Bloggitis und Schwester Glück

Die Diskussion um Sinn und Unsinn der virtuellen Tagebuchschreiberei – sprich Bloggen – macht immer mal wieder die Runde. Ob in Gesprächen mit FreundInnen, in Mails oder in Blogs selbst – irgendwie scheinen wir Bloggenden immer wieder auf großes Unverständnis zu stoßen. Nein, nicht um mich für mein sinnloses Tun zu rechtfertigen, schreibe ich diesen Artikel, sondern aus dem gleichen Grund, warum ich blogge.
Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mein Leben im Internet auszubreiten!, meinte S. vor ein paar Wochen.
Mein Leben interessiert doch niemanden, was sollte ich da schon erzählen?, meinte C.
Und selbst, wenn ich wollte: Wo sollte ich auch die Zeit hernehmen?, sagte R.
Da haben wir‘s: Ein geradezu unanständiges Mitteilungsbedürfnis, gepaart mit der hirnrissigen Hoffnung, andere könnten sich möglicherweise für die eigenen Gedanken, Bilder und Erlebnisse interessieren – das macht den wahren Blogger und die echte Bloggerin aus. Dazu ein scheinbar grenzenloses Zeitgefäß. Halt, da fehlt etwas, das Wichtigste sogar! Die Lust am Schreiben, die Lust am Erzählen, die Lust, Gedanken in Worte zu fassen. Ja, Lust. Nicht müssen, sondern wollen.
Doch ist ein Text erst mal lustvoll gepostet – was neudeutsch für ins Netz gestellt ist –, geht der Spaß weiter. Ich gestehe es: Ich liebe Kommentare. Als erstes, nachdem ich mein iPhone oder den Rechner eingeschaltet habe, schaue ich unmittelbar nach den Mails in meinem Blog und in meiner Bildergalerie vorbei und lese allfällige Kommentare. Freue mich. Zum Glück beeinflusst dies mein Kunstschaffen nicht wirklich, höchstens inspirierenderweise. Auch sind Kommentare kleine Motivationsspritzen, falls dies mal nötig sein sollte.
Die Kommentarstränge stillzulegen, könnte ich mir aus eben diesen Gründen nicht vorstellen. Ich liebe den virtuellen Austausch sehr, diesen Dialog, der nur dank moderner Technik möglich ist. Sich schriftlich mit Unbekannten auszutauschen, ist allerdings kein Phänomen der Moderne. Auch früher gab es Brieffreundschaften. In den letzten Jahren haben sich jedoch die Mittel der Kommunikation auf damals unvorstellbare Weise verändert. Und die anonymisierte Form, wie wir sie heute Dank der Pseudonyme kultivieren, macht den Austausch möglicherweise sogar ein wenig authentischer. Das Pseudonym ist quasi die Fasnachtsmaske. Für einmal im mehrheitlich positiven Sinn gemeint.
Bloggenderweise können wir – ähnlich wie beim Schreiben eines Romans –, eine neue Identität aufbauen. Wie Schreibende wissen, steckt ja in jeder Figur, die wir kreieren, immer ein Quäntchen ICH mit drin – und sei es nur ein bisschen vom Anti-ICH. Ebenso ist es beim Bloggen: Auch hier erschaffen wir gleichsam ein neues Selbst. Nein, Quatsch, was rede ich da? Wir erschaffen es nicht, wir lassen bloß eins unserer vielen Selbste an den Tresen, an die Tasten.
Kurz und gut: Schreiben macht Spaß. Und was Spaß macht, hat oft auch das Zeug zum Glücklichmacher. Ja, mich macht schreiben glücklich. Schreibenderweiser tauche in einen leicht berauschenden Zustand ein, den ich schlicht dadurch erreiche, dass ich in Gesellschaft von Worten bin. Dass ich meinem Innen im Außen, auf dem weißen virtuellen Blatt, Raum gebe. Egotrip pur oder ist Bloggen gar ein Weg zur Erleuchtung? Lacht nicht! Wer weiß das schon so genau?
Um mein Glück jedoch wirklich genießen zu können, gibt‘s noch einiges zu lernen. Zu verlernen wohl eher. Grübeln zum Beispiel. Willst du den Orgasmus, kommt er sicher nicht. Es ist doch so, dass, kaum werden wir uns des Glücks gewahr und grübeln über seine Ursache und Herkunft nach, wir auch schon aus der Glücksblase herausfallen. So will ich daher lernen, mein Glück so ähnlich zu genießen, wie es Kinder tun, die sich ihres Glücks als eigentlich normalen Zustand nicht bewusst sind.
Ich schreibe und blogge also, um mich glücklich zu fühlen? Oder schreibe ich, weil ich schon glücklich bin? Weder noch. Bloggen und Glück sind zufällige Bekannte. Oder Schwestern. Glück kommt möglicherweise am liebsten, wenn wir es locken und uns in seiner Nähe aufhalten. Und wenn wir so tun als ob. Dann kommt es und lässt sich in unserer Nähe nieder.
Doch am besten du vergisst das alles gleich wieder. Mit dem Kopf jedenfalls.
Bloggen tu ich wohl einfach, weil ich Lust dazu habe. Ob das nun unsinnig oder sinnvoll ist. Und ob Unsinn manchmal nicht sinnvoller ist, als all die ach so sinnmachenden Dinge?

