Jeansmützen und andere Klischees

Diesmal mach ich es schlauer als gestern! Dachte ich jedenfalls, als ich mich heute Mittag an den Laptop setzte. Froh, dass es draußen feucht ist. Froh, dass es endlich geregnet hat. Froh, dass ich ohne schlechtes Gewissen drinnen sein kann. Zuerst das Kreative erledigen, sprich Bloggen, war mein Vorhaben, und dann alles andere. Nicht erst bloggen, wenn ich schon zu müde für einen klaren Gedanken sein würde. Auf dem Zettel neben mir warteten ein paar Stichwörter zu diesem Text hier. Ideen. Doch natürlich ließ ich mich ablenken. Las und schrieb Mails, guckte in unserer Webcommunity vorbei und schrieb da und dort ein paar Kommentare zu tollen Bildern. Immerhin erledigte ich die Einzahlungen. Und da meine geliebte Jeans-Schirmmütze, die mich schon vor zig Sonnenstichen bewahrt hat, unauffindbar ist – wie die Stange aus dem Kleiderschrank übrigens, obwohl ich beides doch wirklich schon überall gesucht habe – habe ich heute im weltweiten Netz nach einer neuen gefischt. Gesucht. Gefunden. Bestellt.
Ach, und ein neues Bildbearbeitungsprogramm für mein iPhone habe ich heute auch aus dem Netz gefischt. Für kurze Zeit kostenlos. Fusioncam heißt die neue App. Zuerst nimmst du ein Bild auf. Du kannst es nun entweder schlicht abspeichern und fertig ist … oder aber, und das ist der Clou, du tippst den Schalter für die Doppelbildfunktion an. Das erste Bild wird nun halb transparent und du kannst dahinter – oder davor? – ein zweites Bild legen. Dieser Doppelbildeffekt hat echt was. Schon hast du vielschichtige Bilder sozusagen. Um ein Klischee zu bedienen. Oder gleich ein paar.
Womit wir bei den Klischees wären. Das größte Antikompliment, das du einer Autorin oder einer sonst wie künstlerisch tätigen Person machen kannst, ist es, dass sie Klischees bedient. Klischees sind, soweit ich mich erinnere, irgendwelche Vorlagen in der Druckkunst gewesen. Was sagt Wiki? Das hier:

„Ein Klischee ist eine überkommene Vorstellung oder ein eingefahrenes Denkschema, eine abgedroschene Redensart oder vorgeprägte Ausdrucksweise, ein überbeanspruchtes Bild (Stilmittel), das sich auf eine entweder regelhaft wiedererkennbare oder äquivalent dazu häufig zugeschriebene gemeinsame Eigenschaft einer Menge von Personen, Objekten etc. (…) bezieht und auf welche das Klischee demnach angewendet werden kann. Das Klischee existiert als etwas geistig bzw. sprachlich Schablonenhaftes. Es ist dabei charakteristisch, dass die Eigenschaft, welche das Klischee bedeutet, nicht eine der Eigenschaften ist, welche die gleichartigen Einzelelemente zu einer benennbaren Klasse werden lässt, sondern vielmehr eine zusätzliche, davon unabhängige Eigenschaft ist.
Das Wort Klischee stammt vom französischen cliché, welches ursprünglich „Abklatsch“ bedeutete und später auch für „billige Nachahmung“, „überbeanspruchte Redensart“ stand. Das deutsche und auch das französische Wort bezeichneten ursprünglich die gleichnamige Druckform, den sogenannten Abklatsch, einen Probeabzug im Druckwesen.“
Quelle: Wiki

Sagst du einem kreativen Menschen also, dass er mit Klischees um sich wirft, heißt das nicht anderes, als dass der Mensch wenig originell unterwegs ist.
Gestern vor dem Einschlafen meinte ich, dass wir versuchsweise jedes Wort pro Tag nur einmal verwenden sollten. Oder wenigstens nur ein einziges Mal schreiben. Um Wiederholungen und Klischees zu vermeiden. Worauf J. meinte, dass wir am besten jeden Buchstaben – um noch mehr Wiederholungen zu vermeiden – nur einmal brauchen sollten. Die Sprache sei eh langweilig: immer die gleichen Buchstaben!
Mit den immer gleichen Buchstaben immer wieder originelle Dinge zu formulieren, ist in der Tat eine Herausforderung. Formulierungen für unsere Gedanken zu finden, die so, auf diese Weise, noch nicht zigmal gelesen worden sind, ist besonders im Internetzeitalter gar nicht so einfach. Ich habe früher einmal, weil ich nicht wusste, ob ich eine bestimmte Geschichte bereits ins Netz gehängt hatte oder doch nicht, einen einzigen Satz aus ihr gegooglet. Ich bekam keine Übereinstimmungsmeldung. Wie schön, zu wissen, dass genau dieser Satz noch von keinem anderen Menschen genau so formuliert worden ist! Gibst du aber Wendungen wie „bleierne Müdigkeit“ ins Suchfeld ein – sie war nämlich gestern Nacht der Auslöser für die Klischee-Diskussion gewesen – zeigt Ecosia, die grüne Suchmaschine, über fünftausend Ergebnisse an.
Da war auch noch dieses Bild eines Mitkünstlers unserer Community. Das Bild von einem Fuß, der mit einer Wort-im-Bild-App so bearbeitet worden war, dass im ganzen Bild unzählige Male das einzige Wort Foot zu lesen ist. Groß und klein und in verschiedenen Schrifttypen. Immer wieder: Foot. Selbsterklärend. Oops, letztes Wort hätte es nicht gebraucht. Ist ja wirklich selbsterklärend – auch so ein abgelutschtes Wort!
Wohl verläuft dort der Grat zwischen Kunst und Nicht-Kunst: Löst die kunstschaffende Person mit ihren Ausdrucksmitteln bei den Betrachtenden oder Lesenden ein Gefühl oder einen Gedanken aus? Bilder wie der Foot-Fuß werden dagegen einfach weggeklickt.
Ja, natürlich kann ich hin und wieder der Versuchung nicht widerstehen, Klischees auszureizen und abgenutzte Formulierungen zu verwenden. So wie wir ja auch nicht jeden Tag neue Kleider oder Teller kaufen. Satzbauweisen und Stilmittel, die bekannt sind, zu verwenden, ist durchaus sinnvoll, denn wir alle haben dieses Bedürfnis nach Vertrautem, nach Wiedererkennen. Das Rad muss ich ja nicht neu erfinden. Und mit Klischees spielen macht schon irgendwie Spaß, wie letzter Satz beweist.
Ich denke beim Formulieren dieses Textes an die Überblendungsfunktion bei Fusioncam. Das eine Bild wäre die Idee. Das neue. Auf den Notizzettel gebannter zündender Funke (ja, auch das eine bekannte Redewendung und wenn du sie bei Ecosia eingibst, kommst du vielleicht sogar auf mein Blog). Das zweite ist womöglich ein Bild, das etwas Bekanntes widergibt. Worte, Sätze, ein Stil, der vertraut ist. Die Wiederholung. Die Vorlage. Übereinandergelegt entsteht so ein neues, so noch nie kombiniertes Bild. Begegnung zwischen Zufall und Absicht.
Selbst der Plot einer Bestsellerautorin hat bekannte Elemente. Oder vielleicht gerade ein Bestseller?, denke ich ein bisschen böse und erinnere mich an das, was ich über Creative Writing-Kurse gehört habe. Die Tipps für das Schreiben eines Bestsellers lesen sich, wurde mir erzählt, wie ein Kochbuch: Spätestens auf Seite fünf muss den Lesenden die Protagonistin sympathisch sein. Andernfalls legen sie das Buch zur Seite. Idealerweise müssen sie sich mit ihr identifizieren können. Die Hauptperson muss etwas nettes tun. Einer alten Frau über die Straße helfen. Eine Katze vom Baum holen. Okay, dazu müssen allerdings nicht zwingend stereotype Stories bemüht werden. Oops, bemühen habe ich heute schon mindestens zweimal bemüht. Danke für den Hinweis, aber ich habe es sogar selbst gemerkt.
Was ich sagen will? Ach, denk es selbst …

