Das machen wir bald wieder mal!, sage ich beim Abschied und umarme Freundin T., meine Beinahe-Nachbarin, herzlich. Sie wohnt ja nur fünf Radminuten entfernt. Ein Katzensprung. Das könnte zur Tradition werden, wenn es nach mir geht. Wir lachen.
Ein wunderbarer Spaziergang auf den nahen Hügel, durch die Wälder, an Wiesen vorbei, auf denen alles gelb leuchtet. Sonnentrunkene Löwenzahnblüten dicht an dicht. Wir zwei auf den Spuren des Frühlings. Sonne und kalter Wind, der uns um die Ohren fegt. Überall grün.
Schafe. Bienen. Blüten. Ach, wie habe ich es die letzten Tage vermisst, lustvoll nach draußen gehen zu können. Ich habe den Regen so satt, noch vielmehr die Kälte. Es müsste wärmer sein. Es müsste sonniger sein.
Die Bienen müssten fliegen können, um die Obstbäume, die in Blüte stehen, zu befruchten, denken wir laut. Sonst haben wir im Juni keine Kirschen und im September keine Äpfel.
Stell dir vor, sie tun es nicht? Nur so als Möglichkeit, sage ich. Mich schaudert.
Wie abhängig wir von diesen kleinen Tierchen sind, sagt T., und von der Erde. Und wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Ein altes, ein deswegen nicht weniger wahres Bild.
Über Hingabe an die eigenen Projekte reden wir, als wir den nächsten Hügel hochsteigen. Und darüber, wie alle möglichen Pendel in der Gesellschaft immer von einer Seite auf die andere schlagen. Nie zur Ruhe kommend, nie in der Mitte bleibend. Extreme gab es immer. Früher war es das „Wir“, das über allem stand und dem alles geopfert wurde. Insbesondere die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Heute ist es das „Ich zuerst!“ mit fettem Ausrufezeichen.
Selbstverwirklichung – ja, gut, will ich ja auch, bin ich dran. Ich finde, es ist eine wichtige Aufgabe, wirklich die zu werden und zu sein, die ich bin. Mich selbst. Doch welchen Preis bin ich und sind wir bereit dafür zu zahlen? Wie viele Opfer dürfen wir bringen, als einzelne, als Gesellschaft?
Ich sehe so viele Kinder ohne Vorbilder, ohne Orientierung, die auf dem Egotrip ihrer Eltern mitsurfen und alles haben, doch nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Da, guck, die Schafe! Ganz zahm sind sie. Wir füttern sie mit dem fetten, blumenreichen Gras von der andern Seite des Zauns. Denn da, ach wir wissen es alle, ist das Gras immer besser, grüner, saftiger.
(Bilder folgen)
Kategorie: Sofasophien
Synchronizität
Nach nur fünf Stunden Schlaf – selbst schuld, wieso geht sie auch so spät ins Bett? Nein, nicht selbst schuld, das Buch war’s! – werde ich kurz vor halb acht schon wieder wach. Geweckt von der Stille womöglich und von der inneren Uhr. Ganz langsam. Ich schaue mir zu, wie ich innendrin langsam, wie ein Rechner, hochstarte und wie sich das eine oder andere Programm öffnet und zu arbeiten beginnt. Allen voran das Denken. Denken denken. Immer denkt es.
Kurz nach dem Erwachen sprudeln die Gedanken einfach los. Bilden Sätze, die beinahe spruchreif sind, hochdeutsch meist, so dass ich sie nur noch aufzuschreiben bräuchte. Nur dumm, dass der Akt des Aufschreibens den weichen Gedankenkreis, mein inneres Brainstorming, jedes Mal brüsk unterbricht. Oder auch das Licht. Und der Wecker sowieso. Heute probiere ich etwas neues aus. Ich bleibe ganz ruhig liegen, taste nach der Lesetaschenlampe und lege sie mir auf den Hals und den kleinen ertasteten Notizblock aufs Herz, von einem Kissen gestützt. Wieder schließe ich die Augen. Sie sind meine Türen zwischen innen und außen. Ich will das, was innen ist, nach außen locken, darum horche ich hin und höre, wie die aufgescheuchten Gedanken wieder ruhig werden und sich, wie ich, hinlegen. Kellerasseln unter dem Stein der Nachtgeheimnisse. Ich höre mir zu. Das erste bewusste Wort ist Kopf…mühle. Nur den Anfang und den Schluss des Wortes kann ich lesen. Gekritzelt im Licht der kleinen Lesetaschenlampe bin ich noch schwerer zu lesen als bei Tag. Ich schließe die Augen und atme ruhig.
