Randständige Gedanken

Da ist diese App, Photowizard heißt sie, die – wie Photoshop, Gimp und Konsorten auf dem Rechner –, ausgewählte Flächen per Fingertipp auf dem Display deines iPhones markieren kann. Alle Flächen, die die gleiche Farbe haben, werden nun maskiert, das heißt, von allen weiteren Bearbeitungsschritten ausgespart. Als wäre eine Schablone auf dem Bild, kannst du nun den Rest des Bildes aufhellen, abdunkeln, die Kontraste verändern, Filter anwenden. Hast du die Veränderungen gespeichert, kannst du den Spieß umdrehen und nun den vorher maskierten Teil des Bildes ebenso nach Gusto verändern.
Zur Veranschaulichung dieses Bild aus der Stadt (anklicken macht es groß)
Leserichtung: von oben links nach unten rechts …

Ich hoffe, dass es mir mit dieser App sogar gelingen wird, aus dem langweiligen AppIt-Bild des Monats, das es in unserer iPhoneArt-Community aktuell für alle Interessierten zu bearbeiten gibt, etwas brauchbares zu machen. Normalerweise sind da richtig gute Bilder eingestellt, die sofort Lust auf Experimente machen. Diesmal ist es ein Baum. Aber nicht einfach ein schöner Baum, was mir durchaus recht wäre, nein, es ist ein schlecht belichteter, einer mit kaum Kontrasten. Offenbar gilt es diesmal, aus dem Aschenputtel eine schöne Prinzessin zu machen und aus dem hässlichen Entchen einen schönen Schwan.
Da war dieser Satz, gelesen in einem Buch von Doris Lessing.
Er erkannte, dass er auf mehr ungelebtes als gelebtes Leben zurückblickte …

(sinngemäß zitiert aus „Ein Kind der Liebe“).
Wie ich da am Ofen sitze und mir diese Zeilen auf der Zunge und im Herzen zergehen lasse, zu verstehen versuche, was James‘ Leben zu einem größtenteils nicht gelebten Leben werden ließ, sehe ich auf einmal sein Leben wie ein Bild vor mir. Ganz viele Teile darauf sind maskiert, lassen sich nicht bearbeiten, sind erstarrt. Vielleicht ist nicht mal veränderbar, was zukünftig, was noch nicht gelebt worden ist. Das meiste ist grau maskiert. Nur jene klitzekleine Lebensphase, die ihn den Krieg hatte aushalten lassen, jene große Liebe, die er vier verrückte Tage lang in Kapstadt erfahren hatte, glüht rot zwischen all dem grau hervor. Genug für ein ganzes ungelebtes Restleben?
Da gibt es, wie gesagt, diese App. Diese App mit dem Schalter, der den Spieß umdreht. Alles vorher maskierte, eingefrorene lässt sich nun bearbeiten. Beim Bild ist so etwas ganz einfach. Beim Leben? Nicht unmöglich, nein. Wenn du es willst.
Schnitt.
Über Menschenrechte denke ich nach. Da gibt es doch diese Rechte auf Gleichheit, auf Respekt, auf Würde – doch gibt es das wirklich? Ich google und finde bei Wiki Antworten.
„ … die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern und zu festigen,“ fordern Mitglieder der Vereinten Nationen für ihre Mitgliederstaaten, ob groß oder klein. Kann ich unterschreiben. Will ich befolgen, ich, als Einzelne, ich als Bürgerin …
Später, beim Blogsurfen finde ich – mal wieder bei Luisa, wen wundert´s – diesen Text:

„den grad der zivilisation von menschen lässt sich nach meiner vorstellung an fünf kriterien messen:
an der wertschätzung von
kindern
frauen
dem fremden, unbekannten
der natur, den tieren, den pflanzen
nahrung
also zivilisation verzweifelt gesucht.“

Quelle: salamandra.de (luisa in bayern – 25.01.2012 um 07:55:25)
Ach, und wie steht es denn eigentlich mit einem Recht auf gelebtes Leben? Doch wer anders als ich selbst kann es mir geben?
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