Sie schlummern immer. Irgendwo.

Beim Frühstück stehen sie Schlange. Ich komme nicht nach, sie alle zu begrüßen. Wir sind übernächtigt, doch J. muss heute früh los. Mit Kollege T. am Feuer war es einfach zu gemütlich und die Nacht sommerlich lau. Der Müdigkeit zum Trotz sprudeln sie, die Ideen. Sie hüpfen wie Gummibälle durch die Wohnküche. Draußen regnet es. Endlich mal wieder.
Während die Spiegeleier brutzeln, tüfteln und spinnen wir und erzählen uns Geschichten, die sich als Romanvorlagen eignen. So wir denn die Muße hätten, sie zu bannen, in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen. Später, während ich am Laptop sitze und an einer Bewerbung bastle, um mir eine weitere Tür aufzutun, sind sie weg. Alle Ideen. Alle weg. Auch Bilder auf dem iPhone kann ich heute keine bauen. Ich bin seltsam leer und unkreativ.
Irgendwann fange ich dennoch einfach zu schreiben an. Und siehe da, sie tauchen wieder auf. Ganz leise. Um sie nicht zu erschrecken und womöglich erneut in die Flucht zu schlagen – sie kommen mir vor wie Asseln, die unter dem Stein hockten, den ich soeben hochgehoben habe – lege ich den Stein vorsichtig zurück und schreibe einfach weiter. Tue, als ob ich sie nicht gesehen hätte. Meine Gedanken fließen direkt in die Finger und die kennen den Weg zu den Tasten blind. Sie tippen einfach vor sich hin, was ihnen das Herz zuflüstert. Diese Sätze hier.
Eine Bildhauerin, deren Skulpturen mich in der neulich besuchten Ausstellung sehr angesprochen haben, hätte ich gegooglet, hatte ich J. erzählt, heute Morgen beim Frühstück. Den Satz, dass sie beim Steinbearbeiten nur bloßlege, was eh schon da ist, kennt jede, die sich schon mal mit der Bildhauerei auseinandergesetzt hat. Ob ihn alle wirklich verstehen, weiß ich nicht, doch auch besagte Bildhauerin hat ebendieses Bild bemüht. So oft ich den Satz höre, spüre ich genau, was gemeint ist, und finde kein neues, besseres Bild für dieses Phänomen. Mir geht es ja beim Specksteinbearbeiten auch so. Und beim Fotobearbeiten sogar zuweilen. Die Idee, sie schlummert zuweilen, schläft vielleicht gar. Doch sie ist immer da. Irgendwo. Immer. Ihr gutes Recht.
Wem gehört sie eigentlich, die Idee?, fragte Irgendlink beim Brote schmieren. Vielleicht ist es ja der Idee völlig egal, wer sie zur Welt bringt. Hauptsache jemand nimmt sich ihrer an.
Hm, ja … Ideen sind frei,
sage ich mit vollem Mund.
Open Source-Software entspricht genau diesem Ideal, sagt J.. Die Macher stellen einfach ihr Wissen zur freien Verfügung. Sie haben keinen finanziellen Nutzen. Dieses ganze Brimborium mit Urheberrechten müsste gar nicht sein.
Wie wäre es mit einem virtuellen Raum, wo alle, die wollen, ihre Ideen einfach einstellen könnten?,
überlege ich. Ich denke an Romanideen, Plots, unfertige Bilder zum Weiterbearbeiten, alles, was sich irgendwie in Pixels umbauen lässt … Fast so wie ein Heim für verlorengegangene Tiere.
Später, während ich die Wäsche aufhänge, denke ich über ein Museum der Ideen nach. Statt das Ganze im Internet zu inszenieren, sollte es ein richtiges, ein lebendiges Museum geben. Menschen kommen und gehen und alle bringen etwas hin oder nehmen etwas mit. Ein Ideenumschlagplatz.
Ooops, das sollte ich jetzt vielleicht nicht alles öffentlich hier schreiben. Womöglich klaut mir sonst noch jemand die Idee! 🙂

