GePutz Vol.1

Vielleicht ist es besser, nicht verstehen zu wollen. Nicht immer. Nicht alles. Nicht immer alles. Verstehen zu wollen scheint allerdings irgendwo in meinen Genen angelegt zu sein. Auf meiner Bio-Festplatte.

Warum-Fragen habe ich mir abgewöhnt, hatte mir eine Freundin neulich gemailt. Sie führen nicht weiter. Auf die meisten Warum-Fragen kann eh nur mit WARUM NICHT? geantwortet werden. Und wie wir wissen, sind Antworten nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Sie bleiben immer vorläufig und sind abhängig von Perspektiven und Tagesform. Verstehen können ebenfalls.

Wie gesagt: Verstehen zu wollen liegt in meine Genen. Hard- oder Software? Größe, Geschlecht, Haar- und Augenfarbe gehören zu den leicht definierbaren Dingen, doch wie sieht es denn mit meinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten aus? Mit der Feinmotorik zum Beispiel? Mit meiner sozialen Kompetenz? Mit meiner Vernetzungsfähigkeit? Alles schon da (Hardware)? Alles gelernt (Software)?

Nein, das soll keine wissenschaftliche Abhandlung werden. Nur ein klein bisschen sofasophisch. Dies gedacht: Wie lässt sich, was ich bin und kann und gerne mache und liebend gerne bleiben lasse, unter einen Hut bringen? Einfach drauflos leben und dabei einem – meinem – inneren Programm gehorchen? Oder mitgestalten? Eingreifen?

Was ist sinnvoll, wo doch eh am Schluss alles irgendwann auf dem Müll landet? Okay, Müll ist nicht einfach Müll. Nennen wir diesen Müll hier doch lieber Kompost. Kompost mit all seinen Eigenschaften wie Gärung und Gestank. Und mit seinem Talent, Abfall in Erde zu verwandeln. Mit seinem Ziel, alles neu zu machen. Genau da landet alles. ALLES! Wenn ihr mich fragt, keine schlechte Idee von der Evolution. Von den Schöpferenergien.

Doch verstehe ich nicht wirklich, warum da dieser ganze, oft genug mühsame Umweg mit Geburt, Leben, Altwerden und Sterben in der Evolution mit dabei ist! Wo doch eh am Schluss alles auf dem Kompost landet. Und so.

Evolution, tja, da ist eben Entwicklung und Wandlung inklusive. Freud und Leid, Humor. Glück und Tränen. Loslassen. Liebe. Empfangen. Und alles scheint auf Wachstum angelegt zu sein. Sogar der Kompost. Wachstum nach innen. Rückwärtswachstum. Auch das ist Leben.

Luisa Francia schreibt heute in ihrem Internettagebuch: „ich hätte die unangenehmste tätigkeit für den mann mit der fortpflanzung verbunden. dann hätten wir heute eine entspannte weltbevölkerung von 500 oder so. und absolut kein umweltproblem.“ (Quelle: www.salamandra.de/tagebuch/start.php)

Na ja … eigentlicheigentlich will ich ja über all den Müll bloggen, der sich in einer Wohnung so ansammelt. In meiner zum Beispiel. Wenn ich mal wieder auf die Idee komme, Staub zu wischen – was bei mir meistens mit einem Staubsaugerbürstchen geschieht –, beschließe ich eins ums andere Mal, auszumisten. So auch heute. Brockenhäuser und Buch-Antiquariate gibt es ja genug. All die Bücher! All der Kleinkram! Doch meistens bleibt es beim Beschluss.

Müll oder nicht Müll? Das ist … Nein, keine Frage: Alles Müll! Eines Tages jedenfalls. Das zu verstehen fällt mir zum Glück nicht mal so schwer.

nüchtern betrachtet

Waaas? DU wirst bereits fünfundvierzig? Na DANN muss ich mir ja ums Älterwerden keine Sorgen machen! Achtundzwanzig Jahre jung ist sie, die das sagte. Zu mir, wohl verstanden! Na ja. Und ganz nüchtern waren wir nicht mehr. Außerdem war es auch schon ziemlich spät. Gläser mit Grappa vor uns. Halbleer getrunken. Halbvoll wir? Aber … na ja … gefreut hat mich N.s Kompliment natürlich trotzdem. Kurz zuvor hatte der tamilische Kellner – der mit Kaffee Verbrühtwordene, was allerdings eine andere Geschichte ist – um meinen Ausweis gebeten, bevor er mir den Grappa serviert hatte. Ich widerstand nun, verständlicherweise, nur knapp der Versuchung, meinen kleinen Taschenspiegel zu suchen.

