Collage, Patchwork

Gestern, im Auto in den Aargau – männlich, der Aargau, männlich, nicht sächlich, dieser Gau an der Aare, wurde ich gestern von Freundin L. belehrt und da ich selbst von dort stamme, aber offenbar schon zu lange in Bern lebe um mich zu erinnern, war meine Nachfrage nur umso peinlicher – item, gestern, im Auto also, hatte ich endlich mal wieder Muße, meinen Gedanken nachzuhängen. Weil ich beim Fahren jedoch nicht schreiben kann, spreche ich mir zuweilen Notizen aufs iFöun. Da kann ich jedenfalls hinterher nicht behaupten, dass ich das Zöix nicht lesen kann. Wie ich heute Morgen also – noch im Bett mit Laptop – meine Sprachmemos von gestern, abschreibe, begreife ich, dass jedes Hirn und jedes Herz eine Collage sind.

Da kleben Erkenntnisse über Leben und Tod gleich neben Notizen über das menschliche Fahrverhalten als Analogie zum Lebensverhalten. Ein anderer Zettel klärt mich über einen Gedanken zum Thema Zeit auf, den ich mir zusammen mit L. gemacht hatte. Eine Herz- und Hirn-Post-It-Zettel-Collage, geklebt an eine gut durchblutete Pinnwand. Patchwork.

Auf pink steht zum Beispiel:
Wie klein mir die alte Heimat vorkommt! Und wie klein und schmal die Straßen und Ortstafeln … Das Wort auf dem Wegweiser zum Wohnort, wo ich aufgewachsen bin – ich fahre nur dran vorbei – fühlt sich wie ein Fremdwort an. Einfach ein Name, den ich mir auf der Zunge zergehen lasse. Ein bisschen Verbindung spüre ich. Und ein bisschen Schmerz. Dazu ein leises Sehnen nach Kindsein vielleicht, nach Sorglosigkeit. Pubertät? Nein, danke! Lassen wir das. Ich schüttle den Kopf und schon ist die Tafel Vergangenheit.

Nichts fühlen geht nicht. – Das steht auf einem blassgelben Zettel.

Und auf einem zweiten blassgelben links unten am Rand frage ich mich, ob sich vom Verhalten der Menschen auf den Straßen Rückschlüsse zu deren Verhalten im Leben oder gar im Bett machen lassen. Und, klein am Rand, steht: Trifft das auf mich zu? Wie fahre ich eigentlich Auto? Und … kaum mehr Platz auf dem Zettel … wie bin ich im Bett?

Auf neongrün steht:
Eigentlich spielt es gar keine Rolle, wo wir sind. Wären da nicht die Erinnerungen. Und wären da nicht die Energien, die an den Erinnerungen kleben. Schwere oder leichte. Doch eigentlich ist es überall gleich, wenn wir mal von den topographischen und den klimatischen Unterschieden absehen. Überall leben Menschen. Nettere und gemeinere. Mal mehr, mal weniger. Allgemeinplätze auf der ganzen Welt. Wären da nicht die Erinnerungen, die einen Ort zu einem besonderen Ort machen. Wären da nicht unsere Absichten, unsere Ziele, unsere Wege, die einen Ort zu dem machen, was er für uns hier und heute darstellt.

Noch ein pinker Klebezettel:
Alles was sich uns in den Weg und irgendwie selbstdarstellt, ist eigentlich gar nicht so, wie wir es sehen. Es sieht nur so aus, es tut nur so. Denn alles ist Interpretation. Gerüche ebenso wie Geräusche. Hupen interpretieren wir, je nach Erfahrung, als Gefahr, oder wir nehmen es kaum zur Kenntnis. Die richtige Interpretation kann uns das Leben erhalten. Doch ohne Intuition geht nix – sie ist das Vehikel der Interpretation. Könnten wir ohne diese zwei abgelutschten Begriffe überhaupt (über)leben? Und autofahren?

Auf blassgelb steht Zeitgeiz.
Nur dieses eine Wort. Zeitgeiz. L. und ich kennen es bestens. Wir geizen mit unserer freien Zeit, weil wir von ihr immer zu wenig haben. Zu wenig um sie so großzügig wie früher miteinander zu teilen. Seltsam, denn wenn wir endlich eine gemeinsame Nische finden – wie es zum Glück in den neunundzwanzigeinhalb Jahren, die wir uns nun schon kennen, immer wieder gelang – können wir kaum mehr verstehen, wie es soweit kommen konnte. Die Zeit wird auf einmal groß und weit und grenzenlos.