eindeutig mehr

„Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, dass Begriffe, von denen wir meinen, sie sind absolut gesetzt, in bestimmten Zusammenhängen ihre Eindeutigkeit verlieren.“
Einer dieser Sätze, die mir auf der Zunge zergehen. Mützenfalterin schrieb ihn im Kommentarstrang ihres Artikels über den Künstler Aaron Siskind (> mehr …)
Ja, richtig, auch Wörter sind relativ. Genau das habe ich gemeint, als ich neulich schrieb, dass viele Wertmaßstäbe von der Definition der jeweiligen Gesellschaft abhängen.
Nimm mal, nur so als Beispiel, das Wort „Gewissen“. Was fällt dir dazu ein? Und dir? Und jetzt denkst du kurz an das, was deine Eltern darunter verstanden haben. Eben.
„ich schreibe aus visionen heraus, die sprache ist zwar wichtig, aber in erster linie transportmittel. ich wähle die worte, aber einen kult mach ich jetzt auch nicht aus ihnen“, schrieb Luisa Francia gestern in ihr Webtagebuch.
Und ich? Ja, ich schreibe auch vor allem, weil ich eine Vision, eine Idee, eine Absicht habe. Berühren, anrühren will ich. Etwas auslösen. Die Welt ein bisschen lebenswerter machen, weil Lesen gut tun kann. Ich will ein Lächeln in ein Gesicht zaubern oder das Herz unter diesem Gesicht zum Nachdenken bringen.
Doch es gibt noch etwas dazwischen: Worte sind Transportmittel, ja, auch für mich, doch sie sind mir mehr als dies. Und ja, ich mach gerne zuweilen einen kleinen Kult aus ihnen. Denn ich liebe es, nicht nur das gute Wort zu finden, sondern das bestmögliche. So gut ich kann. Und genau da sind wir wieder bei der Eindeutigkeit. Das Beste? Was für mich eindeutig das beste Wort ist, mag dich möglicherweise nicht erreichen. Doch ich schreibe weiter.
Dreimal doch in einem Absatz? Den kleinen Widerspruch dieses Wortes mag ich. Brauche ich – habe ich zuerst geschrieben. Nein, brauchen tu ich ihn nicht, aber er tut mir gut. Was so ein einziges kleines Wort mit vier Buchstaben für dich, für dich oder für dich bedeuten mag, ist ganz und gar nicht unbedeutend.
Doch und Aber tut echt gut.

später mal

Wie Irgendlink und ich heute Nachmittag über die Felder und durch die Wälder wandern, diskutieren wir über Sinn und Unsinn der kostenlosen Updates*, die wir uns meistens nach deren Erscheinen auf unsere iPhones laden. Doch sind diese Ergänzungen wirklich notwendige Verbesserungen? Machen sie uns nicht viel mehr abhängig von Betriebssystem-Aktualisierungen? Habe ich nicht die neueste Betriebssystemversion auf dem Kleinstcomputer – oder das neueste iPhone in der Hand –, laufen die Programme auf einmal unzuverlässig, stürzen häufig ab, speichern die Bilder nicht mehr. Ich muss also im vorgegebenen Takt mitlaufen, damit nicht eines Tages meine Apps überhaupt nicht mehr funktionieren.
Die ewige Glühbirne!, sagt J. plötzlich. Ursprünglich wurde die Glühbirne, erzählt er, für die Ewigkeit gebaut. Eine dieser Prototypen brennt, seit er erfunden und gebaut worden ist. Angeblich. Schon immer. Für immer. Doch was wäre eine Industrie wert, wenn sie ewig haltbare Produkte herstellen würde? Schnelllebig wie der aktuelle Zeitgeist sind auch ihre Produkte. Ein drei Jahre alter Rechner? Vergiss es! Veraltet! Kauf dir einen neuen. Der ist eh besser. Größerer Speicher. Schnellerer Prozessor. Vorwärts. Mehr. Zuckerbrot und Peitsche digital.