Es war mal wieder so weit. Meine Bude traf sich zum Jahresessen in der Dampfi. Als ich zum Einrichten von Beamer und Laptop vorzeitig im Musikkeller, wo wir unseren Apéritif einnehmen würden, eintraf, war das Hemd des Kellners noch weiß wie Schnee und sein Lächeln bezaubernd. Der Wirt, den ich von Telefonanrufen und Mails kannte, bot mir sogleich das Du an. Immerhin waren wir ja schon so was wie Stammgäste. Als mir mein Scheff, der gleich darauf eintraf, gar noch ein Bier organisierte, war meine kleine Welt im Lot. Ich konnte mich gelassen um die technischen Dinge kümmern. Nach und nach trafen meine Kolleginnen und Kollegen ein. Dort ein Küsschen, da ein Hallo. Lachen, plaudern … Die Rede des Scheffs … wie immer herzlich und voll des Lobs für uns alle. Und ohne mich wäre er eh längst untergegangen. Meinte er. Nach dem kleinen Film aus einem unserer Hilfswerk-Programme stürzen wir uns aufs köstliche Menü. Ausgerechnet ich musste durfte den Wein degustieren. Na ja, kenne mich da einfach zu wenig aus. Bier wäre einfacher. Meine Geschmacksknospen befanden immerhin, dass es sich um einen Primitivo handeln müsse. Was sogar stimmte. Und dass er köstlich schmeckte. Was auch stimmte. Denn das bestätigten mir die anderen.

Irgendwann begannen sich die Reihen zu lichten und die Dagebliebenen rückten zusammen. Die neue Praktikantin warf sich, bevor sie ging, schwungvoll ihre Jacke um. Das Tablett voller Kaffeetassen in den Händen des Kellners, der sich ihr von hinten näherte, bekam dabei leider auch was von ihrem Schwung ab. Auf einmal Kaffee überall. Hemd braun. Boden nass. Die armen Arme des Kellners blieben zum Glück ohne Brandwunden. Schon gut!, wehrte der Mann ab. Und lächelte dabei. Shit happens?

Später ordert der Boss Grappa und wir sieben sind die letzten Gäste.

Später, im Bett, begreife ich, dass ich trotz all meines Gemotzes meinen Job mag. Ganz besonders meine Mitarbeitenden. Und meinen Scheff, dem nie jemand dankt. Ja, ich mag meinen Job. Trotz des Katers heute Morgen. Und obwohl ich heute – ganz nüchtern betrachtet – ganz bestimmt älter als bald fünfundvierzig aussehe.

er muss

Empathie. Wertschätzung. Die Liebe anderer
Menschen. Abhängigkeiten. Vom
Wetter zum Beispiel. Oder
von Schönheit. Zoomen. Hingucken. Schnee-
glocken-Sprösslinge, wo gestern noch Schnee
lag. Frühlingsahnung. Sonnenstrahlen. Wertschätzende
Worte im Büro. Meine Finger, die über die
Tastatur rasen. Die Entscheidung, heute Abend zuhause zu
bleiben, obwohl ich so A.s Lesung im ONO verpasse. Dafür
das Sofa genießen. Die Ruhe. Tagebuchschreiben. Sein. Seelen-
baumelei. Lesen. Mit Lisbeth Salander mit fiebern. Ob
Blomkvist es schaffen wird, ihre Unschuld zu beweisen?
Er muss.
Bücher müssen ein Happyend haben. In Farbe. Das
Leben auch. Immer
wieder. Obwohl es kreist. Oft genug
schwarzweiß. Unten wird oben. Und
umgekehrt. Oder horizontal. Drei
Dimensionen. Oder mehr.
Vielleicht. Vorläufigkeit immer. Alles.

Wo ist die Bremse?

Zu viel Zeit zu haben, so sagte meine Freundin K., mit der ich heute telefonierte, ist nicht unbedingt kreativitätsfördernd. Sie muss es wissen. Sie hat – aus gesundheitlichen Gründen – viel Zeit. Zu viel bisweilen. Doch zu wenig ebenfalls nicht!, konterte ich. HansimSchnäggeloch-Gefühle schwebten zwischen L. und Bern durch den Äther.