Nachts, beim Einparken neben meinem Wohnhaus, begreife ich auch, dass mich ein Leben ohne all seine Immerwieders total überfordern würde. Besonders dieses hier würde mir fehlen: Immer wieder meine Freundinnen und Freunde treffen und mit ihnen ein Stück Weg gehen, dass immer wieder neu ist, doch auf vielen gemeinsamen Erfahrungen basiert.

immer wieder

Ich fahre durch die Konsumstraße, wo früher Freundin B. wohnte, stadteinwärts. Wie schon so oft. Feierabend. Donnerstag. Abendverkauf. Einkaufen will ich. Sollte ich. Unter anderem ein Geburtstagsgeschenk für L..

Die gleiche Straßen wie immer. Im gleichen Takt wie immer. Wie oft jedenfalls. Feierabendtakt. Wie immer, wie immer, wie immer, echot es in mir. Ein Tag wie jeder andere war das. Einer wie immer. Und schon sind wieder drei Viertel des Neuen Jahres vorbei. Altes Jahr.

Immer gleich, immer gleich, immer gleich. Entschuldigt bitte, wenn ich mich wiederhole. Aber, sagt mal ehrlich, ist es denn nicht so? Es herbstelt. Wie immer. Dann kommt Winter. Weihnachtsrausch und Buchhaltungsabschlüsse. Wie immer. Sag ich doch! Frühling wird‘s werden – wie immer. Blüten, Blätter, grün überall. Dann Sommer. Entblätterungen der andern Art. Wie immer.

Die Buchhändlerin im Großen Laden ist zu bedauern, sie und alle ihre Kolleginnen. Zwei Stockwerke unter der Erde arbeiten sie. Immer. Ohne Tageslicht. Sie klagt über die schlecht Luft. Lächelt dennoch freundlich. Ich zahle und darf gehen. Ans Tageslicht. Abendlicht. Es dunkelt bereits ein und regnet leise. Ebenso leise kriecht mir Herbstblues den Rücken aufwärts, setzt sich auf meinen Nacken und flüstert: Was soll‘s, das Leben? Du hast längst alles gesehen. Schon so oft. Nichts neues mehr.

Ich radle heimwärts. In meiner Einkaufstasche im Fahrradkorb hinter mir liegen fünf Farbtuben. Die Primärfarben plus schwarz und weiß. Größere Tuben als jene, die ich  zuhause habe. Der Virus vom Wochenende hat auch mich noch immer im Griff. Da ist diese Lust etwas neues zu schaffen. Immer wieder.

ziemlich farbig

Noch bin ich nicht ganz in meinem Berner Alltag gelandet. Noch klingen die vielen Begegnungen vom Wochenende nach …

Zum einen war da das zweite Wochenende der Ausstellung von Irgendlinks Zwb-Andorra-Reisen aus den Jahren 2000 und 2010. Zeitgleich fand eine ColArt-Malaktion von und mit dem Begründer MK statt … Gleichsam ein Puzzlestück auf dem Weg der Renaissance dieser vergessenen Kunstrichtung.

Viele Gespräche mit Bekannten und Unbekannten in Irgendlinks großem Atelier. Da und dort werden Weisheiten ausgetauscht, wie die Welt, die Kunst, das Leben auch noch betrachtet werden kann. Die Kunstmalerin MB meinte:
„Auf der einen Seite gibt es da ein paar Dinge, die ich sehr gut kann*. Und auf die bin ich irgendwie stolz … Doch hochmütig kann ich dabei nicht werden, denn mir fallen immer rechtzeitig jene Dinge ein, die ich nicht gut kann. So bleibe ich auf dem Boden. Wenn ich jedoch etwas tue, was mir nicht so liegt, erinnere ich mich an jene Dinge, dich ich gut kann. Auch so bleibe ich auf dem Boden.“

Wie da die Gespräche zwischen Kunstschaffenden hin und her fließen, fasziniert es mich von Neuem, wie wir Menschen ticken. Alle buhlen wir. Alle stellen wir uns selbst dar. Alle sind wir die Weber und Künstlerinnen unserer eigenen Lebensfäden und versuchen, das bis hierher Erlebte, Erfahrene, Erlittene, Erreichte zu schönen, aufzuwerten, zu nutzen und auf unseren Wert hinzuweisen. Verblüffend, wie ähnlich wir uns alle da sind. Ob bekannt oder NoName – wir alle tun es!