Bild 1: iDogma – Unterwegs. Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.

Bild 2: iDogma – Irgendlink in Action (The Making Of A Dandelion Pic oder Wie fotografiere ich im November Löwenzahn?) – Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.
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Beim Abendessen ist auf einmal der Frosch auf dem Tisch. Der Frosch? Ihr wisst schon, jener Frosch, der sitzenbleibt, während das zu Beginn kühle Wasser, das ihn umgibt, allmählich heißer wird. Tödlich heiß schließlich. Doch er bleibt sitzen, im Gegensatz zu jenem Frosch, der sofort davon springt, wenn wir ihn in eine Schüssel mit bereits tödlich heißem Wasser setzen wollen. Diese viel zitierte Metapher, die für uns Menschen steht, die wir nicht merken, dass uns das Wasser längst bis zum Hals steht – auf einmal war sie da. Würde ich sagen, ich hätte das Froschexperiment leibhaftig ausprobiert oder zumindest beobachtet, wären alle schockiert. Der arme Frosch!, würden sie sagen. Dennoch greifen wir alle auf dieses Bild zurück, als wären wir dabei gewesen.
Wer kann bestätigen, dass der erste der beiden Frösche aus dem Experiment wirklich im heißer werdenden Wasser sitzengeblieben ist?, fragt J. Hat dieses Experiment wirklich je stattgefunden? Wir glauben Dinge, weil sie glaubwürdig klingen. Ob an ewige Glühbirnen oder an dumme Frösche ist dabei egal. Und wenn ich solche Begebenheiten erzähle, wird mir geglaubt, weil ich glaubwürdig bin.

Wir glauben alle so gerne, weil wir glauben wollen. Weil es im Internet steht. Weil es uns erzählt wird. Selbst wenn es hier wie oft nur um die Metapher geht. Das Ei und das Huhn sind gleich alt und gleich jung, denn die Zeit ist eine Spirale und Eva isst noch immer Äpfel, die gar keine sind. So ist Zukunft nichts anderes als noch nicht gelebte Gegenwart. Und Vergangenheit gelebte.
Wir sammeln und heben auf, was immer wir finden können und horten es. Für später, sagen wir. Für die Zukunft. Und wir laden Updates aufs iPhone – für später.
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* mehr zur iPhoneographie unter iDogma

Wie viel wiegt Liebe?