Tja. Meine Kreativität scheint zu schlafen. Mir fällt zurzeit einfach nichts Geistreiches, Geniales, Exorbitantes, Einmaliges, Atemberaubendes ein. Jedenfalls nichts, worüber ich bloggen könnte.

Doch ist es wirklich die Kreativität, die fehlt? Oder sind es Inspiration oder Zeit? Der böse Alltag vielleicht, dieser Langweiler? Die viele Arbeit? Die Zahlen, die ich zurzeit von A nach B schaufle oder die Adressdatenbanken, die ich update? Sind sie die Bösen, die verursachen, dass mir keine klugen Sachen einfallen, über die ich bloggen könnte? Der Schnee gar?

Tatsache ist, dass ich im Moment das Gefühl habe, alles gesagt, alles geschrieben, alles gelesen zu haben, was es gibt. Und außerdem das Gefühl, im Alltag nicht wirklich zu leben. Zahnrad zu sein. Oder eine dieser Kugeln im Pirmasenser Dynamikum, das J. und ich am Samstag besucht haben. Sie drehen und drehen. Bis sie ins Loch fallen. Um wieder rausgeholt werden. Und dann nochmals und nochmals. Und immer wieder drehen sie neu.

Wie war er doch gleich, jener Spruch, als wir jung waren? Haltet die Welt an, ich will aussteigen! Na ja, vielleicht nicht gleich anhalten, bitteschön. Und aussteigen … na ja, das auch nicht grad. Entschleunigen reicht.

Mit allen Sinnen

Kaffee. Mit Schokolade drin. Wunderbarer Geruch dringt zum Hochbett herauf und kitzelt meine Nase. Unten knarrende Schritte auf dem Holzboden. Das Öffnen und Schließen der Ofentüren. Quietschende Scharniere. Holz knallt und singt. Tanzt mit den Flammen. Durchs Dachfenster über mir das weiße Licht von Schnee. Neuschnee. Vielleicht werden wir eingeschneit. Ohne Fragezeichen. Kalt und warm ganz nahe beieinander. Außen und innen.

Wie existentiell Wärme doch ist! Hier oben, auf dem Berg, wird mir das einmal mehr bewusst. Vor zwei Jahren ungefähr durchlebte ich eine Phase, wo mir Gedanken an die Zukunft – im Hinblick auf unsere Ressourcen wie Wasser und Öl – fast Panik verursacht hatten. Nicht dass sich in der Zwischenzeit am Status Quo der Erde viel zum Guten verändert hätte, im Gegenteil, doch inzwischen lösen solche Gedanken keine Panik mehr aus. Ändern kann ich mit den Sorgen, die ich mir heute mache, eh nichts. Pragmatismus hat diese abgelöst.

Eine meiner damals brennenden Fragen war: Werden wir Menschen, wenn die Erfüllung unsere Grundbedürfnisse gefährdet ist, sozialer oder werden wir egoistischer? Anders gefragt: Werde ich zum Tier, wenn ich kalt habe? Gestern, am Ofen, war sie auf einmal wieder da, diese Frage. Allerdings eher auf der intellektuellen Ebene. J. meinte: Egoistischer werden wir. Bestimmt. Das zeigt doch schon die Geschichte.

Wohl hat er recht. Würde heißen, ich wäre genauso egoistisch wie alle anderen. Wie jene, über die ich mich nerve. Vielleicht. Will ich zwar nicht. Ist aber so. Bestimmt. Und du auch. Du da ebenfalls. Oder?

Können wir, so fragte ich, also nur sozial handeln und sozialer werden, weil wir oder wenn wir genug haben? Oder gar Überfluss? Fragezeichen. Viele sogar. Immerhin etwas, wovon ich ohne jede Frage überzeugt bin: Not macht kreativ.

Nun. Hier. Jetzt. Was brauche ich wirklich? Ich lege ein neues Stück Holz nach. Genieße die Wärme und den Gesang aus dem Ofen. Feuer riecht nach Kind. Das Kind in mir ist mit allen Sinnen Mensch und nimmt jeden Augenblick so, wie er ist.