machen oder sein

Sie betrachtet sein Abschlusszeugnis. Ihre Augen weiten sich zusehends.
Wow, du hattest ja super Noten! Mit diesem Zeugnis hättest du die Uni geschafft (= damit hättest du es zu etwas bringen können)! Unüberhörbarer Stolz liegt in ihrer Stimme.
Er steht auf und verlässt, nach einem Blick in ihre Richtung, den sie nicht versteht, die Küche. Sie findet ihn im Stall, wo er wütend zwischen den Kühen auf und ab geht und den Rechen schwingt.
Du meinst also, ich hätte einfach den Hof verlassen sollen?! Alles hier aufgeben, alles was mir lieb und wichtig ist, im Stich lassen? Das alles bin ich. Ohne das hier – seine Hand zeichnet einen Bogen durch die Luft – bin ich nichts!, sagt er, die Stimme gepresst. Verletzt.
Eine Szene aus dem Film Der Typ vom Grab nebenan – Mein Bauer, seine Kuh und ich!, den wir uns heute Nacht angeschaut haben. Eine schwedische Komödie. Die männliche Hauptrolle spielt der Hauptdarsteller aus „As it is in Heaven“ und der „Milleniumstrilogie“. Bauer Benny und Akademikerin Desirée – eine Liebe, die nicht gut gehen kann? Ob sie gut gehen wird, sehen wir leider (oder zum Glück) nicht, da der Film klassischerweise beim Happyend aufhört. Trotzdem: Sehenswert, witzig, tiefsinnig, aufschlussreich und sehr gut gespielt.
Du hättest es zu etwas bringen können!, sage ich nach dem Film augenzwinkernd zu J.
Und du erst!, gibt er zurück.
Nachts liege ich wach. Mir fällt eine Geschichte ein, die ich neulich gelesen habe. Vom Fischer, der gemütlich seiner Arbeit nachgeht, bis ihn eines Tages ein Manager, der zufällig in der Gegend auftaucht, auf die Sinnlosigkeit seines Tuns anspricht.
Du hättest etwas machen können aus deinem Leben, sagt er. Du hättest ein Geschäft aufbauen, viel Geld verdienen und zur Seite legen können. Du wärst heute ein freier, reicher Mann und hättest jetzt viel freie Zeit. Du könntest tun und lassen, was du willst!
Was sollte ich denn mit meiner Freizeit schon anfangen?, fragt der Fischer. Der Manager überlegt lange hin und her und auf einmal hellt sich sein Gesicht auf.
Wie wäre es mit fischen?, schlägt er vor.
Aber … das tue ich doch schon die ganze Zeit?, sagt der Fischer. Ob stirnrunzelnd oder grinsend weiß ich leider nicht mehr.
In den Tag hinein schlafen? So von außen betrachtet tun wir das bestimmt. Tja, so bringen wir es wohl zu nichts. Meistens stehen wir ungefähr um halb zehn auf, denn J. arbeitet, wenn er Aufträge hat, meist nachmittags und meine Berufstätigkeit beschränkt sich aktuell auf die Vorbereitung meines Rückumzugs in die Schweiz. Noch ist die richtige Wohnung nicht gefunden. Ob Desirées Freundin recht hat, die behauptete, dass den idealen Mann zu finden so unmöglich sei, wie die Entdeckung der perfekten Wohnung? Bei der einen fehle die Badewanne, die andere habe keinen Kamin im Wohnzimmer und bei der dritten seien die Nachbarn zu laut. Abstriche musst du immer irgendwo machen!, sagt sie zu Desirée, die sich für ihren Bauern geniert, weil der nicht mit Stäbchen essen kann.
Nein, nichts und niemand ist perfekt. Doch passen die einen unperfekten Dinge oder Menschen besser zu andern ebenso unvollkommen als andere. Und so genieße ich es, dass der Mann an meiner Seite ebenfalls zum Volk der Nachteulen gehört. Wir können beide bis spät nachts konzentriert am Rechner arbeiten, was mir morgens vor neun nur in Ausnahme- und Notfällen möglich wäre. Auch brauchen wir beide kein frühes Stück, lieber ein spätes, das allerdings erst Stunden nach ein paar Tassen Tee oder Kaffee eingenommen wird.
Schon in Bern war das so. Ich bin eine Zweimahlzeiten-Person. Außer wenn wir auf Reisen sind, denn auf dem Zeltplatz kann ich nicht allzu lange schlafen. Der Zeltboden unter der Isomatte, den ich beim Schlafen nicht spürte, ist, einmal erwacht, unüberfühlbar hart. Außerdem locken der Tag und all das Neue, das erlebt werden will. Doch selbst auf dem Zeltplatz starten wir beide selten kalt, wir brauchen immer erst ein paar Tassen Heißgetränk.
Gestern bin ich beim virtuellen Zeitunglesen auf einen Link gestoßen, der eine ehemalige Schulkollegin bei einem Fernsehauftritt zeigt. Fünf Jahre, bis zum pädagogischen Fachhochschulabschluss, haben wir zusammen die Schulbank gedrückt. In einer politischen Talkshow erzählt sie von ihrem Alltag in der kantonalen Regierung und über ihre Aufgaben als Direktorin von x und y. Sie sieht keinen Tag älter aus als damals. Sympathisch, schlagfertig, engagiert und sich selbst treu geblieben. Ein Sonnenkind sei sie, wie sie mir vor ein paar Jahren mal geschrieben hat, noch bevor sie vom Stimmvolk in dieses anspruchsvolle Amt gewählt worden ist. Sie scheint es noch immer zu sein. Ja, sie hat es zu „etwas“ gebracht und ich freue mich für sie und darüber, dass so tolle Menschen an solchen Schnittstellen sitzen. Sie wird etwas bewegen.
Und ich? Erfolg haben? Es zu etwas bringen? Woran messe ich mich? Wer oder was ist mein Referenzpunkt? Ehrgeizig war ich nie wirklich. Karrierepläne habe ich nie gemacht. Meine Lebensperspektive reichte selten weiter als ein oder zwei Jahre. An keiner Arbeitsstelle blieb ich länger als drei Jahre. Doch den Menschen, die ich liebhabe, bin ich eine treue Freundin, die nicht nur bei Schönwetter mit lacht, sondern die auch im Regen einen Schirm reicht.
Wenn ich es mir so überlege, habe ich es ja doch zu etwas gebracht: In mir schlägt ein liebendes Herz und ich kenne nicht eben wenige Menschen, die für mich da sind und für die ich da sein darf. Ich habe einen Blick für die Probleme in der Welt und ich erkenne, wer wann was braucht, das ich womöglich tun könnte. Ich spüre ziemlich viel und relativ differenziert. Ich kann in Worte oder in Bilder fassen, was ich wahrnehme und was andere womöglich nicht sehen. So, wie ich die Welt sehe, sieht sie sowieso niemand anders. Nicht so. Und schon deswegen habe ich es zu etwas gebracht – zu mir nämlich.
Doch wer zum Teufel ist eigentlich dieses ES?

Utopia?