Wie ich da gestern Nacht nordwärts fahre, tun sich mir all die vielen Geschichten, Stränge, roten Fäden aller Menschen auf, die ich getroffen habe. Ich sehe vor meinem inneren Auge ein buntes Gewebe. Ein Teppich.
Und ich sehe die vielen Papierbündel und –säcke vor mir, die wir an die Straße gestellt haben, meine Schwester und ich. Wir haben gestern, bei ihr zuhause, die persönlichen Sachen meiner Tante, die sie in ihrem Zimmer im Pflegeheim bei sich gehabt hatte, gesichtet. Ein großer Teil waren Worte. Beschriebenes Papier. Einladungen zu Vernissagen, zerlesene und noch nicht einmal ausgepackte Zeitschriften, Ausstellungslisten, Steuerunterlagen, Rechnungen …
Soweit so gut. Doch da waren auch unzählige Kassenzettel aus den letzten beinahe dreißig Jahren dabei, die sie feinsäuberlich aufgehoben und die jeweilige Konsumation dazu geschrieben hatte. Da und dort ein Geldschein und ein paar Münzen. Weiter fanden wir unzähligen Dinge, die sie in zigfacher Ausführung gehortet hatte. Streichholzschachteln, Fuselroller, Zahnbürsten, Lippenpflegestifte. Sammlerin war sie, leidenschaftlich sparsam. Festhalten, was ist. Beschreiben. Sich erinnern.
In klitzekleinen Büchlein hatte sie in ihrer akkuraten, wunderschönen, klitzekleinen Handschrift über das Leben nachgedacht. Selbstverständlich konnte ich solche sehr persönlichen Dinge nicht wegwerfen. Oder? Vielleicht hätte sie gewollt, dass alles weggeworfen wird. Vielleicht hatte sie gehofft, dass jemand eines Tages ihre Notizen liest und ihren Gedanken zuhört. Und annähernd versteht, zu verstehen versucht, wer sie war. Ob ich das darf? Ob sie das wollte?
Wie vergänglich ein Leben ist, führten wir uns buchstäblich mit jedem neuen Bündel vor Augen, das H. und ich an den Straßenrand trugen. Als hätte es das Altpapierabfuhr-Team geahnt, kam es ausgerechnet gestern, ganz untypisch, erst nachmittags um zwei, als wir die letzten Säcke herausgetragen hatten. Wir schauten vom Fenster aus zu, wie das schwere Gefährt den Schlund aufriss und Sack für Sack und Bündel für Bündel verschlang. Recycling. Da entsteht schon bald Papier, das von neuem beschrieben und bedruckt werden kann. Ich schluckte leer und wischte mir verstohlen eine Träne aus dem rechten Augenwinkel, als das Auto endlich wieder Fahrt aufnahm, um beim nächsten Haus anzuhalten.
Das Gespräch mit meiner Tante E. nach der Abschiedsfeier fällt mir ein. Als ich sie fragte, ob sie nicht Lust habe, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, winkte sie lachend ab.
Wozu?,
fragte sie. Ich lebe, das genügt. Nein, so wortwörtlich hat sie zweites nicht gesagt. Verstehen geht nicht wirklich. Ich interpretiere.
Die einen – wie ich, ich gestehe es – haben das Bedürfnis sichtbare Spuren zu hinterlassen, schreibenderweise oder sonst wie. Andere, wie meine Tante E., sind einfach da. Sie hinterlassen Spuren, während sie leben. Für jetzt. Sie haben kein Interesse, ihre Biografie zu verewigen. Auf eine sich selbst wertschätzende Art sich nicht wichtig nehmen, nenne ich das. Klingt paradox. Ist es vermutlich auch. So wie fast alles. Schreiben ebenso. Wozu Spuren aus der Vergangenheit in die Zukunft legen? Wozu und für wen?
Die Fahrt von A. nach Z. zieht sich unglaublich in die Länge. Ich bin unsäglich müde. Habe schlecht geschlafen. Habe in L.s Gästebett zur Wolfsstunde wachgelegen und gegrübelt. Über Lebenswert, Rücksicht, Ethik und so Sachen. Die Fahrt alleine zu bewältigen, strengt mich an. Ich habe keine Übung mehr. Früher fuhr ich diese Strecke jeden Monat, weshalb meine Nerven früher Muskeln hatten, die mir halfen, diese Strecke ohne große Anstrengung zu schaffen. Nun aber haben sie Muskelkater. Ich fühle mich zudem wie am Vorabend wieder fiebrig, während ich die vielen Gespräche verdaue.
Wir gewöhnen uns an alles, heißt es. Alles, das wir mehrmals tun, gibt irgendwo Muskeln. Oder stumpfen wir bloß ab? Töten Gewohnheiten unsere Fähigkeit, zu merken, wann genug ist? Ich spiele tatsächlich unterwegs mit dem Gedanken, irgendwo im Elsass in einem Landgasthof unterzukommen, doch die Sehnsucht nach meinem Bett hält mich davon ab. Die Sehnsucht nach J., nach meiner Wohnung, nach meinem Zuhause lässt mich weiterfahren und auf einmal, nachdem ich die Hälfte der Strecke geschafft habe, wird es leichter. Als würde ich auf Schienen fahren, als wäre ich eine Zahnradbahn, die von der gegenüberliegenden Bahn angetrieben, gezogen wird. Da fällt mir die Waage ein. Die Balkenwaage. Auf der einen Waagschale liegt mein Leben, mein Beziehungsnetz in der Schweiz, auf der anderen mein neues Leben in Deutschland. Die Liebe zu J. und all die neuen Beziehungen. Wie viel wiegt Liebe? So viel, dass ich dorthin will, dort zu Hause sein will, wo J. ist. Auch wenn die schweizerische Waagschale schwer wiegt, die deutsche ist schwerer. Oder leichter. Je nach Definition. Definition ist alles.
Liebe ist leicht. Liebe wiegt schwer. Liebe ist gut und Liebe nährt.
Fremd bin ich da wie dort. Außer im Kanton Bern bin ich – wenn wir von meiner Autonummer ausgehen jedenfalls – überall fremd. So dachte ich im Kanton Zürich und im Kanton Aargau, wo ich mich die beiden letzten Tage aufgehalten habe. Stimmt dennoch nicht. Im Kanton Aargau habe ich – ebenso wie im Kanton Zürich – viele Jahre gelebt. Früher. Vertrautes berührt Fremdes, Altes das Neue.
Geschichte ist, was war. Geschichten sind, was ist, war, sein wird. Rote, blaue, gelbe, bunte Fäden, verwoben zu einem riesigen Teppich, der stetig wächst und längst aufgehört hat, jemandem zu gehören. Das Leben sind alle Fäden zusammen. Alle. Alle Schichten. Verdichtet. Von überall her kommend. Ohne Anfang, ohne Ende.
Mein Faden, dein Faden, sage ich müde.
Meine Meinung, deine Deinung,
sagt mein Liebster. Später am Feuer. Wir erzählen uns unsere Zwei-Tage-Geschichten, weben unsere Fäden in den riesigen Teppich.