Und wir alle sind nur ein kleines Stück im Ganzen. Ein bunter Fleck auf der Leinwand, die Welt heißt. Wir alle tragen durch unseren Beitrag ein bisschen zum großen Bild bei. Ein Bild, von dem wir noch keine Ahnung haben, wie es aussehen wird, wenn es vollendet sein wird.

Das ColArt-Bild vom Sonntag:

Am Abend – nach zwei satten Ausstellungs- und Aktionstagen – besuchen MK, J. und ich einen Künstler in dessen Werkstatt. Wo nebenbei dieses Bild hier entsteht …

Irgendlink betrachtet die Welt durch die Brille eines Außerirdischen … Was er dabei erkannt hat, hat er niemandem verraten.

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*Anmerkung der Blogschreiberin: Malen, Dichten und Unterrichten zum Beispiel …

hingeguckt …

zu 1.) Ja, ich mag Randensalat alias Rote Bete-Salat, wie die Köstlichkeit im Norden heißt. Aus einem orangen Teller gegessen und die Sauce mit Brot aufgetunkt, sieht es nachher so aus.

zu 2.) Und ja, ich mag Süsses … Diesen Schoggi-Blechkuchen nehme ich heute ins Irgendlinksche Offene Atelier mit …
Backofenkunst trifft Fotokunst 🙂

Bin ab heute vier Tage auf dem KünstlerInnen-Berg… Ob ich zum Bloggen kommen werde, wird sich zeigen.

Multikulturelle Wäscheleine

Genau so muss der Titel lauten, beschließe ich beim Aufhängen der letzten schwarzen Socke. Und schon während ich das Treppenhaus hochsteige, steigen sich Sätze und Wörter gegenseitig auf die Schultern. Ich, ich, ich!, rufen sie und wollen alle gesehen werden. Und geschrieben. Darum starte ich subito den Laptop auf …

Doch dann verbummle meine freie Zeit mit Lesen und Surfen. Mails und Blogs. Auf einmal fällt mir unsere Wäscheleine da draußen wieder ein. Und warum ich den Laptop überhaupt eingeschaltet habe. Die Wäscheleine.

Okay, es war auch wegen der Bilder, wenn ich ehrlich bin. Unser Jubiläumsfest-Fotograf, versprach gestern, mir heute ein Bild von mir zu mailen. Die andern Bilder seien erst Ende Woche bereit. Von wegen bearbeiten und so. Echt, das Bild gefällt mir. Nein, ich zeige es euch nicht, es gefällt mir trotzdem. Meine Fotogenität hält sich – finde ich – in Grenzen. Aber der Typ – und natürlich immer wieder mein Liebster – machen es möglich, dass ich Fotos von mir angucken kann und sagen:
Doch, das fühlt sich so an, wie ich mich ungefähr fühle – kongruent irgendwie.

Ihr wisst schon: da ist doch immer dieses Außenbild – wie ich mich von außen wahrnehme. Wie ich glaube, zu wirken. Wie ich meine, dass andere mich von außen sehen. Im Grunde eigentlich sch…egal, doch wer ist schon immun gegen solche Gedanken? Sowieso ist dieses Außenbild kaum mit dem inneren Bild kongruent. Denn innendrin fühle ich mich zuweilen sehr mädchenhaft, übermütig und irgendwie einfach nicht fünfundvierzig. Nicht auf die Art fünfundvierzig, wie ich früher, jünger, von unten herauf gedacht hatte, dass sich fünfundvierzig anfühlen müsste. Von außen sehen die Leute einfach eine durchschnittliche Frau von fünfundvierzig. Eine immerhin, die sich oft aufführt als wäre sie zwanzig Jahre jünger. Oder wahlweise älter, denn dann darf frau auch wieder so tun.

Auf dem Weg zur Arbeit gedacht: Das ist mal wieder so ein Tag, an dem mir alles ein bisschen leichter fällt. Herbstmorgengoldenes Licht auf dem Radweg. Das richtige Lied im Ohr, Shuffle sei Dank. Und schon bin ich im Büro und habe Spaß an der Arbeit.