Des Kaisers neue Kleider

Da wollte sie eigentlich seit Stunden einen coolen Artikel schreiben. Ein bisschen satirlich sollte er sein und von der schönen, heilen, virtuellen Welt sollte er handeln. Und von Webcommunitys und Herdentierchen, die in jenen Gemeinschaften ihre Ersatzheimat fanden. Und endlich glücklich sein und vor sich hin glitzern konnten. Kurz gesagt wollte sie einen Artikel über Internetsucht und Internetgläubigkeit schreiben. Und es sollte auch ein Resümme zu einem weiteren Artikel* aus der bereits gestern erwähnten „DU“-Ausgabe werden („Digitales Leben – Reportagen aus der Parallelwelt“). Sie legte sich bereits die Worte im Kopf zurecht und sie würde auch darlegen, warum sie nicht bei Facebook dabei ist.
Was aber tut sie stattdessen? Genau! Sie surft. Sie schaut sich dies und das an. Vergisst Zeit und Materie und verschmilzt beinahe mit ihrer Tastatur. Sie lädt neue Bilder in ihre Kunst-Community hoch. Und kaum ist das letzte Bild hochgeladen, und noch nicht mal fertig beschrieben, als auch schon der erste Kommentar eintrifft. Von einem ihrer Lieblingsmitglieder. Die Mailbox bimmelt. Gleich darauf folgt der zweite und der dritte. Ach, diese Gier nach Anerkennung …
Voyerismus und Exhibitionismus brauche es, um sein (Parallel-)Leben im Internet auszubreiten, sagt Kummer im besagten Artikel. Provokativ inszeniert er, wie er – während er auf seinen Sohn wartet – ständig vom Vibrieren seines iPhones an Facebook-Updates erinnert wird. Er karikiert herrlich, was die guten Freunde laufend an Neuigkeiten hochladen. Freunde, die er zum Teil nur vom Namen her kennt, die er dennoch als Freunde geaddet** hat, weil sie entweder ihn zuerst als Freund geaddet haben oder weil sie gemeinsame Freunde haben, die sich wiederum auch gegenseitig geaddet haben. Wer dich addet, den musst du auch adden – das erste Gesetz des digitalen Networking. Natürlich nur, falls du dir einen Gewinn aus der Vernetzung erhoffst. Und wer dir ein „Gefällt mir!“ schickt, dem musst du später auch ein „Gefällt mir!“ schicken.
Schnitt.
Heute Nachmittag habe ich meinen Liebsten, der kurzfristig auf dem Pfälzer Jakobsweg unterwegs ist, als Ausstellungshüterin vertreten. Zweieinhalb Stunden habe ich in einer zur Galerie umfunktionierten Kirche verbracht, mit dem iPhone ein paar Bilder aufgenommen, diese auch gleich mit ein paar tollen Apps bearbeitet und vor Ort in meine bereits erwähnte Internet-Community hochgeladen. Keine schlechte Sache. So ein Ausstellungshüte-Job täte mir eigentlich ganz gut gefallen. Idealerweise natürlich gegen Bezahlung.
Jetzt, wieder daheim am Rechner, surfte ich durch das Universum. Ich besuchte die gemeinsame Galerie der Community, wo kaum eine Minute vergeht, ohne dass ein Bild hochgeladen wird. Ich schrieb eine Reihe von Kommentaren zu Bildern, die mir gefallen. Ab und an ertappe ich mich, dass ich auch mal einen Kommentar zu einem mittelmässigen Bild schreibe, weil mir besagte Person auch einen netten Kommentar geschrieben hat. Oder weil die eine oder andere Person kaum Kommentare bekommt. Oder ich nehme Personen in meine Favoritenliste auf, weil sie mich ebenfalls in ihre Liste aufgenommen haben. Siehe erstes Gesetz des digitalen Networking. Das ist ja auch okay, aber so werden die Grenzen schwammig.
Ich will um der Qualität willen kommentiere nicht einfach bloß, weil ich nett sein will. Irgendlink, der in der Regel weniger Kommentare zu seinen Bildern erhält als ich, obwohl ich seine Bilder besser als meine finde, sagt, wann immer ich eins seiner Bilder kommentiere, dass ich es bloß aus Mitleid getan hätte. Augenzwinkernd sagt er es, natürlich, weil es ja nicht stimmt. Doch es wirft in mir die Frage auf, warum andere meine Bilder kommentieren. Und warum ich die Bilder der anderen kommentiere. Ist ja beim Bloggen nicht anders, ach …
Mitleid ist im Kunstbereich kein guter Ratgeber. Und auch sonst nirgends.
Sonst stehe ich, sonst stehen wir auf einmal ohne Kleider da …
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* Facebook – Tom Kummer
Facebook Revisited – die Fiktion des Realen
Der Borderline-Journalist Tom Kummer löste im Jahr 2000 mit fiktiven Interviews einen Medienskandal aus. Seine Kollegen verwirklichen ihre schillernden Seiten im Internet. Facts & Fiction beim Facebook-Besuch.
** adden: zu einer Liste hinzufügen
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Des Kaisers neue Kleider:
– Märchen
– Wikipedia