Richtig falsch, oder?

Wie ich so die Wäsche aufhänge – Tücher genau so, Unterhosen natürlich anders, Pyjamateile wieder anders – geht mir durch den Kopf, dass meine These nicht stimmt. Dass ich mich selbst belüge, wenn ich behaupte oder zumindest anstrebe, die Dinge nicht mehr werten zu wollen. Tu ich nämlich nicht. Nicht hier, nicht beim Wäscheaufhängen. Und auch sonstwo nirgends. Es gibt bei mir richtig. Und falsch auch.
Ich hänge die Wäsche richtig auf, so richtig wie ich es von meiner Mutter und anderen früher mal gelernt habe. Nicht weil man (besser wohl frau) es einfach so macht, sondern aus guten Gründen. Weil es – wird es so gemacht – Arbeit beim Falten erspart. Wenn ich die Kleider mit einem kleinen Umschlag am Rand anklammere, kann ich mir das Bügeln sparen und die Kleider bleiben in Form. Zum Beispiel.
Richtig und falsch gibt es bei mir sehr wohl. Ich bewerte laufend, was ich tue. Was andere tun. Bewerten, so denke ich, bei der letzten Unterhose meines Liebsten, die ich an die Leine im Garten klemme, bewerten hilft beim Überleben. Würde ich nicht laufend Umstände nach Gefährlichkeitsgrad einstufen, wäre ich wohl längst unter einem Auto gelandet. Zum Beispiel.
Offenbar kann ich nicht leben, ohne Dinge für mich zu bewerten. Was ich aber kann, ist nicht zu verurteilen. Und das übe ich auch im Alltag. Weil ich nicht weiß, was andere wirklich denken, fühlen, erleben, erlebt haben, brauchen, nicht mehr brauchen, vermeide ich es, mit meiner Erfahrung und Meinung, will heißen mit meinen Werten, zu hausieren. Zum Beispiel.
Zurück in der Wohnung packe ich die Probenummer der Zeitschrift Connection zum Thema Vision aus und lese schon mal das Editorial. Muss grinsen. Ach, lest selbst:

Visionieren und bewerten
Wenn Visionäre als Spinner abgekanzelt werden geht es mir oft so, wie wenn ich von Spiris höre, dass sie „nicht mehr bewerten“ wollen: Da kann ich kaum glauben, wie eine so grundwichtige menschliche Eigenschaft, die wir alle haben und brauchen, dermaßen abgewertet wird. Sogar die intelligenten unter den Tieren können das und brauchen es: Sie haben Vorstellungen davon, wie etwas sein soll und vergleichen die wahrgenommene Welt mit dieser inneren Vorstellung – und natürlich bewerten sie auch, gutes Essen gegenüber schlechtem Essen, den richtigen Sexualpartner gegenüber dem Falschen, und so weiter. Der Vergleich der vorgefundenen Welt mit der inneren Vision des Erwünschten impliziert immer eine Bewertung.
Wolf Schneider