Es gibt Dinge, die kann ich. Es gibt Dinge, die kann ich nicht. Solche auch, die will ich gar nicht können. Und solche gibt’s, die ich gerne könnte, nie können werde oder vielleicht eines Tages ebenfalls kann. Künstlerin ich.
Beim Bilderbearbeiten auf dem iPhone gibt es Techniken, die mir zu kompliziert sind. Wenn Irgendlink auf dem Display seines iPhones herum zaubert, bleibt mir zuweilen die Spucke weg. Er kann Dinge, die ich nicht kann. Und nein, ich muss überhaupt nicht alles können, dennoch will ich nicht aufhören, lernen zu wollen. Zu lernen gehört zu meinem Leben. Zum Leben. Die Bereitschaft neues zu lernen, ist für mich eine der Motivationen, überhaupt zu leben.
Die Welt des Alles und des Nichts. Die Welt der Dinge. Die Welt des Unsichtbaren. Alle nebeneinander. Aufeinander. Gleichzeitig. Alles ist immer gleichzeitig. Während ich hier bin, ist gleichzeitig das Nordkap – zwar woanders, aber da. Für andere sichtbar, für mich nur vermutbar. Weil es auf der Karte abgebildet ist. Weil ich schon Bilder gesehen habe. Weil ich schon fast dort war. Und gleichzeitig wie ich hier bin, ist mein Bruder in der Schweiz. Der Beweis: Seine Mails. Gleichzeitig ist Schweden. Ist Sierra Leone. Ist China. Nordkorea. Und gleichzeitig ist auch mein Traum nach Gutleben für alle. Nach fairem Handel rund um den Globus. Nach Gewaltfreiheit. Nach heiler Natur.
In dieser Gleichzeitigkeit ist ebenfalls jeglicher Schmerz und jegliches Lachen. Verzweiflung genauso wie Ekstase. Und in allem ist jeder Mensch, der im Mittelpunkt seines Lebens steht. Mit all den Dingen, die er kann und die er sich erträumt. Mit allem auch, was er nie können wird.
Der Wunsch von Utopia ist alt. Schon die guten alten Bibelschreiber – ja, männlich, denn das können keine Frauen gewesen sein – haben sich ein Paradies gebaut, um damit die Sündenspirale, die dem Menschen innewohnt, zu begreifen und zu erklären. Das Ding mit der Angst – andern die Hölle heißzumachen – ist ein uralter Trick. Vertröstet werden auf den Himmel war schon immer ein gutes Geschäft. Es hält die Menschen bei Laune, macht sie gefügig, hält sie klein. Macht sie neidisch. Schafft Minderwertigkeitsgefühle und nährt Wunden. Füttert Aggressionen. Entfacht Kriege und kurbelt die Wirtschaft an.
Was ich sagen will? Da ist dieses Programm, das ich vor fünf Tagen auf den Rechner geladen habe. Es ist ziemlich schlau, beschäftigt sich im Hintergrund mit den unsichtbaren und sichtbaren Dingen, die auf meiner Festplatte herumlungern und schafft, wenn ich es darum bitte, für Ordnung und mehr Platz. Es listet mir die schon lange nicht mehr verwendeten Programme auf und rät mir, das eine oder andere zu deaktivieren oder gar rauszuschmeißen. Ein paar solcher Schmarotzer, die nur Platz brauchen, habe ich bereits rausgeworfen. Nichts leichter als das.
Auch defragmentieren kann das Ding, was so viel bedeutet, dass das Ding, wenn ich es dazu auffordere, alle Dateien auf der Festplatte ordnet, gleiches zu gleichem stellt, legt, schubladisiert, so dass es wieder Platz auf dem Tisch gibt.
Wie schön es wäre, wenn ich innen drin auch so ein Ding hätte, das für Ordnung sorgt!, denke ich fast jedes Mal, wenn ich die Aufforderung anklicke, doch bitte genau jetzt aufzuräumen. Ein paar meiner ganz persönlichen Programme hätte ich ganz gerne deinstalliert. Deaktivieren ist aber auch schon okay. Meine biologischen Virenschutz- und Malewaresuch-Programme geben zwar hin und wieder rote Lichtsignale ab, doch ich ignoriere die Warnungen weitestgehend und bringe mich mehr schlecht als recht durch die Tage, die mit allerlei selbst auferlegten Pflichten gefüllt sind – sein sollten. Ich sage nur Bewerbungen. Manchmal bin ich ob der Fülle der Pflichten derart gelähmt, dass nichts mehr geht.
In früheren Artikeln habe ich bereits laut darüber nachgedacht, wie viel persönliches ich hier preisgeben soll und darf. Da gibt es – bei euch und bei mir – verschiedene Ansätze und zuweilen halte ich mich sehr bedeckt. Dann wieder zeige ich ziemlich viel von mir. Meistens befindet die Tagesform darüber, wie engmaschig mein Filter ist.
Die virtuelle Welt ist so anders nicht als die richtige, will heißen als die Welt der Dinge und der Dichte, dachte ich heute Abend auf dem Heimweg vom Einkaufen. Und auch Autofahren ist wie Leben. Und Schreiben ebenfalls. Ich fahre durch den Regen. Es ist dunkel … ich sehe die Straße kaum. Den Rand ahne ich bloß. Noch weniger als kaum sehe ich, wenn mir ein anderes Auto – am liebsten ohne abzublenden – entgegen fährt. Ich fahre auf gut Glück. Ich lebe auf gut Glück.
Voyeurin bin ich, wenn ich andere Geschichten lese. Exhibitionistin bin ich, wenn ich mich sichtbar mache. Sind wir denn nicht alle irgendwie ähnlich unterwegs? Tut es uns nicht irgendwie gut, wenn wir bei anderen lesen, dass sie ähnliche Probleme haben? Freuen wir uns nicht alle ein bisschen mit, wenn eine es geschafft hat, den gewünschten Job zu bekommen, ein Problem endlich zu lösen oder eine schwere Prüfung abzulegen? Diese unsichtbare Welt, die Welt der Virtualität, ist so lebendig wie all jene, die sie bewohnen.
Du und du und du und … ich …

(((Zurzeit bearbeite ich fast ausschließlich Porträts von J. und von mir. Die wenigsten sind zum Zeigen bestimmt. Eins heißt zum Beispiel „How to monsterize myself“. Möglicherweise kein unwichtiger Prozess, der da in mir abgeht. Mich neu zusammenzusetzen, wie neulich schon erwähnt – vermutlich ist es das, was mich dieser Tage beschäftigt …)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

