rückwärtslesen

Ab und zu lese ich mein Leben rückwärts. Ich suche mich zuweilen in vergangenen Texten und stelle fest, dass ich mich in ihnen oftmals nur schwer wiedererkenne. Und dass ich mich heute mit meiner früher fast chronischen Traurigkeit und Schwermut nicht mehr identifizieren kann. Natürlich erinnere ich sie, ähnlich, wie ich mich an eine längst vergangene Filmszene erinnern kann. Erinnern ist aber noch lange nicht fühlen. Ich bin das alles auch, noch immer, doch ganz viele Gefühle kann ich nicht mehr abrufen. Viel alter Schmerz tut heute nicht mehr weh. Drum verordne ich mir ab und zu solche Schmerztests. Ein bisschen masochistisch mag es schon sein, zugegeben, doch wie anders kann ich feststellen, dass ich heiler geworden bin?

Eigene alte Texte zu lesen, ist Spurensuche, ist Selbsterkenntnis in ihrer Reinform. Und nirgends finde ich mein Leben so sehr verdichtet wie in meinen lyrischen Texten. Die meisten sind roh. Früher schrieb ich vor allem, wenn ich niedergeschlagen war. Heute inspirieren mich eher glückliche Momente …

Seltsam, dass ich mich nicht erinnern kann, wie meine Stimmung war, als ich dies hier geschrieben habe. Nur, dass ich im Wald war. An einer Kreuzung. Auf einem gefällten Baum sitzend.

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Erkenntnis

Die Ameise klettert am
Halm aufwärts. Oben erkennt
sie, dass vorwärts
nur abwärts und rück-
wärts sein kann.

© Sofasophia, 14.7.07

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Ganz ehrlich: Heute lebe ich am liebsten jetzt. Aufwärts und nach vorne blickend. Auch wenn alles eine einzige Spirale ist  und ich deshalb immer mal wieder an alten Kreuzungen vorbei komme. An toten Bäumen. Und da und dort womöglich Tränen vergisse. Was mir übrigens immer gut tut. Jedenfalls hinterher.

Vielleicht ist ja abwärts und rückwärts in Wahrheit vorwärts …

Hilfe, ich werde bürgerlich!

Diese Erkenntnis traf mich neulich wie ein Blitz.  Anderen geht’s offenbar nicht besser. Büne singt: „ … (mr) si vo dr mördermittagshitz fadegrad i die gmässigti zone* …“ (Quelle: Compañero. CD Trybguet, Patent Ochsner).

In meinem Leben gibt es Hinweise zuhauf. Als da wären: Ich putze die Fenster, obwohl es erst ein knappes Jahr her ist seit dem letzten Mal! Und damit nicht genug: Ich wasche sogar die Gardinen! ( … dass ich sie in Babyweiss einlegen musste, damit sie wieder weiß werden, sei hier nicht verraten). Noch weitere Beispiele gefällig? Ich denke bereits, obwohl die Frist erst eine Woche abgelaufen ist, daran, die Steuererklärung auszufüllen! Na ja, erst denken …

Überhaupt … der Gedanke, freiwillig etwas zu tun, was meine Eltern taten, ist nicht mehr gar so grässlich wie noch vor ein paar Jahren. Obwohl die ja nicht per se bürgerlich waren. Vielleicht bin ich ja gar nicht bürgerlich geworden, nur einfach ein bisschen älter?

Und bürgerlich wählen tu ich ja trotzdem nicht. Diesmal habe ich die Grünen unterstützt. Und ein bisschen jungrot hinein panaschiert. Das Gefühl, Einfluss auf unsere Regierung nehmen zu können, erfüllt mich jedes Mal, wenn ich den Wahlzettel ausfülle. Und verlässt mich wieder, sobald ich den Umschlag in den Kasten geworfen habe. Life is just a Big Wheel! Wäre ich bürgerlich, wirklich bürgerlich bis unter die Haut, könnte ich mir den Wahlgang eh sparen.

Fazit: Obiger Titel stimmt nicht. Trotzdem mag ich neuerdings saubere Fenster.

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*Übersetzung:  … (wir) sind von der Mödermittagshitze auf direktem Weg in die gemässigten Zonen …

Glück und Glas …

Scherben sollen ja Glück bringen. Luisa wünsch ich das genauso wie mir. Ihr zerbrach ein Marmeladenglas in der Handtasche. Mensch stelle sich das mal vor! Auf einer Reise von A nach B. Tauschen möchte ich da echt nicht! Mir reicht, wenn meine kleine Flasche Baldrian, die – warum auch immer – vom Gestell über dem Marmor-Küchentisch auf diesen gepurzelt, dort zu Bruch gegangen und weiter auf den Boden geflogen ist.