Aber ich schweife ab. Die multikulturelle Wäscheleine. In unserem Hof, zwischen meinem und den Nachbarhäusern gelegen, steht eine dieser omnipräsenten Wäscheleinegestänge, wie es sie auf Hinter- und Zwischenhöfen überall auf der Welt gibt. Bei den Stangen, die zu meinem Haus gehören, fehlen allerdings die Leinen für die Wäsche. Deshalb hängen alle Leute von allen vier Häusern ihre Wäsche an die eine Nachbarhaus-Wäscheleine.

Wen kümmert‘s? Viele sind es eh nicht, die sich diese Mühe nehmen. Darum ist es ein Novum, dass gleich drei Parteien gleichzeitig – so wie heute Nachmittag – ihre Wäsche draußen aufhängen. Verdanken tun wir es wohl dem wunderbaren Altweibersommer …

Meine Wäsche hängt nun in der Mitte. Bunte Kleider, Frottierwäsche, schwarze Slips und so weiter. Alles an bunten Klammern. Die Wäsche rechts von meiner, die erstgehängte, ist akkurater ausgerichtet als meine und nach Farben getrennt. Vor allem Weißwäsche. Leintücher, weiße Unterwäsche, Geschirrtücher aus Leinen. Sag mir, was du wäschst und ich sage dir, wer du bist. Ältere Leute vermute ich.

Egal, wir hängen alle an der gleichen Leine.

Die drittgehängte Wäsche gehört einer jungen Frau aus Osteuropa. Sie hängt synthetische Sporthosen auf. Und ebensolche Jacken. Blau. Sorry, die Klischees stammen nicht von mir. Wir grüßen uns, reden drei Sätze. Ja, es hat genug Platz, sagt sie, denn ich habe nachgefragt. Sie stammt aus dem richtigen Haus. Ich bin die Wäscheleine-Asylbewerberin und im Boot ist noch Platz.

Die gleiche Leine, drei Kulturen. Drei Generationen sogar. Ich mittendrin.

Die ganze Welt auf hundert Metern Draht vereint.

Wo ist das Loch im Eis?

Mein Plan war einfach. Jetzt wo ich doch endlich in mir drin wieder neuen Raum hatte, wollte ich den unverplanten Samstagabend damit verbringen, mein Manuskript „Loch im Eis“ zu überarbeiten. Will heißen, damit anfangen. Irgendlink hatte es vor ein paar Monaten gegengelesen und mit feinsäuberlicher Schrift am Rand seine Tipps und Korrekturen, Bemerkungen und Vorschläge angebracht. Außerdem hat sich ein Profi, den ich angefragt habe, angeboten, meinen Roman im Januar gegenzulesen. Doch zuvor muss ich – wie gesagt – das ganze nochmals überarbeiten. Ich würde den Text zuerst mal in Papierform lesen und mit einer anderen Farbe als mein Liebster meine eigenen Bemerkungen anbringen. So viel zu meinem Plan.

Schnell war sie gefunden, die Mappe. Die vermeintliche. „Loch im Eis“ stand auf dem Umschlag. Doch darin befand sich „nur“ das Roh-Manuskript, jener Ausdruck nach der ersten groben Korrektur. Doch wo steckt das richtige Ding, jenes mit J.s Korrekturen? Ich durchforstete alle möglichen Ecken meines Wohnzimmers, alle Möglichkeiten, wo ich normalerweise Texte ablege. Später auch die Unmöglichkeiten. Nicht wenige. All die Büchergestelle, all die Fächer, all die Nischen und Tablare. So viel Papier überall! So viele Sätze, so viele Wörter, so viele Buchstaben. Die Bücher mal ausgenommen!

Auf einmal packt mich die Aufräumwut. Nein, nicht -wut, -energie. Ich reiße alles raus, was endlich mal wieder gesichtet werden muss. Zuerst auf dem Boden später auf dem Esstisch: die guten ins Töpfchen, die schlechten in Kröpfchen. Nicht wörtlich, zum Glück. Sonst hätte ich jetzt eine Papierverstopfung. Doch einen Shredder habe ich mir gewünscht.