Auf einmal erinnere ich mich daran, wie ich hin und wieder mit Irgendlink, der dieses Phänomen auch kennt (du und du bestimmt auch?!), diskutiert habe, dass wir uns ein inneres Aufnahmegerät ins Hirn plantieren lassen müssten. Er träumte von einem Gedankenlese-Chip, der ihm die mühsame Notizarbeit abnehmen würde. Nun kritzle ich das Wort Aufnehmen auf den Block und schließe von neuem die Augen. Augenblicklich überfallen mich handfeste Dinge, Pflichten, Zu-tuns, die schon seit Tagen diffus im Hintergrund lauern und darauf warten, gesehen, notiert, umgesetzt zu werden. M. anrufen, schreibe ich. Und mit S. einen Termin ausmachen. Das Fahrrad zum Mech bringen, der unten an der Straße ein Geschäft hat, weil der größte meiner drei Kettenkränze röchelt wie ein asthmatischer Drache. Die anderen Wörter kann ich nicht mehr lesen. Auch sind da keine Erinnerungen mehr, was ich gemeint haben könnte. Was ich da wohl alles verloren habe? Wichtiges? Und dies jeden Tag.
Die Übung ist nicht schlecht, befinde ich, vermerke aber innerlich, dass ich schöner schreiben muss, wenn ich sie wiederholen will. Und mich noch weniger bewegen. Damit die Wörter nicht aus- und davonlaufen.
Nach Yoga und Dusche frühstücke ich und öffne beim Müesliessen Irgendlinks Blog auf dem kleinen iPhone-Display. Mir bleibt die Spucke weg, als ich seinen heutigen Text lese. Wie kann das sein, dass er das gleiche Phänomen – diese Gedankenmühle im Kopf, die wir aufnehmen können sollten – beschreibt, wo wir doch seit Wochen nicht mehr darüber spinntisiert haben?
Synchronizität zum zweiten, oder wohl eher zum ersten war es, als wir uns gestern, praktisch gleichzeitig, selbst fotografiert und uns diese Bilder ebenfalls fast zeitgleich zugemailt haben. Ohne Absprache versteht sich.
Schon früher habe ich über das Phänomen der Synchronizität gebloggt. Darüber, dass ich manchmal an jemanden denke, und er oder sie ruft bald darauf an. Nein, erklären, wissenschaftlich, kann ich das nicht.
Ich stelle mir alles, was es gibt, internetähnlich miteinander verbunden vor. Alle Gedanken und Ideen in unseren Köpfen sind für mich eine Art Energiefäden, die ganz und gar frei sind. Irgendwann finden sie Affinitäten zu Menschen und lassen sich von diesen Menschen dann bereitwillig denken, finden und weiterentwickeln. Ohne aber ihre Freiheit zu verlieren, auch von anderen Menschen gedacht,gefunden und weiterentwickelt werden zu dürfen. Open Source-Programme des inneren Kosmos sozusagen.