Musik in Farbe oder die Verpixelung der Welt

Heut Nacht, wie ich geborgen unter dem Sternenhimmel von der Schweiz nach Hause in die Pfalz fahre und dabei, um nicht einzuschlafen, Musik höre, entsteht ein Bild in mir. Der Klangteppich des Songs, der eben läuft, löst sich in einzelne Farbpunkte auf. Wie einzelne Fäden, wenn wir an die orientalischen Teppichknüpfkunst denken. Wie einzelne Pixel, wenn wir an deren virtuelle Analogie denken. Auflösung von Musik in Farben. In Punkte. Auch meine Gedanken lösen sich auf, in Farben, in Muster, in Flächen und Formen. Ungeformte Formen irgendwie. Falls es das gibt. Null und eins sind jene Elemente, aus denen sich alles zusammensetzt Und in das sich alles wieder auflöst. Auflösung in die virtuellen Codes. Auflösung. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse, ohne es laut auszusprechen. Etwas löst sich auf. Lösung. Klarheit.
Das Jetzt von gestern, im aktuellen Moment übergroß und alles dominierend, wird klein. Ich distanziere mich. Ich bewege mich weiter. Schon ist der große Punkt ein kleiner Punkt und Prioritäten verschieben sich.
Meinen Besuch in der Schweiz, der primär der erneuten Prüfung meines inzwischen reparierten Gefährts galt, hatte ich vorgängig mit einigen Besuchen bei Freundinnen vernetzt. Nachdem ich meinen Liebsten in H. zum Zug gebracht hatte, damit er den Pfälzer Jakobsweg pilgern und darüber livebloggen kann, fuhr ich in meinem neuen, entschleunigten Tempo schweizwärts. Irgendwann würde ich ankommen, zum Prüfzentrum bei Biel fahren, die Nachprüfung bestehen und anschließend zu Freundin C. nach Bern fahren. So mein Plan. Irgendwann, um halb eins, als ich kurz vor Haguenau und seiner Autobahneinfahrt mein Sandwich knabberte, guckte ich mir das Formular erstmals genauer an. Oh Schreck, die haben ja das Nachprüfungszeitfenster nur von zehn nach eins bis fünfzehn Uhr auf! Zweieinhalb Stunden reine Fahrzeit würde ich bis Biel mindestens brauchen. Punkt fünfzehn Uhr müsste also zu schaffen sein. Dass es mit meiner Gemütsruhe vorbei war, ist logisch.
Punkt drei Uhr war ich in Biel, mitten in dieser Stadt, die ich eigentlich kaum wirklich kenne. Das Prüfzentrum in Biel-Orpund wurde nun zur berühmten Nadel im Heuhaufen der Straßennetzes. Die ich erst um Viertel nach drei endlich fand. Ich hätte das mit dem knapp zweistündigen Zeitfenster nicht gewusst, sagte ich und stieß damit am Anmeldeschalter auf Verständnis. Immerhin wurde ich zum Chef vorgelassen, doch der winkte ab.
Kommen Sie morgen Nachmittag wieder!,
sagte er.
Morgen? Aber morgen ist doch die Dreißig-Tage-Frist abgelaufen!, sagte ich. Dachte, warum ich aber auch immer alles im letzten Moment machen musste. Dachte, warum ich den Zettel nicht vorher angeschaut hatte. Dachte auch, dass ich doch morgen, Mittwochnachmittag, im Aargau mit Freundin M. abgemacht hatte.
Aber nein, morgen ist doch erst der letztmögliche Tag!, erklärte mir der Chef. Was meiner Logik zwar zuwiderlief, aber immerhin ein Türchen öffnete. Grummelnd verließ ich das Zentrum und fuhr bernwärts. Wie sollte ich das Problem bloß lösen?
Bei Freundin C. und Little-F. rief ich Freundin M. an und wir beschlossen, dass sie morgen mit mir nach Biel an die Prüfung kommen würde und wir anschließend dort gemeinsam ein Seebad oder einen Ausflug genießen würden. So könnte ich am Donnerstagvormittag nochmals C. besuchen und zu ihrer Entlastung, da sie gesundheitlich angeschlagen war, mit Little-Finn einen Spaziergang machen. Nach einem Abend und einer Übernachtung bei Freundin A.
Alles fügte sich zusammen. Bei A., mit der ich  einen gemütlichen weinseligen Abend verbracht hatte, erhielt ich beim Frühstück eine SMS von Freund K., der fragte, ob ich auf dem Rückweg bei ihm vorbeischauen möge. Wieder ein neues Puzzleteilchen. Ein neuer farbiger Punkt. Eine bunte Fläche, die zum Gesamtbild passt.
So vergeht der Tag inmitten eines wunderbar-bunten sozialen Gewebes und mir gelingt es, die einzelnen Begegnungen ganz intensiv zu genießen. Mit M.s moralischer Unterstützung schaffen wir mein Sternchen durch die Nachprüfung und treffen den Bielersee in Vorgewitterstimmung an. Stürmischer Wind, Wolken, Pappelbaumwollbällchen, die herumwirbeln. Wir parken, stürzen uns ins Strandbad und in den See (saukalt) und picknicken anschließend bis zur Sturmwarnung. Jippie, es regnet. Immerhin ganze drei Minuten bis wir im Auto sind. Auch der Sturm legt sich wieder. Nur die Parkbusse hätte nicht sein müssen. Wir hatten im Eifer des Gefechts nämlich schlicht übersehen, dass der Parkplatz kostenpflichtig ist. Hätten wir eigentlich wissen müssen. Na ja.
Später, im Café, hellt es wieder auf und schon bald ist es auch wieder so heiß wie davor. Was für ein Tag! Und schon wieder ein Abschied und bereits bin ich unterwegs zur nächsten Verabredung. K. und ich finden uns gleichzeitig am Treffpunkt ein. Gut getimt, trotz meiner kleinen Verspätung. Er lädt mich zum Essen ein und wir tauschen angeregt aus.
Wäre ich am Mittwoch rechtzeitig in Orpund gewesen, weil ich das Formular seriös gelesen und nicht so gebummelt hätte, hätte ich weder das Bad im See noch die Parkbusse noch den Sturm erlebt. Auf die Busse hätte ich allerdings gerne verzichtet, zugegeben. Und wäre ich wohl, wenn ich – wie ursprünglich geplant – M. im Aargau getroffen hätte, nochmals zu C. gefahren? Wäre ich mit Little-F. im geliebten Bremerwald spazieren gegangen? Und hätte ich mit K. so oder so oder so spontan abgemacht?
Der Fluss von Schicksal, Zufall, Augenblick, wir haben ihn nicht in der Hand. Dominosteinen gleich, löst jede Bewegung eine neue aus. Begegnungen aller Art (= Kunst?) beeinflussen uns Schritt für Schritt. Alltagsalgebra: Wenn so, dann so. Aber auch: Wenn so, wäre dann so? Logische Folgen. Möglichkeiten. Punkte.
Um halb zehn dann überquere ich müde die schweiz-französische Grenze. Heimwärts durchs Elsass rolle ich mit einem übervollem Herzen. Auch materiell bin ich überall beschenkt worden, obwohl ich zu all meinen FreundInnen mit leeren Händen gekommen bin, denn außer mich selbst hatte ich keinerlei Mitbringsel dabei.
Farben. Formen. Klänge. Müdigkeit. Dankbarkeit ist gelb. Aufgelöst in sonnengelb.