Quelle: Connection Spirit 09/11 im Editorial von Wolf Schneider

Nussbaumsetzling, Eichensprössling …

Über die Bäume will ich schreiben – über das Leben der Wurzeln und Äste. Die Erde, die alles hervorbringt, erwähnen. Von Baumstammkraft erzählen, die wachsen lässt – in die Breite ebenso wie in die Höhe. Wie dankbar ich jedem einzelnen Baum dafür bin, dass er da ist! Bäume, ohne euch könnte ich nicht leben.
Und eines Tages werden sie gefällt. Nicht alle. Viele aber. Von Menschen, für Menschen. Für uns sterben sie, ohne sie wären wir längst erstickt. Doch auch nach dem Fallen leben sie weiter. Als Zeitungspapier ein paar Tage. Als Buchseite ein paar Jährchen oder mehr. Als Möbel gar länger als ein Menschenleben. Und als Feuerholz hoffentlich solange bis sie trocken sind.
Wärme und Holz. Holz und Wärme.
Grob gesägt liegt ihr da, ihr Holzstücke, an die Wand gestapelt. Menschen- und Baumkraft vereint. Mit der Säge werdet ihr nun ein weiteres Mal halbiert, damit ihr in den Ofen passt. Alsdann werdet ihr mit der Axt gespaltet. Zerteilt. In den Schubkarren gelegt. In die Kiste umgeschichtet. In die Wohnung getragen. Dankbar in die Glut gelegt.
Und jetzt? Letztes Aufbäumen. Finale. Asche.
Ich trage sie in den Garten zurück, wo alles wieder von vorne anfängt.
Dort ein Nussbaumsetzling, hier eine junge Eiche …

jetzt und immer

Wenn ich wie jetzt so dasitze – am Wohnzimmertisch in der warmen Stube –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich wie gestern Abend mit sympathischen, inspirierenden Menschen zusammen bin – mit den Frauen der neu ins Leben gerufenen Frauen-treffen-Frauen-Runde in meinem Wohnzimmer –, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Wenn ich alleine bin, alleine Auto fahre, alleine spazieren gehe, alleine in meinen Gedankenräumen herumtanze, denke ich: So könnte es eigentlich immer sein.
Heute beim Spätstück mit meinem Liebsten, wie wir so vor uns hin murmeln und über dies und das philosophieren, denke ich: Eigentlich ist mein persönliches Lebensziel ganz einfach: Glücklich zu sein.
Einfach? Sobald es mir gelingt, mir selbst bedingungslos das Beste zu gönnen. Ohne jegliche Selbsteinschränkungen wie „ich darf doch nicht glücklich sein, solange andere leiden!“ Niemand hat etwas gewonnen, wenn ich nicht gut zu mir selbst schaue!
Laut gedachtes, das hier, Gedanken in Worte gepacktes Gespinst. Ich erhebe keine literarischen Ansprüche. Heute nicht. Zu viel ist in mir drin in Bewegung, zu viel beschäftigt mich. Meine berufliche Zukunft ebenso wie was ich heute noch alles tun werde. Tun? Lassen! Sein!
Einmal nichts zu tun ist gar nicht so einfach. Vielleicht sogar ähnlich herausfordernd wie glücklich zu sein. Beide übrigens irgendwie anarchistische Ansinnen. Ganz und gar unökonomische Ansätze. Wer glücklich ist, muss nämlich keine Lecks füllen, muss nicht konsumieren, ist immun gegen Werbeversprechen. Wer nichts tut ebenfalls, da er ja nichts tut, eben auch nichts konsumiert.
Nichts tun konkret: Putzen? Nö, heute nicht, heute nur tun, was das Überleben sichert. Kochen und Holz holen, damit wir nicht verhungern und erfrieren, ist erlaubt. Und Buch lesen auch, die Seele füttern. Bloggen. Und glücklich sein. Jetzt.