Keine Spur vom gesuchten Manuskript! Keine Ahnung, wo es ist. Leider hat meine Bio-Software keine Suchfunktion. Ob ich das Ding wohl bei J. liegen habe, weil ich bei ihm zuhause daran arbeiten wollte?

An meinem roten Lebensfaden bin ich innert Stunden rückwärts gebaumelt, habe mich durch die letzten zehn Jahre buchstabiert und meine eigenen Spuren gelesen. Habe gesichtet – kein Wort passt hier besser. Bilder fand ich, Notizen zuhauf, Textfragmente, Drucksachen von Kursen da und dort, Unterlagen von möglichen Ausbildungen (wo und wie wäre ich heute, wenn ich damals …?), Korrespondenz auch. Spannend, worüber ich mir vor acht Jahren Gedanken gemacht habe. Jeden Fetzen Papier, der außerhalb eines Buches in meiner Wohnung herumlag, habe ich gestern Abend in die Hand genommen. Etwa viereinhalb Stunden intensiven Eintauchen in eine Geschichte. In meine.

Spannend zu sehen, worüber ich in einem früheren Leben nachgedacht habe. Den roten Faden sehe ich deutlich, sehe meinen Kern, meine Spur, meine Essenz. Sehe, wer ich war und wer ich bin. Immer noch die gleiche und doch anders.

Ergebnis Nummer eins: Zwei fette Stapel Altpapier, die ich am liebsten Blatt für Blatt verbrennen möchte.

Ergebnis Nummer zwei: Nun hat es wieder ganz viele leere Mappen. Vorerst brauchen sie nur ein bisschen Warteraum, doch sie hungern, das spüre ich, sie hungern danach, mit neuem Zöix gefüllt zu werden. Das ich in zehn Jahren entsorgen kann.

Ergebnis Nummer drei: Halbleere Notizbücher, Makulatur, viele unbeschriebene Blätter. Auch sie lechzen gierig nach Buchstaben! Gefährliche Leere.

Das Ergebnis Nummer vier: Da sind auch ganz viele Notizen. Wörter. Sätze. Gestrandet. Angespült wie Muscheln im Sand liegen sie da. Einige mit Perlen drin, ich ahne es. Überall zwischendrin lagen sie rum.

Und jetzt? Soll ich dennoch weiterschreiben? Soll ich weiter Altpapier produzieren, das ich in zehn Jahren entsorgen werde? Damit alles schön im Kreislauf bleibt?

Eine rote Sammelmappe liegt auf meinem Schreibtisch. Mit all den vielen kleinen Buchstaben drin, den gestrandeten. Mit all den Perlen, die ich noch nicht wegwerfen wollte. Vielleicht webe ich daraus eine Wort-Collage. Ein Wörterbild aus all den Sätzen – notwendigerweise aufzuschreiben – damals, irgendwann. Bei den meisten werde ich kaum mehr wissen, was ich gemeint hatte. Dada der etwas anderen Art.

Ist nicht irgendwie auch unser Hirn so eine Art Collage?

schon zwei Jahre – oder erst?

Seit zwei Jahren sei sie hier. Sie und die beiden Kinder. J.s Augen leuchten. Auch die zwei Kleinen strahlen mich an. Wunderschöne Augen haben sie. Alle vier. Glänzend. Herzlich. B., das Mädchen, das rechts neben mir sitzt, sagt, sie sei sechs und streckt mir zur Illustration sechs Finger entgegen. Sie spricht ziemlich gut deutsch. Kein Wunder, denn sie geht ja in den Kindergarten. Ihr Bruder sei dreieinhalb, klärt sie mich auf. Wieder mit Fingern. Sie, die Große, wird bald einmal die Übersetzerin der Familie sei. So ist es oft. Im Flüchtlingszentrum, wo ich früher gearbeitet hatte, waren es fast immer die Kinder gewesen, die eine Brücke zwischen ihren Eltern und dem neuen Land Schweiz mit seinen Menschen und Behörden hier schlugen. Diese Schweiz, dieser vermeintlich sichere Ort. J. und V. erzählen mir von einer Explosion, die am Vormittag in ihrer Heimat Sri Lanka zweiundsiebzig Menschen das Leben gekostet habe. Zuerst glaube ich, es sei ein Attentat gewesen.