Bloß nicht aufregen, schließlich waren das Beruhigungstropfen!, lache ich vor mich hin, während ich die Scherben zusammenschiebe und die Flüssigkeit auf tunke. Wie viel doch in einer kleinen Flasche Platz hat! So viel, dass nun meine ganze Wohnung beruhigend duftet. So beruhigend, dass es fast schon nervt. Wie gut, dass ich die Tropfen kaum mehr brauche. Ich kann mich kaum mehr erinnern, wie es war, damals, als ich das Zöix täglich brauchte, als ich diese massiven Schlafstörungen hatte. Vor drei Jahren dann der Tiefpunkt. Das Beinahe-Burnout. Grad noch abgewendet. Den damaligen Job gekündigt. Timeout statt Burnout. Neuanfang. Ohne Einkommen gelebt, bis das Geld alle war. Weiser Entscheid war das gewesen. Schlafen tu ich seither endlich wieder gut. Ohne Baldrian. Tja, diese Scherben bringen mir wirklich Glück, denn sie erinnern mich daran, wie viel zufriedener als damals ich doch heute bin …

Ach, natürlich noch das: Euch allen da draußen wünsch ich einen wunderbaren Frühlingsanfang!

Und zum Schluss noch dies: Luisa Francias WebTagebuch ist eine Fundgrube, die ich beinahe täglich besuche … Heute dies gefunden:

(Quelle: luisa in münchen – 21.03.2010 um 08:57:29)

Collage, f., zusammengesetztes od. zusammengeklebtes Kunstwerk

Fragmente überall. Alles, woraus ich bestehe, ist Bruchstück, Stückwerk – physikalisch ebenso wie metaphysisch, energetisch (ob Kunst oder nicht wäre eine andere Geschichte). Alles zusammen sei mehr als die Summe des Ganzes, hat mal ein kluger Mensch gesagt*. Jedes Teilchen meines Lebens, Ding oder Mensch, hat sich irgendwann mit mir getroffen – oder ich mich mit ihm. Bleibt kleben – Anziehung ist der Leim – und teilt ein Stück Zeit und ein Stück Weg mit mir. Ein Wegbruchstück. Ein Lebensphasenbruchstück. Alles ist abschiedlich, sagte Jorgos Canacakis, bei dem ich vor vielen Jahren ein Trauerseminar besucht habe. Alles. Alle Beziehungen. Alle Dinge. Alles kommt. Alles geht. Und dazwischen und genau da und überall findet Leben statt. Sattes Leben. Glück. Freude. Krankheit zuweilen. Leid auch. Leben eben.

Solche bunten Gedanken blubbern durch meine Pipelines, während ich staubsauge.

Später, als ich das Bett frisch beziehe, denke ich an J. Und dass 6 gut für die Kondition ist. Und fürs Herz.

Beim Abwaschen denke ich an eine Geschichte, die sich in mir zu entwickeln beginnt. Eine Kurzgeschichte. Eine eingermaßen ver-rückte, schräge. Irgendwann später schreibe ich sie runter. Was sich sehr gut anfühlt. Kreatives Frühlingserwachen.

Neue Geschichten. Alle sind sie schon. Als Samen. Als Fragmente. Als Setzlinge. Wir brauchen sie bloß zu finden. Und zu zähmen. Zu hegen. Dennoch werden die meisten ungeschrieben bleiben. Für alle reicht mein Leben nicht. Selbst wenn ich weniger faul wäre. Nein, selbst dann nicht.

*“Das was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, dass es ein einheitliches Ganzes bildet, ist nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ba ist nicht dasselbe wie b plus a, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.“ Aristoteles (Quelle: Emergenz, Wiki)

Neues Land

Verdichtet sich ein Thema in meinen Leben dadurch, dass ich innert kurzer Zeit wiederholt darüber stolpern gemacht werde, schaue ich genauer hin. (Notiz an mich: Wer oder was löst diese Verdichtung aus? Bin ich womöglich selbst der Magnet, der diese Stolpersteine anzieht? Unsichtbare Zusammenhänge … Zu-Fälle?)

„Die Zukunft träumen, das ist was Schönes. (…) egal was dann auch wird!“, schrieb L. gestern. Ich schlug uns vor, unsere jeweiligen Lebensbücher, mit uns als Protagonistinnen, weiterzuschreiben. Und zu gucken, was aus diesen Entwürfen und Fiktionen wird. Und uns vom realen Leben überraschen zu lassen. Warum auch nicht!