unlösbar

Première. So, wie ich jetzt schreibe, habe ich noch nie geschrieben. Auf meinen Knien liegt eine kleine Tastatur in der Größe eines in die Breite gezogenen A5-Blattes. Alles wird möglich. Alles wird einfacher. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit und des ErfinderInnengeistes. Wie ich da an dieser neuen Tastatur sitze, wird mir bewusst, dass jedes Ding, das wir besitzen, neue Wünsche gebärt. J. hat seinem neuen iPhone ein paar Geschenke gemacht – zur Vorbereitung auf das nächste Reiseprojekt. Ich bin nur temporäre Nutznießerin. Via Bluetooth sind Tastatur und iPhone verbunden. Mein Laptop defragmentiert derweilen großräumig und ist darum zurzeit nicht benutzbar. So aber ist es eigentlich ganz praktisch. Handlich. Und gemütlich warm, da ich am Ofen sitze. Ich habe mal wieder s’Weggli u de Batze, wie wir Schweizerinnen sagen. Das gibt es also doch. Oder hat nicht alles scheinbar Ideale irgendwo einen Haken? Und wer definiert Perfektion? Der Haken dieser Schreibtechnik hier, am Ofen, ist der, dass ich immer vornüber schauen muss, den Blick aufs kleine iPhone-Display. Macht aber nichts, da meine Schulter, die rechte, weh tut und dies die einzige einigermaßen schmerzfreie Haltung ist.
Die Wohnungssuche beschäftigt mich sehr. Es geht um mein neues Nest. Meine Insel. Meine Höhle. Wo ist es, mein neues Zuhause? Was brauche ich wirklich und was tut mir gut? Luxusprobleme? Existentiell?
Gestern Abend vor dem Ofen sofasophierten J. und ich angeregt. Über Ideale zuerst, dann hin zur Weltlage und mir wurde dabei mehr als bewusst, dass ich eigentlich nicht primär am Sterben von Menschen leide. Ich leide umso mehr am menschenunwürdigen Leben vieler. Am unfairen Mächteverhältnis auf dieser Welt. Am Machtmissbrauch. An der Tatsache, dass nicht die wirklich Wohlwollenden an den Hebeln der Macht sitzen, sondern die mit dem größten Potential an Druckmitteln wie Geld, Angstmacherei und so.
Wir sind unterwegs durch die Zeit, meinte J. recht pragmatisch, das hat es immer gegeben. Es sei aber immerhin doch schon vieles viel besser geworden. Worauf ich erwiderte, dass ich mir da nicht so sicher sei, was das Wort besser betrifft. Sicher haben wir hier im Westen heute mehr Freiheit und mehr Rechte, aber auf wessen Rücken? Ich kann nicht verdrängen, nicht immer jedenfalls, dass wir nur deshalb so reich sind und es so gut haben, weil wir dafür andere ausgebeutet haben. Nicht ich direkt, aber mein Land. Die Schulden- und Zinspolitik ist es, die ganze Nationen ins Sklaventum schickt.
Wir mit unseren Luxusproblemen!,
denk ich und schäme mich, dass ich so wenig belastbar bin.
Wenn ich Tagesschau gucke oder Zeitung lese, identifiziere ich mich immer mit einzelnen Menschen. Ich sehe die Augen der Menschen und leide mit. So sehr, dass mir alles weh tut und ich mich meines Lebens nicht mehr freuen kann. Deshalb meide ich Tagesschau und Zeitung oft. Feige, ja, vielleicht, doch ich will nicht abstumpfen und nicht nicht-mehr-fühlen. Wenn ich doch gelegentlich Medien konsultiere, haut es mich zuweilen fast um. Ich leide jedoch nicht nur mit den einzelnen, da kommt auch das Gefühl von Mitverantwortung oder Mitschuld dazu. Hilflosigkeit, die mich schon oft in Krisen gestürzt hat. Unlösbar – ein Wort, das schwer auf meiner Schulter liegt, wenn ich an die unsäglichen Konflikte auf unserer Welt denke, Fatalistisch seufze ich. Gewissen. Wohlwollendes Leben. Empathie. Wörter tauchen auf.
Wohlwollend sei der Mensch, freundlich und rücksichtsvoll, dachte ich am Sonntagabend auf der Autobahn. Wenn alle so Auto fahren würden wie ich (es zumindest versuche), wäre es friedlicher auf den Straßen, grummle ich vor mich hin. Diese Powergames aber auch! Wozu bloß?
Die meisten verhalten sich nicht absichtlich oder jedenfalls nicht böswillig so mühsam, sagt J, wie wir gestern am Feuer sofasophieren. Hat er wohl recht, aber …
Letztlich geht es bei fast allem um Bewusstsein. Was erkenne ich? Wie reflektiere ich mich in Bezug zu meiner Mitwelt? Auch geht es um die Kompensation von Wunden. Ich nicht, aber du auch. Da bringt uns echt nur Selbsterkenntnis weiter, wohlwollende Reflektion. Ach ja, das wüsste ich alles. Auch wie ich ein richtig guter Mensch sein könnte. Bin ich ja schon, allerdings noch in komprimierter Form. Und mit vielen Wenn und Aber im Rucksack. Bremsklötze.
Fazit: Auch ich bin nicht immer wohlwollend. Auch ich kompensiere. Und bin zuweilen unanständig. Unfreundlich. Ja, alles bin ich auch. Nicht nur alle andern.