Heute mal ohne Titel, denn Missverständnisse wären nicht auszuschließen
Wie ich meinen Rücken im Hund dehne und dabei den Po gen Himmel recke, fällt mir mein heutiger Blogartikel-Titel ein: Die Leidenschaft des Sichnacktausziehens. Nein, lieber nicht und nein, ich übe Yoga nicht nackt. Schlechter Titel. Zu viele Suchanfragende mit andersgearteten Absichten würden sich bei diesem Titel ganz unvermutet auf meinem Blog wiederfinden. Gut zwar für die Statistik, na ja, aber … nein. Nein, danke. Außerdem ist sich nackt ausziehen eigentlich auch nicht korrekt. Und Seelenstrip ebenfalls nicht. Beides hat zwar was, denn Bloggende machen sich sichtbar, aber …
Wie ich mich im Sonnengruß in alle Richtungen dehne und der Kobra in mir erlaube, sich selbst zu sein, fällt mir auf, dass ich a.) nicht bei der Sache bin und b.) mein erster Gedanke nicht wirklich stimmt. Eigentlich geht es ja nicht um das Sichsichtbarmachen im Blog, sondern um suchen, finden und erfinden. Sich. Ideen. Die Welt. Das Leben. Sichtbarwerdung ist bloßes Nebenprodukt. Und schon gar nicht leidenschaftlich beabsichtigt.
Der Wunsch, mehr über mich und das Leben herauzufinden ist es, der mich Wege des Ausdrucks beschreiten lässt. Der mich vorwärts bringt. Oder rückwärts. Womit nicht Rückschritt gemeint ist, sondern jeder Schritt, der in eine andere Richtung geht, als der Nase nach. Hauptsache authentisch.
Wie ich mich dieser Tage durch Irgendlinks im Bücherregal wiederentdecktes Blog-Buch aus dem Jahre 2002 lese und immer wieder auf philosophische Perlen stoße, werde ich den Gedanken nicht los, dass wir am meisten über uns selbst erfahren, wenn wir uns öffnen und dabei nicht allzu viel zensurieren. Öffnung gegenüber uns selbst in einem persönlichen Tagebuch zum Beispiel. Einem lieben Menschen gegenüber vielleicht. Und schließlich auch in Richtung eines virtuellen, dennoch realen Publikums.
Kunstprojekte sind gut und um ihrer selbst willen lebensberechtigt. Doch wenn sich andere mitbegeistern lassen, ist das umso schöner. Auf den Rundbriefversand der letzten Tage haben wir schon ein paar richtig schöne Rückmeldungen erhalten. Danke! (Wer den Rundbrief lesen möchte, klickt bitte hier.)
Da war gestern die Mail einer alten Bekannten, der ich den Rundbrief einfach so mit angehängt hatte. Sie ist im Bereich Körperarbeit tätig, publiziert und wirbt dafür mit großer Begeisterung. Ich freue mich immer sehr über ihren Rundbrief, obwohl ich ihn einfach lese, ohne darauf zu reagieren.
Ich bin selbst eine Reisende und mache es nicht öffentlich, schrieb sie. Den leisen Vorwurf habe ich möglicherweise nur interpretiert? Ja, wir alle sind Reisende. Die meisten reisen still und leise – von den bunten Postkarten mal abgesehen, die verschickt werden. Doch was du mit Leidenschaft betreibst, was deinem Leben Inhalt und Begeisterung gibt und dich und deine Phantasie nährt, das willst du mit anderen teilen. Ob das nun Körperarbeit oder Fotografie, Literatur oder das Kunstreisebloggen ist, ist unwesentlich. Hauptsache, du verfolgst dein Ding mit Begeisterung, denn sie macht dein Leben bunt. Auch wenn Begeisterung und Alltag oft schwer vereinbar sind. Und zu Problemen führen können.
Zurück zum Konflikt, schrieb Irgendlink vor fast zehn Jahren, zurück zum Konflikt, in dem ich mich befinde, den ich hier nach und nach ausbreite. Das ist es, was mich verunsichert hat die letzten Tage: was soll das hier in der theoretischen Öffentlichkeit des Internet? Was geht die große weite Welt, also Sie, der/die Sie das lesen, mein eigener kleiner Konflikt zwischen Realität und Traum an? Was könnte Ihnen das nützen und warum muss ich dermaßen intim mit ihnen werden? (…)
Der Künstler Irgendlink und der Postmann Irgendlink sind nur Platzhalter in dieser Geschichte. Zwei Kästchen, in die sie mühelos Ihr eigenes kleines Leben einfüllen können. (…)
Der öffentliche gelebte, ureigene Konflikt hier in diesem Blog könnte auch Ihr Leben sein. Tauschen Sie nur die Parameter aus. Ändern sie Ort, Zeit, Namen, Beruf, Kollegen und auch den Lebenstraum …
Quelle: Rincks Alltag – Weblog (Zweite Staffel) – 12. November 2002
Einige wenige handsignierte, nummerierte und handverschraubte Exemplare gibt es übrigens noch 🙂
Bestellungen gerne direkt bei Irgendlink.
