gesamtkunstwerk verweben. In der Luft schwebend oder auf dem Boden akrobatisierend.
Eigentlich, so sagte ich zu Freundin U., die mich gestern besucht hat, eigentlich ist jedes menschliche Zusammenspiel ein bisschen wie Trapezkunst. Irgendlink schickt mir seine Bilder und Texte, die ich dann, in seinem Sinn, verblogge. Er vertraut mir. Vertrauen zu erhalten ist ein wunderbares Geschenk. Und zu vertrauen ebenfalls.
Wieder ein Grund zum Dankbarsein.
Auch dieser Text hier, den Wolf vorhin kommentiert hat:

Gerade heute, sei nicht ärgerlich.
Gerade heute sorge dich nicht und sei erfüllt von Dankbarkeit.
Widme dich aufrichtig deiner Arbeit (an dir selbst) und verdiene dein Brot redlich.
Gerade heute sei liebevoll zu allen Wesen.

von Dr. Mikao Usui
Und jetzt fahr ich los, nach Solothurn und Bern, Besuche machen. Winkewinke!

Suchen und finden

Auf der Suche nach einem Gedankensplitter, den ich meines Wissens im Januar dieses Jahres verbloggt habe, klicke ich mich durch mein Blog. Das Suche-im-Heuhaufen-Prinzip sozusagen. Kurz nachdem ich die Nadel gefunden habe, stolpere ich über diesen Text hier:

„Meine neue Wohnung hat idealerweise zweieinhalb bis dreieinhalb Zimmer, kostet weniger als vierzehnhundert Franken (brutto) und ist in einem älteren, gemütlichen, aber renovierten Haus. Das heißt: es ist keine moderne Neuüberbauung mit sterilen Rasen drum rum. In der Nähe sind Aare und Natur. Ein bisschen alternativ-wild ist es ebenfalls. Am liebsten ist mir ein von vier bis zehn Mietparteien bewohntes Mehrfamilienhaus, denn ein bisschen Anonymität ist mir nach dem aktuellen Landleben ganz recht. Innendrin ist die Wohnung möglichst hell, Parkett, Linoleum, Stein oder Laminat (keine Teppiche), gerne Badewanne, gerne Balkon.”
Ich klicke auf „senden“ und hoffe, dass meine gute alte Freundin T. eine Idee hat, wie sie mir dabei helfen kann, meine neue Wohnung zu finden. Sie wohnt seit vielen Jahren in einem Ort, der mit anderen Ortschaften auf meiner Favoritenliste steht.