Wir Schlampen

Nein, keine Rechtfertigung, wir Schlampen können nicht anders, wir sind so. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde sind auf die eine oder andere Art Schlampen. Mich eingeschlossen. Jawohl. Das musste einfach mal gesagt werden. Rechtfertigung nein, wie gesagt, Definition ja gerne – einfach um Missverständnissen vorzubeugen (könnte mir eigentlich konsequenterweise egal sein).
Den Begriff Schlampe, wie wir ihn anwenden, haben Freundin C.(2) und ich bei der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser und ihren Büchern Schlampenbuch, Schlampenyoga und anderen geklaut. Denn, wie gesagt, da gibt es viele andere Verwendungsmöglichkeiten. Wenn ich im Internet surfe, drehen sich alle herkömmlichen Definitionen um das Leben in der Horizontale.
Doch Schlampen gemäß Moser et altri sind kurz gesagt Frauen, denen es am A… vorbei geht, was die netten NachbarInnen denken. Zugegeben, das sind dann schon die höhere Weihen – sprich: schwarzer Schlampengurt – und so weit bin ich leider noch nicht. So fasse ich es allgemeiner: Wir Schlampen tun und lassen, was wir nötig finden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dafür tun wir gerne, was Spaß macht, wir Schlampen, frei nach dem Motto Übermut ist immer gut. Um dahin zu kommen ist allerdings der dornige Weg der inneren Zensur durch äußere Instanzen zu überwinden. Nicht einfach, das kann ich laut sagen.
Schlampen sind übrigens nicht etwa, um da ein paar gängige Klischees und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, per se schlampig, denn jene Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen, machen sie mit vollem Einsatz, leidenschaftlich und mit Herzblut. Dafür sehen sie das Unkraut Beikraut in den Ritzen zwischen den Platten nicht, es sei denn, um es fotografisch zu ehren. Schlampig sind sie nur in den Augen der anderen, weil sie beispielsweise ausgedienten Dingen neues Leben einhauchen statt es dem Sperrmüll zu übergeben. Das Ignorieren von Sprüchen wie Das macht man nicht!, Du enttäuschst mich aber!, Ich habe von dir mehr erwartet! und anderer Bockmist vom selben Kaliber sind gute Übungen auf dem Weg zur Initiation in die Schlampenzunft. Und zugleich dienen sie der Selbstkontrolle. Bringen solche Aussagen eine Schlampe in Ausbildung aus dem Stand, gibt es noch viel zu tun. Gib aber bloß nicht auf. Das Ziel lohnt sich!
Schlampen im Alltag? Während Nicht-Schlampen die Waschmaschine genau eine Minute nach dem sie fertig geschleudert hat, leeren und die Wäschen aufhängen, trinken Schlampen in aller Ruhe den Kaffee, Tee, Wein oder Likör aus, lesen dazu mitten am Tag ein paar Seiten im Krimi, bloggen und schreiben, statt vor der eigenen Türe zu kehren, und holen die Wäsche später. Trocken wird sie nämlich früher oder später sowieso. Schlampen stehen auch nicht sofort vom Tisch auf, kaum dass der oder die Letzte in der Runde den letzten Bissen in den Mund geschoben hat. Oder gar vorher. Sie bleiben sitzen, denn sie lieben gemütliches Zusammensein. Das Geschirr kann warten. Dies noch: Schlampen mögen Worte wie später, irgendwann und mañana nicht nur des schönen Klanges wegen, dennoch leben sie jetzt.
Eine Schlampe ist niemals Sklavin, sondern Gebieterin ihrer Dinge, ihrer Uhr und der Außenwelt. Ob Haushalt, Büro, Atelier, Garten oder was auch immer, ist dabei einerlei. Eine Schlampe ist eigenmächtig und selbstbestimmt. Ob dies wohl der Grund ist, warum wir Schlampen noch immer diskriminiert, verleumdet, verfolgt und nicht verstanden werden?
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Anmerkungen:
Selbstverständlich gibt es auch männliche Schlampen und Nicht-Schlampen. Alle weiblichen Formen gelten auch für sie.
Halbschlampen gibt es allerdings nicht.
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Freundin C.(2) gewidmet, die bald zum zweiten Mal Mama wird. Es lebe das Schlampentum!

*leere Zeile*

Zu viele Farben, zu viele Bilder, Kontraste, Geräusche, Texte. Zu viele Geschichten. Einfach viel zu viele Eindrücke aus allen Richtungen. Zu viel von allem. Reizüberflutung. Alles gleichzeitig und deshalb nicht wirklich aufnehmbar. Dazu viel zu wenig Ruhe innen drin. Stille, warum weiche ich dir aus? Warum lass ich dich nicht ein? Ich sitze da und hätte alle Zeit der Welt für dich und was tue ich stattdessen? Ich surfe, ich lese. Klicke Bilder an, klicke Texte an, schreibe Kommentare da und dort. Gebe meinen Senf dazu. Bin da betroffen, leide dort ein wenig mit und klicke mich weiter. Und bilde mich weiter – ganz beiläufig. Bilde es mir jedenfalls ein.
Es denkt in mir. Laut denkt es in mir. Lauter laute Wörter. Buchstaben, die ich ausspucke, jetzt und hier und ich begreife, dass alles, was mich da draußen stört, schon und immer auch in mir drin ist. Leistung bringen müssen? Kannst du sogar zuhause am Schreibtisch haben! Voilà: Sogar beim Bloggen. Beim Bilder einstellen auch und beim Rückmeldungen geben. Sogar welche zu bekommen ist nicht leistungs(druck)frei. Dank wird erwartet. Glaube ich jedenfalls. Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten hier und jetzt, frei nach William Makepeace Thackeray. Transponiert in die Gegenwart. Eitelkeit ist zeitlos. Doch Eitelkeit nährt ein bisschen. Das Ego immerhin.
Und was nährt den Bauch? Wozu den Antrag auf Wohngeld ausfüllen? Ein bisschen mehr Geld zu haben, ist nicht schlecht, scheint es mir. Entlastung ist willkommen. Entspannung tut gut und Geld regiert die Welt, sagen sie. Sie? Wir. Ich. Ich auch. Auch ich brauche es, das Geld. Die Kohle. Den Schtutz. Auch ich kann ohne es und sie und ihn nicht einkaufen. Auch ich glaube zuweilen, mehr als mir lieb ist, dass Haben die Seele nährt. Stimmt es sogar? Eingewoben in der Materie, wie ich es bin, ist Haben mitverantwortlich für Wohlgefühl. Ich sage nur iPhone. Ich sage nur Auto.
Nein, ich plädiere hier nicht für Kaufen. Nicht für Habenmüssen. Nicht für mehr. Nicht für größer. Nicht für Big Business. Und schon gar nicht für Weihnachten und so Zöix. Nein, ich plädiere nicht für diesen Hype. Ich boykottiere ihn sogar. Wie schon seit vielen Jahren gibt es von mir keinerlei Geschenke, keinen Christbaumklimbim und auch kein Adventsgekränzel. Null Kitsch. Null Sentimentalität. Null Weihnachtsprogramm. Und null Karten. Bestenfalls zur Sonnwende und zum neuen Jahr einen Gruß. Lieber schreibe ich jedoch Briefe, Karten und Mails, wenn ich Lust dazu habe.
Dennoch fühle ich mich virtuell übersättigt. Dauermüde vom Hören, Sehen, Verarbeiten. Immerhin und zum Glück ist das meiste davon, was ich aktuell als stressig empfinde, handgestrickt.
Schnitt.
Und jetzt? Darf frau sowas veröffentlichen? Ein Text mehr, der im virtuellen Netz herum schweben wird. Ein paar Zeilen nur. Worte. Wörter. Leerlauf möglicherweise. Gedanken, wie sie alle denken. So what?
Wenn ich hier einmal einen tollen Text geschrieben habe, muss ich deswegen nicht immer geniale Texte schreiben. Ist mit Bildern nicht anders. Mut zum Unperfekten. Mut zum Prozess. Und ja, es darf auch mal durchschnittlich sein, was wir produzieren, was wir leisten. Unsere Messlatten dürfen ruhig rauf und runter gehen. Ein Stressfaktor weniger, wenn wir uns dies erlauben.
Ein leeres Bild. Ein weißes Blatt Papier. Nackter Baum. Pause. Punkt. Lücke.
Ja!