so langsam
Nachdem der ganze Papierkram, den ein Umzug mit sich bringt, fast erledigt ist – sogar die neue Adressstempelplatte habe ich Stempelfetischistin, die ich bin, schon bestellt –, geht es schon bald um den praktischen Teil der Materialverschiebung. Leben ist ein einziges Verschieben von Materie. Von A nach B. Von B nach C. Und wieder zurück. Und wieder von vorne. Und irgendwann alles im Müll. Alles. Irgendwann.
Kurz und gut: Bald gilt es Kisten zu packen. Mal wieder.
Und heute in genau drei Wochen laden wir die Kisten in W., meinem neuen Wohnort, bereits wieder aus. Wenn alles läuft wie geplant. Sogar das Zügu-Team – hier wie dort – hat sich gefunden. Und das fast ohne mein Zutun.
Vor einem Jahr habe ich neben der ganze Arbeit gepackt. Jeden Abend ein paar Kisten. Am Wochenende dann Brockenhäuser aufgesucht und Altlasten abgeworfen.
Diesmal habe ich Zeit. Rein theoretisch könnte ich in drei Arbeitstagen stressfrei alles packen. Stress will ich nicht, diesmal nicht, lange in einer ungemütlichen, weil mit Kisten überstellten Wohnung leben, aber auch nicht. Doch ich weiß: die Seele braucht Zeit. Erst wenn Kisten herumstehen, wird mein Herz begreifen. Dass das alles ernst ist. Diese Sache mit dem Umzug in die Schweiz. Diese bevorstehende Trennung – räumlich viele-viele Kilometer! – von Irgendlink, der die Welt die Nordsee umradelt. Das Leben.
Du bist mein Sonnenuntergang!, sagte ich, als dieser mich mit einem Kuss weckte. Draußen dunkeldämmert’s. Verschlafen reibe ich mir die Augen. Vor dem Ofen war ich über meinem Buch sitzend eingedöst. Obwohl wir ausgemacht hatten, dass ich ihn wecke. Damit wir gemeinsam in den Sonnenuntergang spazieren können. Zu spät für das letzte Abendlicht.
Ich bin dein Weltuntergang?, sagt er, so ist das also!
Was zählt, wenn die Welt untergeht? Nein, nicht die tollen Drucksachen und Werbeträger, die J.s Reiseprojekt bewerben, nicht mal seine tollen, neuen Visitenkarten, nein, auch nicht meine neue Schweizer Telefonnummer, die ich seit gestern habe. Nicht mal meine neue Adresse und schon gar nicht das eine oder das andere Land. Dies alles sind bloß Rahmen. Bilderrahmen. Buchumschläge meinetwegen. Tablare vielleicht oder Büchergestelle, Schränke und Schubladen.
Nicht dass Rahmen und so Sachen nicht wichtig wären, aber zählen tut, was auf den Tablaren, in den Schränken und Schubladen liegt, in den Rahmen gezeigt wird, im Buch geschrieben steht. Zählen tun nicht die Farben, nicht der Glanz des Lacks und nicht die Buchstaben. Es zählt, was sie sagen. Was sie meinen. Was sie sind. Du. Ich.
außen vor und mitten drin
Einfach weg. Von den Strömungen des Tages weggeschwemmt. Wie Treibholz. Na und! Soll sie doch jemand anders fischen, trocknen und verwenden. Gehören tut sie sowieso nicht mir und weg ist weg. Ist ja nicht das erste Mal.