Alles war zuerst eine Idee. Ein Kartoffelsamen quasi, Synonym für verrückte, vergessen geglaubte Möglichkeiten. Wie bei Nesser, der sich für seine Krimis einfach ein neues Land erschaffen hat. Alles ist möglich. „Als Schauplatz für die Romane der Van Veeteren-Reihe hat Nesser ein zwar europäisch anmutendes, aber doch fiktives Land mit der Hauptstadt Maardam konstruiert. (Quelle: Wiki).“

Neues Land – fiktives Land. Da schrieb doch K. heute früh wörtlich, dass ihm die neue Gegend, in die er umziehen werde, fast wie ein neues Land vorkomme. Dabei ist es ja nur ein neuer Kanton. Tja, neue Realitäten … neue Geschichten … Fiktiv oder real ist wohl gar nicht mal so wichtig.

Tja, Neues umspült mich von allen Seiten. Bin heute ziemlich früh erwacht. Endlich fieberfrei. Nach zwei Pyjama- und Lesetagen im Bett fühle ich mich heute rundumerneuert. Na ja, der Ischiasnerv nervt noch immer ein bisschen, aber was soll’s? Die Sonne tut das ihre. In ihren Strahlen habe ich den Balkon aufgeräumt, Rosen- und Lavendelstöcklein geschnitten, die Wärme aufgesaugt und festgestellt, dass ich gerne lebe.

Was ich jetzt tun werde? Das nächste Kapitel meines Lebens schreiben. Vielleicht.

Alles ist möglich, wie gesagt.

Wie viel und wozu?

Beim Aufräumen meiner Textarchive soeben dies hier gefunden. Vor einem Jahr gewoben.

„Ich stelle fest, dass mir allzu sarkastische Texte und allzu zynische Menschen schlecht bekommen. Denn das Öl, in dem sie frittiert wurden, riecht verbrannt und meine Eingeweide verkrampfen sich.

Ich selber bin wohl zu wenig raffiniert, zu einfach gestrickt, den zweiten, dritten und vierten Boden unter einer sehr ironischen Aussage zu verstehen. Ooops, das sollte ich wohl besser nicht sagen. Nun ist diese meine Achillesferse noch nackter.

Was gut ist, wertvoll, berührend, wird immer wieder durch zynische Bemerkungen da und dort – und ganz besonders in der so genannten freien Presse – demontiert Und wer will heute schon ein Gutmensch sein? Doch mal ehrlich: Was wären wir ohne Menschen mit Zivilcourage? Was wären wir ohne Schönes und Berührendes? Dennoch ist heute, besonders im Kulturbereich, bloße Schönheit suspekt. Sie ist zu einfach.

Doch wozu braucht unsere Gesellschaft so viel Zynismus, so viel Ironie, so viel Sarkasmus? Weil die Welt so ist, wie sie ist? Weil das Leben verschissen ist. Weil Zynismus Scheiße erträglicher macht. Weil er eine Form von Humor ist. Psychohygiene womöglich?

Wären wir nicht besser dran, wenn wir, statt uns über die Kälte zu mokieren, ein bisschen mehr Wärme zulassen würden? Oder diese gar selber produzieren?

Ja, ich weiß, spätestens hier würde mir jeder Zyniker – und auch jede Zynikerin natürlich – ins Wort fallen. Ich moralisiere, würden sie sagen. Und so. Und ich würde schweigen. Vielleicht. Denn ich stelle fest, dass ich mir zuweilen die Flügel stutzen lasse. Dass ich ab und zu Hemmungen habe, herzlich und berührend zu schreiben. Dass ich mich frage, was wohl die anderen (im Klartext ihr da draußen!) über mich und meine Schreibe denken …

Und genau das ist es denn auch, was mich mit den sarkastischen Zynikerinnen vereint: Wir alle wollen bloß das eine: Anerkennung …“

Tja …

Der Koch

Kapitel 20 (Seite 129)
„In diesen Tagen feierten die Hindus Navarathiri, den Kampf des Guten gegen das Böse. Als sich die Götter einmal hilflos fühlten gegen die Mächte des Bösen, trennten sich alle von einen Teil ihrer göttlichen Kraft und formten daraus eine neue Göttin, Kali. In einem schrecklichen Kampf, der neun Tage und Nächte dauerte, besiegten sie den Dämon Mahishasura.“