Leere inmitten

Panik auf dem Hühnerhof. Hahn und Hennen kreischen und gackern so laut, dass ich es sogar im Haus drin höre und hinüber renne. Gestern war es, um elf oder zwölf.
Minus ein Huhn. Das Federvieh flattert aufgeregt um ein Häufchen Federn herum, das am Boden liegt. Vermutlich ein Habicht, sagt J. und sucht den ganzen großen Hühnerhof nach weiteren Spuren ab. Er findet nichts auffälliges und die Hühner beruhigen sich allmählich.
Eine Stunde später fahren wir los. An eine Ausstellung nach Mainz. Und QQlka treffen, einen lieben Freund meines Liebsten. Auch J.s Eltern sind unterwegs. Das einsame Gehöft liegt verlassen.
Heute Morgen erfahren wir, dass drei Hühner und der Hahn fehlen. Der Fuchs war da, sagt J.s Vater.
Hätten wir doch bloß …!, sagt J. zerknirscht und auch ich fühle mich mitverantwortlich.
Hätten wir …? Was?
Schnitt.
Ein Satz klingt nach: Mut zur Leere in der Mitte des Bildes. Gehört letzten Montag an der Vernissage zu einer Ausstellung von A. B. über dessen Stil. Nicht das, was wir normalerweise tun. Üblicherweise füllen wir schleunigst die Leere. Verdrängen, was sich nicht fassen lässt.
Wie gut da ein Loch in der Mauer tut.
Schnitt.
Mut …

Bild: iDogma-Art
Mit ProCamera fotografiert, mit WordFoto weiterbearbeitet und via Laptop hochgeladen.

Juxtaposer

Zugegeben, der Titel sagt nicht wirklich viel über den Inhalt des nachfolgenden Artikels aus. Außer für Lesende, die ebenfalls mit Photobearbeitungsprogrammen für smarte Telefone sprich Minicomputer wie das iPhone hantieren wie ich. Doch die sind vielleicht eher selten? Gleich zu Beginn: Juxtaposer ist der Name einer Software, Neudeutsch eine Applikation, kurz App genannt. Eine App, die zaubern kann.
Am Anfang war das simple Bild. Hübsch und ganz und gar roh, ein Schnappschuss.

Ich öffne es bei Juxtaposer als Hintergrundbild. Als Vordergrundbild füge ich das Bild eines Sonnenblumensamenbeutels ein. Zusammen sieht das so aus:

Was soll denn das, fragst du dich zu recht! Tja, warte! Jetzt wird gezaubert! Mit einem Finger über das Display streichend, wird alles, was ich nicht will, wegradiert:

Und schon ist die Sonnenblume fast bereit, mitten im grünen Blättermeer zu schweben …

Auch das hier ist möglich, die wundersame Vermehrung des Vordergrundbildes:


Und es kommt noch besser: ich kann in einem neuen Prozess einen anderen Hintergrund wählen, in den ich meine Sonnenblume setzen kann:

In ein paar weiteren Bearbeitungsschritten helle ich das Bild auf, schneide es zurecht und rahme es ein … Ich könnte es auch in schwarzweiß konvertieren, Farbumkehrungen, Verfremdungen, weitere Zufügungen etc. vornehmen. Ich könnte … Hach! Da sind einfach so viele Möglichkeiten. Wie ich gestern schon geschrieben habe. Zu viele vielleicht.

Was machst du eigentlich in Deutschland?, schrieb M. gestern. Gute Frage …
Ja, was mache ich eigentlich? Was mache ich, wenn ich nicht grad blogge, Mails schreibe oder Mails lese. Oder Bücher schreibe oder lese. Oder den Garten wässere. Oder Unkraut jäte. Oder Bilder kreiere. Ja, was mache ich eigentlich und wie wichtig ist das Machen, das Ergebnis, das Produkt, das Tagesziel?
Vielleicht wäre besser gefragt: Was mache ich nicht, nicht mehr? Ich habe den Stress aus meinem Leben wegradiert, wie den Samenbeutel auf den obigen Bildern. Und das Zu-viel-Tun ebenfalls. Darunter kommt Natur zum Vorschein. Sonnenlicht, nicht zu wenig. Und Erde. Musik auch. Lieder in mir drin. Farben.
Und ja. Manchmal mache ich mir auch Sorgen. Die lassen sich selbst mit Juxtaposer nicht wegradieren. Ich mache mir Sorgen um die Erde, Sorgen um die Zukunft. Kleine und große Sorgen. Wie viel kann ich in der Welt, in meinem Leben mitgestalten? Wie viel geschieht ohne mein Dazutun? Fatalismus ein bisschen.
An der Vernissage heute, in H. bei Künstler A. B., dessen Bilder mich eins ums andere Mal von neuem unglaublich berühren, fiel der Satz, dass A. seinen Bildern den Zufall zugestehe*, obwohl er klar zu Beginn ein Konzept habe. So wird jedes Bild ein Farb- und Formereignis, eine Aktion, eine Bewegung.
Konzept und Zufall müssen sich nicht ausschließen, begreife ich einmal mehr. Und zaubern zu können ist auf jeden Fall hilfreich.
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* Zitat: „Nach wie vor offenbart sich das Schöpferische als hoch dynamischer und offener Malprozess, in dem Fantasie, Experimentierfreude, Kalkül und Zufall als gleichberechtigte Verbündete interagieren.“
Quelle: homburg.de