Wie wir da sitzen, am Ofen, und den Feierabend genießend den Tag resümieren, erwähne ich meinen heutigen Verlust. Ob groß oder klein kann ich nicht einschätzen, da ich mich ja nicht mehr an sie erinnere. Jetzt ist sie weg, die Geschichte, die mögliche, die heute Morgen in mir gelebt hatte und erzählt werden wollte. Ich war ihr wohl nicht schnell genug?
Um Außenseitertum ging es, das weiß ich noch, sage ich zu J.. Hast du dich auch schon gefragt, warum alle Welt AußenseiterInnengeschichten liebt?
Es sind die Geschichten über Menschen, die an etwas leiden, die wir am liebsten hören. Zum Trost? Mit den ausgemusterten, abgehalfterten, schwachen, nicht in der Norm sich verhaltenden Menschen identifizieren wir uns. Alle. Irgendwie. Obwohl wir natürlich nicht so sind. Zum Glück nicht. Ganz anders.
Irgendlink zückt sein digitales Notizbuch und liest vor, was er heute bei der Arbeit notiert hat. Über Außenseitertum. Wie wir werden, leben und sind – oder nicht und warum.
Du auch? Ich gucke schief aus der Wäsche. Schon lange haben wir dieses Thema nicht mehr diskutiert. Heute ist es da, ganz offensichtlich. Meine Notiz liegt zwar eine Woche zurück, hat aber bis heute Nacht im Verborgenen geschlummert, bis sie sich am Morgen in einer Geschichte manifestiert hatte. Was heißt da manifestiert? Jetzt ist sie abgetaucht, hat nur ein paar schwache Abdrücke in meiner Erinnerung hinterlassen.
Zur Außenseiterin wird eine, wenn sie sich anders verhält, wenn sie anders ist, wenn sie quer steht und aneckt, wenn sie anders denkt. Anders als … denn es ist unser Verhältnis zur Gesellschaft, das Maß unserer Bereitschaft zur Anpassung, das unsere Stellung in der Hackordnung definiert. Ein Teil davon können wir beeinflussen, den ganzen Rest nicht. Nicht das Umfeld, nicht die Ströme ringsum.
Es sind die wehen, verminten Stellen in der Landschaft unserer Seele, die uns zu angepassten Menschen machen. Nein falsch, es ist die Angst vor neuen Explosionen. Nochmals nein, es sind die diffuse Erinnerung und der ungefähre Gedanke an die bloße Möglichkeit einer neuen Explosion. Konjunktiv. Die Angst vor der Angst. Zumal die alten Narben nie verschwinden. Nie ganz. Und diese Angst hier, hinter der Möglichkeit der Anpassung, heißt Ablehnung. Ihr beugen und vor ihr verbeugen und verbiegen wir uns. Ihr huldigen und katzbuckeln wir – oder auch nicht.
Anderssein – viele sind es, alle wollen es zumindest oder glauben es zu sein, doch kaum jemand traut sich …
Wo sie wohl gestrandet ist, die Geschichte von heute Morgen? Wenn du sie findest, erzähl einfach du sie … anders als ich, aber das ist ja letztlich nicht so wichtig. Hauptsache, wir vergessen sie nicht.
Besondere Freundschaften
Ein alter Freund aus Bern verschickt regelmäßig-unregelmäßig schöne, witzige, spannende, herausfordernde, doofe, zum Lachen verführende, nachdenklich machende Bilder, Powerpoint-Präsentationen, Filmchen und Links.
Heute erhielt ich von ihm eine Präsentation mit dem Titel „Ein bisschen Wärme“, eine französisch-deutsche Bilderschau mit sehr speziellen Tierbildern. Tierfreundschaften der etwas anderen Art. Eins ums andere Mal seufzte ich jöööööh!, als ich mich durch die Bilder klickte. Unerwartet. Berührend. Mein Liebling ist dieses hier:

Ach, und eine Moral gibt es auch, am Ende der Show …
C’est que chaque être vivant a besoin d’amour.