Das Buch gefällt mir! Wie fast alle Bücher von Martin Suter geht es auch hier um Menschen, die irgendwo außerhalb der gesellschaftlichen Norm geraten sind. Oder schon immer waren. Wie Maravan, ein junger Tamile, der in Zürich einen positiven Entscheid auf sein Asylgesuch erwartet. Nein, Der Koch ist kein Roman über Asylbewerbende, dennoch erfahren wir lesend ganz nebenbei das eine oder andere über die Schweizer Praktiken. Und über den Krieg in Sri Lanka. Über die Machenschaften hinter den Kulissen – hüben ebenso wie drüben. Und über die Finanzkrise. Ein Politkrimi? Nein, auch das nicht. Und, nein, auch keine Liebesgeschichte, denn die Protagonistin Andrea, die Maravan mit einem aphrodisierenden Gericht Monate zuvor verführt hat, ist Lesbe. Dass die beiden später einen illegalen Partyservice für solche Speisen ins Leben rufen, hat denn auch genau damit zu tun: Der Wirkung dieser Mahlzeiten kann sich nämlich niemand entziehen! Das bestätigen die Erfahrungen.

Doch eines Tages machen alle mal einen Fehler. Sogar die schöne Andrea!

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kontrastreich

Eigentlich wollte ich über den Mannheimer Nummernkult schreiben. Aber, na ja, was soll ich darüber schon schreiben? Beweisen kann ich ihn eh nicht. Höchstens zwei Zeugen nennen. Echt wahr: so viele Doppel- oder Dreifachzahlen auf Autokennzeichen habe ich miner Läbtig noch nie gesehen, nämli. Das Nonplusultra waren eine 666 und eine 333 gleich hintereinander geparkt. Doch ich habe, wie gesagt, keine Beweise.

Tja, Deutschland tilgt by doing immer mehr Vorurteile. Je mehr Menschen ich hier kennen lerne – winkewinke für S. und St., und für P. natürlich – desto haltloser sind sie, diese inneren Programme, wie Deutsche seien.

Fazit: Ich fühle mich sauwohl in den nördlichen Gefilden, sei es am warmen Ofen …

oder im (hässlichen?) Mainz …

… das durchaus auch seine schönen Seiten hat. Die Mainzerinnen zum Beispiel!

Mannheim – ganz schön ordentlich. Echt stark!

… doch am schönsten ist es gleich um die Ecke. Endlich mal wieder Cachen, jawohl!

(Wie immer werden die Bilder beim Anklicken größer. Wie immer Copyrights bei Sofasophia)

Nummer 43

Verlängertes Wochenende. Vier freie Tage auf dem Berg. Glückspilzin, die ich bin!

Doch vorerst bin ich einfach nur müde. Unglaublich müde. Bleischwere Müdigkeit. So viel war los in der letzten Zeit. Zu viel. Im Büro immer wieder noch mehr neues, das auf meinem Tisch Pirouetten gedreht und mich zu Überstunden genötigt hatte. Bleischwere Müdigkeit, wie gesagt. Ich könnte dauerschlafen. Während J. mitten in einer kreativen Phase steckt, musste ich mich nach dem Brunch nochmals hinlegen. Auch J.s Sofa freut sich zum Glück, wenn sich Sophia auf ihm ausbreitet. Und die Katze sowieso. Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, im Hinterkopf der Gedanke, dass ich ein bisschen friere. Viele gefühlte Stunden später davon aufgewacht, dass mich J. in eine Wolldecke hüllt und mir so ein wohliges Seufzen entlockt. Die Müdigkeit – wie schwer sie auf mir liegt und sich um mich breitet! Wie J.s Decke. Sie greift immer stärker nach mir und kippt, wenn ich es zulasse, irgendwann, am Point of No Return, in Lethargie. Sumpfige Lethargie. Wie Teer. Wie Honig. Wie Karamell. Süß und klebrig. Schwer ihr zu entkommen.

Dieses Nichtstun, dieses Zulassen von Ruhe, von Stille, von Mich-fallen-lassen fühlt sich vor dem Punkt ohne Zurück wichtig und gut an. Bis es – wie gesagt – kippt und schwierig wird. Schwierig, weil es mich – um zurück in den Normalmodus zu kommen – sehr viel mehr Energie kostet, als ich mir erholender weise geschaffen habe.

Ideal wäre es also, mich genau so lange zu erholen und mich dem Nichtstun hinzugeben, wie ich noch im Normalmodus bin. Sofasophie’sches Gesetz Nummer 43.

EDIT: … öhm, kann mir vielleicht jemand sagen, was der Normalmodus ist? Und ob Bloggen normal ist …