Unterschiede

Es ist verflixt. Seit ich den Artikel „verschwindend“ geschrieben habe, ist es da und drängt sich in den Vordergrund. Nein, es ist wohl schon länger da. Was solls?, fragt es. Oder: wozu auch? Mein gutes altes Monster ist sogar mit nach Deutschland ausgewandert. Sinnfragen stellt es hüben wie drüben. Was willst du überhaupt?, fragt es. Vom Leben zum Beispiel. Quo vadis, Sofasophia?
Schnitt.
Neulich im Garten. Die Sonne dörrt den Boden aus. Da hilft nur gießen. Irgendlink und ich wässern Salate, Kohlsetzlinge, Zucchinipflänzchen, Karottenspitzen und was da alles im Garten vor sich hin wächst. Gießkannenprinzip. Alle gleichviel. Alle zu wenig, wenn das Fass fast leer ist. Alle genug, wenn das Fass wieder voll ist. Wie im richtigen Leben. Beinahe jedenfalls, denn bei uns bekommen alle gleich viel, ungefähr jedenfalls. Dennoch wachsen die einen schneller als die anderen. Warum auch immer.
Darwin!, sagt Irgendlink, Evolution! Natürliche Auslese! Und gießt ab Tag vier nur noch ohne Brause. Nur noch die Wurzeln. Clever. Die Salatsetzlinge danken es uns. Innerhalb weniger Tage wachsen sie zusehends. Ein paar kleine gehen dennoch – trotz Wasser – ein, schließlich gießen wir sie nicht mehr, lassen sie wieder Erde werden. Ein paar müssen über die Klippe springen, das ist immer so, sagt J.. So tickt die Welt. Ironisches Zwinkern.
Schnitt.
Was ist der Unterschied zwischen dem Lebensweg und einer Reise von hier nach irgendwo?, fragt mein Liebster heute Morgen.
Gute Frage – puh … Der Unterschied?, überlege ich. Keine Ahnung, mir fallen da eher Parallelen ein. Bei beiden Reisen wissen wir nicht wirklich, wohin wir unterwegs sind. Alles ist abenteuerlich, unvorhersehbar, gefährlich zuweilen …
Stimmt. Doch auf dem Lebensweg hast du – im Gegensatz zu einer gebuchten Reise  – keinerlei Versicherungen. Du trägst das ganze Risiko alleine.
Schnitt.
Da sind so viele Bilder auf meinem iPhone. Bilderfluten geradezu. Und täglich werden es mehr. Nur einen Bruchteil davon bearbeite ich. Und davon ist wiederum nur ein Bruchteil vorzeigbar. Auf meinem iPhone sind noch so viele nichtausgeschöpfte Möglichkeiten – für all die unbearbeiteten Bilder ebenso wie für jene, die ich schon bearbeitet habe. So viel an Möglichkeit steckt in jedem einzelnen Bild! Würde ich sie alle ausschöpfen, wäre mein Leben zu kurz. Und ich dürfte ab sofort keine neuen Bilder mehr machen.
Für jeden einzelnen Tag und für jedes einzelne Leben gibt es ebenso viele Möglichkeiten der Gestaltung. Und immer können wir nur eine wählen.
Gerade jetzt möchte ich alt sein – glücklich, lebenssatt und weise –, und auf dem Sterbebett liegend, wie Antonia in Antonias Line, auf mein Leben zurückschauen. Ich würde sagen: Well done! Und friedlich einschlafen.

Im Kreis

Es war einmal ein Spiegel, wie es ihn überall auf der Welt gibt. Einer, der dabei hilft, Zusammenstöße zu vermeiden. Weil er dabei so gut aussah und bescheiden und still vor sich hin glänzte, habe ich ihn letztes Jahr irgendwo in Skandinavien abgelichtet. Konserviert auf meinem iPhone hat er viele Wochen und Monate auf seine wahre Bestimmung gewartet.
Hier ist sie …
Mittels Übereinanderlegungen, Spiegelungen, Vergrößerungen und Verkleinerungen von Details schuf ich eine Verfremdung, die kaum mehr an das realle Bild erinnert. Dabei ist ein neues, anderes Bild entstanden, gewachsen.
Manchmal verliere ich mich geradezu im Verfremden und meditativen Weiterundweiterbearbeiten von Bildern. Es ist die Faszination des Neulandes. Was werde ich entdecken? So lege ich Schicht um Schicht frei und gehe tiefer ins Bild hinein. Ich erkenne und entdecke Neues im bekannten Bild, indem ich es drehe und wende und in sich selbst spiegle. Auch ein Weg sich selbst zu entdecken. Was bietet sich zum Sichselbstspiegeln schon besser an als ein Spiegel?