Que la chaleur humaine n’a rien d’humain …elle est universelle et nécessaire à tous pour éxister.
Es ist so, dass jedes Lebewesen Liebe braucht. Dass die menschliche Wärme nicht nur etwas für Menschen ist … sie ist, um zu existieren, universell und für alle notwendig .
Ob nun Moral oder Naturgesetz, wir brauchen einander. Alle. Teile eines großen Ganzen. Eines Netzes.
irgenwann und immer
Irgendeinsch fingts Glück eim …, singt Kuno auf dem letzten Kilometer zur dritten und letzten Wohnungsbesichtigung des Tages. Das Glück – findet es mich, finde ich es, habe ich es schon, ist es gar von Räumlich- und Örtlichkeiten abhängig?
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=eH2n2Z2hRC0&feature=related]
***
Ist es Zufall, dass dieses Lied gerade in dem Moment läuft, während ich zu jener Wohnung fahre, der ich nach der Besichtigung fünf Sternchen und tausend „like it!“ geben werde (okay, auch die beiden andern bekommen mindestens je drei bis vier Sterne).
Ist es Zufall, dass in diesem Lied von zuhause die Rede ist. Von Heimkommen und davon, dass irgendwann und irgendwo allen das Glück über den Weg läuft.
Ist es Zufall, dass ich jemanden kenne, der jemanden kennt, dem er mich als neue Mieterin sehr empfehlen kann?
Eigentlich hat mich das Glück schon gefunden, begreife ich – später bei Freundin L. und ihrem Liebsten H. Am Küchentisch. Und später am Telefon mit Irgendlink. Das Glück in Menschengestalt, herunter gebrochen auf Wörter, heißt Liebe, heißt Freundschaft, Mitgefühl, Solidarität. Und seine große Schwester ist Dankbarkeit.
Wie auch immer die Wohnungssuche weitergeht: es wird gut. Es gibt immer einen Weg, wie schon mein Vater mich lehrte. Und ja, irgendwann ist es da, das Glück, das ja schon immer da war. Und irgendwann lass ich es sogar ein. Endlich. Immer? Jetzt!
glasklar
In der Welt der Träume ist vieles glasklar. Bilder erschließen mir ihren Sinn, ohne dass ich darüber nachdenken muss. Ich weiß alles. Im Traum gibt es keine Fragen. Antworten auch nicht. Nur Geschichten. Was ich mit ihnen mache, bleibt mir überlassen. Möglich ist alles. Ob hier wie dort, wird sich zeigen. Erwachend murmle ich, dass der Alltag die Leinwand sei. Unsere Leinwand. Und die bemalen wir!
Und die Farben?, fragt Irgendlink, ebenfalls noch irgendwo zwischen drüben und hier.
Die Farben, hm, die Farben quetschen wir aus den Tuben der Lebenserfahrung.
Ich sehe uns, wie wir um die auf Kanthölzer gespannten Leinwand sitzen und mit unsern Pinseln, die für unsere Visionen und Ideen stehen, Schicht um Schicht unserer Geschichten aufschichten.
Je älter je mehr Farben haben wir!, murmle ich.
Gemeinsam malen wir unser Bild. Der Alltag – dieses grenzenlose Ding voller Einschränkungen und Sachzwängen – ist unsere Leinwand. Weiße Stellen hat es, solange wir leben jedenfalls. Die einen Ecken malst du, andere male ich, doch auch Schnittmengen gibt es. Da. Auf diesem Aufschnitt erkenne ich deinen Stil und Strich kaum. Gut so. Viele Gesichter hast du. Ich auch. Diese viele Schichten machen deine Geschichte zu deiner Geschichte.
Die gestrige Farbschicht stand eine Stunde lang im Zeichen der Pressefotografie. Erstaunt war ich, wie großen Spaß es macht, so ein Shooting mit Nikon. Das aufgebaute Zelt auf dem Feld unter dem Hof. Daneben das vollbepackte Rad mit Sack- und Lenkertaschen.