anders

Ein Bild taucht auf. Jeder Mensch sei ein Kreis. Menge, denke ich. Was uns ausmacht, ist die Menge alldessen, was da ist. In uns. Sicht- und unsichtbares. Verstecktes. Jede und jeder eine Menge. Mit den einen überschneiden sich Interessen, Schnittmengen entstehen, größere, kleinere. Bei anderen berühren sich nur die Kreislinien und bei wieder anderen nicht einmal diese.
Dennoch sitzen wir alle im gleichen Boot. Kreise auf dem gleichen Blatt Papier.
Erde. Boot. Papier.
Wir alle, mit Ausnahmen, die es immer geben wird, sind von dem Kreis, den wir selbst darstellen, zumindest so weit überzeugt, als dass wir uns darin auskennen und ihn für richtig halten, im großen Ganzen. Und für wichtig auch. Wir wissen, welche Regeln in diesem Kreis gelten und gehen davon aus, dass die Regeln im Nachbarskreis und in all den anderen Kreisen ähnlich sind. Überraschung! Sind sie nicht. Nicht immer jedenfalls. Eher weniger als mehr. Die anderen Regeln sind zuweilen sogar so was von anders als unsere, dass wir nur den Kopf schütteln würden beim Versuch sie zu verstehen. Was andere als Regeln für ihren Hamsterrad-Kreislauf definiert haben, muss aber deshalb nicht schlechter sein. Doch anders reicht den einen oft schon, um respektlos und grob zu werden. Verbal oder handgreiflich.
Auch die Definition von Notwendigkeiten ist unterschiedlicher als wir ahnen. Was die eine braucht, geht dem anderen am A… vorbei. Wie ich da so gestern mit Freundin A. in einer Konditorei in B. sitze und wir über Göttin, die Welt und die Männer philosophieren, über Befindlichkeiten und Lebenssinn, über Bedürfnisse und Bedürftigkeit – Schuhe kamen im Gespräch übrigens keine vor! – wird mir bewusst, dass das, was ich zum Leben brauche, längst nicht alle anderen brauchen. Solche Gespräche zum Beispiel nähren mich weit mehr als zehn Stücke Torte. Und während andere sich nur wohlfühlen, wenn sie jeden Tag zehn Stunden arbeiten können, brauche ich viel Stille. Während andere den Winter lieben, den Schnee kaum erwarten können, es sie bei solchem Wetter nach draußen zieht und sie glücklich aufatmen, wenn es endlich kühler wird, hänge ich bei solchem Wetter am liebsten auf dem Sofa und träume von Winterschlaf und lauen Sommernächten.
Die Kreise, die wir vorhin gezeichnet haben, die Menschen, die wir sind – wir füllen die einzelnen Kreismengen nun im zweiten Schritt noch dadurch, dass wir weglassen, subtrahieren, was für jede überflüssig ist. Ihr wisst schon: Kreis A braucht dies nicht, während Kreis B ohne dies kaputt gehen würde. Wieder wird es so mit den einen Schnittmengen geben, mit anderen Berührungen und mit noch anderen keinerlei Kontakt. Und doch kreisen wir noch immer auf dem gleichen Blatt Papier.
Was ich zum Beispiel absolut nicht brauche? Weihnachten. Weihnachtsstress. Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsgeschenke. Weihnachtsbesuche.
(Klammer auf: Würde ich diese meine Überflüssigkeiten zum neuen Gesetz erheben, bekäme ich mächtig Probleme. Nein, nicht primär mit den lieben Kinderlein, mehr noch mit den Wirtschafts- und Werbefuzzis allüberall. Die würden wohl ganz anderes weglassen, Pausen vielleicht, Müßiggang. Klammer zu.)
Ein anderer würde nur allzu gerne auf die Farbe rot verzichten, weil sie zuweilen in den Augen weh tut, weh tun kann. Andere wieder können sehr gut ohne Bücher sein, und noch andere brauchen keine Milch. Die einen brauchen Coolness nicht, andere schon. Ähnlich geht es mit Machismo. Mit Zigarren und mit Schokolade. Alle aber können eins nicht weglassen, eins nicht. Ob als Sehnsucht oder gelebt: ein warmes Nest brauchen alle. Eigentlich. Geborgenheit. Wohlwollen. Raum, die und der sein zu können, die und der wir sind. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist so klein nicht und ein paar andere Buchstaben mit viel Gewicht und wenig Aufwand gehören ebenfalls dazu: TOLERANZ.
Der Mensch sei ein Kreis. Nein, nicht Konjunktiv, den kreisen tun wir alle. Und stolpern und wieder aufstehen auch. Weitergehen.