20110509-111543.jpg
iDogma-Art
Unter Verwendung von ProCamera, Juxtaposer und Diptic

Von Paralleluniversen, Flugrost und den vielen Baustellen der Sofasophia

Etwas bremst dich immer aus! Mit diesem Satz bin ich gestern Nachmittag zuhause gelandet. Hier zuhause, hier in der Pfalz, hier auf dem einsamen Gehöft. Bin wieder zurück aus der Schweiz, wo ich noch immer und immer auch zuhause bin. Doch ist daheim mehr und mehr einfach mitten in mir drin.
In der Meinung, dass alles in Ordnung ist, da meine blecherne Gefährtin doch neulich erst im Service war, fuhr ich los. Es galt die periodische Autokontrolle zu bestehen. Natürlich, die Nervosität fährt zu solchen Anlässen immer mit, doch im Grunde war ich sicher, dass wir es schaffen würden, mein Sternchen – deutsch für Starlet – und ich. Mit Irgendlink hatte ich am Tag zuvor noch den letzten Flugrost abgeschmirgelt und dies und das vergoldet, so dass ich mich beinahe neu in die alte Dame mit den vielen Dellen verliebte.
Doch was musste ich erfahren, wie ich da auf der Prüfspur stand? Mein Auto sei krank! Ein bisschen nur, zum Glück. Seine Ölwanne ist rostig und muss ersetzt werden. Ebenso die Hinterreifen. Für Normalsterbliche unsichtbare, für den Fachmann im Prüfzentrum wohl sichtbare Abnutzung des Gummis um die Felgen rum. Sehen Sie: hier und hier! Nein, ich will hier nicht mit Details langweilen, doch gebe ich zu, dass mich die Diagnose doch überrascht hat. Und geschmerzt. So als wäre eine Freundin krank. Na ja, das ist mir mein Auto irgendwie. Wie viele Abenteuer wir doch schon zusammen erlebt haben!
In der Schweiz habe ich ganz nebenbei ein paar tolle Menschen getroffen. Ein schöner Nebeneffekt meines Besuches in der Schweiz. Ohne mein Dazutun hatte nämlich meine Schreibgruppe genau jenen Abend zu ihrem Treffabend auserkoren und traf sich schließlich statt in Bern extra wegen mir in Biel, wo ich bei meiner Freundin K. gastierte. Was für ein toller Abend!
Auch den Mittwoch verbrachte ich in der Schweiz, fuhr weiter zu meiner Freundin L. und begriff einmal mehr, wie wunderbar es ist Freundinnen zu haben. Wunderbar nährende Gespräche da wie dort. Ein Austauschfluss – erfrischend und wohltuend. Auch zeigten sich sowohl K. als auch L. begeistert von meinen iPhone-Bildern. Fast identisch waren ein paar von ihnen beiden geäußerte, kritische Gedanken zur iPhone-Kunst:
Eigentlich ist es ja nicht wirklich fair, dass du mit nur ein paar wenigen Berührungen des Bildschirmes so tolle Bilder machen kannst!
Okay, ja,
habe ich gesagt, das mag easy aussehen. Die paar wenigen Berührungen sind allerdings nicht einfach Automatismen, sie sind der eigentliche künstlerische Prozess.
Kunst ist immer eine Synthese von initialer Idee, Handwerk, Wissen und Können betreffend das Material, dazu kommen Inspiration, und Phantasie. Nicht zu verachten: ein bisschen Zufall. Kunst ist ein Weg. Kunst ist es, den Augenblick wahrzunehmen und festzuhalten, und Kunst ist auch dessen Echo. Kunst ist das Erlebnis, der Ausdruck, die Lust am Hinsehen und Hinfühlen. Und Kunst ist noch viel mehr.

Li Ssi hat dazu in ihrem Blog einen genialen Text zitiert:

Ich brauche nicht in die Geschichte der Philosophie einzutauchen, um darauf zu bestehen, dass es in der Kunst K E I N E R E G E L N gibt und keine Chance für Schwachköpfe und Blödmänner, die an Regeln und Gesetzen und verbotenen Bereichen festhalten, und keinen Grund für Hierarchie, der zufolge „breit“ besser als „schmal“ ist und „männlich“ wünschenswerter als „weiblich“. Es gibt in der Kunst kein Gefühl, das nicht ausgedrückt, und keine Geschichte, die nicht erzählt werden darf, es sei denn, man hat ein Brett vorm Kopf. Die Verzauberung entsteht durch das Fühlen und das Erzählen, das ist alles. (Zitat Ende)
Quelle: Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer

Während ich nordwärts heimwärts fahre – besonders auf dem letzten Wegstück, wo die Autobahn aufhört – und während sich die Ebenen verschieben – kaum bin ich hier, schon bin ich dort, fahre rauf und runter –, stelle ich fest, dass ich doch nicht in einer flachen Welt leben möchte, wie ich sie mir beim Radfahren zuweilen wünsche. Die verschiedenen Ebenen, der Wechsel der Dimensionen machen mein Leben reich. Kaum hier, schon dort …, ja, das muss so sein, so und anders. Immer wieder andere Ebenen. Langer Atem, den ich brauche, immer wieder. Viel Kraft, die wir brauchen, um all die Wechsel, all die vielen Baustellen, auf denen wir leben, auszuhalten. Schiefe Ebenen oft genug, Schräglagen, Geraden, Paralleluniversen …
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Baustelle 1: Meinen Wohnraum fertig gestalten, so dass ich mich wieder vermehrt um meine anderen Projekte kümmern kann.
Als da wären:
Baustelle 2a: An meiner iPhoneArt-Gallery weiter spinnen. Mich verbessern. An meinem Handwerk arbeiten. Mein Auge schulen.
Baustelle 2b: Meine WhiteWall-Seite, meinen Internet-Bilderladen, wo jede und jeder meine Bilder in genialer Qualität für sich selbst bestellen kann, weiter kreieren. Mehr dazu, wenn ich so weit bin. Und ja, inspiriert dazu hat mich natürlich Irgendlink, dessen eigener WhiteWall-Shop ich allen nur wärmstens empfehlen kann.
(((Ach ja … heute haben wir unsere Bilder, die wir ebendort bestellt haben, voller Freude von allen Seiten betrachtet, gedreht, gewendet. Fazit: Super Qualität! Bestellen! Aufhängen! Weitersagen! )))
Baustelle 3: Jener Foto-Wettbewerb zum Thema „short-lived“, zu dem alle iPhoneographInnen eingeladen sind. In Frankreich irgendwo wird es eine Ausstellung zu besagtem Thema geben. Da will ich mitmachen.
Baustelle 4: Mein Blog, das ich nicht vernachlässigen will.
Baustelle 4a: Für mein Blog kleine, feine, weise Artikelchen über die einzelnen Apps, diese süchtigmachenden Bildbearbeitungsprogramme des iPhones, schreiben.
Baustelle 5: Meine Manuskripte vollenden und voranbringen. Verlagssuche zum Beispiel. Ich sage da nur „Loch im Eis“!
Baustelle 6: Lebensschülerin sein. Immer. Überall. Ob mit Irgendlink unterwegs oder allein. Oder mit meinen Freundinnen und Freunden. Nähe. Distanz. Balancieren auf dem Lebensseil.
Baustelle 7: Für „meine“ Zeitschrift endlich die beiden ausstehenden Buchbesprechungen schreiben und abliefern.
Baustelle 8: Endlich mal wieder an meiner Galerie mit den Nikon-Bildern weiterbauen.
Ach und nicht zu vergessen:
Baustelle xyz: Mein Auto instand stellen lassen und es zur neuerlichen Prüfung innert dreißig Tagen erneut in die Schweiz begleiten. Mich der Lehrmeisterin Straße hingeben. Lehrmeisterin? Ja, sie hat mir neulich gesagt, dass gutes Autofahren nicht in erster Linie bedeutet, dass ich technisch einwandfrei unterwegs bin, sondern dass ich risikobewusst und sozialkompetent fahre und dass ich mir meiner Mitwelt bewusst bin, will heißen, weder mich über andere zu ärgern noch anderen Anlass zu geben, sich über mich zu nerven. Und so weiter.
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Banaler Text, denke ich, wo ich ihn durchlese. Hm. Die Angst vor der Banalität? Ja, die gibt’s. Die kennt wohl jeder kunstschaffende Mensch. Doch nein, ich will sie nicht mehr füttern. Ich schreibe hier, was ich will. Banal oder nicht.
Etwas oder jemand bremst uns immer aus!, schrieb ich oben. Und meistens bin ich es sogar selbst, die mir auf dem Schlauch steht, geht es mir soeben durch den Kopf. Hm, aber stimmt das wirklich?
Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Kompromissen!, habe ich zu Freundin K. gesagt. Und das, stimmt das? Ja und nein. Ja, denn ich bewege mich ständig in Relation zu allen anderen, bin nicht allein, der Platz ist beschränkt. Choreografie des Lebens. Schwerkraft und Zusammenspiel von Zufall und Fügung. Lebenstanz. Ich bin immer umgeben von anderen, die da sind, weil sie da sind, wie ich ebenfalls in ihren Leben irgendwie da bin. Warum auch immer. Doch müssen sich Selbstbestimmtheit und Kompromissfähigkeit ausschließen? Sie könnten sich doch eigentlich wie Essig und Öl begegnen, im Salatsaucen-Tanz sozusagen.

fertig?

FERTIG gibt es nicht. Fertig ist ein Unding. Unfassbar. Ganz besonders in der Kunst. Einerseits musst du ja irgendwann einen Punkt machen, den letzten, andererseits wird dich immer das Gefühl begleiten, dass du mehr hättest tun können, mehr über- oder bearbeiten. Zum dritten aber, und dies ist nun die Kante der Münze, zum dritten weißt du, dass es wann immer du den Schlusspunkt auch gesetzt haben magst jedes Mal solche Menschen gibt, die sagen, dass du zu viel oder zu wenig bearbeitet hast. Was die Subjektivität und Unfassbarkeit des Begriffs beweist.
Da lob ich mir doch die hohe rohe Kunst, die Art Brut. Ja, die gibt es. Und sogar ein Museum drum rum. Rohe Kunst, Kunst von Menschen geschaffen, die nicht wissen, dass sie Kunst kreieren. Oftmals von Menschen, die psychische Probleme haben, die in Kliniken gesteckt worden sind, denen als einzig mögliche Sprache Stift und Papier bleibt. Kunst, die nicht auf die Regeln der ExpertInnen hört und die eigenen Gesetzen gehorcht.
Das Gegenteil von Mainstream, dieser Autobahn der Kunst. Überall – in der Musik ebenso wie beim Schreiben oder Fotografieren – diktiert ein Mehrheitsgeschmack, was angesagt ist. Oder ein Minderheitsgeschmack hinter den Kulissen. Fäden, lange Fäden. Big Business. Aber darüber wollte ich nicht bloggen.
Dafür über die Möglichkeiten, ja, über sie wollte ich sofasophieren … Am Anfang waren die Möglichkeiten, unzählige, unendliche, grenzenlose. Durch die Verdichtung von Energie, von Idee, von Phantasie, wird Möglichkeit Wirklichkeit. Durch meine Entscheidung für einen der vielen möglichen Wege, verlasse ich das Land der Optionen, dieses Land, in dem alles möglich ist, und ich betrete die Realität. Bei der iPhoneArt, von der ich hier schreiben will, zwar nur die virtuelle Realität, aber immerhin. Ich gestalte aus einem rohen Bild ein anderes, ein neues Bild, ein gefiltertes. So wie wir alle die Welt um uns herum immer auf die eine oder andere Art filtern. Wobei hier das Wort Art durchaus mit Kunst übersetzt werden darf.
Beispiele gefällig? Vorher:

… nachher:

Bilder: iDogma-Art
Das erste ist ein ganz simpler, nicht mal sehr gut belichteter Schnappschuss aus unseren Tessin-Ferien im November 2010.
Das zweite Bild habe ich nach den Regeln des iDogma ausschließlich auf dem iPhone bearbeitet. Von A bis Y. Nur das Z, in diesem Fall hier das Hochladen, geschieht der Einfachheit halber über den Rechner …
Ob das Bild nun fertig ist? Oder vorher schon? Immer gar? So wie wir?
Unterwegs und doch ganz.
Angekommen und doch unterwegs.
Auf der Reise und doch bei mir.