Eine Matte vor dem Zelt, darauf die Reisetastatur mit Bluetooth. Das iPhone. Der Live- und Life-Blogger bei der Arbeit. Lässt sich auch mit K schreiben, sagt er später, beim Frühstück, Like-Blogger.
Noch so eine Schicht: Das Heute. Jeder Tag. Tägliche Lebenskunst. Vergängliche Steinsäulen am Flussufer der Kunst.
Fruchtsalat, heute, bunt
Eine Künstlerin fragt sich – womöglich –, ob denn nicht alle Menschen dieses Bedürfnis nach Ausdruck haben, das jede ihrer Zellen durchdringt. Und wie das wohl geht, ohne Ausdruck zu leben.
Eine Nichtkünstlerin fragt sich: Wieso müssen die Typen aber auch ständig alles kommentieren, ausdrücken, darstellen, was ist. Purer Luxus. Unnötig! Dass ist, was ist, reicht doch.
Wohl ticken die meisten Menschen so. Und dazwischen ist ein Graben. Mal klein, mal groß – Toleranz die Brücke, die die beiden Ufer verbindet. Falls da eine ist. Gebaut muss sie von beiden Seiten aus sein.
Künstlerin ist für mich keine Qualitätsauszeichnung, meint also nicht, wie viele Ausstellungen eine schon hatte und wie teuer ihre Bilder sind. Künstlerin und Künstler zu sein, ist ein Zustand. Die Bezeichnung meiner inneren Haltung und Gesinnung. Meine Fähigkeit oder Art, das Leben zu betrachten. Es als Leinwand für meine inneren Bilder – denen in Pixeln und denen in Worten – zu sehen. Und auch, wo ich die Prioritäten in meinem Alltag setze …
(von mir so ähnlich im Café WeltenAll kommentiert)
Schnitt.
Die Weisen sagen:
Wenn du müde bist, schlafe.
Wenn du wach bist, stehe auf.
Die moderne Medizin sagt:
Wenn du müde bist, nimm etwas, das dich wach macht.
Wenn du schlafen willst, nimm ein Schlafmittel.
Wie wenig es braucht, um weise zu sein.
Wie lange es gebraucht hat, um so blöd zu werden.
Quelle: Armatiques Blog. Der erste Abschnitt ist ein Zitat von Samarpan, der Rest stammt von ihr.
Schnitt.
Ach, Papieradressbücher! Davon liegen bei mir auch noch ein paar rum, die ich einfach nicht wegschmeißen kann. Zwar gehören viele Adressen zu Menschen, die ich seit Jahren aus den Augen verloren habe, doch ist es eben schön, darin zu blättern und an sie und das mit ihnen Erlebte zu denken. Wie an dünnen Fäden bleiben alle Menschen, die ich je kannte, immer mit mir verbunden. Und ich mit ihnen. In wie vielen Adressbüchern ich wohl drin stehe?
Heute habe ich alle Adressen im iPhone gespeichert. Gesichert auch im Rechner. Ohne Strom und Akku habe ich keinen Zugang zu meinen Daten. Ein wenig beklemmend ist das schon. Zuvor habe ich mir jährlich eine akribisch aktualisierte Adressliste ganz klein ausgedruckt und hinten in den papiernen Kalender geklebt. So waren alle und alles immer dabei. Wie heute im iPhone.
Andere Zeiten kommen immer. Und ein bisschen tut Neues ja immer weh. Zähne. Schuhe. Einlagen. Und ein bisschen trauere ich Altem immer nach. Auf einmal ist das Neue Alltag. Plötzlich alt.
(so ähnlich von mir neulich bei Blinkyblanky kommentiert)
Von Gewohnheiten, Pflichten und anderen Dingen
Es gibt Dinge, die tun wir, weil sie uns Spaß machen. Yoga am Morgen. Tee trinken. Spazieren gehen. Beim zweiten Mal tun wir sie bereits in der Erinnerung daran, dass sie uns das erste Mal gut getan. Beim dritten Mal finden wir vielleicht sogar einen besten Zeitpunkt im Tag oder in der Woche. So werden Dinge zu Gewohnheiten. Der Körper und die Seele erinnern sich. Es ist wie ein Weg im Wald, der mit jedem Mal, den ihn jemand geht, ein bisschen breiter wird. Erinnerungen prägen sich ein.