Quelle: Spuren finden, vom 16. Januar
Verrückt. In genau dieser Wohnung lebe ich nun. Mit genau drei der vier aufgezählten Bodenbelägen (ohne Laminat). Und mit fünf anderen Mietparteien im Haus. Seit einem Monat schon. Einziger Unterschied zur obigen Bestellliste ist der,  dass ich statt Balkon einen Gartensitzplatz habe. Noch unbepflanzt zwar, aber jetzt schon richtig gemütlich, größer als jeder vorherige Balkon. Und genau in dieser Ortschaft.
Ach, ich weiß, das mit dem Zaubern, mit dem Materialisieren von Visionen und Wünschen ist so eine Sache. Ein heikles Thema, das schon zu vielen Missverständnissen geführt hat. Da ich schon viele, viele Jahre auf diesem Grat zwischen den Welten surfe und tanze und immer mal wieder von hier nach da und wieder zurück wechsle, ahne ich ein klein bisschen, wie alles zusammenspielt. Ahnen nur, obwohl ich mal ganz da lebe, mal mehr dort. Immer aber bleibe ich unfähig, diese andere, unfassbare Seite zu ignorieren, die meinen Alltag nicht unwesentlich beeinflusst. Diese beide Welten zu verbinden ist meine tägliche, meine alltägliche Herausforderung. Närrische Freiheit braucht es dazu (die mir oft genug abgeht), den Mut, über die Nasenspitze zu blicken und über die Schulter, sich unmögliches als möglich zu denken und vor allem weise zu wünschen und diese Weisheit gleich dazu, denn vieles erfüllt sich tatsächlich. Und wenn es da ist, ist es eben da. Punkt.
Nein, eigentlich habe ich nicht verstanden, wie alles zusammenhängt. Nur dass. Alles. Irgendwie. Zusammenhängt. Und ich ahne auch, dass das Ganze nicht fair ist. Nein, die Natur ist nicht fair, bestenfalls die-Sonne-scheint-für-alle-fair. Das muss genügen.
Aber ich schweife ab. Zaubern, wünschen, imaginieren, sich vorstellen, herbeirufen – dazu braucht es Worte. Gedanken, Bilder, Worte. Was wir in Worte fassen, ist schon. Denn sobald etwas in Worten Platz gefunden hat, nimmt es sich Raum. Oder schon vorher. Egal. Irgendwo war es wohl schon immer da. Alles. Doch zuerst war alles Idee, wie ich schon früher in diesem Blog schrieb. Alles. Jedes Wort, das ich schreibe. Jede Geschichte, die ich zu Papier bringe. Jeder Mist, den ich verzapfe. Idee. Jedes Ding, dass ich anfassen kann, ist ein materialisierter Gedanke. Materie ist nichts anderes als verdichtete Energie. So lernten wir in der Schule.
Wünschen nach Kaugummiautomatenmanier ist mir zuwider. Wunsch rein, Erfüllung raus. Ich wünsche, ich wünsche ganz fest, ich wünsche sehr fest – und schließlich muss das Ding, das neue Auto, die Lohnerhöhung, der tolle neue Job, die Traumwohnung her. Wir haben es uns doch so verdient! Wie viele Menschen sind enttäuscht und frustriert, wenn die Wunscherfüllung nicht klappt. Wer ist das böse Schicksal, das mir mein neues, so fest gewünschtes, visualisiertes, imaginiertes, herbeigezaubertes, wohl verdientes Auto vorenthält? Wieso bekommt sie, wieso bekommt er, was ich mir wünsche – und warum ich nicht?
Nein, so funktioniert das nicht. Das Ganze, so ahne ich, läuft nicht über eine Schaltstelle – wir können es auch das Lieber-Gott-Prinzip nennen –, die dem einen und der anderen Glück und Fülle zuteilt und der und dem anderen vorenthält. Ich habe keine Antwort, außer die, dass es eben NICHT nach diesem anderswo auch Kaugummiautomaten-Prinzip genannten Konzept funktioniert. Die Kraft der Gedanken und die Sache mit dem positiven Denken in Ehren – nein, ich sage nicht, dass es nicht gut tut –, aber es kann fatal sein.
Ich halte mich an den Rat von Luisa Francia, den sie uns – schon viele Jahre ist es her – in ihren Kursen im damaligen Frauenhotel immer mit auf den Weg gegeben hat: Beim Wünschen geht es letztlich nicht um das Ding an sich. Das Ding, das ihr meint zu brauchen, ist nur ein Gefährt für das, was ihr wirklich braucht. Das Auto, das du dir wünschst, steht für etwas. Finde heraus, was das ist und dann konzentriere dich auf dieses Thema. Du wünschst dir womöglich nicht primär Reichtum, sondern Entspannung, Freiheit von existentiellen Sorgen, Gelassenheit, Stressfreiheit, Ruhe. Oder was auch immer. Konzentriere dich bei deiner Imagination auf diesen Thema. Konzentriere dich darauf, wie du dich fühlen willst. Das ist ein ganzheitlicherer Ansatz als der rein materialle. Und er bingt dich weiter als ein Auto es je kann.
Es wäre jetzt übertrieben, wenn ich behaupten würde, dass ich meine neue Wohnung auf diese Weise gefunden habe, doch ansatzweise trifft es zu. Ich habe mir Heimat vorgestellt. Wie es sich anfühlt, in eine wohlige Wohnung nach Hause zu kommen. Nicht ganz einfach war das und eben nur ansatzweise gelungen. Zu oft war meine Imagination von massiver existentieller Sorge überschattet.
War es nun das Schicksal, das mir diese Wohnung geschenkt hat? Das Leben? Ich selbst? Die Verwaltung des Hauses in dem ich wohne? Ich weiß es nicht. Dankbar bin ich trotzdem.