heimat-los

Sie sind ihre Heimat los geworden, die Ausgewanderten. Kein leichtes Los. Sie haben ihre Heimat, so sie denn eine hatten, losgelassen. Oder wollen genau das nicht. Oder üben es noch. Oder sind kleben geblieben – irgendwo zwischen den Grenzen, die nur im Kopf bestehen. Und jetzt sind sie da, wo irgendetwas besser sein muss. Irgendetwas muss hier besser sein, sonst wären sie dort geblieben, wo sie vorher waren. Ob Flüchtlinge oder Liebende – wer auswandert, nimmt das Los auf sich, Heimat gegen kaum Bekanntes zu tauschen. Ein nicht immer ganz freiwilliger Tausch von Bekanntem gegen Ahnungen. Von Vertrautem gegen Erwartungen. Unscharfe Ränder des Bildes im Herz. Farben, die changieren, unklar sind sie zuweilen, dann wieder, je nach Blickwinkel, so scharf, dass sie blenden und blinzeln lassen. Blinzeln, um gleich wieder hinzuschauen. Wahrnehmen gegen Widerstände. So viel Gegenteiliges, so viel Vergleich.
Ob das Gewählte besser ist, zeigt sich erst, wenn Zeit vergangen ist. Wenn gelebt wurde. Wenn die kleinen Wurzeln in der neuen Erde ausschlagen und neue Verästelungen bilden. Wenn die tägliche Bahn der Sonne allmählich vertraut ist. Wenn das heurige Laub zusammengerecht ist. Wenn die alten Blätter neuen Knospen Platz geschaffen haben. Leere Äste an leeren Bäumen künden von Heimweh. Und doch sind es auch die Bäume, die Heimweh heilen. Sie fragen nicht nach Nationalitäten. Dafür schenken sie Gelassenheit, wenn du sie lässt. Und sie machen Mut, dem neuen Boden zu vertrauen.
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Wie wir da, es ist Freitagabend spät, tanzend durch den Raum und die Zeit schweben, bin ich überall zuhause. Nicht mehr heimatlos. Zufällig bin ich in der Schweiz und die Stimmen um mich herum klingen vertraut. Die Musik auch. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden muss. Alles vertraut.
Am Samstagnachmittag am Zürichsee, bei J.s Cousin und dessen Familie, unterhalten wir uns in drei Sprachen, ich zumindest. Mit dem fünf Wochen alten Little-D. plaudere ich Schweizerdeutsch und er versteht. Seine weisen Augen ruhen in meinen und erzählen von drüben. Von früher. Von bald. Erzählen von Ewigkeit und Jetzt. Mit C. und J. reden wir hochdeutsch, zuweilen auch französisch, C.s Muttersprache. Als schließlich spontan in der Schweiz wohnende, französische Freunde an der Türe klingeln und an den Kaffeetisch mit eingeladen werden, babeln wir dreisprachig, da Mösiö C. noch nicht so gut deutsch kann. Nur Little-D. versteht noch alles, scheint mir. Fremdsprachen kennt er keine. Er hört die Worte, die Sprachen der Herzen.
Wenn ich keine Worte finde, weder gesprochene noch unaussprechliche, fühle ich mich fremd. Hier nicht, zum Glück, und auch dort nicht. Nein, nicht fremd, aber heimatlos. Hier wie dort. Ja, sogar dort, in der Schweiz, trotz meines tollen FreundInnennetzes, weil ich dort kein Zuhause mehr habe. Und hier, im neuen Land, weil meine Wurzeln noch nicht verwachsen sind. Es braucht Zeit, sagen die Weisen. Und Geduld. Kein leichtes Los, doch, zumindest in meinem Fall, ein selbstgewähltes.
Und letztlich, auch das sagen die Weisen, ist meine Heimat überall. Hier wie dort. Und sie war und ist schon da. Immer. In mir.

Am Anfang war das Loch

Blogfrei war gestern. Gestern wollte ich einfach mal wieder in die handfeste Materie eintauchen – ganz ohne Virtualität. Zwar habe ich auf dem iPhone Mails gelesen und ein klitzeklein bisschen gesurft, das war es aber auch schon. Gar nicht mal schlecht, ab und zu offline zu sein. Auch meine saubere Wohnung dankt es mir.
Ein Tag ohne Laptop ist dafür ein Tag mit Notizzetteln. Denken in Echtzeit, steht auf einem von ihnen. In Stichworte gepackte Erkenntnis. Auf einem schönen Novembersonne-Mittwochnachmittagsspaziergang begriff ich, dass für mich Schreiben die einzige Tätigkeit ist, die ich zeitgleich mit Denken tun kann. Eben: Denken in Echtzeit. Jedes andere Tun verhindert gleichzeitiges Schreiben, gleichzeitiges Konservieren von Gedanken. Obwohl ich bei allem, was ich tue und lasse über das Leben nachdenke oder nachfühle. Doch diese Gedanken sind ätherisch. Wie Düfte. Kaum gedacht, schon weg. Wie wichtig diese meine Gedanken sind, sei dahingestellt. Dennoch will ich Gedankenblitze und kleine Erkenntnisse, die mir das Leben begreifbarer machen, eben oft festhalten. Sie festhalten und sie auch gleich schreibenderweise einkochen, um sie später hervorholen zu können. Ich will die gefundenen Spuren zu mir selbst behalten, festhalten, halten.
Gegenteil von Loslassen! Oops, die Gedanken, was sag ich da, die Finger machen sich mal wieder selbständig und tippen schneller, als ich denken kann. Von Loslassen wollte ich hier gar nichts schreiben. Viel zu anstrengend.
Auf einem anderen Zettel steht Innerer Arzt. Er soll mich an jene Sendung, die ich vorgestern spät abends mit meinem Liebsten gehört habe, erinnern. Neulich auf Arte war ein Beitrag zum Thema. Sehr gut gemacht, finde ich. ((Hier klicken zur SendungDanke, Kati, für den Link und den Input!))
Ha, jetzt hat‘s auch die Wissenschaft
endlich begriffen, sagte ich. Uraltes Wissen, das hier! In den Kursen von Luisa Francia haben wir genau diese Erkenntnisse schon vor fünfzehn Jahren praktiziert. Imagination, nennt sich das. Und da steckt das Wort Magie drin, das Außenstehende immer so schön nervös macht. Dabei geht es genau darum, dass wir uns, und damit eben auch unseren Körper, dorthin begleiten, wo wir wahrnehmen, was ist. Und was wir wirklich (= für die Wirklichkeit) brauchen. Wie wir uns heilen können. Uns vertrauen. Dem Körper vertrauen. Darum geht’s. Sogar die in der Sendung vorgestellten Techniken, um solche Prozesse in Gang zu setzen, sind denen ähnlich, die wir damals in unseren Workshops kennengelernt und geübt haben. Doch jetzt ist die Wirkung von Imagination und die Selbstheilungkraft des Körpers endlich auch für Weißröcke und deren Gläubige wissenschaftlich nachgewiesen. Na also, geht doch.
Schade, dass wissen allein nicht genügt. Ich praktiziere all mein Wissen und Ahnen viel zu wenig. Das Asthma zum Beispiel, das ich seit einem Jahr in akuten und latenten Stressphasen habe, wie könnte ich es wohl mit Hilfe meiner Inneren Ärztin lösen? Und würde ein Placebo meine Schilddrüsenfunktion ebenso normalisieren, wie es meine Tabletten (hoffentlich) tun? Und wie wäre es wohl, wenn eine Frau, die schwanger ist, statt Folsäure ein Placebo nähme? Wie verhält sich der Körper zu Informationen, die ihm geliefert werden? Wo ist die Schnittstelle?
Apropos Schnittstelle. Machen wir doch hier mal einen Schnitt.
Neulich habe ich über Sucht gebloggt. Vorgestern, beim Arbeits-/Weihnachtsessen meines ehemaligen Teams, das mich unbedingt dabei haben wollte, kam das Gespräch aufs Rauchen. Ich erzählte im Verlauf der Diskussion, wie ich mir vor ungefähr zweieinhalb Jahren das Rauchen abgewöhnt hatte. Nämlich einzig und allein mithilfe der Erkenntnis, dass ich mir irgendwann mit sechszehn eingeredet haben muss, das Zeug schmecke gut. Natürlich war die Geschichte damals ein klein bisschen komplexer, doch irgendwie und irgendwo muss ich damals irgendeinen Schalter umgelegt haben. Und den gleichen Schalter hatte ich eben vor zweieinhalb Jahren zurückgekippt. Stopp Lebenslügen!, war mein Ansatz damals. Diese eine zu knacken war jedenfalls kein schlechter Anfang.
Jede Sucht ist eine Ersatzhandlung, sagte ich. Kopfnicken rundum und die nächste erzählt eine Episode aus ihrem Leben.
Ersatzhandlung. Ersetzen. Ersatz. Unersetzlich. Ersetzlich. Während ich später nach Hause fahre, beginnt das Wort in mir zu taumeln. Am Anfang war nicht das Wort, nein, am Anfang war das Loch. Sonnenklar! Das Loch. Der Fall aus dem Paradies war nämlich ganz anders. Da war das Loch. Die Sehnsucht. Und Löcher bringen es so mit sich, dass sie gefüllt werden wollen. Sie sind magnetisch. Wie Sehnsüchte. Wir scheitern ständig am Versuch, etwas ersetzen zu wollen, das nie da war – außer als Ahnung, als Erinnerung, als Urinnerung. Das nie mehr war als eine Ahnung von Himmel.
Fast unstillbar dieses Ziehen! Keine Droge kann dieses Loch füllen. Keine Handlung. Nichts.
Außer … dass du das bist und das lebst, was nur du kannst. Auf diese deine Weise. Und das liebst, was du bist. Ganz. Denn das warst du schon immer. Ich auch. Und ja, auch in diesem großen Ganz drin hat es Löcher, doch die müssen sein. Die Löcher gehören dazu.