Vernachlässigen wir Gewohnheiten, wächst der Trampelpfad wieder zu. Doch die Erinnerung geht nicht verloren, sie wird irgendwo abgespeichert. An einem unsichtbaren Platz, der sich nicht in Gigabytes beschreiben lässt. Die Kammer der Erinnerungen.
Wenn du etwas tust, das du vor zehn Jahren das letzte Mal gemacht hast, erinnert sich dein Körper. Das Gedächtnis auch, denn die beiden sind aus dem gleich Stoff gewoben – ebenso das Wissen der Zellen und die Botschaften und Erkenntnissen der Neurotransmitter. Alles drum und dran. Alles immer da. Alles immer wieder neu.
Gewohnheiten sind die Leitplanken unserer Alltagsstraßen. Gewohnheiten rahmen unser Leben ein. Sie sind das Hamsterrad, das uns in Bewegung hält und sie sind die Lügen, die wir übernehmen und glauben, um nicht selbst denken zu müssen. Gewohnheiten sind unsere Geländer, wenn wir den Boden unter den Füßen verloren haben und sie sind der rote Faden, an den wir uns klammern können, wenn sich der Sumpf öffnet und uns in die Tiefe zieht.
Es gibt zweierlei Menschen. Die einen, die selbst reflektieren können und es auch tun. Die Gewissenhaften. Und es gibt jene anderen, die alles, was sie stört, als Nachlässigkeiten oder Fehler oder Schwächen anderer verstehen.
Bist du noch auf der richtigen Seite?, fragte sein Vorgesetzter den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, der im Laufe der Überwachung des verdächtigen Schriftstellers Georg Dreyman angefangen hatte, Fakten zu vertuschen, die zum Fall des Künstlers geführt hätten. Ohne zu zögern sagte der Hauptmann deutlich ja. Für mich klang es wie:
Ja, endlich bin ich auf der richtigen Seite! Der Film „Das Leben der anderen“ zeigte mir einmal mehr, wie manipulierbar und zerbrechlich wir Menschen sind. Besonders, wenn es um unsere Liebsten geht. Würde ich, um meine Karriere oder gar mein Leben zu retten, andere verraten?
Wir sind immer auf der richtigen Seite, wir alle, immer. Glauben wir jedenfalls. Doch hören wir hin, wenn uns jemand kritisiert? Nehmen wir unsere eigene und die Reflektion anderer ernst oder winken wir ab? Dann zum Beispiel, wenn uns jemand auf Dinge anspricht, die wir tun, obwohl sie uns nicht gut tun.
Wie steht es mit jenen Dingen, die wir tun müssen? Wer sagt uns, was wir tun müssen? Und was ist mit jenen Dingen, die wir sein lassen, obwohl andere sie von uns erwarten? Pflichten. Verpflichtungen. Ein Wort, das für mich sehr ambivalent besetzt ist. Aus Pflichtbewusstsein erledigte Dinge sind für mich weniger wert als aus Begeisterung erledigte. Obwohl in ihnen im ersten Fall mehr Energie, besonders Energie der Selbstüberwindung, steckt. Wert und Energie haben bei mir offenbar nicht die gleiche Maßeinheit zur Grundlage.
Ja, auch über jene Dinge, die wir tun, weil wir sie für sinnvoll halten, gäbe es viel zu erzählen. Ganz nach dem Motto: Sag mir, was dir wichtig für dein Leben ist, was du für sinnvoll hältst, und ich sage dir, wer du bist. In der Tat sagt unsere Prioritätenliste viel über unsere Werte aus.
Mut zu einer Neuüberprüfung dieser innere Werte wünsche ich mir jeden Tag neu. Und die Bereitschaft, meine Werte immer wieder zu überdenken. Und die Werte hinter, über oder unter den Werten, der Boden, auf dem ich stehe.