Reiseerkenntnisse

Irgendwie wäre es richtig toll, wenn ich immer einen Rechtschreibe-Duden dabei hätte, sagte ich letzten Montag auf der Fahrt in die Schweiz. Irgendlink saß am Steuer und konzentrierte sich auf die Straße. Ich hätte immer etwas zu lesen, weißt du, erklärte ich. Alles da. Jedes Wort.
Alle Bücher deutscher Sprache bestehen einzig aus seinem gewichtigen Inhalt,
sagte J.
Weißt du was? Ich könnte eigentlich mithilfe des Rechtschreibe-Dudens meine nächste Geschichte schreiben.
Du hast etwas vergessen,
sagte J.. Da gibt es nämlich ein Problem, ein großes sogar: das Copyright! Du weißt doch, dass Abschreiben verboten ist!
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Was meinst du, fragte ich später, sind meine orthopädische Einlagen wohl eher Brillen oder eher Zahnspange für meine Füße?
Keine Ahnung,
sagte J., der auf seinem iPhone Bilder bearbeitete, während ich uns durch die Landschaft Richtung Winterthur lenkte.
Wenn ich es mir so überlege … eigentlich ist jeder Mensch irgendwie Brille oder Zahnspange für seine Mitmenschen, sofasophierte ich weiter.
Oder eine Dialyse, meinte mein Liebster.
Wie wäre es mit einem Herzschrittmacher?, sagte ich.
Noch besser: ein Nierentransplantat!, sagte er.
Wir sitzen eben alle im gleichen Boot, pardon, im gleichen Auto … 🙂

besser

Nach einem abwechslungsreichen und arbeitsintensiven Samstag musste J. gegen Abend noch zum Baumarkt. Staubmasken für die laufenden Renovationsarbeiten da und dort standen ganz zuoberst auf der kleinen Liste, die sich – wüsste ich nicht Bescheid – ein wenig wie die Einkaufsliste eines Bankräubers anhörte. Ich hatte mich eben müde mit einem Norwegenkrimi aus der Bibliothek an die Sonne gesetzt und genoss das letzte Himmelsglühen der untergehenden Sonne. Vor mir der Garten, üppig und reich. In mir endlich mal wieder eine Ahnung von Ruhe. Dankbarkeit. Freude über den Augenblick.
Tschüss, bis gleich!
Kaum war der Liebste losgefahren, befiel mich die Lust, uns köstlich zu bekochen. Ich erntete Lauch, Fenchel, Tomaten, gelbe Kugelzuchini, Paprika und Auberginen und verwandelte das meiste davon in ein üppiges Ratatouille. Den Fenchel, zusammen mit Kartoffeln und Karotten aus dem Vorrat, verzauberte ich in ein göttliches Gratin.
Da hast du dich mal wieder selbst übertroffen!, meinte Irgendlink, als er sich zum dritten Mal nachschöpfte. Schöner Mist eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege, denn jetzt kann eigentlich nichts besseres mehr kommen.

Warum müssen wir uns eigentlich immer selbst übertreffen?, fragte ich. Könnten wir wohl mit einem gleichbleibenden Status leben? Sogleich fiel mir der Abschiedsbrief einer Frau ein, die sich das Leben genommen hatte. Sie hatte geschrieben, dass sie die Hoffnung auf etwas Gutes, das noch kommen könnte, verloren und sich darum für diesen Weg entschieden habe.
Müssen wir, um am Morgen motiviert aufstehen zu können, ja, um überhaupt unser Leben leben zu können, etwas zukünftiges haben, auf das wir hoffen und worauf wir hinleben können: eine bessere Zukunft, eine Vision, der Wunsch, der Nachwelt etwas zu hinterlassen?
Oder geht es vielleicht schlicht darum, nichts mehr zu hoffen und zu erwarten und deshalb, und genau jetzt, glücklich zu sein?, sagte J.
Mit vollem Bauch lässt es sich wahrlich gut sofasophieren …

Anfang, Ende und der Dazwischenraum

Überall wird gestorben. Ein junger Mensch ist tot, lese ich bei Wildgans. Und hier stirbt der Vater eines meiner Kinder aus der Schule. Ein Jahr älter als ich war er nur. Schon lange krank, jetzt tot. Punkt. Einfach so.
Das Kind verhielt sich gestern beinahe normal, was ich ihm nicht verdenken kann. Mitten in allem Trauern und Weinen brauchen wir Nischen, wo alles wie immer, wie gewohnt sein soll.  Haushalt besorgen. Einkaufen gehen. Verrückt ist es dennoch immer wieder, wenn Menschen vor der Zeit sterben, wie es so bös im Volksmund heißt. Wobei ich daran nicht glauben mag. Kurze Dochte brennen schneller herunter, so meine Theorie. Ich gehe davon aus, dass einfach nicht alle gleich viel Docht im Gepäck haben, wenn sie geboren werden. Ich glaube daran, dass wir leben um etwas zu verstehen. Vielleicht sind die einen damit schneller fertig. Wer weiß das schon?
Dennoch, zurückbleiben, wenn jemand Liebgehabter stirbt, ist einfach nur schrecklich. Schrecklich und unbegreiflich.
Gestern habe ich am zweiten meiner wachgeküssten Manuskripte gearbeitet. Der Suizid von Elena, den ich darin aufrolle, löst bei Pascale, einer ihrer Fallschirmspringkolleginnen, einiges aus. Ich zitiere hier aus „Freier Fall“, das ich auch bald verlagsbereit haben will. Ein Jahr gebe ich mir noch für die Vollendung.