Barcode-Mysterien

Wie wir heute Morgen in Sachen Geld nach P. fahren – er zur Verbraucherzentrale wegen der Sache mit unserer Telefonrechnung, ich aufs Arbeitsamt, um zu erfahren, dass ich bereits Ende Monat Arbeitslosengeld bekommen werde – fällt mir auf einmal unser Barcode ein. Jenen, den J. am letzten Freitagabend selbstgebaut hat und der nun am Galerie-Schaufenster der Walpodenakademie klebt, in welchem unsere Bilder ausgestellt sind. Wer ihn lesen kann, erfährt so unsere Kontaktdaten. Schwarz auf weiß, winzige Quadrate, beliebig zusammenzusetzen. Jedes klitzekleine Feld steht für ein Wort, für einen Buchstaben, für Satzzeichen, für Links, für Leerzeichen.

Bild: unser Barcode nach bester iDogma-Manier verappt, will heißen mit Apps bearbeitet. Als da wären eine ganze Symphonie fürs Hintergrundbild, dazu Blender und Halftone für die Fertigstellung.
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Unheimlich für uns, die wir das Ding nicht mit unseren Augen, mit unseren Sinnen, mit unseren uns im Laufe des Lebens angeeigneten Werkzeugen entschlüsseln können was wir ständig mit allem tun, was uns begegnet.
Unheimlich, um nicht zu sagen apokalyptisch – jedenfalls noch vor zwanzig Jahren, als die ersten Strichcodes eingeführt wurden.
Unheimlich, weil unbekannt.
Kannst du jedoch die Zeichen lesen, erschließt sich dir eine ganze Welt. Und du wirst wissen. Mit J.s iPhone, das mit einer Dechiffrier-App namens Barcoo ausgerüstet ist, wird Verstehen zum Kinderspiel. Er muss bloß das schwarzweiße Quadrat fokussieren, schon piepst das schlaue Technikding sein Simsalabim und auf dem iPhone steht die Antwort. Kontaktdaten zum Beispiel. Wie eben bei jenem, das J. für uns beide gebaut hat.
Unheimlich ist, was wir nicht kennen. Wie wäre es mit der vierten Dimension? Im schon wiederholt zitierten Buch Flächenland geht es vor allem um die Flachländer, jene Geschöpfe, die ausschließlich in zwei Dimensionen leben. Die Geschichte erzählt von einem, der das unheimliche Land der drei Dimensionen gesehen hat. Als dieser anderen von der dritten Dimension erzählt, beißt er auf Granit. Das kann ja nicht sein!, sagen sie. Und kerkern ihn ein.
Doch auch mit der dritten Dimension ist das Ganze nicht zu Ende. Ich sag gleich noch einmal vierte Dimension.
Vielleicht ist ja jedes Bild – j-e-d-e-s Bild! – wenn wir es riesig vergrößern, so dass wir nur noch die einzelnen Pixel sähen, die allerdings noch irgendwie zu schärfen wären –, eine codierte Information? Wir müssten sie nur dechiffrieren!, sage ich zu J., der im Gegenlicht das Auto nach P. lenkt. Meine Augen halb geschlossen, weil ich zu faul bin nach der Sonnenbrille zu suchen. So wäre jedes Bild eine Geschichte. Und umgekehrt lässt sich wohl auch jede Geschichte in einen Barcode bringen.
Fiktiv geht das auf jeden Fall, ich tu‘s ja schon. Hier und jetzt. Gedanken und Ideen kennen keine Grenzen. Ob es praktisch geht, muss ich noch ausprobieren.
Doch irgendwann brauche ich vielleicht gar keine technischen Hilfsmittel mehr dazu. Ja, ich sehe es schon vor mir! Im nächsten Leben werde ich Bilder- und Geschichtenflüsterin.
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EDIT:
Hier (klicken) habe ich den fettgedruckten Satz aus obigem Artikel in den nachfolgenden Barcode generiert 🙂