Der Krieg ist doch vorbei …, sage ich.
Nein, kein Krieg, Chemie …,
sagt V.. Mit Gesten illustriert er einen Knall. Beine weg, Arme weg. Sein Deutsch ist weniger gut als das seiner Frau, obwohl er schon ein Jahr länger hier ist. Er studiere jetzt intensiv deutsch, bei ihr, und zeigt auf S., die links von mir sitzt. Eine unserer Deutsch-Kursleiterinnen. Auch als er mir vom Tod seines Bruders und seiner großen überall verstreuten Familie, lächelt er. Ein wenig. Sein offenes Lachen mit den leuchtendweißen Zähnen im dunklen Gesicht täuscht dennoch nicht über die leise Trauer hinweg, die von ihm ausgeht. Ob sie zurückkehren möchten, frage ich, wenn das Land wieder friedlicher geworden ist. J. zögert keinen Moment und sagt ja. Um gleich darauf zu verstummen. Sie schaut ihre zwei Kinder an, zuckt die Schultern und sagt:
Hier ist vieles besser. Gute Schulen. Neue Freunde. Der kulturelle Garten, wo ich mitmache.

S., die Kursleiterin, stammt aus dem Schwabenland. Der Liebe wegen ist sie in Bern. Wir diskutieren die Schwierigkeit, eine fremde Sprache zu erlernen. Auch ist eine Hochsprache noch lange keine Alltagssprache. Ich erinnere mich, dass ich mal bei einem Besuch in der Pfalz von einer Bekannten J.s folgendes zu hören bekam:
Ach, so klingt also schweizerdeutsch!
Na ja,
antwortete ich darauf, das ist eigentlich hochdeutsch. Höher kann ich nicht. Okay, das sagte ich zwar nicht, aber ich dachte es.

Beim Abschied küsse ich J. herzlich auf die Wangen. Ihre würdige Ausstrahlung und ihre klare Haltung machen es mir und uns leicht, sie und ihre Familie in unserem Land willkommen zu heißen. Das Privileg, in einem Land wie der Schweiz geboren worden zu sein, ich schätze es erneut und es beschäftigt mich, während ich mit dem Service-Stundenlöhner H., den wir immer mal wieder für kleine handwerkliche Aktionen anfragen, Teller abräume. Er sei Glasbläser gewesen, sagt er. Im Iran. Hier habe er noch keine Arbeit. Er möchte gerne. Und er ist geschickt. Aber hier ist er fremd. Zwar in Sicherheit, doch fremd. Was er nicht ausspricht.
Bitte ruf mich wieder an, ich helfe gerne, sagt er beim Abschied.

All die Begegnungen des gestrigen Abends – ich habe sie genossen. Auch dass an unserem Jubiläumsfest alles rund gelaufen ist, freut mich sehr. Zweimal Scherben gab es, doch die haben offenbar Glück gebracht. Die ersten kreierte ich. Eine der Blumenvasen – samt Blumen –, die ich in mein knallvolles Sternchen* tragen wollte, rutschte mir aus der Hand. Mist! Eine Leihgabe des Blumenladens.
Das macht nichts, sagte die Floristin. Das kann vorkommen. Leid tat es mir trotzdem.

Die zweiten Gläser kaputtete Kollegin G. mit ihrer Tasche, als sie am Büffet entlang schleichen wollte. Mitten im multikulturellen Märchen, das während des Apéros erzählt wurde. Genau in jenem Moment, als es im Märchen einen lauten Knall gab. Wie passend!

Beim Abschied bedanken sich alle möglichen Leute – Mitarbeitende ebenso wie Geladene – bei mir für die tolle Organisation. Mein Scheff, seine Liebste und ich sind die letzten. Wir bringen die Sachen ins Büro zurück. Aufgeräumt wird aber erst am Montag.

Danke!, sagt mein Scheff, ohne dich wäre ich verloren gewesen.
Gleichfalls!,
sage ich. Wir grinsen.

Ach ja, Grappa gab’s diesmal keinen. Nein, nicht weil ich ihn versteckt habe. Wie auch! Der Scheff hat schlicht vergessen, welchen zu kaufen. Kann vorkommen. Und dass das die einzige Panne war – neben der Scherben –, ist doch auch was!

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* Sternchen nenne ich mein japanisches Auto mit dem englischen Namen. Es heisst eben so, auf Deutsch …