So also sieht Leere aus. Die Kirche war voll davon. Abgesehen von der Handvoll Menschen in ihr. Links saßen Ivan, seine Eltern, wie ich annehme, ein Paar in Ivans Alter und zwei ältere Frauen. Wir saßen rechts. Pierre war da, ebenso Sandro, Damian und Steve von den SkyJumpers. Vom Kurs waren Daniela, Sabrina, Samuel, Andrej, Dominik, Bert, Petra und ich gekommen. In die Reihe hinter uns hatten sich die beiden Polizisten, die mich vor ein paar Tagen vernommen hatten, gesetzt.
Ich hasse Beerdigungen. Ich hasse Kirchen und Orgelmusik. Und ich hasse dieses ganze Brimborium, das um den Tod herum gemacht wird. Nein, den Tod hasse ich nicht. Ich respektiere ihn. Bloß … Wie lässt sich das Wissen um die Vergänglichkeit mit unserm Wunsch nach Sicherheit verbinden?
Die Orgel bemühte sich zu dröhnen und katapultiert mich in die Luft.
Ich fliege. Mein erster Flug, der Tandemflug mit Damian. Kaum in der Luft begreife ich, dass Widerstand zwecklos ist. Ich ahne, während mir der Wind um die Ohren pfeift, dass sich den Stürmen des Lebens einzig mit Mut und Leichtigkeit begegnen lässt.
Der Pfarrer begann zu sprechen. Taschentücher wurden gezückt. Nasen geschnäuzt. Das volle Programm.
Freiheit. Leichtigkeit. Ich sehe Elena vor mir. Bei ihrem ersten Alleinflug. Ihr Gesicht leuchtet. Sie springt kurz nach mir. Wir winken uns zu. Nach der Landung fallen wir uns um den Hals. Lachende Weiber. Im Gras. Die andern setzen sich zu uns, angesteckt von diesem Lachen, das uns die ganzen Kurs-Tage begleitet hat.
Damian stupste mich in die Rippen, als Pierre zur Kanzel schlurfte und uns mit einer Stimme, die so gar nicht zu ihm passte und kaum trug, von Elenas Begeisterung für das Fallschirmspringen erzählte. Seine Hände hingen schlaff an ihm herunter. Im Namen von SkyJumpers sprach er den Eltern und Ivan, den ich vom Tandemflug her kannte, sein Beileid aus. Floskeln. Vielleicht auch nicht.
Kalte Grauheit. Ich rieb mir die klammen Hände, froh, dass die Feier zu Ende war. Orgelmusik.
Später, im Restaurant, setzte ich mich zu Ivan. Er schien mich nicht wiederzuerkennen. Sein Gesicht war eingefallen, blass. Wie Wachs. Eine Marionette, die noch immer funktionierte, obwohl die Fäden von nichts als Leere gehalten wurden. Als ich ihn an unseren gemeinsamen Tandemflug vor zwei Jahren erinnerte, schüttelte er fast unmerklich den Kopf, als ob dieser leer sei. Keine Bilder mehr.
Trauern wir nicht weniger um die Verstorbenen als um uns? Das Loch tut weh. Amputierte sind wir.
Ich vermisse Elena. Zu wissen, dass ich sie nie mehr wiedersehen und nie mehr mit ihr zusammen springen werde, schmerzt. Dass wir nicht mehr zusammen lachen werden.
Ahnte ich, was sie beschäftigt hat?
Ich saß neben ihr, als die beiden Jungs über Base Jumping gesprochen haben. Hätte ich es gefährlich finden sollen, dass Elena ihrem Gespräch folgte? Nein. Elenas Todessprung ist ihre Geschichte. Punkt.

(copyright by Sofasophia)